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The Rudolf Steiner Archive

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Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a

6 Oktober 1920, Dornach

19. Aus den Fragenbeantwortungen während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses II

[ 1 ] Rudolf Steiner: Es liegen noch eine ganze Anzahl von Fragen vor, die das letzte Mal übriggeblieben sind, als wir hier eine Besprechung hatten. Es sind etwa zwanzig Fragen. Wir werden schon eine andere Gelegenheit wahrnehmen müssen, um auf diese zwanzig Fragen, die ja zum Teil interessant sind, einzugehen. Aber ich bin gebeten worden — und deshalb wollen wir noch ein paar Minuten verweilen —, von diesen zwanzig Fragen diejenigen heute noch zu beantworten, welche von solchen Anwesenden herrühren, die schon morgen oder in den nächsten Tagen abreisen müssen. Ich bitte also, mich darauf aufmerksam zu machen, welche Fragen drängen.

Teilnehmer: Ich möchte gern etwas hören über die Ehe im Lichte der Geisteswissenschaft.

[ 2 ] Rudolf Steiner: Diese Frage leidet wirklich an einer gewissen Unbestimmtheit, weil man aus ihr nicht entnehmen kann, was der Fragesteller eigentlich gern wissen möchte. Es ist die Ehe durchaus ein Phänomen, eine Erscheinung innerhalb des ganzen sozialen Lebens; sie hat sich mit dem sozialen Leben mit entwickelt, und sie hat ja eigentlich im Laufe der Zeit die verschiedensten Formen, namentlich auch den verschiedensten Sinn angenommen, so daß man etwa darüber sprechen könnte: Was ist die Ehe im heutigen rationalistischen Gesellschaftsleben? — oder: Was ist die Ehe noch für den Katholiken? — und so weiter. Ich weiß also nicht, was eigentlich mit der Frage gemeint sein soll. Denn, nicht wahr, über das Wesen der Ehe als solche braucht nicht besonders gesprochen zu werden vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. Ich kann mir nichts Rechtes darunter vorstellen. Der Herr, der die Frage gestellt hat, hat sich gewundert, daß nichts über die Ehe vom sozialen Standpunkte in unseren Vortragsprogrammen, in unseren Kursprogrammen gestanden hat. Es hätte ja natürlich sein können, daß im Rahmen der sozialen Vorträge auch die Ehe gestreift worden wäre. Aber nicht wahr, es sind ja tatsächlich die Dinge so, daß vorläufig andere soziale Fragen viel brennender sind als diejenigen, die heute gewöhnlich an das Eheproblem geknüpft werden.

[ 3 ] An das Eheproblem werden seit längerer Zeit psychologische, anthropologische Fragen und so weiter angeknüpft, und wenn man überhaupt über ein solches Problem redet, hat man natürlich nötig, sich von irgendeiner bestimmten Seite her diesem Problem zu nähern. Man kann kaum über das Problem der Ehe so ohne weiteres sprechen, ohne daß man meinetwillen über das Problem der Liebe gesprochen hat. Wenn man über das Problem der Liebe spricht, dann kann sich das Eheproblem als eine Konsequenz daraus ergeben. Aber es ist tatsächlich kaum möglich, über ein solches Problem herausgerissen zu reden, denn erstens kommt das in Betracht, was ich gesagt habe, und zweitens muß man bedenken, daß die meisten Menschen, wenn sie eine solche Frage stellen, irgend etwas Normatives im Sinne haben, irgend etwas Normierendes, während doch die Menschen wirklich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr individuelle Wesen geworden sind. Also für die unmittelbare psychologische Erfassung des Eheproblems liegt ja das vor, daß natürlich die Ehe zunächst ebenso auf den Menschen selbst bezogen wird, auf das menschliche Seelenleben, und wie jede andere Beziehung von Mensch zu Mensch auch einen ganz individuellen Charakter annehmen kann. Und über Dinge von solch individuellem Charakter allgemeine Theorien aufzustellen, das würde uns hineinführen in eine abstrakte Auseinandersetzung, die im Grunde genommen gerade dann, wenn solche intimen, individuellen Dinge in Betracht kommen, immer an der Realität, an der Wirklichkeit vorbeigehen würden.

[ 4 ] Nun kann man natürlich das Problem der Ehe auch vom sozialen Gesichtspunkt aus betrachten. Ich habe das vor Jahren getan, als ein Mitglied unserer Anthroposophischen Gesellschaft eine gedruckte Enquete veranstaltet hat, in der er die Leute hat antworten lassen auf die Frage über das Eheproblem vom Standpunkte des Staates. Ja, wenn man von einem solchen Ausgangspunkt ausgeht, dann läßt sich darüber reden. Da kann man dann sehr genau angeben, daß wir leben in einer, wir wollen jetzt nicht sagen Staatsgemeinschaft, sondern daß wir leben in einer sozialen Gemeinschaft, daß diese soziale Gemeinschaft ein ganz entschiedenes Interesse hat an dem Kinde, das aus der Ehe stammt oder an den Kindern, die aus der Ehe stammen, und daß eigentlich für die soziale Gemeinschaft das Kinderproblem als ein Spezialproblem vorliegt. Da kann man angeben, daß einfach die Ehe auf die nächste Generation hin gedacht werden muß und daß gegenüber diesem Denken der Ehe auf die nächste Generation hin allerdings die individuellen Aspirationen zurücktreten müssen, so daß der Mensch da sich fühlen müßte als ein Glied seiner sozialen Gemeinschaft und sich dann nicht diese Ehe so einrichten kann, wie es ihm gerade persönlich paßt.

[ 5 ] Diese Dinge sind so, daß sie in das Allerindividuellste hineinführen und daß, wenn sie behandelt werden, sie eigentlich immer in eine normierende Betrachtungsweise hineinführen, die eigentlich die Realitäten dabei zerstört. Was will man denn schließlich, wenn man eine solche Frage stellt? Man will in der Regel eine Anweisung für das Leben haben. Und solche Anweisungen für das Leben zu geben, ist nicht Sache der Geisteswissenschaft. Sache der Geisteswissenschaft ist es, meine sehr verehrten Anwesenden, den Menschen mit einem geistigen und seelischen Inhalt zu erfüllen, so daß er ein ganzer Mensch wird. Und dann, wenn er ein ganzer Mensch wird, wenn seine Seele voll wird von dem, was ihm Geisteswissenschaft geben kann, wenn Geisteswissenschaft aus seinen Seelenuntergründen heraus dasjenige an die Oberfläche bringt, was alles an Seelenfähigkeiten, Kräfteimpulsen in ihm liegt, so daß der Mensch sich ins Leben hineinzustellen vermag und seinen Weg ins Leben findet, dann findet sich auch das, was nicht normiert werden soll, sondern was entstehen soll zwischen Mensch und Mensch.

[ 6 ] Wenn Sie meine «Philosophie der Freiheit» lesen, dann werden Sie vor allen Dingen finden, daß sie darauf hinausläuft, den Menschen von innen heraus so zu gestalten, daß er für die Gestaltung des Lebens die nötigen, die richtigen Impulse bekommt, so daß er nicht von außen durch irgendwelche dogmatischen Gebote sich regeln lassen will. Das ist es, was immer berücksichtigt werden muß, auch bei einer solchen Fragestellung. Man wird sehen, daß derjenige, der dem Weg der Geisteswissenschaft folgt, in der richtigen Weise den Weg im Individuellen finden wird. Nur im allgemeinen über diese Dinge Theorien aufzustellen, das kann gar nicht die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, weil das wiederum bedeuten würde, den Menschen in ein System, in eine Schablone hineinzuzwängen. Schablonen aber zu geben, allgemeine Abstraktionen, das kann ja nicht die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, weil es auch nicht mehr die Aufgabe des gegenwärtigen Lebens sein kann. Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, den Menschen auf seinen individuellen Boden zu stellen und ihn da lebenstüchtig und lebensinhaltsvoll zu machen.

[ 7 ] Das ist es, was ich darüber zu sagen habe. Es trifft wahrscheinlich nicht das, was Sie meinten. Aber es ist diese Frage genau ebenso, wie wenn jemand fragt, wie man sich im Sinne der Geisteswissenschaft bei der Berufswahl verhalten soll. Natürlich kann man allerlei Schönes über die Berufswahl sagen, aber man kann es nicht im allgemeinen sagen, weil das immer von den individuellen Verhältnissen abhängt.

Teilnehmer: Woher kommt das Empfinden eines sauren Geschmackes nach erschütternden Erlebnissen?

[ 8 ] Rudolf Steiner: Wenn man festhält an den Wechselwirkungen, die stattfinden zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physischen des Menschen, wie das ja in den verschiedensten Vorträgen hier zur Darstellung gekommen ist, dann ist es schon so, daß [die menschliche Organisation] durch irgendein seelisch erschütterndes Ereignis zu stark durchdrungen wird von Stoffvorgängen, die im gewöhnlichen, normalen Leben selbstverständlich nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Bei einem erschütternden Ereignis geht natürlich nicht bloß in unserer Seele etwas vor, sondern die seelische Erschütterung hat durchaus ihre organische, ihre physische Parallelerscheinung, und zwar in einer ganz bestimmten Weise. Man muß sich nur klar sein darüber, wie kompliziert eigentlich diese menschliche Organisation ist.

[ 9 ] Ich habe selbst in einem meiner Vorträge darauf aufmerksam gemacht, daß sich aus dem Innern des Menschen heraus emanzipieren Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn, während gleichzeitig sich entwickeln Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn, und daß beim Durchdringen der Sinne sich vorlagern können die Erfahrungen des Geruchs-, Geschmacks-, Tastsinns vor dasjenige, was wir erfahren würden durch Gleichgewichts-, Bewegungs-, Lebenssinn. Und ich habe gezeigt, daß, wenn man stehenbleibt auf halbem Wege, statt bis ins Innere vorzudringen, man hineinkommt in eine nebulose Mystik. Diese kann zwar sehr schön, sehr bedeutsam sein, aber im wesentlichen ist es so, daß man bei diesem Nach-innen-Gehen, das auf halbem Wege stehenbleibt, eigentlich in den Regionen des Geschmacks-, des Geruchs-, des Tast-Erlebens stehenbleibt. Man braucht nur die Aussprüche durchzulesen, wie sie etwa die Erzählungen der Heiligendichter sind, der Mechthild von Magdeburg zum Beispiel, so wird man schon, ich möchte sagen geistig mit Händen greifen können, wie da ein nach innen gewendeter Geschmacks-, Geruchs-, Tastsinn zustande gekommen ist, in sehr schönen Erlebnissen, durch das was ich eben beschrieben habe. Nun hat man, wenn ein erschütterndes Erlebnis eintritt, es in der Regel damit zu tun — ich sage: in der Regel — daß das Geistig-Seelische, das wir in unserer Ausdrucksweise Ich und astralischen Leib nennen, das aber gerade der Träger desjenigen ist, was da nach innen wirkt beim Menschen, daß dieses Geistig-Seelische wie im Schlafe sich herausreißt aus dem Organismus. Es kann natürlich infolge solcher Erschütterungen des Seelischen ein Ohnmachtszustand eintreten, der einfach nichts weiter ist, als daß das Astralische, das Seelische, nicht den Ätherleib und den physischen Leib beherrscht, weil es nicht in der richtigen Weise eingreift. Nun stelle man sich den Vorgang ganz lebendig vor. Es tritt eine Erschütterung ein; gelockert werden der astralische Leib und das Ich. Sie sind gelockert, aber der Mensch hält sich doch. Das heißt, Astralleib und Ich haben das Bestreben herauszugehen, werden aber zurückgehalten, und so entsteht nun ein fortwährendes Hin- und Herschwingen. In diesem Hin- und Herschwingen treten gerade die Erlebnisse auf, die in dem, dem eigentlichen Innern des Menschen vorgelagerten Gebiete sich abspielen, wo Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn [stehengeblieben sind], und wenn dann auch subjektiv ein Geschmack, eine Geschmacksillusion erlebt wird, das heißt ein Irritieren des Geschmacksorganismus bei diesem Hin- und Herpendeln, so ist das eine ganz naturgemäße Erscheinung.

Ein Teilnehmer fragt nach den Begriffen Sal, Mercur und Sulfur.

[ 10 ] Rudolf Steiner: Es ist schon ganz richtig gesagt worden, daß, wenn man in solche Begriffe eindringen will wie die Paracelsusschen, übigens auch von anderen gebrauchten Begriffe von Sulfur, Mercur, Sal, man natürlich ganz absehen muß von der modernen Chemie. Man muß auch daran denken, daß in der Zeit des Paracelsus diese moderne Chemie als solche eigentlich noch nicht vorhanden war. Die ganze Denkweise war damals eine andere. Es ist interessant, wie moderne Geschichtsschreiber, wenn sie in ältere Zeiten zurückkommen, wie jüngst ein nordischer Chemiker, der die Geschichte der Alchemie geschrieben hat, von den angeführten Prozessen schreibt, daß nur die Persönlichkeiten des 13. bis 15. Jahrhunderts damit einen Sinn verbinden konnten, nicht aber der moderne Chemiker, der überhaupt mit dem, was da auseinandergesetzt wird, keinen Sinn verbinden kann. Es kommt das daher, daß die ganze Denkweise eine andere war. Der Denker vor der Entstehung der modernen Chemie hatte den Begriff des Stoffes, wie wir ihn heute haben, überhaupt nicht. Er verfolgte mehr den Prozeß, wie ein Zustand in den anderen hinein sich entwickelte. Also er fragte mehr danach, wie das Verhältnis eines Zustandes zu einem anderen in der materiellen Welt ist. So hatte man für die Außenwelt, für die außermenschliche Welt, für die äußere, organische Welt müßte man sagen, die Begriffe erdig, wässrig, luftförmig, feurig oder wärmig. Damit meinte man nicht die Stoffe, wie sie heute verstanden werden, sondern man meinte den Zustand des Erdigen, des Flüssigen — Wasser war das Flüssige als solches — und so weiter. Und man hatte eine gewisse Empfindung dafür, indem man so unterschied das Erdige, das Wässrige, das Luftige, das Feurige, daß der ganze Zusammenhang, den man hineinbrachte in die Zuständlichkeit der Welt, sich eben auf das Außerorganische bezog, namentlich auf das Außermenschliche. Und für das Menschliche nahm man überhaupt nicht an, daß im Organismus dieselbe Art von Zuständlichkeit vorhanden wäre, sondern man nahm eine andere Art von Zuständlichkeit an. Nach den Vorstellungen, die man damals hatte, konnte man nicht gut sagen, wie das Luftförmige oder das Erdige im Menschen vorkommt. Man sah den Menschen als eine, ich möchte sagen in sich gebaute Konstitution und schrieb dasjenige, was der Mensch zum Beispiel als Denkender war, gewissen Zuständen seines physischen Organismus zu. Man sagte sich einfach: Im Menschen geht etwas physisch vor, indem er ein denkendes Wesen ist oder indem er sich in dem Zustande des Denkens befindet. Dieses Geschehen sah man in einer gewissen Kongruenz oder in einer gewissen Ähnlichkeit mit der Verfestigung des Irdischen. Man stellte sich vor, daß der Zustand, in dem vor Zeiten das Irdische, das Gesamt-Irdische einmal war, den festen Erdenzustand noch nicht hatte, daß der feste Erdenzustand gewissermaßen eben verfestigt worden ist aus einem weniger dichten Zustand. Aber diesen selben Vorgang der Verfestigung, den man im Außermenschlichen dachte, den schrieb man dem Menschlichen als solchem nicht zu. Dafür schrieb man dem Menschlichen, wenn dieses Menschliche im Zustande des Denkens war, einen Vorgang zu, den man beschrieb als Salzbildung, so daß also dieses Parallelvorgänge waren für das Äußere und für das Innere: Vererdigung — Salzbildung im Menschen; kosmische Gedankenbildung, Entstehung des Festen, das heißt des Erdigen — planetarische innermenschliche Gedankenbildung, der entsprechende physische Prozeß, das Versalzen. Und so stellte man sich eben alles, was man unter Salz verstand, vor als verwandt mit dem, was im Menschen physisch vorhanden ist, wenn er denkt, wenn er als denkendes Wesen sich offenbart.

[ 11 ] Natürlich übertrug man damit gewissermaßen in Analogie dasjenige, was man da zunächst dem Menschen zuschrieb, auf Prozesse, die hinter der eigentlichen Verfestigung des Planeten standen, die äußere Salzbildung. Manche von diesen Ausdrücken sind heute noch geblieben. Man gebraucht sie noch, man kennt aber ihren historischen Ursprung nicht mehr.

[ 12 ] Insofern im Menschen als fühlendem Wesen physische Prozesse sich abspielen, oder sagen wir, wenn wir zusammenfassen die Summe aller derjenigen Prozesse im Menschen — die als physische Prozesse ja offenbar sind —, die Träger sind des Gefühlslebens, so haben wir das Merkuriale. Und fassen wir alles das am Menschen ins Auge, was Träger des Willenslebens ist, so haben wir das Sulfurige im Menschen.

[ 13 ] Und so dachten sich solche Persönlichkeiten die menschliche Konstitution, den menschlichen Organismus als aus diesen drei ineinander verlaufenden Prozessen bestehend: dem Salzartigen, gewissermaßen den Menschen Ertötenden, parallel dem Denkprozeß — denn dadurch, daß wir denkende Wesen sind, sind wir in einem Zustande, der verwandt ist mit demjenigen, was uns fortwährend zum Tode führt, also Ablagerungsprozessen, Salzbildungsprozessen —, dann dem Sulfurprozeß, gewissermaßen das den Menschen Aufrüttelnde, das ihn fortwährend mit neuem, das Bewußtsein hemmenden Wachstumszustand durchsetzende Sulfurartige. Und dasjenige, was zwischen beiden rhythmisch ausgleicht, das ist das Merkurialische.

[ 14 ] Man muß sich eben, wenn man in frühere Zeiten zurückgeht, einfach darauf einlassen, nicht mehr mit den Gedankenformen der heutigen Wissenschaft zu denken, sondern eben mit den Gedankenformen, die früher vorhanden waren, die aber eigentlich auf einer ganz anderen Seelenverfassung beruhten, als unsere heutige ist. Wir können nur noch künstlich uns zurückversetzen in Seelenverfassungen, aus denen heraus solche Vorstellungen entstanden sind. Es genügt nicht, daß wir solche Begriffe wie Mercur, Sal, Sulfur und so weiter von Paracelsus oder Basilius Valentinus aufgreifen und einfach nachschlagen in unseren Lehrbüchern oder im Konversationslexikon, sondern es ist notwendig, daß man sich in eine ganz andere Denkweise zurückversetzt. Dann erst kann man anfangen, über diese Dinge zu reden.

[ 15 ] Ist sonst noch eine solche Frage da, welche rasch beantwortet sein will?

Teilnehmer: Ist das Hohe Lied von Salomo nicht ein Lied, das eine Einweihung darstellt? Ich bin im Laufe meiner hebräischen Studien durch den Versuch einer Annäherung des Textes an die Urtexte von Ritter darauf gekommen. Die theologische Wissenschaft gibt mancherlei, aber unbefriedigende Antworten. Es scheint mir, daß der biblische Text ein absichtlich verwirrter ist, so daß die esoterische Bedeutung für die Menge der Leser nicht mehr bemerkbar ist. Steht das Hohe Lied nicht in der Reihe der Einweihungsschriften?

[ 16 ] Rudolf Steiner: Sehen Sie, im allgemeinen muß man bei solchen Dingen wirklich auch dem Grundsatze folgen, den ich schon bei einer anderen Gelegenheit hier erwähnt habe: auszulegen, aber nicht unterzulegen, also eben nicht falsche Dinge und dergleichen in den betreffenden Texten zu suchen. Bei so alten Werken, wie es das Hohe Lied Salomos ist, kommt es ja wirklich darauf an, daß wir uns zunächst ganz zurückversetzen in die Denkweise und Seelenverfassung, aus der heraus so etwas entstanden ist. Ich habe gerade vorhin das Beispiel erwähnt: Wenn man die Schriften der Alchemisten lesen will, muß man sich zurückversetzen in die ganze Seelenverfassung, aus der heraus diese Leute über Materie und Prozesse dachten — und das liegt nicht so weit zurück. Es ist zum Beispiel ganz klar, daß in einem von dem Übersetzer heute gar nicht genug zu berücksichtigenden Sinne dasjenige gilt, was neulich hier Herr Professor Beckh von den orientalischen Texten gesagt hat. Man muß sich zuerst darüber klar sein, daß jene Abstraktheit, ich möchte sagen Verdünntheit des Inhaltes unserer Vorstellungen im Grunde genommen gar nicht so alten Datums ist. Sehen Sie, wer noch auf dem Lande gelebt hat und die Bauernsprache kennt, der weiß, daß schon die Bauernsprache noch etwas hatte, was gar nicht so unterschied die materiellen Vorgänge von geistigen Vorgängen, wie es das intellektualistische Leben der heutigen Zivilisation tut; man dachte die Dinge mehr ineinander — jetzt hat das ja auch mehr oder weniger aufgehört, es geht rasend schnell fort, weicht auch da einem allgemeinen Materialismus.

[ 17 ] Denken Sie nur einmal, wenn der heutige Gebildete sagt: «Nachtschlaf». Er hat natürlich unbestimmte Vorstellungen, aber bitte analysieren Sie einmal den wirklichen Inhalt der Vorstellungen, den Sie haben, wenn Sie sagen: Nachtschlaf. Sie werden gewiß das eine oder das andere aus Ihrem Bewußtsein heraufheben, werden dann allerlei zusammenleimen und dadurch den Begriff «Nachtschlaf» als ein moderner gebildeter Mensch haben. Aber der Bauer, wenn er vom Nachtschlaf sprach, so sprach er von etwas sehr Umgrenzten, Bestimmten, nur war das nicht materiell gedacht und auch nicht geistig-seelisch gedacht, sondern es war beides zugleich. Wenn er vom Nachtschlaf sprach, rieb er sich dasjenige heraus, was er da in den Augen drinnen hatte am Morgen, und das nannte er den Nachtschlaf. In dieser materiellen Tatsache hatte er zugleich alles drinnen, was er bei dem Wort «Nachtschlaf» dachte und wovon er sich dachte, daß es gewissermaßen zusammengeronnen war aus dem, was er erlebt hatte in der Nacht. Und das konnte er sich dann aus den Augen wischen. Er hatte eine Vorstellung, in der das Materielle und das Seelische eines war.

[ 18 ] Ich erinnere mich noch, daß in meiner Kindheit, wo ich eine solche Sprache um mich hatte, sehr häufig ein Ausdruck fiel, wenn man morgens früh vergaß, das Licht auszulöschen, und es schon hell geworden war; die Leute sagten dann: Du brennst dem Tag die Augen aus! — Da haben Sie eine Vorstellung, die in ganz konkreten Bildern gegeben ist. Man würde nicht irgendwelche Abstraktionen anwenden bei so etwas: Du brennst dem Tag die Augen aus. Es ist etwas, wo Sie mehr nach dem Geistigen hin, aber das Geistige charakterisierend, materielle Bilder haben und daran den Gebrauch der Sprache gelernt haben. Das ist etwas, was auch heute noch unter uns lebt.

[ 19 ] Gehen wir in alte Epochen zurück, so müssen wir uns in ganz andere Seelenverfassungen hineindenken. Und wenn wir nun in die Zeit zurückkommen, in der das Hohe Lied Salomos entstanden ist, wo überhaupt alles in Betracht kommende nur ein Derivat der Mysterienkultur war, da müssen wir uns darüber klar sein, daß etwas, das mit unseren heutigen Mitteln übersetzt wird, vielleicht einen erotischen Anstrich haben kann, daß das innerhalb der Seelenverfassung jener alten Zeit durchaus etwas ganz anderes war. Es ist ganz zweifellos, daß gewissermaßen eine Art von Zweispaltung stattgefunden hat. Gewisse Wortbedeutungen waren ursprünglich einheitlich, Geistiges und Physisches umfassend. Dann wurde das Geistige abstrakt, ich möchte sagen, es wurde auf der einen Seite abgegabelt, das Physische auf der anderen Seite abgegabelt. Das ist insbesondere bei erotischen Vorstellungen der Fall. Die Erotik ist im Grunde genommen etwas, was so, wie wir es heute auffassen, überhaupt keinen Sinn hat für die Zeit, aus der das Hohe Lied Salomos stammt, nicht den geringsten Sinn, weil die Vorstellungen nach dieser Seite noch nicht in der Weise fundiert waren wie heute. In dieser Beziehung erlebt man ja in unserer Zeit die merkwürdigsten Dinge. Die Leute kommen und erklären einem zum Beispiel etwas über allerlei sexuelle Sünden der Kinder, und wenn man sie dann fragt, wie alt das Kind ist, dann ist es drei Jahre alt. Das ist natürlich ein völliger Unsinn, denn von Sexualität vor dem Zahnwechsel zu sprechen, ist ein völliger Unsinn. Es liegt ein ganz anderer Tatbestand vor, und nur unsere heutige Zeit, die, wie eine gewisse Phase der analytischen Psychologie zeigt, sich ganz einseitig nur nach einer gewissen Richtung hin einstellen kann, trägt überall diese Dinge hinein, weil sie die wirklichen, realen Verhältnisse nicht sehen kann.

[ 20 ] So müssen wir uns also hüten, so etwas wie das Hohe Lied Salomos gewissermaßen herüber zu übersetzen in unsere abstrakte Sprache. Wir können ihm schon seine Fülle lassen, aber wir müssen uns klar sein, daß die Seelenverfassung der Menschen dazumal eine andere war, und daß die Seelenverfassung des heutigen Menschen, weil er alles in einen großen Topf wirft in dieser Richtung, vielleicht ein erotisches Produkt darstellt. Die Seelenverfassung jener Zeitepoche führte in ganz andere Regionen hinein, Es ist in manchen Kreisen eine beliebte Vorstellung, das ganze Mysterienwesen zum Beispiel erotisch zu erklären. Da steht man natürlich auf einem ganz ungewissen Boden, weil man vollständig dilettantisch ist und keine Ahnung hat, wie die Seelenverfassung der Menschen in früheren Zeiten war. Deshalb muß immer gesagt werden: Es handelt sich darum, daß man sich für das Verständnis von solchen Dingen vor allem in die Seelenverfassung der entsprechenen Epoche hinein zu versetzen vermag. Das kommt zum Beispiel auch für unsere Evangelien in Betracht. Denn das, was wir an Übersetzungen der Evangelien haben, das gibt durchaus nicht das wieder, was in den Evangelien steht, weil die Übersetzungen im Grunde genommen aus einer ganz anderen Seelenverfassung heraus entstanden sind und weil man zurückgehen muß auf diejenige Seelenverfassung, aus der heraus eben diese Schriften entstanden sind.

[ 21 ] Das ist das, was ich darüber sagen kann. Auf Einzelheiten einzugehen, ist natürlich nicht die Zeit. Die übrigen achtzehn Fragen will ich an einem der nächsten Tage beantworten.