The Stimulating Effect of Anthroposophy
on the Sciences
GA 76
6 April 1921, Dornach
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The Stimulating Effect of Anthroposophy on the Sciences, tr. SOL
4. Organische Naturwissenschaften und Medizin
4. Organic Natural Sciences and Medicine
[ 1 ] Das Gebiet, auf das ich heute zu sprechen kommen werde, ist ein so ausgedehntes — selbst wenn es nur von einem einzigen Gesichtspunkte aus beleuchtet werden soll —, daß dasjenige, was ich in der Lage sein werde heute zu geben, nur spärliche Andeutungen werden sein können, und ich bitte Sie, dies in Berücksichtigung zu ziehen. Es handelt sich ja darum, daß im Fortschreiten von den anorganischen Naturwissenschaften zu den organischen Naturwissenschaften — und dann weiterhin zu psychologischer und geistiger Betrachtung — auf der einen Seite sich immer mehr und mehr die Notwendigkeit geisteswissenschaftlichanthroposophischer Betrachtung ergibt, daß sich aber auch andererseits bei diesem Fortschreiten immer mehr und mehr zeigt, wie das, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, befruchtend wirken kann auf die einzelnen Fachwissenschaften.
[ 1 ] The subject I will be addressing today is so vast—even if it is to be examined from a single perspective—that what I will be able to offer today can only be a few brief insights, and I ask you to bear this in mind. The point is that, as we progress from the inorganic natural sciences to the organic natural sciences—and then on to psychological and spiritual considerations — on the one hand, the necessity for spiritual-scientific, anthroposophical consideration becomes ever more apparent; yet on the other hand, this progression also increasingly reveals how what is called spiritual science here can have a fertilizing effect on the individual specialized sciences.
[ 2 ] Bei dem, was gesagt werden konnte über das Wesen des Mathematischen, über das Wesen der anorganischen Naturwissenschaften, da handelte es sich weniger darum, daß durch geisteswissenschaftliche Betrachtung irgendwie in einer ganz durchgreifenden Art eine andere Behandlungsweise und namentlich ein anderer Inhalt herbeigeführt werde, als er in unserer gegenwärtigen Wissenschaftsgesinnung schon vorhanden ist. Sie haben daher aus den bisherigen Vorträgen über Mathematisches und über anorganische Naturwissenschaften einen gewissen Grundton vernehmen können, der dahin ging, anzudeuten, wie überall, im Mathematischen sowohl wie im Anorganischen, die, wenn auch von den meisten unbemerkten, Anfänge zu derjenigen Behandlungsweise dieser Wissenschaften vorliegen, die von der hier gemeinten Geisteswissenschaft als die richtige anerkannt werden muß. Sie haben gesehen, wie man hindeuten muß auf den Übergang von der analytischen Behandlung der Geometrie zu der synthetischen Behandlung, und wie man da findet, wie ein Weiterbeschreiten dieses Weges in imaginatives Betrachten hinführt, wenn man nur nicht beim Formalen stehenbleibt, sondern zu einem lebendigen Erfassen desjenigen, was da eigentlich vorliegt, übergeht. Und Sie haben dann gesehen, als eine mehr rein mathematische Betrachtung dargeboten wurde, wie aus einer gewissen lebendigeren Behandlung der Probleme dasjenige hervorgehen soll, was man sich im Mathematischen und in den anorganischen Naturwissenschaften als das im anthroposophischen Sinne Richtige zu denken hat. Gewissermaßen sind wir untergetaucht in diese Wissenschaften und haben in ihnen selber die Kraftpunkte gesucht, in deren Richtungen weitergegangen werden soll. Es handelt sich nur darum, daß man bei diesen Wissenschaften streng innerhalb der gegenständlichen Betrachtungsweise bleibt, welche die Eigentümlichkeit des gegenwärtigen Menschheitsbewußtseins ist, und daß man nicht nötig hat, zu etwas anderem zu kommen als zu einem gewissen Wie in der Behandlungsweise dieser Betrachtung.
[ 2 ] With regard to what could be said about the nature of mathematics and the nature of the inorganic natural sciences, the point was not so much that a humanities-based approach would somehow bring about, in a thoroughly radical way, a different method of treatment—and, in particular, a different content—than what already exists in our current scientific mindset. You have therefore been able to discern a certain underlying tone in the lectures so far on mathematics and the inorganic natural sciences, one that aimed to suggest how, everywhere—in mathematics as well as in the inorganic natural sciences—the beginnings of that approach to these sciences, which is recognized by the humanities as the correct one, are present, even if they go unnoticed by most. You have seen how one must point to the transition from the analytical treatment of geometry to the synthetic treatment, and how one finds there that continuing along this path leads to imaginative contemplation—provided one does not remain stuck at the formal level but moves on to a living grasp of what is actually present there. And you have then seen, when a more purely mathematical consideration was presented, how a certain more lively treatment of the problems is to give rise to what, in mathematics and the inorganic natural sciences, is to be regarded as correct in the anthroposophical sense. In a sense, we have delved into these sciences and sought within them the focal points in the directions of which we are to proceed. The only point is that, in these sciences, one remains strictly within the objective mode of observation—which is the characteristic of present-day human consciousness—and that there is no need to arrive at anything other than a certain “how” in the approach to this observation.
[ 3 ] In derselben Lage ist man nicht bei den organischen Naturwissenschaften, obwohl etwas wiederum in anderer Beziehung Ähnliches auch hier vorliegt. Wenn man heute von Mathematik, von anorganischen Naturwissenschaften, von Phoronomie, Mechanik und so weiter spricht, dann hat man auf die Denkweise hinzuweisen, an der man etwas zu reformieren hat, wie das gestern geschehen ist. Bei den organischen Naturwissenschaften beginnt aber, daß man hinzuweisen hat nicht auf das Abzuweisende, sondern auf das Aufzunehmende. Das beginnt schon innerhalb der Tatsachenwelt selber. Da kann durch eine bloße Reform der Denkweise eigentlich nichts Ausgiebiges erreicht werden.
[ 3 ] The situation is different in the organic natural sciences, although there is something similar here as well, albeit in a different context. When we speak today of mathematics, the inorganic natural sciences, phoronomy, mechanics, and so on, we must point to the way of thinking that needs to be reformed, as was done yesterday. In the organic natural sciences, however, the starting point is that one must point not to what must be rejected, but to what must be embraced. This begins already within the world of facts itself. There, nothing substantial can actually be achieved through a mere reform of the way of thinking.
[ 4 ] Ich möchte zunächst eine kurze historische Betrachtung erläuternd voranschicken, durch die klargemacht werden soll, in welcher Weise auf diesem Gebiete vorzuschreiten ist, um zu einer fruchtbaren Anschauung zu kommen. Wir haben an anderen Stellen in unserer Betrachtung darauf hingewiesen, daß im fortlaufenden Entwickelungsgange der Menschheit eigentlich erst seit dem i5. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit heraufgetaucht ist, was wir die besondere Art unseres heutigen Bewußtseins nennen. Alle frühere Betrachtungsweise war im Grunde genommen eine ganz andere. Es ergriff die Menschheit erst von dem genannten Zeitpunkte an jene Bewußtseinsform recht, die auf der einen Seite zum Gebrauche der Freiheit führt, aber auf der anderen Seite den Menschen, dadurch daß sie ihn auf sich selbst zurück weist, in eine Abstraktion hineinwirft, durch die er gegenüber der Seinswelt in einer gewissen Weise wirklichkeitsfremd wird. Es ist die Betrachtungsweise, die sich nur an äußere Beobachtungen und deren Beschreibung hält, an Anordnung von Versuchen, von Experimenten und Beobachtung ihrer Ergebnisse, das heißt der Antworten, die die Natur erteilt, wenn ihr nicht bloß theoretisch, sondern praktisch, im Experiment, Fragen gestellt werden.
[ 4 ] I would like to begin with a brief historical overview intended to clarify how we should proceed in this area in order to arrive at a fruitful perspective. We have pointed out elsewhere in our discussion that, in the ongoing course of human development, what we call the distinctive nature of our present-day consciousness has actually only emerged since the 15th century A.D. All earlier modes of perception were, in essence, quite different. It was only from the aforementioned point in time that humanity truly embraced that form of consciousness which, on the one hand, leads to the exercise of freedom, but on the other hand, by turning the individual back upon himself, casts him into an abstraction through which he becomes, in a certain sense, detached from reality in relation to the world of being. It is the approach that relies solely on external observations and their description, on the design of experiments and the observation of their results—that is, the answers that nature provides when questions are posed to her not merely theoretically, but practically, through experimentation.
[ 5 ] Was von Seelenkräften angewendet wird, indem auf diese Art die Wissenschaft zustande kommt, das ist die kombinierende Verstandeskraft. Diese kombinierende Verstandeskraft ist zunächst, ich möchte sagen, das große praktisch-wissenschaftliche Problem. Sie wird dieses, wenn man die Frage aufwirft nach ihrer richtigen Anwendbarkeit. Und diese Frage nach der richtigen Anwendbarkeit der Verstandes- oder auch der gewöhnlichen Vernunftkraft — im Beobachten, im Zusammenfassen der Beobachtungen, im Experimentieren —, diese Frage ist besonders für Goethe aufgetaucht. Und wer sich — Sie können das nachlesen in meinen jetzt schon fast vierzig Jahre alten «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» — in das vertieft, was da eigentlich bei Goethe zum Problem geworden ist, der wird finden, daß Goethe die Verstandes- oder Vernunftkraft nicht so angewendet wissen wollte, daß sie der Wissenschaft einen eigentlichen Inhalt gibt, daß man gewissermaßen aus der Verstandesoder Vernunftkraft heraus etwas über das Sein als solches aussagt, sondern so, daß diese Verstandes- oder Vernunftkraft nur dazu verwendet wird, die Phänomene so angeordnet zu denken, daß das eine Phänomen das andere erklärt. Dann hat man also, indem man sich seines Verstandes oder seiner Vernunft bedient, nichts hinzugetragen zu dem, was die Phänomene selber aussprechen.
[ 5 ] The faculty of the soul that is applied in this way to bring about science is the combinatory power of the intellect. This combinatory power of the intellect is, first and foremost—I would say—the great practical-scientific problem. It becomes such when one raises the question of its proper application. And this question of the proper application of the power of understanding—or ordinary reason—in observation, in the synthesis of observations, and in experimentation—this question arose particularly for Goethe. And anyone who—as you can read in my “Introductions to Goethe’s Scientific Writings,” which is now nearly forty years old — into what actually became a problem for Goethe—will find that Goethe did not want the power of the intellect or reason to be applied in such a way that it provides science with actual content, that one, so to speak, uses the power of the intellect or reason to say something about being as such, but rather in such a way that this power of the intellect or reason is used only to to conceive of phenomena in such a way that one phenomenon explains another. Thus, by making use of one’s intellect or reason, one has added nothing to what the phenomena themselves express.
[ 6 ] Es handelt sich darum, wenn man rein den Verstand anwenden will, daß man dann auch rückhaltlos vorschreitet zu einer reinen Phänomenologie, das heißt, den Verstand nur dazu benützt, ein Phänomen reinlich anzuschauen, nichts anderes zu tun, als es eben zu reinlichem Anschauen zu bringen, und dann das andere dazugehörige Phänomen danebenzustellen; so daß durch diese Anordnung der Phänomene — was dann im Experiment auch zur praktischen Ausführung kommt — die Phänomene selbst veranlaßt werden, daß sie sich gegenseitig erklären. Der Verstand hat also bloß eine ordnende, eine gewissermaßen real methodologische Bedeutung, keine qualitative Bedeutung. Aus ihm darf im Goetheschen Sinne nichts hervorgehen, was irgendwie über das Sein selbst etwas aussagt.
[ 6 ] The point is that, if one wishes to apply reason alone, one must then proceed unreservedly toward a pure phenomenology—that is, use reason solely to contemplate a phenomenon purely, doing nothing other than bringing it to pure contemplation, and then placing the other related phenomenon alongside it; so that through this arrangement of phenomena—which is then also put into practice in the experiment—the phenomena themselves are led to explain one another. The intellect thus has merely an organizing, a—so to speak—truly methodological significance, not a qualitative one. In the Goethean sense, nothing may emerge from it that in any way says anything about Being itself.
[ 7 ] Das ist, wie ich glaube, scharf präzisiert, was Goethe als den Gebrauch der Verstandeskraft ansah, und das ist auch dasjenige, dem das allgemeine Bewußtsein der Menschheit seit dem ersten Drittel des i5. Jahrhunderts zustrebt. Man kann sagen, es haben noch nicht alle gelernt, dann, wenn es sich um den Verstand handelt, in einer gewissen Weise zu resignieren, wie das Goethe in seinen eigenen Forschungen tun wollte, wenn es auch bei ihm nicht überall voll zur Ausführung gekommen ist. Aber unbewußt lebt in dem Wissenschaftsstreben, aus dem gerade Geisteswissenschaft heraus will — aber auf andere Art als durch den Verstand —, diese Art des Verstandeslebens doch wie ein unbewußtes Ideal.
[ 7 ] This, I believe, sharply clarifies what Goethe regarded as the use of the power of reason, and it is also what the general consciousness of humanity has been striving toward since the first third of the 15th century. One could say that not everyone has yet learned to resign themselves in a certain way when it comes to the intellect, as Goethe sought to do in his own research, even if he did not fully succeed in this in every instance. But this kind of intellectual life lives on unconsciously in the scientific endeavor from which spiritual science seeks to emerge—albeit in a different way than through the intellect—as an unconscious ideal.
[ 8 ] Und es ist das, was ich jetzt sage, mit Händen zu greifen, wenn man jene Fortgänge sieht, die im naturwissenschaftlichen Denken vorliegen, sagen wir, von dem Anfang des 19. Jahrhunderts — und ich meine jetzt nicht bei den Naturphilosophen, sondern bei den empirischen Naturforschern etwa von der Art des Johannes Müller bis etwa zu Mach oder gar zu Poincare und den anderen, oder zu Fritz Mauthner, der allerdings kein Naturforscher ist.
[ 8 ] And what I am saying now is plain as day when one looks at the developments that have taken place in scientific thought, let’s say, from the beginning of the 19th century—and I’m not referring here to the natural philosophers, but to the empirical natural scientists, from the likes of Johannes Müller up to Mach, or even Poincaré and the others, or to Fritz Mauthner, who, admittedly, is not a natural scientist.
[ 9 ] Wer so recht eine Anschauung gewinnen will, was da vorliegt, der muß sich bekanntmachen mit etwas, was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine gewisse Rolle gespielt hat, was aber dann gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig fallengelassen worden ist, und was jetzt in einer merkwürdigen Gestalt da oder dort wiederum in der wissenschaftlichen Betrachtung auftaucht. Das ist die Idee der Lebenskraft, das, was man im wissenschaftlichen Leben den Vitalismus nennt.
[ 9 ] Anyone who truly wishes to gain an understanding of what is at stake here must familiarize themselves with something that still played a certain role in the first half of the 19th century, but which was then completely abandoned toward the middle of the 19th century, and which is now reappearing here and there in scientific discourse in a curious form. This is the idea of vital force—what is known in scientific circles as vitalism.
[ 10 ] Wenn wir zu der Vorstellung von Vitalkraft zurückgehen, die man in älteren Zeiten hatte, so sieht man, daß die Anhänger des Vorhandenseins dieser Vitalkraft sich sagten: Wenn wir ein Ding der anorganischen Natur betrachten, so finden wir in diesem Ding der anorganischen Natur allerlei Kräfte, Wärmekraft, Lichtkraft, elektrische Kraft und so weiter; wenn wir aber ein Wesen der organischen Welt betrachten, so finden wir außerhalb diesen Kräften, welche die anorganische Natur konstituieren, auch noch die Vitalkraft, die Lebenskraft. Diese Lebenskraft ist in jedem Lebewesen vorhanden wie im Magneten die Magnetkraft. Sie bemächtigt sich gewissermaßen der anorganischen Kräfte, um diese zusammenzufassen und aus ihnen Wirkungen hervorzubringen, die sie, auf sich selbst gestellt, nicht leisten können.
[ 10 ] If we return to the concept of vital force as it was understood in earlier times, we see that those who believed in the existence of this vital force said to themselves: When we consider an object of inorganic nature, we find within it all manner of forces—thermal force, light force, electrical force, and so on; but when we consider a being of the organic world, we find, in addition to these forces that constitute inorganic nature, the vital force, the life force. This life force is present in every living being, just as magnetic force is present in a magnet. It takes control, as it were, of the inorganic forces in order to synthesize them and produce effects that they, acting on their own, cannot achieve.
[ 11 ] Dieser Vitalkraft wurde der letzte Stoß zum Abdanken gegeben durch die Darstellung eines organischen Stoffes in synthetischer Weise von Wöhler und Liebig, und sie wurde als solche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fallengelassen. Aber im sogenannten Neovitalismus taucht sie wiederum in der neuesten Zeit aus der Verborgenheit auf, weil gewisse Denker dazugekommen sind, sich zu sagen: Wenn wir die Methoden, die wir ausgebildet haben, um mit Hilfe der anorganischen Kräfte das Anorganische zu erklären, auf das Organische anwenden, dann kommen wir eben nicht aus; wir müssen im Organischen etwas anderes suchen. — Und, ich möchte sagen, mit einem deutlichen Anklang an die alte Lebenskraft taucht im Neovitalismus wiederum so etwas herauf für die Erklärung in den organischen Wissenschaften.
[ 11 ] The final blow to this concept of vital force came with Wöhler and Liebig’s synthetic synthesis of an organic compound, and it was abandoned as such in the second half of the 19th century. But in so-called neovitalism, it has recently reemerged from obscurity, because certain thinkers have come to realize: If we apply the methods we have developed to explain the inorganic using inorganic forces to the organic, we simply cannot make sense of it; we must look for something else within the organic. — And, I would say, with a clear echo of the old life force, something like this is once again emerging in Neovitalism as an explanation in the organic sciences.
[ 12 ] Wer sich aber wirklich ordentlich kritisch einläßt auf dasjenige, was als Lebenskraft selbst noch in der Betrachtung von Johannes Müller vorkommt, der wird finden, daß in dieser Lebenskraft etwas vorliegt, was sich als Begriff in Wirklichkeit nicht vollziehen läßt. Und ich möchte sagen, an der Unmöglichkeit, die Lebenskraft als Begriff zu fassen, ist sie im Laufe des 19. Jahrhunderts in der wissenschaftlichen Betrachtung abgestorben. Man konnte sie nicht fassen. Und warum konnte man sie nicht fassen? Zunächst wird man, wenn man ganz vorsichtig vorgeht in der Betrachtung der organisch-naturwissenschaftlichen Methodik des 19. Jahrhunderts, sehen, wie diejenigen, die da mit der Idee dieser Lebenskraft ringen, finden, sie können damit nichts anfangen. Was sie anfangen wollen, entschwindet ihnen sogleich, wenn sie mit ihrer Idee an die Erscheinung herangehen. Sie kommen doch nicht auf den eigentlichen Nerv der Sache. Sie kommen nicht darauf aus dem Grunde, weil sie die eigentliche Funktion der Verstandestätigkeit nicht scharf fassen.
[ 12 ] But anyone who really engages critically with what remains of the concept of “vital force” even in Johannes Müller’s analysis will find that there is something in this vital force that, as a concept, cannot actually be fully grasped. And I would say that it was precisely because of the impossibility of grasping the life force as a concept that it died out in scientific thought over the course of the 19th century. It could not be grasped. And why could it not be grasped? To begin with, if one proceeds very cautiously in examining the organic-scientific methodology of the 19th century, one will see how those who wrestle with the idea of this life force find that they cannot make sense of it. What they seek to grasp vanishes immediately when they approach the phenomenon with their idea. They simply do not get to the heart of the matter. They fail to do so fundamentally because they do not clearly grasp the actual function of intellectual activity.
[ 13 ] Die Verstandestätigkeit tendiert in unserem Zeitalter dahin, nur das Phänomen zu betrachten und es hinzustellen neben ein anderes, damit Phänomen das Phänomen erklärt. Aber das läßt sich bei der Lebenskraft nicht ausführen. Bei der Lebenskraft muß man immer, wenn man überhaupt etwas tun will, von der Verstandestätigkeit aus etwas hineinschieben in das Phänomen. Man muß gewissermaßen dem Phänomen etwas unterschieben. Und darinnen liegt das, was allmählich im Gebrauche der Idee von der Lebenskraft bedenklich geworden ist. Das war dann die Ursache, daß man sie ganz hat fallen lassen und daß als ein gewisses Ideal in weitesten Kreisen entstanden ist, die Lebewesen nun überhaupt als einen Zusammenfluß, eine Kombination derjenigen Kräfte anzuschauen, die auch in der anorganischen Natur walten.
[ 13 ] In our age, intellectual activity tends to focus solely on the phenomenon and to juxtapose it with another, so that one phenomenon explains the other. But this cannot be done with the life force. When it comes to the life force, if one wishes to do anything at all, one must always introduce something into the phenomenon from the activity of the intellect. One must, so to speak, attribute something to the phenomenon. And therein lies what has gradually become a cause for concern in the use of the concept of vital force. This was then the reason why it was abandoned entirely and why, in the broadest circles, a certain ideal emerged: to view living beings now as a convergence, a combination of those forces that also prevail in inorganic nature.
[ 14 ] Mit anderen Worten: die Idee der Lebenskraft ist eigentlich eine Art Wechselbalg geworden. Man ist dazu gekommen, das Konstitutive in den Wissenschaften nur im Phänomen zu suchen. Die Lebenskraft ergab sich als Phänomen nicht. Man mußte — was aber eigentlich nicht statthaft war in diesem Zeitalter der Menschheitsentwickelung — vom Verstande aus die Vitalkraft konstruieren. Das war der negative Teil der Entwickelung, in der wir heute drinnenstehen. Denn in dem Neovitalismus tritt nichts Anschauliches auf. Was der Neovitalismus an die Stelle einer bloß das Anorganische kombinierenden Erklärung der Lebenserscheinungen setzt, das ist nichts anderes als eine Art Aufwärmung des alten Vitalismus. Und man könnte sagen, daß deutlich im äußeren Betriebe des wissenschaftlichen Lebens eine Art Abbild dessen vorhanden ist, was da eigentlich vorgeht im inneren Geistesleben. Ich kann heute nur in einzelnen Erscheinungen hinweisen auf dieses Abbild. Aber wer die beieinanderliegenden Phänomene gerade so betrachten kann, daß sie sich gegenseitig aufhellen, der wird schon die Bewahrheitung desjenigen, das ich jetzt meine, auch einsehen. Was sich aus einer älteren Betrachtungsweise erhalten, was die Begriffe und Ideen daraus zurückgehalten hat, das figurierte bis vor kurzer Zeit, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, noch recht unansehnlich als Philosophie. Und ich habe dasjenige, was mit dieser Philosophie vorging, in meinem ersten Vortrage dieser Reihe, wenigstens andeutungsweise auseinanderzusetzen versucht. Allein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da gingen schon einzelne merkwürdige Erscheinungen auf dem Gebiete des philosophischen Lebens vor.
[ 14 ] In other words: the idea of vital force has actually become a kind of changeling. People have come to seek the constitutive element in the sciences solely in the phenomenon. The life force did not present itself as a phenomenon. One had to—which was actually impermissible in this era of human development—construct the vital force from the intellect. That was the negative aspect of the development in which we find ourselves today. For in neovitalism, nothing concrete appears. What Neovitalism substitutes for an explanation of life phenomena that merely combines inorganic elements is nothing other than a sort of rehash of the old Vitalism. And one could say that there is clearly, in the outward activity of scientific life, a kind of reflection of what is actually taking place in the inner spiritual life. Today I can only point to this reflection in individual phenomena. But anyone who can view these related phenomena in such a way that they shed light on one another will already recognize the truth of what I now mean. What has been preserved from an older way of thinking—the concepts and ideas retained from it—still figured, until quite recently, that is, until the middle of the 19th century, as a rather unsightly form of philosophy. And in my first lecture in this series, I attempted—at least in outline—to analyze what transpired with this philosophy. Yet already in the second half of the 19th century, certain remarkable phenomena were taking place in the realm of philosophical life.
[ 15 ] Wir können sehen, wie ein recht gewissenhafter Denker, der nur nicht in der Lage war, die Probleme, die er aufwarf, zu Ende zu denken — ich habe ihn an dieser Stelle in diesen Tagen erwähnt —, wie Franz Brentano für die Philosophie die naturwissenschaftliche Methode fordert. Ihm war nichts anderes gegeben als naturwissenschaftliche Methode als dasjenige, was eben in der Gegenwart als solche üblich ist. Gewissermaßen war damit das Leitmotiv für alle diejenigen gegeben, die nicht mehr auf eine besondere geistige Methode reflektieren wollten, sondern die sich der allgemeinen Autorität des landläufigen naturwissenschaftlichen Denkens fügten. Dann aber kamen noch andere Erscheinungen. An einzelnen Fakultäten, wo, sagen wir, alte Herbartianer wirkten, kam es dazu, daß diese ihre Lehrkanzeln verließen, und es gab dann Fakultäten, welche an diese unbesetzten Lehrkanzeln für Philosophie nunmehr nicht Philosophen im alten Sinne beriefen, sondern naturwissenschaftlich Denkende. So zum Beispiel war es in Wien, wo Mach, der Naturforscher, die Lehrkanzel für Philosophie, die leer geworden war, zu beziehen hatte. Man empfand das noch etwas unbehaglich, und man nannte deshalb das Fach, das er zu vertreten hatte, «induktive Philosophie», hatte ihm also die Lehrkanzel für Induktive Philosophie übertragen, danebengesetzt allerdings einen Mann — ich schätze diesen Mann sehr, aber ich charakterisiere jetzt ja objektiv Kulturerscheinungen, und damit spielt die persönliche Schätzung keine Rolle —, der vorher Professor für christliche Philosophie an der theologischen Fakultät der neuen Universität war. Damit dokumentierte man, daß man dasjenige, was in der Philosophie sein sollte, nicht aus irgendeiner neuen Forschungsweise herausnahm, sondern aus der alten Tradition. Und was sich da, ich möchte sagen, in einer gewissen auffälligen Weise vollzog, das vollzieht sich ja immer wieder. Abgesehen davon, daß ganz naturwissenschaftlich Denkende an die psychologischen Lehrkanzeln herangebracht werden und in ein früher als philosophisch angesehenes Gebiet ganz naturwissenschaftliche Denkweise hineintragen, sehen wir auch sonst, wie naturwissenschaftlich Denkende heute ganz offiziell als Träger der Philosophie funktionieren. In solchen Erscheinungen spricht sich dasjenige auch äußerlich aus, was ich hier anzudeuten habe: mit dem, was da in der neueren Zeit heraufgekommen ist als der kombinierende Verstand, der in seiner Reinheit nur so angewendet werden kann, wie ihn Goethe angewendet wissen wollte, mit dem läßt sich über die Lebenserscheinungen nichts ausmachen.
[ 15 ] We can see how a quite conscientious thinker—who was simply unable to think through the problems he raised to their logical conclusion—I have mentioned him here recently—how Franz Brentano calls for the scientific method in philosophy. He knew of no other scientific method than the one that is currently in common use. In a sense, this provided the guiding principle for all those who no longer wished to reflect on a particular intellectual method, but instead submitted to the general authority of conventional scientific thinking. But then other developments arose. In certain faculties, where, let us say, old Herbartians were active, it came to pass that they left their chairs, and there were then faculties which, when filling these vacant chairs in philosophy, no longer appointed philosophers in the old sense, but rather those who thought in the manner of the natural sciences. This was the case, for example, in Vienna, where Mach, the natural scientist, was to take up the chair of philosophy that had become vacant. People still found this somewhat unsettling, and so they called the subject he was to teach “inductive philosophy,” and so they had assigned him the chair of Inductive Philosophy, though they placed alongside him a man—I hold this man in high regard, but I am now objectively characterizing cultural phenomena, and personal esteem plays no role here—who had previously been a professor of Christian philosophy in the theological faculty of the new university. This served to demonstrate that what was to be considered philosophy was not derived from some new method of research, but from the old tradition. And what took place there—I would say in a rather conspicuous manner—is, in fact, a recurring phenomenon. Apart from the fact that those who think entirely in scientific terms are being brought into the chairs of psychology and are introducing a purely scientific way of thinking into a field that was formerly regarded as philosophical, we also see in other contexts how those who think scientifically now function quite officially as the bearers of philosophy. In such phenomena, what I am trying to suggest here is also expressed outwardly: with what has emerged in recent times as the “combining intellect”—which, in its purity, can only be applied as Goethe intended it to be applied—it is impossible to make any sense of the phenomena of life.
[ 16 ] Hier liegt wiederum der Punkt, wo Ehrlichkeit und Unbefangenheit des wissenschaftlichen Denkens streng gefordert werden muß. Und die Methoden, die mit Hilfe äußerer Beobachtung, äußeren Experimentes, mit Hilfe dieses kombinierenden Verstandes forschen, die können, wenn sie mit sich selber richtig kritisch zu Werke gehen, wenn sie sich aus ihren Betrachtungen heraus, wenn ich so sagen darf, ein volles Bewußtsein über ihre eigene Tragweite verschaffen, nicht anders, als sagen: Wir sind als Methoden nur anwendbar auf das Gebiet der anorganischen Naturwissenschaften, da gehören wir hinein, da können wir die Betrachtungsweise groß machen; aber wir dürfen nicht, ohne den ganzen Sinn der Betrachtungsweise, auch den Inhalt der Betrachtungsweise zu ändern, in das Gebiet der organischen Naturwissenschaften heraufsteigen. Das muß von dieser Methode unberührt bleiben.
[ 16 ] Here, once again, is the point where honesty and impartiality in scientific thinking must be strictly demanded. And the methods that conduct research with the aid of external observation, external experimentation, and this combinatory intellect—if they apply a truly critical approach to themselves, if, based on their own observations, they gain—if I may put it this way—a full awareness of their own scope—cannot help but conclude: As methods, we are applicable only to the realm of inorganic natural sciences; that is where we belong, and that is where we can fully develop this approach; but we must not venture into the realm of organic natural sciences without altering the very essence—and thus the content—of this approach. That must remain untouched by this method.
[ 17 ] Geisteswissenschaft hat nun von der anderen Seite aus zu sprechen. Geisteswissenschaft hat zu sagen: Es gibt auch die Möglichkeit einer Bewußtseinsentwickelung, entsprechend dem Lauf, der von jenen Bewußtseinsformen aus genommen worden ist, die vor dem 14. Jahrhundert noch ihre letzten Blüten getrieben haben. Wie von diesen Bewußtseinsformen aus zum rein gegenständlichen Bewußtsein, das nicht in der Phänomenalität steckenbleiben soll, fortgeschritten worden ist, so muß heute, behufs wissenschaftlicher Betrachtungsweise des Organischen, durch die innerliche Entwickelung der Seele heraufgeschritten werden zu den anderen Bewußtseinsformen: zum imaginativen Bewußtsein, inspirierten Bewußtsein, intuitiven Bewußtsein.
[ 17 ] Spiritual science must now speak from the other side. Spiritual science must say: There is also the possibility of a development of consciousness corresponding to the course taken by those forms of consciousness that were still in their final bloom before the 14th century. Just as progress was made from these forms of consciousness toward purely objective consciousness—which should not remain stuck in the realm of phenomena—so too must we today, for the sake of a scientific approach to the organic, ascend through the inner development of the soul to the other forms of consciousness: to imaginative consciousness, inspired consciousness, and intuitive consciousness.
[ 18 ] Denn soll der Verstand zurechtkommen mit den Lebenserscheinungen, dann muß für den Verstand das, was sich innerhalb des Gebietes der Lebenserscheinungen abspielt, Beobachtung werden, Phänomen werden. Das kann es nicht innerhalb der sinnlichen Beobachtung. Der Verstand kann nicht konstitutiv werden für einen Inhalt der organischen Naturwissenschaften. Der Verstand muß sich auch da kombinierend verhalten. Aber die Anschauung muß ihm geliefert werden. Diese Anschauung wird ihm geliefert im imaginativen Erkennen. In der Ausbildung des imaginativen Erkennens, wie ich sie dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wird nämlich, abgesehen von allem übrigen, was über dasselbe gesagt werden kann, die Möglichkeit errungen, mit dem alten Vitalismus, der einen Wechselbalg von Begrifflichkeit geliefert hat, zu brechen und die imaginative Anschauung des Lebens an dessen Stelle zu setzen.
[ 18 ] For if the intellect is to make sense of the phenomena of life, then what takes place within the realm of these phenomena must become, for the intellect, observation—a phenomenon. This cannot happen within the realm of sensory observation. Reason cannot be constitutive of the content of the organic natural sciences. Here, too, reason must act in a combinatory manner. But intuition must be provided to it. This intuition is provided to it through imaginative cognition. In the training of imaginative cognition, as I have described it in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, one achieves—apart from everything else that can be said about it—the possibility of breaking with the old vitalism, which has produced a changeling of conceptuality, and of substituting the imaginative perception of life in its place.
[ 19 ] Selbstverständlich kommt jetzt der ungeheuer billige Einwand, der nun gemacht werden kann. Es kann gesagt werden: Nun ja, aber wir normalen Menschen haben eben nur diesen kombinierenden Verstand. Es mag solche Käuze geben, welche zur Imagination, Inspiration und so weiter fortschreiten. Wir wollen das nicht weiter bezweifeln, aber wir haben sie eben nicht. Deshalb gilt für uns eine Philosophie, welche diese Inhalte der Imagination und so weiter ablehnt, welche sich nicht damit zu schaffen macht, diese Inhalte der Imagination, Inspiration und so weiter in sich selber als Philosophie hereinzunehmen. Dieser billige Einwand ist in der folgenden Weise zu entwerten. Ich will mich mit einem Beispiel verdeutlichen, das ich öfter schon erwähnt habe. Wenn die Geistesforschung einfach die Tatsachen nimmt, die heute schon der empirischen organischen Wissenschaft vorliegen, dann kommt man zum Beispiel in der Lehre vom menschlichen Herzen zu ganz anderen Anschauungen als denen, die durch einen falschen, aus alten Zeiten traditionell fortbewahrten alten Verstandesgebrauch noch immer in der landläufigen Wissenschaft zustande kommen. Da wird das Herz angesehen wie so eine bessere Pumpe, welche das Blut durch den Organismus treibt. Diese Anschauung folgt nur dann als eine «richtige» für den Menschen, wenn er auf den menschlichen Organismus als ein Lebewesen den Verstand anwendet, der darauf nicht anwendbar ist. Sobald man zur imaginativen Betrachtung aufsteigt, kommt man dazu, sich zu sagen: Nicht das Herz treibt das Blut durch die Adern des Organismus, sondern die Herzbewegung ist das Ergebnis des inneren Blutlebens. Das Blut selbst ist es, welches aus dem intensiven eigenen Leben, welches zentralisiert ist im Herzen, diese Bewegung verursacht, so daß die Herzbewegung die Folge der Blutbewegung, und nicht das Umgekehrte der Fall ist. Das ergibt sich unmittelbar aus der imaginativen Betrachtung des menschlichen und dann auch des tierischen Organismus. Nun, wer ohne diese imaginative Betrachtung eine Herzlehre, eine Herzbewegungslehre aufstellt, der muß, wenn er ehrlich ist, dazu kommen, in dieser Betrachtungsweise Unzulängliches zu finden, an dem stehenzubleiben ist. Und wenn er dann ausschaltet, was er selbst in seiner Erklärung als unzulänglich erkannt hat, aber beibehält die empirische Erkenntnis der Tatsachen, der gesamten Tatsachenwelt des menschlichen und tierischen Organismus, insofern sich diese Tatsachenwelt auf Blutbewegung und Herzbewegung bezieht, wenn er alles zusammenfaßt — Geisteswissenschaft schreckt nie vor einer wirklich gründlichen und gewissenhaften Prüfung durch andere zurück —, was aus dem Umfang der gegenwärtigen Anatomie, Physiologie, Biologie und so weiter zu gewinnen ist, namentlich auch, was, erläuternd dieses Problem, aus der Embryologie zu gewinnen ist, dann wird er sich sagen: Nun, derjenige, der auf dem Boden imaginativer Erkenntnis steht, gibt diese Erklärung. Ich kenne die Tatsachen; setze ich das Ergebnis der imaginativen Erkenntnis ehrlich voraus, prüfe ich daran meine Tatsachen, die ich gut kenne, dann stimmt das völlig, und es ist damit aller nur wünschenswerte Grund vorhanden, um dasjenige, was durch imaginative Erkenntnis gewonnen wird, anzunehmen.
[ 19 ] Of course, here comes the incredibly cheap objection that can now be raised. One might say: Well, yes, but we normal people simply have only this combinatory intellect. There may be such oddballs who go on to experience imagination, inspiration, and so on. We do not wish to doubt that any further, but we simply do not possess these qualities. Therefore, a philosophy applies to us that rejects these elements of imagination and so on, one that does not concern itself with incorporating these elements of imagination, inspiration, and so on into itself as philosophy. This flimsy objection must be refuted in the following manner. I will illustrate this with an example I have mentioned before. If spiritual research simply takes the facts that are already available to empirical organic science today, then—for example, in the study of the human heart—one arrives at views entirely different from those that still prevail in mainstream science due to a flawed, traditional way of thinking handed down from ancient times. There, the heart is viewed as a kind of improved pump that drives blood through the organism. This view can only be considered “correct” for human beings if one applies to the human organism—as a living being—a mode of thinking that is not applicable to it. As soon as one rises to the level of imaginative observation, one comes to realize: It is not the heart that drives the blood through the veins of the organism, but rather the heart’s movement is the result of the inner life of the blood. It is the blood itself that, through its own intense life—which is centered in the heart—causes this movement, so that the heart’s movement is the consequence of the blood’s movement, and not the other way around. This follows directly from an imaginative observation of the human organism and, by extension, the animal organism. Now, anyone who formulates a theory of the heart or a theory of heart movement without this imaginative observation must, if they are honest, come to recognize that this approach contains shortcomings that must be addressed. And if they then set aside what they themselves have recognized as inadequate in their explanation, but retain the empirical knowledge of the facts—the entire factual world of the human and animal organisms—insofar as this factual world relates to the movement of blood and the movement of the heart, and if they summarize it all — spiritual science never shrinks from a truly thorough and conscientious examination by others —, what can be gleaned from the scope of current anatomy, physiology, biology, and so on, and specifically what can be gleaned from embryology in elucidating this problem, then he will say to himself: Well, the one who stands on the ground of imaginative knowledge offers this explanation. I know the facts; if I honestly take the result of imaginative knowledge as a given and test against it the facts I know well, then it agrees completely, and this provides every desirable basis for accepting what is gained through imaginative knowledge.
[ 20 ] Es kann, sobald gewissenhaft und ehrlich auf diesem Gebiete in der Richtung der wissenschaftlichen Bewußtseinsentwickelung fortgeschritten wird, nicht mehr die Ausrede gelten, wer nicht selber imaginative Erkenntnis habe, der brauche diese imaginative Erkenntnis nicht anzuerkennen. Sondern es muß an dessen Stelle das andere treten, daß man sagt: Ich kenne gut die Tatsachen, die sich der sinnlichen Beobachtung darbieten, eine Erklärung aber kommt mir nur von seiten des imaginativen Anschauens. Mit dieser Erklärung finde ich mich zurecht. Die Tatsachen sind verständlich aus ihr heraus; also sind alle Voraussetzungen für die Annahme gegeben. — Und im Grunde genommen zeigt derjenige, der aus dem eben charakterisierten Grunde die übersinnliche Erkenntnis auf diesem Gebiete ablehnt, nicht, daß er die übersinnliche Erkenntnis nicht beherrscht. Die ist ja heute noch nicht so weit, daß man sie leicht beherrschen könnte. Sondern er beweist, daß er die ihm vorliegenden Tatsachen nicht richtig werten kann. Er beweist den Mangel seiner Einsicht in die sinnlich-empirisch gewonnene Tatsachenwelt selber. Und das ist am häufigsten der Fall in der heutigen Betrachtungsweise der organischen Naturwissenschaften. Die Betrachtungsweise, die für die organischen Naturwissenschaften nötig ist, ist diejenige, welche sich von dem bloßen gegenständlichen Erkennen zu dem imaginativen Erkennen erhebt. Denn im imaginativen Erkennen enthüllt sich erst das Geheimnis des Lebens.
[ 20 ] As long as we make conscientious and honest progress in this field toward the scientific development of consciousness, the excuse that “those who do not possess imaginative insight themselves need not acknowledge this imaginative insight” can no longer hold. Instead, it must be replaced by the following statement: I am well acquainted with the facts that present themselves to sensory observation, but an explanation comes to me only through imaginative perception. I am satisfied with this explanation. The facts can be understood on the basis of this explanation; thus, all the prerequisites for accepting it are met. — And, fundamentally speaking, anyone who rejects supersensible knowledge in this field for the reason just described does not demonstrate that he lacks mastery of supersensible knowledge. After all, such knowledge has not yet reached a stage where it can be easily mastered. Rather, he proves that he cannot correctly assess the facts before him. He demonstrates his own lack of insight into the world of facts derived from sensory-empirical observation. And this is most often the case in today’s approach to the organic natural sciences. The approach required for the organic natural sciences is one that rises from mere objective cognition to imaginative cognition. For it is only in imaginative cognition that the mystery of life is revealed.
[ 21 ] Goethe hat von der reinen Phänomenologie aus, die er angewendet wissen wollte zum Beispiel in der Farbenlehre und in der Tonlehre, hingestrebt zu dem, was er seine Morphologie nannte, zu der Erfassung des SichGestaltenden. Er ist nur bis zu einem gewissen Grade der Erkenntnis gekommen. Was er inauguriert hat, das muß fortgesetzt werden. Man sieht, wie er nur bis zu einem gewissen Grade gekommen ist: nachdem seine Betrachtungsweise bis zu einem hohen Grade, wenn auch nicht ganz, für das unbewußte Pflanzenreich ausgereicht hatte, mußte er, als er von dem Pflanzenreich zu der Betrachtung der Metamorphose des tierischen Reiches gehen wollte, stehenbleiben. Sehen Sie sich die Abhandlungen an, die er in bezug auf die Metamorphose des tierischen Reiches geschrieben hat. Sie werden überall sehen, wie er als ein gewissenhafter Mensch abbricht, weil es eben nicht mehr weitergeht, weil man von einem gewissen Momente von dieser Morphologie Goethes, wenn man weiter kommen will, zu etwas noch Geistigerem hinkommen muß, als die bloße Gestalt ist: zu dem, was innerlich die Bewußtheit mit der Empfindungs- und Willenswelt — nun im inspirierten Erkennen — erfassen kann.
[ 21 ] Starting from pure phenomenology—which he sought to apply, for example, in his theory of colors and his theory of sound—Goethe strove toward what he called his “morphology,” that is, the comprehension of what takes shape. He reached only a certain degree of insight. What he initiated must be continued. One can see how he only got so far: although his approach had sufficed to a high degree—if not entirely—for the unconscious plant kingdom, he had to stop when he wanted to move from the plant kingdom to the study of metamorphosis in the animal kingdom. Take a look at the treatises he wrote regarding the metamorphosis of the animal kingdom. You will see everywhere how, as a conscientious person, he breaks off because he simply cannot go any further; because, from a certain point in Goethe’s morphology, if one wishes to proceed, one must arrive at something even more spiritual than mere form: at that which consciousness can grasp inwardly through the world of sensation and will—now in inspired knowledge.
[ 22 ] Wenn man die Sache so ansieht, dann wird man hauptsächlich in der Betrachtungsweise, in dem Wie des Anschauens, in dem Wie der Ausbildung der Methodik ein Wesentliches sehen. Und — wie gesagt, ich kann heute nur andeuten — wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus einen Blick werfen auf das, was im Verlaufe des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts Evolutionslehre geworden ist, dann werden wir das Folgende finden: Zunächst wird äußerlich empirisch die Reihe der Lebewesen verfolgt, von der unvollkommenen, sogenannten unvollkommenen Monere bis herauf zum Menschen, und es wird in der Betrachtungsweise so verfahren, daß man sich immer das Vollkommenere aus dem Unvollkommeneren hervorgehend denkt. Wenn man in einer etwas anderen Weise vorgeht, wie das bis zu einem gewissen Grade Haeckel getan hat, so konstruiert man wenigstens in der Vorfahrenreihe der jetzigen Wesen solche, welche wiederum ziemlich genaue Abklatsche der jetzigen Lebewesen sind. Die konstruierten Wesen der Vorzeit in dem alten Haeckelschen Stammbaum haben durchaus den Charakter desjenigen, was auch heute lebt.
[ 22 ] If one looks at the matter this way, one will see that what is essential lies primarily in the perspective, in the way of looking at things, and in the way the methodology is developed. And—as I said, I can only hint at this today—if we take a look from this perspective at what the theory of evolution became in the course of the 19th century and at the beginning of the 20th century, we will find the following: First, the series of living beings is traced outwardly and empirically, from the imperfect, so-called imperfect monera all the way up to human beings, and the approach taken is such that one always conceives of the more perfect emerging from the less perfect. If one proceeds in a somewhat different manner, as Haeckel did to a certain extent, one constructs—at least in the ancestral lineage of present-day organisms—organisms that are, in turn, fairly exact replicas of present-day living beings. The reconstructed prehistoric organisms in Haeckel’s old phylogenetic tree certainly bear the characteristics of those that live today.
[ 23 ] Dasjenige aber, was sich der Imagination darbietet, führt zu einer ganz anderen Betrachtungsweise. Und ich will — weil es die Kürze der Zeit fordert, nur schematisch — diese Betrachtungsweise andeuten: Wenn man vom Standpunkte der imaginativen Anschauungsart ausgeht, kann zum Beispiel das menschliche Haupt in Vergleichung mit der Rückenwirbelsäule sachgemäß nur so betrachtet werden, daß man sagt: Diese menschliche Hauptgestaltung, so unähnlich sie auch in der äußeren Form, in ihrer heutigen Metamorphose der Rückenwirbelsäule ist, kann nur metamorphosisch vorgestellt werden als eine Umbildung der Rückenwirbelsäule. Man hat sich zu denken, daß die Nervenorganisation des Rückenmarks sich umgestaltet, metamorphosiert zu dem, was uns als das Gehirn erscheint, und daß sich auch die umschließenden Knochen, die Wirbelknochen der Rückenmarkswirbelsäule, umgestalten zu dem, was die Schädeldecke wird.
[ 23 ] But what presents itself to the imagination leads to an entirely different way of looking at things. And I will—because time is short—outline this way of looking at things only schematically: If one proceeds from the standpoint of the imaginative mode of perception, the human head, for example, can—in comparison with the spinal column—properly be regarded only in such a way that one says: This human head form, however dissimilar it may be in its external shape to the spinal column in its present-day metamorphosis, can be conceived only metamorphically as a transformation of the spinal column. One must imagine that the nervous organization of the spinal cord transforms, metamorphosing into what appears to us as the brain, and that the surrounding bones—the vertebral bones of the spinal column—also transform into what becomes the skull.


[ 24 ] Aber nun ist es wichtig, das Folgende ins Auge zu fassen. Man muß sich vorstellen, daß in einer gewissen Beziehung dasjeige, was ich hier im Gegensatz zu der Linie a-b wie einen Kreis hingezeichnet habe, gewissermaßen eine aufgeplusterte Rückenwirbelsäule ist und hinweist auf dasjenige, was es einmal in einer früheren Metamorphose war: selbst etwas wie eine Rückenwirbelsäule, aber unter anderen äußeren Bedingungen. Was ich als einen Kreis gezeichnet habe, hat sich also in gewisser Weise aus a-b herausgebildet. Was aber heute als Rückenwirbelsäule am menschlichen Organismus ist, das hat sich dem also Ausgebildeten erst später angegliedert. Das ist beim Menschen die spätere Bildung. Nachdem sich der Schädel umgebildet hatte aus einer Kräfteanordnung, die heute in etwas anderer Weise in der Rückenwirbelsäule erscheint, gliederte sich an ihn diese heutige Rückenwirbelsäule an. Was das «Unvollkommenere» am Menschen ist, ist also das Spätere, und was das «Vollkommenere» ist, ist das Frühere. Und wir werden zurückgeführt, wenn wir sinngemäß vorgehen, in ein Zeitalter, in dem in anderer Metamorphose die Kräfte, welche das menschliche Haupt bilden, schon vorhanden waren, nicht aber die Kräfte, welche die heutige menschliche Rückenmarksäule bilden.
[ 24 ] But now it is important to consider the following. One must imagine that, in a certain sense, what I have drawn here as a circle in contrast to the line a–b is, so to speak, a puffed-up spinal column and points to what it once was in an earlier metamorphosis: itself something like a spinal column, but under different external conditions. What I have drawn as a circle has thus, in a certain sense, developed out of a–b. But what today constitutes the vertebral column in the human organism was only later attached to what had already developed in this way. In humans, this is the later formation. After the skull had transformed from an arrangement of forces that appears today in a somewhat different form in the spine, this present-day spine became attached to it. What is “less perfect” in human beings is thus the later development, and what is “more perfect” is the earlier one. And if we proceed logically, we are led back to an age in which, in a different metamorphosis, the forces that form the human head were already present, but not the forces that form the modern human spinal column.
[ 25 ] Wenn wir aber diese letzteren Kräfte ins Auge fassen, dann sind es dieselben Kräfte, die uns zum Beispiel im Tierreiche entgegentreten, wo die Schädelbildung eine Gestaltung ist, die nur eine geringere Umwandlung gegenüber der Rückenwirbelsäule aufweist als beim Menschen. So daß wir sagen müssen: Was im menschlichen Haupte vorliegt, weist uns als früheste Bildung in ältere Zeiten zurück als das, was dann als Mensch schon mit der Rükkenwirbelsäule aufgetreten ist, und auch als das, was im Tierreiche vorliegt. Wir haben in der Evolution nicht den Menschen abzuleiten aus dem Tierreiche, sondern wir haben uns zu sagen, eine sinngemäße Ausdeutung der Tatsachen selber zeigt uns, daß der Mensch ein älteres Wesen ist als die Tiere, daß die Tiere später entstanden sind und es in ihrer Evolution nur zu dem gebracht haben, was beim Menschen heute auch in seiner späteren Gestaltung als Rückenwirbelsäule zutage tritt, es aber, weil ihnen eine kürzere Zeit zur Verfügung stand, nicht dahin gebracht haben, die Schädelmetamorphose in dem menschlichen Sinne auszubilden.
[ 25 ] But when we consider these latter forces, they are the same forces we encounter, for example, in the animal kingdom, where the structure of the skull shows only a slight modification from the spinal column compared to that in humans. So we must say: What is present in the human head points us back, as the earliest formation, to times earlier than what appeared in humans with the vertebral column, and also earlier than what is found in the animal kingdom. In evolution, we must not derive humans from the animal kingdom; rather, we must say that a reasonable interpretation of the facts themselves shows us that human beings are older beings than animals, that animals arose later and, in their evolution, have only reached the stage that is evident today in human beings in their later form as the spinal column; but because they had less time at their disposal, they did not manage to develop the metamorphosis of the skull in the human sense.
[ 26 ] Wenn Sie diesen Gedanken, den ich hier nur skizzenhaft vorbringen kann, ausdenken, dann kommen Sie zu einer wirklich sinngemäßen Auffassung der Evolutionslehre. Die großartigen Tatsachen, die vorliegen, die man nur in ihrem ganzen Umfange kennen muß, werden erklärlich, wenn man diese aus imaginativem Erkennen geschöpfte Anschauungsweise zugrunde legt. Und aus diesen Voraussetzungen heraus kommt man dann zu ganz gewissen Bezügen, Verhältnissen desjenigen, was in der äußeren Wissenschaft unseren Erdenverhältnissen vorliegt.
[ 26 ] If you think this idea through—which I can only sketch out here—you will arrive at a truly meaningful understanding of the theory of evolution. The magnificent facts that are before us—which one need only come to know in their full scope—become understandable when one takes as a basis this perspective drawn from imaginative cognition. And from these premises, one then arrives at very definite connections and relationships regarding what is presented in external science concerning our earthly conditions.
[ 27 ] Denken Sie, daß man durch Weiterverfolgen dieses Gedankens dazu kommt, sich zu sagen, wie der Mensch zu dem Tiere steht. Man kann auf diese Weise aber auch weiterschreiten und erkennen lernen, wie der Mensch steht zu dem Pflanzenreich und zuletzt zu dem mineralischen Reich, das man durch Beobachtung, Experiment und den kombinierenden Verstand in seinem Phänomenzusammenhang erfaßt.
[ 27 ] Do you think that by pursuing this line of thought, one can come to understand the relationship between humans and animals? But one can also proceed further in this way and come to understand how humans relate to the plant kingdom and, ultimately, to the mineral kingdom, which can be grasped in its context of phenomena through observation, experimentation, and the synthesizing mind.
[ 28 ] Mit einer solchen Vorstellungsweise kommt man dazu, des Menschen Verhältnis zu seiner Umwelt wirklich zu durchschauen, wie man in einer gewissen Weise die Beziehungen der Gebiete, die uns in der mathematischen Wissenschaft zu mathematischen Urteilen führen, durchschaut. Man kommt dazu, immer mehr und mehr auszubilden, was Goethe wie ein Ideal vorschwebte, indem er sagte, seine Urpflanze müsse in der Idee etwas werden, mit dem man erkennend jede einzelne Pflanze in ihrem entsprechenden Charakter vor die Seele hinstellen kann. Geradeso wie man, wenn man den allgemeinen Begriff des Dreieckes hat, auch weiß, was bei irgendeinem besonderen Dreieck auftritt. Diese Metamorphosierung der menschlichen Erkenntnis für das organische Erkennen, das ist es, was Goethe als ein Ideal vorschwebte.
[ 28 ] With this way of thinking, one comes to truly understand humanity’s relationship to its environment, just as one understands, in a certain sense, the relationships between the domains that lead us to mathematical judgments in the mathematical sciences. One comes to develop more and more what Goethe envisioned as an ideal when he said that his “primordial plant” must become, in the realm of ideas, something through which one can cognitively present every single plant in its corresponding character before the soul. Just as, when one has the general concept of a triangle, one also knows what occurs in any particular triangle. This transformation of human cognition toward organic cognition—that is what Goethe envisioned as an ideal.
[ 29 ] Aber nun möchte ich mich wiederum durch ein Beispiel veranschaulichen. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte ausgehen, kommen wir dazu, wirklich genauer ins Auge zu fassen, was sich zum Beispiel im menschlichen Haupte als Funktionen abspielt. Wir lernen erkennen, wie die Funktionen des menschlichen Hauptes, indem sie in der Art, wie ich es hier dargestellt habe, der Evolution unterliegen, heute bereits wiederum in Rückbildung begriffen sind, wie sie von anderen Zuständen ausgegangen sind, zum menschlichen Haupte geworden sind, wie aber heute durch die äußeren Einflüsse ein Mineralisierungsprozeß stattfindet im menschlichen Haupte. Und dieser Mineralisierungsprozeß ist die Parallelerscheinung zu unserem verstandesmäßigen Erkennen, das auch nur das mineralisch Physische aufzufassen weiß, weil es gebunden ist an einen Mineralisierungsprozeß im menschlichen Nerven-Sinnesapparat. Man lernt gerade kennen, wie dem, was man im verstandesmäßigen Erkennen vollbringt, als sein physischer Träger ein ins Organische des Menschlichen hinein sich bauender Mineralisierungsprozeß parallel geht, ein Absetzen von rein Mineralischem innerhalb des Organischen. Indem man dieses Mineralische im Organischen absetzt, kommt man dazu, für das Seelische dasjenige auszuführen, was verstandesmäßige Tätigkeit dieses menschlichen Wesens ist. Man kommt dazu, innerlich den Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physisch-Leiblichen wirklich aufzufassen, nicht bloß abstrakt davon herumzureden, wie es die «psychophysischen Parallelitiker» und ähnliche Phraseure auf dem Gebiete der Psychologie tun.
[ 29 ] But now I would like to illustrate this point once again with an example. If we start from this perspective, we are able to take a truly closer look at what functions, for example, are at work in the human head. We come to recognize how the functions of the human head—which, as I have described here, are subject to evolution—are already in the process of regression today; how they originated from other states and developed into the human head; and how, however, a process of mineralization is currently taking place in the human head due to external influences. And this process of mineralization is the parallel phenomenon to our intellectual cognition, which, too, is capable of grasping only the mineral-physical, because it is bound to a process of mineralization within the human nervous-sensory apparatus. One is just beginning to understand how what one accomplishes in intellectual cognition is accompanied, as its physical vehicle, by a process of mineralization that builds itself into the organic structure of the human being—a precipitation of the purely mineral within the organic. By precipitating this mineral element within the organic, one comes to carry out, for the soul, that which constitutes the intellectual activity of this human being. One comes to truly grasp, inwardly, the connection between the spiritual-soul and the physical-bodily, rather than merely talking about it abstractly, as the “psychophysical parallelists” and similar phrase-mongers in the field of psychology do.
[ 30 ] Das ist die Art, wie aus dem gegenwärtigen Bestande der organischen Naturwissenschaft auf den Weg hingewiesen werden kann, den sie nehmen muß. Da kann man nicht dabei stehenbleiben, eine bestimmte Denkweise zu fordern; da kann man nur das, was in den empirischen Tatsachen selber weitertreibt, suchen, da muß man an die Stelle der bestehenden Denkweise eine andere, nämlich die des imaginativen Erkennens wirklich treten lassen.
[ 30 ] This is how, based on the current state of organic natural science, we can point the way forward that it must take. One cannot stop at demanding a particular way of thinking; one can only seek what the empirical facts themselves drive forward; one must truly replace the existing way of thinking with another, namely that of imaginative cognition.
[ 31 ] Dann kommt man aber auch zu einer wirklich fruchtbaren Anwendung dieser Erkenntnis. Sucht man in der Außenwelt irgend etwas, das nun, versetzt in die Außenwelt, dem entspricht, was im menschlichen Haupte als Mineralisierungsprozeß parallel dem Verstandeserkennen vor sich geht, dann findet man draußen in der Natur das, was sich abspielt zwischen den Kräften in der Erde und dem, was in der Wurzel der Pflanze vor sich geht, und man findet den innerlichen Bezug zwischen dem, was konstituierend ist in der Wurzelbildung der Pflanze, mit dem, was konstituierend ist für das, was im menschlichen Haupte vor sich geht.
[ 31 ] But this also leads to a truly fruitful application of this insight. If one searches in the external world for anything that—when placed in the external world—corresponds to what takes place in the human head as a process of mineralization parallel to intellectual cognition, then one finds in nature what occurs between the forces in the earth and what takes place in the root of the plant, and one finds the inner connection between what constitutes the formation of the plant’s root and what constitutes the processes taking place in the human head.
[ 32 ] In einer ähnlichen Weise wird man dann Beziehungen finden zwischen dem, was zum Beispiel im Krautartigen, Blattartigen der Pflanze vor sich geht, und dem, was im rhythmischen System des Menschen, drinnen in seinem Organischen, vor sich geht. Und man findet die Beziehungen zwischen den Funktionen im Blütenhaften und im Fruchtenden mit dem, was im menschlichen Stoffwechselsystem, im Sexualsystem und so weiter vor sich geht. Man kann von diesem Gesichtspunkte aus eine Überschau gewinnen über das Pflanzenleben.
[ 32 ] In a similar way, one will then find connections between what takes place, for example, in the herbaceous and leafy parts of the plant, and what takes place in the human rhythmic system, within the human organism. And one finds connections between the functions in the plant’s flowering and fruiting stages and what takes place in the human metabolic system, the reproductive system, and so on. From this perspective, one can gain an overview of plant life.
[ 33 ] Wenn man weiß, wie im menschlichen Organismus das, was ich den Mineralisierungsprozeß genannt habe, so wirkt, daß sich dieser Mineralisierungsprozeß innerlich vollzieht, im Gegensatz zu dem äußerlichen Mineralisterungsprozef, der sich auch in dem oberen Bestande der Pflanze vollzieht, dann merkt man den Zusammenhang zwischen dem, was innerlich in der Hauptesorganisation vor sich geht, und dem, was im Wurzelbildungsprozeß vor sich geht, namentlich in dem, was als Mineralisierendes im Wurzelbildungsprozeß auftritt. Man merkt dann auch, daß in einer gewissen Weise ein Gegensatz vorliegt — trotz der Ähnlichkeit ein Gegensatz —, wie er sich etwa ausdrückt, wenn ich drei und drei habe, das eine positiv, das andere negativ. Dann habe ich zweimal drei, aber habe doch einen Gegensatz darinnen. So ist vorhanden etwas, was in einer gewissen Beziehung gleich und doch gegensätzlich ist: in dem innerlichen Mineralisierungsprozeß des menschlichen Hauptes und in dem äußeren der Pflanzenwurzelbildung, und auch in dem äußeren Mineralisierungsprozeß des Erdenplaneten selber. Von hier aus findet man dann auf rationale Weise den therapeutischen Bezug zwischen dem, was äußerlich ist und dem, was im Menschen innerlich ist. Und der Übergang kann gefunden werden über die Pathologie zur rationalen Therapie.
[ 33 ] When one understands how what I have called the mineralization process works in the human organism—namely, that this mineralization process takes place internally, in contrast to the external mineralization process that also occurs in the upper parts of the plant—one then recognizes the connection between what is happening internally in the main organism, and what takes place in the root-formation process—namely, in what appears as the mineralizing factor in that process. One then also realizes that, in a certain sense, there is a contrast—a contrast despite the similarity—as is expressed, for example, when I have three and three, one positive, the other negative. Then I have two times three, but there is still a contrast within it. Thus, there is something that is, in a certain sense, the same and yet oppositional: in the inner process of mineralization within the human head and in the outer process of plant root formation, as well as in the outer process of mineralization of the Earth itself. From this point, one can then rationally establish the therapeutic connection between what is external and what is internal to the human being. And the transition can be found from pathology to rational therapy.
[ 34 ] Auf dieses letztere kann ich hier nur hinweisen. Denen, die es angeht, werden ja noch weitere Aufschlüsse gerade über dieses Kapitel gegeben werden, wie es auch schon in einem Frühlingskurs des vorigen Jahres für Ärzte und Medizinstudierende geschehen ist. Das wird aber das Bedeutsame sein, daß wirkliche Wissenschaftlichkeit — die zu gleicher Zeit nicht bloß Theorie, sondern Hinweis auf fruchtbares Handeln, auf die Tat ist — aus der Geisteswissenschaft heraus wird geboren werden können.
[ 34 ] I can only refer to this latter point here. Those concerned will, of course, be given further insights specifically regarding this chapter, as was already the case in a spring course last year for physicians and medical students. What will be significant, however, is that true scientific rigor—which is not merely theory but also a guide to fruitful action, to deeds—will be able to emerge from the spiritual sciences.
[ 35 ] Die Menschheit steht heute, insbesondere auf wissenschaftlichem Gebiete, vor der Notwendigkeit, nicht einen kleinen, sondern einen großen Entschluß zu fassen: den Entschluß, in das organische Leben hineinzukommen dadurch, daß man nicht bloß den Inhalt der alten Denkweise etwas modifiziert, sondern daß man in diese alte Denkweise selber ein neues Element hineinbringt, das Element übersinnlicher Erkenntnis. Was heute diesem Entschluß bei dem größeren Teil derer, die ihn fassen sollten, noch entgegensteht, das ist nicht irgendein Mangel der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, das ist ein Mangel, ein begreiflicher Mangel, an Mut für diesen starken radikalen Umschwung. Man möchte viel lieber leiden, als zu etwas Neuem vorschreiten. Man möchte beim alten bleiben und das Alte in kritischer oder in anderer Weise nur etwas umformen.
[ 35 ] Humanity today, particularly in the realm of science, faces the necessity of making not a small but a great decision: the decision to enter into organic life, not merely by slightly modifying the content of the old way of thinking, but by introducing into this old way of thinking itself a new element—the element of supersensory knowledge. What still stands in the way of this decision today for the majority of those who should be making it is not some deficiency in human cognitive ability; it is a deficiency—an understandable deficiency—of courage for this strong, radical transformation. People would much rather suffer than move forward toward something new. They would prefer to stick with the old and merely reshape it somewhat, whether critically or in some other way.
[ 36 ] Aber nicht eher wird Licht in das hineinkommen, was hier für unsere gegenwärtige Zivilisation auf dem Erkenntnisgebiete vorliegt, als bis man den Mut faßt zum Vorschreiten von der Denkweise, die üblich ist, zu einer anderen Denkweise. So lange wird nichts Ersprießliches herauskommen, als man bei der Ausrede sich beruhigt, «man könne ja doch die imaginative Denkweise nicht erreichen», was auch nicht wahr ist. Sondern erst dann wird ein Umschwung eintreten, wenn man einsehen wird: man darf nicht träge bleiben innerlich, wenn die Wissenschaft in ihrer Betrachtungsweise in fruchtbarer Art ihren Fortgang nehmen soll. Man muß innerlich regsam und fleißig werden. Ein Willensentschluß, nicht bloß eine theoretische Erwägung ist hier notwendig. Und da zu Willensentschlüssen — das weiß jeder Psychologe — die Menschheit schwerer zu bringen ist als zu theoretischen Erwägungen, bei denen man hübsch ruhig in seinem Inneren bleiben kann, so hat die moderne Menschheit gerade Gelegenheit, zu zeigen, wie sie aus der Not heraus zur Größe sich erheben kann, indem sie sich entschließt, zunächst auf dem soeben genannten Gebiete, auf dem Erkenntnisgebiete, auf dem Geistgebiete den Mut zu einem großen Umschwung, nicht zu kleinen Erwägungen aufzubringen.
[ 36 ] But light will not be shed on what lies before our present civilization in the realm of knowledge until we muster the courage to move beyond the customary way of thinking and adopt a different one. Nothing fruitful will come of it as long as people console themselves with the excuse that “one cannot, after all, attain the imaginative mode of thinking”—which is not true. Rather, a turning point will occur only when people come to realize that they must not remain inwardly sluggish if science is to make fruitful progress in its approach. One must become inwardly active and diligent. What is needed here is a resolute decision of the will, not merely a theoretical consideration. And since—as every psychologist knows—it is harder to lead humanity to resolute decisions of the will than to theoretical considerations, during which one can remain quite calm inwardly, modern humanity has a unique opportunity to demonstrate how it can rise from necessity to greatness by resolving, first and foremost in the realm just mentioned—the realm of knowledge, the realm of the spirit—to muster the courage for a great transformation, rather than indulging in petty deliberations.
