The Stimulating Effect of Anthroposophy
on the Sciences
GA 76
7 April 1921, Dornach
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The Stimulating Effect of Anthroposophy on the Sciences, tr. SOL
5. Sprachwissenschaft
5. Linguistics
[ 1 ] Es ergibt sich mir heute wie etwas Selbstverständliches, daß sich dasjenige, wovon hier, von dieser Stelle aus, in diesen Tagen gesprochen worden ist, das Zusammenklingen des Subjektiven und Objektiven, daß sich das jetzt — gewissermaßen auch ausgehend von einer Empfindung — als Einleitung zu meinem Vortrage einstellt. Gestern vormittag schlossen hier die Betrachtungen mit der Rede des Professor Römer, die mir große Befriedigung gemacht hat — das ist das Subjektive — aus dem Grunde, weil aus ihr gesehen werden konnte, wie bei einem Fachmanne, der gründlich und voll in seinem Gebiete drinnensteht, das Bedürfnis entstehen kann, mit dem, was Geisteswissenschaft vermag, hineinzuleuchten in solch ein einzelnes Fach. Es wird Ihnen auch aus dem, was Professor Römer heute schon aus seinem Fachgebiet anführen konnte, hervorgegangen sein, daß vor allen Dingen für dieses Ineinanderarbeiten starke, kräftige Arbeit auf seiten der einschlägigen Geisteswissenschaft selber entwickelt werden muß. Denn was bis jetzt gegeben werden konnte — es soll das durchaus voll anerkannt werden —, das sind zunächst einzelne Richtlinien, die der Verifizierung mit Bezug auf die äußere Wissenschaft bedürfen.
[ 1 ] It strikes me today as something quite natural that what has been discussed here, from this vantage point, in recent days—the harmony between the subjective and the objective—should now, in a sense also arising from a feeling, serve as the introduction to my lecture. Yesterday morning, the series of lectures here concluded with Professor Römer’s address, which gave me great satisfaction—that is the subjective aspect—because it demonstrated how, for a specialist who is thoroughly and fully immersed in his field, the need can arise to shed light on such a specific discipline using the tools of spiritual science. It will also have become clear to you from what Professor Römer was already able to cite today from his field of expertise that, above all, strong, vigorous work must be developed on the part of the relevant spiritual science itself to facilitate this interplay. For what has been provided so far—and this should be fully acknowledged—consists primarily of individual guidelines that require verification in relation to external science.
[ 2 ] In alledem, was durch diesen Vortrag zu einer gewissen subjektiven Befriedigung an mich herangetreten ist, war enthalten eine Betrachtung über die Zähne. Mit den Zähnen also ist gestern geschlossen worden — jetzt komme ich ins Objektive. Und gestatten Sie, daß ich heute wiederum mit den Zähnen beginne, allerdings zunächst nicht mit etwas, was ich Ihnen von mir aus über die Zähne erzählen will, sondern mit einem Ausspruch, der aus der Gelehrsamkeit des 11. Jahrhunderts, wie sie damals in Mitteleuropa war, hervorgegangen ist. Dieser Ausspruch heißt:
[ 2 ] Among all the things in this lecture that gave me a certain subjective satisfaction was a reflection on teeth. So yesterday’s discussion concluded with teeth—now I’ll turn to the objective. And allow me to begin again today with teeth—though not, at first, with something I wish to tell you about teeth on my own initiative, but rather with a saying that emerged from 11th-century scholarship as it existed in Central Europe at the time. This saying is:
Swenne diu zunge den wint fähet
unt in in den munt ziuhet,
an den zanen si scephet
daz wort daz si sprichet.
When your tongue meets the wind
and draws it into your mouth,
it forms against your teeth
the words you speak.
[ 3 ] Das heißt also: So wie die Zunge den Wind aus ihrer Umgebung abfängt und ihn in den Mund zieht, so schöpft sie aus den Zähnen das Wort heraus, das sie spricht.
[ 3 ] In other words: Just as the tongue catches the wind from its surroundings and draws it into the mouth, so it draws the word it speaks from the teeth.
[ 4 ] Nun, das ist ein Produkt der Gelehrsamkeit Mitteleuropas im 11. Jahrhundert. Die meint also, daß die Zunge aus den Zähnen das Wort hervorzieht wie aus der Außenwelt die Luft, die sie in den Mund hineinzieht.
[ 4 ] Well, this is a product of 11th-century Central European scholarship. It holds that the tongue draws the word out from the teeth just as it draws air from the outside world into the mouth.
[ 5 ] Jetzt eine Probe aus der Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts, letztes Drittel, ein Wort, welches der als moderner Abgott von einer zahlreichen Schülerschar verehrte Philologe Wilhelm Scherer ausgesprochen hat, und das Sie verzeichnet finden in seiner «Deutschen Sprachgeschichte», wo er auch dieses Wort, das ich Ihnen eben vorgelesen habe, heranzieht. Das Wort, das er diesem entgegensetzt, das ist dieses: «Über ein solches Wort lachen wir in der Gegenwart».
[ 5 ] Now, a sample of 19th-century scholarship from its final third: a statement made by the philologist Wilhelm Scherer—who was revered as a modern idol by a large following of students—and which you will find recorded in his Deutsche Sprachgeschichte, where he also cites the very word I just read to you. The word he contrasts with it is this: “We laugh at such a word today.”
[ 6 ] Das ist das wissenschaftlihe Bekenntnis aus dem 19. Jahrhundert über dieses Wort aus dem 11. Jahrhundert; es drückt die Wissenschaftsgesinnung aus, die im weitesten Umkreise auch heute noch waltet und von den Vertretern des entsprechenden Faches in weiteren Hinweisen wohl auch heute noch ausgesprochen wird.
[ 6 ] This is the 19th-century scholarly assessment of this 11th-century term; it reflects the scholarly mindset that still prevails today in the broadest sense and is likely still expressed by scholars in the relevant field in further references.
[ 7 ] Wenn man diesen ganzen Gegensatz zunächst ins Auge faßt von dem Gesichtspunkte aus, der hier öfter eingenommen worden ist, daß ein völliger Umschwung stattgefunden hat in bezug auf die Seelenverfassung der Menschen seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, dann haben wir in der Zeit, die zwischen dem erstzitierten Ausspruch und dem Ausspruch Wilhelm Scherers liegt, ungefähr gerade das enthalten, was an Zeit verflossen ist seit dem Hinunterdämmern jener Seelenverfassung, die bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts vorhanden war, und der Richtung, die seither heraufgekommen ist und bisher eine gewisse Ausbildung erfahren hat.
[ 7 ] If one first considers this entire contrast from the perspective that has often been taken here—namely, that a complete reversal has taken place with regard to the state of people’s minds since the first third of the 15th century— then the period between the first quotation cited and Wilhelm Scherer’s statement corresponds roughly to the time that has elapsed since the decline of that state of mind that existed until the beginning of the 15th century, and the direction that has emerged since then and has undergone a certain development to date.
[ 8 ] Wilhelm Scherer setzt nun die Sätze, die er damit begonnen hat, daß er über ein solches Wort aus dem i1. Jahrhundert lachen müsse, mit einer Betrachtung fort, die etwa folgendes enthält. Er sagt, alles Bestreben in der Gegenwart müsse mit Bezug auf die Sprachwissenschaft darauf gerichtet sein, dasjenige, was aus der physiologischen Organisation des Menschen heraus die Physiologen über das Sprechen, über das Wortebilden zu sagen haben, mit dem zusammenzubringen, was die Philologen über die Entwickelung der Sprache seit älteren Zeiten bis in unsere Gegenwart zu sagen haben. Mit anderen Worten: Physiologie und Philologie müßten sich auf diesem Gebiete der Wissenschaft die Hände reichen. Und Wilhelm Scherer fügt hinzu, er müsse leider gestehen, daß die Philologen sehr, sehr weit zurückgeblieben seien, und daß von ihrer Seite noch nicht so bald zu hoffen sei, daß sie den Physiologen in bezug auf das, was sie aus der physischen Organisation heraus für die Gestaltung des Sprechens zu sagen haben, entgegenkommen werden. So daß also Physiologie und Philologie zwei Wissenschaftszweige sind, deren Sich-Nichtverstehen ein von seiner Zeitgenossenschaft als berufen angesehener Mann in scharfer Weise zugesteht.
[ 8 ] Wilhelm Scherer now continues the sentences he began by saying that he had to laugh at such a word from the 1st century with a reflection that includes the following. He says that all current efforts in linguistics must be directed toward reconciling what physiologists have to say about speech and word formation—based on the physiological organization of human beings—with what philologists have to say about the development of language from ancient times to the present. In other words: physiology and philology must join forces in this field of science. And Wilhelm Scherer adds that he must, unfortunately, admit that philologists have fallen very, very far behind, and that there is little hope, for the time being, that they will meet the physiologists halfway with regard to what the latter have to say about the formation of speech based on the physical organization of the human body. Thus, physiology and philology are two branches of science whose failure to understand one another is sharply acknowledged by a man regarded by his contemporaries as an authority.
[ 9 ] Damit ist hingedeutet auf ein Phänomen, das überhaupt in unserer Zeit ein tonangebendes ist: daß sich die einzelnen Wissenschaften mit ihren Methoden durchaus nicht verstehen, daß sie nebeneinander reden, ohne daß derjenige, der nun hineingestellt wird in diesen Wissenschaftsbetrieb und das hört, was ihm auf der einen Seite die Physiologen und auf der anderen Seite die Philologen zu sagen haben, damit — verzeihen Sie den vielleicht etwas gewagten Vergleich — etwas anderes anzufangen weiß, als daß er von zwei Seiten in bezug auf seine Seele durch die Begriffsbildungen aufgespießt wird.
[ 9 ] This points to a phenomenon that is particularly prevalent in our time: that the individual sciences, with their respective methods, do not understand one another at all; that they speak past one another, so that anyone who is now placed within this scientific enterprise and hears what the physiologists have to say on one side and the philologists on the other— — forgive me for this perhaps somewhat bold comparison — can do anything other than feel impaled from both sides, with regard to his soul, by these conceptual frameworks.
[ 10 ] In einem gewissen Sinne, obwohl ich auch damit nicht viel mehr sagen will als etwas Analogisches, liegt schon in der Wortbezeichnung, die, ich möchte sagen, unbewußt ernst genommen wird von den neueren Wissenschaftsströmungen, ein gewisser Gegensatz ausgedrückt. In der Wortbezeichnung «Physiologie» liegt ausgedrückt, daß sie sein will ein Logos über das Physische des Menschen, also gewissermaßen dasjenige, was logisch, intellektualistisch erfaßt das Physische; in dem Wort «Philologie» liegt: Liebe zur Weisheit, Liebe zum Logos, Liebe zum Worte; es ist also die Wortbezeichnung hergenommen von einem Gefühlserlebnis. Das eine Mal ist die Wortbezeichnung hergenommen von einem Verstandeserlebnis, das andere Mal von einem Gefühlserlebnis. Und was der Physiologe als eine Art intellektuellen Logos über die menschliche Physis erzeugen will, das — nämlich den Logos — will eigentlich der Philologe lieben. Wie gesagt, ich will damit zunächst nur analogisch auf etwas hinweisen, was aber dennoch, wenn es weiter verfolgt wird, wenn es namentlich geschichtlich verfolgt wird, eine gewisse Bedeutung hat; und ich rate dazu, die Sache geschichtlich genauer zu verfolgen.
[ 10 ] In a certain sense—though I do not mean to say much more than this as an analogy—the term itself, which, I would say, is unconsciously taken seriously by recent scientific trends, already expresses a certain contrast. The term “physiology” implies that it aims to be a logos concerning the physical aspect of the human being—that is, in a sense, that which grasps the physical in a logical, intellectual way; the term “philology” implies: love of wisdom, love of the logos, love of the word; it is thus a term derived from an emotional experience. In one case, the term is derived from an intellectual experience; in the other, from an emotional experience. And what the physiologist seeks to create as a kind of intellectual Logos concerning human physiology—namely, the Logos itself—is what the philologist actually seeks to love. As I said, I am merely pointing this out analogically at first, but it nevertheless has a certain significance if it is pursued further, particularly from a historical perspective; and I recommend examining the matter more closely from a historical standpoint.
[ 11 ] Aber wir können da noch auf etwas anderes hinweisen, welches uns aus der Vorgeschichte, aus der Vorläuferschaft desjenigen, was dann im Menschheitsbewußtsein seit dem Beginne des i5. Jahrhunderts aufgetreten ist, entgegentritt. Man weiß, daß das, was man Logik nennt und was doch in einer gewissen Beziehung in der Sprache sein Abbild hat, im wesentlichen wenigstens, eine Schöpfung des Aristoteles ist. Und wenn man sich darauf berufen wollte, daß selbstverständlich — so wie bei einem heutigen Menschen, der nicht Logik studiert hat, doch die Logik in seiner Seelenbetätigung lebt — auch vor Aristoteles die Logik in der Seelenbetätigung der Menschen gelebt habe, so übersieht man, daß die Umwandlung des Unbewußten in Bewußtes dennoch eine tiefere Bedeutung in dem Verlaufe des menschlichen Geschehens hat. Damit, daß das Logische ins Bewußtsein heraufgehoben worden ist, ist auch ein realer Vorgang, allerdings ein innerlich realer Vorgang, in in der menschheitlichen Seelenentwickelung gegeben: zwischen dem Begriff und dem Worte bestand in älteren Zeiten eine innige Beziehung. Wie eine solche innige Beziehung zwischen dem Begriff oder der Vorstellung und der Wahrnehmung bestand, wie Sie das ausgeführt finden in meinen «Rätseln der Philosophie», ebenso bestand ein inniger Bezug, ein, ich möchte sagen, Ineinandersein von Worten und Vorstellungen.
[ 11 ] But we can also point to something else here that emerges from the prehistory—from the precursors of what has been present in human consciousness since the beginning of the 15th century. It is well known that what is called logic—and which, in a certain sense, finds its reflection in language—is, at least in essence, a creation of Aristotle. And if one were to argue that, of course—just as logic lives in the mental activity of a person today who has not studied logic—logic must also have lived in the mental activity of people before Aristotle, one overlooks the fact that the transformation of the unconscious into the conscious nevertheless has a deeper significance in the course of human development. The fact that the logical has been raised into consciousness also signifies a real process—albeit an inwardly real one—in the development of the human soul: in earlier times, there was an intimate relationship between the concept and the word. Just as such an intimate relationship existed between the concept or idea and perception—as you will find explained in my Riddles of Philosophy—so too did an intimate connection, an, I might say, interpenetration of words and ideas, exist.
[ 12 ] Jene Trennung, die wir heute psychologisch vollziehen müssen zwischen dem Worte und dem Inhalte der Vorstellung — besonders bei Betrachtung des Mathematisierens tritt das mit aller Klarheit hervor —, ist in älteren Zeiten nicht gemacht worden. Und gerade auf diese Unterscheidung kam zuerst Aristoteles. Er hob innerhalb des Seelenlebens dasjenige, was Vorstellung, Begriff ist, aus dem Gewebe der Sprache heraus, machte es für die Erkenntnis zu etwas abgesondert Vorliegendem. Dadurch aber drängte er wiederum dasjenige, was in der Sprache lebt, weiter in das Unbewußte hinunter, als es vorher war. Es wurde gewissermaßen ein Abgrund für die Erkenntnis geschaffen zwischen dem Begriff oder der Vorstellung und dem Worte.
[ 12 ] The distinction that we must make today, from a psychological standpoint, between the word and the content of the concept—which becomes particularly clear when considering the process of mathematization—was not made in earlier times. And it was Aristotle who first arrived at this very distinction. Within the life of the soul, he extracted that which is concept or representation from the fabric of language, making it something distinct and separate for the purposes of cognition. In doing so, however, he in turn pushed that which lives in language further down into the unconscious than it had been before. In a sense, an abyss was created for cognition between the concept or representation and the word.
[ 13 ] Je weiter wir nämlich zurückgehen in der Betrachtung der menschlichen Sprache, desto mehr finden wir, daß in der Auffassung des Menschen Wort und Begriff oder Vorstellung als eines erlebt werden, daß der Mensch gewissermaßen das, was er denkt, innerlich hört, daß er ein Wortbild, nicht so sehr ein Gedankenbild hat. Der Gedanke wird draußen an die Sinneswahrnehmungen und drinnen an das Wort geknüpft. Dadurch aber war auch für diese älteren Zeiten eine gewisse Empfindung vorhanden, die sich etwa so charakterisieren läßt: Indem die Menschen sich in ihren Worten aussprachen, fühlten sie, als ob das, was in ihren Worten widerklingt, unmittelbar auf eine im Instinktiven verborgene, unterbewußte Art von den Dingen in ihre Sprache hineingelangt wäre. Sie fühlten gewissermaßen, daß ein realer Vorgang sich abspielt zwischen dem, was in den Dingen und namentlich in den Tatsachen lebt, und dem, was innerlich den Impuls zum Erklingen des Wortes bildet. Sie fühlten einen solchen realen Zusammenhang, wie der Mensch heute noch einen realen Zusammenhang zwischen den Stoffen fühlt, die draußen sind, sagen wir Ei, Kalbfleisch, Salat, und dem, was dann in seinem Inneren mit dem Inhalte dieser Stoffe sich abspielt, wenn er verdaut. Er wird in diesem Vorgang, der sich abspielt vom Draußensein der Stoffe zu dem, was drinnen in der Verdauung geschieht, einen realen Vorgang sehen. Diesen realen Vorgang erlebt er unterbewußt. So unterbewußt — wenn auch viel deutlicher, von einem gewissen dämmerigen Bewußtsein schon durchzogen — war dasjenige, was man an der Sprache erlebte. Man hatte die Empfindung, daß etwas, was in den Dingen lebt, mit den Lauten, mit den Worten verwandt ist. Wie die Substanzen der Stoffe, die man ißt, mit dem, was innerlich im Menschen im Stoffwechsel geschieht, zusammenhängen, so empfand man einen inneren Zusammenhang zwischen dem, was in den Dingen und Tatsachen vorgeht, was wortähnlich ist, und dem, was innerlich als Wort erklingt. Und indem Aristoteles das, was man da als einen realen Vorgang empfand, ins Bewußtsein heraufhob, wo die Begriffe spielen, war für die Sprache dasselbe geleistet, was ein Mensch leistet, der darüber nachdenkt, was die Substanzen der Stoffe in seinem Organismus anfangen. Etwas weiter voneinander entfernt ist allerdings das Denken über die Verdauung von dem realen Verdauungsvorgange selbst als das Denken von der Sprache. Aber eine Vorstellung von dem entsprechenden Verhältnis kann man gewinnen, wenn man sich diese Vorstellung dadurch verdeutlicht, daß man von einem Naheliegenderen zu einem Entfernteren und in der Entfernung Deutlicherwerdenden übergeht.
[ 13 ] For the further back we go in our examination of human language, the more we find that, in human perception, word and concept or idea are experienced as one; that humans, so to speak, hear inwardly what they think; that they have a word image rather than a thought image. The thought is linked externally to sensory perceptions and internally to the word. Consequently, even in those earlier times, a certain sensation existed that can be characterized roughly as follows: As people expressed themselves in their words, they felt as if what resonated in their words had entered their language directly from the things themselves, in a subconscious way hidden within the instinctive realm. They felt, as it were, that a real process was taking place between what lives in things—and especially in facts—and what inwardly forms the impulse for the word to resound. They felt such a real connection, just as people today still feel a real connection between the substances that are outside—let’s say an egg, veal, or lettuce—and what then takes place inside them with the contents of these substances when they are digested. In this process—which extends from the external existence of the foods to what happens internally during digestion—they would see a real process. They experienced this real process subconsciously. Just as subconsciously—though much more clearly, already permeated by a certain twilight consciousness—was what they experienced in language. One had the sensation that something living within things was related to sounds and words. Just as the substances in the food one eats are connected to what happens internally in a person’s metabolism, so one sensed an inner connection between what takes place in things and events—which is word-like—and what resounds internally as a word. And by bringing what was perceived as a real process into consciousness—where concepts operate—Aristotle accomplished for language the same thing that a person accomplishes when reflecting on what the substances of the foods do within their organism. Thinking about digestion, however, is somewhat more distant from the actual digestive process itself than thinking about language is. But one can gain an idea of the corresponding relationship by clarifying this concept through a transition from something more immediate to something more distant—which becomes clearer precisely because of that distance.
[ 14 ] Nun, für uns liegt ja, wenn wir an die Stelle der heutigen abstrakten Geschichtsbetrachtung eine mehr konkrete setzen, dieses vor, daß Dinge, die sich in Griechenland in der vorchristlichen Zeit, auch in der voraristotelischen Zeit abgespielt haben, für die mitteleuropäische Bevölkerung — die die Griechen durchaus noch als barbarisch, das heißt auf einer niedrigeren Kulturstufe empfunden haben — sich später abspielten. Und wir werden das Richtige treffen, und Geisteswissenschaft gibt dazu die Anleitung, dieses Gefühl richtig zur Gewißheit zu erheben, wenn wir uns vorstellen, daß die Geistesverfassung, aus der gesprochen wird, gefühlsmäßig gesprochen wird, «die Zunge ziehet die äußere Luft in den Mund, so wie sie aus den Zähnen ziehet das Wort», daß diese Anschauungsweise, diese merkwürdig bildhaft sich aussprechende Anschauungsweise ungefähr diejenige auch war, die in der voraristotelischen Zeit auch geherrscht hat innerhalb Griechenlands, und an deren Stelle das getreten ist, was eben treten mußte durch die Abtrennung der Logik, des Logos, durch die Abtrennung des Gedankenhaften von dem, was in der Sprache zur Darstellung kommt.
[ 14 ] Well, for us, when we replace today’s abstract view of history with a more concrete one, the point is this: events that took place in Greece in pre-Christian times—and even in pre-Aristotelian times—were perceived by the Central European population—who still regarded the Greeks as barbaric, that is, as belonging to a lower cultural level—as having occurred at a later time. And we will arrive at the correct understanding—and the science of the spirit provides the guidance for this—to elevate this feeling to certainty if we imagine that the mental state from which one speaks is expressed emotionally: “The tongue draws the outside air into the mouth, just as it draws the word from between the teeth,” that this way of viewing things—this remarkably vivid, pictorial way of expressing itself—was roughly the same one that prevailed in Greece during the pre-Aristotelian era, and which was supplanted by what was bound to take its place through the separation of logic, of the Logos, through the separation of the conceptual from what is expressed in language.
[ 15 ] Sie wissen ja, daß in jener Gelehrsamkeit, welche sich zunächst entwickelt hat seit dem i5. Jahrhundert und aus welcher die verschiedenen Zweige der einzelnen Fachwissenschaften hervorgegangen sind, daß in dieser Gelehrsamkeit als Bildung viel mitgewirkt hat, was sich als spätgriechische Kultur geltend gemacht hat. Gerade die Philologen, diejenigen also, die den Logos lieben sollen, sie wurden durchaus beeinflußt von dem, was aus der spätgriechischen Kultur hervorgegangen ist. Und man denke sich nur einmal einen solchen Spätgriechling als germanistischen Forscher, wie Wilhelm Scherer, der Frühgriechik gegenübergestellt, und die sagt ihm: Die Zunge ziehet die Sprache aus den Zähnen —, dann weist er das selbstverständlich zurück, dann will er von seinem Gesichtspunkte aus davon nichts wissen. Man muß solche Tatsachen schon einmal in einem Lichte betrachten, das etwas tiefer in die historischen Zusammenhänge hinunterzuleuchten bemüht ist als dasjenige, was in der gewöhnlichen landläufigen Geschichtswissenschaft heute vielfach vorhanden ist, sowohl auf dem Gebiete der äußeren politischen oder Kulturgeschichte wie auch auf dem Gebiete der Sprachgeschichte.
[ 15 ] As you know, in that scholarship which first developed in the 15th century and from which the various branches of the individual academic disciplines emerged, late Greek culture played a significant role as a formative influence. Philologists in particular—that is, those who are supposed to love the Logos—were thoroughly influenced by what emerged from late Greek culture. And just imagine for a moment a scholar of Late Greek, such as the Germanist Wilhelm Scherer, confronted with Early Greek, and the Early Greek saying to him: “The tongue draws the language from between the teeth”—he would, of course, reject this; from his point of view, he would want nothing to do with it. One must view such facts in a light that strives to shed a deeper glow on the historical context than is often the case in conventional, popular historical scholarship today—both in the field of external political or cultural history and in the field of linguistic history.
[ 16 ] Nun handelt es sich darum, welche Wege gesucht werden müssen, um in das Gefüge des Sprachorganismus — wenn ich mich so ausdrücken darf — selber wissenschaftlich hineinzukommen.
[ 16 ] The question now is what paths we must seek in order to gain scientific access to the structure of the linguistic organism—if I may put it that way—itself.
[ 17 ] Schon in Außerlichkeiten drückt sich aus, wie diejenige Betrachtungsweise, die die Seele allmählich heraufgehoben hat ins Gebiet der abstrakten Begriffe, sich entfernt hat von dem, was in der voraristotelischen Zeit über die Sprache empfunden worden ist. Was hat zum Beispiel hervorgebracht, als Meinung über die Entstehung der Sprache, diese in dem Zeichen des Aristotelismus stehende Forschung? Nun, sie wurde dadurch, daß sie die Seele heraufhob in das Abstrakte, dem unmittelbaren Zusammenhang mit der Außenwelt entfremdet, durch den man erleben konnte, was real in den Dingen dem gebildeten Worte entspricht. Sie wurde dem entfremdet, suchte aber doch, wie ein solcher Zusammenhang aussehen kann, und sie übersetzte sich diesen Zusammenhang nun auch in allerlei Abstraktionen. Was im Inneren gefühlt worden ist, das versetzte sie in das Gebiet, wo man äußerlich, nach den Sinnes- oder sonstigen äußeren Beobachtungen sich Begriffe formt. Weil es unmöglich war, unterzutauchen in die Dinge, um den Vorgang zu suchen, wie das Wort aus den Dingen heraus in die menschliche Organisation wirkt, setzte man an die Stelle einer solchen Erfassung einen abstrakten Begriff, zum Beispiel in der sogenannten Wauwau-Theorie oder in der Bimbam-Theorie. Die Wauwau-Theorie besagt zum Schlusse nichts anderes, als daß dasjenige, was äußerlich im Organischen als Ton, Laut zutage tritt, nachgeahmt wird. Es ist eine vollständig äußerliche Betrachtung eines äußerlichen Tatbestandes mit Hilfe von abstrakten Begriffen. Die Bimbam-Theorie unterscheidet sich von der Wauwau-Theorie nur dadurch, daß bei ihr Rücksicht genommen wird auf das Unorganische, wie es gewissermaßen den Ton aus sich entbindet. Dieser Ton wird dann wiederum auf eine äußerliche Weise von dem Menschen, der der äußeren Natur gegenübersteht und sich von ihr beeinflussen läßt, nachgeahmt. Und die Umbildung desjenigen also, was — allerdings nicht überall, sondern nur auf einem engbegrenzten Erdengebiete — die Kinder rufen, wenn sie den Hund bellen hören: wau-wau, oder desjenigen, was ihnen in das Sprachgefühl hineinkommt, wenn sie die Glocke ertönen hören: bim-bam-bum, diese Umbildung wird dann durch eine merkwürdige Methode verfolgt. So sieht man das, was dann zum Organismus der Sprache sich gebildet hat, in den angedeuteten 'Theorien an, die ja durch nicht viel bessere bis heute ersetzt sind.
[ 17 ] Even in outward appearances, it is evident how the perspective that has gradually elevated the soul into the realm of abstract concepts has distanced itself from what was perceived regarding language in the pre-Aristotelian era. What, for example, did this research—which bears the stamp of Aristotelianism—produce as a theory regarding the origin of language? Well, by elevating the soul into the abstract, it became alienated from its immediate connection to the external world—a connection through which one could experience what in things corresponds to the formed word. It became estranged from this connection, yet still sought to understand what such a connection might look like, and it then translated this connection into all manner of abstractions. What had been felt inwardly, it transferred to the realm where concepts are formed externally, based on sensory or other external observations. Because it was impossible to delve into things to investigate the process by which the word acts from within things into the human organism, an abstract concept was substituted for such an understanding—for example, in the so-called “Wauwau” theory or the “Bimbam” theory. Ultimately, the “Wauwau” theory states nothing more than that what manifests externally in the organic realm as a tone or sound is imitated. It is a completely external examination of an external phenomenon with the aid of abstract concepts. The Bimbam Theory differs from the Wauwau Theory only in that it takes into account the inorganic realm, insofar as it, so to speak, gives birth to the sound from within itself. This sound is then, in turn, imitated in an external manner by the human being who faces external nature and allows himself to be influenced by it. And the transformation of that which—admittedly not everywhere, but only in a narrowly defined region of the earth—children call out when they hear a dog bark: “wau-wau,” or of that which enters their linguistic sensibility when they hear a bell ring: “bim-bam-bum”—this transformation is then pursued through a peculiar method. Thus, what has subsequently developed into the organism of language can be seen in the theories mentioned above, which, incidentally, have not been replaced by anything much better to this day.
[ 18 ] Wir haben es also zu tun mit einem Innerlichwerden der Betrachtung über die Sprache. Vor allen Dingen ist anzustreben durch Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, daß die Sprachbetrachtung wiederum eine innerliche werde, daß durch das, was erreicht werden kann im Aufsteigen von der sinnlichen zur übersinnlichen Erkenntnis, dasjenige, allerdings jetzt in einer der vorgerückten Menschheit entsprechenden Gestalt, selbständig wiederum gefunden werden könne, was einstmals gefühls- und instinktmäßig über die Sprache gedacht worden ist. Und da muß ich — ich kann wegen der Kürze der Zeit nur auf die Richtungen hinweisen, in denen die empirischen Tatsachen zu verfolgen sind — darauf aufmerksam machen, wie Geisteswissenschaft einen streng konkreten Weg einschlägt, wenn sie verstehen will, wie der Mensch sich von seiner Kindheit bis zu einem gewissen Lebensalter entwickelt. Sie finden das, was ich hier einigermaßen andeuten möchte, dargestellt zum Beispiel in meinem Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft».
[ 18 ] We are thus dealing with a process by which the study of language becomes an inner process. Above all, the aim of spiritual science, as understood here, is for the contemplation of language to become an inner one once again; so that through what can be attained in the ascent from sensory to supersensory knowledge, that which was once thought of language on the basis of feeling and instinct—albeit now in a form appropriate to an advanced humanity—may once again be discovered independently. And here I must—since, due to time constraints, I can only point out the directions in which the empirical facts are to be pursued—draw attention to how spiritual science takes a strictly concrete path when it seeks to understand how the human being develops from childhood to a certain age. You will find what I am trying to hint at here described, for example, in my little book The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science.
[ 19 ] Da muß zunächst darauf hingewiesen werden, wie die ganze seelisch-körperliche Konfiguration des Menschen in der Zeit vor dem Zahnwechsel eine wesentlich andere ist, als sie nach dem Zahnwechsel wird. Wer sich Beobachtungen für diese Tatsache angeeignet hat, der weiß, wieviel im seelisch-leiblichen Leben metamorphosiert wird in der Zeit, in der an die Stelle der ersten Zähne die zweiten treten. Und wer nicht durch Abstraktionen wie etwa die Anhänger des psychophysischen Parallelismus die Beziehungen von Leib, Seele und Geist sucht, sondern wer sie sucht in konkreten Erscheinungen, wer sie sucht nach einer wirklichen weitergebildeten naturwissenschaftlichen Methode, wer die innere Struktur des Seelenlebens im Konkreten erfassen kann, der wird eben finden, wie das, was später mehr seelisch in der eigentümlichen Konfiguration des Begriffslebens, in der Durchsetzung desjenigen, was begrifflich erfahren wird, mit Willensimpulsen, die dann zu der Bildung des Urteiles führen, wie das etwas ist, das bis zum Zahnwechsel in der physischen Organisation gewirkt hat. Und er wird nicht darüber spekulieren, was von der Geburt bis zum Zahnwechsel in der physischen Organisation «seelisch wirken» kann. Sondern er wird sich sagen, was dann im Zahnwechsel frei wird, frei wird aus einem Körper, in dem es vorher latent war, das hat vorher latent und gebunden in der physischen Organisation des Menschen gewirkt. Und diese besondere Art der physischen Organisation, in der das später seelisch zu Beobachtende wirkt, findet mit dem Herausstoßen der zweiten Zähne, auf das Sie auch gestern aufmerksam gemacht worden sind, seinen Abschluß.
[ 19 ] First, it must be pointed out that the entire psychological and physical constitution of a human being in the period before the change of teeth is fundamentally different from what it becomes after the change of teeth. Anyone who has gained insight into this fact through observation knows how much of a metamorphosis takes place in the psychophysical life during the period when the second set of teeth replaces the first. And anyone who does not seek the relationships between body, soul, and spirit through abstractions—as, for example, the adherents of psychophysical parallelism do—but who seeks them in concrete phenomena; who seeks them using a truly advanced scientific method; and who is able to grasp the inner structure of soul life in concrete terms—will indeed find that what later manifests more as a mental process in the distinctive configuration of conceptual life—in the assertion of what is experienced conceptually, through impulses of will that then lead to the formation of judgment—is in fact something that has been at work in the physical organization right up until the change of teeth. And he will not speculate about what can “work psychically” in the physical organization from birth until the change of teeth. Rather, he will say to himself that what is then set free during the change of teeth—set free from a body in which it was previously latent—is that which had previously worked in a latent and bound state within the human physical organization. And this particular type of physical organization, within which what is later to be observed as a soul process is at work, comes to an end with the eruption of the second set of teeth—a process to which your attention was also drawn yesterday.
[ 20 ] Nun muß man die Tatsachen, die hier vorliegen, nicht einseitig physiologisch, sondern so betrachten, daß man, wie der Physiologe mit seinen Sinnen und dem an sie gebundenen Verstand in die physischen Vorgänge des menschlichen Organismus, ebenso mit dem, was Imagination und Inspiration ist, in die seelischen Vorgänge eindringt, so daß man sie wirklich erkennt, nicht bloß, wie es die heutige Psychologie macht, mit Worten belegt. Wenn man wirklich in diese Vorgänge eindringt, dann muß man in dem Realen, das zuerst von der Geburt bis zum Zahnwechsel latent ist, das dann frei wird, auch vorstellungsgemäß, erkenntnisgemäß ein Reales schauen. Deshalb spricht meine Schrift über «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», indem sie diesen Vorgang formelhaft zusammenfaßt, davon, daß mit dem Zahnwechsel der Atherleib des Menschen, der vorher im physischen Leib gewirkt hat, erst frei zur Betätigung im Seelenleben geboren werde. Dieses «Geborenwerden des Ätherleibes» drückt sich aus im Zahnwechsel.
[ 20 ] Now, one must not view the facts presented here from a one-sidedly physiological perspective, but rather in such a way that—just as the physiologist penetrates the physical processes of the human organism with his senses and the intellect bound to them—one likewise penetrates the psychological processes with what constitutes imagination and inspiration, so that one truly recognizes them, rather than merely describing them with words, as contemporary psychology does. If one truly penetrates these processes, then one must perceive, in the reality that is initially latent from birth until the change of teeth—and which is then released—a reality that is also grasped through imagination and insight. That is why my treatise The Education of the Child from the Standpoint of Spiritual Science, in summarizing this process in a formulaic way, states that with the change of teeth, the human etheric body—which previously operated within the physical body—is first born into free activity within the life of the soul. This “birth of the etheric body” is expressed in the change of teeth.
[ 21 ] Es ist notwendig, daß man gewissermaßen am Ausgangspunkte anthroposophisch-geisteswissenschaftlicher Betrachtung solches Formelhafte habe, wie zum Beispiel «Geburt des Ätherleibes aus dem physischen Leibe», was ja einem tatsächlichen Geschehen entspricht. Aber dann, wenn der Übergang gesucht werden soll von dieser Geisteswissenschaft im engeren Sinne — die sich namentlich an die Betrachtung des menschlichen unmittelbaren Tageserlebens hält — zu der Betrachtungsweise in einzelnen Fachwissenschaften, dann wird dasjenige, was in solch formelhafter Weise zunächst ausgesprochen wird, etwas Ähnliches wie die Formel der Mathematik: es wird Methode, Methode für die Behandlung der Tatsachen. Und deshalb kann diese Geisteswissenschaft befruchtend auf die einzelnen Wissenschaften wirken, ohne daß immer bloß dasjenige in die einzelnen Wissenschaften hinein fortgesetzt wird, was allerdings beim Ausgangspunkte klar ins Auge gefaßt werden muß: daß der Mensch gegliedert ist in physischen Leib, Ätherleib und so weiter. So etwas kann man im Anfange durchaus wissen, und muß es wissen; es muß aber, wenn die Befruchtung durch Geisteswissenschaft eintreten soll, Tun werden, es muß Methode werden, Art und Weise der Behandlung auch der sinnlich empirisch gegebenen Tatsachen. Und in dieser Beziehung wird Geisteswissenschaft, weil sie, aufsteigend vom Unorganischen, wo sie noch wenig tun kann, durch das Organische heraufkommt in das geistige Gebiet, ich möchte sagen, nicht nur in dem Wie die einzelnen Wissenschaften befruchten können, sondern sie wird ihnen geradezu aus ihrem Befunde heraus Tatsachenbestätigungen zu übergeben haben, welche Licht verbreiten über dasjenige, was von der anderen Seite durch sinnlich-physische Beobachtung gewonnen und dann mit dem Verstande durchschaut wird. Es müssen sich begegnen geistige und sinnlichphysische Forschung. Und es ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft, daß sich diese geistige Forschung und diese sinnlich-physische Forschung begegnen.
[ 21 ] It is necessary, so to speak, that at the starting point of anthroposophical-spiritual-scientific consideration there be such formulaic expressions as, for example, “the birth of the etheric body from the physical body,” which does, after all, correspond to an actual event. But when one seeks to make the transition from this spiritual science in the narrower sense—which focuses specifically on the observation of the human’s immediate daily experience—to the approach taken in individual specialized sciences, then what is initially expressed in such a formulaic manner becomes something akin to a mathematical formula: it becomes a method, a method for dealing with the facts. And that is why this spiritual science can have a fruitful effect on the individual sciences, without merely carrying over into them what must certainly be clearly grasped from the outset: that the human being is composed of a physical body, an etheric body, and so on. One can certainly know such things at the outset, and must know them; but if spiritual science is to have a fruitful impact, it must become action, it must become a method, a way of dealing even with the facts given through the senses and empirical experience. And in this regard, spiritual science—because it ascends from the inorganic, where it can do little, through the organic into the spiritual realm— I would say, not only in terms of how the individual sciences can be enriched, but it will have to provide them, based directly on its own findings, with factual confirmations that shed light on what is gained from the other side through sensory-physical observation and is then understood by the intellect. Spiritual and sensory-physical research must come together. And one of the most important tasks for the future is for this spiritual research and this sensory-physical research to come together.
[ 22 ] Im Vorgang, der sich an dem Zahnwechsel besonders äußerlich offenbart, zeigt sich, daß dasjenige, was man — indem man aber eine konkrete Anschauung, nicht einen Wortbegriff ins Seelenauge faßt — als Ätherleib bezeichnet, für den ganzen menschlichen Organismus frei tätig wird, nachdem es vorher organisierend im physischen Leibe gewirkt hatte. Jetzt steigt es herauf ins Seelische, wird frei und wirkt dann in gewissem Grade bewußt auf den ganzen Menschen zurück.
[ 22 ] In the process that manifests itself most outwardly in the change of teeth, it becomes evident that what is called the “etheric body”—when one grasps a concrete image, rather than a verbal concept, with the eye of the soul—begins to act freely throughout the entire human organism, after having previously worked in an organizing capacity within the physical body. Now it ascends into the soul, becomes free, and then acts back upon the whole human being to a certain degree consciously.
[ 23 ] Ein Ähnliches tritt wiederum ein mit dem, was äußerlich sich offenbart als die Geschlechtsreife. Da sehen wir, wie wiederum im menschlichen Erleben etwas dasteht, was sich ausdrückt auf der einen Seite in einem gewissen Metamorphosieren des physischen Organismus, auf der anderen Seite in einem Metamorphosieren des Geistigen. Und ein Wesentliches beim Geistesforscher besteht ja darin, daß er sich ein ebensolches konkretes Anschauen für das aneignet, was so im Geistig-Seelischen auftritt, wie sich derjenige, der sich nur an der äußeren Anschauung bilden will, ein konkretes Anschauen aneignet für das, was er mit Augen sehen und mit dem Verstande kombinieren kann. Seelisches läßt sich nicht in dieser Weise anschauen, sondern läßt sich in seiner Wirklichkeit nur imaginativ anschauen. Es gibt keine wahre Psychologie, die nicht mit imaginativem Anschauen beginnt, und es gibt keine Möglichkeit, das Wechselverhältnis von Leib und Seele oder Körperleib und Geistseele zu finden, als die Brücke zu schlagen zwischen dem, was der äußeren physisch-sinnlichen Anschauung gegeben ist als das Körperlich-Leibliche, und dem, was herausfällt aus dieser Anschauung, was nur im Aufsteigen zur übersinnlichen Erkenntnis gegeben sein kann als Wirklichkeit, dem Geistig-Seelischen.
[ 23 ] Something similar occurs, in turn, with what manifests outwardly as sexual maturity. Here we see how, once again in human experience, there is something that expresses itself, on the one hand, in a certain metamorphosis of the physical organism and, on the other hand, in a metamorphosis of the spiritual. And an essential aspect of the spiritual researcher is that he acquires a concrete perception of what occurs in the spiritual-soul realm, just as one who seeks to educate himself solely through external observation acquires a concrete perception of what he can see with his eyes and comprehend with his intellect. Psychic phenomena cannot be perceived in this way, but can only be perceived in their reality through imaginative perception. There is no true psychology that does not begin with imaginative perception, and there is no way to discover the interrelationship between body and soul—or physical body and spiritual soul—other than by building a bridge between what is given to external physical-sensory perception as the physical-bodily realm, and what falls outside this perception—that which can only be given as reality in the ascent to supersensible knowledge: the spiritual-soul realm.
[ 24 ] Wenn man nun dasjenige wiederum betrachtet, was im Stadium der Geschlechtsreife eintritt, dann wird man sich sagen müssen: Da sehen wir in gewissem Sinne den umgekehrten Vorgang von dem, der beim Zahnwechsel sich abgespielt hat. Wir sehen, wie das, was als Begehrungsvermögen im Menschen spielt, was der instinktive Charakter seines Willens ist, den Organismus in einer Weise ergreift, wie es ihn früher nicht ergriffen hat. Indem man wiederum den ganzen breiten Tatsachenkomplex, der damit ins Auge gefaßt wird, formelhaft zusammenfaßt, kommt es dazu, daß man sagt: dasjenige, in dem namentlich die Begierdenatur schlummert, der astralische Leib des Menschen wird frei, wenn die Geschlechtsreife eintritt. Er ist es, der sich nun — wenn ich mich so ausdrücken darf - als frei in den physischen Organismus hineinsenkt, diesen ergreift, durchsetzt und so die Begierde körperhaft macht, was in dem Geschlechtsreifwerden seinen Ausdruck findet.
[ 24 ] If we now consider what occurs during the stage of sexual maturity, we must conclude that, in a certain sense, we are witnessing the reverse process of what took place during the change of teeth. We see how what functions as the capacity for desire in human beings—the instinctive character of their will—seizes the organism in a way it did not before. When we summarize the entire broad complex of facts involved in this process in a formulaic way, we arrive at the following statement: that which contains, in particular, the nature of desire—the human astral body—becomes free when sexual maturity sets in. It is this astral body that now—if I may put it this way—sinks into the physical organism as a free entity, takes hold of it, permeates it, and thus gives physical form to desire, a process that finds its expression in the attainment of sexual maturity.
[ 25 ] Nun, was ergibt aber die sachgemäße Vergleichung dieser beiden Vorgänge? Wir sehen gewissermaßen, wenn der Zahnwechsel eintritt, ein Freiwerden des ätherischen Leibes des Menschen. Wie drückt sich das, was da geschieht, eigentlich aus? Es drückt sich so aus, daß der Mensch dadurch fähig wird, die Begriffsbildung, überhaupt das Bewegen im Vorstellungsleben, das früher mehr an seinen ganzen Organismus gebunden war, gebunden an die Kopforganisation weiter auszuführen. Gewissermaßen sehen wir — und Geisteswissenschaft sieht es nicht nur gewissermaßen, sondern in seiner Wirklichkeit —, daß das Ätherische, was wir dem Menschen als Ätherleib zuschreiben, sich mit dem Zahnwechsel zurückzieht auf dasjenige, was nur noch im Rhythmischen des menschlichen Organismus und im Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus lebt, und daß es an der Ausgestaltung des Hauptes, an der plastischen Gestaltung des Hauptes eine freie Tätigkeit entwickelt, an der das Bewußtseinsleben des Menschen im Vorstellen teilnimmt. Es wird gewissermaßen die Kopforganisation in dieser Zeit freigelegt. Und wenn ich mich bildhaft ausdrücken darf über eine Wirklichkeit, die durchaus besteht, so muß ich sagen, was in den zweiten Zähnen aus der ganzen Organisation des Menschen sich an die Oberfläche treibt, das ist dasjenige seelisch-geistige Wirken, das vorher die ganze Körperorganisation durchzieht und dann frei wird. Vorher durchzog es den ganzen Menschen bis in das Haupt hinein. Es zieht sich allmählich vom Haupte zurück; und es zeigt, wie es sich zurückzieht, indem es sein Nicht-mehr-bis-zum-Haupte-Wirken dadurch offenbart, daß es haltmacht und die zweiten Zähne hervorbringt. Sie können sich das geradezu schematisch zur Anschauung bringen. Wenn ich das, was menschliche physische Organisation ist, mit der weißen Kreide schematisch andeute, und das, was ätherische Organisation ist, mit der roten Kreide, dann würde sich folgendes schematisch ergeben (siehe Abbildung):
[ 25 ] Well, what does a proper comparison of these two processes reveal? In a sense, when the change of teeth occurs, we see a liberation of the human etheric body. How is what is happening there actually expressed? It manifests in such a way that the human being thereby becomes capable of further developing concept formation—and, in general, the activity of the imaginative life—which was previously more closely bound to the whole organism, specifically to the organization of the head. In a sense, we see—and spiritual science sees this not merely in a sense, but in its reality —that the etheric, which we attribute to the human being as the etheric body, withdraws with the change of teeth into that which now lives only in the rhythmic processes of the human organism and in the metabolism and limb system, and that it develops a free activity in the formation of the head, in the plastic shaping of the head, in which the human being’s conscious life of imagination participates. In a sense, the organization of the head is laid bare during this period. And if I may speak figuratively about a reality that certainly exists, I must say that what rises to the surface in the permanent teeth from the entire human organism is the soul-spiritual activity that previously permeated the entire physical organism and then becomes free. Previously, it permeated the entire human being all the way into the head. It gradually withdraws from the head; and it reveals how it withdraws by making manifest that it no longer acts all the way to the head—namely, by coming to a halt and bringing forth the permanent teeth. You can visualize this quite schematically. If I were to schematically indicate the human physical constitution with white chalk and the etheric constitution with red chalk, the following diagram would result (see illustration):


[ 26 ] Sie sehen in der linksstehenden Figur den Menschen in seiner geistig-seelisch-leiblichen Wirksamkeit, wie er bis zum Zahnwechsel vor Ihnen steht. Sie sehen in der zweiten Figur, die rechts von Ihnen ist, wie sich zurückgezogen hat das Ätherische in seiner unmittelbaren Wirksamkeit von der Kopforganisation, wie es frei geworden ist in einer gewissen Beziehung, so daß es von da aus frei auf den menschlichen Kopforganismus wirkt. Und was als letztes geschieht aus diesem Wirken des Seeelisch-Geistigen in dem physischen Organismus, das ist das Heraustreiben der zweiten Zähne. Sie können, was Ihnen hier als geistige Anschauung mitgeteilt wird, ich möchte sagen, in seinem Abbilde beobachten, wenn Sie die Schädel, die Ihnen gestern Herr Professor Römer gezeigt hat, nehmen, indem Sie vergleichen können den Ansatz der ersten Zähne mit dem Ansatz der zweiten Zähne. Wenn Sie das sinngemäß verfolgen wollen, dann müssen Sie zugrunde legen, was hier aus der Geisteswissenschaft gewonnen ist. Dann müssen Sie sich sagen, die ersten Zähne, mit alledem was sich in ihnen ausspricht, sind aus der ganzen menschlichen Organisation, einschließlich der Kopforganisation, herausgeholt. Was sich in den zweiten Zähnen ausspricht, ist herausgeholt, nachdem sich langsam die innere seelische Organisation, insofern sie den Ätherleib betrifft, in den rhythmischen und Stoffwechselorganismus zurückgezogen hat und für die Hauptesorganisation frei geworden ist. In einer ähnlichen Weise können wir uns sagen — wie gesagt, ich kann nur Richtlinien anführen -, daß etwas vorgeht mit der Geschlechtsreife. Da wird dasjenige, was wir astralischen Leib formelhaft nennen, hineinversenkt in den physischen Leib, so daß es ihn schließlich ergreift und eben das bewirkt, was die Geschlechtsreife ausmacht.
[ 26 ] In the figure on the left, you see the human being in his spiritual, soul, and physical activity, standing before you up until the time of tooth replacement. In the second figure, to your right, you see how the etheric has withdrawn from its immediate activity within the head organization, how it has become free in a certain sense, so that from there it acts freely upon the human head organism. And what ultimately results from this activity of the soul-spiritual within the physical organism is the eruption of the second set of teeth. You can observe—I would say, in a mirror image—what is being conveyed to you here as a spiritual insight by examining the skulls that Professor Römer showed you yesterday, comparing the emergence of the first teeth with that of the second teeth. If you wish to follow this line of reasoning, you must take as your foundation what has been gained here through spiritual science. Then you must tell yourselves that the first teeth, with all that they express, have been drawn out of the entire human organism, including the head organism. What is expressed in the second teeth has been drawn out after the inner soul organization—insofar as it concerns the etheric body—has slowly withdrawn into the rhythmic and metabolic organism and has thus become free for the head organism. In a similar way, we can say to ourselves—as I mentioned, I can only provide general guidelines—that something occurs with sexual maturity. There, what we conventionally call the astral body is immersed into the physical body, so that it ultimately takes hold of it and brings about precisely what constitutes sexual maturity.
[ 27 ] Nun aber geschieht, was sich am Menschen ereignet, in den mannigfaltigsten Metamorphosen. Wer einmal einen solchen Vorgang wirklich verstanden hat wie den, der sich mit der Geschlechtsreife ausdrückt, der ein gewisses neues Verhältnis in der menschlichen Entwickelung, in der Entwickelung des Menschen zur Außenwelt bewirkt, wer einen solchen Vorgang wirklich innerlich versteht, der erkennt ihn dann auch, wenn er in einer gewissen Metamorphose auftritt. Was mit der Geschlechtsreife auftritt, indem es den ganzen Menschen ergreift, indem es gewissermaßen ein Verhältnis herausbildet des ganzen Menschen zu seiner Umgebung, das wird, ich möchte sagen, in einer anderen Metamorphose vorausgenommen in dem Augenblicke, wo sich die Sprache in dem Kinde entwickelt. Nur findet das, was eben mit der Geschlechtsreife stattfindet, beim Kinde in der Sprachbildung in einer anderen Metamorphose statt. Da spielt sich das, was mit der Geschlechtsreife den ganzen Menschen ergreift und sich hineinergießt in sein Verhältnis zur Außenwelt, zwischen dem rhythmischen und Gliedmaßenmenschen und der Kopforganisation des Menschen ab. Gewissermaßen dieselben Kräfte, die beim Geschlechtsreifwerden den ganzen Menschen ergreifen und dirigierend wirken auf sein Verhältnis zur Außenwelt, machen sich geltend zwischen dem unteren und oberen Menschen. Und indem der untere Mensch lernt den oberen so empfinden, wie sonst der Mensch im späteren Alter die Außenwelt empfinden lernt, lernt er sprechen. Ein Vorgang, den man äußerlich am Menschen beobachten kann in einem späteren Lebensalter, den muß man in der Lage sein zu verfolgen in seiner Metamorphose bis dahin, wo er als eine innerlich im menschlichen Organismus sich abspielende Metamorphose, im Sprechenlernen eben, erscheint: der Vorgang, der sonst beim ganzen Menschen in der Geschlechtsreife auftritt.
[ 27 ] But what happens to human beings takes place through the most diverse metamorphoses. Anyone who has truly understood a process such as that which manifests itself in sexual maturity—a process that brings about a certain new relationship in human development, in the development of the human being toward the external world—anyone who truly understands such a process from within will also recognize it when it occurs in a certain form of metamorphosis. What occurs with sexual maturity—in that it encompasses the whole human being, in that it, so to speak, shapes a relationship between the whole human being and their surroundings—is, I would say, foreshadowed in a different metamorphosis at the very moment when language develops in the child. However, what takes place with sexual maturity occurs in the child, in the development of language, as a different kind of metamorphosis. There, what seizes the whole human being at sexual maturity and pours itself into their relationship to the outside world takes place between the rhythmic and limb-oriented human being and the human being’s head organization. In a sense, the same forces that take hold of the whole human being at puberty and exert a guiding influence on his relationship to the outside world assert themselves between the lower and upper human beings. And as the lower human being learns to perceive the upper human being in the same way that a person in later life learns to perceive the outside world, he learns to speak. A process that can be observed externally in a person at a later stage of life must be traceable in its metamorphosis back to the point where it appears as an inner metamorphosis taking place within the human organism—namely, in the learning of speech: the process that otherwise occurs in the whole person during puberty.
[ 28 ] Und hat man diese Sache erfaßt, dann tritt einem die Möglichkeit entgegen, zu begreifen, wie das Zusammenspielen des unteren Menschen — des rhythmischen und des Gliedmaßenmenschen — in seiner Wechselwirkung ein innerliches Erleben von etwas ausbildet, was auch äußerlich vorhanden ist in der uns umgebenden Natur. Dieses Erleben auf innerliche Art desjenigen, was äußerlich vorhanden ist, führt dazu, daß das, was äußerlich stumm in den Dingen als deren eigene Sprache bleibt, anfängt zu klingen als die Menschensprache im menschlichen Inneren. Bitte, gehen Sie meinetwillen von diesem Satze wie von einem regulativen Prinzipe aus. Gehen Sie aus von diesem Satze, daß dasjenige, was in den Dingen, indem sie äußerlich werden, materiell werden, verstummt, daß das in der Entmaterialisierung innerlich im Menschen hörbar wird und zum Sprechen kommt. Dann werden Sie den Weg finden, auf dem Sie nicht eine Wauwau- oder Bimbam-Theorie ausbilden, sondern auf dem Sie dasjenige, was äußerlich an den Dingen ist — und da eben für die äußere Beobachtung nicht wahrgenommen werden kann, weil es ja verstummt und nur noch auf übersinnliche Art vorhanden ist —, aufgehen sehen als Sprache in des Menschen Inneren.
[ 28 ] And once one has grasped this, one is presented with the opportunity to understand how the interplay of the lower human being—the rhythmic human and the human of the limbs—in its mutual interaction gives rise to an inner experience of something that also exists externally in the nature that surrounds us. This inner experience of what exists externally leads to what remains externally silent in things—as their own language—beginning to resound as human language within the human being. Please, for my sake, take this statement as a guiding principle. Start from the premise that what falls silent in things as they become external and material becomes audible within the human being through dematerialization and comes to speech. Then you will find the path by which you do not develop a “woof-woof” or “bimbam” theory, but rather see what is external to things—and which, precisely because it cannot be perceived by external observation, since it falls silent and exists only in a supersensible way—unfold as language within the human being.
[ 29 ] Was ich damit ausspreche, ist, wie wenn man eine Linie hinzeichnet und damit eine Richtung angibt, in der man eigentlich am liebsten ein weit ausgesponnenes Gemälde malen möchte. Ich kann nur diesen mehr abstrakten Satz über die Beziehung der Dinge und Tatsachen der Außenwelt zur Entstehung der menschlichen Sprache im Inneren vor Sie hinstellen. Und sie werden alles, was Sie über die Sprache spüren können, in ein neues Licht gerückt sehen, wenn Sie den Weg finden von diesem abstrakt angenommenen Satze, der zunächst formelhaft klingt, bis zu demjenigen, was Ihnen die Tatsachen sinngemäß verbindet. Und wenn Sie dann das, was auf diese Art philologisch gewonnen wird, an die Physiologie heranbringen wollen, dann werden Sie sich belehren lassen können über den Zusammenhang der äußeren Geschlechtsmetamorphose mit der Sprachmetamorphose, in dem Sie Tatsachen studieren, die vorliegen als ein noch zurückgebliebener Rest: als der sprachliche Rest der Geschlechtsreife-Metamorphose in dem Verändern der Stimme, das heißt des Kehlkopfes beim Knaben, und in manchen anderen Erscheinungen, die beim Weibe auftreten. Wenn Sie nur den Willen haben, einzugehen auf die Tatsachen und die Fäden ziehen von einer Tatsachenreihe zur anderen, sich nicht einkapseln in unfruchtbare Spezialwissenschaften, sondern dasjenige wirklich beleuchten wollen, was in der einen Wissenschaft vorhanden ist als Tatsache, durch die Tatsachen, die durch andere Wissenschaften zutage treten, dann werden die einzelnen Spezialwissenschaften das werden können, was der Mensch in ihnen suchen muß, wenn er eben weiterkommen will auf der Bahn seines Erkennens sowohl wie auf der Bahn seines Wollens.
[ 29 ] What I am expressing here is like drawing a line to indicate a direction in which one would actually most like to paint a vast, expansive painting. I can only present to you this more abstract statement about the relationship between the things and facts of the external world and the emergence of human language within. And you will see everything you can sense about language cast in a new light if you find the path from this abstractly posited statement—which at first sounds formulaic—to that which meaningfully connects the facts for you. And if you then wish to relate what is gained in this way through philological analysis to physiology, you will be able to learn about the connection between external sexual metamorphosis and linguistic metamorphosis by studying facts that remain as a vestige: as the linguistic remnant of the metamorphosis of sexual maturity in the change of voice, that is, of the larynx in boys, and in certain other phenomena that occur in women. If you only have the will to engage with the facts and draw connections from one series of facts to another—not isolating yourself in sterile specialized disciplines, but truly seeking to illuminate what exists as a fact in one discipline through the facts revealed by other disciplines— then the individual specialized sciences will be able to become what human beings must seek in them if they wish to make progress both on the path of their cognition and on the path of their will.
[ 30 ] Es wird sich uns morgen in einem Zusammenhang, der, wie es scheinen könnte, gar nicht hineingehört, sehr naturgemäß ergeben, wie wir nun von dem Zahnwechsel zur Spracherscheinung und dann weiter zurückgehen können zu dem, was das dritte ist auf dieser rückläufigen Bahn: Wir sehen gewissermaßen in dem, was sich im Zahnwechsel ausdrückt, eine Wechselwirkung zwischen physischem Leib und Ätherleib. Wir sehen wiederum in dem, was sich in der Sprache ausdrückt, eine Wechselwirkung zwischen astralischem Leib und Ätherleib. Und wir müssen suchen als drittes ein Wechselverhältnis zwischen dem Ich und dem, was im Menschen als astralischer Leib lebt, und werden da geführt werden auf dasjenige, was das dritte ist in dieser rückläufigen Betrachtung: auf die Einkörperung des Geistig-Seelischen, auf dasjenige, was in dem GeistigSeelischen geboren wird. Sucht man den Weg vom Zahnwechsel durch das Sprachentstehen, so ist die dritte Etappe die Etappe des Vereinens des präexistierenden menschlichen Geistig-Seelischen mit dem Leiblichen.
[ 30 ] Tomorrow, in a context that might seem entirely unrelated, it will become very natural for us to see how we can now move from the process of losing baby teeth to the phenomenon of language, and then go back further to what is the third stage on this backward path: In a sense, we see in what is expressed in the change of teeth an interaction between the physical body and the etheric body. We see, in turn, in what is expressed in speech an interaction between the astral body and the etheric body. And we must seek, as the third element, an interrelationship between the “I” and what lives within the human being as the astral body, and we will be led thereby to what is the third element in this retrograde contemplation: to the embodiment of the spiritual-soul, to that which is born within the spiritual-soul. If one traces the path from the change of teeth through the development of speech, the third stage is the stage of the unification of the pre-existing human spiritual-soul element with the physical body.
[ 31 ] Indem Aristoteles den Ausweg von der Betrachtung des Zahnwechsels zu der Betrachtung der Sprache durch seine Abstraktion vermauert hat, war er genötigt, zu dem Dogma seine Zuflucht zu nehmen, daß mit jedem neuen Menschenwesen ein neues Geistig-Seelisches geboren werde. Aus einem Mangel an Wille zum Weitergehen eines Erkenntnisweges ist die Erkenntnis von der menschlichen Präexistenz abhandengekommen und damit von alledem, was in wahrer Weise zur Erkenntnis der menschlichen Seele führt.
[ 31 ] By using abstraction to block the path from the study of tooth replacement to the study of language, Aristotle was compelled to resort to the dogma that with every new human being a new spiritual-psychic entity is born. Due to a lack of will to continue along the path of knowledge, the understanding of human pre-existence has been lost, and with it, everything that truly leads to an understanding of the human soul.
[ 32 ] Wir sehen einen geschichtlichen Zusammenhang, der sich aber auslebt in der Behandlung gewisser Probleme, und wir können zum Schlusse sagen: Es stehen sich heute, nach dem Ausspruche eines im gegenwärtigen Sinne ganz bedeutenden Philologen, Philologie und Physiologie so gegenüber, daß sie sich nicht verstehen können. Warum dieses? Weil Physiologie den Körper des Menschen studiert und bei diesem Studium nicht rückläufig zum Geiste kommt. Verfolgt man eine wahre Physiologie, dann findet man über das Körperliche der physiologischen Betrachtung wiederum das Geistig-Seelische im Menschen. Wie nun, wenn man eine wahre Philologie verfolgt? Wenn man eine wahre Philologie verfolgt, so wird einem nicht der Logos ein Abstraktum, für das man dann sucht Nachbilder zu durchschauen, Nachbilder in naturwissenschaftlicher Methode, sondern man sucht einzudringen in dasjenige, was man als «Philo»-loge angeblich liebt, durch imaginative und sonstige Betrachtung. Dann aber, wenn man in das eindringt, was für die heutige Philologie ein Schattenhaftes, Nebuloses geworden ist, nämlich den Sprachgenius, den schöpferischen Sprachgenius, wenn man in ihn eindringt, dann dringt man durch den Geist zu der äußeren Körperlichkeit.
[ 32 ] We see a historical connection that, however, plays out in the treatment of certain problems, and we can conclude by saying: Today, according to a philologist who is quite significant in the contemporary sense, philology and physiology stand in such opposition to one another that they cannot understand each other. Why is this so? Because physiology studies the human body and, in this study, does not proceed backward toward the spirit. If one pursues true physiology, then through the physical aspects of physiological observation one ultimately discovers the spiritual and psychological aspects of the human being. What, then, happens when one pursues true philology? When one pursues true philology, the Logos does not become an abstraction for which one then seeks to penetrate the afterimages—afterimages in the scientific method—but rather one seeks to penetrate that which one supposedly loves as “Philo”-logy through imaginative and other forms of contemplation. But then, when one penetrates into what has become a shadowy, nebulous concept for contemporary philology—namely, the linguistic genius, the creative linguistic genius—when one penetrates into it, one penetrates through the spirit to the outer physicality.
[ 33 ] Physiologie findet auf dem Wege durch die innere Physis den Geist. Philologie, richtig betrachtet, finder auf dem Weg nach außen durch den Sprachgenius das in den Dingen, was aus den Dingen selber spricht und verstummt ist. Sie findet nicht Wauwau und Bimbam, sondern sie findet in den körperlich uns umgebenden Dingen die Veranlassung dazu, daß Worte, daß die Sprache in uns entstehen. Die Physiologie hat den Weg verloren zu ihrem Ziel, indem sie beim Körper stehenbleibt und nicht durch den Körper zum Geist innerlich vordringt. Die Philologie hat den Weg verloren, weil sie beim Sprachgenius, den sie dann nur abstrakt faßt, stehenbleibt und nicht vordringt in das Innere der äußeren Dinge, aus denen das erklingt, was im Worte lebt. Wenn Philologie nicht so reden wird, als ob das Wauwau und Bimbam in äußerlich abstrakter Weise nachgemacht werde durch den Menschen, sondern so reden wird über die äußerliche Körperlichkeit, daß ihr klar werden wird in Imaginationen, wie aus dieser äußerlichen Körperlichkeit das Wort entspringt, das im Inneren echohaft widertönt, wenn also Physiologie den Geist, Philologie die Körperlichkeit gefunden haben wird, dann werden sie sich finden.
[ 33 ] Physiology finds the spirit through the inner nature. Philology, properly understood, finds—on the path outward through the genius of language—that which speaks from within things themselves and has fallen silent. It does not find “woof-woof” and “bimbam,” but rather finds in the physical things surrounding us the impetus for words—for language—to arise within us. Physiology has lost its way to its goal by stopping at the body and failing to penetrate inwardly through the body to the spirit. Philology has lost its way because it stops at the genius of language—which it then grasps only abstractly—and fails to penetrate into the inner essence of external things, from which resounds what lives in the word. If philology does not speak as if “Wauwau” and “Bimbam” were imitated by humans in an outwardly abstract manner, but rather speaks of outward physicality in such a way that it becomes clear to it, through imagination, how from this outward physicality the word springs forth—which resounds within like an echo—then, when physiology has found the spirit, and philology has found physicality, then they will find one another.
[ 34 ] Damit habe ich den Weg, den in gewissenhafter Arbeit die Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne leiten will, fadengezogen. Ich habe nur einige Andeutungen auf diesem besonderen Gebiete der einleitenden Sprachwissenschaft gegeben.
[ 34 ] I have thus outlined the path that spiritual science in the anthroposophical sense seeks to guide through conscientious work. I have offered only a few hints in this particular field of introductory linguistics.
[ 35 ] Nun, diese Dinge werden unter uns besprochen, diese Dinge werden von uns erstrebt. Während diese Dinge von uns erstrebt werden, daß sie Zeugen sein können für dasjenige, was auf einem Erkenntniswege ganz aus dem Geiste unserer Zeit heraus erstrebt wird, und während Sie sehen können aus dem, was erstrebt wird, wahrscheinlich doch einen gewissen Ernst, der sich messen kann mit dem Ernste, der in anderen Gebieten des Lebens besteht, tobte gestern in Stuttgart eine Versammlung, die unsere Redner zum großen Teile niedertrampelte, die gar nicht den Willen hatte, auf irgend etwas hinzuhören, die nicht eingehen wollte auf dasjenige, was wir zu sagen haben, sondern die durch Getrampel und ähnliche Dinge dasjenige niederzuringen bestrebt war, was in ernster Weise angestrebt wird. Und, indem ich mich an die Kommilitonen wende, so darf ich sagen: am gestrigen Abend fehlten in Stuttgart Ihre Kollegen — nicht von der anderen Fakultät, sondern von der anderen Gesinnung -, die fehlten da nicht, die waren bei dem Niedertrampeln wohl vorhanden.
[ 35 ] Well, these things are discussed among us; these are the things we strive for. While we strive for these things—so that they may bear witness to what is being sought through a path of knowledge that springs entirely from the spirit of our time—and while you can likely discern in what we are striving for a certain seriousness that can measure up to the seriousness that exists in other areas of life, yesterday in Stuttgart a gathering raged that largely trampled on our speakers, that had no intention whatsoever of listening to anything, that did not want to engage with what we have to say, but that, through trampling and similar actions, sought to crush what is being earnestly pursued. And, addressing my fellow students, I must say: last night in Stuttgart, your colleagues were missing—not those from the other faculty, but those of a different mindset—they were not absent; they were certainly present during the trampling.
[ 36 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, meine lieben Kommilitonen! Es wird immer deutlicher und deutlicher werden, wie von einer gewissen Seite her dasjenige, das man nicht widerlegen kann, weil man es nicht widerlegen will, weil man sich durch träges Fortsetzen eines Alten, das sich überlebt hat, überhaupt auf das Neue nicht einlassen will, daß man das durch äußere Gewalt wird niedertrampeln wollen. Nun, ich möchte nur an Sie hier appellieren in der Weise, daß ich allerdings zu Ihnen den Glauben habe, daß Sie sich vielleicht in Ihrem Inneren sagen: Bei dieser Prozedur des Niedertrampelns haben wir auch noch ein Wort mitzureden! — Möge aber dieses Wort zur Tat werden.
[ 36 ] Ladies and gentlemen, my dear fellow students! It is becoming ever clearer how, from a certain quarter, that which cannot be refuted—because one does not want to refute it, because one, by stubbornly clinging to the old that has outlived its usefulness, does not want to engage with the new at all—will be trampled underfoot by external force. Well, I would simply like to appeal to you here in this way: I do, in fact, have faith in you—that perhaps deep down you are saying to yourselves: “We, too, have a say in this process of trampling!”—May this word, however, become action.
Dritter Disputationsabend
Third Debate Evening
[ 37 ] Die Fragen bezogen sich nicht auf das Thema des Tages «Sprachwissenschaft», sondern griffen auf früher behandelte Probleme zurück.
[ 37 ] The questions did not relate to the topic of the day, “Linguistics,” but instead referred back to issues discussed earlier.
[ 38 ] Dr. Steiner. Hier ist die Frage:
[ 38 ] Dr. Steiner. Here is the question:
[ 39 ] Es ist gesagt, die drei Dimensionen des Raumes wären nicht gleich in ihrer Struktur — worinnen liegt der Unterschied?
[ 39 ] It has been said that the three dimensions of space are not identical in structure—what is the difference?
[ 40 ] Es ist jedenfalls der Satz in dieser Weise niemals gefaßt worden: Die drei Dimensionen des Raumes seien «nicht gleich in ihrer Struktur», sondern dasjenige, auf das wahrscheinlich hier hingewiesen ist, ist das Folgende. Wir haben zunächst den mathematischen Raum, den Raum, den wir uns so vorstellen — wenn wir uns überhaupt eine exakte Vorstellung davon machen -, daß wir uns drei aufeinander senkrecht stehende Dimensionsrichtungen vorstellen, den wir uns also etwa definieren durch die drei aufeinander senkrecht stehenden Koordinatenachsen.
[ 40 ] In any case, the statement was never phrased this way: that the three dimensions of space are “not equal in their structure”; rather, what is likely being referred to here is the following. First, we have mathematical space—the space we imagine—if we form any precise conception of it at all—as consisting of three mutually perpendicular directions of dimension, which we thus define, for example, by the three mutually perpendicular coordinate axes.
[ 41 ] So wie wir gewöhnlich mathematisch diesen Raum betrachten, ist eine absolute Gleichbehandlung der drei Dimensionen vorhanden. Wir machen so sehr keinen Unterschied zwischen den Dimensionen oben-unten, rechts-links, vorne-rückwärts, daß wir uns eventuell sogar diese drei Dimensionen als vertauschbar denken können. Es kommt schließlich beim bloßen mathematischen Raum gar nicht darauf an, ob wir, wenn wir die X-Achse und die Z-Achse aufeinander senkrecht stehend, und die Y-Achse darauf wieder senkrecht stehend haben, nun die Ebene, auf der die Y-Achse steht, oder ob wir diese Achse selbst «horizontal» oder «vertikal» nennen oder dergleichen. Ebenso kümmern wir uns bei diesem Raum sozusagen nicht um seine Begrenztheit. Nicht etwa, daß wir ihn grenzenlos vorstellten. Bis zu dieser Vorstellung steigt man ja gewöhnlich nicht auf, sondern man stellt ihn so vor, daß man sich um seine Grenzen nicht kümmert, vielmehr stillschweigend die Annahme macht, man könne von jedem Punkte — sagen wir zum Beispiel der X-Richtung — ausgehen und ein weiteres Stück an dasjenige, was man bereits nach der X-Richtung abgemessen hat, dazufügen, zu diesem wieder ein Stück und so weiter, und man würde niemals veranlaßt sein, irgendwo ans Ende zu kommen. Gegen diese im Sinne der euklidischen Geometrie liegende Vorstellung vom Raume ist schon von seiten der Metageometrie im Laufe des 19. Jahrhunderts manches aufgestellt worden. Ich will nur daran erinnern, wie zum Beispiel Riemann unterschieden hat zwischen der «Unbegrenztheit» des Raumes und der «Unendlichkeit» des Raumes. Und zunächst ist auch für das rein begriffliche Vorstellen gar keine Nötigung vorhanden, den Begriff der «Unbegrenztheit» und den der «Unendlichkeit» als identisch anzunehmen. Nehmen Sie zum Beispiel eine Kugeloberfläche. Wenn Sie auf eine Kugeloberfläche zeichnen, so werden Sie finden, daß Sie nirgends an eine Raumgrenze kommen, durch die Sie gewissermaßen im Fortführen Ihrer Zeichnung gehindert werden können. Sie werden gewiß, wenn Sie weiterzeichnen, in Ihre letzte Zeichnung wieder hineinfahren; aber Sie werden niemals, wenn Sie auf der Kugeloberfläche bleiben, genötigt sein, sich durch eine Grenze im Zeichnen aufhalten zu lassen. So daß Sie sich also sagen können: Die Kugeloberfläche ist in bezug auf meine Fähigkeit, darauf zu zeichnen, unbegrenzt. — Aber niemand wird deshalb behaupten, daß die Kugeloberfläche unendlich ist. Also man kann unterscheiden, rein begrifflich, zwischen der Unbegrenztheit und der Unendlichkeit.
[ 41 ] The way we usually view this space mathematically, the three dimensions are treated as absolutely equal. We make so little distinction between the dimensions up-down, right-left, and front-back that we might even think of these three dimensions as interchangeable. After all, in pure mathematical space, it does not matter at all whether—when we have the X-axis and the Z-axis perpendicular to each other, and the Y-axis perpendicular to both of them—we refer to the plane on which the Y-axis lies, or whether we call this axis itself “horizontal” or “vertical,” or the like. Likewise, in this space, we do not, so to speak, concern ourselves with its finiteness. Not that we imagine it to be boundless. One does not usually go so far as to imagine it that way, but rather one conceives of it in such a way that one does not concern oneself with its boundaries, tacitly assuming instead that one can start from any point—say, for example, in the X-direction—and add another segment to what has already been measured in the X-direction, then add another segment to that, and so on, and one would never be led to reach an end anywhere. In the course of the 19th century, metageometry had already put forward several arguments against this conception of space, which is rooted in Euclidean geometry. I would simply like to recall, for example, how Riemann distinguished between the “boundlessness” of space and the “infinity” of space. And to begin with, even in purely conceptual terms, there is no compulsion whatsoever to assume that the concept of “boundlessness” and that of “infinity” are identical. Take, for example, the surface of a sphere. If you draw on the surface of a sphere, you will find that nowhere do you encounter a boundary in space that could, so to speak, prevent you from continuing your drawing. Certainly, if you continue drawing, you will end up back where you started; but as long as you remain on the surface of the sphere, you will never be compelled to stop drawing because of a boundary. So you can say to yourself: The surface of the sphere is unbounded with respect to my ability to draw on it. — But no one would therefore claim that the surface of the sphere is infinite. Thus, one can distinguish, purely conceptually, between boundlessness and infinity.
[ 42 ] Das kann nun unter gewissen mathematischen Voraussetzungen auch auf den Raum ausgedehnt werden, kann so auf den Raum ausgedehnt werden, daß man sich vorstellt: wenn ich in der X- oder Y-Achse eine Strecke dazusetze, und dann wieder eine und so weiter, und da niemals gehindert werde, immer weitere Strecken anzusetzen, so könnte diese Eigenschaft des Raumes zwar für seine Unbegrenztheit sprechen, aber nicht für die Unendlichkeit des Raumes. Es brauchte trotz dieser Tatsache, daß ich immer neue Stücke anstückeln kann, der Raum durchaus nicht unendlich zu sein, er könnte unbegrenzt sein. Also diese beiden Begriffe müssen auseinandergehalten werden. So daß man also annehmen könnte, daß der Raum dann, wenn er zwar unbegrenzt, aber nicht unendlich wäre, in derselben Weise, als Raum aber jetzt, eine innerliche Krümmung hätte, daß er also in irgendeiner Weise ebenso in sich wiederum zurückkehren würde, wie eine Kugeloberfläche in sich zurückkehrt.
[ 42 ] Under certain mathematical conditions, this can now be extended to three-dimensional space—it can be extended in such a way that one imagines: if I add a segment to the X- or Y-axis, and then another, and so on, and am never prevented from adding ever more segments, then this property of space might indeed suggest its boundlessness, but not the infinity of space. Despite the fact that I can keep adding new segments, space need not be infinite at all; it could simply be unbounded. So these two concepts must be distinguished from one another. One could therefore assume that if space were unbounded but not infinite, it would have an internal curvature in the same way that space does now—that is, it would in some way return upon itself, just as the surface of a sphere returns upon itself.
[ 43 ] Gewisse Vorstellungen der neueren Metageometrie rechnen durchaus mit solchen Annahmen. Niemand kann eigentlich sagen, daß gegen solche Annahmen sich sonderlich viel einwenden läßt; denn, wie gesagt, es gibt gar keine Möglichkeit, aus dem, was wir am Raume erfahren, etwa seine Unendlichkeit in irgendeiner Weise abzuleiten. Er könnte ganz gut in sich gekrümmt und dann endlich sein.
[ 43 ] Certain concepts in modern metageometry do indeed rely on such assumptions. No one can really say that there are particularly many objections to such assumptions; for, as has been said, there is absolutely no way to deduce its infinity in any way from what we experience of space. It could very well be curved in on itself and thus finite.
[ 44 ] Ich kann diesen Gedankengang natürlich nicht ausführen, denn er ist fast der durchgehende Gedankengang der ganzen neueren Metageometrie. Sie finden aber in Abhandlungen von Riemann, Gauß und so weiter, die ja leicht erhältlich sind, genügend Anhaltspunkte, um, wenn Sie auf solche mathematischen Vorstellungen Wert legen, auf sie einzugehen.
[ 44 ] Of course, I cannot elaborate on this line of thought, for it constitutes virtually the entire thread of modern metageometry. However, you will find sufficient guidance in the treatises by Riemann, Gauss, and others—which are readily available—to explore this topic further, should you find such mathematical concepts worthwhile.
[ 45 ] Das ist also zunächst von der rein mathematischen Seite her das, was in den, ich möchte sagen starren, nach allen Seiten neutralen Raum der euklidischen Geometrie Einwände hineingebracht hat, die eben nur abgeleitet waren aus der «Unbegrenztheit». Aber dasjenige, auf das in der Frage hingedeutet wird, wurzelt noch in etwas anderem. Nämlich darinnen, daß der Raum, mit dem wir zunächst rechnen und der uns zum Beispiel in der analytischen Geometrie vorliegt, wenn wir uns eben mit den drei aufeinander senkrecht stehenden Koordinatenachsen zu tun machen, daß der Raum zunächst ein Abstraktum ist, eine Abstraktion. Und eine Abstraktion — aus was? Das ist die Frage, die noch zuerst aufgeworfen werden muß.
[ 45 ] So, from a purely mathematical standpoint, this is what introduced objections into the—I would say rigid, in every respect neutral—space of Euclidean geometry, objections that were derived solely from “infinity.” But what the question alludes to is rooted in something else entirely. Namely, in the fact that the space we initially deal with—and which we encounter, for example, in analytic geometry when we work with the three mutually perpendicular coordinate axes—is, at first, an abstract concept, an abstraction. And an abstraction—of what? That is the question that must first be raised.
[ 46 ] Es handelt sich darum, ob man bei dieser Abstraktion «Raum» stehenzubleiben hat, oder ob das nicht der Fall ist. Hat man bei dieser Abstraktion des Raumes stehenzubleiben? Ist das der einzige Raum, von dem man sprechen kann? Besser gesagt: Ist dieser abstrakte Begriff des Raumes der einzige, von dem man berechtigterweise sprechen kann, dann kann man eigentlich nur das eine einwenden, dasjenige, was eben in der Riemannschen oder einer anderen Metageometrie genügend eingewendet wird. Die Sache liegt ja so, daß zum Beispiel die Kantschen Raumdefinitionen durchaus auf dem ganz abstrakten Raumbegriff, bei dem man sich um Unbegrenztheit oder Unendlichkeit zunächst nicht kümmert, aufgestellt sind, und daß dann im Laufe des i9. Jahrhunderts auch innerlich, in bezug auf seinen Vorstellungsgehalt, dieser Raumbegriff eben von der Mathematik erschüttert worden ist. Es kann keine Rede davon sein, daß etwa die Kantschen Definitionen auch noch gelten würden für einen Raum, der zwar nicht unendlich, aber unbegrenzt ist. Überhaupt würde da noch manches im weiteren Verlaufe der «Kritik der reinen Vernunft», die Paralogismenlehre zum Beispiel, ins Wanken kommen, wenn man eben genötigt wäre, überzugehen zu dem Begriff des unbegrenzten, in sich gekrümmten Raumes.
[ 46 ] The question is whether one must stop at “space” in this abstraction, or whether that is not the case. Must one stop at this abstraction of space? Is this the only space one can speak of? Or rather: If this abstract concept of space is the only one one can legitimately speak of, then one can really only raise the one objection—the very one that is sufficiently raised in Riemannian or other metageometry. The fact is that, for example, Kant’s definitions of space are based entirely on the very abstract concept of space, in which one initially pays no attention to boundlessness or infinity, and that then, in the course of the 19th century, this concept of space was also shaken from within—in terms of its conceptual content—by mathematics. There can be no question that Kant’s definitions, for instance, would still apply to a space that, while not infinite, is unbounded. In fact, many other aspects of the subsequent course of the Critique of Pure Reason—the doctrine of paralogisms, for example—would be called into question if one were compelled to adopt the concept of unbounded, self-curved space.
[ 47 ] Ich weiß ja, daß für das gewöhnliche Vorstellen dieser Begriff des gekrümmten Raumes Schwierigkeiten macht. Allein vom rein mathematisch-geometrischen Standpunkte aus läßt sich gegen das, was da angenommen ist, nichts anderes einwenden, als daß man sich eben in einem zunächst ganz wirklichkeitsfernen Gebiet der reinen Abstraktion bewegt. Und wer genauer zusieht, wird finden, daß in den Ableitungen moderner Metageometrie im Grunde genommen ein merkwürdiger Circulus liegt. Es ist dieser, daß man zunächst ausgeht von dem Vorstellen der euklidischen Geometrie, die sich also nicht kümmert um eine Begrenztheit des Raumes. Daraus bekommt man dann gewisse abgeleitete Vorstellungen, also sagen wir Vorstellungen, die sich eben auf so etwas wie eine Kugelfläche beziehen. Und dann kann man wiederum, indem man mit den Formen, die sich da ergeben, gewisse Relegierungen oder Umdeutungen vornimmt, von da aus Interpretationen des Raumes machen. Man sagt alles eigentlich unter Voraussetzung der euklidischen Koordinatengeometrie. Man bekommt unter dieser Voraussetzung ein gewisses Krümmungsmaß heraus. Man kommt bis zu den Ableitungen. Alles durchaus mit den Vorstellungen der euklidischen Geometrie. Dann aber wendet man sozusagen um: man benützt nun diese Vorstellungen, die sich erst mit Hilfe der euklidischen Geometrie ergeben können, also zum Beispiel das Krümmungsmaß, um nun wiederum zu einer anderen Vorstellung zu kommen, die zu einer Relegierung führen und für das von den krummen Formen Gewonnene eben wiederum eine Deutung ergeben kann. Im Grunde genommen bewegt man sich da in einem wirklichkeitsfremden Gebiet, indem man Abstraktionen aus Abstraktionen herausholt. Berechtigt wäre die Sache nur dann, wenn empirische Tatbestände notwendig machten, sich mit dem, was man durch so etwas herausbekommt, nach den Vorstellungen dieser Tatbestände zu richten.
[ 47 ] I am well aware that this concept of curved space poses difficulties for the ordinary mind. However, from a purely mathematical-geometric standpoint, the only objection that can be raised against what is assumed here is that one is moving in a realm of pure abstraction that is, at first glance, quite far removed from reality. And anyone who looks more closely will find that, at its core, the derivations of modern metageometry involve a curious circular argument. It is this: one starts with the concept of Euclidean geometry, which, as we know, does not concern itself with the finiteness of space. From this, one then derives certain concepts—that is, concepts that relate to something like a spherical surface. And then, by applying certain reinterpretations or reclassifications to the forms that arise, one can proceed from there to formulate interpretations of space. Everything is actually stated on the basis of Euclidean coordinate geometry. Under this assumption, one derives a certain measure of curvature. One arrives at the derivations. All of this is entirely in line with the concepts of Euclidean geometry. But then, so to speak, one reverses the process: one now uses these concepts—which can only arise with the help of Euclidean geometry, such as the measure of curvature—to arrive at yet another concept, one that leads to a reinterpretation and can, in turn, provide an interpretation of what has been derived from the curved forms. Essentially, one is moving in a realm detached from reality by deriving abstractions from abstractions. This would only be justified if empirical facts made it necessary to align what one obtains through such a process with the concepts underlying those facts.
[ 48 ] Es handelt sich also darum: Wo liegt das Erfahrungsgemäße für dasjenige, was die Abstraktion «Raum» eigentlich ist? Denn der Raum als solcher, wie er bei Euklid vorgestellt wird, ist eine Abstraktion. Worinnen liegt das, was erlebbar, was wahrnehmbar ist?
[ 48 ] The question, then, is this: Where does the empirical basis lie for what the abstraction “space” actually is? For space as such, as conceived by Euclid, is an abstraction. Where does that which can be experienced and perceived lie?
[ 49 ] Da müssen wir zunächst sagen: Wir müssen von der menschlichen Erfahrung des Raumes ausgehen. Der Mensch, hineingestellt in die Welt, nimmt durch seine eigene Tätigkeit der Erfahrung eigentlich nur eine Raumdimension wirklich wahr, und das ist die Tiefendimension. Dieses Wahrnehmen, dieses erarbeitete Wahrnehmen der Tiefendimension durch den Menschen beruht auf einem Bewußtseinsvorgang, der sehr häufig nicht beachtet wird. Allein dieses erarbeitete Wahrnehmen ist doch etwas ganz anderes als die Vorstellung des Ebenenmäßigen, die Vorstellung der Ausdehnung in zwei Dimensionen. Wenn wir mit unseren beiden Augen, also mit unserem Totalgesicht in die Welt sehen, so wissen wir nie etwas davon, daß diese zwei Dimensionen durch eine eigene Tätigkeit, durch ein Sich-mit-der-Seele-Betätigen zustande kommen. Sie sind sozusagen da als zwei Dimensionen. Während die dritte Dimension — wenn auch durchaus dies Tätige gewöhnlich nicht ins Bewußtsein heraufgehoben wird — durch eine solche gewisse Betätigung zustande kommt. Wir müssen uns eigentlich erst das Wissen, die Erkenntnis darüber erarbeiten, wie tief im Raume darinnen, wie weit entfernt von uns irgendein Gebilde liegt. Die Ausdehnung der Fläche, die erarbeiten wir uns nicht, die ist durch die Anschauung gegeben. Aber durch unsere zwei Augen erarbeiten wir uns tatsächlich die Tiefendimension. So daß die Art und Weise, wie wir die Tiefendimension erleben, zwar hart an der Grenze des Bewußten und des Unbewußten liegt; aber wer gelernt hat, auf solche Sachen seine Aufmerksamkeit zu richten, der weiß, daß die halb unbewußt oder drittels unbewußt, nirgends bewußt, zustande kommende Tätigkeit der Abschätzung der Tiefendimension viel mehr einer Verstandes-, überhaupt einer seelischen Tätigkeit, einer aktiven Seelentätigkeit ähnlich ist als all dasjenige, was nur in der Ebene angeschaut wird.
[ 49 ] First, we must say: We must start from the human experience of space. Placed within the world, human beings—through their own active experience—actually perceive only one spatial dimension, and that is the dimension of depth. This perception—this actively developed perception of the dimension of depth by human beings—is based on a process of consciousness that is very often overlooked. Yet this acquired perception is something entirely different from the concept of a flat plane, the concept of extension in two dimensions. When we look at the world with both our eyes—that is, with our total vision—we are never aware that these two dimensions come about through our own activity, through an engagement of the soul. They are, so to speak, simply there as two dimensions. Whereas the third dimension—even though this active process is usually not brought into consciousness—comes about through a certain kind of activity. We must actually first work out the knowledge, the insight into how deep within space, how far away from us, any given form lies. We do not actively perceive the extent of the surface; that is given through visual perception. But through our two eyes, we do in fact actively perceive the depth dimension. Thus, the way in which we experience the depth dimension lies, admittedly, right on the border between the conscious and the unconscious; but anyone who has learned to focus their attention on such matters knows that the process of estimating depth—which occurs half-unconsciously or one-third unconsciously, and never consciously—resembles an intellectual activity, indeed a psychological activity, an active psychological process, far more than anything that is merely perceived on a flat plane.
[ 50 ] Es ist also die eine Dimension des dreidimensionalen Raumes schon für unser gegenständliches Bewußtsein tätig erobert. Und wir können nicht anders sagen als: Indem wir die Stellung des aufrechten Menschen betrachten, ist damit etwas gegeben in bezug auf diese Tiefendimension — vorne-rückwärts —, was nicht vertauschbar ist mit einer anderen Dimension. Denn einfach dadurch, daß der Mensch in der Welt dasteht und in einer gewissen Weise sich betätigend, diese Dimension erlebt, ist das, was er da erlebt, nicht mit irgendeiner anderen Richtung vertauschbar. Für den einzelnen Menschen ist diese Tiefendimension etwas, was mit einer anderen Dimension nicht vertauschbar ist. Es ist durchaus auch so, daß das Erfassen der Zweidimensionalität — also das oben-unten, rechtslinks, natürlich auch wenn es vor uns ist — auch an andere Hirnpartien gebunden ist, da es im Sehvorgang, also im sinnlichen Anschauungsvorgang drinnen liegt; während mit Bezug auf die Lokalisation im Hirn das Zustandekommen der dritten Dimension durchaus jenen Zentren naheliegt, die für die Verstandestätigkeit in Betracht zu ziehen sind. Also hier sehen wir schon, daß beim Zustandekommen dieser dritten Dimension sogar in bezug auf das Erleben ein wesentlicher Unterschied ist gegenüber den zwei anderen Dimensionen.
[ 50 ] Thus, one dimension of three-dimensional space has already been actively conquered by our concrete consciousness. And we cannot help but say: When we consider the posture of the upright human being, something is thereby given with regard to this dimension of depth—front to back—that cannot be interchanged with any other dimension. For simply by the fact that the human being stands in the world and, while acting in a certain way, experiences this dimension, what he experiences there cannot be interchanged with any other direction. For the individual human being, this depth dimension is something that cannot be interchanged with any other dimension. It is also certainly the case that the perception of two-dimensionality—that is, up-down, right-left, and of course what is in front of us—is linked to other parts of the brain, since it lies within the process of vision, that is, within the sensory process of perception; whereas, in terms of its localization in the brain, the emergence of the third dimension is certainly closely associated with those centers that are relevant to intellectual activity. So here we can already see that, even in terms of experience, there is a fundamental difference in the emergence of this third dimension compared to the other two dimensions.
[ 51 ] Steigen wir dann aber auf bis zur Imagination, dann kommen wir überhaupt heraus aus dem, was wir da in der dritten Dimension erleben: Wir gehen in der Imagination eigentlich zur zweidimensionalen Vorstellung über. Und wir haben uns jetzt — allerdings ebenso leise angedeutet wie das Erarbeiten der dritten Dimension im gegenständlichen Vorstellen — auch die andere Vorstellung, die Vorstellung des rechts-links, noch zu erarbeiten; so daß da wiederum ein bestimmtes Erlebnis liegt im rechts-links. Und endlich: wenn wir zur Inspiration aufsteigen, so gilt dasselbe für das oben-unten.
[ 51 ] But when we ascend to the level of imagination, we step entirely outside of what we experience in the third dimension: in imagination, we actually transition to two-dimensional conception. And now we must—albeit just as subtly as we developed the third dimension in concrete visualization—also develop the other concept, that of right and left; so that there, too, lies a specific experience in right and left. And finally: when we ascend to inspiration, the same applies to up and down.
[ 52 ] Für das gewöhnliche Vorstellen, das an unser NervenSinnessystem gebunden ist, erarbeiten wir uns die dritte Dimension. Wenn wir uns aber mit Ausschaltung der gewöhnlichen Tätigkeit des Nerven-Sinnessystems direkt ans rhythmische System wenden — was in einer gewissen Beziehung beim Aufsteigen zur Imagination stattfindet, es ist das nicht ganz genau gesprochen, aber das tut für jetzt nichts —, dann haben wir das Erleben der zweiten Dimension. Und das Erleben der ersten Dimension haben wir, wenn wir zur Inspiration aufsteigen, das heißt, wenn wir vorrücken bis zu dem dritten Glied der menschlichen Organisation.
[ 52 ] For ordinary imagination, which is tied to our nervous-sensory system, we develop the third dimension. But when we turn directly to the rhythmic system, setting aside the ordinary activity of the nervous-sensory system—which, in a certain sense, occurs during the ascent to imagination (though this is not entirely accurate, but that does not matter for now)—then we have the experience of the second dimension. And we have the experience of the first dimension when we ascend to inspiration, that is, when we advance to the third level of the human organization.
[ 53 ] So erweist sich dasjenige, was wir im abstrakten Raume vor uns haben, als genau, weil wir ja alles, was wir uns in der Mathematik erobern, aus uns selbst herausholen. Was sich in der Mathematik ergibt als der dreifache Raum, das ist eigentlich etwas, was wir aus uns selbst heraus haben. Steigen wir aber in uns hinunter durch die übersinnlichen Vorstellungen, so ergibt sich nicht der abstrakte Raum mit seinen drei gleich gültigen Dimensionen, sondern es ergeben sich drei verschiedene Wertigkeiten für die drei verschiedenen Dimensionen: vorne-hinten, rechts-links, oben-unten; sie sind nicht miteinander vertauschbar. Daraus folgt noch ein anderes: Wenn diese drei nicht miteinander vertauschbar sind, ist auch nicht nötig, sie sich mit der gleichen Intensität vorzustellen. Das ist das Wesentliche des euklidischen Raumes, daß wir die X-, Y-, Z-Achse — es ist das ja vorauszusetzen für jede Berechnung eines Geometrischen — mit gleicher Intensität vorstellen.
[ 53 ] Thus, what we have before us in abstract space proves to be precise, because everything we discover in mathematics we draw from within ourselves. What emerges in mathematics as three-dimensional space is actually something we possess within ourselves. But if we descend within ourselves through the supersensible concepts, what emerges is not abstract space with its three equally valid dimensions, but rather three different values for the three different dimensions: front-back, right-left, up-down; they are not interchangeable. From this follows something else: If these three are not interchangeable, there is also no need to imagine them with the same intensity. This is the essence of Euclidean space—that we imagine the X, Y, and Z axes—which, after all, must be assumed for any geometric calculation—with equal intensity.
[ 54 ] Wenn wir die X-, Y-, Z-Achse uns vorhalten, so müssen wir — wenn wir bei dem bleiben wollen, was uns unsere Gleichungen sagen in der analytischen Geometrie, aber eine innere Intensität der drei Achsen annehmen — diese Intensität gleichwertig vorstellen. Wenn wir etwa die X-Achse elastisch vergrößern würden mit einer gewissen Intensität, so müßten sich die Y- und Z-Achsen mit gleicher Intensität vergrößern. Das heißt, wenn ich dasjenige, was ich ausdehne, nun intensiv fasse, so ist die Kraft des Ausdehnens, wenn ich so sagen darf, für die X-, Y-, Z-Achse, also für die drei Dimensionen des euklidischen Raumes, gleich. Deshalb möchte ich — den Begriff Raum in dieser Weise natürlich anwendend — diesen Raum den starren Raum nennen.
[ 54 ] If we consider the X, Y, and Z axes, then—if we wish to adhere to what our equations tell us in analytic geometry, but assume an intrinsic intensity for the three axes—we must conceive of this intensity as equivalent. If, for example, we were to elastically extend the X-axis with a certain intensity, the Y- and Z-axes would have to extend with the same intensity. That is to say, if I now conceive of that which I am expanding as having intensity, then the force of expansion—if I may put it that way—is the same for the X, Y, and Z axes, that is, for the three dimensions of Euclidean space. Therefore, applying the concept of “space” in this way, I would like to call this space “rigid space.”
[ 55 ] Nun, das ist nicht mehr der Fall, wenn wir den realen Raum nehmen, von dem dieser starre Raum eine Abstraktion ist, wenn wir den Raum nehmen, der auf die Weise gewonnen ist, daß er eben aus dem Menschen herausgeholt ist. Dann können wir nicht mehr davon sprechen, daß diese drei Ausdehnungsintensitäten gleich sind. Sondern im wesentlichen ist die Intensität abhängig von dem, was sich am Menschen vorfindet: des Menschen Größenverhältnisse sind durchaus das Ergebnis der Raumausdehnungsintensitäten. Und wir müssen zum Beispiel, wenn wir das oben-unten die Y-Achse nennen, uns diese mit einer größeren Ausdehnungsintensität vorstellen als zum Beispiel die X-Achse, die entsprechen würde dem rechtslinks. Wenn wir nach einem formelhaften Ausdruck für diesen realen Raum suchen, wenn wir also wiederum, was da real gemeint ist, formelhaft ausdrücken würden — also wiederum Abstraktion; wir müssen uns nur bewußt bleiben, daß diese Abstraktion eben eine Abstraktion ist -, bekämen wir dann ein dreiachsiges Ellipsoid.
[ 55 ] Well, that is no longer the case when we consider real space—of which this rigid space is an abstraction—when we consider the space that is derived in such a way that it is, in fact, extracted from the human being. Then we can no longer say that these three intensities of extension are equal. Rather, the intensity essentially depends on what is found in the human being: the human being’s proportions are entirely the result of the intensities of spatial extension. And we must, for example, if we call the up-down direction the Y-axis, imagine this with a greater intensity of extension than, for example, the X-axis, which would correspond to the right-left direction. If we were to seek a formulaic expression for this real space—that is, if we were to express in formulaic terms what is actually meant here (again, an abstraction; we must simply remain aware that this abstraction is, in fact, an abstraction)—we would then arrive at a triaxial ellipsoid.
[ 56 ] Nun liegt aber auch die Veranlassung vor, diesen dreiachsigen Raum, in dem das übersinnliche Vorstellen leben muß, in seinen drei ganz verschiedenen Ausdehnungsmöglichkeiten so vorzustellen, daß wir mit dem realen X-, Y-, Z-Achsenerleben, das uns mit unserem physischen Körper gegeben ist, diesen Raum auch als dasjenige erkennen, was dann gleichzeitig das Wirkungsverhältnis der in diesem Raum befindlichen Weltenkörper zum Ausdruck bringt.
[ 56 ] Now, however, there is also reason to conceive of this three-axis space—in which supersensible imagination must exist—in its three entirely different modes of extension, in such a way that, through the real X-, Y-, Z-axis experience—which is given to us through our physical body—we can also recognize this space as that which simultaneously expresses the relationship of action between the world bodies located within it.
[ 57 ] Wenn wir uns das vorstellen, so müssen wir in einer gewissen Weise bedenken, daß auch alles, was wir uns da draußen in diesem dreidimensionalen Weltenraume denken, nach verschiedenen Richtungen hin nicht einfach mit gleicher Ausdehnungsintensität der X-, Y-, Z-Achse zu denken ist, wie das bei dem euklidischen Raum der Fall ist, sondern wir müssen uns denken, daß der Weltenraum an sich eine Konfiguration hat, die auch durch ein dreiachsiges Ellipsoid vorzustellen wäre. Und dafür spricht durchaus die Anordnung gewisser Sterne. Man nennt gewöhnlich unser Milchstraßensystem eine Linse und so weiter. Es ist durchaus nicht möglich, es sich als eine Kugelfläche vorzustellen; wir müssen es uns in einer anderen Weise vorstellen, wenn wir schon bei einer rein physischen Tatsache bleiben.
[ 57 ] When we imagine this, we must bear in mind, in a certain sense, that everything we conceive of out there in this three-dimensional space does not simply extend in various directions with equal intensity along the X, Y, Z-axes—as is the case in Euclidean space—but rather that the universe itself has a configuration that could be visualized as a triaxial ellipsoid. And the arrangement of certain stars certainly supports this. Our Milky Way system is usually referred to as a lens and so on. It is by no means possible to conceive of it as a spherical surface; we must conceive of it in a different way if we are to stick to a purely physical fact.
[ 58 ] Sie sehen gerade bei der Behandlung des Raumes, wie wenig naturgemäß das neuere Denken ist. In den älteren Zeiten, den älteren Kulturen, hat sich niemand einer solchen Vorstellung hingegeben, wie es die des starren Raumes geworden ist. Man kann noch nicht einmal sagen, daß in der euklidischen Geometrie schon eine klare Vorstellung von diesem starren Raume mit den drei gleichen Ausdehnungsintensitäten, auch den drei aufeinander senkrecht stehenden Linien, vorlag. Sondern erst, als man anfing den Raum Euklids rechnend zu behandeln — indem eben das Abstrahieren in der neueren Zeit ein wesentlicher Grundzug des Denkens geworden ist —, ist eigentlich diese abstrakte Vorstellung des Raumes entstanden. In älteren Zeiten hatte man durchaus ähnliche Erkenntnisse, wie ich sie jetzt eben wiederum aus der Natur des übersinnlichen Erkennens heraus entwickelt habe. Sie können daraus ersehen, daß Dinge, auf die man heute so unendlich stark baut, die man als Selbstverständlichkeit betrachtet, im Grunde genommen eine solche Bedeutung nur aus dem Grunde haben, weil sie in einer wirklichkeitsfremden Sphäre spielen. Der Raum, mit dem man heute rechnet, ist eine Abstraktion; er spielt durchaus in einer wirklichkeitsfremden Sphäre. Er ist abstrahiert von Erfahrungen, von denen wir allerdings durch reales Erleben wissen können. Aber man begnügt sich heute vielfach mit dem, was Abstraktionen sind. In unserer Zeit, wo man so viel auf Empirie pocht, beruft man sich am alleröftesten auf Abstraktionen. Und man merkt es nicht. Man glaubt, sich in der Wirklichkeit mit den Dingen zu bewegen. Aber Sie sehen, wie sehr unsere Vorstellungen in dieser Beziehung der Rektifizierung bedürfen.
[ 58 ] It is precisely in the treatment of space that you can see how unnatural modern thinking is. In earlier times, in older cultures, no one subscribed to a concept such as that of rigid space. One cannot even say that Euclidean geometry already possessed a clear conception of this rigid space with its three equal intensities of extension, nor of the three mutually perpendicular lines. Rather, it was only when people began to treat Euclid’s space mathematically—precisely because abstraction has become an essential feature of modern thought—that this abstract conception of space actually arose. In earlier times, people had insights quite similar to those I have just developed once again from the nature of supersensible cognition. You can see from this that things on which we rely so heavily today—things we take for granted—fundamentally have such significance only because they operate in a sphere alien to reality. The space with which we calculate today is an abstraction; it operates entirely in a sphere detached from reality. It is abstracted from experiences of which we can, however, know through actual lived experience. But today, people often content themselves with what are merely abstractions. In our time, when so much emphasis is placed on empiricism, people most often rely on abstractions. And they do not even realize it. They believe they are engaging with things in reality. But you can see how much our conceptions in this regard need to be corrected.
[ 59 ] Der Geistesforscher frägt bei jeder Vorstellung nicht bloß, ob sie logisch ist. Logisch ist durchaus der Riemannsche Raum auch, obwohl er in gewisser Beziehung nur eine Dependance des euklidischen Raumes ist; aber aus dem Grunde ist er im Vorstellen eigentlich doch nicht zu vollziehen, weil man zu ihm kommt mit einem ganz abstrakten Denken, indem man auf Grund einer Schlußfolgerung, zu der man gekommen ist, gewissermaßen mit seinem ganzen Denken umkippt. Der Geistesforscher frägt beim Vorstellen nicht bloß, ob es logisch ist, sondern ob es auch wirklichkeitsgemäß ist. Das ist für ihn das Entscheidende, eine Vorstellung anzunehmen oder nicht. Erst dann nimmt er eine Vorstellung an, wenn diese Vorstellung wirklichkeitsgemäß ist.
[ 59 ] The researcher of the mind does not merely ask, with regard to every idea, whether it is logical. Riemannian space is certainly logical as well, even though in a certain sense it is merely a branch of Euclidean space; but for that very reason, it cannot actually be fully grasped in the imagination, because one arrives at it through entirely abstract thinking, in which, on the basis of a conclusion one has reached, one’s entire way of thinking, so to speak, is turned on its head. When forming a concept, the spiritual researcher asks not merely whether it is logical, but also whether it corresponds to reality. For him, this is the decisive factor in whether or not to accept a concept. He accepts a concept only when it corresponds to reality.
[ 60 ] Und dieses Wirklichkeitsgemäßsein wird als Kriterium gegeben sein, wenn man überhaupt einmal sachgemäß auf solche Vorstellungen eingehen wird, welches die Berechtigung zum Beispiel von so etwas wie die Relativitätstheorie ist. Sie ist für sich, möchte ich sagen, weil sie sich nur innerhalb des Gebietes der logischen Abstraktion erfaßt, so logisch, wie nur irgend etwas logisch sein kann. Es kann schon nichts logischer sein als die Relativitätstheorie! Aber die andere Frage ist diese, ob ihre Vorstellungen vollziehbar sind. Und da brauchen Sie nur die Vorstellungen, die dort als analoge aufgeführt werden, anzusehen, so werden Sie finden: Das sind eigentlich ganz wirklichkeitsfremde Vorstellungen, mit denen nur so herumgeworfen wird. Das sei nur zum Versinnlichen da —, sagt man zuvor. Aber es ist eben doch nicht nur zur Versinnbildlichung da. Sonst würde wiederum die ganze Prozedur in der Luft hängen.
[ 60 ] And this correspondence to reality will serve as the criterion, if such ideas are ever properly addressed—which justifies, for example, something like the theory of relativity. It is, I would say, logical in and of itself—because it is comprehensible only within the realm of logical abstraction—as logical as anything can possibly be. There can be nothing more logical than the theory of relativity! But the other question is whether its concepts are feasible. And there you need only look at the concepts listed there as analogies, and you will find: These are actually concepts completely detached from reality, which are simply thrown around. “This is just for illustration,” people say beforehand. But it is not merely there for illustration. Otherwise, the entire procedure would once again be left hanging in the air.
[ 61 ] Das also möchte ich sagen über das, worauf sich die Frage bezieht. Sie sehen, es ist nicht möglich, Fragen, die auf solche Gebiete hingehen, so ganz leicht zu beantworten. Nun liegt eine Frage vor in bezug auf den Satz:
[ 61 ] That, then, is what I would like to say about the subject to which the question refers. As you can see, it is not possible to answer questions that touch on such areas all that easily. Now there is a question regarding the sentence:
[ 62 ] Der Organismus eines alten Ägypters oder Griechen war ganz anders als der des modernen Menschen.
[ 62 ] The physiology of an ancient Egyptian or Greek was quite different from that of modern humans.
[ 63 ] Sehr verehrte Anwesende, das habe ich selbstverständlich nicht gesagt! Und da muß ich an dieser Stelle durchaus auf etwas aufmerksam machen, auf das ich oftmals, und zwar wirklich nicht aus Unbescheidenheit aufmerksam mache: Ich pflege mich so genau, wie mir irgend möglich ist, auszudrücken. Und es ist eigentlich eine — nicht gerade mir persönlich, da ist es ja zu ertragen, aber vom Gesichtspunkt der anthroposophischen Geistesbewegung — außerordentlich schmerzliche Tatsache, daß gegenüber mancherlei Dingen, zu deren Formulierung ich alle möglichen Vorsichtsmaßregeln gebraucht habe, um dasjenige, was eigentlich der Tatbestand ist, so adäquat als nur irgend möglich zu treffen, dann alles mögliche gemacht, alles mögliche gesagt wird, und dann diese Behauptungen als «echte anthroposophische Lehre» in die Welt hinausgesandt werden. Zu diesen Behauptungen gehört, ich hätte gesagt, «der Organismus eines alten Ägypters oder Griechen war ganz anders als der des modernen Menschen».
[ 63 ] Ladies and gentlemen, of course I did not say that! And at this point I must certainly draw your attention to something that I often point out—and I assure you, not out of immodesty: I take great care to express myself as precisely as I possibly can. And it is actually an—not so much for me personally, since that is bearable, but from the standpoint of the anthroposophical spiritual movement—extremely painful fact that, in response to various matters for which I have taken every possible precaution in my phrasing to capture the actual facts as adequately as possible, all sorts of things are said, all sorts of things are said, and then these assertions are sent out into the world as “genuine anthroposophical teaching.” Among these assertions is the claim that I supposedly said, “The organism of an ancient Egyptian or Greek was quite different from that of modern humans.”
[ 64 ] Es reduziert sich das auf das Folgende. Ich sagte: Die moderne Vorstellungsart stelle sich zu stark vor, daß der Mensch als ganzes Wesen, bis ins Innere, im Grunde genommen immer so gewesen sei, wie er heute ist, bis in eine gewisse sogar historische Zeit zurück. — Ich pflege erst von da ab von «ganz anders», von Metamorphosen des Menschen als solchem zu sprechen, wo große Unterschiede vorliegen, wo der Mensch in gewisser Beziehung «ganz anders» wird: in vorhistorischen Zeiten. Aber derjenige, sagte ich, der auf die Feinheit in der Struktur bis in das innerste Gefüge einzugehen vermag — wie das wohl in der Geisteswissenschaft der Mensch kann -, der findet, daß fortwährend ein Metamorphosieren des Menschen stattfindet, daß also zum Beispiel der moderne Mensch sich vom Ägypter oder Griechen unterscheide. Selbstverständlich nicht in bezug auf äußere auffallende Eigenschaften, die so auffallend sind etwa wie äußere Physiognomie und dergleichen. Das ist ja wohl in der Frage gemeint, aber das ist nicht meine Meinung, denn in bezug auf die auffallenden Eigenschaften ist natürlich der moderne Mensch nicht «ganz anders» als der Ägypter. Aber in bezug auf feinere innere Strukturverhältnisse kommt zum Beispiel die Geisteswissenschaft zu folgendem. Sie muß sich sagen, daß seit dem ersten Drittel des i5. Jahrhunderts die Menschheit besonders dazu gekommen ist, abstrakt zu denken, immer mehr und mehr überzugehen zu den abstrakten Gedankengängen. Das beruht auch im wesentlichen auf einer anderen Struktur der Gehirnverhältnisse. Und durch die Methode der Geisteswissenschaft kann der Geistesforscher die Sache erkennnen. Dann stellt sich allerdings heraus, daß es wirklich so ist, daß das Gehirn in den feinsten Strukturen sich seit der ägyptischen Zeit sehr wohl umgeändert hat. Das Gehirn des Ägypters war so beschaffen, daß er, nehmen wir das Beispiel, auch zu denen gehört hat, von denen Dr. Husemann gesprochen hat, daß auch der alte Ägypter keinen Sinn gehabt habe für die blaue Farbennuance und so weiter. Überhaupt kann man sehen: der Sinn für Abstraktion tritt auch in demselben Maße auf, wie sich aus der bloßen Dunkelheit das Blau herausnuanciert. Was da im Seelenleben auftritt, das entspricht eben durchaus auch einer physischen Metamorphosierung. Das ist außerordentlich wichtig, daß man für den Menschen nicht bloß bei jenen Grobheiten, sagte ich, stehenbleibt, die man dann sich vorlegt, wenn man nun meinetwillen in lange Zeiträume, die vor der Geschichte liegen, zurückgeht. Sondern man muß sich beim Menschen, wenn man ihn als Menschheit betrachten will, auch während des geschichtlichen Daseins an die feineren StrukturUmänderungsverhältnisse halten.
[ 64 ] It boils down to the following. I said: The modern way of thinking assumes too strongly that human beings, as complete beings—right down to their innermost core—have, in essence, always been the way they are today, going back even to a certain historical period. — I tend to speak of “completely different” and of metamorphoses of the human being as such only from that point onward, where there are major differences, where the human being becomes, in a certain respect, “completely different”: in prehistoric times. But, I said, anyone who is able to delve into the subtleties of structure down to its innermost fabric—as human beings can do in the spiritual sciences—will find that a continuous metamorphosis of humanity is taking place; that, for example, modern humans differ from the Egyptians or the Greeks. Of course, not in terms of outward, striking characteristics—such as physical appearance and the like. That is certainly what the question implies, but it is not my view, for in terms of these outward characteristics, modern human beings are naturally not “entirely different” from the Egyptians. But with regard to finer inner structural relationships, spiritual science, for example, arrives at the following conclusion. It must acknowledge that since the first third of the 15th century, humanity has come to think abstractly, increasingly turning to abstract lines of thought. This is also essentially based on a different structure of the brain’s organization. And through the methods of spiritual science, the spiritual researcher can recognize this fact. It then becomes clear that it is indeed true that the brain’s finest structures have indeed changed significantly since Egyptian times. The brain of the ancient Egyptian was such that—to take an example—he was among those of whom Dr. Husemann spoke, noting that even the ancient Egyptians had no sense of the nuances of the color blue, and so on. In general, one can see that the sense of abstraction emerges to the same extent that shades of blue emerge from sheer darkness. What occurs in the life of the soul corresponds quite precisely to a physical metamorphosis. It is extraordinarily important, as I said, not to limit one’s view of human beings to those coarse features that are typically presented when one goes back—for my sake—to long periods of time that lie before history. Rather, if one wishes to consider humanity as a whole, one must also take into account the finer structural changes occurring within human beings during their historical existence.
[ 65 ] Frage: Es wäre interessant zu hören, in einer mehr intimeren Weise, wie diese Tatsache sich verhält.
[ 65 ] Question: It would be interesting to hear, in a more personal way, how this situation plays out.
[ 66 ] Nun, es ist tatsächlich gerade in diesen Tagen, sagen wir, auch durch diejenigen Dinge, die Dr. Husemann vorgebracht hat, recht viel Intimes gesagt worden, wie sich diese Tatsache verhält. Und es könnte natürlich, wenn noch auf andere Tatsachenfelder eingegangen werden sollte, durchaus auch noch für diese anderen, sehr feineren, intimeren Strukturverhältnisse des Menschen manches gesagt werden.
[ 66 ] Well, in fact, especially in recent days—let’s say, partly due to the points Dr. Husemann has raised—quite a lot has been said about the intimate nature of this reality. And of course, if other areas of fact were to be addressed, there would certainly be much more to say about these other, much finer, more intimate structural relationships within the human being.
[ 67 ] Frage: Wie erklärt man das Phänomen des bekannten Pferdes, das zum Erstaunen aller Gelehrten alle Rechenaufgaben und die mathematischen Aufgaben ohne Schwierigkeit löste, und erst dann vollkommen versagte, als man ihm die Aufgaben vor dem Prüfenden auf Zettel schreiben ließ? Wenn es nun beim Pferd sich so verhält, daß keiner der im Raume Anwesenden die Aufgabe sehen konnte, beruht das auf einer starken Suggestivität des Tieres? Und wie kommt das zustande?
[ 67 ] Question: How does one explain the phenomenon of the well-known horse that, to the astonishment of all scholars, solved all arithmetic and mathematical problems without difficulty, yet failed completely only when it was made to write the problems on slips of paper in front of the examiner? If, in the case of the horse, no one present in the room could see the problem, is this due to the animal’s strong suggestibility? And how does that come about?
[ 68 ] Ich möchte niemals über etwas anderes sprechen als über dasjenige, was ich selber untersucht habe. Und daher möchte ich in der Antwort auf diese Frage auch nur geben, was ich selber erlebt habe. Ich kenne zum Beispiel die berühmten Elberfelder Pferde nicht. Ich kenne auch nicht den Hund Rolf, habe nie die Ehre gehabt, ihn kennenzulernen. Nun, mit Bezug auf solche Sachen konnte ich immer konstatieren, daß die Geschichte um so wunderbarer ist, je weniger man in die Verlegenheit kommt, sie wirklich zu durchschauen, sie wirklich kennenzulernen. Aber das Pferd des Herrn von Osten habe ich einstmals gesehen in Berlin. Ich kann nicht gerade sagen, daß die Rechenaufgaben, die der Herr von Osten dem Pferd vorlegte, so außerordentlich komplizierte waren. Aber ich konnte mir aus dem, was da vorging — wozu man allerdings einzig genau hinzuschauen brauchte -, eine augenblickliche Vorstellung von dem machen, um was es sich eigentlich handelt.
[ 68 ] I would never want to speak about anything other than what I have investigated myself. And so, in answering this question, I would also like to share only what I have experienced myself. For example, I am not familiar with the famous Elberfeld horses. Nor am I familiar with the dog Rolf; I have never had the honor of meeting him. Well, with regard to such things, I have always found that the story is all the more wonderful the less one is put in the position of truly understanding it or really getting to know it. But I did once see Mr. von Osten’s horse in Berlin. I can’t exactly say that the arithmetic problems Mr. von Osten presented to the horse were all that extraordinarily complicated. But from what was going on there—which, admittedly, only required looking closely—I was able to form an immediate impression of what it was actually all about.
[ 69 ] Ich konnte mich allerdings nur wundern darüber, welch merkwürdige Theorien über diese Dinge aufgeworfen worden sind. Es war da ein Dozent, ich glaube Fox oder so ähnlich heißt er, der sollte nun auch diese ganze Geschichte mit dem Pferd prüfen; und er stellte nun die Theorie auf, daß jedesmal, wenn der Herr von Osten irgendeine Aufgabe gebe, ganz furchtbar kleine Bewegungen im Auge oder irgend etwas dergleichen zustande kämen. Eine andere kleine Bewegung käme zustande, wenn der Herr von Osten «drei» sagt so, oder wenn er es mal so sagt; eine andere Bewegung käme zustande, wenn er «zwei» ausspreche. So daß also eine gewisse feine Bewegungsreihe zustande käme, wenn Herr von Osten sagte, «drei mal zwei»; dann käme wieder das gleiche Zeichen dieser Bewegung, sechs! Und das Pferd des Herrn von Osten sollte nun ganz besonders dazu veranlagt sein, diese feinen Bewegungen — von denen der betreffende Dozent sagte, daß er sie nicht irgendwie wahrnehme, sondern daß er sie nur hypothetisch voraussetze — zu erraten. Also es beruhte schließlich die ganze "Theorie doch darauf, daß das Roß des Herrn von Osten viel gescheiter war in der Wahrnehmung, in einem viel stärkeren Maße in der Wirklichkeit, als der Herr Dozent, der diese Theorie aufstellte.
[ 69 ] I could only marvel, however, at the strange theories that have been put forward about these things. There was a lecturer—I think his name was Fox or something like that—who was supposed to investigate this whole business with the horse; and he put forward the theory that every time Mr. von Osten gave a command, there were incredibly slight movements in his eye or something of that sort. A different small movement would occur when Mr. von Osten says “three” like this, or when he says it that way; another movement would occur when he says “two.” So that a certain subtle sequence of movements would occur when Mr. von Osten said, “three times two”; then the same sign of this movement would appear again—six! And Mr. von Osten’s horse was now supposed to be particularly predisposed to guess these subtle movements—which the lecturer in question said he did not perceive in any way, but only assumed hypothetically. So, ultimately, the whole “theory” was based on the assumption that Mr. von Osten’s horse was much more perceptive—and, in reality, to a much greater degree—than the lecturer who had formulated this theory.
[ 70 ] Man kann, wenn man sich an das blitzblaue Denken im Hypothesenaufstellen hält, Hypothesen in der allerverschiedensten Weise aufstellen. Für den, der in solche Sachen ein bißchen hineinschauen kann, hatten manche Umstände einen außerordentlich großen Wert, nämlich während der ganzen Zeit, während welcher der Herr von Osten dem staunenden Publikum seine Versuche vorführte mit seinem Roß, gab er — er hatte riesige Taschen da rückwärts drinnen im Rock — dem Pferd lauter Süßigkeiten. Und das Pferd schleckte eben fortwährend, und so löste es diese Aufgaben auf.
[ 70 ] If one adheres to the “lightning-blue” way of thinking when formulating hypotheses, one can formulate hypotheses in the most diverse ways. For those who can see a little into such matters, certain circumstances were of extraordinary value: namely, throughout the entire time that the gentleman from the East was demonstrating his experiments with his horse to the astonished audience, he—he had huge pockets in the back of his coat—kept feeding the horse nothing but sweets. And the horse just kept licking away, and that’s how it solved these problems.
[ 71 ] Nun denken Sie sich, daß dadurch ein ganz anderes Seelenverhältnis besteht zwischen dem Roß und dem Herrn von Osten selber. Wenn der Herr von Osten dem Pferd fortwährend Zucker gibt, entsteht ein ganz besonderes Verhältnis der Liebe, der Innigkeit der Beziehungen. Nun ist die tierische Natur so, daß sie außerordentlich stark variabel ist durch die Innigkeit der Beziehung, die sich herausbildet, sowohl vom 'Tier zum Menschen wie auch vom Menschen zum Tier. Und da kommen dann Wirkungen zustande, die tatsächlich falsch bezeichnet werden, wenn man sie ein «Gedankenlesen» nennt, in dem Sinne, wie das Wort trivial oftmals aufgefaßt wird, aber die doch Vermittler sind für dasjenige, was keine «feinen Zuckungen» sind, die ein Privatdozent hypothetisch aufstellt, von denen er aber selbst sagt, daß er sie nicht sieht! Zur Vermittlung der Lösungen braucht es keine feinen Zuckungen. Sie ist auf folgendes zurückzuführen: denken Sie sich, was in dem Herrn von Osten vorging, indem er natürlich die Eitelkeit hatte, daß im Publikum, sensationslüsternen Leuten, die Spannung, in der es da stand, die unglaublichsten Kurven durchmachte, wenn er das bemerkte, und wenn er dann stand vor der Lösung der Aufgabe, so gab er dem Pferd ein Stück Zucker. Und nehmen Sie noch dazu, was durch das seelische Verhältnis auf das Pferd wirkte. Es war wirklich ein nicht durch Worte oder durch Zuckungen, sondern allerdings intim erteilter Befehl, der immer von Herrn von Osten an das Pferd ausging, wenn er ihm von den Süßigkeiten zu fressen gab. Suggestion ist wohl nicht das richtige Wort. Beziehungen, die zwischen Mensch und Mensch stattfinden, dürfen nicht auf jedes Lebewesen übertragen werden.
[ 71 ] Now imagine that this creates an entirely different emotional bond between the horse and Mr. von Osten himself. When Mr. von Osten constantly gives the horse sugar, a very special bond of love and intimacy develops. Now, animal nature is such that it is extraordinarily variable depending on the intimacy of the relationship that develops, both from ‘animal to human’ and from ‘human to animal.’ And this gives rise to effects that are actually mislabeled when they are called “mind reading”—in the trivial sense in which the word is often understood—but which are in fact mediators for what are not the “subtle twitches” that a private lecturer hypothetically posits, even though he himself says he does not see them! No subtle twitches are needed to convey the solutions. It can be attributed to the following: imagine what was going on inside Mr. von Osten—he naturally had the vanity to believe that among the audience, a crowd of sensation-seekers, the tension in the room was reaching the most incredible peaks whenever he noticed this; and when he was then on the verge of solving the problem, he would give the horse a piece of sugar. And consider, too, the effect of the emotional bond on the horse. It was truly not a command conveyed through words or twitches, but rather an intimate command that always emanated from Mr. von Osten to the horse whenever he gave it the sweets to eat. “Suggestion” is probably not the right word. Relationships that exist between human beings cannot be transferred to every living creature.
[ 72 ] Diese Dinge habe ich einmal im Konkreten zu zeigen versucht, indem ich Ihnen einen Umstand, den viele als nebensächlich ansehen werden: das fortwährende Zuckergeben eben als etwas außerordentlich Wesentliches hervorheben mußte.
[ 72 ] I once tried to illustrate these points concretely by highlighting a detail that many would consider trivial—the constant consumption of sugar—as something extraordinarily significant.
[ 73 ] Frage: Besteht die Möglichkeit, für das Gebiet der Mineralogie und Kristallogie auf einen ebenso die Systematik belebenden Gesichtspunkt hinzuweisen, wie ein solcher für die Botanik gegeben ist mit der Idee der Urpflanze oder für die Chemie bei einem neuartigen Auffassen des periodischen Systems der Elemente?
[ 73 ] Question: Is it possible to identify a perspective for the field of mineralogy and crystallography that would revitalize its taxonomy in the same way that the concept of the “primordial plant” has done for botany, or as a novel interpretation of the periodic table of elements has done for chemistry?
[ 74 ] Wir haben es allerdings, wenn wir von Kristallformen sprechen, ich meine jetzt nicht von den durch Konstruktionen hinzugekommenen, sondern von den realen Kristallformen, mit Formen zu tun, welche real anders sind in ihrem ganzen Verhältnisse zum Kosmos, in ihrer ganzen Stellung in der Welt, als die Formen, die man sich in der Urpflanze und wiederum in den von der Urpflanze abgeleiteten, sagen wir also, Pflanzengestalten in der Möglichkeit des realen Bestehens vorstellen kann. Es könnte zum Beispiel durchaus nicht das Prinzip, welches angewendet wird für die Ausgestaltung der Urpflanze, auf das Gebiet der Mineralogie oder der Kristallogie angewendet werden. Denn man hat es da zu tun mit etwas, dem man sich von einer ganz anderen Seite her nähern muß. Und zwar muß man sich ihm zunächst dadurch nähern, daß man eigentlich erst an das Gebiet der polyedrischen Kristallformen heranrückt. Und dieses Heranrücken, ich kann es jetzt nur andeuten. Ich habe es einmal in einem Vortragskurs, den ich für einen kleineren Kreis gehalten habe, genauer ausgeführt in seinen einzelnen Darstellungen. Dieses Annähern, das trifft man, wenn man ausgeht von der Betrachtung, einer innerlichen dynamischen Betrachtung des Aggregatzustandes, sagen wir zunächst vom gasförmigen Zustand nach abwärts zum festen. Ich kann jetzt nur die Linien ziehen, es würde zu lang dauern, wenn ich es im einzelnen ausführen sollte, aber ich will es andeuten. Wenn man hinabsteigt — wenn ich mich so ausdrücken darf — vom gasförmigen Aggregatzustand zum flüssigen, so muß man sagen: der flüssige Aggregatzustand, der zeigt sich darin, daß einem bei ihm, als das ihm im ganzen Zusammenhalt der Natur Angemessene, eine Niveaubegrenzungsoberfläche entgegentritt, welche eine Kugelfläche ist, und deren Krümmungsmaß von irgendeinem Punkt der Oberfläche man vom Übergang zu der Tangente an diesem Punkt bekommt. Was man da bekommt also, das schließt ein die Form, die ihren äußeren Umfang in der Kugelfläche hat, und einen Punkt im Inneren, der von dieser Kugelfläche überallhin gleich weit absteht.
[ 74 ] However, when we speak of crystal forms, and I am not referring here to those created by human design, but to real crystal forms—we are dealing with forms that are fundamentally different in their entire relationship to the cosmos, in their entire position in the world, from the forms one can imagine in the archetypal plant and, in turn, in the plant forms derived from the archetypal plant—that is, forms that exist as possibilities for real existence. For example, the principle applied to the formation of the archetypal plant could by no means be applied to the field of mineralogy or crystallography. For there we are dealing with something that must be approached from an entirely different angle. Specifically, one must first approach it by actually moving toward the realm of polyhedral crystal forms. And this approach—I can only hint at it now. I once explained it in greater detail, with its individual aspects, in a lecture series I gave to a small group. This approach is encountered when one starts from an inner, dynamic consideration of the states of matter—let us say, initially from the gaseous state downward toward the solid state. I can only sketch the outlines here; it would take too long to go into detail, but I want to hint at it. As one descends—if I may put it that way—from the gaseous state of matter to the liquid state, one must say: the liquid state of matter is characterized by the fact that, as befits it within the overall coherence of nature, one encounters a level-limiting surface—which is a spherical surface—whose radius of curvature, measured from any point on the surface, is obtained by the transition to the tangent at that point. What one obtains, then, includes a form whose outer boundary lies on the spherical surface and a point at its center that is equidistant from this spherical surface in every direction.
[ 75 ] Denkt man sich nun den Tropfen in unbegrenzter Art, ich sage nicht in unendlicher, sondern in unbegrenzter Art vergrößert, so bekommt man eine sich der Horizontalen nähernde Niveaufläche, und man hat gewisse Verhältnisse im Sinne der auf diese Niveaufläche Senkrechten zu beurteilen.
[ 75 ] If we now imagine the drop enlarged in an unlimited manner—I do not say infinitely, but in an unlimited manner—we obtain a level surface approaching the horizontal, and we must evaluate certain ratios in terms of the perpendiculars to this level surface.
[ 76 ] Dieselbe Vorstellung aber bekommt man heraus, indem man die Zusammenhänge betrachtet, die sich ergeben, wenn man unsere Erde einfach als einen Kraftzusammenhang ansieht, der die Gegenstände der Umgebung, die nicht fest mit ihr verbunden sind, anziehen kann. Wenn man die Erde nicht als Gravitationsmittelpunkt, sondern als Gravitations-Kugeloberfläche betrachtet, dann ergibt sich für diese, ich möchte sagen, Gravitationsfigur ganz dasselbe, was man in anderer Beziehung braucht für die materielle Konstitution des Tropfens. Man bekommt also für einen reinen Kraftzusammenhang etwas, was entspricht einem materiellen Zusammenhange. Und man kommt auf diese Weise zu einer Möglichkeit, Formverhältnisse im Anorganischen zu studieren.
[ 76 ] However, one arrives at the same concept by considering the relationships that arise when one regards our Earth simply as a system of forces capable of attracting objects in its environment that are not firmly attached to it. If one regards the Earth not as a center of gravity but as a spherical surface of gravity, then the result for this—I would say—gravitational figure is exactly the same as what is required in another context for the material constitution of a drop. Thus, for a pure system of forces, one obtains something that corresponds to a material system. And in this way, one arrives at a means of studying form relationships in the inorganic realm.


[ 77 ] So daß man also sagen kann, in diesem Kräftezusammenhang, der einem im ganzen Erdkörper vorliegt, hat man es immer zu tun mit der Horizontal-Niveauebene. Geht man von diesem Kräftezustand nun zu einem solchen über, bei dem, sagen wir, in der Mitte nicht ein Punkt wäre, auf den sich die Niveaufläche so bezieht wie beim 'Tropfen auf den einen Mittelpunkt, sondern mehrere Punkte, so würde man eine merkwürdig zusammengesetzte Oberfläche finden. Diese Beziehungen der Linie auf diese «Mittelpunkte» müßte ich im Diagramm etwa in der folgenden Weise zeichnen: Aber geht man jetzt dazu über — und jetzt mache ich einen großen Sprung, der allerdings gut begründet ist, aber ich kann ja jetzt in der kurzen Zeit nur hindeuten auf den wahren inhalt —, geht man dazu über, diese Punkte nicht innen anzunehmen, innerhalb des Systems, mit dem man es zu tun hat, sondern außerhalb, dann würde man vielleicht eine Zeichnung bekommen, die man diagrammatisch in der folgenden Weise machen kann: Verlegt man die Punkte in unermeßliche Weiten, nicht in unendliche Weiten, sondern in sehr große Weiten, dann gehen diese gekrümmten Flächen, die hier durch die gekrümmten Linien, durch die Kurven, angedeutet sind, in Ebenen über, und wir würden eine polyedrische Form bekommen, welche sich dem nähert, was wir in den bekannten Kristallgestalten vor uns haben.
[ 77 ] So one can say that, in this interplay of forces—which is present throughout the entire Earth—one is always dealing with the horizontal level. If we now move from this state of forces to one in which—let’s say—there were not a single point at the center to which the level surface relates, as in the case of the “drop falling on a single center point,” but rather several points, we would find a curiously composite surface. I would have to depict these relationships of the line to these “center points” in the diagram roughly as follows: But if we now move on—and here I am taking a big leap, which is, admittedly, well-founded, though in this short time I can only hint at its true meaning—if we move on to assuming these points not inside, within the system we are dealing with, but outside it, then we might obtain a drawing that can be represented diagrammatically as follows: If one relocates the points into immeasurable expanses—not infinite expanses, but very large ones—then these curved surfaces, which are indicated here by the curved lines and curves, merge into planes, and we would obtain a polyhedral form that approximates what we see in the familiar crystal structures.


[ 78 ] Und in der Tat führt uns die geisteswissenschaftliche Betrachtung dazu, den Kristall in einer solchen Weise anzusehen, so daß wir ihn nicht bloß etwa aus gewissen inneren figurierenden Kräften in irgendeiner materiellen Substanz ableiten, sondern daß wir ihn auf das Äußere des Kosmos beziehen, und daß wir im Kosmos die Richtungen suchen, die dann durch die Verteilung ihrer Ausgangspunkte eben das ergeben, was die einzelne Kristallform ist. Wir bekommen in der Tat in der einzelnen Kristallform gewissermaßen Abdrücke großer kosmischer Verhältnisse. Das alles will im einzelnen studiert sein. Ich fürchte, es erscheine Ihnen schon als etwas sehr Waghalsiges, was ich jetzt, allerdings nur in einzelnen, ganz spärlichen Linien, andeuten konnte. Aber man muß eben schon sagen, daß sich heute die Menschen mit ihrer Vorstellungswelt in einem sehr engen Gebiete eingekapselt haben, und daß es ihnen deshalb so unbehaglich wird, wenn man nicht bei der Begriffswelt bleibt, die gewöhnlich heute zugrunde gelegt wird, ich möchte sagen, in allen Wissenschaften zugrunde gelegt wird. Geisteswissenschaft fordert eben eine — wie es ja die Erfahrung notwendig macht — gegenüber dem heutigen Zustand unermeßliche Erweiterung der Begriffe. Und das ist eben manchem unbehaglich. Er sieht sozusagen nicht das Ufer, glaubt, ins Uferlose zu kommen. Er würde aber merken, daß man dasjenige, was man durch die Weite verliert, doch wiederum als eine gewisse innere Festigkeit und Sicherheit gewinnt, so daß man sich nicht so stark zu fürchten braucht vor dem, was da wie eine Erweiterung ins Uferlose auftritt.
[ 78 ] And indeed, the spiritual-scientific perspective leads us to view the crystal in such a way that we do not merely derive it from certain inner, formative forces within some material substance, but rather relate it to the outer cosmos, and seek within the cosmos the directions which, through the distribution of their points of origin, yield precisely what the individual crystal form is. In fact, we find in the individual crystal form, so to speak, imprints of great cosmic relationships. All of this needs to be studied in detail. I fear that what I have just been able to hint at—albeit only in isolated, very sparse outlines—already seems to you to be something quite daring. But one must simply say that people today have confined their world of ideas to a very narrow realm, and that this is why they feel so uncomfortable when one does not adhere to the conceptual framework that is usually taken as a basis today—I would say, in all sciences. Spiritual science demands—as experience necessarily requires—an immeasurable expansion of concepts compared to the present state of affairs. And that is precisely what makes some people uncomfortable. They cannot, so to speak, see the shore and believe they are heading into the boundless. But they would realize that what is lost in the vastness is regained as a certain inner stability and security, so that one need not fear so greatly what appears to be an expansion into the boundless.
[ 79 ] Es ist natürlich viel einfacher, sich irgendein Modell zu machen — wie es heute auch erwähnt worden ist in einer bestimmten Frage —, als zu solchen Vorstellungen vorzurücken. Es ist leichter zu sagen: Das Wahre muß einfach sein! — Der Grund, warum man sagt, das Wahre muß einfach sein, ist nämlich nicht der, daß das Wahre wirklich einfach sein muß, denn der menschliche Organismus ist zum Beispiel in unermeßlichster Weise kompliziert. Sondern der Grund, warum man sagt: Das Wahre muß einfach sein! — ist, daß das Einfache bequem ist im Denken. Das ist der ganze Witz. Und das ist eben nötig, daß man zum Inhaltsvolleren vor allem vorrückt, wenn man nach und nach die Wirklichkeit wirklich begreifen will.
[ 79 ] It is, of course, much easier to come up with some sort of model—as was also mentioned today in connection with a specific question—than to move toward such concepts. It is easier to say: The truth must be simple! — The reason people say “the truth must be simple” is not, in fact, that the truth must actually be simple—for the human organism, for example, is immeasurably complex. Rather, the reason people say, “The truth must be simple!” is that simplicity is convenient for thinking. That is the whole point. And it is precisely necessary to move toward the more substantial above all else if one truly wants to gradually grasp reality.
[ 80 ] Die Frage, die hier noch aufgeworfen worden ist, erforderte, daß man drei Stunden Theorie vortragen müßte. Über die Sonne kann man nicht durch «eine kurze Beantwortung der Frage» sprechen, weil man eben vollständig mißverstanden würde. Und das möchte ich nicht. — So sind ja zunächst die beantwortbaren Fragen notdürftig beantwortet.
[ 80 ] The question that has been raised here would require a three-hour lecture on the theory. One cannot speak about the sun by giving “a brief answer to the question,” because one would simply be completely misunderstood. And I would not want that. — So, for now, the questions that can be answered have been answered in a rudimentary way.
[ 81 ] Frage: Findet Geisteswissenschaft eine Umwandlung der materiellen Erde mit dem Einzuge des Christus-Geistes in die Erde? Drückt sich die Wirkung der Christus-Kraft in einem der in der neueren Zeit gefundenen Elemente vielleicht besonders aus?
[ 81 ] Question: Does spiritual science perceive a transformation of the material Earth with the coming of the Christ Spirit into the Earth? Is the effect of the Christ force perhaps expressed particularly through one of the elements discovered in recent times?
[ 82 ] Was soll die Frage? — Nicht wahr, man muß nur bedenken, von welchem Gesichtspunkt aus eine solche Frage gestellt sein kann. Es ist die Frage gestellt: Drückt sich in der materiellen Erde die Wirkung der Christus-Kraft aus? — Sie müssen nur bedenken, daß doch für die Geisteswissenschaft aus ihrer Forschung heraus eine ganz bestimmte Vorstellung vorliegt über die Erde, die nicht zusammentrifft mit dem, was man sich von der Erde vorstellt, wenn man im Sinne des heutigen Wortes «materiell» von der «materiellen Erde» spricht. Es ist also eigentlich die Frage ohne einen wirklichen Inhalt. Wenn man von so etwas wie einer «Einwirkung der Christus-Kraft auf die Erde» spricht, so muß man — da wiederum diese Vorstellung gewissermaßen der Geisteswissenschaft entlehnt ist - dann auch über die Erde diejenige Vorstellung haben, welche für die Anthroposophie, für die Geisteswissenschaft gilt. Und wie da die Christus-Kraft in einem gewissen Verhältnisse steht zu der ganzen Metamorphose der Erde, das läßt sich auch wiederum nur darstellen im ganzen Zusammenhang, den ich in der «Geheimwissenschaft im Umriß» gegeben habe. Und dort findet man dann auch das Nötige zur Beantwortung desjenigen, was mit dieser Frage gemeint ist, wenn sie richtig formuliert wird.
[ 82 ] What is the point of this question? — After all, one need only consider from what perspective such a question might be asked. The question has been posed: Is the effect of the Christ force expressed in the material Earth? — You need only consider that spiritual science, based on its research, has a very specific conception of the Earth that does not coincide with what one imagines when speaking of the “material Earth” in the sense of the modern word “material.” So the question actually lacks any real substance. When one speaks of something like the “influence of the Christ force on the Earth,” one must—since this concept is, in a sense, borrowed from spiritual science—also hold the conception of the Earth that applies in anthroposophy and spiritual science. And just as the Christ force stands in a certain relationship to the entire metamorphosis of the Earth, this, too, can only be described within the overall context that I have outlined in An Outline of Esoteric Science. And there one will also find what is necessary to answer what is meant by this question when it is correctly formulated.
[ 83 ] Auf Wunsch vieler Kursteilnehmer gibt darauf ein Stuttgarter Herr einen kurzen Bericht über den am Abend vorher vom alldeutschen General v. Gleich in einer Stuttgarter Massenversammlung gehaltenen Vortrag über «Rudolf Steiner als Prophet einer bedenklichen Lehre» (siehe den Hinweis Rudolf Steiners darauf am Schluß des Vormit tagvortrags, S. 139/140).
[ 83 ] At the request of many course participants, a gentleman from Stuttgart then gave a brief account of the lecture delivered the previous evening by the Pan-German General von Gleich at a mass rally in Stuttgart on “Rudolf Steiner as the Prophet of a Questionable Doctrine” (see Rudolf Steiner’s reference to this at the end of the morning lecture, pp. 139–140).
[ 84 ] Ich möchte nur das eine einfügen, daß besagter General v. Gleich ziemlich lang vorher, wochenlang vorher, bevor er zu seinem Vortrag und zur Abfassung seiner Broschüre geschritten ist, einen Brief an unseren Freund Herrn Molt richtete, als besorgter Vater, besorgt über das Unglück, daß er, als Besitzer eines vierzigjährigen Adels, seinen Sohn nicht nur «abgegeben» hat an die Anthroposophie, sondern auch an eine vollständig unadelige Dame, die Anthroposophin ist! Als besorgter Vater schrieb er an unseren Freund Molt, er möge ihn besuchen. Herr Molt tat das auch, sagte aber, daß er mit ihm nichts anzufangen wisse. Namentlich sah er das aus dem Umstand, daß Herr v. Gleich die Forderung aufstellte, wir «von der Dreigliederungsbewegung» sollten den bei uns angestellten Sohn des Herrn General v. Gleich künftighin so schlecht honorieren, daß der junge Mann nicht imstande sei, sich zu verheiraten, wir sollten wenigstens durch dieses schlechte Honorieren den General v. Gleich vor dieser Heirat seines Sohnes schützen. — Nach diesen Vorgängen war es begreiflich, daß man von dem Vortrag des Generals v. Gleich nicht gerade das Beste erwarten konnte. Wir sahen dann tatsächlich auch die schlimmsten Erwartungen übertroffen! Es war bei diesem Vortrag so, daß Gleich im wesentlichen den Inhalt einer Broschüre vorgebracht hat — noch etwas saftiger, sagen wir, ausgestattet -, die zugleich in Ludwigsburg erschien. Es war das eben schon ausgemacht, daß diese Broschüre zugleich erscheinen sollte mit dem Vortrag. In dieser Broschüre bringt er in der unorientiertesten Weise, ohne irgendwie Beweise für das, was er sagt, zu liefern —- davon kann sich jeder überzeugen, der diese Broschüre liest —, gegen Anthroposophie verschiedenes vor, indem er eigentlich nur die Gegner der Anthroposophie benützte. Es geht das schon aus dem Inhaltsverzeichnis der Broschüre hervor: einige Hinweise auf die Literatur, wo man sich über die Anthroposophie informieren kann. Das wären zunächst die anthroposophischen Bücher, sollte man denken. Aber nein, da stehen zirka zwanzig Gegner, und zwar der allerschofelste gleich voran: Max Seiling! v. Gleich bringt im wesentlichen nichts anderes, als was man bei allen Gegnern in der Art der Broschüre von Seiling finden kann, nur noch in der Art und Weise, wie eben der General v. Gleich seinen Vortrag zu halten pflegte. Und es war so, daß dieser Vortrag «ohne Diskussion» angesagt war. Es waren zahlreiche Anhänger der anthroposophischen Bewegung drinnen. Nachdem er ihn zu Ende gesprochen hatte, den Vortrag, der in den allerschärfsten Ausdrücken, teilweise mit den gröbsten Verleumdungen vorging, verließ er einfach, ohne auf irgendeine Diskussion einzugehen, den Saal. Und als man versuchte, darauf zu Wort zu kommen, und als Herr Molt, der da war und auch in dem Vortrag mehrfach persönlich angegriffen wurde, rief: Er erkläre hiermit öffentlich er rief das in den Saal hinein, in dem sich eine tobende Menge der Anhänger des Herrn v. Gleich befand -, er erkläre den Herrn v. Gleich öffentlich als einen Lügner und spreche ihm öffentlich seine Ehre ab — fand Herr v. Gleich es nicht der Mühe wert, irgend etwas zu antworten. Er hatte bereits den Saal verlassen. Dagegen versuchten die Anhänger, die mit Pfeifen und anderen Lärminstrumenten ausgerüstet waren, die Anthroposophen, die dagegen etwas vorbringen wollten, niederzuschreien. Und es war ziemlich nahe an einer Schlägerei. Es war ja auch sehr schwer möglich, auch nur mit Zwischenrufen gegen die schwersten Verleumdungen zu protestieren, da die ganze Versammlung sofort einen bedrohlichen Charakter annahm, und man sah, daß es zu einer Prügelei kommen würde.
[ 84 ] I would just like to add that the aforementioned General von Quite a long time before—weeks before—he proceeded to give his lecture and write his pamphlet, he sent a letter to our friend Mr. Molt, as a concerned father, worried about the misfortune that, as the holder of a forty-year-old title of nobility, he had not only “given away” his son to anthroposophy, but also to a completely non-noble lady who is an anthroposophist! As a concerned father, he wrote to our friend Molt, asking him to visit him. Mr. Molt did so, but said that he didn’t know what to make of him. In particular, he deduced this from the fact that Mr. von Gleich had demanded that we “of the Threefold Social Order Movement” should, in the future, pay the General von Gleich’s son—who was employed by us—such a meager wage that the young man would be unable to marry; we were to protect General von Gleich from his son’s marriage at least by means of this meager pay. — After these events, it was understandable that one could not exactly expect the best from General von Gleich’s lecture. And indeed, our worst expectations were surpassed! The situation with this lecture was that von Gleich essentially presented the contents of a pamphlet—adorned, shall we say, with a bit more color—which was published at the same time in Ludwigsburg. It had already been agreed that this pamphlet was to be published simultaneously with the lecture. In this pamphlet, he presents various arguments against anthroposophy in the most disjointed manner, without providing any evidence for what he says—as anyone who reads this pamphlet can see for themselves—essentially relying only on the opponents of anthroposophy. This is already evident from the table of contents of the pamphlet: a few references to literature where one can learn about anthroposophy. One would think these would be anthroposophical books, first and foremost. But no—there are about twenty opponents listed, with the most notorious one right at the top: Max Seiling! Essentially, von Gleich offers nothing different from what can be found in all the opponents’ writings of the same sort as Seiling’s brochure—only presented in the manner in which General von Gleich himself used to deliver his lectures. And it so happened that this lecture was announced as being “without discussion.” Numerous supporters of the anthroposophical movement were in attendance. After he had finished speaking—the lecture, which was delivered in the harshest terms, at times including the crudest slanders—he simply left the hall without engaging in any discussion. And when people tried to speak up in response, and when Mr. Molt, who was present and had also been personally attacked several times during the lecture, shouted: “I hereby publicly declare”—he shouted this into the hall, which was filled with a raging crowd of Mr. von Gleich’s supporters—“I hereby publicly declare Mr. von Gleich a liar and publicly deny him his honor”—Mr. von Gleich did not deem it worth the effort to respond in any way. He had already left the hall. In contrast, the supporters—armed with whistles and other noisemakers—tried to shout down the anthroposophists who wanted to speak out against this. And it came quite close to a brawl. It was, after all, very difficult to protest even the most serious slanders with anything more than shouts from the gallery, since the entire gathering immediately took on a threatening character, and it was clear that a brawl was about to break out.
[ 85 ] Es folgten einige Berichte über den vorangegangenen Vortrag v. Gleichs in Ludwigsburg. Schließlich wurde ein von General v. Gleich an seinen Sohn gerichteter Brief vorgelesen.
[ 85 ] This was followed by several reports on von Gleich’s previous lecture in Ludwigsburg. Finally, a letter from General von Gleich to his son was read aloud.
[ 86 ] Ich möchte nur noch ein paar Worte sagen. Kann ich diesen Brief nochmals haben? Ich möchte nur eine formale Bemerkung machen, eine Bemerkung, die ja nicht die Sache selbst betrifft. Da steht also in dem Brief des Herrn v. Gleich an seinen Sohn: «... Wollte Gott, Du wärst als anständiger christlicher Adliger fürs Vaterland gefallen, dann könnte ich wenigstens in Stolz um Dich trauern... Ich bitte zu Gott, die Verblendung wieder von Dir zu nehmen, daß Du aus ihr wieder erwachen mögest.. .» (Lücke in der Nachschrift.)
[ 86 ] I’d just like to say a few more words. Could I have that letter again? I’d just like to make a formal remark—one that doesn’t actually concern the matter at hand. So, in Mr. von Gleich’s letter to his son, it says: “... If only God had willed that you had fallen for your country as a decent Christian nobleman, then I could at least mourn you with pride... I pray to God to remove this delusion from you, so that you may awaken from it again...” (Gap in the postscript.)
[ 87 ] Sie sehen, es ist viel über die eigene Christlichkeit des Herrn v. Gleich gesagt; ich möchte dies betonen: die eigene Christlichkeit, zum Vergleich mit der Zumutung, die an uns gestellt worden ist, den Sohn so schlecht zu bezahlen, daß er nun ja nicht heiraten kann. Das scheint mir eine recht christliche Tat zu sein! Und ich möchte jetzt nicht durch diese «kleinen Pikanterien», die ja auch in diesem Programm sind, wegführen etwa über den Ernst der Lage. Denn ich weiß sehr gut, daß dasjenige, was gestern in Stuttgart geschehen ist, nicht etwa ein Ende ist, sondern ein Anfang, daß dahinter eine starke Organisation steht. Und gerade aus diesem Gefühl heraus darf ich wohl einer solchen Persönlichkeit, wie sie eben gesprochen hat — aus einem wirklichen inneren Gefühl für dasjenige, was Anthroposophie wenigstens sein möchte -, herzlichst danken. Ich möchte aber durchaus hinweisen auf den Ernst der Situation und auf die Notwendigkeit, im Sinne dieser ernsten Situation sich zu verhalten.
[ 87 ] As you can see, much has been said about Mr. von Gleich’s own Christian character; I would like to emphasize this: his own Christian character, in contrast to the unreasonable demand placed on us to pay the son so little that he is now, in fact, unable to marry. That strikes me as a truly Christian act! And I do not wish to let these “little tidbits”—which are, after all, also part of this program—distract me from the seriousness of the situation. For I know very well that what happened yesterday in Stuttgart is not an end, but a beginning, and that there is a strong organization behind it. And it is precisely out of this feeling that I feel I must wholeheartedly thank a person such as the one who just spoke—out of a genuine inner feeling for what anthroposophy at least aspires to be. However, I would like to emphasize the gravity of the situation and the necessity of behaving in a manner befitting this serious situation.
[ 88 ] Was ich sagen möchte, das muß natürlich unterschieden werden von einem gewissen Verständnisse, das man immerhin auch solchen Christen gegenüber haben kann, wie zum Beispiel der Herr General v. Gleich ein Christ ist! Ich will ja nicht einen Vergleich, nicht einen formellen Vergleich machen, sondern ich möchte nur etwas sagen, an das ich mich bei dieser Art von Christlichkeit erinnern mußte. Es gibt nämlich ganz verschiedene Arten von Christlichkeit, sogar von orthodoxem Christentum. Als der Kriminalanthropologe Moritz Benedikt daran ging, in der Kriminalanthropologie zu arbeiten und zu schreiben, fand er zunächst in Wien wenig Verständnis. Er fand dann bei einem Anstaltsleiter für Schwerverbrecher in Ungarn außerordentliches Verständnis. Es wurde ihm die Möglichkeit gegeben, Verbrecherschädel zu untersuchen, auch von den schwersten ungarischen Verbrechern die Schädel zu untersuchen. Unter diesen waren die merkwürdigsten Leute, unter anderem auch ein ganz ausgeprägter orthodoxer Christ, welcher sich zwar freilich nicht dem Professor Benedikt gegenüber seinen christlichen Intentionen gemäß verhalten konnte. Über den war er sehr wütend, weil er seinen Schädel untersuchen durfte. Und ganz besonders war er darüber wütend, weil er gehört hatte, daß der Gefängnisdirektor damit einverstanden war, daß der Professor Benedikt besonders charakteristische Verbrecherschädel nach dem Tode werde zu studieren bekommen. Und da er in dieser Anstalt nicht in Freiheit auf den Professor Benedikt losgelassen wurde, so wollte er wenigstens gefesselt diesem Benedikt vorgeführt werden. Bei dieser Vorführung sagte er, er könne durchaus nicht zugeben, daß er bei seiner christlichen Gesinnung es erlauben müsse, daß sein Schädel nach dem Tode dem Professor Benedikt nach Wien geschickt werde; er würde dann doch hier begraben werden, und sein Schädel werde in Wien herumliegen! Und er möchte wissen, wie nun bei der Auferstehung sein Leib und sein Schädel zusammengebracht werden sollen. So gut glaubte der an seine leibliche Auferstehung — er war ein ganz richtiger Verbrecher, ich glaube sogar ein Mörder.
[ 88 ] What I want to say must, of course, be distinguished from a certain understanding that one can, after all, also have toward Christians such as General von Gleich—who is, after all, a Christian! I do not wish to make a comparison—not a formal one—but I simply want to mention something that this kind of Christianity brought to mind for me. For there are, in fact, very different kinds of Christianity, even within Orthodox Christianity. When the criminal anthropologist Moritz Benedikt began working and writing in the field of criminal anthropology, he initially found little understanding in Vienna. He then found extraordinary understanding from the director of a facility for serious criminals in Hungary. He was given the opportunity to examine criminals’ skulls—including those of Hungary’s most notorious criminals. Among them were the strangest of people, including, among others, a very devout Orthodox Christian who, admittedly, could not behave toward Professor Benedikt in accordance with his Christian convictions. He was very angry with this man because he had been allowed to examine his skull. And he was particularly furious because he had heard that the prison warden had agreed that Professor Benedikt would be allowed to study particularly characteristic criminal skulls after death. And since he was not allowed to approach Professor Benedikt freely within the institution, he wanted at least to be brought before Benedikt in chains. During this presentation, he said he could by no means accept that, given his Christian beliefs, he should have to allow his skull to be sent to Professor Benedikt in Vienna after his death; he would, after all, be buried here, and his skull would be lying around in Vienna! And he wanted to know how his body and his skull were to be reunited at the Resurrection. That’s how strongly he believed in his physical resurrection—he was a genuine criminal, I even believe a murderer.
