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The Task of Anthroposophy
in the Context of Science and Life
GA 77a

29 July 1921, Darmstadt

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The Task of Anthroposophy in the Context of Science and Life, tr. SOL
  1. Die Aufgabe der Anthroposophie gegenüber Wissenschaft und Leben

5. Ergänzende Bemerkungen Und Fragenbeantwortung nach dem Vortrag von Alexander Strakosch über «Geschichte der Architektur und einzelner technischer Zweige»

5. Additional Comments and Q&A Following Alexander Strakosch’s Lecture on “History of Architecture and Specific Technical Fields”

[ 1 ] Es soll nicht ein Vortrag sein, den ich an die Ausführungen des verehrten Herrn Strakosch anschließen will, sondern nehmen Sie das, was ich sagen will, nur als ergänzende Bemerkungen. Es soll auch damit nicht der Anspruch verknüpft sein, etwas nach irgendeiner Richtung hin Abschließendes zu sein.

[ 1 ] This is not intended to be a lecture that I wish to present following the remarks of the esteemed Mr. Strakosch; rather, please consider what I have to say merely as supplementary comments. Nor is it intended to be presented as a definitive statement on any particular subject.

[ 2 ] Wenn ich in der letzten Zeit, in den letzten Jahren, an die Aufgabe gestellt worden bin, [die Errichtung] des Dornacher Baues zu leiten, so klang mir immer wieder ein Wort in den Ohren, das ich hörte, als ich in Wien an der Technischen Hochschule studierte, und als während dieser Zeit der Erbauer der Wiener Votivkirche, der berühmte Architekt Ferstel, das Rektorat an dieser Hochschule antrat. Er hielt seine Rektoratsrede über die Geschichte der Baukunst. Ferstel sagte dazumal im Verlauf seiner Rede ungefähr: Baustile können nicht erfunden werden, sie müssen aus den Untergründen des Volkstums auftauchen. — Ferstel erklärte aus dieser Anschauung heraus die Tatsache, daß die neuere Zeit in bezug auf Baustile weniger produktiv sein könne, weil eben das Volksseelentum so etwas wie Stile weniger an die Oberfläche trage, und daß sie mehr nur reproduktiv sein könne, weshalb zurückgegriffen werde zum antiken, zum posophie reden, aus diesen mystischen Untergründen heraus kann man nämlich alles machen. Man kann das verrückteste Zeug machen. Aber das darf Anthroposophie gerade nicht. Die darf gerade nicht das verrückteste Zeug machen. So daß man, wie gesagt, in der Lage ist: auf der einen Seite hat man hier das verrückteste Zeug moderner Mystiker, und auf der anderen Seite hat man ein anthroposophisches Gebäude aufzuführen, das vor strenger Wissenschaft sich zu rechtfertigen hat, und man hat das modernste Material, den Beton, mit dem man das verrückteste Zeug ausführen kann, was man mit Stilgewissen aber doch nicht tun kann.

[ 2 ] Whenever I have been tasked in recent times—in recent years—with overseeing [the construction] of the Dornach building, a phrase I heard while studying at the Vienna University of Technology kept ringing in my ears—a phrase I heard when, during that time, the builder of Vienna’s Votivkirche, the famous architect Ferstel, assumed the rectorship of that university. He delivered his inaugural address on the history of architecture. At that time, in the course of his speech, Ferstel said something to the effect that architectural styles cannot be invented; they must emerge from the depths of the national character. — Based on this view, Ferstel explained the fact that modern times could be less productive in terms of architectural styles, precisely because the national spirit brings such things as styles less to the surface, and that modern times could be more merely reproductive, which is why there is a return to antiquity—to speak in terms of posophy—for from these mystical depths, one can indeed create anything. You can create the craziest stuff. But that is precisely what anthroposophy must not do. It must not create the craziest stuff. So, as I said, one finds oneself in this situation: on the one hand, one has the craziest ideas of modern mystics, and on the other hand, one has to construct an anthroposophical building that must justify itself before rigorous science, and one has the most modern material—concrete—with which one can carry out the craziest ideas, but which one cannot do with a sense of stylistic integrity.

[ 3 ] Nun bemerke ich ausdrücklich: Wenn man an der Ausgestaltung eines Stiles praktisch arbeitet, so hilft einem die Historie gar nichts. Die geschichtliche Betrachtung hilft einem da gar nichts. Alles, was da gemacht werden muß, muß aus dem Naiven heraus kommen, muß also wirklich aus einem Schöpferischen heraus kommen. Anders läßt sich das nicht machen, was in einer gewissen Weise sich auflehnen muß, praktisch sich auflehnen muß gegenüber einer solchen Anschauung, wie sie Ferstel dazumal geäußert hat: «Baustile können nicht erfunden werden, sie müssen aus den Untergründen des Volkstums heraus kommen.» — Man muß eben einfach mit einem gewissen Stilgewissen zu der Anschauung kommen: Aus einer bestimmten Realität heraus, aus einer Wirklichkeit heraus muß der Baustil geschaffen werden. Er darf nicht aus dem Blauen heraus erfunden werden, er muß aus der Wirklichkeit heraus geschaffen werden.

[ 3 ] Now I want to make this very clear: When one is actually working on developing a style, history is of no help at all. A historical perspective is of no help whatsoever in this regard. Everything that needs to be done here must spring from the naive, must therefore truly spring from a creative impulse. There is no other way to do this, which in a certain sense must rebel—must practically rebel—against a view such as the one Ferstel expressed at the time: “Architectural styles cannot be invented; they must emerge from the depths of folk culture.” — One must simply arrive at the view with a certain stylistic conscience: an architectural style must be created out of a specific reality, out of actual conditions. It must not be invented out of thin air; it must be created out of reality.

[ 4 ] Nun möchte ich noch auf ein Drittes aufmerksam machen, was auch Herr Strakosch ausgeführt hat. Er hat auf die Gotik hingewiesen, er hat mit vollem Rechte gemußte aus den Verhältnissen heraus in Beton gebaut werden, und der Beton-Unterbau, der bis zu einer gewissen Höhe geht, mußte gekrönt werden von dem eigentlichen Bauwerk, einem Holzbau. Beim Holzbau, das werden Sie auch zugeben, sind aus dem Material heraus die Formen eigentlich mit einer gewissen Strenge gegeben. Beim Holzbau ist gerade das gegeben, was aus dem Zusammenwirken von Bedürfnis, Zweck und Materialgefühl entstehen muß. Man hatte also in Dornach eine ganz bestimmte Stilsache zusammenzufügen mit etwas, wovon nun Herr Strakosch gesagt hat: Man kann alles damit machen; die verrücktesten Sachen kann man aus dem Beton heraus bauen. —

[ 4 ] Now I would like to draw attention to a third point, which Mr. Strakosch also mentioned. He referred to the Gothic style; he quite rightly pointed out that, given the circumstances, the structure had to be built of concrete, and the concrete foundation, which extends to a certain height, had to be crowned by the actual building—a wooden structure. In wooden construction—as you will surely agree—the forms are essentially dictated by the material itself with a certain rigor. In timber construction, we find precisely what must arise from the interplay of need, purpose, and a sense of the material. So in Dornach, a very specific stylistic approach had to be combined with something about which Mr. Strakosch has said: “You can do anything with it; you can build the craziest things out of concrete.” —

[ 5 ] Nun, wenn man nicht gerade dazu veranlagt ist, die verrücktesten Sachen zu bauen, so hat man eigentlich gerade dem Beton gegenüber nun ein anderes Gefühl als bei Holz. Und da muß ich schon sagen: ich muß, aus der Praxis heraus, das entgegengesetzte Urteil fällen gegenüber dem, das eben gefällt worden ist. Wenn man zusammennimmt, was man an Antezedenzien hat für Baustile, so kann man eigentlich aus dem Beton heraus heute nichts bauen. Man kann nicht etwa alles bauen, sondern man kann überhaupt nichts bauen. Denn hat man Stilgewissen, so kann man natürlich mit dem «Man kann alles machen» nichts anfangen. Man kann nur dann etwas anfangen, wenn man den Beton als Material nun auch aus einem gewissen Stilgewissen heraus benützen kann. Man ist ja da in einer gewissen Bezichung in einer parallelen Lage mit demjenigen, was gegenwärtig auch gerade auf anthroposophischem Boden manchmal figuriert. Sehen Sie, aus den mißverstandenen Untergründen mystischer Versenkungen und so weiter, die viele Leute im Auge haben, wenn sie heute von Mystik, Theosophie, Anthroposophie reden, aus diesen mystischen Untergründen heraus kann man nämlich alles machen. Man kann das verrückteste Zeug machen. Aber das darf Anthroposophie gerade nicht. Die darf gerade nicht das verrückteste Zeug machen. So daß man, wie gesagt, in der Lage ist: auf der einen Seite hat man hier das verrückteste Zeug moderner Mystiker, und auf der anderen Seite hat man ein anthroposophisches Gebäude aufzuführen, das vor strenger Wissenschaft sich zu rechtfertigen hat, und man hat das modernste Material, den Beton, mit dem man das verrückteste Zeug ausführen kann, was man mit Stilgewissen aber doch nicht tun kann.

[ 5 ] Well, unless you have a particular inclination to build the craziest things, you actually have a different feeling about concrete than you do about wood. And here I have to say: based on my practical experience, I must reach the opposite conclusion from the one that was just expressed. If you take into account the precedents we have in architectural styles, you can’t really build anything out of concrete today. It’s not that you can’t build everything—it’s that you can’t build anything at all. Because if you have a sense of style, you naturally can’t do anything with the idea that “you can do anything.” You can only do something if you can use concrete as a material guided by a certain sense of style. In a certain sense, one finds oneself in a parallel situation to what is currently sometimes taking shape on anthroposophical ground as well. You see, from the misunderstood underpinnings of mystical contemplations and so on—which many people have in mind when they speak today of mysticism, theosophy, and anthroposophy—from these mystical underpinnings, one can indeed do anything. One can create the craziest stuff. But that is precisely what anthroposophy must not do. It must not create the craziest stuff. So that, as I said, one finds oneself in this situation: on the one hand, you have the craziest ideas of modern mystics, and on the other hand, you have to construct an anthroposophical building that must justify itself before rigorous science, and you have the most modern material—concrete—with which you can carry out the craziest ideas, but which, with a sense of stylistic integrity, you simply cannot do.

[ 6 ] Nun bemerke ich ausdrücklich: Wenn man an der Ausgestaltung eines Stiles praktisch arbeitet, so hilft einem die Historie gar nichts. Die geschichtliche Betrachtung hilft einem da gar nichts. Alles, was da gemacht werden muß, muß aus dem Naiven heraus kommen, muß also wirklich aus einem Schöpferischen heraus kommen. Anders läßt sich das nicht machen, was in einer gewissen Weise sich auflehnen muß, praktisch sich auflehnen muß gegenüber einer solchen Anschauung, wie sie Ferstel dazumal geäußert hat: «Baustile können nicht erfunden werden, sie müssen aus den Untergründen des Volkstums heraus kommen.» — Man muß eben einfach mit einem gewissen Stilgewissen zu der Anschauung kommen: Aus einer bestimmten Realität heraus, aus einer Wirklichkeit heraus muß der Baustil geschaffen werden. Er darf nicht aus dem Blauen heraus erfunden werden, er muß aus der Wirklichkeit heraus geschaffen werden.

[ 6 ] Now I want to make this very clear: When one is actually working on developing a style, history is of no help at all. A historical perspective is of no help whatsoever in this regard. Everything that needs to be done here must spring from naivety; it must, in other words, truly arise from a creative impulse. There is no other way to achieve this—it must, in a certain sense, rebel, practically rebel against a view such as the one Ferstel expressed back then: “Architectural styles cannot be invented; they must emerge from the depths of folk culture.” — One must simply arrive at the view with a certain stylistic conscience: the architectural style must be created out of a specific reality, out of actuality. It must not be invented out of thin air; it must be created out of reality.

[ 7 ] Nun möchte ich noch auf ein Drittes aufmerksam machen, was auch Herr Strakosch ausgeführt hat. Er hat auf die Gotik hingewiesen, er hat mit vollem Rechte gezeigt, wie die Gotik eigentlich stark aus dem Handwerklichen heraus arbeitet. Und es ist ja tatsächlich ein Hintendieren zum Handwerklichen in der Gotik vorhanden. Nach einer Richtung hin wurde die Stilfrage gelöst durch jene Kombination von Kreuzgewölbe, Spitzbogen und Strebewerk, die die Gotik dann gefunden hat. Nun, wenn wir aber das andere, was hervorgehoben worden ist, ins Auge fassen, so gewinnt die Sache noch eine andere Beleuchtung. Es wurde auch gesagt, daß mit dem bloßen handwerklichen Ineinanderfügen der Bauteile dennoch nicht die Gotik herauskommen würde, daß da in der Gotik noch bestimmte Formen leben, bestimmte Anschauungen, die in der Gotik drinnen stilgemäß zu finden sind, über die sogar in den «Bauhütten» ein gewisses Geheimnis bewahrt worden ist, das streng gehütet worden ist, und das nun auch über das Handwerkliche hinaus gehe. Wir finden da also ein Element, das hineingebaut worden ist, das im Stil zu suchen ist, das aber — es wird das im weitesten Sinne zugegeben werden können —, das aber eigentlich für die neuere Zeit seiner eigentlichen Wesenheit nach doch verlorengegangen ist, verlorengegangen ist wenigstens in bezug auf die Handhabung. Man tut heute nicht mehr das, was damals aus den Geheimnissen der Baukunde heraus getan worden ist, was aus gewissen ganz anderen Voraussetzungen heraus entstanden ist, ohne daß strenge Berechnungen angestellt werden müssen und dergleichen. Gerade diese Voraussetzungen könnten ja — ich will das zunächst hypothetisch hinstellen — mit anderen Dingen zusammenhängen. Sie könnten damit zusammenhängen, daß heute das reproduktive Element herrscht: nicht eigentlich das produktive Stilschaffen herrscht, sondern das reproduktive Stilgestalten herrscht. Vielleicht entströmten gerade denjenigen Seelenentitäten, die da sehr streng bewahrt worden sind, jene Kräfte, welche der Produktivität zugrunde liegen, aus denen die Produktivität des Stiles kommt. Und vielleicht stammt gerade diese Ratlosigkeit gegenüber dem Stil in der neusten Zeit daher, daß man zunächst ein gewisses Element im Bauen verloren hat. Dieses Element muß ja in der Baukunst ganz besonders berücksichtigt werden, weil es sich da den strengen Gesetzen fügen muß, aus denen heraus dieser Bau eben einfach halten, stehen muß, sich also den statischen und so weiter Bedingungen fügen muß, die Herr Strakosch auseinandergesetzt hat. Man hat es in der Baukunst im umfassendsten Sinn mit dem zu tun, was die wissenschaftlich begründete Technik möglich macht, und auf der anderen Seite ist man in die Notwendigkeit versetzt, eben ein gewisses Stilelement hineinzubringen in das, was man baut.

[ 7 ] Now I would like to draw attention to a third point, which Mr. Strakosch also addressed. He referred to the Gothic style and quite rightly demonstrated how the Gothic actually draws heavily on craftsmanship. And there is indeed a tendency in the Gothic to return to craftsmanship. In one sense, the question of style was resolved through the combination of cross vaults, pointed arches, and flying buttresses that Gothic architecture ultimately developed. However, if we consider the other aspect that has been emphasized, the matter takes on a different perspective. It has also been said that Gothic architecture would not emerge merely from the technical interlocking of structural elements; that certain forms and certain concepts still live within Gothic architecture—elements that are stylistically inherent to it—and that even within the “masons’ guilds,” a certain secret regarding these has been preserved and strictly guarded, and which now extends beyond the purely technical. We thus find an element that has been built into the style, one that must be sought within the style itself, but—as can be acknowledged in the broadest sense—one that, in terms of its true essence, has actually been lost in more recent times, at least as far as its practical application is concerned. Today, people no longer do what was done back then based on the secrets of architectural science—what arose from certain, entirely different premises, without the need for rigorous calculations and the like. Precisely these premises could—and I’ll pose this hypothetically for now—be connected to other things. They could be connected to the fact that today the reproductive element prevails: it is not so much productive style-creation that prevails, but rather reproductive style-shaping. Perhaps it is precisely from those soul entities that have been very strictly preserved that the forces underlying productivity—from which the productivity of style arises—flow forth. And perhaps this very sense of helplessness regarding style in recent times stems precisely from the fact that a certain element has been lost in architecture. This element must, of course, be given special consideration in architecture, because there it must conform to the strict laws that dictate that a building must simply stand firm—that is, it must comply with the structural and other conditions that Mr. Strakosch has elaborated upon. In architecture, in the broadest sense, one is dealing with what scientifically grounded technology makes possible, and on the other hand, one is compelled to incorporate a certain stylistic element into what one builds.

[ 8 ] Die Frage entsteht nun: War nicht vielleicht in der älteren Zeit das, was Technik ist, viel enger an den Stil gebunden als heute? War nicht vielleicht das, was es da als Bauregeln gab, an sich schon so gefaßt, daß es zugleich die Technik mit enthielt, so daß man gewissermaßen sicher bauen konnte, indem man sich dem überließ, was sich ergab aus diesen gehüteten Regeln? Waren die nicht, trotzdem sie künstlerisch stilvoll waren, vielleicht schon auch technisch durch und durch richtig?

[ 8 ] The question now arises: Wasn’t what we call “technology” in earlier times perhaps much more closely tied to style than it is today? Were the building codes of that time not, in and of themselves, formulated in such a way that they also incorporated technical principles, so that one could, in a sense, build safely by adhering to what resulted from these carefully preserved rules? Were they not—despite being artistically stylish—perhaps also technically sound through and through?

[ 9 ] Solch ein Gefühl bekommt man wiederum, wenn man so etwas erlebt, wie es eben in Dornach erlebt werden konnte. Es ergab sich mir — wie gesagt, die Hauptdinge ergeben sich ja immer aus dem Naiven heraus —, es ergab sich mir, den Zuschauerraum durch eine Kuppel abzuschließen und diese Kuppel anzugliedern an eine kleinere Kuppel, welche den Bühnenraum krönen sollte. Da handelte es sich nun darum, die Technik für die Verbindung zu finden, und das bildete eine längere Zeit hindurch in Dornach eine wichtige Frage. Ich empfand die Notwendigkeit, das so zu machen; auf der anderen Seite mußte das technisch ausführbar sein. Ich konnte, bis wir die Lösung gefunden hatten, nur immer sagen: Das, was sich aus der Notwendigkeit des Stils heraus ergibt, dafür muß auch die richtige technische Lösung gefunden werden, das muß auch eine gewisse Vollkommenheit in bezug auf die Technik zeigen. Es müssen diese Dinge zusammentreffen. Natürlich, wenn irgend etwas intellektualistisch oder unkünstlerisch ausgedacht ist und man irgendwie einen stillosen Bau aufführen will, wird sich für ihn nicht ein technisches Problem ergeben. Wenn aber etwas wirklich in den Untergründen, in denen der Stil liegen muß, gefunden ist, dann muß sich auch die entsprechende Technik dafür finden.

[ 9 ] You get that kind of feeling again when you experience something like what could just be experienced in Dornach. It occurred to me—as I said, the main ideas always arise from a place of innocence—it occurred to me to enclose the auditorium with a dome and to connect this dome to a smaller dome that would crown the stage area. The challenge then was to find the technical solution for the connection, and this remained a major issue in Dornach for quite some time. I felt the necessity to do it this way; on the other hand, it had to be technically feasible. Until we found the solution, all I could say was: Whatever arises from the necessity of style must also have the right technical solution; it must also demonstrate a certain perfection in terms of technique. These things must come together. Of course, if something is conceived in an intellectualistic or unartistic way, and one wants to erect a building that lacks style, no technical problem will arise for it. But if something is truly found in the foundations upon which style must rest, then the corresponding technique must also be found for it.

[ 10 ] Nun, wie gesagt, das Historische hilft einem nichts, wenn man — wenn ich mich so ausdrücken darf — aus dem Naiven heraus etwas wie einen Stil zu schaffen hat. Aber orientieren kann man sich hinterher doch an dem, was die Entwicklung ergeben kann. Und da möchte ich eben in Ergänzung dessen, was eben gesagt worden ist, einiges bemerken, was vielleicht zunächst in der Gegenwart noch etwas paradox erscheinen wird, wie so manche Dinge, die von anthroposophischer Geisteswissenschaft her ausgesprochen werden müssen, was sich aber wahrscheinlich im Laufe der Zeit als durch und durch praktisch erweisen wird, so sehr es heute vielleicht noch manchem sogar phantastisch erscheinen könnte.

[ 10 ] Well, as I said, history is of no help if one—if I may put it that way—has to create something like a style out of a naive starting point. But afterward, one can still take cues from what that development may yield. And in addition to what has just been said, I would like to make a few remarks that may at first seem somewhat paradoxical in the present—as do many things that must be expressed from the perspective of anthroposophical spiritual science—but which will likely prove to be thoroughly practical over time, even though they might still seem fantastical to some today.

[ 11 ] Ich will nicht zurückgehen auf die orientalische oder ägyptische Baukunst, die ja hinlänglich betrachtet worden ist soeben, sondern ich will zunächst auf das verweisen, was schon auf den Untergründen dessen steht, was sich ergeben hat aus der orientalisch-ägyptischen Baukunst, ich will hinweisen auf die griechische Baukunst, und da wiederum — zunächst von allem übrigen absehend — auf den griechischen Tempelbau. Aber ich will jetzt weniger das Technische berühren, sondern ich möchte dasjenige berühren, was den Stil betrifft.

[ 11 ] I do not wish to return to Oriental or Egyptian architecture, which has already been sufficiently discussed, but I would first like to refer to what lies at the foundation of what has emerged from Oriental-Egyptian architecture; I would like to point to Greek architecture, and there—setting aside everything else for the moment—to Greek temple architecture. But I do not wish to focus so much on the technical aspects now; rather, I would like to address matters of style.

[ 12 ] Ich glaube, wer die griechische Baukunst intimer studiert, wird finden, daß den Formungen eigentlich doch nicht beizukommen ist, wenn man sich allzusehr konzentriert auf das, was da bei ihr das statische Element ist. Die griechische Baukunst berücksichtigt durchaus — das ergibt sich deutlich — statische Elemente. Sie sind da, aber in einer außerordentlich freien Weise. Sie sind überall so drinnen, daß man sieht: es wird in einer gewissen Weise ganz frei umgegangen mit dem, was wir heute Statik nennen. Das Tragen und Lasten ist da. Aber man ist weder in den Fehler verfallen, das, was da hingestellt wurde, als Dekoration anzusehen, noch ist man auf der anderen Seite der Einseitigkeit verfallen, daß man gar zu sehr der Sache ansieht das bloß Statische. Es ist da ein Element verborgen, das vielleicht eben noch intimer gehütet worden ist als die Geheimnisse der späteren Bauhütten, das aus ursprünglichen, instinktiven Anschauungen der Menschheit hervorgegangen ist, und das wiederum nur durch anthroposophische, geisteswissenschaftliche Untersuchung gefunden werden kann. In gewisser Beziehung sind ja auch diese griechischen Tempelbauten Zweckbauten. Ein griechischer Tempel für sich betrachtet als bloßes Bauwerk ist ja eigentlich niemals etwas Vollständiges. Nimmt man die Götterstatue heraus aus dem griechischen Tempel und betrachtet ihn dann, so hat man das Gefühl, daß das Wesentlichste fehlt. Man verstand ihn eben nur als das Wohnhaus des Gottes, und auch nur, wenn man voraussetzt, daß eigentlich das Volk nur von außen her mit dem Tempel etwas zu tun hat, daß eigentlich nur der Gott seinen Wohnsitz in ihm haben sollte. — Nun aber ergibt sich daraus, daß der Tempel das Wohnhaus des Gottes ist, eigentlich nicht viel für jene Intuitionen, die in den Tempelbau hineingeflossen sind. Man muß da doch auf etwas anderes noch zurückgehen, gerade mit Bezug auf den Zweck des Tempelbaus; wenn ich es jetzt in einem übertragenen Sinne so nennen darf: in bezug auf die Bedürfnisfrage. Da kann man sagen: Die reine Außenseite der Bestimmung des Tempels ist für den, der sich zu diesen Dingen etwa feuilletonistisch beschreibend verhalten will, der Tatbestand, daß der Tempel das Wohnhaus des Gottes ist, nicht aber für den, der über das feuilletonistische Beschreiben hinausgehen will, der die innere Formung des Tempels wirklich verstehen will. Für den ist nämlich notwendig, daß ein anderes dazu kommt: daß man den griechischen Tempel als Umformung ursprünglicher Grabgewölbe, Grabgebäude, anzusehen hat. Es läßt sich der griechische Tempel nicht anders verstehen, als daß man in ihm eine Metamorphose eines Grabgebäudes sehen muß. Nun aber führt das zurück in Zeiten, in denen die Seele des Verstorbenen in der Nähe des begrabenen Leichnams gesucht worden ist. Für die Seele, die noch da sein sollte, wurde eigentlich der Bau in seinen Formen aufgerichtet, auch als man überging vom Ahnenkultus zum Götterkultus. Der Götterkultus in den älteren Religionen ist nichts anderes gewesen als ein metamorphosierter Ahnenkultus; die alten Götter sind im Grunde genommen Ahnen, sind als Ahnen gedacht, und dasjenige, wie man das Walten des Seelisch-Geistigen bei den Göttern anschaute, war auch eine Umformung dessen, wie man das Walten der Seele nach dem Tode bei dem verstorbenen Menschen ansah —, da ergab sich in bezug auf die Anschauungsformen durchaus etwas, was streng damit zusammenhing. Nun handelte es sich darum, einer Seele einen Umbau zu machen, und da mußte man auf diejenigen Kräfteverhältnisse, auf eine solche Statik kommen, die als äußere Statik möglich war, aber zu gleicher Zeit eben diesem Zwecke diente, einer Seele ein Umbau zu sein, so daß die Seele drinnen wohnen konnte; denn die Götterseele mußte eben auch in einem solchen Bau wohnen.

[ 12 ] I believe that anyone who studies Greek architecture more closely will find that its forms are actually impossible to fully grasp if one focuses too much on what constitutes its structural element. Greek architecture certainly takes structural elements into account—this is clear. They are present, but in an extraordinarily free manner. They are so deeply integrated throughout that one can see: in a certain sense, what we today call structural mechanics is handled quite freely. The load-bearing structures and loads are there. But architects have neither fallen into the error of viewing what was placed there as mere decoration, nor have they, on the other hand, fallen into the one-sidedness of focusing too much on the purely static aspect of the matter. There is an element hidden there that has perhaps been guarded even more closely than the secrets of the later builders’ lodges—an element that arose from humanity’s original, instinctive perceptions, and which, in turn, can only be discovered through anthroposophical, spiritual-scientific investigation. In a certain sense, these Greek temples are also functional buildings. A Greek temple, viewed in and of itself as a mere building, is actually never a complete entity. If one removes the statue of the god from the Greek temple and then looks at it, one has the feeling that the most essential element is missing. It was understood simply as the dwelling place of the god, and only on the assumption that the people actually have nothing to do with the temple except from the outside, that only the god was supposed to have his dwelling within it. — Yet the fact that the temple is the dwelling place of the god does not, in fact, explain much about the intuitions that went into the temple’s construction. One must therefore go back to something else, specifically with regard to the purpose of the temple’s construction; if I may put it this way in a figurative sense: with regard to the question of need. One might say: The purely external aspect of the temple’s purpose—the fact that the temple is the dwelling place of the god—is sufficient for those who wish to describe these matters in a merely popular, journalistic style, but not for those who wish to go beyond such descriptions and truly understand the inner structure of the temple. For such a person, it is necessary to add another element: that the Greek temple must be viewed as a transformation of original burial vaults and tomb structures. The Greek temple cannot be understood in any other way than as the metamorphosis of a tomb structure. But this takes us back to times when the soul of the deceased was believed to remain near the buried body. The structure was actually erected in its various forms for the soul that was believed to still be present, even as the transition was made from ancestor worship to the worship of gods. The worship of gods in the older religions was nothing other than a transformed form of ancestor worship; the ancient gods are, in essence, ancestors; they are conceived as ancestors; and the way in which the spiritual-soul activity of the gods was viewed was also a transformation of how the soul’s activity after death was viewed in the deceased human being—thus, in terms of conceptual forms, something emerged that was closely connected to this. Now the task was to construct a dwelling for a soul, and this required arriving at a balance of forces, a kind of structural stability, that was possible as an external structure but at the same time served precisely this purpose: to be a dwelling for a soul, so that the soul could dwell within it; for the soul of a god, too, had to dwell in such a structure.

[ 13 ] Woher kamen die Kräfteverhältnisse? — Das ist die große Frage. Schen Sie, auf solche Weise, wie wir das heute in unserem Zeitalter mit Recht lernen, in solcher Weise wurden diese Verhältnisse ganz und gar nicht berechnet. Das verstand man in jenen älteren Zeiten nicht. Die wenige Literatur, die noch vorhanden ist, zeigt ganz klar, daß man einen solchen Aufbau aus einer strengen Statik und Mathematik und Mechanik heraus nicht hatte. Aber etwas anderes hatten jene älteren Zeiten, und da komme ich eben auf dasjenige, was heute natürlich als phantastisch angesehen wird und angesehen werden kann, so praktisch es eigentlich auch gedacht ist: es handelt sich darum, zu ergründen, mit welchen Mitteln, sagen wir zum Beispiel die Lage des Schwerpunktes gefunden wurde, des Schwerpunktes, der einfach so angebracht werden mußte, daß man, indem man den Bau ansah, wußte, wo er ist. Aber nicht mit dem Intellekt, sondern mit dem Gefühl, dem Stilgefühl namentlich war herauszufinden, wie man die Kräfte verteilen mußte, wie man die Materie verteilen mußte, um das herauszubekommen, was das richtige Gefühl ergab. Da drinnen wohnte eine Seele. Man hatte ja in jenen älteren Zeiten nicht jene abstrakten Vorstellungen von der Seele, die man heute etwa bei unseren Psychologen findet, wo die Seele etwas ganz Unbestimmtes ist — manchen ist sie ein Punkt, der gesucht wird an irgendeiner Stelle der Leibesorganisation, und was dergleichen Undinge mehr sind —; diese abstrakten Anschauungen von der Seele hatten die alten Zeiten nicht. Sie hatten ganz bestimmte Anschauungen von der Seele. Es würde interessant sein, diese Anschauungen darzulegen, aber es ist dazu die Zeit nicht gegeben. Es wäre umso interessanter, als die Anschauungen, welche diese Alten über die Seele hatten, in einem gewissen Grade dasjenige in sich enthielten, was die Beschreibungen der alten Seelenvorstellungen, zum Beispiel in der Philosophie von Wundt, nicht enthalten, dagegen alles dasjenige nicht enthielten, was Wundt von den alten Seelenvorstellungen beschreibt. Diese Dinge sind schon einmal so, daß sie von einer materialistischen Denkungsart nicht erfaßt werden können. Aber sie lebten in alten Zeiten und sie lebten so konkret, daß man mit ihnen auch konkrete Vorstellungen in bezug auf das Formen des Materiellen verbinden konnte. Aber wie machte man denn das? Sehen Sie, alles, was man erbaute, was man ausfindig machte in bezug auf statische Verhältnisse, ergab sich nämlich für ältere Zeiten, so sonderbar es heute erscheint, aus der menschlichen Organisation und ihrer Statik, Und zwar ergab sich das, was noch in der griechischen Zeit für die Baukunst in Betracht kam, aus der Statik des menschlichen Gliedmaßenorganismus. Ich meine da den menschlichen Gliedmaßenorganismus nicht nur etwa als Zusammenfassung der Arme und Beine, sondern dazu gehört zum Beispiel auch die untere Kinnlade und manches in dem mittleren Menschen, dem Brustmenschen und so weiter. Aber alles, was in dem Gliedmaßenmenschen liegt, das konnte studiert werden. Man konnte zum Beispiel probieren, wie ein gewisser Kräftezusammenhang wirkt, wenn man, sagen wir mit gebeugten Knien, halbsitzend, sich hinhockt. Man bekam da Anschauungen von Beziehungen des Schwerpunktes zu einem gewissen Kräftesystem, und man bekam eine Anschauung von Beziehungen des Schwerpunktes zu einem gewissen Kräftesystem, wenn man die beste Art versuchte, den Mund offen zu halten, um den idealen Kopfschwerpunkt zu finden, das macht man an der unteren Kinnlade. Es ist interessant, einmal die merkwürdige Formung zu studieren, die bei griechischen Plastiken durch diesen etwas geöffneten Mund da ist; der entstand aus einem ganz bestimmten Studium der Haltung der unteren Kinnlade, die man innerlich in ihrer Statik und Dynamik erlebte.

[ 13 ] Where did the balance of forces come from? — That is the big question. As we are rightly learning today in our own era, these relationships were not calculated in that way at all. People did not understand that in those earlier times. The little literature that still exists shows quite clearly that they did not have such a structure based on rigorous statics, mathematics, and mechanics. But those earlier times had something else, and this brings me to what is naturally regarded today—and can be regarded—as fantastical, no matter how practical it actually was intended to be: it is a matter of fathoming by what means, let us say for example, the position of the center of gravity was determined—the center of gravity that simply had to be placed in such a way that, upon looking at the structure, one knew where it was. But it was not with the intellect, but rather with feeling—specifically, a sense of style—that one had to determine how to distribute the forces, how to distribute the material, in order to achieve what the right feeling dictated. A soul dwelt within it. After all, in those earlier times people did not have those abstract notions of the soul that one finds today, for example, among our psychologists, where the soul is something entirely indefinite—to some it is a point to be sought somewhere within the body’s organization, and other such absurdities—; the ancient times did not have these abstract views of the soul. They had very specific views of the soul. It would be interesting to set forth these views, but there is not enough time for that. It would be all the more interesting because the views that these ancient people held about the soul contained, to a certain degree, precisely what the descriptions of ancient conceptions of the soul—for example, in Wundt’s philosophy—do not contain, while at the same time omitting everything that Wundt describes as part of those ancient conceptions of the soul. These things are, for one thing, such that they cannot be grasped by a materialistic way of thinking. But they lived in ancient times, and they lived so concretely that one could also associate concrete ideas with them regarding the formation of the material world. But how was this done? You see, everything that was built, everything that was discovered with regard to static conditions, arose in earlier times—as strange as it may seem today—from the human organism and its statics. Specifically, what was still relevant to architecture in the Greek era arose from the statics of the human limb system. By the human limb system, I do not mean merely a collection of arms and legs, but it also includes, for example, the lower jaw and various features of the “middle human,” the “chest human,” and so on. But everything inherent in the “limb human” could be studied. For example, one could test how a certain interplay of forces works when one crouches down, say, with bent knees, in a semi-seated position. One gained insights into the relationships between the center of gravity and a certain system of forces, and one gained an understanding of these relationships when attempting to keep the mouth open in the best possible way to find the ideal center of gravity of the head—this is done by adjusting the lower jaw. It is interesting to study the peculiar shaping found in Greek sculptures resulting from this slightly open mouth; it arose from a very specific study of the posture of the lower jaw, which one experienced inwardly in terms of its statics and dynamics.

[ 14 ] Und geradeso erlebte man, was für statische, dynamische Verhältnisse sich ergeben, wenn man zum Beispiel sich hinhockt und die Arme auf die Knie aufstützt und so weiter. Man studierte diese Dynamik am Menschen, und in älteren Zeiten besonders am Gliedmaßenmenschen. Man beobachtete die Dynamik, wie sie sich am Menschen ausdrückt, beim Gehen — weil er zu diesem Gehen die Entfaltung ganz besonderer innerer statischdynamischer Verhältnisse braucht — und man bildete sich daraus Anschauungen über ganz bestimmte statische Verhältnisse; und was da studiert werden konnte am menschlichen Organismus selber, das finden wir wieder in der Formung der Tempelbauten. Man sagte sich: Was der Mensch als Kopf an sich hat, das ist zwar ein schöner äußerer Ausdruck des physischen Menschen, aber es ist eben nur ein Ausdruck für den physischen Menschen. Der Mensch ist ja Kopfmensch gerade, um tüchtig zu sein in der physischen Welt. Ebenso dachte man in einer gewissen Weise über den Rumpf- und Atmungsmenschen. Man sagte sich: das ist etwas, was zugrunde liegt dem Zusammenhang des Menschen mit der irdischen Umgebung. Kopf und Brustpartien, die fielen gewissermaßen weg, wenn man sich in alten Zeiten im Menschen das Gehäuse des Seelischen dachte. Man dachte namentlich an das, was ja nicht unmittelbar durchseelt werden kann an der menschlichen Gestalt, man dachte an die Kräfteverhältnisse, die sich in der Handhabung des Gliedmaßenmenschen ergeben. Dieser Gliedmaßenmensch war das Vehikel, durch welches der Mensch sein Seelisches hier in die Erde hineintrug. Die Kräftesysteme, die da der Mensch entfaltete, traten in die Seele; sie studierte man; von ihnen umschlossen wollte man die Seele auch nach dem Tode sehen. Was man da erleben konnte, indem man lebend seine Seele durch das Dasein trug, das geheimniste man hinein in das, was man als die Umschließung der Seele haben wollte, aber nicht in abstrakter Weise, sondern mit aller Konkretheit und Praktischkeit der alten Anschauung.

[ 14 ] And in the same way, one observed the static and dynamic relationships that arise when, for example, one crouches down and rests one’s arms on one’s knees, and so on. This dynamic was studied in human beings, and in earlier times especially in the “limb-man.” One observed the dynamics as they are expressed in the human being while walking—because walking requires the unfolding of very specific inner static-dynamic relationships—and from this one formed conceptions of very specific static relationships; and what could be studied in the human organism itself, we find reflected in the design of temple buildings. People said to themselves: What the human being possesses as a head is, to be sure, a beautiful outward expression of the physical human being, but it is, after all, only an expression of the physical human being. The human being is, after all, a “head-human” precisely in order to be capable in the physical world. In a certain sense, people thought similarly about the “torso-human” and the “breathing-human.” People said to themselves: This is something that underlies the human being’s connection to the earthly environment. The head and chest regions, so to speak, were set aside when, in ancient times, people conceived of the human being as the vessel of the soul. One thought specifically of what cannot be directly animated by the soul in the human form; one thought of the balance of forces that arises in the use of the “limb-human.” This “limb-human” was the vehicle through which the human being carried his or her soul into the earth here. The systems of forces that the human being unfolded there entered the soul; these were studied; one sought to see the soul enveloped by them even after death. What one could experience by carrying one’s soul through life was incorporated into what one wished to have as the soul’s enclosure—not in an abstract way, but with all the concreteness and practicality of the ancient worldview.

[ 15 ] Solche Dinge sind äußerlich immer nur so zu studieren, daß man auf gewisse Empfindungsqualitäten hinschaut. Man kann auch schon — Geisteswissenschaft ergibt das mit vollständiger Sicherheit, was ich eben ausgeführt habe —, man kann auch schon aus äußeren Symptomen eine gewisse Anschauung bekommen von solchen Dingen. Bedenken Sie einmal, worauf der griechische Plastiker besonders hat hinweisen wollen, wenn er den Menschen als physische Gestalt dargestellt hat: hohe Beine und einen für spätere Verhältnisse außerordentlich großen Kopf; die Kopflänge ist in der griechischen Plastik achtmal in der Gesamtlänge des Menschen enthalten. Er hat besonders den Kopf angeschaut, insofern der Kopf eine gewisse Länge hat, also einen Gliedmaßenorganismus hat. Der griechische Plastiker studierte besonders den Gliedmaßenorganismus des Kopfes und studierte wiederum am ganzen Menschen den Gliedmaßenorganismus. Alles, was in einem System des Menschen enthalten ist, ist ja auch im anderen enthalten. Der ganze Mensch ist wiederum im Kopf enthalten, die Arm- und Beinkonstruktion in den Kiefern, nur muß man den Kopf dann umgekehrt betrachten. So daß man sagen kann: Beim Griechen war das Hauptaugenmerk auf dasjenige im Menschen gerichtet, was die Gliedmaßenorganisation war — bis in den Kopf. Das Gliedmaßensystem ist am schwächsten ausgedrückt im Brust- und Rumpfmenschen; der tritt ganz zurück in der griechischen Plastik. Der ist eigentlich in der griechischen Plastik der kürzeste und schwächste Teil. Hohe Untergliedmaßen, ein großer Kopf im Verhältnis zum Übrigen — das ist eben die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf dasjenige, aus dem eine innere Statik im Menschen folgt. Und diese innere Statik wurde sorgfältig studiert und sorgfältig behütet. Daher war dazumal Baukünstler sein das Im-Besitz-Sein derjenigen Erkenntnisse, die an dem edelsten, was man studieren konnte, an dem Menschen, studiert waren.

[ 15 ] Such things can only ever be studied externally by focusing on certain qualities of sensation. One can even—and spiritual science confirms with absolute certainty what I have just explained—gain a certain insight into such things from external symptoms alone. Consider for a moment what the Greek sculptor particularly sought to emphasize when he depicted the human being as a physical form: long legs and a head that was extraordinarily large by later standards; in Greek sculpture, the length of the head is eight times the total length of the human figure. He focused particularly on the head, insofar as the head has a certain length—that is, it possesses a limb-like structure. The Greek sculptor studied in particular the limb-like structure of the head and, in turn, studied the limb-like structure in the human being as a whole. Everything contained within one system of the human form is, after all, also contained within the other. The entire human form is, in turn, contained within the head, and the structure of the arms and legs is reflected in the jaws—though one must then view the head in reverse. Thus, one can say: For the Greeks, the primary focus was on that aspect of the human form which constituted the limb-based structure—extending all the way to the head. The limb system is least pronounced in the torso-and-chest figure; this recedes entirely into the background in Greek sculpture. In Greek sculpture, this is actually the shortest and weakest part. Tall lower limbs, a large head in proportion to the rest of the body—this is precisely the directing of attention toward that from which an inner statics in the human being arises. And this inner stability was carefully studied and carefully preserved. That is why, in those days, being an architect meant possessing the insights that had been studied in the noblest subject one could study: the human being.

[ 16 ] Nun, da kommt nun das Mittelalter heran. Herr Strakosch hat ausgezeichnet geschildert, wie da noch etwas hineinfließt in den Gewölbebau, in den Spitzbogenbau, wie da irgend etwas drinnen lebt. Was da drinnen lebt, das können Sie studieren, wenn Sie wiederum den Blick hinwenden darauf, wie im Mittelalter der Mensch angeschaut worden ist. Wenn Sie die mittelalterliche Menschendarstellung betrachten, haben Sie nicht achtmal den Kopf enthalten in der ganzen menschlichen Gestalt, sondern etwa zehnmal. Die Beine sind kurz. Die Menschen haben einen kleinen Kopf, das heißt, daß zurücktritt der Gliedmaßenorganismus des Kopfes und daß auch wenig Aufmerksamkeit gewendet wird auf die übrigen Gliedmaßen. Daher der riesige, lange Rumpf; der ist die Hauptsache bei der mittelalterlichen Plastik, da wird alle Aufmerksamkeit darauf verwendet. Studiert man diese Statik — ich muß mich paradigmatisch ausdrücken, wegen der Kürze der Zeit —, studiert man, was in den Regeln der Bauhütten enthalten war, so kann man finden die Geheimnisse desjenigen Menschenteiles, den wir heute den rhythmischen Menschenteil nennen, dasjenige, was sich in der Rhythmik ausdrückt, in der Statik der Rhythmen, an demjenigen Element, das zu dem rein Handwerklichen in der Gotik dazugekommen ist. Das ist in einem gewissen Sinne — man muß nur nicht phantastisch werden, wenn man diese Sache erwähnt — dasjenige, was das Gottvertrauen ist — Herr Strakosch hat es auf seine wirkliche Bedeutung richtig zurückgeführt —, es kommt ja aus dem Herzen, es kommt aus dem mittleren Menschen, nicht aus dem Kopfmenschen. So finden wir, daß in demselben Zeitraum, in dem gewissermaßen durch das Studium der äußeren Natur und das Studium der reinen Mathematik und Mechanik, die anzuwenden sind auf die Natur, die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf den Menschen verlorengeht, auch diejenigen Elemente abhanden kommen, die zu einem Stil führen. Denn zu einem Stil kommt man nur, wenn der Mensch das, was er am Mikrokosmos studieren kann, in der äußeren Gegenwart gestalten kann.

[ 16 ] Well, now we come to the Middle Ages. Mr. Strakosch has excellently described how something still flows into vault construction, into the construction of pointed arches, how something lives within them. You can study what lives within it by turning your attention once again to how human beings were viewed in the Middle Ages. When you look at medieval depictions of the human figure, the head is not eight times the size of the entire human form, but rather about ten times. The legs are short. People have small heads, which means that the limb system of the head recedes into the background and that little attention is paid to the other limbs. Hence the enormous, long torso; that is the main feature of medieval sculpture, and all attention is focused on it. If one studies this statics—I must speak in general terms due to time constraints —if one studies what was contained in the rules of the builders’ guilds, one can discover the secrets of that aspect of the human form which we today call the rhythmic human form—that which is expressed in rhythm, in the statics of rhythms—in that element which was added to the purely technical aspects of Gothic architecture. In a certain sense—one must simply avoid becoming fanciful when mentioning this matter—this is what trust in God is—Mr. Strakosch has correctly traced it back to its true meaning—for it comes from the heart; it comes from the middle man, not from the intellectual man. Thus we find that during the same period in which—through the study of external nature and the study of pure mathematics and mechanics as applied to nature—attention to the human being is lost, those elements that lead to a style are also lost. For one can only arrive at a style when a person is able to shape in the external world what he or she can study in the microcosm.

[ 17 ] Und wenn man nun hingestellt ist vor die Aufgabe, einen neuen Baustil [zu finden], so handelt es sich natürlich darum, wiederum aus ähnlichen Untergründen heraus zu schaffen. Es handelt sich darum, wiederum zurückzukommen zu dem, was aus der menschlichen Wesenheit selber heraus folgt. Jetzt, in unserer Zeit der naturwissenschaftlichen Entwicklung, kann das natürlich nicht so gefunden werden, wie ich das für zwei Epochen der Menschheit skizzenhaft geschildert habe, sondern nur, indem man gewissermaßen vom Gliedmaßenmenschen durch den rhythmischen Menschen hinaufsteigt zum Kopfmenschen. Mit dem kann man aber nichts anfangen, denn der hat schon im höchsten Maße seine Verhältnisse ausgestaltet. Der Kopfmensch ist ja dasjenige, worin sich das Individuelle des Menschen am meisten in den Formen ausdrückt. Damit kann man nicht in derselben Weise etwas anfangen wie zum Beispiel in der griechischen Statik, wo man gerade das gewissermaßen in der Raumeszeichnung drinnen hatte, was man nicht sehen kann am Menschen, wenn er einfach vor einem steht. Ebenso in der späteren Zeit: Man hatte das in der Raumzeichnung drinnen, was man nicht sehen kann, sondern was sich nur aus einem Durchfühlen jener Gewölbe ergibt, die den rhythmischen Menschen ausmachen.

[ 17 ] And when one is now faced with the task of [finding] a new architectural style, the point is, of course, to create once again from similar foundations. The point is to return once again to what arises from the human being itself. Now, in our age of scientific development, this cannot, of course, be found in the way I have sketched out for two epochs of human history, but only by, so to speak, ascending from the “limb-human” through the “rhythmic human” to the “head-human.” But one cannot do anything with the latter, for he has already developed his relationships to the highest degree. The “head-human,” after all, is that in which the individuality of the human being is most fully expressed in form. One cannot work with this in the same way as, for example, in Greek statics, where one had, so to speak, captured in the spatial drawing precisely what one cannot see in a human being when he or she is simply standing before one. The same is true in later times: one captured in spatial drawing what one cannot see, but what arises solely from a deep feeling for those arches that constitute the rhythmic human being.

[ 18 ] Jetzt in der Gegenwart kann es sich nur darum handeln, die geistig geschaute Grundlage zu finden, die der eigentlichen Geistigkeit des Menschen zugrunde liegt. Daher mußte im Dornacher Bau etwas aufgeführt werden, was nicht nur ein Versammlungsraum ist, sondern was auch ein Raum ist, der den einzelnen Menschen auffordert, darin sich so zu fühlen, daß er gleichzeitig zur Selbsterkenntnis kommt. Der griechische Bau war die Umrahmung der Seele. Der gotische Bau ist durch alles das, was ich eben ausgeführt habe, der Versammlungsort; er ist nicht fertig, wenn man nicht die Gemeinde, die Versammlung drinnen hat. «Versammlung» ist ja etwas, was der «Duma» entspricht und etymologisch verwandt ist mit «Dom». Die Versammlung gehört da hinein. — Jetzt haben wir einen Bau nötig, welcher nun den Menschen so ergibt, daß man nicht mehr in der äußeren menschlichen Gestalt, sondern in Imaginationen die Formen in Anschauung haben kann. Würde man heute in derselben Weise bauen wollen wie früher, so würde man in intellektualistisches Bauen verfallen, was unmöglich wäre, weil es keine Kunst mehr ist. Man muß in der Kunst in der Anschauung bleiben, aber man muß [auch] den Stil finden für das, was ja nun Kopfarbeit ist, nämlich unsere heutige Statik. Während die Statik der Griechen ganz Anschauung war, ist unsere Statik heute ein Erarbeitetes, eine Kopfarbeit, und wir müssen dasjenige finden, was sich dem Griechen gerade entzogen hat. Er hat das, was er als Statik geschaut hat, auferbaut. Das ergibt sich für uns aus dem Intellekt heraus. Die Anschauung muß dazu geben, was nur in der Anschauung gegeben werden kann. So ist der Dornacher Bau, der ganz und gar nicht symbolisch ist, aufgeführt. Es ist eine Verleumdung, wenn man das sagt, denn das hieße, daß der Bau unkünstlerisch aufgebaut wäre. Es ist durchaus so, daß alles an diesem Bau nur künstlerisch empfunden ist, aber eben so, daß das Künstlerische unmittelbar aus der Anschauung heraus gestaltet ist. Es ist wiederum das Einlaufen in einen Stil, aber so, daß [dabei] dieser Stil in ebenso naiver Weise, wie früher geschaffen worden ist, aus der Notwendigkeit des unmittelbaren Anschauens heraus gefunden worden ist. Daher wird derjenige, der nach Dornach kommt, sich wiederum heimisch fühlen können in diesem Bau, weil dieser so aufgeführt ist dem Stile nach, daß der Mensch sich wiederfindet, wie man immer in wirklichen Baukunstwerken den Menschen gefunden hat. Im Dornacher Bau ist wahrhaftig nichts Phantastisches, sondern alles ist aus dem eben konkret charakterisierten Stilgewissen heraus entstanden. Deshalb konnte nicht das geschehen, was ja in einem anderen Fall durchaus geschehen wäre. — Nicht wahr, die Anthroposophie war da, viele Jahre lang da, bevor sie einen solchen Bau, wie es der Dornacher Bau ist, nötig hatte. Dann trat in einer Anzahl von Menschen, die sich dazumal für überzeugt hielten von den anthroposophischen Grundwahrheiten, der Gedanke auf — es ist ja die Idee des Dornacher Baues nicht bei mir aufgetaucht —, für die besondere Art des Lebens, das in künstlerischer und praktischer Art aus der Anthroposophie sich ergibt, einen solchen Bau aufzuführen. Mir fiel nur die Aufgabe zu, die Formen, das Stilvolle für diesen Bau zu finden. Ich wurde sozusagen von den Anthroposophen beauftragt. Der Bau entsprang durchaus nicht als Tatsache meiner Idee.

[ 18 ] Now, in the present, the only task can be to find the spiritually perceived foundation that underlies the true spirituality of human beings. That is why the building in Dornach had to be constructed not merely as a meeting hall, but as a space that invites each individual to feel at home within it, so that they may simultaneously attain self-knowledge. The Greek building served as a framework for the soul. The Gothic building, for all the reasons I have just outlined, is the place of assembly; it is not complete unless the congregation, the assembly, is present within it. “Assembly” is, after all, something that corresponds to the “Duma” and is etymologically related to “cathedral.” The assembly belongs there. — Now we need a building that allows people to perceive forms not in the external human figure, but in the realm of the imagination. If one were to build today in the same way as in the past, one would fall into intellectualistic architecture, which would be impossible because it is no longer art. In art, one must remain within intuition, but one must [also] find the style for what is now, after all, a product of intellectual labor—namely, our modern statics. While the statics of the Greeks was entirely based on intuition, our statics today is a product of intellectual labor, and we must find precisely what eluded the Greeks. They built upon what they perceived as statics. For us, this arises from the intellect. Intuition must contribute what can only be provided through intuition. This is how the Dornach building—which is by no means symbolic—was constructed. It is slander to say otherwise, for that would imply that the building was constructed in an unartistic manner. It is certainly true that everything about this building is perceived purely artistically, but precisely in such a way that the artistic aspect is shaped directly out of perception. It is, once again, a return to a style, but in such a way that this style—just as naively as it was created in the past—has been discovered out of the necessity of direct perception. Therefore, anyone who comes to Dornach will once again be able to feel at home in this building, because it is executed in a style that allows people to find themselves in it, just as people have always been found in true works of architecture. There is truly nothing fanciful about the Dornach building; rather, everything has emerged from the very concrete stylistic consciousness just described. That is why what would certainly have happened in another case could not happen here. — After all, anthroposophy was there, present for many years, before it needed a building such as the one in Dornach. Then, among a number of people who at that time considered themselves convinced of the fundamental truths of anthroposophy—the idea for the Dornach building did not originate with me—the thought arose to erect such a building for the particular way of life that arises from anthroposophy in both artistic and practical terms. My task was simply to find the forms and the stylistic elements for this building. I was, so to speak, commissioned by the anthroposophists. The building did not arise as a direct result of my own idea.

[ 19 ] Nun, nicht wahr, heute vollziehen sich ja dann solche Dinge so, daß man sagt: Da ist irgendeine Vereinigung, eine Gesellschaft mit diesem oder jenem Ziel. Das ist einmal die Ordnung des heutigen Tages: man gründet überall Gesellschaften, Vereine, man stellt dann die Programme auf, die für diesen oder jenen Verein ausgeführt werden sollen. Diese Programme sind meistens sehr gescheit, denn wenn sich die Leute zusammensetzen, kann man intellektuell das Gescheiteste zusammenbringen, aber mit alledem würde man ja nicht weiterkommen, als bis zu einer Theorie; man würde mit alledem nicht weiterkommen als etwa in der Lenkung der Weltgeschichte mit den Vierzehn Punkten Wilsons. Das ist auch ein solches Programm, gescheit, aber gegenüber den wirklichen Weltangelegenheiten etwas Undurchführbares, etwas ganz Abstrakt-Törichtes, kann man geradezu sagen. Und dann, wenn solch eine Vereinigung da ist, die ein eigenes Haus braucht, dann wählt sie sich aus den vorhandenen Stilen irgendeinen aus, nach dem sie ihren Bau ausführen läßt. — So kann Anthroposophie, wenn sie mit sich selber ehrlich ist, nicht zu Werke gehen. Das ist bei Anthroposophie nicht möglich. Indem sie in sich durch und durch ehrlich ist, weiß sie, daß sie etwas hineinstellt in die moderne Zivilisation, in die moderne Kulturentwicklung, was noch nicht drinnengestanden hat. Wer nun überhaupt Stilgefühl und anderes Kunstgefühl hat, der weiß, wie alle Formen irgendeiner Kunst, also auch der Baukunst, aus der Denkweise irgendeiner Zeit herauswachsen, und wie sie gar nicht verstanden werden können, ohne daß man mit dem ganzen Menschen in der Denkweise dieser Zeit drinnen lebt. Daher sind ja die alten Baustile für uns nur Reminiszenzen. Wir können sie nur verstehen in dem Maße, in dem wir uns hineinversetzen können in jene alten Zeiten. Daher ist für die meisten Menschen, die das nicht können, vieles unverständlich.

[ 19 ] Well, isn’t it true that these days such things happen in such a way that people say: There’s some kind of association, a society with this or that goal. That’s the way things are today: societies and associations are being founded everywhere, and then programs are drawn up to be carried out for this or that association. These programs are usually very clever, because when people get together, they can intellectually put together the most ingenious ideas; but with all that, one would get no further than a theory; one would get no further than, say, steering world history with Wilson’s Fourteen Points. That, too, is such a program—well-conceived, but, in the face of real world affairs, something unworkable, something quite abstract and foolish, one might even say. And then, when such an association exists that needs its own building, it chooses one of the existing architectural styles and has its building constructed according to that style. — Thus, if anthroposophy is honest with itself, it cannot proceed in this way. That is not possible with anthroposophy. Because it is thoroughly honest with itself, it knows that it is introducing into modern civilization, into the development of modern culture, something that has not yet been present there. Anyone who possesses even a basic sense of style or any other artistic sensibility knows how all forms of art—including architecture—grow out of the mindset of a particular era, and how they cannot be understood at all unless one immerses oneself, as a whole person, in the mindset of that time. That is why the old architectural styles are merely reminiscences to us. We can understand them only to the extent that we can put ourselves in the mindset of those bygone times. That is why so much remains incomprehensible to most people who are unable to do so.

[ 20 ] Bei Anthroposophie handelt es sich um etwas vollständig Neues, aber nicht um Theorien, sondern um Leben. Das heißt, es handelt sich um etwas, was zu gleicher Zeit Kunst werden kann, weil es nicht das Gefühl abstumpft, wie der bloße Intellektualismus. Künstler haben ja oftmals Angst vor Anthroposophie, weil sie sie für eine Theorie wie irgendeine Theorie halten. Durch Theorie wird alles Künstlerische abgestumpft, aber nicht durch Anthroposophie. Da werden Gefühls- und Willensimpuls gerade angeregt. Der ganze Mensch wird angeregt. Anthroposophie macht den Menschen bis in die Hand hinein geschickter — das sollte heute bedacht werden, wo die meisten Männer so ungeschickt sind, daß sie nicht einmal einen abgerissenen Hosenknopf wieder annähen können. Darum handelt es sich, daß wir wirklich einsehen, daß in die Geschicklichkeit, in die Handfertigkeit, in die menschliche Beweglichkeit alles hineingeht, was anthroposophische Ideen sind, die nicht bloß Gedanken sind, sondern die zu gleicher Zeit Weltenkräfte sind, in denen der Mensch lebt. Deshalb kann man sie auch wieder so bauen, plastisch gestalten, malen, wie man dasjenige baut, plastisch gestaltet, malt, was eben in der geschilderten Weise aus dem Menschen herausgeholt ist.

[ 20 ] Anthroposophy is something entirely new—not a set of theories, but a way of life. This means it is something that can simultaneously become art, because it does not dull the feelings, as mere intellectualism does. Artists are often afraid of anthroposophy because they regard it as just another theory. Theory dulls everything artistic, but not anthroposophy. It actually stimulates emotional and volitional impulses. The whole person is stimulated. Anthroposophy makes people more dexterous right down to their hands—this is something to consider today, when most men are so clumsy that they cannot even sew back on a torn-off pants button. That is what is at stake: that we truly realize that everything that constitutes anthroposophical ideas—which are not merely thoughts but are at the same time world forces in which the human being lives—flows into dexterity, manual skill, and human agility. That is why one can also build, sculpt, and paint them again in the same way that one builds, sculpts, and paints what has just been drawn out of the human being in the manner described.

[ 21 ] Es mußte daher, weil Anthroposophie sich als etwas Neues in unsere Kultur hineinstellt, für diese Anthroposophie eine Umrahmung gefunden werden, die gerade nur für sie dasein kann. Das heißt, es mußte aus ihren geistigen Impulsen heraus ihr Stil gefunden werden. Der Dornacher Bau steht daher so da, daß das, was vom Podium gesagt werden kann, daß das Wort, was dasein soll, um den Inhalt der geistigen Welt zu verkündigen, das eine ist, die eine Art zu sprechen; eine andere Art ist die, die man in der Umrahmung des Baues sieht. Jede Säule, jedes Kapitell spricht genau ebenso wie die Worte, die vom Podium gesprochen werden. Es ist ein Einklang vorhanden, wie auch in der griechischen Seele zwischen der Gottesanschauung und dem Tempelbau ein Einklang war. Man muß aus den Impulsen des Kunstentstehens schaffen. Dann kommt das heraus, worüber man nicht diskutieren kann: der Stil — der Stil, der erfaßt werden muß aus dem ganzen Menschen, aus dem, wo man die Gedanken, die mehr als bloße Gedanken sind, als Kräfte erlebt, die in einem sitzen und bis ins Blut den Menschen durchpulsen, so daß man sie auch äußerlich gestalten kann.

[ 21 ] Since anthroposophy presents itself as something new within our culture, a framework had to be found for it—one that could exist solely for anthroposophy. In other words, its style had to be derived from its spiritual impulses. The Dornach building therefore stands in such a way that what can be said from the podium—the word that is meant to exist to proclaim the content of the spiritual world—is one thing, one way of speaking; another way is what one sees in the building’s architecture. Every column, every capital speaks just as the words spoken from the podium do. There is a harmony here, just as there was a harmony in the Greek soul between the vision of God and the construction of the temple. One must create from the impulses of the artistic process. Then what emerges is something that cannot be discussed: style—the style that must be grasped from the whole human being, from that place where one experiences thoughts—which are more than mere thoughts—as forces that dwell within one and pulse through the human being right down to the blood, so that one can also give them external form.

[ 22 ] Nur ein paar Bemerkungen wollte ich machen, meine lieben Kommilitonen, verehrte Anwesende. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie man doch dahin kommen kann, wiederum Stile zu finden. Mag das in Dornach noch so unvollkommen gelungen sein — ich bin selber der strengste Kritiker dieses Baues, der ja nur ein erster Anhub ist —, aber es ist versucht worden, wiederum den Duktus des Stiles zu finden, wiederum das zu finden, was im Stile sitzt. Und deshalb, weil hier etwas in den Stil hineingestellt ist, was reale Geistigkeit ist, kann man auch das Material, das so spröde sich erweist, wie Herr Strakosch es geschildert hat, den Beton, bezwingen, so daß man sich dann sagt: Gewiß, aus dem Beton kann man gar nichts machen, wenn man nicht das verrückteste Zeug machen will, aber das verrückteste Zeug ist eben gerade das Stilloseste. Man kann erst etwas machen aus Beton, wenn man aus den übrigen Voraussetzungen — seien es bei Utilitätsbauten Utilitätsvoraussetzungen, seien es bei einem solchen Bau einer Hochschule für Geisteswissenschaft wie dem Bau in Dornach, geistige Voraussetzungen —, wenn man das, was als Lebendiges drinnen ist, [auch] drinnen hat; dann kann man sagen, auch wenn man den Beton vorliegen hat: Das gibt es nicht, daß der Beton gestattet, daß man alles Mögliche daraus macht, sondern man kann an eine Stelle nur ein Einziges hinstellen. An der Stelle, wo der Mensch ein Ohrläppchen hat, könnte keine große Zehe sein, die Natur würde das nicht gestatten; wenn ein bestimmtes Kräftemassiv des Organismus da ist, läßt sich an einer Stelle nur eines ausgestalten — wenn man in der Anschauung lebt. Das ist es, um was es sich handelt, wenn man von Stilgefühl, von festgebildetem Stilgefühl redet und von dem absolut plastischen Betonmaterial.

[ 22 ] I just wanted to make a few remarks, my dear fellow students, distinguished guests. I simply wanted to point out how one might once again discover styles. However imperfectly this may have been achieved in Dornach—I myself am the harshest critic of this building, which is, after all, only a first step—an attempt has been made to rediscover the spirit of style, to rediscover what lies at the heart of style. And precisely because something has been placed within this style—something that is genuine spirituality—it is possible to master even the material that proves so brittle, as Mr. Strakosch has described—concrete—so that one then says to oneself: Certainly, you can’t make anything out of concrete unless you want to create the craziest things, but the craziest things are precisely the most styleless. One can only create something out of concrete if, based on the other prerequisites—whether utilitarian prerequisites in the case of utilitarian buildings, or spiritual prerequisites in the case of a building for a School of Spiritual Science such as the one in Dornach—one also possesses within oneself what is alive within; then one can say, even when faced with concrete: It is not the case that concrete allows one to make anything and everything out of it; rather, one can place only a single thing in a given spot. Where a person has an earlobe, there could not be a big toe—nature would not allow it; when a certain mass of forces within the organism is present, only one thing can be shaped in that spot—if one lives in the realm of perception. This is what is at stake when we speak of a sense of style, of a firmly established sense of style, and of the absolutely plastic material of concrete.

[ 23 ] So werden Sie vielleicht doch in Dornach erleben können, daß, trotzdem das wahr ist, was Herr Strakosch aus gewissen Anschauungen heraus über das Betonmaterial gesagt hat, daß doch das Betonmaterial in Dornach so zu behandeln versucht worden ist — wenn auch nicht alles gelungen ist —, daß das, was an irgendeiner Stelle sitzt, gerade dort als notwendig empfunden wird, und daß man sich aus der Anschauung heraus sagt: Wie an einer bestimmten Stelle des Kopfes nur ein Ohrläppchen sein kann, so kann hier nur eine ganz bestimmte Form sein. — Da muß aber vorausgehen die Überführung des bloß Symmetrischen, des bloß Maßvoll-Metrischen in das Organische, das innerlich erlebte Maßvolle, das innerlich erlebte Symmetrische, wie man es hat, wenn man übergeht vom bloß Mechanischen zum Organismus. Es mußte, um wiederum zu einem Stil zu kommen, einmal der Schritt gemacht werden von dem geometrisch-symmetrischen, metrischen Stil und so weiter zum organischen Stil. Das mag noch so unvollkommen gelungen sein, aber es ist zweifellos in dieser Richtung das zu suchen, was die weitere Stilentwicklung der Baukunst sein muß. Und man wird den [Stil für einen] Utilitätsbau, wie auch [für] einen solchen Bau wie das Goetheanum in Dornach, nur finden, wie ich meine, wenn man solche Wege geht, sonst werden wir immer nur bis zum Reproduktiven kommen. Zum Produktiven kommen wir nur auf diesem Wege. Dann werden nicht mehr pessimistische Betrachtungen darüber angestellt zu werden brauchen, daß Baustile nicht erfunden werden, sondern dann wird aus dem vollen, künstlerischen Leben heraus der Drang nach neuer Stilisierung, neuer Stilistik wiederum entstehen.

[ 23 ] So perhaps you will be able to experience in Dornach that, even though what Mr. Strakosch said about concrete—based on certain views—is true, attempts have been made in Dornach to treat the concrete in such a way—even if not everything has been successful—that whatever is in place at any given spot is perceived as necessary precisely there, and that, based on this view, one says to oneself: Just as there can be only one earlobe at a specific point on the head, so here there can be only a very specific form. — But this must be preceded by the transition from the merely symmetrical, the merely moderate and metric, to the organic—the moderation and symmetry experienced from within—as one experiences when moving from the merely mechanical to the organism. In order to arrive at a style once again, the step had to be taken from the geometrically symmetrical, metrical style—and so on—to the organic style. However imperfectly this may have been achieved, it is undoubtedly in this direction that we must seek what the further stylistic development of architecture must be. And, in my opinion, one will find the [style for a] utilitarian building, as well as [for] a building such as the Goetheanum in Dornach, only by following such paths; otherwise, we will always remain confined to the reproductive. We can only arrive at the productive stage by following this path. Then there will no longer be any need for pessimistic reflections on the fact that architectural styles are not invented; rather, the impulse toward new stylization and new stylistics will once again arise from the fullness of artistic life.

[ 24 ] Frage: Ich möchte fragen, ob Herr Dr. Steiner das Verhältnis zwischen dem heutigen Menschen und der neuen Stilform des Dornacher Baues auf dem Wege höherer Erkenntnis gefunden hat, wie das früher für geisteswissenschaftliche Dinge angedeutet wurde, und ob im bejahenden Falle dieser Weg da angewandt werden darf, wo es sich um intuitives und künstlerisches

[ 24 ] Question: I would like to ask whether Dr. Steiner discovered the relationship between modern humanity and the new architectural style of Dornach through a path of higher knowledge, as was previously suggested in the context of spiritual science, and, if so, whether this path may be applied in cases involving the intuitive and artistic

[ 25 ] Schaffen handelt.

[ 25 ] Creation is action.

[ 26 ] Rudolf Steiner: Es ist das eine Frage, die so allgemein nicht behandelt werden kann. Ich habe ja, wie ich glaube, den Prozeß, soweit es eben in der skizzenhaften Darstellung ging, geschildert. Es handelt sich darum, daß die Anschauung da ist, und diese Anschauung, sie kommt mit einer gewissen Notwendigkeit. Man kann also nicht sagen, daß für irgend etwas Spezielles Vorbereitungen gemacht werden könnten oder so etwas, damit diese Dinge dann kommen. Sondern es ist im Anthroposophischen — man möge das heute glauben oder nicht — etwas da, was gegenüber dem bloß Abstrakten, Theoretischen ein Element ist, das zusammenhängt mit Organisation, mit Wachstum und so weiter. Es ist so, daß man sagen kann: Sogar das, was ich als Idee erkenne, als irgendein Wesenhaftes in der geistigen Welt, das ist da, das ist angeschaut, aber man hat jetzt nicht die Möglichkeit, dieses in ebensolcher Weise festzuhalten, wie ein sinnliches Erleben, das dem Gedächtnis anhaftet; man kann immer nur die Wege, durch die man zu einem solchen höheren Erlebnis gekommen ist, also das, was noch vor dem Erlebnis liegt, nachkonstruieren und kann dann abwarten, ob das Erlebnis wiederum da ist. Das Erlebnis ist die Darlebung; und wie ich diesen Saal nicht habe, wenn ich nur die Erinnerung an ihn habe, so habe ich auch nicht das höhere geistige Erlebnis, wenn ich es nur in der Erinnerung habe. In der Erinnerung stellt es sich gar nicht dar. Das ist das Eigentümliche der höheren, geistigen Erlebnisse, daß sie nicht in der gewöhnlichen Weise erinnert werden können. Ich habe in meinem Vortrage ausgeführt, daß die höheren geistigen Erlebnisse einer Umformung der Erinnerungskraft zu verdanken sind, daher unterliegen sie auch nicht der Erinnerung, sondern müssen immer wieder neu erlebt werden. Ich habe vier Mysteriendramen geschrieben, da ist bis aufs Wort alles einzelne ganz dagestanden, es war da. Ich kann nicht sagen, man könne sich speziell vorbereiten, aber man kommt durch Anthroposophie in einen lebendigen Prozeß hinein. Ich könnte das, was da zugrunde liegt, mit etwas, was Ihnen vielleicht trivial erscheint, andeuten. Wenn Sie etwas gelernt haben und haben ein entsprechendes Gedächtnis, so haben Sie es, Sie haben es immer gegenwärtig; aber wenn Sie etwas gegessen haben, so können Sie nicht sagen: Ich brauche heute nichts zu essen, denn ich habe vorgestern gegessen. — Was ich gestern gelernt habe, habe ich heute zur Verfügung; das ist ein abstrakter Prozeß, der der Erinnerung unterliegt. Das, was ein realer Prozeß ist, das unterliegt nicht der Erinnerung, das verarbeitet sich. So ist es mit dem Erleben dessen, was in übersinnlichen Welten erlebt wird. Es ist ein reales Erleben. Daher kann man sagen: Im allgemeinen ist das In-sich-Vergegenwärtigen dessen, was Anthroposophie geben kann, schon der Weg zu solchen Dingen, und wird sich natürlich im einzelnen finden, wenn die Vorbedingungen dazu da sind. Aber es ist selbstverständlich, daß man nicht sagen kann, man solle nun durch Anthroposophie das eine oder andere heranzüchten oder Anthroposophie wäre das Mittel, das Ideal des Friedrich von Schlegel, des Romantikers, auszuführen, das in nichts anderem bestand, als in: man solle beschließen, ein Genie zu werden. Dazu ist Anthroposophie nicht der Weg. Aber sie ist etwas Lebendiges, darum handelt es sich. Ich habe gesagt: So etwas wie ein neuer Stil kommt aus dem Naiven heraus; historische Betrachtungen würden nichts nützen zum Gestalten eines neuen Stiles. Es ist nicht abgesehen auf ein Intellektualisieren der künstlerischen Produktion, sondern darauf, was einfach aus der Entwicklung der Menschheit heraus sich ergibt, wie ich es gestern dargestellt habe, daß die früher physisch wirkenden Kräfte jetzt geistig wirksam gesucht werden müssen. Darauf kommt es an. Ich möchte aber davor warnen, irgendwie die Dinge, die eigentlich auf dem angedeuteten Wege zur vollsten Freiheit, also auch zur künstlerischen Freiheit führen müssen, zu regeln. Ich möchte nicht vorbeigehen an diesen Dingen, ohne daran zu erinnern, daß in ihnen künstlerische Freiheit walten muß, und daß ich sehr fürchte, daß, wenn man von vorneherein eine Regel anlegt an diese Dinge, und sei es selbst die des goldenen Schnittes, daß da am Ende nicht das freie Schaffen liegt, sondern das Hineingepreßtsein in jene spanischen Stiefel, die ja ein deutscher Dichter einmal in einer Dichtung, sagen wir «verherrlicht» hat. Das Anlegen von Maßstäben, was im freien Schaffen geleistet werden darf, und das Urteilen: «Das ist nicht schön» —, wenn es nicht einem gewissen Maßstabe entspricht, das führt zum Unkünstlerischen. Und ich fürchte, es würde der Dornacher Bau, wenn man lediglich das Maß des goldenen Schnittes anlegen wollte [Lücke] — der goldene Schnitt ist ja abstrahiert von dem, was bisher gebaut wurde, er ist in unzähligen Kunstwerken enthalten, und er ist berechtigt, weil er an der menschlichen Gestalt enthalten ist; aber wenn man ihn als vorgefaßte Regel anwendet, kommt man nicht zu dem, was [zum Beispiel] gefällige Kleidung ist, sondern zu dem, was man am spanischen Hofe und nachher am Österreichischen Hofe getragen hat.

[ 26 ] Rudolf Steiner: This is a question that cannot be addressed in such general terms. I believe I have described the process, as far as was possible in this sketchy presentation. The point is that the insight is there, and this insight arises with a certain inevitability. So one cannot say that preparations could be made for anything specific—or anything of the sort—so that these things might then come about. Rather, in anthroposophy—whether one believes it today or not—there is something that, in contrast to the merely abstract and theoretical, is an element connected with organization, growth, and so on. It is the case that one can say: Even what I recognize as an idea—as some kind of essential being in the spiritual world—is there; it is perceived, but one does not yet have the ability to hold onto it in the same way as a sensory experience that remains in memory; one can only reconstruct the paths through which one arrived at such a higher experience—that is, what lies prior to the experience—and can then wait to see if the experience returns. The experience is the actual manifestation; and just as I do not possess this hall if I have only the memory of it, so too do I not possess the higher spiritual experience if I have it only in memory. It does not manifest itself in memory at all. This is the distinctive feature of higher spiritual experiences: they cannot be recalled in the ordinary way. I explained in my lecture that higher spiritual experiences are due to a transformation of the power of memory; therefore, they are not subject to memory but must be relived again and again. I have written four Mystery Dramas; in each, every single detail was there, word for word—it was simply present. I cannot say that one can prepare for this in any specific way, but through anthroposophy one enters into a living process. I could illustrate the underlying principle with something that might seem trivial to you. If you have learned something and have a good memory for it, then you have it—it is always present to you; but if you have eaten something, you cannot say, “I don’t need to eat anything today because I ate the day before yesterday.” — What I learned yesterday is available to me today; that is an abstract process subject to memory. What is a real process is not subject to memory; it works itself out. So it is with the experience of what is experienced in the supersensible worlds. It is a real experience. Therefore, one can say: In general, the act of internalizing what anthroposophy can offer is already the path to such things, and will naturally manifest itself in specific instances when the prerequisites for it are in place. But it goes without saying that one cannot claim that one should now cultivate one thing or another through anthroposophy, or that anthroposophy is the means to realize the ideal of Friedrich von Schlegel, the Romantic, which consisted of nothing other than this: one should resolve to become a genius. Anthroposophy is not the path to that. But it is something living—that is what matters. I have said: Something like a new style arises from the naive; historical considerations would be of no use in shaping a new style. The aim is not to intellectualize artistic production, but rather to focus on what simply arises from the development of humanity—as I described yesterday—namely, that the forces that formerly acted physically must now be sought as spiritual forces. That is what matters. But I would like to warn against regulating in any way the things that must actually lead, along the path I have indicated, to the fullest freedom—and thus also to artistic freedom. I do not wish to pass over these things without reminding you that artistic freedom must prevail in them, and that I very much fear that if one applies a rule to these things from the outset—even if it is that of the golden ratio—the result will not be free creation, but rather being forced into those Spanish boots that a German poet once, shall we say, “glorified” in a poem. Setting standards for what is permissible in free creation, and judging, “That is not beautiful”—if it does not conform to a certain standard—leads to the inartistic. And I fear that the Dornach building, if one were to apply only the measure of the golden ratio [gap]—the golden ratio is, after all, abstracted from what has been built so far; it is found in countless works of art, and it is justified because it is inherent in the human form; but if one applies it as a preconceived rule, one does not arrive at what [for example] is pleasing clothing, but rather at what was worn at the Spanish court and later at the Austrian court.

[ 27 ] Frage: Wie ist es zu erklären, daß man im Halbschlaf oft Probleme lösen kann, die man bei hellem Tage nicht lösen kann? ... [Lücke]

[ 27 ] Question: How can we explain the fact that, when half-asleep, we can often solve problems that we cannot solve in broad daylight? ... [gap]

[ 28 ] Rudolf Steiner: Wenn wir die gegenwärtigen Vorstellungen der physiologischen Wissenschaft oder auch der psychologischen Wissenschaft, was ja heutzutage fast dasselbe ist, ins Auge fassen, so können wir diese Tatsache, die ja zweifellos eine Tatsache ist, allerdings nicht erklären. Aber wenn man vorurteilslos sich geschult hat, das menschliche Leben in Wirklichkeit zu beobachten, so werden gerade solche Tatsachen eben belegend für diese Grundanschauung. Wir müssen uns klar werden über folgendes, und zwar in demselben Sinn, wie man sich materialistisch-physiologisch über andere Dinge, die durch solche Wissenschaft erreicht werden können, heute klar sein kann. Darüber muß man sich klar sein, daß der Mensch eigentlich nur wacht in bezug auf einen gewissen Teil seines Wesens vom Aufwachen bis zum Einschlafen, nämlich nur in bezug auf sein Vorstellungsleben. Das Vorstellungsleben ist wach zu durchschauen. Dagegen gibt es keine Möglichkeit, im Gefühlsleben mit derselben Bewußtseinsnuance drinnenzustehen wie im Vorstellungsleben. Wenn man das Gefühlsleben analysiert, so hat es dieselbe Bewußtseinsnuance wie das Traumleben. Träume sind ja nur eben Bilder, die sich aneinanderreihen. Aber die Aneinanderreihungen des Traumlebens, besonders in interessanten Träumen, entsprechen nicht der Vorstellungslogik, sondern eigentlich der Gefühlslogik, der Assoziation der Gefühle. Die Gefühle sind im Grunde genommen nur das wache Parallelstück zu dem, was im Traume im Bilde, in der instinktiven Imagination, auftritt. Völlig schlafend sind wir, auch im wachen Zustande, in bezug auf das Wollen. Wir können noch so wollen, wir wachen nur im Vorstellungsleben. Wie der Wille funktioniert, was da vorgeht, wenn wir nur einen Arm bewegen, das haben wir nicht [im Bewußtsein]; wir haben die Intention, wir heben in der Vorstellung den Arm, aber wir haben nur das vorstellungsgemäße Bild des Willensaktes. Nun kommen aber zum Beispiel mathematische Vorstellungen nicht aus demjenigen Teil unseres Bewußtseins, der sich im gewöhnlichen wachen Vorstellen erschöpft. Wenn wir nur wachende Menschen wären, das heißt nur denkende Wesen wären — Dilthey schildert das einmal interessant in einer Berliner Akademie-Abhandlung —, wir würden zu keiner Mathematik, noch weniger zur Mechanik kommen. Mathematik und Mechanik sind unten begründet im Menschen, und der Mensch kommt nur zur Mathematik durch die eigenen Gliederbewegungen. Da liegt etwas Ähnliches zugrunde, wie bei der griechischen Statik, nur haben wir es in der Reflexion. Wir haben Mechanik, besonders Phoronomie, alles, was wir mit Maß und Zahl umfassen, nur reflektiert in der Vorstellung. Daher sind wir viel näher dem Mathematischen, dem, was sich errechnen läßt, was gefunden werden muß vom Menschen. Und wenn der Mensch es einmal erleben würde — ich muß mich paradox ausdrücken —, wenn er nur richtig erlebte, wie gescheit und genial er im Schlafe ist, er könnte größenwahnsinnig werden. Es ist eigentlich sehr gut, daß sich dieser Nebel des Schlafes über diese unverdiente Gescheitheit breitet, und daß sie nur manchmal im Traume heraufkommt. Aber richtig ist es durchaus, daß wir im Aufwachen gerade noch erschnappen können, was wir gerade dann vollbringen, wenn wir vorbereitet irgendein Problem im Schlafe 16sen. Im Schlafe lösen wir nämlich viele Probleme. Und wer experimentell vorgehen will, kann folgendes Experiment machen. Er soll einmal versuchen, sich am Nachmittag bis zum Abend mit einer schwierigen Aufgabe zu befassen. Er wird sehen, wenn es ihm gelingt, in klarer Weise sich die Fragestellung gegen den Abend hin zu formulieren — die Fragestellung ist ein schwieriges Problem —, und wenn er dann die Besonnenheit dazu hat, am nächsten Morgen richtig daranzugehen, so wird er sehen, was er mittlerweile gearbeitet hat. Das kann einem dann wie eine Eingebung erscheinen. Man kann also sogar experimentell herantreten an diese Dinge. Solche Dinge erhärten geradezu, was anthroposophische Geisteswissenschaft — natürlich in methodischer und durchaus geschulter Weise — ans Tageslicht bringen will. Ich glaube ja nicht, daß wir heute schon soweit sind, daß «Die Schwergeprüftheit des Technikers», die Herr Dr. Unger gestern in so überaus glänzender Weise dargelegt hat, schon behoben werden kann durch diese Mittel; wir haben dazu noch nicht genug Lebenspädagogik und -didaktik ausgebildet. Aber das Problem ist durchaus auf den Wegen zu erklären, welche ich eben jetzt angeschlagen habe.

[ 28 ] Rudolf Steiner: When we consider the current views of physiological science—or indeed of psychological science, which is practically the same thing these days—we cannot, however, explain this fact, which is undoubtedly a fact. But if one has trained oneself, without prejudice, to observe human life as it really is, then precisely such facts serve to corroborate this fundamental view. We must be clear about the following, in the same sense that one can be clear today, from a materialistic-physiological perspective, about other things that can be ascertained through such science. One must realize that, from the moment of waking until falling asleep, a person is actually awake only in relation to a certain part of their being—namely, only in relation to their life of imagination. The life of imagination can be clearly perceived while awake. In contrast, there is no way to be present in the life of feeling with the same nuance of consciousness as in the life of imagination. When one analyzes the emotional life, it has the same nuance of consciousness as the dream life. Dreams are, after all, merely images strung together. But the sequences of the dream life, especially in interesting dreams, do not correspond to the logic of imagination, but rather to the logic of emotion—the association of feelings. Emotions are, in essence, merely the waking counterpart to what appears in dreams as images, in instinctive imagination. Even while awake, we are completely asleep with regard to volition. No matter how much we may will, we are awake only in the realm of imagination. How the will functions—what goes on when we move even just one arm—is not present [in our consciousness]; we have the intention, we raise our arm in our imagination, but we have only the mental image of the act of will. Now, however, mathematical concepts, for example, do not arise from that part of our consciousness that is limited to ordinary waking imagination. If we were merely waking human beings—that is, merely thinking beings—Dilthey once describes this interestingly in a treatise for the Berlin Academy—we would never arrive at mathematics, much less mechanics. Mathematics and mechanics are rooted deep within the human being, and humans arrive at mathematics only through the movements of their own limbs. There lies something similar to what underlies Greek statics, only we have it in reflection. We have mechanics, especially phoronomy—everything we grasp through measurement and number—only reflected in the imagination. Therefore, we are much closer to the mathematical, to that which can be calculated, to that which must be discovered by human beings. And if a person were ever to experience it—I must put it paradoxically—if he were only to truly experience how clever and ingenious he is in his sleep, he might become megalomaniacal. It is actually very good that this fog of sleep spreads over this undeserved cleverness, and that it only occasionally surfaces in dreams. But it is certainly true that, upon waking, we can just barely catch a glimpse of what we accomplish precisely when we have prepared to solve some problem in our sleep. For in our sleep we solve many problems. And anyone who wishes to proceed experimentally can conduct the following experiment. They should try, from the afternoon through the evening, to engage with a difficult task. They will see that if they succeed in clearly formulating the question—which is a difficult problem—toward the end of the day, and if they then have the composure to approach it properly the next morning, they will see what they have worked out in the meantime. This can then seem like an inspiration. So one can even approach these matters experimentally. Such experiences virtually confirm what anthroposophical spiritual science—naturally in a methodical and thoroughly disciplined manner—seeks to bring to light. I do not believe that we have yet reached the point where “The Hardships of the Technician,” which Dr. Unger so brilliantly outlined yesterday, can already be resolved through these means; we have not yet developed enough pedagogy and didactics of life for that. But the problem can certainly be explained along the lines I have just outlined.