Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a
27 März 1920, Dornach
4. Das Weltbild der neueren Naturwissenschaft
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Die Abhaltung einer ganzen Reihe von Vorträgen durch unsere jetzt hier versammelten Freunde ist ja für den Gang der Ereignisse hier am Goetheanum von einer gewissen Wichtigkeit. Es ist der Versuch eines entsprechenden Mitarbeitens durch unsere Freunde; und das muß ja auch ersehnt werden für unsere Bewegung, daß von den verschiedensten Gesichtspunkten des heutigen Lebens her ein Zusammenwirken in unserer Bewegung geschehe. Nur dadurch werden wohl wenigstens die ersten Keime gelegt werden, um dem starken Ansturm zu begegnen, der sich ja immer mehr und mehr zeigt in der gegenwärtigen Gegnerschaft, die sich gegen diese unsere Bewegung geltend macht. Daher, weil ich auch auf die ganze Bedeutung dieses Unternehmens unserer Freunde hinweisen will, soll dieser heutige Vortrag in der Reihe der Betrachtungen eine Art Episode sein. Er geht gewissermaßen aus dem Bedürfnis hervor, in dem Ton prinzipieller wissenschaftlicher Fragen, die in diesen Tagen hier durch unsere Freunde vorgebracht worden sind, heute weiter zu sprechen und andere anthroposophische Betrachtungen erst morgen wiederum aufzunehmen.
[ 2 ] Wir haben ja vorzugsweise über das Prinzipielle der gegenwärtigen Wissenschaft in diesen Tagen durch unsere Freunde Zutreffendes, Wichtiges und Wesentliches in verschiedenen Auffassungen zu hören bekommen, und
[ 3 ] 82 wir werden noch weiteres hören. Ich möchte nun heute, gewissermaßen in diesem prinzipiellen Tone fortredend, einiges vorbringen, das auch auf Methodologisches der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung hinweisen wird, insofern dieses Methodologische zeigt, in welcher Verfassung eigentlich diese gegenwärtige naturwissenschaftliche Weltanschauung sich befindet, wenn sie einmal den Versuch macht, genauer auf ihre experimentellen Beobachtungsresultate einzugehen. Sie haben ja gehört, insbesondere auch aus den wenigen Bemerkungen, die gestern im Anschluß an den eindrücklichen Vortrag von Herrn Dr. Husemann durch Herrn Dr. Kolisko gemacht worden sind, wie es eigentlich um den sozusagen psychologischen Wert dessen steht, was heute gebräuchliche naturwissenschaftliche Anschauung, naturwissenschaftliche Weltanschauung ist.
[ 4 ] Nun muß man aber eigentlich das folgende sagen: Diese atomistisch-molekularistische Grundlegung der Naturwissenschaft, sie figuriert tatsächlich innerhalb jener Kreise, die heute über Naturwissenschaft sprechen und die in die Beschreibung der Phänomene schon hineinmischen ihre phantastischen Atomtheorien, wie das ja gestern von Herrn Dr. Kolisko geschildert worden ist; diese atomistisch-molekularistische Grundlegung der Naturwissenschaft figuriert aber noch mehr, wenn Laien oder Halblaien heute über Weltanschauungsfragen sprechen in den verschiedensten Monisten- und ähnlichen Vereinigungen, durch die man Weltanschauungen populär machen will, die auf wirklicher Wissenschaft beruhen sollen, die aber eigentlich nur beruhen auf dem, was durch die Tatsachen der Wissenschaft heute eigentlich längst entwertet ist. Entwertet kann man sagen, wenn auch nicht widerlegt, denn zum Widerlegen wäre Geisteswissenschaft notwendig, die erst von weiteren Kreisen angenommen sein müßte. Die Situation innerhalb des gegenwärtigen Geisteslebens, die ja schließlich unsere Welt beherrscht, diese Situation ist allerdings eine ziemlich trostlose.
[ 5 ] Auf der einen Seite haben wir eine nach und nach, ich möchte sagen recht unbehilflich gewordene naturwissenschaftliche Grundlegung der Weltanschauung. Und auf der anderen Seite haben wir allerlei Philosophen, die ja — und das ist ganz besonders charakteristisch für unsere Zeit — viel bewundert werden, die es aber erst recht zu keinem wirklichen substantiellen Inhalt für eine Weltanschauung bringen. Denn es wird wohl kaum lange dauern können, bis man darauf kommt, daß das philosophische Geschwätz Euckenscher Art oder dergleichen nicht als etwas Wahrhaftiges, Wertvolles gelten kann. Wenn wir so ein paar Jahrzehnte zurückblicken auf die Weltanschauungsentwicklung, wie sie sich aus der Naturwissenschaft heraus gestaltet hat, so finden wir, daß eben vor diesen paar Jahrzehnten, ich möchte sagen die Glorie da war des atomistisch-molekularistischen Denkens. Da hat man es als etwas Selbstverständliches befunden, sich das Materielle so vorzustellen, daß man den materiellen Substanzen zugrundeliegend annahm Atome und Moleküle in verschiedener Konfiguration, in verschiedener Stellung zueinander. Und man trug alles das zusammen, was leicht und bequem sich bot aus dem Gebiet der Physik, aus dem Gebiet der Chemie, was zu einer Art von Erhärtung dieses atomistisch-molekularistischen Denkens hat dienen können.
[ 6 ] Das, was als eine gesunde Opposition gegen dieses Denken da war, wie zum Beispiel die Goethesche Weltanschauung, das hat man in dieser Zeit eben nicht beachtet, man hat es als eine Art Dilettantismus angesehen. Man dachte sich ein Weltsystem aus, von dem man forderte, daß es aus möglichst einfachen Elementen zusammengesetzt sei: Raum, Zeit, Bewegung, Masse — das waren so die Grundbegriffe, die man annahm und aus denen man dann im Grunde genommen ein ganzes Weltsystem aufbauen wollte. Wie die Pilze sind solche Weltsysteme emporgeschossen, variierend in ihren Einzelheiten, zusammenstimmend in dem Großen, daß sie eigentlich alle auf die elementarsten, primitivsten Begriffe allein aufbauen wollten, auf solche Begriffe wie Raum, Zeit, Bewegung, Masse. Ein Ideal war es, die komplizierte Bewegungsform der Zelle, aus der man sich dann wiederum den ganzen Organismus aufgebaut dachte, zurückzuführen auf Raum, Zeit, Bewegung und Masse, um dadurch auch alles Organische sich vorzustellen als hervorgehend aus bloßem Raum, Zeit, Bewegung und Masse, die die Materie repräsentieren. Diese Anschauungsweise ist ja im Grunde genommen durchaus nicht aus den Tatsachen der Welt selbst abgenommen, sondern sie ist durch und durch ausgedacht. Wer mitgemacht hat, was auf diese Weise zustandegekommen ist, der weiß, wie diese Dinge eigentlich alle ausgedachte Weltanschauungen waren; man hat gewisse Grundannahmen gemacht und hat auf diesen Grundannahmen dann aufgebaut.
[ 7 ] Ich habe ja in meinen Vorträgen öfter erzählt, wie mir bereits als ganz jungem Buben ein solches Weltsystem aufgetaucht ist, das allerdings nicht bis zum Organischen, aber wenigstens bis zum Chemischen herauf gegangen ist, das aufgestellt war von seiten meines damaligen Schuldirektors, der ganz im Sinne der Zeitrichtung gedacht hat und der als Grundlage das folgende angenommen hat. Er sagte: Nehmen wir das Allereinfachste, den Raum zunächst, und im Raume verteilt die Materie, atomistisch angeordnet. — Er dachte sich den Raum unendlich, und er teilte sich den Raum ab in lauter Raumwürfel. Der Raum ist angefüllt mit Materie. Nun sagte er: Man kann denken, daß die Materie in einer gewissen Weise verteilt ist in diesen verschiedenen Raumwürfeln. Wenn man sucht, eine Vorstellung zu gewinnen, wie die Materie in diesen verschiedenen Raumwürfeln verteilt ist, so kann man folgendes sagen: Sie könnte unter Umständen ja so verteilt sein, daß in den unendlich vielen Raumwürfeln überall gleich viel Atome drinnen wären. Aber da wir unendlich viele Raumwürfel haben und uns keine Annahme nötigt, für eine bestimmte Zahl von Atomen in einem Raumwürfel uns zu entscheiden, so ist es eben nur eine Wahrscheinlichkeit, daß in einem Raumteil so viel Atome sind wie in einem anderen Raumteil. Weil unendliche Möglichkeiten da sind, ist es wahrscheinlich, daß in einem Raumteil so viele sind wie in den anderen Raumteilen: Eins, gebrochen durch Unendlich, ist Null, also ist in jedem Raumteil eine andere Anzahl von Atomen. Aber wenn man nun die Zeit einfügt, so hat man keinen Grund anzunehmen, daß im nächsten Zeitteil nicht die Sache wieder so wäre: daß nämlich die Wahrscheinlichkeit gleich null wäre, daß in einem bestimmten Raumteil dieselbe Anzahl von Atomen sei wie in dem vorigen Raumteil. Daher wird die Zahl der Atome in den aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten verschieden sein in den Raumteilen. Das heißt: die Materie ist in Bewegung.
[ 8 ] Nun haben wir aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung und aus der Raumwürfelteilung die Bewegung der Materie abgeleitet. Aber da es nicht wahrscheinlich ist, daß die atomistisch-materiellen Teilchen durcheinander gehen — das widerspricht dem, was sich uns in den Naturerscheinungen zeigt —, so muß man annehmen, daß die materiellen Teilchen mit Widerstand gegeneinander behaftet sind, also massig sind. Die einfachste Annahme ist die, daß sie starre Massen sind. Und damit haben wir Zeit, Raum, Bewegung, Masse, und nun kann man zu rechnen beginnen, was sich dann ergibt aus den gegenseitigen Stößen. Und da zeigt sich uns bald etwas für so geartete Geister höchst Verfängliches, nämlich man kann nun rechnen und man kann das, was die Rechnungsansätze ergeben, als Korrelat sich vorstellen, als Repräsentanten für dasjenige, was in der Materie geschieht. Und tatsächlich, man kriegt dann durch diese rechnerischen Zauberstücke die Vorgänge heraus, wie der [Schuldirektor] es gemacht hat bis zu den chemischen Vorgängen. Alle chemischen Vorgänge kann man noch errechnend ableiten. Und wenn einer ein noch größerer Zauberkünstler auf diesem Gebiete ist, so wird es ihm schon auch gelingen, die organischen Vorgänge in der Zelle abzuleiten, zu errechnen. Man bekommt ein ganzes Weltbild aus den primitivsten Vorstellungen von Raum, Zeit, Bewegung, Masse aufgebaut.
[ 9 ] Das ist etwas, was nun tatsächlich immer mehr in den Geistern spukend wurde, je weiter das Denken des 19. Jahrhunderts vorschritt. Und erst um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts ist eine Bresche geschlagen worden in diese ganze Denkweise. Ich habe ja schon angedeutet von den verschiedensten Seiten her, wie diese Bresche geschlagen worden ist. Sehen Sie, der Mann, von dem ich hier gesprochen habe, der ist nur der Repräsentant für diese Denkweise; ich führe ihn deshalb als Repräsentanten an, weil er mir als zwölfjährigem Buben dazumal entgegengetreten ist und ich dazumal überrascht war über die Art und Weise, wie man ein ganzes Weltbild aus Raum, Zeit, Bewegung und Masse herauszaubern kann auf rechnerische Weise. Diejenigen, die ebenso dachten, die fanden eigentlich alle, daß man es zu tun habe mit der Materie, die die Erscheinungen der festen, flüssigen und gasförmigen Körper hervorruft, und dann noch mit all dem, was man nun zuzuschreiben habe — wie dieser Mann sagte — einem überallhin sich ausbreitenden, viel feineren Weltengas, andere sagten dem Äther. So hatte man also für sein Weltbild den allgemeinen Weltenäther, durch dessen Bewegung sich etwa das Licht ausbreitet oder in dessen Bewegung das Licht sogar bestehen sollte, und in diesem Äther schwimmend die ponderable Materie, die Materie, die Gewicht hat und die dann die Einwirkungen dieser Äthervorgänge empfängt, sich auch wohl mit ihnen durchdringt und so weiter. Natürlich, zur Vorstellung von irgend etwas Geistigem ist in einem solchen Weltbild eigentlich nirgends Platz. Man kann ja ganz gewiß in dieser Beziehung sich Illusionen hingeben; man kann sagen, man hält für die Physik und für die Chemie, eventuell auch für die Organik dieses Weltbild fest und nimmt daneben noch ein Geistiges an. Nur möchte man dann fragen, wie eigentlich die Vermittlung geschehen soll zwischen diesem Geistigen und dem, was man da ohne dieses Geistige als eine bloße Wirkung von Raum, Zeit, Bewegung und Masse sich vorstellt.
[ 10 ] Nun allerdings war man genötigt, neben diesen Phantasievorstellungen, die wie gesagt in der mannigfaltigsten Weise ausgebaut worden waren, auch das zu berücksichtigen, was nun die Tatsachen der Erscheinungswelt selber boten. In einem solchen Weltbilde ist wirklich nichts drinnen, was der Mensch sieht durch seine Sinne. Denn da drinnen sind bewegte kleine Körnchen, die gar nichts von den Eigenschaften haben, welche die Sinnenwelt hat; bewegliche kleine Körnchen sind drinnen, ein Sich-Stoßen, ein Drücken, aber nichts von dem, was die Sinnenwelt darbietet. Es ist allerdings einzelnen dann aufgefallen, zum Beispiel dem Mach, daß man da ja etwas ausgedacht hat. Der ging daher wiederum zurück auf die Welt der reinen Sinneswahrnehmungen, und er wollte auch das ganze physikalische Weltbild nur zusammenstellen aus der zeitlichen Folge und dem räumlichen Nebeneinandersein der Sinneswahrnehmungen. Allerdings, auch auf diese Machsche Weise kann man ja nicht zurechtkommen, denn wenn man nur Sinneswahrnehmungen hinstellt, so bleiben diese Sinneswahrnehmungen sozusagen neutral nebeneinander. Wenn man nicht die Fähigkeit hat, irgend etwas Wesenhaftes zu sehen in den Sinneswahrnehmungen, so kann man sie ja auch höchstens nur in ein räumliches und zeitliches Verhältnis zueinander bringen, nicht in ein intensives und qualitatives Verhältnis. Kurz, man kommt auch auf die Machsche Weise mit seinem Denken nicht an die reiche Welt unserer Sinneserfahrungen heran. Aber das kann man schon sagen: außerordentlich berückend ist ein solches Denken.
[ 11 ] Ich weiß ja, meine lieben Freunde, daß viele unter Ihnen sind, die ein solches Denken nicht berückend finden. Das kommt aber nur davon her, weil diejenigen, die es nicht berückend finden, keine sehr starke mathematische Kultur durchgemacht haben und deshalb nicht das Berückende dieses Ausrechnens aller Erscheinungen in der Welt fühlen können. Es hat dies eine Art von Zauber, die ganze Welt zu verwandeln in seinem Geiste, in seiner Phantasie, in eine so fein wirkende Maschine, wie es durch ein solches Weltbild geschieht — es hat schon etwas Berückendes. Und es ist ja auch nicht geschehen aus einer, ich möchte sagen kleinen Teufelei heraus oder weil man die Welt nasführen wollte — obwohl die Welt als genasführt erscheinen könnte durch dieses Weltbild —, es ist wirklich nicht entstanden bloß aus einem Zynismus heraus, sondern es ist entstanden, weil beim Menschen ein innerer Drang besteht, über die Erscheinungen, die verlaufen, sich so zu täuschen, wie man sich nur täuschen kann, wenn man nur den Phantasievorstellungen mathematischer Art seines inneren Seelenlebens folgt. Dieser Drang war schon vorhanden; es lag ein ganz aufrichtiger, ehrlicher Drang diesem schrecklich leeren Weltbilde, dem Formen dieses schrecklich leeren Weltbildes zugrunde. Und heute, wo wir so sehr die Notwendigkeit einsehen, daß dieses Weltbild verlassen werde, gründlich verlassen werde und ein anderes, ein geisteswissenschaftliches, an seine Stelle trete, heute muß diese Frage schon gestellt werden: Woher rührt denn das Berückende dieser mechanistischen Weltauffassung?
[ 12 ] Man kann vielleicht zu einer sachgemäßen Beantwortung dieser Frage, woher das Berückende dieser mechanistischen Weltauffassung rührt, am besten kommen, wenn man einen Blick wirft auf die Revolution dieses Weltbildes, die sich eigentlich erst vollzogen hat in den zwei letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und seit der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Sehen sie, wenn früher gedacht wurde: der leere Raum, in dem leeren Raum Bewegungen, Bewegungen der Materie, sowohl der schweren Materie wie des Äthers —, so war gewissen Vorstellungen keine Grenze gesetzt. Das, was da in den Raumwürfeln aus einem Würfel in den anderen hineintanzte, das konnte man sich ja mit einer beliebigen Geschwindigkeit vorstellen. Und das stellte man sich auch als starr, selbst als unveränderlich vor. So ein Körnchen wurde selbst als unveränderlich gedacht und wurde der Berechnung als unveränderlich zugrundegelegt. Man war an gar nichts anderes gebunden als an das, was einem die ausgedachten Vorstellungen von Raum, Zeit, Bewegung und Masse aufbürdeten.
[ 13 ] Namentlich viele Äthertheorien hat man konstruiert unter dem Einfluß dieser Vorstellungen. Der Äther war bald ein starrer Körper, der nur nicht schwer ist, bald war er eine Flüssigkeit, bald war er eine Summe von Wirbeln der Materie und so weiter. Alle möglichen Gestaltungen und Konfigurationen sah man hinein in diesen Äther. Man machte auch Modelle, wie sich da der Äther in gewissen Raumesteilen eigentlich benimmt. Insbesondere in England wurden, weil man dort darauf bedacht war, alles räumlich vorzustellen, viele solche Äthermodelle konstruiert. Wir in Mitteleuropa konnten noch die Nachklänge dieser Äthermodellkonstruktionen vernehmen, wenn wir die alten Theosophen kennengelernt haben. Die Theosophen haben nämlich diese Äthermodellkonstruktionen nachgemacht, und ich kannte einen solchen alten deutschen Theosophen, der aber seine ganze Theorie von England gelernt hatte. Der hat mich einmal auf seinen Dachboden geführt, und da stand alles voll von Äthermodellen, riesigen Äthermodellen. Da konnte man sehen, wie merkwürdig die Windungen, die Bewegungen stattfanden, so herum und dann wieder so herum, sich ineinanderschlingend — alles mögliche war da ineinander verschlungen. Es waren furchtbar komplizierte, aber fein ausgedachte Verschlingungen desjenigen, was da im Äther vor sich gehen sollte. Die Menschen, welche solche Modelle ausdachten, waren zum Teil weit entfernt von dem, was eigentlich in der Wirklichkeit lebt.
[ 14 ] Aber man war nach und nach doch genötigt, auf diese Wirklichkeit etwas Rücksicht zu nehmen, und aus diesem Bestreben ging dann so etwas hervor wie die Theorie Einsteins, die sogenannte Relativitätstheorie, die Theorien von Mie, Nordström, Hilbert und so weiter; es ist ja eine ganze reiche Literatur heute über diese Relativitätstheorie da. Ich möchte Ihnen nur zwei Vorstellungen dieser Relativitätstheorie vor die Seelenaugen führen, und dann werden wir sehen, wohin man gekommen ist, als man wenigstens den Versuch machte, aus der reinen Phantasie im Weltbild wieder herauszukommen. Das erste, wozu man sich gedrängt fühlte unter dem Einfluß Lorentzscher Experimente und des Einsteinschen schrecklich grauen, abstrakten Denkens, aber immerhin unter gewissem Rücksichtnehmen auf die Wirklichkeit, war, auf dieses Weltbild und auch diese schönen Modelle gar keine Rücksicht zu nehmen. Um zu charakterisieren, worauf man kam, als man da herauskommen wollte, will ich Ihnen sagen, wie man dazu kam, die Geschwindigkeit des Lichtes gewissermaßen als die Urgeschwindigkeit anzusehen, als die Urgeschwindigkeit im Weltraum.
[ 15 ] Wer in dieser Weise phantasiert (siehe Tafel 1), der hat nicht nötig, an irgendeine Urgeschwindigkeit zu denken, denn diese kleinen Kameraden da drinnen in den Raumwürfeln, die können sich mit jeder beliebigen Geschwindigkeit oder Langsamkeit und selbstverständlich auch schneller als das Licht bewegen. Man braucht das nur anzunehmen.
[ 16 ] Aber gewisse Erscheinungen, auf die man doch Rücksicht nehmen mußte, die nötigten dazu, das Licht — ich will nicht sagen, daß das richtig ist, aber jedenfalls, es wurde ausgesprochen und es wurde endlich zur Annahme —, das Licht als diejenige Geschwindigkeit anzunehmen, über die hinaus es eine Steigerung des Geschwindseins nicht mehr gibt, so daß also nichts geschwinder sein kann als das Licht. Alles andere also, was an Geschwindigkeiten in der Welt existiert, muß dann am Lichte gemessen werden.
[ 17 ] Nun, solch eine Annahme, die vertrug sich aber nicht mehr mit der Annahme des Äthers, wie ihn dieses bisherige Weltbild vorausgesetzt hatte. Denn wenn man das Licht mit Urgeschwindigkeit annahm und alles übrige in Vergleich zog mit der Geschwindigkeit des Lichtes, dann konnte man nicht die ganze Summe von Vorstellungen in diesem Weltbild unterbringen, die man mit dem Äther verbunden hat. Und so kam es, daß zum Beispiel Einstein den Äther vollständig wegließ und jetzt gar kein Äther mehr angenommen wurde. In der Einsteinschen Relativitätstheorie haben Sie ein Weltbild ohne Äther. Da wirkt also das Licht durch den leeren Raum mit dem Maximum aller vorhandenen Geschwindigkeit. Alles übrige muß sich nach dem Lichte richten. Legt man diese Vorstellungsart zugrunde, dann kommt man zu einer bedeutsamen Folgerung. Da handelt es sich nämlich nur darum, daß sich ein fester Körper schnell genug bewegt. Er kann seine Geschwindigkeit ja fortwährend steigern, er kann sie nur nicht über die Lichtgeschwindigkeit hinaus steigern. Also nun haben wir es nicht mehr zu tun mit der Bewegung eines festen Körpers durch den Äther. Man spricht jetzt, weil kein Äther mehr dabei gedacht wird, über die Bewegung als solche, die auch von festen Körpern ausgeführt wird, und man spricht davon, daß die Bewegung nicht ohne Einfluß zum Beispiel auf die Ausdehnung, sagen wir auf die Länge eines festen Körpers ist. Und so kam Einstein zu der Vorstellung, daß ein fester Körper von einer bestimmten Länge einfach dadurch kürzer wird, daß er sich bewegt, also durch gar nichts anderes als dadurch, daß er sich bewegt.
[ 18 ] Bedenken Sie doch nur einmal: Insofern Sie selber feste Körper sind — wenn Sie sich mit einer gewissen Geschwindigkeit durch den Raum bewegen würden, würden Sie in der Richtung, in der Sie sich bewegen, immer dünner und dünner werden, und zuletzt würden sie so dünn werden wie ein Blatt Papier. Also dadurch, daß man den Äther wegließ, wurden gewisse Veränderungen des Weltbildes nötig. Und diese folgenden zwei Sätze spielen heute in der physikalischen Erkenntnistheorie eine außerordentlich große Rolle: erstens, daß die Lichtgeschwindigkeit die Maximalgeschwindigkeit ist, daß man also nirgends eine größere Geschwindigkeit voraussetzen darf, als sie das Licht hat, daß das Licht also die Urgeschwindigkeit hat, und zweitens die Annahme, daß feste Körper einfach dadurch ihre Ausdehnung ändern, daß sie sich bewegen, daß die Bewegung selber also eine Ursache sein kann für die Veränderung der Größe, der Ausdehnung selbst der festen Körper.
[ 19 ] Wenn Sie diese zwei Vorstellungen nehmen und sich sagen, wie verschieden diese zwei Vorstellungen sind von all dem, was wir als Menschen uns denken nach den Erfahrungen unserer Umgebung, so werden Sie sich zugleich eine Meinung bilden können über das, wozu Einstein, Mie, Nordström und so weiter genötigt worden sind in dem physikalischen Weltbild. Sehen Sie, es gibt ja jetzt schon ein physikalisches Weltbild, das sogar von einer ganzen Reihe von Leuten angenommen worden ist, das rechnet mit diesen Vorstellungen von der maximalen Lichtgeschwindigkeit und von der Ausdehnung, Veränderung durch die Bewegung selbst bei festen Körpern. Dieses Weltbild hat nichts mehr zu tun mit dem Weltbilde, an das wir noch in der Jugend gewöhnt worden sind und das noch bei Laien spukt, wenn sie Weltanschauungen verzapfen. Dieses Weltbild hat eigentlich im Grunde alle alten physikalischen Vorstellungen revolutioniert. Interessant ist es, daß dieses Weltbild sogar die alte Newtonsche Anschauung von der Gravitation, von der Schwere, von der Anziehungskraft der Masse revolutionieren will, daß also der Newtonsche Satz nicht mehr gelten soll, daß die Massen sich anziehen, abnehmend mit dem Quadrate der Entfernung. Aber dasjenige, was sich als Änderung der Masse geltend macht nach der Einsteinschen Theorie, das ist im Grunde genommen auch nur ein Rechnungsresultat. Man soll also auch die Wirkungen nur berechnen, die man früher zugeschrieben hat der Schwere, der Gravitation und so weiter. Allerdings ist Einstein genötigt, eine andere Geometrie zu denken für sein Weltbild. Was ist diese andere Geometrie? Das kann man sehr einfach sagen. In unserer Geometrie gilt der pythagoräische Lehrsatz und es gilt, daß, wenn zwei Geraden parallel sind, sie sich auch in unendlicher Entfernung nicht schneiden. In unserer Geometrie gilt auch der Satz: Die drei Winkel eines Dreiecks sind 180 Grad. In der Geometrie, die da [von Einstein] angenommen wird, gelten solche Sätze nicht mehr. Da gilt zum Beispiel unter gewissen Voraussetzungen, daß die drei Winkel eines Dreiecks größer sind als 180 Grad, oder auch kleiner als die 180 Grad. Das ist aber nur möglich, wenn man sich den Raum ganz anders vorstellt, als man ihn für gewöhnlich sich vorgestellt hat, nämlich daß man in dieser Weltanschauung den Raum als leeres Vakuum sich vorstellt.
[ 20 ] Sehen Sie, da ist dann eine Art Kompromiß zustande gekommen zwischen denjenigen, die die alte euklidische Geometrie überwunden und eine andere Geometrie an ihre Stelle gesetzt haben: Lobatschewskij, Riemann, Gauss und so weiter, die eingeführt haben das Rechnen mit mehr als drei Dimensionen. Und Einstein kommt ja auch nicht anders zurecht, als daß er die mehrdimensionale Mannigfaltigkeit einführt. Man kann also einfach dadurch, daß man mehrdimensionalen Raum einführt, gewissermaßen die Schwerkraft mit hineinnehmen in diesen mehrdimensionalen Raum. Das ist eigentlich furchtbar einfach.
[ 21 ] Sehen Sie, nimmt man den dreidimensionalen Raum an und rechnet in diesem dreidimensionalen Raum, dann sind die Wirkungen der Schwerkraft nicht drinnen. Da muß man extra etwas annehmen für die Schwerkraft, eben eine von den Massen ausgehende Kraft, durch die sie sich anziehen oder einen Druck oder so etwas ausüben — Druckkräfte, durch die die Massen zusammengestoßen werden oder dergleichen. Aber wenn man außer diesen drei Dimensionen noch eine vierte annimmt und nichts anderes weiß als das, was die Rechnung ergibt, so hat man ja gut Gelegenheit, auch noch die Schwerkraft unterzubringen. Denn solange man nur mit drei Dimensionen rechnet, da muß man für die Schwerkraft etwas extra annehmen; wenn man aber das, was man sonst für die Schwerkraft ausgerechnet hat, schon in den Raum nimmt, indem man ihm noch eine Dimension aufbürdet, kann das auch für dasjenige herauskommen, was man sonst für die Schwerkraft errechnet hat. Jedenfalls aber sehen Sie, daß da plötzlich etwas auftritt, was ganz neu eingreift in die alten Vorstellungen. Plötzlich tritt da etwas auf wie die paradoxe Vorstellung, daß ein Körper rein dadurch kleiner werden kann, daß er sich bewegt. Ein bloßer fester Körper — ich will gar nicht sagen ein Tier, von dem man vielleicht annehmen kann, daß es durch die Kraftanstrengung schrumpfe oder so etwas —, ein bloßer fester Körper wird nicht dadurch kleiner, daß man ihn abkühlt, sondern dadurch, daß man ihn bewegt. Dazu sieht man sich genötigt. Es schlägt auf einmal das Weltbild, das man so sicher geglaubt hat, um, und man kommt zu ganz entgegengesetzten Vorstellungen. Es ist nämlich sehr merkwürdig, wenn man mit dem Blick des Psychologen so etwas zusammenhält, wie ich es Ihnen dargestellt habe.
[ 22 ] Diese Vorstellung von dem Raumvakuum, von der Zeit, die gewissermaßen ja von einem Nicht-Anfang bis zu einem Nicht-Ende geht, wenn man dieses starre Weltenbild, das etwas furchtbar in sich Starres hat, wenn man das vergleicht mit dem Einsteinschen, dann wird das Einsteinsche Weltbild — ich möchte sagen, es wird plötzlich so etwas wie schleimig. Das erstere ist außerordentlich trocken, läßt sich überall angreifen und anfühlen als etwas außerordentlich Trockenes, und nun wird’s plötzlich schleimig — die Körper hören auf, ihre Ausdehnung zu behalten, durch die bloße Bewegung werden sie zu Mollusken. Es ist das eigentlich ein furchtbarer Umschlag der physikalischen Grundvorstellung in den letzten zwei Jahrzehnten. Den würdigt die Welt noch gar nicht, obwohl er von sehr vielen Seiten her immer wieder als eine der größten Errungenschaft des modernen Denkens vor die Welt hingestellt wird. Allein, es kommt einem leider schon vor, meine lieben Freunde, als wenn es der modernen Menschheit überhaupt zu dumm geworden wäre, noch zu denken. Daher kümmert sie sich schon gar nicht darum. Da reden heute sogar schon die Zeitungen von der Einsteinschen Theorie, die eigentlich alles umwirft, was die Leute noch denken, wenn sie in der populären Weltanschauung leben. Nun ja, es macht keinen Eindruck auf die Leute; sie lesen diese Einsteinsche Physikrevolution wirklich geradeso, wie sie lesen, daß, nun, sagen wir die Milch wiederum um 10 Centimes teurer geworden ist. Es ist gar nicht mehr irgend etwas in der Menschheit, was zeigen würde, daß diese Menschen das noch mitleben, was einzelne unter ihnen denken.
[ 23 ] Diese Revolution der Physik hat schon stattgefunden, und es ist das Weltbild, das noch vor vier Jahrzehnten ganz fest stand, gewissermaßen umgeschlagen in eine Summe von solchen Vorstellungen, die nun ganz anderer Art sind. Wer heute die Gedanken, die von Einstein, Mie, Nordström herrühren, auf sich wirken läßt, der hat etwas ganz anderes vor sich, als was die physikalischen Theoretiker vor vier Jahrzehnten uns vortrugen in den Hochschulen. Natürlich, in die Verzweigungen der einzelnen Wissenschaften konnte sich die Sache noch nicht hineinbegeben, aber das ist auf dem Wege, denn man findet schon eine Art von Brücke auch zu der Zellenlehre herüber, und das wird schon kommen: Die Einsteinsche Theorie wird auch die Zellenlehre ergreifen, dann wird sie in die Organik hineinkommen und so weiter.
[ 24 ] Sehen Sie, für denjenigen, dem das Schicksal der Menschheit am Herzen liegt, für den ist ein solcher Umschlag in den Vorstellungen der Weltanschauung von außerordentlich tiefer Bedeutung, denn er muß sich fragen: Woher kommt denn so etwas in der ganzen Entwicklung der modernen Menschheit? Wovon hängt denn so etwas eigentlich ab? Sehen Sie, in Zeiten, die vorangegangen sind dem großen Umschlag, diesem Sprung in der Entwicklung der Menschheit — der in der Mitte des 15. Jahrhunderts stattgefunden hat, der aber jetzt ein natürlicher war —, in solchen Zeiten, die diesem Umschlag vorangingen, hätte man weder dieses physikalische Weltbild haben können noch die Einsteinsche Relativitätstheorie. Dazumal, vor der Galilei-Zeit, da haben die Menschen natürlich auch gedacht, aber sie haben noch mehr in Bildern gedacht, in solchen Bildern, die ähnlicher sind den in den Wirklichkeiten gegebenen Kräften. Die abstrakten Vorstellungen, durch die wir heute auch die Naturgesetze erfassen wollen, sind den wirklichen Kräften eben ganz unähnlich. Die Menschen hatten früher ihre Begriffe noch mit gewissen Imaginationen durchdrungen. Sie haben noch die Möglichkeit gehabt, Beziehungen zur Wirklichkeit einzugehen. Diese Möglichkeit haben sie dadurch gehabt, daß für die Menschen sich noch etwas ergeben hat von Nachwirkungen des vorgeburtlichen geistig-seelischen Lebens, des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Daß die Vorstellungen nicht abstrakt geworden sind, sondern konkrete, von Bildstruktur durchzogene, das verdankt man eben dem Hereinwirken dessen, was man durchlebt hatte zwischen dem letzten Tod und dieser neuen Geburt. Diese Fähigkeit ging verloren, und es blieb nur das zurück, was abstraktes Denken ist, was aber eigentlich nur einen wirklichen Wert hat, wenn es noch erfüllt ist von dem Nachklang der Kräfte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das wurde allmählich gewissermaßen ganz herausdestilliert, und im 19. Jahrhundert blieb übrig dieses Weltbild, weil alles, was in ihm früher geistigen Ursprung hatte, ausgeleert wurde. Die Kräfte, die man zu diesem Weltbild verwendet, haben eigentlich nur einen Sinn, wenn sie ihren Inhalt aus der geistigen Welt nehmen, sonst ist es ein leerer Formalismus. Und dieser Formalismus wurde angewendet auf die äußere Sinneswelt, auf die er gar nicht paßte, für die er gar nicht angepaßt war. Man unterlag, ich möchte sagen einem schrecklichen Schicksal: dasjenige, was hell hätte aufleben können in einem inneren Erleben, das anzuwenden auf die äußere Welt.
[ 25 ] Ich glaube, Sie können von dem, was ich jetzt eigentlich meine, etwas nachempfinden, wenn Sie einmal Novalis aufschlagen und in den Aphorismen von Novalis wahrhaftige Hymnen finden, zum Beispiel auf die Mathematik, auf die reine Mathematik, die er ein großes Gedicht nennt, ein wunderbares Gedicht, eine wunderbarste Phantasieschöpfung. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dem Novalis in der Gegenwart dies nachfühlen, aber man kann es ihm nachfühlen. Man kann es ihm nachfühlen, wenn man weiß, daß eben Novalis eine Ahnung davon hatte, wie die Mathematik plötzlich zu etwas Wunderbarem wird, wenn man sie nicht bloß anwendet auf die äußere Sinnenwelt, wo sie rein formalistisch wird, sondern sie hinaufträgt in die geistige Welt, sie von Imaginationen der geistigen Welt erfüllen läßt. Denn wendet man sie an auf die äußere Sinnenwelt, so gefällt einem wirklich alles Reden von dieser Sinnenwelt nicht. Man redet gar nicht mehr von dieser wirklichen Welt, man redet eigentlich von etwas ganz Närrischem. Man kann, wie gestern bemerkt worden ist, gar nicht ohne Verlogenheit ein solches Weltbild aufstellen, denn es ist dabei keine Rücksicht genommen auf das, was man sonst im Leben wirklich vorstellt. Man wirft alles heraus, als wäre es nicht da. Man kann gar nicht solch eine Welt, die nicht rot und nicht blau ist, nicht warm und nicht kalt, die nicht dick und nicht dünn ist, die nicht laut und nicht stumm ist, man kann sie gar nicht vorstellen in Wirklichkeit. Man kann sie errechnen, aber man kann sie nicht vorstellen. Man verwandelt die ganze Welt in einen leeren Formalismus.
[ 26 ] Das hört sofort auf, wenn man diese Mathematik hinaufträgt in die geistige Welt. Da wird es offenbar, da wird es zu etwas Großem. Und nun, sehen Sie, ist die Welt heute an dem Scheideweg. Sie soll auf der einen Seite aufhören damit, dieses formalistische Weltbild auszubauen, denn das ist nichts anderes als eine ausgepreßte Zitrone, und sie soll sich bequemen, auf einem anderen Wege wiederum zu einem geistigen Inhalte zu kommen, nicht Atome und ihr Weben auszusinnen, sondern in den Phänomenen, die rings um uns herum sind, den Geist zu suchen. Das sollten wir. Wir sollten beweglich werden, wir sollten eindringen können in das Organische.
[ 27 ] Vorgestern wurde Ihnen von Herrn Dr. Unger so schön dargestellt, wie es notwendig ist, daß das naturwissenschaftliche Denken innerlich beweglich wird, innerlich zum Metamorphosieren aufrückt, so daß dieses Denken nachkommen kann dem Sich-Metamorphosieren der organischen Gestalten. Ja, dies sollte die Menschheit. Aber sie ist unter dem Einfluß dieses neuen Weltbildes neurasthenisch geworden. Sie ist unter dem Einfluß dieses starren, trockenen Weltbildes von der Zeit und der Bewegung und dem Raum und der Masse ganz neurasthenisch geworden, zappelig, furchtbar zappelig geworden. Und statt daß sie sich mit ihrem Denken hineinfühlt in die sich metamorphosierende Organik, statt daß das Denken richtig organisch metamorphosierend wirkt, wird dieses Denken molluskenhaft. Und statt die Goethesche Metamorphose zu denken, denkt man auf neurasthenische Art, wie der feste Körper kürzer wird, wenn er sich bloß bewegt. Da haben Sie das Beweglichwerden des Denkens unter der Ägide unserer Zeitvorstellung. Da haben Sie das, was man zwar mit Recht fordert, was aber unsere Zeit nur auf neurasthenische Art erfüllt. Da haben Sie gewissermaßen zunächst als Ankündigung dasjenige, was kommen sollte, aber es kommt auf neurasthenische Art.
[ 28 ] Diese Dinge muß man durchaus ins Auge fassen, meine lieben Freunde, wenn man die Gegenwart verstehen will. Einstein, Mie, Nordström, Hilbert und so weiter, sie stehen, ich möchte sagen unter dem Eindrucke der herankommenden geistigen Welle. Aber das sind ja lauter Neurastheniker, Weltanschauungsneurastheniker, die sich entgegen begeben dem Denken, das von der wirklichen modernen Erkenntnistheorie gefordert werden muß; sie erfüllen es auf neurasthenische Art. Die Goethesche Metamorphose können sie nicht denken; aber das alte, trockene, starre Weltbild, das, ich möchte sagen selbst kühl bis in die Fingerspitzen gemacht hat, wenn man es in seiner Trockenheit berührt hat, das machen sie schleimig, molluskenhaft. Natürlich ist das Denken «beweglich», wenn es vorstellen kann, daß der Mensch, wenn er nur schnell genug durch den Weltenraum fliegt, ganz flach wie ein Blatt Papier wird. Da haben sie das «bewegliche» Denken, aber das bewegliche Denken im Lichte der Neurastheniker, im Lichte der Weltanschauungsneurastheniker; diese Weltanschauungsneurasthenie, auf die Ihnen oftmals hingedeutet worden ist, die steckt ganz tief in unseren Weltanschauungen drinnen. Das ist dasjenige, was heute vor die Seelen zu führen ist. Wir haben heute tatsächlich ein Neurasthenischwerden unserer Weltanschauung. Geisteswissenschaft soll diese Neurasthenie heilen. Das ist auch eine Forderung der Zeit.
[ 29 ] Nun, wir wollen dann morgen, nachdem wir diese Episode durchlaufen haben, wieder einiges hineintragen in mehr anthroposophische Betrachtungen.
