Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a
15 Oktober 1920, Dornach
20. Aus den Fragenbeantwortungen während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses III
Vorbemerkung: Zu Beginn des Gesprächsabends wurde eine Frage nach dem dritten kopernikanischen Gesetz gestellt. Die ausführliche Antwort Rudolf Steiners ist publiziert im Band «Die vierte Dimension», GA 324a, S. 177-189.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Nun sind noch eine Reihe von anderen Fragen gestellt worden, auf die ich, weil sie zum Teil unsinnig sind, nur mit ein paar Streiflichtern hindeuten möchte. Hier zum Beispiel diese Frage:
Was kann für einen Nicht-Hellseher das Kriterium sein, mit dem er unterscheiden kann, ob Mitteilungen eines Hellsehers aus geistigen Erkenntnissen oder aus Illusionen stammen?
[ 2 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich möchte eigentlich am allerliebsten das Wort «Hellsehen», mit dem so viele Leute Unfug treiben, wie jetzt kürzlich der Graf Keyserling, überhaupt ausmerzen. Wenn solche Worte nicht zu Unfug Veranlassung geben, dann macht es ja nichts, wenn sie in unserer Literatur figurieren, aber bei alle dem, was solche Leute «Hellsehen» nennen, die alles eher möchten als sich auf den Weg begeben, den ich auch in meinem Vortragszyklus über die «Grenzen der Naturerkenntnis» charakterisiert habe, da möchte ich lieber für das wirkliche Sehen des Geistes — lichtvoll sehen, das heißt hell sehen — ein anderes Wort anwenden. Daher habe ich in den neueren Auflagen meiner Bücher überall versucht, dieses Wort, das eben immer wieder Verwechslungen hervorruft mit allem möglichen dilettantischen und scharlatanhaften Zeug, nach und nach auszumerzen.
[ 3 ] Nun, wenn es sich um einen einzelnen Fall handelt, daß jemand vor Sie hintritt, der von sich selbst sagt, daß er ein Hellscher sei, und er erzählt Ihnen irgend etwas, was er geschaut habe, dann können Sie überhaupt durch gar kein Kriterium unterscheiden, ob er Ihnen irgendeine Illusion auftischt oder ob das auf Wahrheit beruht, was er sagt. Das kann man nicht im Einzelfall, da gibt es keine universelle Anleitung dazu. Sie können nur als vernünftiger Mensch aus dem ganzen Lebenszusammenhang heraus ein Urteil gewinnen, aber auch ein fast restlos sicheres Urteil. Sehen Sie, wenn Ihnen irgendein angeblicher Hellseher allerlei Zeug erzählt und er im übrigen, wenn er über Dinge des gewöhnlichen Lebens spricht, Unsinn redet, dann können Sie ziemlich sicher sein, daß das, was er Ihnen aus den höheren Welten heraus erzählt, auch Unsinn ist. Wenn Sie aber finden, daß ein Mensch gesunden Sinn hat für die äußere, physische Wirklichkeit, daß er mit gesundem Geist, so wie andere vernünftige Menschen, die äußere Wirklichkeit anschaut, sich hineinfindet, sich orientiert an der äußeren Wirklichkeit, dann ist, wenn er von Dingen der geistigen Welt spricht, das schon etwas, was für ihn spricht, das heißt nicht für ihn als Person, sondern für die Richtigkeit seiner Anschauung. Wenn er dann außerdem noch das, was er über die geistigen Welten vorbringt, in solche Zusammenhänge kleidet, daß Logik darinnen ist, dann kann man das Wirklichkeitsgemäße aus den Zusammenhängen prüfen, auch ohne daß man Hellseher ist. Wie gesagt, aus einer Mitteilung kann man gar nichts schließen, aber aus dem Zusammenhang einer ganzen Reihe von Mitteilungen wird man, einfach durch eine Fähigkeit, die jeder Mensch hat, auch ohne daß er Hellseher ist, darauf kommen, was das bedeutet, was jemand sagt. Außerdem wird ein Mensch, der heute als Hellseher bezeichnet zu werden verdient — aber jetzt in einem höheren Sinne —, wenn also ein Mensch über die geistige Welt so spricht, wie es sein muß hier an dieser Stätte, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann bleibt er nicht dabei stehen, daß er nur aus den höheren Welten Dinge erzählt, sondern er spricht immer zugleich von den Dingen dieser Welt, in die ja die höheren Welten hineinspielen. Er spricht Ihnen zum Beispiel davon, wie man das, was man im Geistigen erfahren hat, auf die Medizin anwenden kann, auf die wirklich zu studierende Medizin. Er spricht nicht von medizinischer Scharlatanerei, wo eben ein Mensch von irgend welchen luziferischen oder ahrimanischen Geistern auserwählt ist, und dieser Auserwählte dann irgendwelche Dinge abtupft und heilt. Um so etwas kann es sich nicht handeln. Nur darum kann es sich handeln, dasjenige, was physisch wirklich ist, worinnen aber immer der Geist lebt, gerade mit dem Geist zu durchdringen. Denn der Materialismus versteht niemals das Physische. Und ich glaube, es dürfte zum Beispiel gerade das Arbeiten im Sozialen einer der äußeren Beweisgründe sein für die innere Berechtigung dessen, was hier geisteswissenschaftlich behauptet wird.
[ 4 ] Also es gibt kein äußerlich abstrakt zu fassendes Kriterium, sondern nur aus dem ganzen Zusammenhang des Lebens heraus kann man wissen, ob man es bei den Behauptungen des Geistesforschers zu tun hat mit Illusionen oder mit Wirklichkeiten. Seine Geistesforschungen sind ganz gewiß keine Illusionen, wenn er mit ihnen hinuntersteigen kann in die Wirklichkeiten, wenn er dem Leben, das dem Menschen hier zwischen Geburt und Tod zugeteilt ist, gerade durch seine Geisteswissenschaft etwas zu geben vermag. Man hat, indem man von Abstraktionen ausging, mir zum Beispiel öfter eingewendet, wenn ich Forschungsresultate über höhere Welten vorgetragen habe: Ja, aber das können doch alles lauter Autosuggestionen sein, so wie es Leute gibt, die einen Zitronengeschmack im Munde haben, wenn sie nur an Zitronenlimonade denken, auch wenn sie gar keine Zitronenlimonade bekommen. — Ich konnte den Leuten dann immer nur sagen: Gewiß, es ist richtig, daß man durch Gedanken allerlei illusionäre Halluzinationen oder Schauungen hervorrufen kann, aber das sind eben nur Illusionen. Sie können zwar durch Suggestion die Illusion haben, daß Sie einen Zitronenlimonadegeschmack haben, aber ob die bloß gedachte Limonade Ihnen den Durst löscht, das möchte ich doch bezweifeln; da müßten Sie eben doch noch die wirkliche Limonade dazu haben.
[ 5 ] Wer mit seinem ganzen Wesen in den Dingen drinnensteht, nicht außerhalb der Dinge, der kann unterscheiden zwischen dem, was die Wirklichkeit ist und dem, was bloß gedacht ist, und für den ist es klar, daß es für das Hineinschauen in die höheren Welten ebensolche Lebensunterschiede gibt wie hier in der physischen Welt. Ich kann Ihnen sogar verraten, meine sehr verehrten Anwesenden, die Kriterien, ob irgend etwas eine Lüge oder eine Wahrheit ist, die betreffen den Hellseher ebensogut wie irgendeinen anderen. Der Hellseher kann nicht besser und nicht schlechter prüfen, ob seine Beobachtungen auf Wirklichkeiten beruhen als derjenige, dem sie mitgeteilt werden, denn prüfen muß auch er sie aus dem ganzen Lebenszusammenhang heraus, den man einfach mit dem gesunden Menschenverstand findet, wenn man auch im gewöhnlichen Leben gesunden Menschenverstand hat. Auch ein anderer, wenn er gesunden Menschenverstand hat, kann die hellseherischen Ergebnisse immer prüfen.
[ 6 ] Wir fürchten uns auch hier durchaus nicht vor einer wissenschaftlichen Kritik der Geisteswissenschaft, insbesondere dann nicht, wenn diese wissenschaftliche Kritik mit der allergrößten Exaktheit und Genauigkeit gemacht wird. Was uns schadet, ist nämlich nur die Kritik der Oberflächlinge, derjenigen Leute mit den leeren Gedanken, mit den Gedankenhülsen. Solche Leute, die mit bloßen Gedankenhülsen behaftet sind wie der Graf Hermann Keyserling, der gar nicht den Willen hat, auf die Sache einzugehen, der kommt dann dazu, einfach Lügen zu sagen. Sie finden in seinem neuesten Buche die sehr nette Behauptung, die ganze Steinersche Anthroposophie sei eigentlich bloß ins Geistige heraufgehobene materialistische Naturwissenschaft; das gehe schon daraus hervor, daß Steiner von Haeckel ausgegangen sei.
[ 7 ] Nun prüfe man einmal diese ganz verlogene Behauptung mit dem, was ich in der Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften als Ausgangspunkt hingeschrieben habe. Sie sehen, die Blüte der Gedankendumpfheit ist eigentlich immer die Verlogenheit.
[ 8 ] Diese Dinge müssen schon gesagt werden, meine sehr verehrten Anwesenden. Ich warte ja immer ziemlich lange, bis ich selber gezwungen werde, so etwas zu sagen, und ich rede über diese Dinge eigentlich immer erst dann, wenn sie durch längere Zeit hindurch nicht von anderen hervorgehoben sind. Denn schließlich, mich selber berühren diese Dinge gar nicht. Mir sind die Bücher des Grafen Keyserling eigentlich unlesbar, weil ich gar keine Gedanken darin finde. Und daß die Leute schimpfen, bin ich ja gewöhnt. Aber heute handelt es sich um etwas anderes. Heute handelt es sich darum, daß wir in der Tat rasch in den Untergang hineinsegeln, wenn nicht auf diesem Gebiete volle Klarheit und mutige Klarheit geschaffen wird. Heute handelt es sich um das Heil oder den Untergang der Menschheit, und auf die Schädlinge muß heute scharf hingewiesen werden, die den Menschen die notwendigen Gedanken durch solchen Schmutz auszutreiben versuchen, indem gesagt wird, es sei nicht notwendig, eine geistige Entwicklung durchzumachen, denn das, was man durch so etwas lernen könne, wie es in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, das brauche derjenige nicht, der ein Gentleman ist und eine gute Kinderstube hat.
[ 9 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, in einer Zeit, in der es schon zu solchen Behauptungen kommen kann, brennt das Feuer, und das muß gelöscht werden!
[ 10 ] Ich möchte jetzt rasch noch eine weitere Frage besprechen:
Wie stellt sich die Anthroposophie zur Anwendung der Hypnose in der Medizin?
[ 11 ] Nun, verehrte Anwesende, alle diese Dinge, Hypnose oder Suggestion und dergleichen in der Therapie, führen immer in ein Gebiet, welches unter demjenigen liegt, das wir mit unserem gewöhnlichen Tagesbewußtsein umfassen. Wenn ich Ihnen ein Schema rasch hinmalen soll, so wäre es dieses: (Schema fehlt)
[ 12 ] Wenn hier das gewöhnliche Bewußtsein ist, so strebt die anthroposophische Wissenschaft, um die es sich hier handelt, in ein höheres Bewußtsein hinauf, in das imaginative, inspirierte, intuitive Bewußtsein. Man kann aber auch das Bewußtsein herunterbringen auf ein tieferes Niveau. Das ist ja schon beim gewöhnlichen Träumen der Fall, da ist das Bewußtsein heruntergerückt; im Tiefschlaf, im traumlosen Schlaf, ist es noch weiter hinuntergerückt. Nun gibt es ja alle möglichen Zwischenzustände, und solches Herabstimmen des Bewußtseins verwandelt eigentlich den Menschen in den Untermenschen, indem sein Geistig-Seelisches so herausgehoben ist, daß es nicht in den physischen Leib voll eingreifen und auch seiner selbst und in der Welt nicht bewußt sein kann, weil der Mensch noch nicht so weit entwickelt ist, daß er außerhalb des Leibes ein Bewußtsein haben kann. Da hat man es dann zu tun mit einer Herabstimmung des Geistig-Seelischen auf das ätherisch-physische Leibliche, und da sind dann alle die Einwirkungen, die man herbeiführen kann, die Ihnen ja bekannt sind eigentlich in einer untermenschlichen Sphäre verlaufend. Man stimmt die ganze Verfassung des Menschen, die geistig-seelisch-leibliche Verfassung des Menschen herab. Und daher sind solche Dinge nur anzuwenden, wenn es sich um Therapeutisches handelt. Aber auch im Therapeutischen handelt es sich darum, daß sie nur angewendet werden dürfen von demjenigen, der die Dinge versteht — womit ich nicht behaupten will, daß etwa die moderne Medizin, wie sie heute getrieben wird, eine gute Anleitung ist, um diese Dinge zu verstehen. Aber wenn diese Dinge verstanden werden, dann können sie auf die menschliche Organisation natürlich ebenso angewendet werden wie andere Gifte — denn sie sind Gifte.
[ 13 ] Wir haben es also bei allen diesen Dingen damit zu tun, daß wir eben therapeutisch zu allem greifen können, was den Gesundheitszustand des Menschen in wünschenswerter Weise verbessern kann. Wir sollen uns aber nicht einbilden, daß wir den Menschen in eine höhere Sphäre hinauf führen, wenn wir ihm etwas vermitteln, wo sein Bewußtsein, sein gewöhnliches Bewußtsein, ganz ausgeschaltet ist, sondern wir führen ihn ins Untermenschliche, gewissermaßen ins Ätherisch-Tierische hinunter, nur nicht ins PhysischTierische, aber ins Ätherisch-Tierische, wenn wir ihn in einen solchen Zustand wie die Hypnose versetzen und wenn er für einen solchen Zustand empfänglich ist. Dieses Herunterstimmen des Bewußtseins wird ja im Grunde genommen heute aus dem Grunde besonders geliebt, weil man das Hinaufentwickeln in die geistigen Welten als etwas Unbequemes empfindet.
Hier ist noch eine Frage: Wie steht die Anthroposophie zum Heilmagnetismus?
[ 14 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, darüber läßt sich ja nur reden, wenn man die Dinge wirklich ernsthaftig behandeln kann. Mit einem einfachen Ja oder Nein oder mit einem einfachen Satze lassen sich solche Dinge nicht behandeln, wenn man wissenschaftliches Gewissen in sich hat. Der heutige Heilmagnetismus — ja, man müßte ihn nicht kennen gelernt haben, um nicht zu wissen, daß in ihm recht, recht viele Menschen tätig sind, die sonstwo schon überall eine Beschäftigung gesucht haben, und wenn sie zuletzt überall keine gefunden haben, so sind sie Heilmagnetiseure geworden. Für solche Dinge dann auch noch geisteswissenschaftliche Erklärungen zu verlangen, das ist doch etwas zuviel verlangt. Aber ich möchte Sie darauf hinweisen, daß diese Dinge doch alle auf ihre elementaren Voraussetzungen zurückgeführt werden müssen. Da haben wir zum Beispiel die Tatsache, daß für gewisse seelischleibliche Seelenverfassungen schon das bloße liebevolle Zusprechen etwas zum Heilungsprozeß beiträgt. Denken Sie nur, wie viel wirklich therapeutische Wirkung ausgeht von einem echten liebevollen Behandeln des Kranken nach der einen oder anderen Richtung hin. Denken Sie sich nun diese Dinge gesteigert, denken Sie sich das liebevolle Behandeln gesteigert zum streichelnden Behandeln, da haben Sie etwas, was nun schon sehr stark hinüberführt in das, was Heilmagnetismus ist. Allerdings handelt es sich da um so imponderable Dinge, daß man sie nicht in grobe Begriffe fassen soll. Es ist durchaus möglich — je nachdem, da kommt’s wirklich auf das Wie an und nicht auf das Was —, daß derjenige, der über diese Dinge redet, je nachdem er gerade die Imponderabilien im Auge hat oder nicht, ebensogut eigentlich Wichtiges sagt oder auch Unsinn redet. Also es kommt mehr darauf an, daß man überhaupt an diese Dinge nur herantritt mit einem wirklich wissenschaftlichen Gewissen. Und deshalb war ich immer vorsichtig, diese Dinge zum Beispiel öffentlich zu besprechen, weil ja manches außerordentlich gefärbt wird, wenn es dann weitergegeben wird.
[ 15 ] Nun, daran würde mir auch persönlich nichts liegen, aber Anthroposophie muß etwas sein, was wirklich den notwendigen Forderungen unserer Zeit entspricht, und da darf man nichts tun, was einen in irgendeiner Weise in die Gefahr bringen könnte, in eine dilettantische Nachbarschaft zu kommen. In diese dilettantische Nachbarschaft kommt man natürlich sehr leicht, wenn es sich um diese Dinge handelt. Man könnte sagen, der Heilmagnetismus ist heilsam, je nachdem, ob er bei kundigen, aber jetzt imponderablen kundigen, echten Heilern auftritt, oder ob er auftritt bei Menschen, die bloße Scharlatane sind, die bloß, nachdem sie es auf anderen Gebieten versucht haben, es nun eben auch noch auf dem Gebiete des Heilens versuchen. Man kennt das natürlich, nicht wahr, sobald vom Heilmagnetismus die Rede war, vorher von Suggestion, kommt nachher die «Christian Science», nach der hier gefragt wird:
Wie geht es zu, daß die Christian Science heilen kann, wenn sie den Geist bloß suggeriert?
[ 16 ] Nicht wahr, bei der Christian Science muß man ungefähr dasselbe sagen wie beim Heilmagnetismus, nur eben auf einem etwas anderen Gebiete. Ob irgendwelche Sache wirkt, dabei kommt es ja nicht darauf an, was wir für eine Ansicht darüber haben. Denn denken Sie sich einmal, wenn Sie jemandem eine runterhauen und dabei die Ansicht haben, da handele es sich um irgendwelche Kräfte, die es gar nicht gibt, so wird deshalb die Ohrfeige auf der Wange des Betreffenden doch ganz die gleiche sein, [unabhängig davon], ob Sie eine falsche Theorie oder eine sich selbst suggerierte Theorie haben oder dergleichen. Wenn man von der Christian Seience spricht, handelt es sich um ähnliche Erscheinungen; diese ganz ähnlichen Erscheinungen können Sie auch auf pädagogischem Gebiet prüfen.
[ 17 ] Ich habe wiederholt von den Imponderabilien, die von Mensch zu Menschen wirken, gesprochen und sie auch auf das Gebiet der Pädagogik angewendet. Nehmen Sie einmal an, Sie wollen einem Kinde die Unsterblichkeit der Seele erklären, das Durchgehen der Seele durch den Tod des Menschen, und Sie weisen hin auf eine Schmetterlingspuppe: das ist gewissermaßen der menschliche Leib. Der Schmetterling kommt heraus: das ist die Seele. Und Sie wenden das dann an auf das Übersinnliche. Sie können nun zweierlei bekommen. In Ihrer eigenen Seelenverfassung können Sie ein sehr gescheiter, kluger Mensch sein, der ja in der heutigen Zeit selbstverständlich nicht glaubt, daß das, was er da ausmalt mit der Schmetterlingspuppe, nun wirklich einen anderen Bezug hat zu der Unsterblichkeit als den eines Symboles. Der gescheite Mensch denkt sich das aus; er glaubt selber nicht an irgendeinen Zusammenhang, sondern sagt das dem Kinde, weil das dumm und er gescheit ist, weil er etwas ausdenkt, das er als Vergleich hinstellt. Das ist die eine Seelenverfassung. Die andere Seelenverfassung ist die, in der der Geistesforscher ist. Der sieht überall Stufen eines Daseins, das in Polarität und Steigerung ist — Worte, die schon Goethe angewendet hat. Er sieht hin auf die Schmetterlingspuppe, aus der der Schmetterling auskriecht, und für ihn entsteht selbst der Glaube, daß der auskriechende Schmetterling ein Bild ist, das ihm die geistigen Welten hinzeichnen. Er ist zwar nicht im heutigen Sinne ein kluger Mensch, ein gescheiter Mensch, das ist er nicht, aber er ist ein Mensch mit Wirklichkeitssinn. In der Wirklichkeit sind nämlich überall die Taten des Geistes darinnen.
[ 18 ] Nun gibt es einen Unterschied beim Unterrichten: Wenn Sie ein ganz gescheiter Mensch sind und dem Kinde durch das ausgedachte Symbolum die Sache begreiflich machen wollen, so erreichen Sie in der Regel nichts. Wenn aber das Bild selbst in uns lebt, wenn wir durchdrungen sind von dem, daß hier der Geist der Natur selber das Bild der unsterblichen Seele hingezeichnet hat im auskriechenden Schmetterling, dann wirken Imponderabilien von Ihrer Seele zu der Seele des Kindes, dann hat das Kind, weil es etwas von dem Leben empfängt, auch etwas für das Leben.
[ 19 ] Es wirken allerdings von Mensch zu Mensch Kräfte, die man nicht mit der Waage wiegen oder mit dem Zollstab messen kann, trotzdem alles nach Maß, Zahl und Gewicht eingerichtet ist. Und diese Dinge, die werden noch einen reichlichen Beitrag liefern zu dem, was unser Leben bereichern soll, Dinge, die jedenfalls für das Heil der Menschheit bedeutungsvoller sein werden als manche Anwendungen der Naturwissenschaft. Man wird, wenn man auf diese Dinge eingeht, sehen, daß es noch ganz andere Kräfte gibt, die gerade durch das Handhaben geistiger Wissenschaft in die Menschheit kommen werden. Dazu bedarf es aber, daß auf der einen Seite gelehrt werde von der wahren Naturwissenschaft wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, und daß auf der anderen Seite der Wille entstehe, mit dieser wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit nun auch in die geistigen Welten einzudringen.
[ 20 ] Damit möchte ich für heute abschließen. Wir werden dann versuchen, morgen, bevor Sie abreisen, meine schr verehrten Anwesenden, abends noch einiges vortragsmäßig, nicht so fragemäßig, sondern vortragsmäßig zusammenfassend zum Abschied hier vorzubringen.
