Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a
14 January 1921, Dornach
13. Proben für die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften III
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist oftmals und gewiß mit Recht betont worden, wie in der neueren Entwicklung der Menschheit schädigend eingegriffen hat dasjenige, was man im äußeren Leben die Teilung der Arbeit nennt. Und wer mit unbefangenen Blicken das soziale Leben in seiner Entfaltung in der neueren Zeit überschaut, der muß sich allerdings sagen, in welch tiefgreifendem Maße es auf die Individualitäten der Menschheit gewirkt hat, daß die Persönlichkeit in früheren Zeiten Dinge verrichtet hat, an die sie gewissermaßen auch seelisch gebunden war. Man denke nur, welch innere Befriedigung im alten Handwerk lag, wo dasjenige, was man verfertigte, durchschaubar war in bezug auf seine Stellung in dem ganzen Zusammenhang der menschlichen Umgebung. Das Türschloß, das ehemals verfertigt worden ist von dem Handwerker, es konnte ihm Freude machen, weil er den Weg überschauen konnte, den es nahm von seiner Hand bis zu seiner Bestimmung. Wie anders sind die Dinge heute, wo der einzelne Mensch Tag für Tag, Stunde um Stunde irgendein einzelnes Glied eines großen Ganzen verfertigt, ohne irgendwie ein Interesse haben zu können an dem, was da aus seiner Hand oder aus der Maschine vermittelst seiner Hand hervorgeht, weil er ja nicht unmittelbar verbunden ist mit dem Weg, den das betreffende Ding durchmacht von seinem Verfertiger bis zu seiner schließlichen Bestimmung. Diese Teilung der menschlichen Arbeit, die den Menschen gewissermaßen fesseln muß an etwas, woran sein Interesse niemals haften kann, die daher den Menschen in seinem ganzen Leben ungeheuer vereinseitigen muß, diese Teilung der Arbeit, sie wird uns ja, wenn wir morgen den sozialen Prozeß studieren werden, noch besonders beschäftigen müssen.
[ 2 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, es gibt ja in der neueren Zeit eine andere Teilung der Arbeit. Und diese andere Teilung der Arbeit — wenn sie auch weniger oft hervorgehoben wird, ja, wenn es auch geschieht, daß ihre Vorteile sogar gerühmt werden, wenn sie genannt wird —, diese andere Teilung der Arbeit, sie greift im Grunde genommen viel tiefer in den einzelnen Menschen und damit in das ganze menschliche Leben ein. Und diese Teilung der Arbeit, die ja in einer gewissen Art auch berechtigt ist — das soll nicht angezweifelt werden —, die vor allen Dingen im historischen Werdegang der Menschheit notwendig heraufkommen mußte, diese Teilung der Arbeit aber, sie wirkt, weil ihr bisher kein genügendes Gegengewicht entgegengehalten wurde, auf die Dauer eigentlich noch schädlicher im ganzen menschlichen Leben als die vorher angeführte. Es ist die Teilung der Arbeit, die auf dem Gebiet des Erkennens eingetreten ist und auf dem Gebiet alles desjenigen, was mit dem Erkennen zusammenhängt: es ist die Teilung der Arbeit auf dem Gebiet der Wissenschaft. Man kann heute, wenn man den üblichen Bildungsweg als Wissenschafter durchmacht, eingesponnen werden in eine Fachwissenschaft. Man nimmt dann gerade diejenige Art und Weise des Denkens auf, des Vorstellens über gewisse Dinge, die durch die Teilung in einzelne wissenschaftliche Disziplinen und Unterdisziplinen und Unter-Unterdisziplinen und so weiter eingetreten ist. Da vereinseitigt man nicht bloß äußerlich, da vereinseitigt man die Seele. Da verurteilt man sich zum Beispiel dazu, gewisse Formen von Vorstellungen aufzunehmen, sich einzuleben in den Zusammenhang solcher Vorstellungen, und dann sagt man von dem, was in diesen Zusammenhang hineinpaßt, es könne streng exakt bewiesen werden; aber das, was aus einem anderen Zusammenhang herausgeboren ist, von dem sagt man, man sei darüber nicht kompetent.
[ 3 ] Aber alles, was der Mensch wissen kann, das stammt endlich aus der Gesamtnatur des Menschen; und das wiederum, was im Zentrum des Menschen als ein tiefes seelisches Bedürfnis vorhanden ist, das strebt nach Ganzheit. Es ist im Grunde, wenn die Vereinseitigung ohne Gegengewicht so stark wird, wie sie im Laufe der Zeit geworden ist, zuletzt eine Verstümmelung des Seelenwesens, unter der der Mensch schwer leiden muß. Eine solche Verstümmelung des Seelenwesens führt sicher endlich dazu, daß sich die Träger der geistigen Kultur nicht mehr untereinander verständigen können. Sie führt dazu, daß der Träger der geistigen Kultur auf irgendeinem Fachgebiet in Vorstellungen lebt, die absolut nicht anwendbar sind auf einem anderen Fachgebiet, daß er in Vorstellungen lebt, die sogleich sich als starr, als unanwendbar ausnehmen, wenn er irgend etwas begreifen will, was auf einem anderen Fachgebiet liegt.
[ 4 ] Wenn man bedenkt, daß ja alles, was menschliches Tun und Treiben ist, schließlich doch abhängen soll von denen, die als geistige Führer ausgebildet werden, dann wird man zugeben müssen, daß unter dieser fachmäßigen Verstümmelung des Seelenlebens, für die ein Gegengewicht heute in höchst ungenügendem Maße geschaffen wird, diese Persönlichkeiten ungeeignet werden, wirkliche geistige Führer zu sein. Das ist heute mit Händen zu greifen, daß es der Menschheit fehlt an der geistigen Direktion, daß es der Menschheit fehlt an entsprechenden Richtungen. Mehr als irgend etwas anderes ist das an den katastrophalen Ereignissen unserer Zeit schuld. Und gerade aus einer wirklichen, einer nicht-oberflächlichen, sondern aus einer gründlichen Erkenntnis dieses Zustandes ist das hervorgegangen, was versucht wird, in Dornach zu treiben, wo das Goetheanum, die Hochschule für Geisteswissenschaft ist. Sie soll auf der einen Seite gerade voll anerkennen die Notwendigkeit, das Gesamtwissen in Fachwissenschaften zu trennen, zu gliedern, aber sie soll auf der anderen Seite überall zwischen den Fachwissenschaften die notwendige Brücke schlagen. Sie soll, mit anderen Worten, aus seelisch einseitigen Persönlichkeiten, wie sie durch die Fachwissenschaften werden müssen, seelische Gesamtpersönlichkeiten, Totalpersönlichkeiten entwickeln. Gerade dadurch möchte die Geisteswissenschaft eine der wichtigsten Aufgaben unseres Zeitalters erfüllen. Diese Hochschule für Geisteswissenschaft, sie kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß man heute den Zeiterfordernissen genügen könne, wenn man einfach das, was an unseren Hochschulen in den einzelnen spezialisierten Fachwissenschaften geleistet wird, nun durch allerlei Kanäle hinunterträgt in die breiten Massen des Volkes.
[ 5 ] Gewiß, aus den allerbesten Meinungen gehen sie hervor, diese Volkshochschulen, Volksbildungsmittel und so weiter. Aber kann man denn hoffen, daß das, was auf diese Weise unter der Decke unserer Bildungsanstalten getrieben wird, dann wirklich fruchtbringend wirken könne, wenn es in die breiten Massen des Volkes getragen wird, wenn man durchschaut, wie die Vereinseitigung des Wissens, des Erkennens in den einzelnen Fachwissenschaften dazu beigetragen hat, daß wir in diese katastrophalen Zeiten hineingeraten sind, zu deren Charakterisierung ein Spengler sagt, daß die moderne Zivilisation unbedingt in ihren Untergang hineinsegeln muß? Kann man das noch erhoffen, wenn man einsieht, wieviel diese Vereinseitigung beigetragen hat zu unseren Katastrophen? Durchschaut man das, dann muß man sich sagen: Das, was bei einer dünnen Schicht der Menschheit in einer solchen Weise gewirkt hat, daß es in die Katastrophe hineingeführt hat, das müßte erst recht in die Katastrophe hineinführen, wenn es hinausgetragen würde in die breiten Massen der Menschheit. Aus diesem Untergrund der Einsicht heraus ist man bei der Gründung der Dornacher Hochschule für Geisteswissenschaft der Überzeugung gewesen, daß nicht etwa bloß notwendig ist, das heutige Bildungswesen zu popularisieren, es auszubreiten in die weiten Massen der Menschheit, sondern daß auch der andere Prozeß notwendig ist: eine neue Art des Wissens hineinzutragen gerade in unsere Hochschulen, damit von diesen Hochschulen etwas anderes ausgehen könne als das, von dem man nicht gerade hoffen kann, daß seine Popularisierung besonders fruchtbringend in den breiten Massen wirken werde.
[ 6 ] Das mag radikal klingen, aber wer den Entwicklungsprozeß der Menschheit in unserem Zeitalter überschaut, der wird nicht anders können, als durch eine treuliche Beobachtung der Tatsachen zu dieser Überzeugung zu kommen. Ich möchte gerade auf etwas Konkretes eingehen, um Ihnen zu zeigen, wie die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, überall darauf hinarbeitet, den Menschen nicht einzuzwängen mit seinen Begriffen, mit seinen Vorstellungen in irgendein Fachgebiet, sondern ihn in diesem Fachgebiet so auszubilden, daß er aus diesem Fachgebiet heraus den Weg findet zum Verständnis anderer Zweige der Wissenschaften. Gewiß, man braucht nicht auf jedem Gebiet irgendwie maßgeblich zu sein — unter den heutigen Verhältnissen kann man das gar nicht —, aber ein menschliches Zusammenleben ist nur möglich, wenn die Persönlichkeiten so zusammenwirken, daß aus den einzelnen Gebieten heraus mit den dort errungenen Vorstellungen die anderen Gebiete wenigstens verstanden werden können. Denn gegenseitige Verständigung unter den Menschen ist das, was wir unbedingt anstreben müssen, wenn wir vorwärtskommen wollen in dem Prozeß der Menschheitsentwicklung, der heute so viele Niedergangserscheinungen zeigt.
[ 7 ] Wenn Sie irgendeinen physikalischen Prozeß sehen, sagen wir, wie unter dem Einflusse der Erwärmung eines Körpers dasjenige zutagetritt, von dem der Physiker sagt, es wird Wärme frei, Wärme, die früher latent war, die also gewissermaßen in dem Körper drinnen verborgen war, wenn Sie das sehen und dann die Vorstellungen betrachten, die sich der Physiker macht über ein solches Freiwerden von Wärme, die früher unter gewissen Bedingungen nicht äußerlich erschienen ist, sondern an den Körper innerlich gebunden war, dann werden Sie sagen: Dem Physiker wird es in seinem Fach nicht einfallen, wenn er bei gewissen Versuchsanordnungen in den Körpern Wärme auftreten sieht, die früher latent war und jetzt freie Wärme wird, etwa nur von einer Entwicklung in gerader Linie zu sprechen und zu sagen, das Auftreten der freien Wärme beruhe eben darauf, daß dasjenige, was früher da war, sich dahin entwickelt habe, die freie Wärme einzuschließen. Man gewöhnt sich an, hier nicht in abstrakter Weise etwa bloß von Entwicklung zu sprechen, sondern man versucht, in konkreter Art über den Vorgang Aufschluß zu gewinnen. Mag vieles an solchen Vorgängen noch unerklärt sein, mag manches heute noch als Hypothese zu Hilfe gerufen werden, aber man versucht, wenigstens auf physikalischem Gebiet, nicht solche abstrakten Vorstellungen wie «Entwicklung» einfach hinzustellen, sondern man versucht einzudringen in das, was da eigentlich geschehen ist, wenn freie Wärme aus latenter Wärme, aus gebundener Wärme entsteht.
[ 8 ] Aber gehen wir jetzt zu einem anderen Gebiet, dann werden Sie sehen, wie da, ich möchte sagen der Geist der Abstraktheit den Menschen ergreift, weil er das, was er auf physikalischem Gebiet entwickelt hat, noch nicht auf einem anderen Gebiet entwickeln kann, weil es noch nicht gelungen ist, die Brücke zu schlagen von einem Fach, das eine gewisse Ausbildung schon erfahren hat, zu einem Fach, das gerade durch die Teilung der Arbeit auf dem Erkenntnisgebiete verstümmelt geblieben ist. Das, was eingetreten ist, indem die einzelnen Menschen sich in ihre Fächer so hineingelebt haben, daß sie sich gegenseitig nicht verstehen, das hat die Wissenschaftlichkeit selbst ergriffen, das hat auch vereinseitigend auf die Wissenschaft selbst gewirkt, weil mächtig geworden ist das Gebiet der anorganischen Naturwissenschaft.
[ 9 ] Nehmen wir den sich entwickelnden Menschen. Wir sehen, wie der Mensch von der ersten Kindheit an allmählich sich entwickelt, von Jahr zu Jahr, bis er erwachsen ist. Man verfolgt diese Entwicklung einfach in einer geradlinigen Weise. Man redet davon wirklich so, wie wenn das, was der Mensch im zehnten Jahr erreicht, sich nun eben in geradliniger Fortentwicklung ergeben habe aus dem, was er in früheren Jahren war. Man sieht in einer gewissen Zeit der Lebensentwicklung seelische Eigenschaften auftreten; der Mensch bekommt in irgendeiner Weise die Eigenschaft zu denken; er bekommt andere Eigenschaften, die gewissermaßen aus den Tiefen seines Inneren an die Oberfläche des Lebens dringen. Man beachtet den Zusammenhang zwischen den körperlichen und den seelischen Erscheinungen nicht in einer so innigen Weise, wie man es zum Beispiel auf dem physikalischen Gebiet versucht, das ich eben angeführt habe. Aber notwendig ist es, daß man denselben Geist konkreter Beobachtung, welchen man anwendet zum Beispiel auf physikalischem Gebiet, überträgt auf ein Gebiet, wo allerdings die Erscheinungen komplizierter sind.
[ 10 ] Bemüht man sich aber, in die Kompliziertheit der Erscheinungen einzutreten, dann kann man den Geist von einem Gebiet in das andere hinübertragen. Man muß aber dann so vorgehen, daß man sich sagt: Es gibt im menschlichen Leben Epochen, die in einer gewissen Weise abschließen und neuen Epochen durch bedeutsame Wendepunkte Platz machen. Zwei solche Epochen in der menschlichen Entwicklung — natürlich gibt es auch in der tierischen Entwicklung Epochen, ich spreche aber jetzt nur von der menschlichen Entwicklung —, zwei solche Epochen sind zum Beispiel der Zahnwechsel gegen das siebente Jahr hin und dann wiederum die Geschlechtsreife gegen das vierzehnte Jahr hin. Der Zahnwechsel und die Geschlechtsreife sind solche Wendepunkte. Nun handelt es sich darum, daß man wirklich mit konkreter Beobachtung das auffaßt, was bis zu diesen Einschnitten in der Entwicklung des menschlichen Lebens vor sich geht.
[ 11 ] Wer das treulich beobachtet, der wird finden, wie zunächst in der körperlichen Entwicklung bis zum Zahnwechsel etwas vor sich geht, was allerdings mit diesem Zahnwechsel in einer gewissen innigen Beziehung stehen muß. Es genügt ja nicht, daß man einfach sozusagen von außen her den Menschen betrachtet. Man muß sich klar sein, daß das, was mit dem Zahnwechsel einen Abschluß findet, so daß etwas Ähnliches in der folgenden Lebensepoche sich nicht mehr im Organismus abspielt, daß das den ganzen Organismus durchdringt. Man wird, wenn man eine solche Tatsache wirklich richtig in einem konkreten Erkenntnisprozeß verfolgt, sagen: Da geschieht etwas von der Geburt oder Empfängnis an bis zu dem Zahnwechsel hin, was mit solchen Bildungskräften zusammenhängt, die sich dann entladen in dem, was im Zahnwechsel auftritt. Und betrachten wir dann auf der anderen Seite das mehr seelisch-geistige Leben des Menschen, da werden wir finden, daß im Seelisch-Geistigen ebenso etwas Durchgreifendes geschieht, wie körperlich etwas tief Eingreifendes mit dem Zahnwechsel vorliegt; wir werden finden, daß ungefähr um dieselbe Lebenszeit, in der mit dem Zahnwechsel im Körperlichen etwas seinen Abschluß findet, sich etwas Aufsteigendes ergibt. Man muß nur lernen, diese Erscheinungen ebenso zu betrachten, wie man die äußerlichen Dinge physikalisch betrachtet. Und wenn man sie in demselben Geiste betrachtet, dann wird man sehen, daß da sich in der ganzen Konfiguration der Kindesseele das ergibt, was dem Kind möglich macht, in einer mehr bewußten Weise Gedächtnisvorstellungen, Erinnerungsvorstellungen zu bilden; man wird sehen, daß für das Kind überhaupt die Möglichkeit eintritt, die Unbestimmtheit der früheren Begriffe, das Nicht-scharf-Konturierte dieser Begriffe in schärferen Konturen zu fassen; man wird sehen, daß ein mächtiger Umschwung in der ganzen Art und Weise des geistig-seelischen Lebens durch die Begriffsbildung eintritt.
[ 12 ] Und wer nun mit einem gewissen Drinnenstehen in solchen Prozessen die Dinge betrachtet, der wird den Zusammenhang suchen zwischen dem, was auf der einen Seite körperlich, was leiblich gewirkt hat, sich dann entladen hat und einen gewissen Abschluß gefunden hat, und demjenigen, was da auftritt wie eine neue Bildung, wie etwas, was sich neu entfaltet, dessen Entstehungsbedingungen, dessen Werdebedingungen eben klar werden müssen. Und wenn er solche Begriffe gerade so ausführlich, so eingehend wie möglich in der Realität verfolgt, wird er darauf kommen, sich zu sagen: Dasjenige, was im Organismus gewirkt hat bis zum Zahnwechsel hin, was da organisch gewirkt hat, was da gebunden war an den Organismus, das ist frei geworden, als der Organismus mit dem Zahnwechsel einen gewissen, einen vorläufigen Abschlußpunkt erreicht hat. Es wird frei, es verwandelt sich gerade in die Kraft des Vorstellungen-Bildens, des VorstellungenKonturierens, in die Kraft des Bildens von bewußten Erinnerungsvorstellungen, während die früheren Erinnerungsvorstellungen mehr unbewußt waren. So sieht man, wie etwas, was früher im Körper gewirkt hat, frei wird und nun seelisch-geistig wirkt. Und man erlangt eine Erkenntnis darüber — wenn man das sozusagen mit dem Seelenauge beobachtet —, wie das, was nun als Begriffsbildung, als Erinnerungsvorgang in bewußter Weise auftritt, wie das vorher im Organismus organisch bildend gewirkt hat.
[ 13 ] Man gelangt dazu, die ganze menschliche Bildung und Organisation auf diese Weise zu durchschauen. Man kommt davon ab, über das Geistig-Seelische nur zu phantasieren, zu spekulieren; man kommt dazu, seinen Zusammenhang mit dem Physischen zu erfassen. Dann gewöhnt man sich überhaupt auf wissenschaftlichem Gebiet das Spekulieren und Hypothesen-Bilden ab. Man fragt nicht mehr: Was kann man ausspekulieren, um das Geistig-Seelische zu erfassen? —, sondern man sieht zum Beispiel hin auf die konkrete Entwicklung im Organismus, wie sie zuletzt sozusagen die Zähne herausstößt, und man muß dann anerkennen, wie dasselbe, was gebunden war an den Organismus, verborgen wirkend im Organismus, später frei wird. Man kann das in seiner seelisch-geistigen Gestalt verfolgen, indem man eben das Seelisch-Geistige selber anschaut, wie es beim Kinde sich ausgebildet hat; und so findet man den Zusammenhang zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Organischen, indem man in konkreter Weise die Dinge verfolgt. Man konstruiert nicht mehr eine abstrakte Psychologie, wie es heute vielfach der Fall ist, die kaum mehr hat als irgendwelche Wortinhalte, sondern man studiert konkret das Verhalten des einen zum anderen, und man sieht, wie das, was in einem späteren Stadium vorhanden ist, in einem früheren Stadium auch wirklich beobachtbar war. Man gelangt zu einer vollständigen Empirie.
[ 14 ] Ebenso kann man den anderen Lebenswendepunkt studieren, den der Geschlechtsreife, wenn man beobachtet, wie auf der einen Seite eben der Prozeß sich organisch abspielt, der dann in der Geschlechtsreife gipfelt, und auf der anderen Seite sich dann fragt: Was bildet sich im Seelisch-Geistigen heraus? Was entsteht gewissermaßen dadurch, daß die Kräfte, die nach der Geschlechtsreife nicht mehr zur Ausbildung von etwas im Organischen gebraucht werden, weil sie das Organische bis zu einem gewissen Abschluß gebracht haben, was werden diese Kräfte, die gewissermaßen im Organischen bis dahin drinnen gesteckt haben? — Das, was in jener besonderen Natur der Willensimpulse wirkt, ist nach der Geschlechtsreife in ganz anderer Weise da als vorher. Sie sind vorher in einer ganz bestimmten Weise versenkt in die organischen Prozesse, und dann, wenn sie nicht mehr versenkt sind in die organischen Prozesse, werden sie jetzt aber nicht frei, sondern sie verbinden sich in einer gewissen Weise inniger mit dem Organismus. So wird der Mensch gerade um diese Wende seiner Lebenszeit mehr Herr seines Organismus, als er es früher war. Der Wille gliedert sich inniger, intensiver dem Organismus ein, als das früher der Fall war.
[ 15 ] Versteht man also, wie das Geistig-Seelische mit dem Physisch-Organischen zusammenhängt, so kann man — indem man solche Begriffe, die erst in sich beweglich werden und dadurch auch geeignet sind, innerlich immer reicher zu werden, so daß das Wirkliche immer mehr durchschaut werden kann —, so kann man dann auch gewisse Prozesse am menschlichen Organismus studieren, die nichts anderes sind als das äußere Ausleben dessen, was man da als Innerliches durchschaut, zum Beispiel den Prozeß der Stimmumwandlung, der beim männlichen Individuum zusammenhängt mit der Geschlechtsreife. Es ist ein ähnlicher Prozeß beim weiblichen Individuum vorhanden, nur ist er da mehr über den ganzen Organismus ausgegossen. Man gelangt nur zu einem völligen Verständnis dieser Prozesse, wenn man in einer solchen Weise sieht, wie durch das, was sich in der Stimmumwandlung oder im weiblichen Organismus in anderen Prozessen abspielt, eben die Willensenergie sich innerlicher, durchdringender mit dem Organismus verbindet. Und man gelangt zugleich dazu einzusehen, wie das, was bis zum Zahnwechsel hin sich entwickelt, in seiner Kulmination besonders intensiv sich ausdrückt in der menschlichen Hauptesbildung, in welcher ja die Zahnbildung geschieht, während das, was dann zur Zeit der Geschlechtsreife hervortritt, mehr den ganzen übrigen Organismus, mit Ausnahme des Hauptes, ergreift. Das alles wird in der Anschauung unmittelbar klar. Und dadurch erlangt man eine innere Erkenntnis, eine innere Anschauung des Menschen. Solch ein Vorgehen kann aber wiederum auf die Wissenschaften, die ja ganz besonders an gewisse Erkenntnisgrenzen führen, die zugleich Grenzen, bedauerliche Grenzen der menschlichen praktischen Wirklichkeit sind, solch ein innerliches Eindringen in den menschlichen Organismus kann auf die Wissenschaften ungeheuer befruchtend wirken.
[ 16 ] Bedenken wir einmal, was zum Beispiel vorliegt, wenn wir versuchen, die medizinischen Wissenschaften, wie sie heute als Fachwissenschaften uns entgegentreten, einmal auf dasjenige hin zu prüfen, was an ihnen unbefriedigend ist. Ich kann allerdings nicht auf die besonders bedeutsamen Einzelheiten dabei eingehen, aber ich möchte auf etwas hinweisen, was schon eine Kardinalfrage ist. Wie können wir mit dem, was heute unser natürliches Weltbild ist, eigentlich das vereinigen, was man im physischen Organismus einen Krankheitsprozeß nennt? Wer den Krankheitsprozeß studiert, der wird sagen müssen — das ist ja ganz natürlich —, dieser Krankheitsprozeß läuft nach Naturgesetzen ab. Wir haben also im Krankheitsprozeß etwas, was wir nach Naturgesetzen begreifen müssen. Wir haben aber auf der anderen Seite im sogenannten gesunden menschlichen Organismus doch auch etwas, was man nach Naturgesetzen begreifen muß; wir haben wenigstens eine gewisse Strömung von Naturgesetzmäßigkeit im gesunden menschlichen Organismus. Wir drücken das, was wir auf diesem Gebiete der natürlichen Organisation des Menschen erkennen, aus in der Physiologie. Und wir drücken das, was wir erkennen können am Krankheitsprozeß als Gesetzmäßigkeit, die aber auch eine Naturgesetzmäßigkeit sein muß, aus in der Pathologie. Es muß nun eine Brücke geben zwischen Physiologie und Pathologie. Es muß möglich sein, irgendeine Vorstellung darüber zu bekommen, wie die eine Naturgesetzmäßigkeitsströmung sich verhält zu der anderen Naturgesetzmäßigkeitsströmung. Und eine Naturwissenschaft, oder besser gesagt ein naturwissenschaftliches Denken, wie wir es heute haben, kann auf diesem Gebiet zu keinem Verständnis, jedenfalls nicht zu einem in der Praxis verwertbaren Verständnis führen. Deshalb sehen wir, wie heute im Grunde genommen unbefriedigend die Heilwissenschaft neben der Pathologie dasteht. Ich blicke noch zurück in diejenige Zeit, in welcher sich innerhalb der damaligen Wiener Schule der medizinischen Wissenschaft das bemächtigt hatte, was man dazumal genannt hat den «medizinischen Nihilismus». Gerade Zelebritäten auf dem Gebiete der Medizin haben damals eigentlich in einem völligen Skeptizismus in bezug auf die Therapie gelebt. In weitem Maße haben dieselben behauptet, man könne nur die Prozesse der Krankheiten verfolgen, man könne nur von einer mehr oder weniger rationellen Pathologie reden, aber von irgendeinem Zusammenhang zwischen dem Eingreifen des Heilmittels und den Vorgängen des Organismus könne man eigentlich nicht reden. Daher beschränkten solche Mediziner sich darauf, für weite Gebiete von Krankheiten nur den Krankheitsprozeß zu verfolgen, achtzugeben darauf, wenn er nach der einen oder anderen Seite in Exzesse überging, aber an eine rationelle Heilungsmethode glaubten sie im Grunde genommen eigentlich nicht. Darüber sprach man dort ganz offen.
[ 17 ] Nun, heute liegt ja nicht mehr eine solche Skepsis über diese Dinge vor, aber in der Praxis ist es im Grunde genommen noch immer so. Und daher ist es für eine wirkliche medizinische Wissenschaft so schwer, durchzudringen gegenüber allem möglichen Dilettantismus und aller möglichen Quacksalberei, die gerade dadurch groß werden können, weil es so wenig möglich ist auf diesem Gebiet, für das, was eigentlich wirkliche Wissenschaft ist, Verständnis zu erwecken. Das hängt aber zusammen mit unserer naturwissenschaftlichen Auffassung überhaupt. Es hängt zusammen mit etwas, von dem man glaubt — zwar mit Recht, aber doch eben in einer einseitigen Weise —, daß gerade ein Teil der großen wissenschaftlichen Erkenntnisse im 19. Jahrhundert gebunden sei an das, was man die Deszendenzlehre nennt. Man hat in einer ja wirklich außerordentlich scharfsinnigen Weise, in einer Weise, die bei den einzelnen Forschern zu den allergewissenhaftesten Beobachtungsmethoden geführt hat, die Entwicklungsreihe der Organismen von den unvollkommenen zu den vollkommeneren gesucht und hat an die Spitze den Menschen gestellt, diesen ganzen Menschen, wie er in seiner Organisation heute vor uns steht. Man hat gewissermaßen seine Organisation in ihrer Ganzheit als eine Umgestaltung der tierischen Organisation betrachtet. Nun, man konnte das nur, weil man sich über gewisse innere Beziehungen des menschlichen Organismus ganz falschen Begriffen hingab. Ich kann ja natürlich diese Dinge nur andeuten. Sie werden sich ergeben aus einer wirklichen empirischen Morphologie, einer morphologischen Betrachtung der Organe, sie werden sich ergeben aus einer wirklich vergleichenden genetischmorphologischen Betrachtungsweise der Embryologie, der Tatsachen der Embryologie, im Zusammenhang mit den Tatsachen des Lebens. Heute hat ja jeder mehr oder weniger die Vorstellung: Wir haben zum Beispiel im Gehirn etwas, was wie eine komplizierte Ausbildung desjenigen anzusehen ist, was seiner Anlage nach als Nerven-Organismus im Rückenmark vorhanden ist. Man sieht in demjenigen, was im Rückenmark organisiert ist, gewissermaßen das Ursprüngliche, und dasjenige, was im Gehirn vorliegt, das sieht man an als das auf komplizierte Weise aus diesem Rückenmark Hervorgegangene. So kann man die Erscheinungen nicht deuten. Wenn man in einer unbefangenen Weise gerade die Tatsachen der Embryologie verfolgt, dann wird man eine ganz andere Anschauung bekommen. Man wird die Anschauung bekommen, daß dasjenige, was im Gehirn vorliegt, zwar zurückführt auf eine solche einfachere Organisation, wie sie im Rückenmarkstrang vorliegt, daß aber der Rückenmarkstrang, als dessen weitere Ausbildung das Gehirn anzusehen ist, gedacht werden muß mehr oder weniger horizontal im Gehirn selbst liegend — wenn ich es so ausdrücken darf. In unserem heutigen Gehirn ist dasjenige, was sich rückenmarkstrang-ähnlich als eine Grundlage für unser Gehirn ergibt — von der Stirne nach rückwärts gehend, dem Hinterhaupte zu — nur ideell veranlagt, so daß man sich das Gehirn vorzustellen hat als eine Umbildung dieser heute nur in ideeller Anlage im Gehirn vorhandenen Bildung, während wir das, was wir heute im Menschen als den Rückenmarkstrang haben, anzusehen haben als aus denselben Bildungsgesetzen hervorgehend wie auch das menschliche Gehirn, aber auf einer früheren Stufe stehengeblieben. Wenn wir also Rückenmark und Gehirn im Zusammenhang betrachten, müssen wir sagen: Beiden liegen dieselben Bildungsgesetze zugrunde, aber das Gehirn ist durch diese Bildung zu einer weiteren Stufe gebracht worden. Erst in einem späteren Zeitpunkt der Phylogenie greifen die Bildungsgesetze im Rückenmarkstrang ein, und es kommt nicht so weit wie das Gehirn. Daher ist der Rückenmarkstrang als die spätere Bildung anzusehen, deren Anfangsstufe in einer früheren Zeit in der Genesis der Menschheit gelegen hat. In eine noch frühere Zeit ist das Gehirn mit seinem Anfang zu versetzen, und es ist anzusehen als weiter fortgeschritten, so daß man sagen muß: Der Rückenmarkstrang ist phylogenetisch die spätere Bildung, die nur auf einer früheren Stufe stehen geblieben ist, während das Gehirn durch diese Bildung zu einer weiteren Stufe gebracht worden ist.
[ 18 ] So hat man es mit vielem im menschlichen Organismus sich vorzustellen, und so hat man es gewissermaßen mit dem ganzen Gliedmaßen-Organismus sich zu denken, wenn man seine morphologischen Rätsel durchschauen will. Man hat den Gliedmaßen-Organismus als eine spätere Bildung anzusehen, die auf einer früheren Stufe zurückgeblieben ist, und man hat dasjenige, was in der Hauptesbildung hervortritt, zu einem früheren Anfang zu versetzen und es so zu denken, daß es auf einer späteren Stufe der Entwicklung angekommen ist. Man hat in dem menschlichen Haupt gewissermaßen das zu sehen, was durch Metamorphose, durch Umwandlung aus sehr frühen Vorfahren hervorgegangen ist, und das, was in den Anhängselorganen des Menschen vorhanden ist — wenn sie auch größer sind als das Haupt —, das hat man als angesetzte Glieder anzusehen, die auf einer früheren Stufe zurückgeblieben sind.
[ 19 ] Wenn man so die Morphologie des Menschen durchschaut, kommt man als erstes dazu, ihn in einer richtigen Weise in ein Verhältnis zur tierischen Welt zu setzen. Dann sagt man sich: Wenn man in der Zeitenreihe zurückgeht, so hat man das, was menschliche Hauptesbildung geworden ist, als die hauptsächlichste Umwandlung seiner früheren Organisation anzusehen. Diese hat man zurückzuführen auf frühere Tierformen — ich kann das einzelne jetzt nicht ausführen, daher wird sich das Ganze paradox ausnehmen —, dagegen muß man die ganze Menschengestalt so ansehen, daß die übrige Bildung, die dem Haupt angehängt ist, unter Verhältnissen entstanden ist, die durchaus anders auf diese Gesamtgestalt des Menschen wirken, als aus der heutigen Umgebung auf die Gesamtgestalt des Tieres gewirkt wird. Wenn man diese Verhältnisse durchschaut, wird man die menschliche Gestalt in ein ganz anderes Verhältnis zur Tierwelt bringen, als das heute der Fall ist.
[ 20 ] Dann kommt noch als zweites etwas anderes hinzu: Wenn man das menschliche Haupt nun durchschaut, gerade die besonderen Verhältnisse der Weichteile zu den Knochenteilen, und dies vergleicht, namentlich auch in ihrer Lage, mit den Verhältnissen der Weichteile zu den Knochenteilen in den anhängenden Gliedmaßen, dann kommt man dazu, sich Vorstellungen zu machen über das innere Wirken der Bildungsgesetze im menschlichen Organismus. Und man kommt dazu einzusehen, daß das menschliche Haupt nicht nur in einer fortgehenden Entwicklung ist, sondern daß es etwas in sich trägt, was man zunächst nicht als eine Evolution anzusehen hat, sondern als eine Devolution, als eine rückgehende Entwicklung, die nur aufrechterhalten wird dadurch, daß dieser Hauptesorganismus mit dem übrigen menschlichen Organismus zusammenhängt und von ihm unterhalten wird.
[ 21 ] Man hat es gerade in der menschlichen Hauptesorganisation zu tun mit einem fortwährenden Abbau, der allerdings aber genährt wird von dem, was Anhangsorgane des Hauptes sind. Während das Haupt durch seine Organisation selbst auf den Abbau hin organisiert ist, hat man es durchaus zu tun mit einem kontinuierlichen Sterben im menschlichen Haupt. Die Prozesse, die aufsteigende sind, vitalisierende sind, sind die einen Prozesse; die anderen sind zurückstauende Prozesse, ausgebreitet in der Zeitenlinie, was, wenn es in einen Augenblick zusammengedrängt ist, als der Tod des ganzen Organismus erscheint. Man könnte auch sagen: Das, was mit dem Tod in einem Augenblick über den ganzen Organismus kommt, das könnte man betrachten, mathematisch ausgedrückt, wie ein Integral, für das man das betreffende Differenzial sucht. Und man würde dann dazu kommen, in der Differenzialreihe, in die man das Integral aufgelöst hat, verteilt auf die Zeitlinie dasjenige zu finden, was sich abspielt als eine rückgehende Entwicklung, eine Devolution im menschlichen Hauptesorganismus. Diese Devolution aber, die findet man wiederum als die eigentliche Grundlage für den vorstellenden und den Sinnesprozeß. Man kann also sagen: Es ist unmöglich, das, was dem menschlichen Wachstum, was der aufsteigenden Entwicklung zugrundeliegt, was gerade die organisierenden Kräfte sind, das auch anzusehen als die Grundlage für die geistig-seelischen Prozesse. Im Gegenteil! Da, wo der Organismus abgebaut wird, da erhebt sich gerade über dem Abbau, gerade über der Zerstörung des Organischen, das Geistig-Seelische. Man erlangt keinen Einblick in den Zusammenhang des Leiblich-Physischen mit dem Geistig-Seelischen im Menschen, wenn man nicht weiß, daß man nicht das, was man als die Grundlage der Organisation ansieht, auch etwa ansehen darf als die Grundlage des geistig-seelischen Prozesses. Das Leiblich-Physische muß zunächst sich abbauen, muß Platz machen, es muß weichen, damit das Geistig-Seelische im Menschen Platz greifen kann.
[ 22 ] Mit diesen Dingen deute ich nur an, wie in der Tat durch die Geisteswissenschaft ein ganz organischer Weg sich eröffnet, der nicht auf irgendwelchen Phantasien aufgebaut ist, sondern auf einer getreulichen Beobachtung der menschlichen Natur, aber auf einer solchen Beobachtung, die das Innere durchdringt. Es geschieht wirklich nicht aus willkürlichen Behauptungen oder vagem Glauben heraus, wenn der Geistesforscher sagt: Dasjenige, was geistig-seelisch ist im Menschen, das ist nicht gebunden an die physische Organisation, sondern an die physische Desorganisation, also an das, was Platz machen muß, damit das Geistig-Seelische auftreten kann. Kein Wunder ist es daher, daß man in den nervösen Organen die geistigseelischen Prozesse verfolgen kann, denn in demselben Maße, in dem irgendein geistig-seelischer Prozeß auftritt, muß er die entsprechende physische Organisation verdrängen, was sich sogar als ein physischer Abbau geltend macht. Und man wird erst dann zu einem wirklichen Zusammenhang zwischen den geistig-seelischen und den physisch-leiblichen Prozessen gelangen, wenn man nicht mehr sucht die physisch-leiblichen Prozesse als den seelischen Prozessen entsprechend, sondern sie versteht als Prozesse der Desorganisation, der Auflösung, der Aussonderung. Wenn man diese Spuren der physisch-leiblichen Aussonderungsprozesse verfolgt, dann hat man das wahre Korrelat für die geistig-seelischen Prozesse; und gerade damit wird ihre besondere Eigentümlichkeit und Selbständigkeit in wirklich wissenschaftlicher Art garantiert.
[ 23 ] Aber wenn man diesen Prozeß innerlich durchschaut, gerade als den Prozeß des Menschen, dann wird man nicht mehr Physiologie und Pathologie so nebeneinander zu stellen haben, wie es heute geschieht — Sie brauchen nur irgendein bekanntes Lehrbuch in die Hand zu nehmen —, wo man einfach nacheinander die einzelnen Tatsachen aufzählt, sie registriert, ohne sie bewerten zu können nach ihrem Zusammenhang in der ganzen menschlichen Organisation, so daß derjenige, der am Leitfaden einer solchen sogenannten Wissenschaft geführt wird, nichts hat als einzelne, nebeneinanderstehende Tatsachen. Die Dinge verhalten sich eben durchaus anders. Wir haben im menschlichen Organismus auf der einen Seite das, was die aufbauenden Prozesse sind, und auf der anderen Seite ist — im Sinne der Dreigliederung des menschlichen Organismus, die ich in früheren Vorträgen angeführt habe — auch das andere vorhanden, das die abbauenden Prozesse in sich schließt, da räumlich jeder Aufbauprozeß zu gleicher Zeit von dem Abbauprozeß durchzogen ist. So hat man im menschlichen Organismus nicht einen gradlinig verlaufenden Prozeß, sondern man hat einen Prozeß, der nach einer Richtung verläuft, und ihm kommt ein anderer Prozeß entgegen — ein aufsteigender Prozeß, ein absteigender Prozeß. Diese beiden Prozesse stehen im sogenannten normalen, im gesunden Leben in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Macht sich der eine auf Kosten des anderen in seiner Stärke geltend, dann haben wir in einer solchen Tatsache zu suchen das Auftreten des Krankhaften. Und wir werden, wenn wir die Anschauung, die ich hier ausgeführt habe, differenzieren können — und sie kann differenziert werden für die menschliche Organisation bis ins Kleinste —, wir werden die Möglichkeit haben, in einer rationellen Weise einzudringen in den erkrankten Organismus. Nicht mehr stehen uns rätselhaft gegenüber jene zwei Strömungen in der Physiologie, in der Pathologie, sondern wir wissen, daß dieses Gegenüberstehen in einer gewissen Weise notwendig ist für die menschliche Wesenheit, daß aber durch Prozesse, deren Schilderung jetzt zu weit führen würde, ein Vorwiegen des einen oder des anderen eintreten kann — Sie werden das geschildert finden, wenn Sie sich auf die geisteswissenschaftliche Literatur einlassen.
[ 24 ] Ich will Ihnen das an einem speziellen Beispiel zeigen, wie diese Dinge, die ich jetzt mehr in Abstraktheit Ihnen vorgeführt habe, im konkreten Erfassen der menschlichen Organisation sich geltend machen. Sie können es ja studieren, wie zum Beispiel die Epidermiszellen des Menschen zu Sinneszellen umgewandelte Epithelzellen sind, ebenso wie auch die Drüsenzellen umgewandelte Epithelzellen sind. Gerade an diesem Prozeß, der den Zusammenhang zwischen den Sinneszellen und den Drüsenzellen auf einem Umwege ergibt, werden Sie bekräftigt finden können, wie das, was ich gestern angeführt habe mit Bezug auf das sinnliche Erfassen nach außen hin und das sinnliche Erfassen des menschlichen Innern, anatomisch-physiologisch verfolgt werden kann an dieser Metamorphose der Zellen selber. Und dann, wenn Sie diese Richtung weiterverfolgen, indem Sie die heute schon durchaus empirisch vorliegenden Tatsachen studieren, so werden Sie finden, daß da ein gewisser Prozeß vorliegt, der sie führt von den Epithelzellen zu den Sinneszellen hin; das ist die eine Strömung in der Organisation. Wir können diese Strömung auch im entgegengesetzten Sinne verfolgen: Epithelzellen — Drüsenzellen. Wir haben damit die Möglichkeit, in der Betrachtung der menschlichen Organisation allmählich aufzusteigen zu der Art und Weise, wie aus der Hauptesorganisation und aus der mit ihr verwandten Organisation durch eine gewisse Entfaltung von Kräften, wie von innen nach außen gehend, die Sinne gebildet werden. Wir haben das, was in diesem Prozeß zu sehen ist, lokalisiert. Da aber im Menschen die Dinge nicht schematisch lokalisiert sind, so müssen wir sagen, sie sind hauptsächlich lokalisiert im Haupt; sie sind aber auch im übrigen Organismus vorhanden, so wie gewisse Sinne über den ganzen Organismus ausgebreitet sind, während vorzugsweise das Haupt die Sinne enthält. So können wir sehen, wie die eine Seite die menschliche Natur dazu drängt, aus sich die Sinnesorgane herauszubilden; andere Gebiete sind mehr nach der Richtung hin organisiert, welche das Epithel zu dem Drüsenhaften hin entwickelt. Wenn wir diese polarischen Gegensätze sehen, werden wir sagen: Es beruht, innerlich angeschaut — und man muß die menschliche Natur innerlich anschauen, sonst kann man sie nicht durchschauen —, es beruht alles darauf, daß die Strömung in der Organisation einmal von innen nach außen verläuft, das andere Mal sozusagen im entgegengesetzten Sinn, von außen nach innen. Da haben wir wieder etwas, was nach der einen oder der anderen Seite im menschlichen Organismus sich entwickelt. Und nun, meine sehr verehrten Anwesenden, kann durch ganz bestimmte Verhältnisse in Gebieten des menschlichen Organismus, wo vorzugsweise sonst diejenigen Prozesse veranlagt sind, welche von außen nach innen laufen, das eintreten, daß diese in einer unrichtigen Weise durchzogen werden von Prozessen, die von innen nach außen laufen. So paradox es klingt, man muß sagen, daß in einem Gebiet des menschlichen Organismus, das in seiner normalen Organisation nur dazu veranlagt ist, Drüsiges zu entwickeln, die Tendenz entstehen kann, hinzuführen zu einer Anlage eines Sinnesorgan-Bildungsprozesses. Da lagert sich in einer gewissen Weise in die Epithelbildung die Tendenz ein, die sonst im menschlichen Organismus nur da berechtigt ist, wo sich die Sinne entwickeln. Selbstverständlich kann das auftreten, weil ja in einem schwächeren Maße alles im menschlichen Organismus in allem eingelagert ist, man muß es nur unterscheiden; es kann sich auch im Haupte das aussprechen, was ein Gegenprozeß ist gegen den Sinnesbildungsprozeß. Man braucht nur daran zu denken, daß überall Absonderungsorgane neben den Sinnesorganen sich geltend machen.
[ 25 ] Aber was liegt dann da eigentlich vor? Sehen Sie, da liegt etwas vor, was, wenn man es heute ausspricht, geradezu im höchsten Maße phantastisch erscheint, weil man seine Zuflucht nehmen muß zu Begriffsbildungen, die die heutige Wissenschaft durchaus nicht gelten lassen will, weil sie ihr, trotzdem sie voll im Wirklichen wurzeln, ganz ferneliegen. Aber man wird nicht dasjenige, was wir in der Welt zu beobachten haben, durchdringen können, wenn man nicht in dieser Weise die Metamorphose ernst nimmt, selbst da, wo das Metamorphosierte gar nicht mehr ähnlich ist dem Ursprünglichen, wenn man nicht auch da sozusagen einen fortgebildeten Goetheanismus als ein Ideal für echte Wissenschaftlichkeit ansieht. Man muß nämlich sagen: Es kann in einem gewissen Gebiete des menschlichen Organismus, wo normalerweise sonst nur die Tendenz zur Drüsenbildung vorliegen soll, sich einlagern die Tendenz zu einer Sinnesbildung, zu etwas, das dann einen Sinnesbildungsprozeß abgeben wird. Und hier haben wir denjenigen Krankheitsprozeß innerlich angeschaut, den man beobachten kann in der Krebsbildung, im Karzinom. Ich will ein konkretes Beispiel anführen, ich will mich nicht genieren, so etwas anzuführen, was heute noch belacht wird.
[ 26 ] Aber ich will ja durchaus nicht im Abstrakten herumreden, sondern ich will zeigen, daß in der Geisteswissenschaft etwas vorliegt, was wirklich eindringt in das, was in den einzelnen Fachgebieten gegeben ist, allerdings in einer Weise, die man gegenüber dem heutigen Vorgehen nur dann begreifen wird, wenn man mutig vorgehen will im Erkennen, wirklich bis :u den Konsequenzen dessen gehen will, was in den Anfängen heute durchaus in der empirischen Wirklichkeit vorliegt. Ich habe mich nicht geniert, Ihnen solche Einzelheiten vorzuführen, von denen Hunderte und Hunderte aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft Ihnen vorgeführt werden könnten, damit Sie sehen, daß diese Geisteswissenschaft nicht im Unbestimmten herumschwefelt und -schwafelt, sondern daß sie sich an die Tatsachen hält, überall in die Tatsachen eindringt, daß sie nicht redet von Seele und Geist in abstrakten Worten und den Leuten umnebelnde Theorien über den Kopf wirft, welche im Grunde genommen nur Ausdeutungen traditioneller Wortbedeutungen sind. Nur durch den Geist dringt man ein in das einzelne; man durchdringt wirklich geistig alles einzelne, was in den Fachwissenschaften vorliegt.
[ 27 ] Und eine solche Pathologie, welche im physiologischen Prozeß, also im Prozeß der Drüsenbildung, den entgegengesetzten Prozeß findet — hier als pathologischen Prozeß —, eine solche Wissenschaft kann die Brücke schlagen zu einer Naturgesetzmäßigkeit der Physiologie und der Pathologie. Das sind die Perspektiven, welche gegeben werden möchten von der wirklich durchaus exakten Wissenschaftlichkeit anthroposophisch orientierter Weltanschauung zu demjenigen, was an gewissenhafter Beobachtung und äußerlicher Exaktheit der Methoden in den einzelnen heutigen Fachwissenschaften durchaus anerkannt werden soll. Wenn man aber auf der einen Seite so den Menschen betrachtet nach seinen ab- und aufsteigenden Prozessen, dann wird man auf der anderen Seite draußen in der Natur nicht nur auf- und absteigende Prozesse finden, sondern auch auf- und absteigende Organisationen. Man wird zum Beispiel den Pflanzenbildungsprozeß verfolgen. In demjenigen, was Goethe 1790 in seinem Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, gegeben hat, sind ja erst die ersten Anfänge, das Einmaleins gegeben. Wenn man aber diese Methode weiter fortbildet, so kommt man dazu einzusehen, wie diese Pflanzenorganisation anzusehen ist in ihren subtilen Gliederungen: wie der Blütenbildungsprozeß vor sich geht, was für eine Bedeutung der polarische Gegensatz zwischen der Wurzel, welche nach unten wächst, und der Blüte und der Frucht, die nach oben wachsen, im ganzen Zusammenhang der Naturtatsachen hat.
[ 28 ] Man kommt dann zum Beispiel dazu zu prüfen, wie zusammenhängt irgendein Prozeß, sagen wir der Säftebewegung im tierischen Organismus mit der Säftebewegung im menschlichen Organismus. Man kommt dazu, von der Pflanze zum tierischen Organismus aufzusteigen und in dem, was in der tierischen Organisation einem entgegentritt, die entsprechenden Vorgänge in der menschlichen Natur zu sehen. Und dann kommt man auch dazu, so etwas zu betrachten wie den Gegensatz, der draußen in dem Prozeß der Pflanzenbildung vorliegt und in dem Prozeß im Menschen. Die Pflanze baut ihren Leib auf Grundlage des Kohlenstoffes auf. Sie setzt in sich den Kohlenstoff ab, den Sauerstoff sondert sie ab. Der Mensch macht einen ähnlichen Prozeß durch in seiner Atmung in Verbindung mit der Blutzirkulation, in der ganzen Aufgabe des Blutzirkulierens — aber was tritt da ein? Da wird der Kohlenstoff an den Sauerstoff gebunden, also Kohlensäure erzeugt. Da haben wir das, was im Pflanzenbildungsprozeß sich konsolidiert, was in einer gewissen Weise äußerlich verlaufend ist, im Ansatz im Menschen vorhanden, aber er hat es dann ausgeworfen. Wir bekommen da eine gewisse Beziehung zwischen dem Pflanzenbildungsprozeß draußen und demjenigen, was beim Menschen der Atmung zugrundeliegt, die den Prozeß verdünnt, abbricht. Und wiederum an die Atmung gliedert sich das an, was sonst im menschlichen Organismus ist, und man kann dann vergleichen dasjenige, was von diesen Prozessen in der menschlichen Organisation an den Abbau gebunden ist und was an den Aufbau gebunden ist in der menschlichen Organisation. Nehmen wir an, man findet irgendetwas in der menschlichen Organisation, was in einer solchen Weise einen Krankheitsprozeß darstellt wie der Beginn, der mißbildende Beginn eines Sinnesbildungsprozesses im Krebs, so kann man, nach demjenigen sehend, was in der äußeren Natur ist, den entgegengesetzten Prozeß suchen. Man wird ihn durch ein Heilmittel in den menschlichen Organismus einführen können und dadurch ebenso heilend wirken, wie es auf den Kohlenstoff im menschlichen Organismus, wenn ich so sagen darf, heilend wirkt, daß der Sauerstoff zugeführt wird. Das ist identisch. So bekommt man eine innere Einsicht in den Zusammenhang zwischen demjenigen, was im Menschen organisiert ist, und der äußeren Natur. Man bekommt eine solche Einsicht, daß man in dem, was in der äußeren Natur entsteht, das Heilmittel in rationeller Weise findet, das für irgendeinen entsprechenden Prozeß im menschlichen Organismus dienen kann.
[ 29 ] Alles das — Sie werden das aus der Art und Weise entnehmen, wie ich es sage — ist nicht auf Phantasmen aufgebaut, es wird so exakt durchgeführt, wie nur irgendwie in der Wissenschaft exakt gearbeitet wird. Aber es muß mit Begriffen gearbeitet werden, die sich eben durchaus in die verschiedenen Gebiete der Wirklichkeit beweglich hineinversetzen können. Es müssen unsere Begriffe nicht einseitig bloß ausgebildet werden in gewissen Fachwissenschaften und dann dasjenige bleiben, was in berechtigter Weise in den einzelnen Fachwissenschaften dargestellt wird; unsere Begriffe müssen beweglich werden, so daß wir untertauchen können in die ganzen weiten Gebiete der Wirklichkeit. Sonst eignen wir uns solche Begriffe an, mit denen wir zwar in einer merkwürdigen Weise glauben, die Tatsachengebiete zu umspannen, mit denen wir aber den Tatsachengebieten in Wirklichkeit nur fernbleiben.
[ 30 ] Wir haben gerade in unserer heutigen Zeit dafür ein merkwürdiges Beispiel zu verzeichnen. Diejenigen, die mit solchen Dingen bekannt sind, werden wissen, wie viele Theorien über den Äther es im Lauf der neueren Zeit gegeben hat; sie wissen, wie man immer wieder versucht hat, bei den Erscheinungen, die man glaubte ansehen zu müssen als hervorgehend aus dem Zusammenwirken der ponderablen Materie mit dem Äther, den Äther bald als starr, bald als flüssig zu charakterisieren, bis endlich Experimente in der neueren Zeit ergeben haben sollen, daß man mit all diesen alten Äthertheorien nicht weiterkommt. Das einfache Experiment, das man angestellt hat über gewisse Verhältnisse bei der Fortbewegung des Lichtes — wie man sagte bei der Fortpflanzung des Lichtes —, dieses Experiment soll ergeben haben eine besondere Korrektur, eine radikale Korrektur des Ätherbegriffes. Es liegt ja dieses Experiment darin: Wenn man an einem Ort A ein Licht aufflackern läßt und dieses Licht verfolgt von Ort A nach Ort B, so soll, wenn der Ort B in Bewegung ist, also weitergeht, das Licht später ankommen, als es nach der Ausrechnung gemäß der in der Physik vorhandenen Lichtgeschwindigkeit in B ankommen würde, wenn dieser Ort B unbeweglich wäre. Aber das, was man da theoretisch ausrechnet, ergibt sich in der Praxis nicht. Und — ich lasse alle Übergangsglieder weg — darin hat ja dann, mit manchen Zwischengliedern, die Relativitätstheorie ihre Wurzeln gefunden, diese Relativitätstheorie, die nun als Ergebnis hat, daß man den Äther ganz abschafft. Man rechnet dann allerdings mit merkwürdigen Dingen, so zum Beispiel damit, daß sich Körper einfach verkürzen können durch die Bewegung selber und dergleichen. Nun, Sie brauchen sich nur mit der entsprechenden Literatur zu befassen, dann werden Sie schon finden, wie hart und starr da gewisse Begriffe geworden sind, die dann auf die Wirklichkeit so angewendet werden, daß man glaubt, die Wirklichkeit zu erfassen, aber eigentlich ihr ungeheuer fernbleibt.
[ 31 ] Geisteswissenschaft kann einem solchen Weg nicht folgen, der eigentlich nur aus der Starrheit der Begriffe heraus sich bildet. Geisteswissenschaft verfolgt die entsprechenden Erscheinungen — ich erwähne dies, damit Sie sehen, wie Geisteswissenschaft in solche Gebiete hineinleuchten kann — und kommt dazu, allerdings anzuerkennen, daß man den Begriff des Äthers braucht.
[ 32 ] Aber weil sie nicht unberechtigte Hypothesen aufstellt, sondern Wirklichkeiten annimmt, geht ihr der Äther auf in den Erscheinungen, die gewöhnlich aus dem Äther selber hergeleitet werden. Auf der anderen Seite wissen Sie, daß da, wo man vom Äthergebiet zu sprechen hat, in die entsprechende mathematische Formel, wo man bei der ponderablen Materie die Größe mit Plus-Zeichen einsetzt für Wärme — aber nur für gewisse Wärmeerscheinungen, die der strahlenden Wärme, der strömenden Wärme —, und daß für Lichterscheinungen, für gewisse Erscheinungen, die sich dann als chemische Vorgänge ausnehmen, auch in den Lebenserscheinungen, da in die entsprechenden mathematischen Formeln bei gewissen Größen negative Vorzeichen einzusetzen sind, die zu modifizieren sind, indem man nicht nur negative Größen einsetzt, sondern sogar statt der Ausstrahlung von einem Punkt die Herstrahlung von einer Peripherie annimmt.
[ 33 ] Kurz, man kommt durch die Geisteswissenschaft zu einer Gliederung der Formeln auf diesem exakten wissenschaftlichen Gebiet, die durchaus dasjenige ausdrückt, was sich abspielt zwischen der ponderablen Materie und dem Äther. Man kommt zu einer Erkenntnis der wirklichen Beziehungen des sogenannten Äthers zur ponderablen Materie. Man kommt dazu einzusehen, daß, wenn man den, sagen wir verworrenen Begriff Masse einfach so einsetzt, daß man sagt, man hat die Wirkung dieser Masse oder Materie nach außen mit positiven Vorzeichen einzusetzen, so hat man dasjenige, was im Äther demselben entspricht, mit negativen Vorzeichen einzusetzen. Was in dem einen Druckkraft ist, ist in dem anderen Saugkraft. Und wenn man die Ponderabilität der ponderablen Materie als Druckkraft ansieht, muß man das Imponderable des Äthers dieser Druckkraft gegenüber als eine Saugkraft darstellen. Dann kommt man zurecht mit den Erscheinungen, dann hat man nicht nötig, den Äther abzuschaffen und eine Null dafür zu setzen, sondern man kann, wie man es in einem andern Gebiet auch macht, von plus zu minus übergehen.
[ 34 ] Ich habe dieses Beispiel angeführt, damit Sie sehen, daß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus nicht zurückschreckt vor den Gebieten, die im strengsten Sinne des Wortes exakt wissenschaftliche sind.
[ 35 ] Sie sehen, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft — gerade vielleicht auf denjenigen Gebieten, die heute am meisten in Verwirrung kommen dadurch, daß man mit ungesunden Begriffen arbeitet und sogar zu scheinbar epochemachenden Entdeckungen kommt —, daß diese Geisteswissenschaft berufen ist, Ordnung zu machen und wiederum dasjenige, was von seiner Naturordnung weggeführt worden ist im Denken, wiederum zurückzubringen zur Naturordnung. Das wird dann morgen einmünden in Ausführungen über die Anschauungen von dem sozialen Leben. Es wird einmünden in Begriffe und Impulse, die in das soziale Leben, in das Geschichtliche, das Kulturgeschichtliche, auch in das Sprachwissenschaftliche hineingehen — in Begriffe, die eben aus der Starrheit, in der sie heute vielfach verharren, in Lebendigkeit übergeführt werden. Und diese Lebendigkeit der Begriffe, sie bürgt dafür, daß tatsächlich durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Brücke geschlagen werden kann zwischen den einzelnen vereinseitigenden Fachwissenschaften. Und damit wird das, was geschehen soll zwischen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft und Fachwissenschaften, eine sehr wichtige Bedeutung haben für die Entwicklung der Menschheit. Es wird überwinden die Vereinseitigung der Seelen, die vielfach ein Lähmendes in der Entwicklung der Persönlichkeit zur Folge hat. Und wir werden, indem Geisteswissenschaft eindringen kann in die einzelnen Fachwissenschaften, wiederum Persönlichkeiten auf unseren Bildungswegen haben können, die den ganzen vollen Menschen in sich ausbilden. Und das muß doch sein. Das muß insbesondere dann sein, wenn diejenigen, die einen gewissen Bildungsweg durchmachen, in berechtigter Weise als Führende sich in das soziale Leben hineinstellen wollen. Und führend im sozialen Leben muß doch das Geistige sein. Aber nur dasjenige Geistige kann im sozialen Leben führend sein, kann wirklich die Menschheit durchdringen mit dem, das zum Aufstieg und nicht zum Niedergang führt. Nur was als wissenschaftlich Gesundes die ganze menschliche Totalität ausbildet, nur das kann zu einer solchen gesunden Entwicklung der Menschheit führen.
