Die Aufgabe der Anthroposophie
gegenüber Wissenschaft und Leben
GA 77a
29 Juli 1921, Darmstadt
5. Ergänzende Bemerkungen Und Fragenbeantwortung nach dem Vortrag von Alexander Strakosch über «Geschichte der Architektur und einzelner technischer Zweige»
[ 1 ] Es soll nicht ein Vortrag sein, den ich an die Ausführungen des verehrten Herrn Strakosch anschließen will, sondern nehmen Sie das, was ich sagen will, nur als ergänzende Bemerkungen. Es soll auch damit nicht der Anspruch verknüpft sein, etwas nach irgendeiner Richtung hin Abschließendes zu sein.
[ 2 ] Wenn ich in der letzten Zeit, in den letzten Jahren, an die Aufgabe gestellt worden bin, [die Errichtung] des Dornacher Baues zu leiten, so klang mir immer wieder ein Wort in den Ohren, das ich hörte, als ich in Wien an der Technischen Hochschule studierte, und als während dieser Zeit der Erbauer der Wiener Votivkirche, der berühmte Architekt Ferstel, das Rektorat an dieser Hochschule antrat. Er hielt seine Rektoratsrede über die Geschichte der Baukunst. Ferstel sagte dazumal im Verlauf seiner Rede ungefähr: Baustile können nicht erfunden werden, sie müssen aus den Untergründen des Volkstums auftauchen. — Ferstel erklärte aus dieser Anschauung heraus die Tatsache, daß die neuere Zeit in bezug auf Baustile weniger produktiv sein könne, weil eben das Volksseelentum so etwas wie Stile weniger an die Oberfläche trage, und daß sie mehr nur reproduktiv sein könne, weshalb zurückgegriffen werde zum antiken, zum posophie reden, aus diesen mystischen Untergründen heraus kann man nämlich alles machen. Man kann das verrückteste Zeug machen. Aber das darf Anthroposophie gerade nicht. Die darf gerade nicht das verrückteste Zeug machen. So daß man, wie gesagt, in der Lage ist: auf der einen Seite hat man hier das verrückteste Zeug moderner Mystiker, und auf der anderen Seite hat man ein anthroposophisches Gebäude aufzuführen, das vor strenger Wissenschaft sich zu rechtfertigen hat, und man hat das modernste Material, den Beton, mit dem man das verrückteste Zeug ausführen kann, was man mit Stilgewissen aber doch nicht tun kann.
[ 3 ] Nun bemerke ich ausdrücklich: Wenn man an der Ausgestaltung eines Stiles praktisch arbeitet, so hilft einem die Historie gar nichts. Die geschichtliche Betrachtung hilft einem da gar nichts. Alles, was da gemacht werden muß, muß aus dem Naiven heraus kommen, muß also wirklich aus einem Schöpferischen heraus kommen. Anders läßt sich das nicht machen, was in einer gewissen Weise sich auflehnen muß, praktisch sich auflehnen muß gegenüber einer solchen Anschauung, wie sie Ferstel dazumal geäußert hat: «Baustile können nicht erfunden werden, sie müssen aus den Untergründen des Volkstums heraus kommen.» — Man muß eben einfach mit einem gewissen Stilgewissen zu der Anschauung kommen: Aus einer bestimmten Realität heraus, aus einer Wirklichkeit heraus muß der Baustil geschaffen werden. Er darf nicht aus dem Blauen heraus erfunden werden, er muß aus der Wirklichkeit heraus geschaffen werden.
[ 4 ] Nun möchte ich noch auf ein Drittes aufmerksam machen, was auch Herr Strakosch ausgeführt hat. Er hat auf die Gotik hingewiesen, er hat mit vollem Rechte gemußte aus den Verhältnissen heraus in Beton gebaut werden, und der Beton-Unterbau, der bis zu einer gewissen Höhe geht, mußte gekrönt werden von dem eigentlichen Bauwerk, einem Holzbau. Beim Holzbau, das werden Sie auch zugeben, sind aus dem Material heraus die Formen eigentlich mit einer gewissen Strenge gegeben. Beim Holzbau ist gerade das gegeben, was aus dem Zusammenwirken von Bedürfnis, Zweck und Materialgefühl entstehen muß. Man hatte also in Dornach eine ganz bestimmte Stilsache zusammenzufügen mit etwas, wovon nun Herr Strakosch gesagt hat: Man kann alles damit machen; die verrücktesten Sachen kann man aus dem Beton heraus bauen. —
[ 5 ] Nun, wenn man nicht gerade dazu veranlagt ist, die verrücktesten Sachen zu bauen, so hat man eigentlich gerade dem Beton gegenüber nun ein anderes Gefühl als bei Holz. Und da muß ich schon sagen: ich muß, aus der Praxis heraus, das entgegengesetzte Urteil fällen gegenüber dem, das eben gefällt worden ist. Wenn man zusammennimmt, was man an Antezedenzien hat für Baustile, so kann man eigentlich aus dem Beton heraus heute nichts bauen. Man kann nicht etwa alles bauen, sondern man kann überhaupt nichts bauen. Denn hat man Stilgewissen, so kann man natürlich mit dem «Man kann alles machen» nichts anfangen. Man kann nur dann etwas anfangen, wenn man den Beton als Material nun auch aus einem gewissen Stilgewissen heraus benützen kann. Man ist ja da in einer gewissen Bezichung in einer parallelen Lage mit demjenigen, was gegenwärtig auch gerade auf anthroposophischem Boden manchmal figuriert. Sehen Sie, aus den mißverstandenen Untergründen mystischer Versenkungen und so weiter, die viele Leute im Auge haben, wenn sie heute von Mystik, Theosophie, Anthroposophie reden, aus diesen mystischen Untergründen heraus kann man nämlich alles machen. Man kann das verrückteste Zeug machen. Aber das darf Anthroposophie gerade nicht. Die darf gerade nicht das verrückteste Zeug machen. So daß man, wie gesagt, in der Lage ist: auf der einen Seite hat man hier das verrückteste Zeug moderner Mystiker, und auf der anderen Seite hat man ein anthroposophisches Gebäude aufzuführen, das vor strenger Wissenschaft sich zu rechtfertigen hat, und man hat das modernste Material, den Beton, mit dem man das verrückteste Zeug ausführen kann, was man mit Stilgewissen aber doch nicht tun kann.
[ 6 ] Nun bemerke ich ausdrücklich: Wenn man an der Ausgestaltung eines Stiles praktisch arbeitet, so hilft einem die Historie gar nichts. Die geschichtliche Betrachtung hilft einem da gar nichts. Alles, was da gemacht werden muß, muß aus dem Naiven heraus kommen, muß also wirklich aus einem Schöpferischen heraus kommen. Anders läßt sich das nicht machen, was in einer gewissen Weise sich auflehnen muß, praktisch sich auflehnen muß gegenüber einer solchen Anschauung, wie sie Ferstel dazumal geäußert hat: «Baustile können nicht erfunden werden, sie müssen aus den Untergründen des Volkstums heraus kommen.» — Man muß eben einfach mit einem gewissen Stilgewissen zu der Anschauung kommen: Aus einer bestimmten Realität heraus, aus einer Wirklichkeit heraus muß der Baustil geschaffen werden. Er darf nicht aus dem Blauen heraus erfunden werden, er muß aus der Wirklichkeit heraus geschaffen werden.
[ 7 ] Nun möchte ich noch auf ein Drittes aufmerksam machen, was auch Herr Strakosch ausgeführt hat. Er hat auf die Gotik hingewiesen, er hat mit vollem Rechte gezeigt, wie die Gotik eigentlich stark aus dem Handwerklichen heraus arbeitet. Und es ist ja tatsächlich ein Hintendieren zum Handwerklichen in der Gotik vorhanden. Nach einer Richtung hin wurde die Stilfrage gelöst durch jene Kombination von Kreuzgewölbe, Spitzbogen und Strebewerk, die die Gotik dann gefunden hat. Nun, wenn wir aber das andere, was hervorgehoben worden ist, ins Auge fassen, so gewinnt die Sache noch eine andere Beleuchtung. Es wurde auch gesagt, daß mit dem bloßen handwerklichen Ineinanderfügen der Bauteile dennoch nicht die Gotik herauskommen würde, daß da in der Gotik noch bestimmte Formen leben, bestimmte Anschauungen, die in der Gotik drinnen stilgemäß zu finden sind, über die sogar in den «Bauhütten» ein gewisses Geheimnis bewahrt worden ist, das streng gehütet worden ist, und das nun auch über das Handwerkliche hinaus gehe. Wir finden da also ein Element, das hineingebaut worden ist, das im Stil zu suchen ist, das aber — es wird das im weitesten Sinne zugegeben werden können —, das aber eigentlich für die neuere Zeit seiner eigentlichen Wesenheit nach doch verlorengegangen ist, verlorengegangen ist wenigstens in bezug auf die Handhabung. Man tut heute nicht mehr das, was damals aus den Geheimnissen der Baukunde heraus getan worden ist, was aus gewissen ganz anderen Voraussetzungen heraus entstanden ist, ohne daß strenge Berechnungen angestellt werden müssen und dergleichen. Gerade diese Voraussetzungen könnten ja — ich will das zunächst hypothetisch hinstellen — mit anderen Dingen zusammenhängen. Sie könnten damit zusammenhängen, daß heute das reproduktive Element herrscht: nicht eigentlich das produktive Stilschaffen herrscht, sondern das reproduktive Stilgestalten herrscht. Vielleicht entströmten gerade denjenigen Seelenentitäten, die da sehr streng bewahrt worden sind, jene Kräfte, welche der Produktivität zugrunde liegen, aus denen die Produktivität des Stiles kommt. Und vielleicht stammt gerade diese Ratlosigkeit gegenüber dem Stil in der neusten Zeit daher, daß man zunächst ein gewisses Element im Bauen verloren hat. Dieses Element muß ja in der Baukunst ganz besonders berücksichtigt werden, weil es sich da den strengen Gesetzen fügen muß, aus denen heraus dieser Bau eben einfach halten, stehen muß, sich also den statischen und so weiter Bedingungen fügen muß, die Herr Strakosch auseinandergesetzt hat. Man hat es in der Baukunst im umfassendsten Sinn mit dem zu tun, was die wissenschaftlich begründete Technik möglich macht, und auf der anderen Seite ist man in die Notwendigkeit versetzt, eben ein gewisses Stilelement hineinzubringen in das, was man baut.
[ 8 ] Die Frage entsteht nun: War nicht vielleicht in der älteren Zeit das, was Technik ist, viel enger an den Stil gebunden als heute? War nicht vielleicht das, was es da als Bauregeln gab, an sich schon so gefaßt, daß es zugleich die Technik mit enthielt, so daß man gewissermaßen sicher bauen konnte, indem man sich dem überließ, was sich ergab aus diesen gehüteten Regeln? Waren die nicht, trotzdem sie künstlerisch stilvoll waren, vielleicht schon auch technisch durch und durch richtig?
[ 9 ] Solch ein Gefühl bekommt man wiederum, wenn man so etwas erlebt, wie es eben in Dornach erlebt werden konnte. Es ergab sich mir — wie gesagt, die Hauptdinge ergeben sich ja immer aus dem Naiven heraus —, es ergab sich mir, den Zuschauerraum durch eine Kuppel abzuschließen und diese Kuppel anzugliedern an eine kleinere Kuppel, welche den Bühnenraum krönen sollte. Da handelte es sich nun darum, die Technik für die Verbindung zu finden, und das bildete eine längere Zeit hindurch in Dornach eine wichtige Frage. Ich empfand die Notwendigkeit, das so zu machen; auf der anderen Seite mußte das technisch ausführbar sein. Ich konnte, bis wir die Lösung gefunden hatten, nur immer sagen: Das, was sich aus der Notwendigkeit des Stils heraus ergibt, dafür muß auch die richtige technische Lösung gefunden werden, das muß auch eine gewisse Vollkommenheit in bezug auf die Technik zeigen. Es müssen diese Dinge zusammentreffen. Natürlich, wenn irgend etwas intellektualistisch oder unkünstlerisch ausgedacht ist und man irgendwie einen stillosen Bau aufführen will, wird sich für ihn nicht ein technisches Problem ergeben. Wenn aber etwas wirklich in den Untergründen, in denen der Stil liegen muß, gefunden ist, dann muß sich auch die entsprechende Technik dafür finden.
[ 10 ] Nun, wie gesagt, das Historische hilft einem nichts, wenn man — wenn ich mich so ausdrücken darf — aus dem Naiven heraus etwas wie einen Stil zu schaffen hat. Aber orientieren kann man sich hinterher doch an dem, was die Entwicklung ergeben kann. Und da möchte ich eben in Ergänzung dessen, was eben gesagt worden ist, einiges bemerken, was vielleicht zunächst in der Gegenwart noch etwas paradox erscheinen wird, wie so manche Dinge, die von anthroposophischer Geisteswissenschaft her ausgesprochen werden müssen, was sich aber wahrscheinlich im Laufe der Zeit als durch und durch praktisch erweisen wird, so sehr es heute vielleicht noch manchem sogar phantastisch erscheinen könnte.
[ 11 ] Ich will nicht zurückgehen auf die orientalische oder ägyptische Baukunst, die ja hinlänglich betrachtet worden ist soeben, sondern ich will zunächst auf das verweisen, was schon auf den Untergründen dessen steht, was sich ergeben hat aus der orientalisch-ägyptischen Baukunst, ich will hinweisen auf die griechische Baukunst, und da wiederum — zunächst von allem übrigen absehend — auf den griechischen Tempelbau. Aber ich will jetzt weniger das Technische berühren, sondern ich möchte dasjenige berühren, was den Stil betrifft.
[ 12 ] Ich glaube, wer die griechische Baukunst intimer studiert, wird finden, daß den Formungen eigentlich doch nicht beizukommen ist, wenn man sich allzusehr konzentriert auf das, was da bei ihr das statische Element ist. Die griechische Baukunst berücksichtigt durchaus — das ergibt sich deutlich — statische Elemente. Sie sind da, aber in einer außerordentlich freien Weise. Sie sind überall so drinnen, daß man sieht: es wird in einer gewissen Weise ganz frei umgegangen mit dem, was wir heute Statik nennen. Das Tragen und Lasten ist da. Aber man ist weder in den Fehler verfallen, das, was da hingestellt wurde, als Dekoration anzusehen, noch ist man auf der anderen Seite der Einseitigkeit verfallen, daß man gar zu sehr der Sache ansieht das bloß Statische. Es ist da ein Element verborgen, das vielleicht eben noch intimer gehütet worden ist als die Geheimnisse der späteren Bauhütten, das aus ursprünglichen, instinktiven Anschauungen der Menschheit hervorgegangen ist, und das wiederum nur durch anthroposophische, geisteswissenschaftliche Untersuchung gefunden werden kann. In gewisser Beziehung sind ja auch diese griechischen Tempelbauten Zweckbauten. Ein griechischer Tempel für sich betrachtet als bloßes Bauwerk ist ja eigentlich niemals etwas Vollständiges. Nimmt man die Götterstatue heraus aus dem griechischen Tempel und betrachtet ihn dann, so hat man das Gefühl, daß das Wesentlichste fehlt. Man verstand ihn eben nur als das Wohnhaus des Gottes, und auch nur, wenn man voraussetzt, daß eigentlich das Volk nur von außen her mit dem Tempel etwas zu tun hat, daß eigentlich nur der Gott seinen Wohnsitz in ihm haben sollte. — Nun aber ergibt sich daraus, daß der Tempel das Wohnhaus des Gottes ist, eigentlich nicht viel für jene Intuitionen, die in den Tempelbau hineingeflossen sind. Man muß da doch auf etwas anderes noch zurückgehen, gerade mit Bezug auf den Zweck des Tempelbaus; wenn ich es jetzt in einem übertragenen Sinne so nennen darf: in bezug auf die Bedürfnisfrage. Da kann man sagen: Die reine Außenseite der Bestimmung des Tempels ist für den, der sich zu diesen Dingen etwa feuilletonistisch beschreibend verhalten will, der Tatbestand, daß der Tempel das Wohnhaus des Gottes ist, nicht aber für den, der über das feuilletonistische Beschreiben hinausgehen will, der die innere Formung des Tempels wirklich verstehen will. Für den ist nämlich notwendig, daß ein anderes dazu kommt: daß man den griechischen Tempel als Umformung ursprünglicher Grabgewölbe, Grabgebäude, anzusehen hat. Es läßt sich der griechische Tempel nicht anders verstehen, als daß man in ihm eine Metamorphose eines Grabgebäudes sehen muß. Nun aber führt das zurück in Zeiten, in denen die Seele des Verstorbenen in der Nähe des begrabenen Leichnams gesucht worden ist. Für die Seele, die noch da sein sollte, wurde eigentlich der Bau in seinen Formen aufgerichtet, auch als man überging vom Ahnenkultus zum Götterkultus. Der Götterkultus in den älteren Religionen ist nichts anderes gewesen als ein metamorphosierter Ahnenkultus; die alten Götter sind im Grunde genommen Ahnen, sind als Ahnen gedacht, und dasjenige, wie man das Walten des Seelisch-Geistigen bei den Göttern anschaute, war auch eine Umformung dessen, wie man das Walten der Seele nach dem Tode bei dem verstorbenen Menschen ansah —, da ergab sich in bezug auf die Anschauungsformen durchaus etwas, was streng damit zusammenhing. Nun handelte es sich darum, einer Seele einen Umbau zu machen, und da mußte man auf diejenigen Kräfteverhältnisse, auf eine solche Statik kommen, die als äußere Statik möglich war, aber zu gleicher Zeit eben diesem Zwecke diente, einer Seele ein Umbau zu sein, so daß die Seele drinnen wohnen konnte; denn die Götterseele mußte eben auch in einem solchen Bau wohnen.
[ 13 ] Woher kamen die Kräfteverhältnisse? — Das ist die große Frage. Schen Sie, auf solche Weise, wie wir das heute in unserem Zeitalter mit Recht lernen, in solcher Weise wurden diese Verhältnisse ganz und gar nicht berechnet. Das verstand man in jenen älteren Zeiten nicht. Die wenige Literatur, die noch vorhanden ist, zeigt ganz klar, daß man einen solchen Aufbau aus einer strengen Statik und Mathematik und Mechanik heraus nicht hatte. Aber etwas anderes hatten jene älteren Zeiten, und da komme ich eben auf dasjenige, was heute natürlich als phantastisch angesehen wird und angesehen werden kann, so praktisch es eigentlich auch gedacht ist: es handelt sich darum, zu ergründen, mit welchen Mitteln, sagen wir zum Beispiel die Lage des Schwerpunktes gefunden wurde, des Schwerpunktes, der einfach so angebracht werden mußte, daß man, indem man den Bau ansah, wußte, wo er ist. Aber nicht mit dem Intellekt, sondern mit dem Gefühl, dem Stilgefühl namentlich war herauszufinden, wie man die Kräfte verteilen mußte, wie man die Materie verteilen mußte, um das herauszubekommen, was das richtige Gefühl ergab. Da drinnen wohnte eine Seele. Man hatte ja in jenen älteren Zeiten nicht jene abstrakten Vorstellungen von der Seele, die man heute etwa bei unseren Psychologen findet, wo die Seele etwas ganz Unbestimmtes ist — manchen ist sie ein Punkt, der gesucht wird an irgendeiner Stelle der Leibesorganisation, und was dergleichen Undinge mehr sind —; diese abstrakten Anschauungen von der Seele hatten die alten Zeiten nicht. Sie hatten ganz bestimmte Anschauungen von der Seele. Es würde interessant sein, diese Anschauungen darzulegen, aber es ist dazu die Zeit nicht gegeben. Es wäre umso interessanter, als die Anschauungen, welche diese Alten über die Seele hatten, in einem gewissen Grade dasjenige in sich enthielten, was die Beschreibungen der alten Seelenvorstellungen, zum Beispiel in der Philosophie von Wundt, nicht enthalten, dagegen alles dasjenige nicht enthielten, was Wundt von den alten Seelenvorstellungen beschreibt. Diese Dinge sind schon einmal so, daß sie von einer materialistischen Denkungsart nicht erfaßt werden können. Aber sie lebten in alten Zeiten und sie lebten so konkret, daß man mit ihnen auch konkrete Vorstellungen in bezug auf das Formen des Materiellen verbinden konnte. Aber wie machte man denn das? Sehen Sie, alles, was man erbaute, was man ausfindig machte in bezug auf statische Verhältnisse, ergab sich nämlich für ältere Zeiten, so sonderbar es heute erscheint, aus der menschlichen Organisation und ihrer Statik, Und zwar ergab sich das, was noch in der griechischen Zeit für die Baukunst in Betracht kam, aus der Statik des menschlichen Gliedmaßenorganismus. Ich meine da den menschlichen Gliedmaßenorganismus nicht nur etwa als Zusammenfassung der Arme und Beine, sondern dazu gehört zum Beispiel auch die untere Kinnlade und manches in dem mittleren Menschen, dem Brustmenschen und so weiter. Aber alles, was in dem Gliedmaßenmenschen liegt, das konnte studiert werden. Man konnte zum Beispiel probieren, wie ein gewisser Kräftezusammenhang wirkt, wenn man, sagen wir mit gebeugten Knien, halbsitzend, sich hinhockt. Man bekam da Anschauungen von Beziehungen des Schwerpunktes zu einem gewissen Kräftesystem, und man bekam eine Anschauung von Beziehungen des Schwerpunktes zu einem gewissen Kräftesystem, wenn man die beste Art versuchte, den Mund offen zu halten, um den idealen Kopfschwerpunkt zu finden, das macht man an der unteren Kinnlade. Es ist interessant, einmal die merkwürdige Formung zu studieren, die bei griechischen Plastiken durch diesen etwas geöffneten Mund da ist; der entstand aus einem ganz bestimmten Studium der Haltung der unteren Kinnlade, die man innerlich in ihrer Statik und Dynamik erlebte.
[ 14 ] Und geradeso erlebte man, was für statische, dynamische Verhältnisse sich ergeben, wenn man zum Beispiel sich hinhockt und die Arme auf die Knie aufstützt und so weiter. Man studierte diese Dynamik am Menschen, und in älteren Zeiten besonders am Gliedmaßenmenschen. Man beobachtete die Dynamik, wie sie sich am Menschen ausdrückt, beim Gehen — weil er zu diesem Gehen die Entfaltung ganz besonderer innerer statischdynamischer Verhältnisse braucht — und man bildete sich daraus Anschauungen über ganz bestimmte statische Verhältnisse; und was da studiert werden konnte am menschlichen Organismus selber, das finden wir wieder in der Formung der Tempelbauten. Man sagte sich: Was der Mensch als Kopf an sich hat, das ist zwar ein schöner äußerer Ausdruck des physischen Menschen, aber es ist eben nur ein Ausdruck für den physischen Menschen. Der Mensch ist ja Kopfmensch gerade, um tüchtig zu sein in der physischen Welt. Ebenso dachte man in einer gewissen Weise über den Rumpf- und Atmungsmenschen. Man sagte sich: das ist etwas, was zugrunde liegt dem Zusammenhang des Menschen mit der irdischen Umgebung. Kopf und Brustpartien, die fielen gewissermaßen weg, wenn man sich in alten Zeiten im Menschen das Gehäuse des Seelischen dachte. Man dachte namentlich an das, was ja nicht unmittelbar durchseelt werden kann an der menschlichen Gestalt, man dachte an die Kräfteverhältnisse, die sich in der Handhabung des Gliedmaßenmenschen ergeben. Dieser Gliedmaßenmensch war das Vehikel, durch welches der Mensch sein Seelisches hier in die Erde hineintrug. Die Kräftesysteme, die da der Mensch entfaltete, traten in die Seele; sie studierte man; von ihnen umschlossen wollte man die Seele auch nach dem Tode sehen. Was man da erleben konnte, indem man lebend seine Seele durch das Dasein trug, das geheimniste man hinein in das, was man als die Umschließung der Seele haben wollte, aber nicht in abstrakter Weise, sondern mit aller Konkretheit und Praktischkeit der alten Anschauung.
[ 15 ] Solche Dinge sind äußerlich immer nur so zu studieren, daß man auf gewisse Empfindungsqualitäten hinschaut. Man kann auch schon — Geisteswissenschaft ergibt das mit vollständiger Sicherheit, was ich eben ausgeführt habe —, man kann auch schon aus äußeren Symptomen eine gewisse Anschauung bekommen von solchen Dingen. Bedenken Sie einmal, worauf der griechische Plastiker besonders hat hinweisen wollen, wenn er den Menschen als physische Gestalt dargestellt hat: hohe Beine und einen für spätere Verhältnisse außerordentlich großen Kopf; die Kopflänge ist in der griechischen Plastik achtmal in der Gesamtlänge des Menschen enthalten. Er hat besonders den Kopf angeschaut, insofern der Kopf eine gewisse Länge hat, also einen Gliedmaßenorganismus hat. Der griechische Plastiker studierte besonders den Gliedmaßenorganismus des Kopfes und studierte wiederum am ganzen Menschen den Gliedmaßenorganismus. Alles, was in einem System des Menschen enthalten ist, ist ja auch im anderen enthalten. Der ganze Mensch ist wiederum im Kopf enthalten, die Arm- und Beinkonstruktion in den Kiefern, nur muß man den Kopf dann umgekehrt betrachten. So daß man sagen kann: Beim Griechen war das Hauptaugenmerk auf dasjenige im Menschen gerichtet, was die Gliedmaßenorganisation war — bis in den Kopf. Das Gliedmaßensystem ist am schwächsten ausgedrückt im Brust- und Rumpfmenschen; der tritt ganz zurück in der griechischen Plastik. Der ist eigentlich in der griechischen Plastik der kürzeste und schwächste Teil. Hohe Untergliedmaßen, ein großer Kopf im Verhältnis zum Übrigen — das ist eben die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf dasjenige, aus dem eine innere Statik im Menschen folgt. Und diese innere Statik wurde sorgfältig studiert und sorgfältig behütet. Daher war dazumal Baukünstler sein das Im-Besitz-Sein derjenigen Erkenntnisse, die an dem edelsten, was man studieren konnte, an dem Menschen, studiert waren.
[ 16 ] Nun, da kommt nun das Mittelalter heran. Herr Strakosch hat ausgezeichnet geschildert, wie da noch etwas hineinfließt in den Gewölbebau, in den Spitzbogenbau, wie da irgend etwas drinnen lebt. Was da drinnen lebt, das können Sie studieren, wenn Sie wiederum den Blick hinwenden darauf, wie im Mittelalter der Mensch angeschaut worden ist. Wenn Sie die mittelalterliche Menschendarstellung betrachten, haben Sie nicht achtmal den Kopf enthalten in der ganzen menschlichen Gestalt, sondern etwa zehnmal. Die Beine sind kurz. Die Menschen haben einen kleinen Kopf, das heißt, daß zurücktritt der Gliedmaßenorganismus des Kopfes und daß auch wenig Aufmerksamkeit gewendet wird auf die übrigen Gliedmaßen. Daher der riesige, lange Rumpf; der ist die Hauptsache bei der mittelalterlichen Plastik, da wird alle Aufmerksamkeit darauf verwendet. Studiert man diese Statik — ich muß mich paradigmatisch ausdrücken, wegen der Kürze der Zeit —, studiert man, was in den Regeln der Bauhütten enthalten war, so kann man finden die Geheimnisse desjenigen Menschenteiles, den wir heute den rhythmischen Menschenteil nennen, dasjenige, was sich in der Rhythmik ausdrückt, in der Statik der Rhythmen, an demjenigen Element, das zu dem rein Handwerklichen in der Gotik dazugekommen ist. Das ist in einem gewissen Sinne — man muß nur nicht phantastisch werden, wenn man diese Sache erwähnt — dasjenige, was das Gottvertrauen ist — Herr Strakosch hat es auf seine wirkliche Bedeutung richtig zurückgeführt —, es kommt ja aus dem Herzen, es kommt aus dem mittleren Menschen, nicht aus dem Kopfmenschen. So finden wir, daß in demselben Zeitraum, in dem gewissermaßen durch das Studium der äußeren Natur und das Studium der reinen Mathematik und Mechanik, die anzuwenden sind auf die Natur, die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf den Menschen verlorengeht, auch diejenigen Elemente abhanden kommen, die zu einem Stil führen. Denn zu einem Stil kommt man nur, wenn der Mensch das, was er am Mikrokosmos studieren kann, in der äußeren Gegenwart gestalten kann.
[ 17 ] Und wenn man nun hingestellt ist vor die Aufgabe, einen neuen Baustil [zu finden], so handelt es sich natürlich darum, wiederum aus ähnlichen Untergründen heraus zu schaffen. Es handelt sich darum, wiederum zurückzukommen zu dem, was aus der menschlichen Wesenheit selber heraus folgt. Jetzt, in unserer Zeit der naturwissenschaftlichen Entwicklung, kann das natürlich nicht so gefunden werden, wie ich das für zwei Epochen der Menschheit skizzenhaft geschildert habe, sondern nur, indem man gewissermaßen vom Gliedmaßenmenschen durch den rhythmischen Menschen hinaufsteigt zum Kopfmenschen. Mit dem kann man aber nichts anfangen, denn der hat schon im höchsten Maße seine Verhältnisse ausgestaltet. Der Kopfmensch ist ja dasjenige, worin sich das Individuelle des Menschen am meisten in den Formen ausdrückt. Damit kann man nicht in derselben Weise etwas anfangen wie zum Beispiel in der griechischen Statik, wo man gerade das gewissermaßen in der Raumeszeichnung drinnen hatte, was man nicht sehen kann am Menschen, wenn er einfach vor einem steht. Ebenso in der späteren Zeit: Man hatte das in der Raumzeichnung drinnen, was man nicht sehen kann, sondern was sich nur aus einem Durchfühlen jener Gewölbe ergibt, die den rhythmischen Menschen ausmachen.
[ 18 ] Jetzt in der Gegenwart kann es sich nur darum handeln, die geistig geschaute Grundlage zu finden, die der eigentlichen Geistigkeit des Menschen zugrunde liegt. Daher mußte im Dornacher Bau etwas aufgeführt werden, was nicht nur ein Versammlungsraum ist, sondern was auch ein Raum ist, der den einzelnen Menschen auffordert, darin sich so zu fühlen, daß er gleichzeitig zur Selbsterkenntnis kommt. Der griechische Bau war die Umrahmung der Seele. Der gotische Bau ist durch alles das, was ich eben ausgeführt habe, der Versammlungsort; er ist nicht fertig, wenn man nicht die Gemeinde, die Versammlung drinnen hat. «Versammlung» ist ja etwas, was der «Duma» entspricht und etymologisch verwandt ist mit «Dom». Die Versammlung gehört da hinein. — Jetzt haben wir einen Bau nötig, welcher nun den Menschen so ergibt, daß man nicht mehr in der äußeren menschlichen Gestalt, sondern in Imaginationen die Formen in Anschauung haben kann. Würde man heute in derselben Weise bauen wollen wie früher, so würde man in intellektualistisches Bauen verfallen, was unmöglich wäre, weil es keine Kunst mehr ist. Man muß in der Kunst in der Anschauung bleiben, aber man muß [auch] den Stil finden für das, was ja nun Kopfarbeit ist, nämlich unsere heutige Statik. Während die Statik der Griechen ganz Anschauung war, ist unsere Statik heute ein Erarbeitetes, eine Kopfarbeit, und wir müssen dasjenige finden, was sich dem Griechen gerade entzogen hat. Er hat das, was er als Statik geschaut hat, auferbaut. Das ergibt sich für uns aus dem Intellekt heraus. Die Anschauung muß dazu geben, was nur in der Anschauung gegeben werden kann. So ist der Dornacher Bau, der ganz und gar nicht symbolisch ist, aufgeführt. Es ist eine Verleumdung, wenn man das sagt, denn das hieße, daß der Bau unkünstlerisch aufgebaut wäre. Es ist durchaus so, daß alles an diesem Bau nur künstlerisch empfunden ist, aber eben so, daß das Künstlerische unmittelbar aus der Anschauung heraus gestaltet ist. Es ist wiederum das Einlaufen in einen Stil, aber so, daß [dabei] dieser Stil in ebenso naiver Weise, wie früher geschaffen worden ist, aus der Notwendigkeit des unmittelbaren Anschauens heraus gefunden worden ist. Daher wird derjenige, der nach Dornach kommt, sich wiederum heimisch fühlen können in diesem Bau, weil dieser so aufgeführt ist dem Stile nach, daß der Mensch sich wiederfindet, wie man immer in wirklichen Baukunstwerken den Menschen gefunden hat. Im Dornacher Bau ist wahrhaftig nichts Phantastisches, sondern alles ist aus dem eben konkret charakterisierten Stilgewissen heraus entstanden. Deshalb konnte nicht das geschehen, was ja in einem anderen Fall durchaus geschehen wäre. — Nicht wahr, die Anthroposophie war da, viele Jahre lang da, bevor sie einen solchen Bau, wie es der Dornacher Bau ist, nötig hatte. Dann trat in einer Anzahl von Menschen, die sich dazumal für überzeugt hielten von den anthroposophischen Grundwahrheiten, der Gedanke auf — es ist ja die Idee des Dornacher Baues nicht bei mir aufgetaucht —, für die besondere Art des Lebens, das in künstlerischer und praktischer Art aus der Anthroposophie sich ergibt, einen solchen Bau aufzuführen. Mir fiel nur die Aufgabe zu, die Formen, das Stilvolle für diesen Bau zu finden. Ich wurde sozusagen von den Anthroposophen beauftragt. Der Bau entsprang durchaus nicht als Tatsache meiner Idee.
[ 19 ] Nun, nicht wahr, heute vollziehen sich ja dann solche Dinge so, daß man sagt: Da ist irgendeine Vereinigung, eine Gesellschaft mit diesem oder jenem Ziel. Das ist einmal die Ordnung des heutigen Tages: man gründet überall Gesellschaften, Vereine, man stellt dann die Programme auf, die für diesen oder jenen Verein ausgeführt werden sollen. Diese Programme sind meistens sehr gescheit, denn wenn sich die Leute zusammensetzen, kann man intellektuell das Gescheiteste zusammenbringen, aber mit alledem würde man ja nicht weiterkommen, als bis zu einer Theorie; man würde mit alledem nicht weiterkommen als etwa in der Lenkung der Weltgeschichte mit den Vierzehn Punkten Wilsons. Das ist auch ein solches Programm, gescheit, aber gegenüber den wirklichen Weltangelegenheiten etwas Undurchführbares, etwas ganz Abstrakt-Törichtes, kann man geradezu sagen. Und dann, wenn solch eine Vereinigung da ist, die ein eigenes Haus braucht, dann wählt sie sich aus den vorhandenen Stilen irgendeinen aus, nach dem sie ihren Bau ausführen läßt. — So kann Anthroposophie, wenn sie mit sich selber ehrlich ist, nicht zu Werke gehen. Das ist bei Anthroposophie nicht möglich. Indem sie in sich durch und durch ehrlich ist, weiß sie, daß sie etwas hineinstellt in die moderne Zivilisation, in die moderne Kulturentwicklung, was noch nicht drinnengestanden hat. Wer nun überhaupt Stilgefühl und anderes Kunstgefühl hat, der weiß, wie alle Formen irgendeiner Kunst, also auch der Baukunst, aus der Denkweise irgendeiner Zeit herauswachsen, und wie sie gar nicht verstanden werden können, ohne daß man mit dem ganzen Menschen in der Denkweise dieser Zeit drinnen lebt. Daher sind ja die alten Baustile für uns nur Reminiszenzen. Wir können sie nur verstehen in dem Maße, in dem wir uns hineinversetzen können in jene alten Zeiten. Daher ist für die meisten Menschen, die das nicht können, vieles unverständlich.
[ 20 ] Bei Anthroposophie handelt es sich um etwas vollständig Neues, aber nicht um Theorien, sondern um Leben. Das heißt, es handelt sich um etwas, was zu gleicher Zeit Kunst werden kann, weil es nicht das Gefühl abstumpft, wie der bloße Intellektualismus. Künstler haben ja oftmals Angst vor Anthroposophie, weil sie sie für eine Theorie wie irgendeine Theorie halten. Durch Theorie wird alles Künstlerische abgestumpft, aber nicht durch Anthroposophie. Da werden Gefühls- und Willensimpuls gerade angeregt. Der ganze Mensch wird angeregt. Anthroposophie macht den Menschen bis in die Hand hinein geschickter — das sollte heute bedacht werden, wo die meisten Männer so ungeschickt sind, daß sie nicht einmal einen abgerissenen Hosenknopf wieder annähen können. Darum handelt es sich, daß wir wirklich einsehen, daß in die Geschicklichkeit, in die Handfertigkeit, in die menschliche Beweglichkeit alles hineingeht, was anthroposophische Ideen sind, die nicht bloß Gedanken sind, sondern die zu gleicher Zeit Weltenkräfte sind, in denen der Mensch lebt. Deshalb kann man sie auch wieder so bauen, plastisch gestalten, malen, wie man dasjenige baut, plastisch gestaltet, malt, was eben in der geschilderten Weise aus dem Menschen herausgeholt ist.
[ 21 ] Es mußte daher, weil Anthroposophie sich als etwas Neues in unsere Kultur hineinstellt, für diese Anthroposophie eine Umrahmung gefunden werden, die gerade nur für sie dasein kann. Das heißt, es mußte aus ihren geistigen Impulsen heraus ihr Stil gefunden werden. Der Dornacher Bau steht daher so da, daß das, was vom Podium gesagt werden kann, daß das Wort, was dasein soll, um den Inhalt der geistigen Welt zu verkündigen, das eine ist, die eine Art zu sprechen; eine andere Art ist die, die man in der Umrahmung des Baues sieht. Jede Säule, jedes Kapitell spricht genau ebenso wie die Worte, die vom Podium gesprochen werden. Es ist ein Einklang vorhanden, wie auch in der griechischen Seele zwischen der Gottesanschauung und dem Tempelbau ein Einklang war. Man muß aus den Impulsen des Kunstentstehens schaffen. Dann kommt das heraus, worüber man nicht diskutieren kann: der Stil — der Stil, der erfaßt werden muß aus dem ganzen Menschen, aus dem, wo man die Gedanken, die mehr als bloße Gedanken sind, als Kräfte erlebt, die in einem sitzen und bis ins Blut den Menschen durchpulsen, so daß man sie auch äußerlich gestalten kann.
[ 22 ] Nur ein paar Bemerkungen wollte ich machen, meine lieben Kommilitonen, verehrte Anwesende. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie man doch dahin kommen kann, wiederum Stile zu finden. Mag das in Dornach noch so unvollkommen gelungen sein — ich bin selber der strengste Kritiker dieses Baues, der ja nur ein erster Anhub ist —, aber es ist versucht worden, wiederum den Duktus des Stiles zu finden, wiederum das zu finden, was im Stile sitzt. Und deshalb, weil hier etwas in den Stil hineingestellt ist, was reale Geistigkeit ist, kann man auch das Material, das so spröde sich erweist, wie Herr Strakosch es geschildert hat, den Beton, bezwingen, so daß man sich dann sagt: Gewiß, aus dem Beton kann man gar nichts machen, wenn man nicht das verrückteste Zeug machen will, aber das verrückteste Zeug ist eben gerade das Stilloseste. Man kann erst etwas machen aus Beton, wenn man aus den übrigen Voraussetzungen — seien es bei Utilitätsbauten Utilitätsvoraussetzungen, seien es bei einem solchen Bau einer Hochschule für Geisteswissenschaft wie dem Bau in Dornach, geistige Voraussetzungen —, wenn man das, was als Lebendiges drinnen ist, [auch] drinnen hat; dann kann man sagen, auch wenn man den Beton vorliegen hat: Das gibt es nicht, daß der Beton gestattet, daß man alles Mögliche daraus macht, sondern man kann an eine Stelle nur ein Einziges hinstellen. An der Stelle, wo der Mensch ein Ohrläppchen hat, könnte keine große Zehe sein, die Natur würde das nicht gestatten; wenn ein bestimmtes Kräftemassiv des Organismus da ist, läßt sich an einer Stelle nur eines ausgestalten — wenn man in der Anschauung lebt. Das ist es, um was es sich handelt, wenn man von Stilgefühl, von festgebildetem Stilgefühl redet und von dem absolut plastischen Betonmaterial.
[ 23 ] So werden Sie vielleicht doch in Dornach erleben können, daß, trotzdem das wahr ist, was Herr Strakosch aus gewissen Anschauungen heraus über das Betonmaterial gesagt hat, daß doch das Betonmaterial in Dornach so zu behandeln versucht worden ist — wenn auch nicht alles gelungen ist —, daß das, was an irgendeiner Stelle sitzt, gerade dort als notwendig empfunden wird, und daß man sich aus der Anschauung heraus sagt: Wie an einer bestimmten Stelle des Kopfes nur ein Ohrläppchen sein kann, so kann hier nur eine ganz bestimmte Form sein. — Da muß aber vorausgehen die Überführung des bloß Symmetrischen, des bloß Maßvoll-Metrischen in das Organische, das innerlich erlebte Maßvolle, das innerlich erlebte Symmetrische, wie man es hat, wenn man übergeht vom bloß Mechanischen zum Organismus. Es mußte, um wiederum zu einem Stil zu kommen, einmal der Schritt gemacht werden von dem geometrisch-symmetrischen, metrischen Stil und so weiter zum organischen Stil. Das mag noch so unvollkommen gelungen sein, aber es ist zweifellos in dieser Richtung das zu suchen, was die weitere Stilentwicklung der Baukunst sein muß. Und man wird den [Stil für einen] Utilitätsbau, wie auch [für] einen solchen Bau wie das Goetheanum in Dornach, nur finden, wie ich meine, wenn man solche Wege geht, sonst werden wir immer nur bis zum Reproduktiven kommen. Zum Produktiven kommen wir nur auf diesem Wege. Dann werden nicht mehr pessimistische Betrachtungen darüber angestellt zu werden brauchen, daß Baustile nicht erfunden werden, sondern dann wird aus dem vollen, künstlerischen Leben heraus der Drang nach neuer Stilisierung, neuer Stilistik wiederum entstehen.
[ 24 ] Frage: Ich möchte fragen, ob Herr Dr. Steiner das Verhältnis zwischen dem heutigen Menschen und der neuen Stilform des Dornacher Baues auf dem Wege höherer Erkenntnis gefunden hat, wie das früher für geisteswissenschaftliche Dinge angedeutet wurde, und ob im bejahenden Falle dieser Weg da angewandt werden darf, wo es sich um intuitives und künstlerisches
[ 25 ] Schaffen handelt.
[ 26 ] Rudolf Steiner: Es ist das eine Frage, die so allgemein nicht behandelt werden kann. Ich habe ja, wie ich glaube, den Prozeß, soweit es eben in der skizzenhaften Darstellung ging, geschildert. Es handelt sich darum, daß die Anschauung da ist, und diese Anschauung, sie kommt mit einer gewissen Notwendigkeit. Man kann also nicht sagen, daß für irgend etwas Spezielles Vorbereitungen gemacht werden könnten oder so etwas, damit diese Dinge dann kommen. Sondern es ist im Anthroposophischen — man möge das heute glauben oder nicht — etwas da, was gegenüber dem bloß Abstrakten, Theoretischen ein Element ist, das zusammenhängt mit Organisation, mit Wachstum und so weiter. Es ist so, daß man sagen kann: Sogar das, was ich als Idee erkenne, als irgendein Wesenhaftes in der geistigen Welt, das ist da, das ist angeschaut, aber man hat jetzt nicht die Möglichkeit, dieses in ebensolcher Weise festzuhalten, wie ein sinnliches Erleben, das dem Gedächtnis anhaftet; man kann immer nur die Wege, durch die man zu einem solchen höheren Erlebnis gekommen ist, also das, was noch vor dem Erlebnis liegt, nachkonstruieren und kann dann abwarten, ob das Erlebnis wiederum da ist. Das Erlebnis ist die Darlebung; und wie ich diesen Saal nicht habe, wenn ich nur die Erinnerung an ihn habe, so habe ich auch nicht das höhere geistige Erlebnis, wenn ich es nur in der Erinnerung habe. In der Erinnerung stellt es sich gar nicht dar. Das ist das Eigentümliche der höheren, geistigen Erlebnisse, daß sie nicht in der gewöhnlichen Weise erinnert werden können. Ich habe in meinem Vortrage ausgeführt, daß die höheren geistigen Erlebnisse einer Umformung der Erinnerungskraft zu verdanken sind, daher unterliegen sie auch nicht der Erinnerung, sondern müssen immer wieder neu erlebt werden. Ich habe vier Mysteriendramen geschrieben, da ist bis aufs Wort alles einzelne ganz dagestanden, es war da. Ich kann nicht sagen, man könne sich speziell vorbereiten, aber man kommt durch Anthroposophie in einen lebendigen Prozeß hinein. Ich könnte das, was da zugrunde liegt, mit etwas, was Ihnen vielleicht trivial erscheint, andeuten. Wenn Sie etwas gelernt haben und haben ein entsprechendes Gedächtnis, so haben Sie es, Sie haben es immer gegenwärtig; aber wenn Sie etwas gegessen haben, so können Sie nicht sagen: Ich brauche heute nichts zu essen, denn ich habe vorgestern gegessen. — Was ich gestern gelernt habe, habe ich heute zur Verfügung; das ist ein abstrakter Prozeß, der der Erinnerung unterliegt. Das, was ein realer Prozeß ist, das unterliegt nicht der Erinnerung, das verarbeitet sich. So ist es mit dem Erleben dessen, was in übersinnlichen Welten erlebt wird. Es ist ein reales Erleben. Daher kann man sagen: Im allgemeinen ist das In-sich-Vergegenwärtigen dessen, was Anthroposophie geben kann, schon der Weg zu solchen Dingen, und wird sich natürlich im einzelnen finden, wenn die Vorbedingungen dazu da sind. Aber es ist selbstverständlich, daß man nicht sagen kann, man solle nun durch Anthroposophie das eine oder andere heranzüchten oder Anthroposophie wäre das Mittel, das Ideal des Friedrich von Schlegel, des Romantikers, auszuführen, das in nichts anderem bestand, als in: man solle beschließen, ein Genie zu werden. Dazu ist Anthroposophie nicht der Weg. Aber sie ist etwas Lebendiges, darum handelt es sich. Ich habe gesagt: So etwas wie ein neuer Stil kommt aus dem Naiven heraus; historische Betrachtungen würden nichts nützen zum Gestalten eines neuen Stiles. Es ist nicht abgesehen auf ein Intellektualisieren der künstlerischen Produktion, sondern darauf, was einfach aus der Entwicklung der Menschheit heraus sich ergibt, wie ich es gestern dargestellt habe, daß die früher physisch wirkenden Kräfte jetzt geistig wirksam gesucht werden müssen. Darauf kommt es an. Ich möchte aber davor warnen, irgendwie die Dinge, die eigentlich auf dem angedeuteten Wege zur vollsten Freiheit, also auch zur künstlerischen Freiheit führen müssen, zu regeln. Ich möchte nicht vorbeigehen an diesen Dingen, ohne daran zu erinnern, daß in ihnen künstlerische Freiheit walten muß, und daß ich sehr fürchte, daß, wenn man von vorneherein eine Regel anlegt an diese Dinge, und sei es selbst die des goldenen Schnittes, daß da am Ende nicht das freie Schaffen liegt, sondern das Hineingepreßtsein in jene spanischen Stiefel, die ja ein deutscher Dichter einmal in einer Dichtung, sagen wir «verherrlicht» hat. Das Anlegen von Maßstäben, was im freien Schaffen geleistet werden darf, und das Urteilen: «Das ist nicht schön» —, wenn es nicht einem gewissen Maßstabe entspricht, das führt zum Unkünstlerischen. Und ich fürchte, es würde der Dornacher Bau, wenn man lediglich das Maß des goldenen Schnittes anlegen wollte [Lücke] — der goldene Schnitt ist ja abstrahiert von dem, was bisher gebaut wurde, er ist in unzähligen Kunstwerken enthalten, und er ist berechtigt, weil er an der menschlichen Gestalt enthalten ist; aber wenn man ihn als vorgefaßte Regel anwendet, kommt man nicht zu dem, was [zum Beispiel] gefällige Kleidung ist, sondern zu dem, was man am spanischen Hofe und nachher am Österreichischen Hofe getragen hat.
[ 27 ] Frage: Wie ist es zu erklären, daß man im Halbschlaf oft Probleme lösen kann, die man bei hellem Tage nicht lösen kann? ... [Lücke]
[ 28 ] Rudolf Steiner: Wenn wir die gegenwärtigen Vorstellungen der physiologischen Wissenschaft oder auch der psychologischen Wissenschaft, was ja heutzutage fast dasselbe ist, ins Auge fassen, so können wir diese Tatsache, die ja zweifellos eine Tatsache ist, allerdings nicht erklären. Aber wenn man vorurteilslos sich geschult hat, das menschliche Leben in Wirklichkeit zu beobachten, so werden gerade solche Tatsachen eben belegend für diese Grundanschauung. Wir müssen uns klar werden über folgendes, und zwar in demselben Sinn, wie man sich materialistisch-physiologisch über andere Dinge, die durch solche Wissenschaft erreicht werden können, heute klar sein kann. Darüber muß man sich klar sein, daß der Mensch eigentlich nur wacht in bezug auf einen gewissen Teil seines Wesens vom Aufwachen bis zum Einschlafen, nämlich nur in bezug auf sein Vorstellungsleben. Das Vorstellungsleben ist wach zu durchschauen. Dagegen gibt es keine Möglichkeit, im Gefühlsleben mit derselben Bewußtseinsnuance drinnenzustehen wie im Vorstellungsleben. Wenn man das Gefühlsleben analysiert, so hat es dieselbe Bewußtseinsnuance wie das Traumleben. Träume sind ja nur eben Bilder, die sich aneinanderreihen. Aber die Aneinanderreihungen des Traumlebens, besonders in interessanten Träumen, entsprechen nicht der Vorstellungslogik, sondern eigentlich der Gefühlslogik, der Assoziation der Gefühle. Die Gefühle sind im Grunde genommen nur das wache Parallelstück zu dem, was im Traume im Bilde, in der instinktiven Imagination, auftritt. Völlig schlafend sind wir, auch im wachen Zustande, in bezug auf das Wollen. Wir können noch so wollen, wir wachen nur im Vorstellungsleben. Wie der Wille funktioniert, was da vorgeht, wenn wir nur einen Arm bewegen, das haben wir nicht [im Bewußtsein]; wir haben die Intention, wir heben in der Vorstellung den Arm, aber wir haben nur das vorstellungsgemäße Bild des Willensaktes. Nun kommen aber zum Beispiel mathematische Vorstellungen nicht aus demjenigen Teil unseres Bewußtseins, der sich im gewöhnlichen wachen Vorstellen erschöpft. Wenn wir nur wachende Menschen wären, das heißt nur denkende Wesen wären — Dilthey schildert das einmal interessant in einer Berliner Akademie-Abhandlung —, wir würden zu keiner Mathematik, noch weniger zur Mechanik kommen. Mathematik und Mechanik sind unten begründet im Menschen, und der Mensch kommt nur zur Mathematik durch die eigenen Gliederbewegungen. Da liegt etwas Ähnliches zugrunde, wie bei der griechischen Statik, nur haben wir es in der Reflexion. Wir haben Mechanik, besonders Phoronomie, alles, was wir mit Maß und Zahl umfassen, nur reflektiert in der Vorstellung. Daher sind wir viel näher dem Mathematischen, dem, was sich errechnen läßt, was gefunden werden muß vom Menschen. Und wenn der Mensch es einmal erleben würde — ich muß mich paradox ausdrücken —, wenn er nur richtig erlebte, wie gescheit und genial er im Schlafe ist, er könnte größenwahnsinnig werden. Es ist eigentlich sehr gut, daß sich dieser Nebel des Schlafes über diese unverdiente Gescheitheit breitet, und daß sie nur manchmal im Traume heraufkommt. Aber richtig ist es durchaus, daß wir im Aufwachen gerade noch erschnappen können, was wir gerade dann vollbringen, wenn wir vorbereitet irgendein Problem im Schlafe 16sen. Im Schlafe lösen wir nämlich viele Probleme. Und wer experimentell vorgehen will, kann folgendes Experiment machen. Er soll einmal versuchen, sich am Nachmittag bis zum Abend mit einer schwierigen Aufgabe zu befassen. Er wird sehen, wenn es ihm gelingt, in klarer Weise sich die Fragestellung gegen den Abend hin zu formulieren — die Fragestellung ist ein schwieriges Problem —, und wenn er dann die Besonnenheit dazu hat, am nächsten Morgen richtig daranzugehen, so wird er sehen, was er mittlerweile gearbeitet hat. Das kann einem dann wie eine Eingebung erscheinen. Man kann also sogar experimentell herantreten an diese Dinge. Solche Dinge erhärten geradezu, was anthroposophische Geisteswissenschaft — natürlich in methodischer und durchaus geschulter Weise — ans Tageslicht bringen will. Ich glaube ja nicht, daß wir heute schon soweit sind, daß «Die Schwergeprüftheit des Technikers», die Herr Dr. Unger gestern in so überaus glänzender Weise dargelegt hat, schon behoben werden kann durch diese Mittel; wir haben dazu noch nicht genug Lebenspädagogik und -didaktik ausgebildet. Aber das Problem ist durchaus auf den Wegen zu erklären, welche ich eben jetzt angeschlagen habe.
