Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Die Aufgabe der Anthroposophie
gegenüber Wissenschaft und Leben
GA 77a

29 Juli 1921, Darmstadt

6. Die Aufgabe der Anthroposophie gegenüber Wissenschaft und Leben

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Anthroposophie, von der ich im Rahmen eines kurzen Vortrages heute abend selbstverständlich nur ein notdürftiges und ungenügendes Bild werde entwerfen können, will nicht bloß aus theoretischen Erwägungen oder aus gefühlsmäßigen Impulsen heraus über Weltanschauungsfragen reden, sondern diese Anthroposophie will befruchtend eindringen in die verschiedensten Zweige des wissenschaftlichen und des sonstigen Lebens. Über diese Anthroposophie wird in der Gegenwart nicht bloß gesprochen, sondern wir haben in Dornach bei Basel bereits eine Hochschule für anthroposophische Geisteswissenschaft, an welcher im vorigen Herbste und in diesem Frühling von einer Reihe von Fachleuten über die verschiedensten wissenschaftlichen Zweige Vorträge und Vortragskurse abgehalten worden sind. Es ist in Stuttgart ein Therapeutisches Institut in Begründung, um das, was aus anthroposophischer Geisteswissenschaft die Medizin befruchten kann, allmählich ins Leben einzuführen. Und von dieser Art könnte ich noch vieles nennen, das zeigen würde, wie Anthroposophie nicht etwa irgendeiner Sektengesinnung oder irgendeiner gefühlsmäßigen Anwandlung entspringt, sondern wie sie sich als eine Lebenstatsache ins Leben hineinstellen will. Indem sie ihrer Gesinnung nach von solchen Voraussetzungen ausgeht, fühlt sie sich bei jedem ihrer Schritte durchaus durchdrungen von der Verpflichtung, sich vor den strengsten Anforderungen, die sich allmählich im wissenschaftlichen Leben der Menschheit ergeben haben, zu rechtfertigen. Und es darf wohl gesagt werden, daß Anthroposophie gerade da anknüpfen möchte, wo die verschiedensten wissenschaftlichen Zweige gegenwärtig zeigen, daß sie aus ihrem eigenen Gefüge heraus eine Fortsetzung fordern. Ich möchte gleich auf Konkretes eingehen.

[ 2 ] Die großen Triumphe der modernen Wissenschaft, die, wie ich immer wieder und wiederum erwähne, von der Anthroposophie voll anerkannt und gewürdigt werden, diese großen Triumphe der modernen Wissenschaft sind in der neusten Zeit zum Teil dem Umstande zu verdanken, daß man verstanden hat, die bloße Beobachtung der äußeren Sinneswelt umzugestalten in das wissenschaftliche systematische Experiment. Und im Experimentieren, in der Methodik des Versuches, in der Versuchsanordnung, ergeben sich ja nicht nur die Resultate der Wissenschaften der neueren Zeit, sondern in der Versuchsanordnung, in der Handhabung des Experimentes, ergibt sich zu gleicher Zeit das, was ich nennen möchte: die neuzeitliche wissenschaftliche Gesinnung, das, was man haben muß, wenn man irgendwie mitreden will im modernen, wissenschaftlichen Leben.

[ 3 ] Den Anforderungen, die man allmählich im Laufe der neuzeitlichen Forschung an diese wissenschaftliche Gesinnung stellen gelernt hat, diesen Anforderungen möchte nun Anthroposophie auf einem anderen Gebiete, als dasjenige der anerkannten Naturwissenschaft ist, voll gerecht werden.

[ 4 ] Worauf beruht denn eigentlich die Sicherheit, die wir aus dem Experimentieren gegenüber der äußeren Natur gewinnen? Sie beruht darauf, daß wir in der Lage sind, die Bedingungen des Versuches aus unseren Erwägungen heraus, aus unseren Erkenntnissen heraus so zusammenzusetzen, daß wir in der Lage sind, einen klaren Überblick zu haben über das, was nun als eine Tatsachenreihe sich ergibt aus diesen Bedingungen, die wir selber zusammengestellt haben. Das, was aus dieser besonderen Eigentümlichkeit des Experimentes folgt, das hat sich nun dahin ausgelebt in der neueren wissenschaftlichen Weltanschauung, daß in der Tat im weiten Umkreise ein allerdings noch lange nicht etwa abgeschlossenes, aber bis zu einem gewissen Grade befriedigendes Wissen über gewisse Verhältnisse, namentlich über die unorganischen Verhältnisse der äußeren Welt, erzielt worden ist. Durch die besondere Schätzung, die man dem Experimente zuteil werden ließ, ist allerdings das heraufgekommen, was man nennen kann: wissenschaftlicher Materialismus. Allein, dieser wissenschaftliche Materialismus ist in einem gewissen Sinne berechtigt. Denn, insofern man darauf ausgeht, die Gesetzmäßigkeiten des Verlaufes materieller Erscheinungen methodisch kennenzulernen, handelt es sich wirklich darum, das, was im materiellen Dasein uns entgegentritt, als objektiv materiell, als tatsächlich, und in seiner Gesetzmäßigkeit auch kennenzulernen. Auf diesem Wege sind ja große, ungeheure Fortschritte gemacht worden.

[ 5 ] Aber einer anderen Tatsache stehen wir im neueren Wissenschaftsleben gegenüber, einer Tatsache, die übrigens nicht allein steht, die ich aber als eine besonders symptomatische hervorheben möchte: Es war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem Zeitalter, in dem gerade jene Denkungsart heraufkam, von der ich eine ganz kurze Charakteristik eben gegeben habe; es war in dem Zeitalter, als man verabschiedet hat das Reden über eine gewisse Kraft, die man früher immer angenommen hatte und ohne die man nicht auszukommen glaubte. Verabschiedet hat man das, was frühere Naturphilosophen oder Naturforscher die «Lebenskraft» genannt haben. Man verstand im 19. Jahrhundert unter dieser Lebenskraft schon etwas sehr Nebuloses. Verbindungen chemischer Elemente, überhaupt chemische Vorgänge sollten sich im Organismus unter dem Einflusse dieser Lebenskraft abspielen auf eine Weise, von der man nur ziemlich dunkle Vorstellungen hatte. Und in demselben Maße, in dem die neuere Experimentalwissenschaft heraufkam, in demselben Maße fand man keine Befriedigung mehr in dem Spekulieren über eine solche Lebenskraft. Denn allmählich war alles Reden über eine solche Lebenskraft durchaus zu einem Spekulieren geworden. So verschwand denn um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der wissenschaftlichen Betrachtung dieses Reden über eine besondere Lebenskraft, und zwar — gerade wenn man die Dinge historisch wissenschaftlich zu fassen vermag, ergibt sich dieses — und zwar mit Recht.

[ 6 ] Aber in der neueren Zeit stehen wir wiederum einer anderen Tatsache gegenüber. Die Sicherheit, die man gewonnen hat in der Experimentalwissenschaft, und das, was man sich da angeeignet hat an Erkenntnis materieller Zusammenhänge — es zeigt sich allmählich, daß das nicht genügt. Die materiellen Zusammenhänge, insofern sie verfolgt werden können in das organische, selbst in das seelische Leben hinein, diese Zusammenhänge lassen sich nicht begreifen mit dem, was man aus der bisher üblichen Experimentalwissenschaft gewinnen kann. Und mehr noch: Man bekommt allmählich das Gefühl, daß es unmöglich ist, mit dem, was man an Begriffen und Ideen, an Zusammenfassungen der Erscheinungen als Naturgesetze gewinnt, heranzukommen an das, was sich zum Beispiel schon im lebendigen Organismus kundgibt — noch weniger an den beseelten Organismus. Und da ist denn das heraufgezogen, was man nennt den Neo-Vitalismus, der nun wiederum appelliert an etwas Ähnliches, wie es die verabschiedete, alte Lebenskraft ist.

[ 7 ] Wer sich unbefangen alles ansieht, was auf diesem Gebiete des Herausdringens oder, wie man es wohl auch nennt, der Überwindung der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts groß gewordenen Wissenschaft versucht wird, dem erscheint das als ein Zwitterding, als eine Halbheit, als eine Halbheit aus dem Grunde, weil versucht wird, mit derselben Art von Denken, die man für die äußere Experimentierkunde ausgebildet hat, mehr oder weniger hypothetisch einzudringen in den lebendigen Organismus. Und indem alles, was sich in dieser Beziehung als eine Art von Zwitterding kundgibt, vorurteilslos beobachtet wird, muß man eigentlich dazu kommen, sich zu sagen: Ja, ist denn nun dasselbe Denken, das man herangebildet hat an der üblichen Experimentierkunde, wirklich auch geeignet, einzudringen in die Gesetzmäßigkeit, in die Wesenhaftigkeit dessen, was im Organischen, im Beseelten, und im Durchgeistigten lebt? Kommt man mit einer Erneuerung des Begriffs der Lebenskraft aus, wenn man das Organische, das Beseelte und das Durchgeistigte fassen möchte mit denselben Gedanken, die man gewohnt ist, auf die äußere sinnliche Natur mit Recht anzuwenden?

[ 8 ] Daß man damit nicht auskommt, das ist die Grundüberzeugung derjenigen, welche die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft im rechten Sinne begriffen haben. Sie stehen auf dem Boden, daß es durchaus berechtigt ist, anzunehmen: Die Erscheinungen des Lebens fordern, gerade indem man sie mit der strengsten Wissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts verfolgt, ein Hinausgehen über diese Wissenschaft; aber sie erfordern zu gleicher Zeit eine Umwandlung der Erkenntnis selbst, eine Umwandlung der ganzen Seelenverfassung, eine Umwandlung der ganzen Stellung des menschlichen Betrachters zu dem, was beobachtet werden soll. Deshalb geht die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft nicht von demselben Erkennen aus, von dem mit Recht ausgegangen werden muß in der äußeren Naturwissenschaft, sondern sie sucht dasjenige, was über dieses naturwissenschaftliche Gebiet offensichtlich hinausliegt, durch andere Erkenntniskräfte zu ergreifen. Und diese anderen Erkenntniskräfte — das ist für sie eine durchaus empirische, eine Erfahrungstatsache —, diese anderen Erkenntniskräfte sind zunächst im gewöhnlichen Leben, im gewöhnlichen wissenschaftlichen Forschen nicht vorhanden; sie liegen gewissermaßen schlummernd in der Seele, sie müssen erst herausgeholt werden aus dieser Seele. Und ehe man nicht anerkennt, daß jedes spekulative Wiederheraufbringen von so etwas, wie die alte Lebenskraft es ist, nichts nützt, ehe man nicht anerkennt, daß einzig und allein das Übergehen zu einer besonderen Erkenntnisart uns weiterbringt, das Entwickeln einer besonderen Erkenntnisart, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft in der Seele schlummert, — eher wird man nicht aufsteigen von dem Begreifen des Unorganischen zu dem Begreifen des Organischen, des Beseelten, des Durchgeistigten.

[ 9 ] Wie hat man sich nun die Entwicklung solcher in der Seele schlummernder Kräfte zu denken? — Was ich in prinzipieller Weise jetzt mit einigen Worten werde zu charakterisieren haben — den Weg zur übersinnlichen Erkenntnis —, das finden Sie ausführlich beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» sowie auch in anderen meiner Bücher. Ich werde hier nur das hervorheben, was das Prinzipielle an der Sache ist.

[ 10 ] Zweierlei ist zunächst anzustreben. Gewissermaßen nach zwei Polen ist das menschliche Seelenleben systematisch, vollbewußt zu entwickeln, wenn eine solche höhere Erkenntnis im Menschen auftauchen soll. Die eine Seite ist diese, welche man am besten begreift, wenn man anknüpft an das, was im Menschen vorstellt das Erinnerungsvermögen. Dieses Erinnerungsvermögen brauchen wir für das gewöhnliche Leben, und wir brauchen es zur Begründung des wissenschaftlichen Lebens. Wenn die Erinnerungsfähigkeit, wenn das Gedächtnis im Menschen gestört ist, verliert er seine normale seelische Gesundheit. Sie brauchen sich nur bekannt zu machen mit dem, was Ihnen der Pathologe erzählt von Menschen, bei denen die Rückerinnerung an ihre Lebensereignisse irgendwie unterbrochen ist, so daß sie ihr zurückgelegtes Leben nicht mehr überschauen können. Was uns innerlich-seelisch zum ganzen Menschen macht, das ist eigentlich das Erinnerungsvermögen. Aber dieses Erinnerungsvermögen ist zugleich das, was für höhere Erkenntnis in einer gewissen Beziehung nun überwunden werden muß. Man muß anknüpfen an das, was in der Erinnerung zutage tritt. In der Erinnerung werden gewissermaßen unsere Vorstellungen zu etwas Dauerndem. Immer wieder und wiederum können willkürlich oder unwillkürlich aus dem Strome unserer Erlebnisse die Erinnerungen herauftauchen, dadurch konstituiert sich eben unser Seelenleben. Es kann nun das, was da auftritt, das Dauerndmachen der Vorstellungen, durch die Methode, die ich in den genannten Büchern die meditative Erkenntnismethode genannt habe — ich meine das im technischen Sinne, nicht in jenem nebulos-mystischen Sinne, wie es heute vielfach gemeint wird —, in einer gewissen Weise nachgebildet werden, so daß man aus dem Erinnerungsvermögen etwas bildet, was nun etwas ganz anderes ist als das gewöhnliche Erinnerungsvermögen. Man muß dann dasjenige, was in der Erinnerung auftritt, nämlich daß sich in das Bewußtsein hereinschieben gewisse Vorstellungen, das muß man aus dem vollen, freien Willen heraus nachahmen. Man muß solche leicht überschaubaren Vorstellungen vor sich hinstellen, die keine Reminiszenzen, die nicht selber Erinnerungsvorstellungen sein dürfen, die man sich daher entweder von einem anderen empfehlen lassen kann, oder die man so zusammenstellen muß, daß sie durchaus überschaubar sind, so daß nichts aus dem Unterbewußten heraufkommen und sich hineinmischen kann; und diesen Vorstellungen muß dann durch Willkür Dauer verliehen werden. Man muß gewissermaßen mit dem ganzen Seelenleben ruhen können auf solchen Vorstellungen. Es kommt nicht darauf an, was gerade der Inhalt solcher Vorstellungen ist, sondern es kommt auf diesen Seelenakt an. Es kommt darauf an, das ganze Seelenleben zusammenzubringen in dem Hinschauen, dem innerlichen Hinschauen auf solche Vorstellungen. Dadurch wirkt man auf dieses Seelenleben in einer ähnlichen Weise, wie man zum Beispiel auf einen Muskel wirkt, der Arbeit verrichtet und dadurch eine Verstärkung erfährt. Auf dieses Verstärken des Seelenlebens kommt es an. Daher ist auch das, was ich jetzt in ganz kurzer Weise beschrieben habe, in der Praxis eine sehr ausführliche Übung, etwas, dem man sich lange und in sehr geordneter Weise hingeben muß. Es entwickeln sich dann Kräfte, die sonst eben durchaus nicht aus dem Seelenleben herausgeholt werden. Wir sind gerade unter dem Einflusse der modernen Wissenschaftsgesinnung eigentlich immer mehr und mehr bestrebt, nicht in dieser Art Vorstellungen herbeizurufen in das Feld unseres Bewußtseins und auf ihnen zu ruhen, sondern wir sind vielmehr dazu gekommen, die Vorstellungen durch das Leben oder durch Beobachtung in uns wachrufen zu lassen, so daß diese Seelenkraft, auf die ich besonders hinwies, die da erstarkt werden muß, in der neuzeitlichen Wissenschafts- und Lebensgesinnung eigentlich wenig geübt worden ist. Aber auf diese Seelenkraft kommt es an.

[ 11 ] Nun möchte ich gerade hier, sozusagen in Paranthese, noch etwas bemerken: Wer nun hört, daß solche Seelenkräfte entwickelt werden, die sonst in der Seele schlummern, der wird aus gewissen Untergründen des heutigen Denkens geneigt sein, leichten Herzens zu sagen: Nun ja, da wird eine gewisse Pathologie der Seele entwickelt; da werden Halluzinationen oder Illusionen oder sonstige unberechtigte Seeleninhalte geschaffen. — Und diejenigen Menschen, die sich nicht im Ernste befaßt haben damit, was hier eigentlich gemeint ist, haben in der unzutreffendsten Weise ihre Mißverständnisse vor die Welt hingestellt [zum Beispiel durch ihre Behauptungen], daß da gewissermaßen krankhafte Zustände des Bewußtseins durch solche Übungen herausgefordert werden. Wenn man nämlich ein wirklicher Seelenbeobachter ist und versteht, wodurch Autosuggestionen, Illusionen und Halluzinationen zustandekommen — ich müßte natürlich viele Vorträge halten, um das näher zu beschreiben —, wenn man diese pathologischen Erscheinungen kennt — denn sie sind alle pathologisch —, wenn man diese pathologischen Erscheinungen des Seelenlebens kennt und die Kräfte, die dazu führen, dann weiß man auch, daß dasjenige, was durch Anthroposophie, durch anthroposophische Methodik im Seelenleben herangebildet wird, gerade nach der entgegengesetzten Richtung hin weist. Alles, was zur Illusion, zur Suggestion führt, das weist nach der krankmachenden Seite hin. Was in der anthroposophischen Methodik in der Seele herangebildet wird, das weist nach der entgegengesetzten Seite hin. Alle gesundmachenden und heilenden Kräfte im Seelen- und dadurch im organischen Leben werden gerade durch die hier gemeinten Übungen aufgerufen.

[ 12 ] Was ich hier geschildert habe, das führt zu einem gewissen Heraufkommen von Seelenkräften, die erstarken, das führt zu der ersten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die ich die imaginative Stufe nenne. Nicht weil man es mit «Imaginationen» zu tun hätte in dem Sinne, wie das Wort oftmals gebraucht wird, sondern weil man allmählich durch solche Übungen zu Bildern kommt, ohne dazu gezwungen zu sein durch äußere Sinneswahrnehmungen, zu Bildern, die aber rein seelische Bilder sind, die sich nicht mit Halluzinationen vergleichen lassen, sondern sich nur vergleichen lassen mit Erinnerungsvorstellungen. Man kommt allmählich zu solchen Bildern, aber in dem Erleben des Bildes weiß man zugleich, es bezieht sich dieses Bild nicht wie eine Erinnerungsvorstellung auf irgendetwas von uns Erlebtes in dem Leben zwischen Geburt und Tod, sondern es kommen diese Bilder, wenn man dieses Bildgestalten allmählich sich aneignet, aus unbestimmten Seelentiefen heraus. Diese Bilder ergeben sich nicht aus krankhaften Untergründen heraus, denn da würde man einem inneren Zwang unterliegen, sondern in vollständig freier Gestaltung, aber sie ergeben sich so, daß man weiß: sie weisen auf eine geistige Realität hin. Das ist das Wesentliche, daß man sich aufschwingt zu der Erkenntnis: Geradeso wie unsere Erinnerungsvorstellungen auf das gewöhnliche Erleben hinweisen, das wir durchgemacht haben in gesunder, besonnener Weise, so weisen diese Imaginationen, diese Bilder, auf eine geistige Welt hin. Eine geistige Welt hält ihren Einzug in unser Bewußtsein, indem wir diese Seelenkraft aus ihren Tiefen heraufholen.

[ 13 ] Nun handelt es sich darum, daß man zunächst nicht stehenbleibt bei einer solchen Übung‚ sondern daß man dazu übergeht, ebenso durch Willkür solche Bilder wiederum auszuschalten, wie man sie gestaltet hat. Ich möchte sagen: Wie man eine Art höheren, eine Art künstlichen Erinnerns in sich ausbildet, so muß man in einer höheren Weise die Kraft, die sonst im Vergessen liegt, in sich ausbilden. Es ist sogar schwieriger, diese Kraft des Vergessens in die Willkür hereinzubringen, aber es muß dieses geübt werden. Darin ist man erst soweit, daß man, geradeso wie man sonst durch ein äußeres Sinnesorgan den Eindruck auf das Objekt bezieht, nun lernt, das, was man in der Imagination erlebt, auf ein geistiges Objekt zu beziehen. Dadurch erst erlangt man dann die nächsthöhere Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, wenn auch zunächst nur teilweise; man gelangt zu derjenigen Stufe, die ich — ich bitte, sich nicht an diesem Ausdruck zu stoßen, er wird auch oft mißbräuchlich angewendet, ich gebrauche ihn nur in dem Sinn, wie ich es oftmals charakterisiert habe —, die ich die inspirierte nenne; inspiriert aus dem Grunde, weil man nun dazu kommt, dasjenige, was vorher nur subjektiv Erlebtes war, nur subjektive Imagination war, auf eine objektive, geistige Außenwelt zu beziehen.

[ 14 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, da stellt sich etwas ein, was ein neues inneres Erlebnis ist. Es stellt sich das ein, daß eine Urteilsfällung, die Zustimmung oder eine Verneinung zu irgendeinem Tatbestand, den man auf diese Weise im Geistigen erlebt, die Gestalt einer inneren Tatsächlichkeit annimmt. Man weiß jetzt: Man lebt nicht mehr in einem solchen abstrakten inneren Seelenleben, wie man es gewöhnt war, und wie es sein muß für die äußere Welt, die bloß abgebildet werden muß, die nicht erlebt werden kann, sondern man lebt jetzt in einer inneren Tatsachenwelt, die aber eine rein seelisch-geistige Tatsachenwelt ist. Man erlebt die Zustimmung zu einem Urteil in der Weise, daß dasjenige deutlich auftritt, was man sonst in seinem Seelenleben primitiv die Kraft der Sympathie nennt, und man erlebt die Ablehnung wie die Antipathie; nur daß diese Erlebnisse jetzt nicht etwas sind, was so subjektiv auftritt im Verhältnis zu den Gegenständen wie im gewöhnlichen Leben, sondern wie etwas, was ein Eingliedern ist in jene Geisteswelt, die man jetzt anfängt zu erleben.

[ 15 ] Zu diesen Übungen, die ich geschildert habe, müssen nun andere hinzukommen, die man prinzipiell beschreiben kann — das Genauere ist aus den genannten Büchern zu ersehen — als zur menschlichen inneren Selbstzucht gehörend. Wir überlassen uns im gewöhnlichen Dasein dem äußeren Leben. Wir überlassen uns unseren Erziehern als Kinder, wir überlassen uns der Auslebung der ererbten Eigenschaften, wir überlassen uns im späteren Leben mehr oder weniger diesem Leben selbst. Man sei nur ehrlich mit sich und sage sich, wieviel innere Selbstzucht denn eigentlich im gewöhnlichen Leben für den Menschen da ist. Diese Selbstzucht ist nun das, was in systematischer, methodischer Weise von dem Geistesforscher in Angriff genommen werden muß. Ich kann nur einzelnes hervorheben, in den Büchern habe ich viele solche Übungen dargestellt, die alle mehr oder weniger angewendet werden müssen, wenn man zu einem gewissen Grad dieser Erkenntnisse, die ich hier meine, kommen will.

[ 16 ] Es handelt sich darum, daß man zum Beispiel klar und besonnen erforscht, was eine besondere Eigentümlichkeit des eigenen Selbstes ist, was eine Gewohnheit ist, die sich herausgebildet hat und so weiter. Nun geht man aus rein innerem Antriebe daran, diese Gewohnheit vollständig zu beherrschen, das heißt, sie nicht so zu lassen, daß sie einen gewissermaßen führt, daß man unter ihrem Zwang steht, sondern so, daß man sich überlegen kann: Ich folge dieser Gewohnheit oder ich folge ihr auch nicht. Man kann allerlei Übungen durchführen, die nun wiederum durchaus nach dem Gesundenden hingehen — auch deshalb, weil sie den Menschen in eine gewisse Freiheitsphäre einführen, in eine Möglichkeit, sich im Leben und auch gegenüber sich selbst frei zu bewegen. Man kann solche Übungen so durchführen, daß man zum Beispiel, wenn man ein Sklave seiner Schrift ist, sich einmal im Leben dazu entschließt, seine Schriftzüge gründlich zu ändern. Das ist auch die Änderung einer Gewohnheit. Da nimmt man wirklich, wie ich sagen möchte, sein Inneres in die Hand. Wenn solche Übungen systematisch durchgeführt werden — aber nicht wie bei den vorher beschriebenen Übungen, wo das Seelenleben mehr nach der intellektuellen Seite hin umgestaltet wird, sondern jetzt mehr nach der Willensseite hin —, dann tritt dasjenige ein, daß es für uns innerlich viel mühevoller wird, sagen wir, zu einem Entschluß zu kommen oder von irgendetwas abzulassen, als es sonst im Leben der Fall ist. Sonst im Leben sind die Willensimpulse in den Untergründen unserer Natur; wir folgen ihnen unmittelbar; wir werden von ihnen geleitet. Der Geistesforscher muß für diejenigen Zeiten, in denen er der Geistesforschung sich überliefern will — natürlich bloß für diese Zeiten — in die Lage kommen, sich mit seinem Seelenleben abzuheben von diesem Zwange.

[ 17 ] Und wenn ich nun den ganzen Weg schildern würde, so würde ich zuletzt dazu kommen, zu sagen: Der Geistesforscher kommt dazu, nun in bezug auf sein Willensleben genau zu unterscheiden zwischen Ruhe und dem Übergang der Ruhe zur Tätigkeit. Das lernt man nun kennen: dieses Sich-Aufrufen zur Tätigkeit, dieses vollbewußte Sich-Hingeben dem Willen, der da nicht aus dem Instinktiven heraus dann geleitet werden kann, der sich voll abhebt vom organischen Leben, der selbständig wird, solche Anstrengung im Wollen, wie sie sonst nur vorhanden ist im äußeren Tun, wo die Muskeln angestrengt werden müssen, dieses Erstarken des inneren Willenslebens dadurch, daß man es aus dem Leiblichen heraushebt: in das Seelische. Und lernt man dieses kennen, dann tritt die Möglichkeit ein, die inspirierte Erkenntnis, von der ich vorhin gesprochen habe, voll auszubilden, das heißt, jetzt wirklich die Möglichkeit zu gewinnen, die Imaginationen auf geistige Tatsachen, auf geistige Wesenheiten zu beziehen, so wie wir unsere äußeren Sinneseindrücke sonst auf äußere physische Gegenstände oder physische Tatsachen beziehen. Und wir lernen dann erkennen das Wesen des Geistigen; wir stehen ihm gegenüber, wenn wir in dieser Weise auch von seiten des Willens eine innerliche Kultur uns aneignen.

[ 18 ] Ich habe Ihnen bis jetzt geschildert, meine sehr verehrten Anwesenden, was sich — mehr seelisch — in dem menschlichen Erleben herausstellt dadurch, daß man solche Übungen macht. Aber bei dem braucht man nicht stehenzubleiben. Und so paradox es heute noch manchem erscheinen wird, so wahr ist es, und es ist einfach doch eine Tatsache des empirisch sich herangestaltenden Seelenlebens, das ganz systematisch ausgebildet werden kann zu einer übersinnlichen Forschung.

[ 19 ] Dasjenige, was wir uns erringen, indem wir, wie ich es geschildert habe, das Intellektuelle mehr umwandeln, das ist das, daß wir nicht nur uns hineinarbeiten in ein tatsächliches Erleben des Seelischen, sondern daß wir dazu gelangen, jetzt auch den Übergang zu finden — und zwar nicht durch äußere Beobachtung, sondern jetzt durch inneres Erleben — zu dem, was wir nun rein im Geiste erfaßt haben. Denn wir sind durch Imagination, durch Inspiration und Intuition gegangen und haben das Geistige erfaßt. Und wir gelangen dazu, das, was wir imaginativ wirklich erfassen — wenn wir dazu die anderen Erkenntnisarten hinzufügen —, nun verfolgen zu können in bezug auf die physischen Vorgänge, die sich durch dieses seelisch-geistige Leben im menschlichen Organismus abspielen. Kurz, man kommt jetzt dazu, durch tatsächliche Forschung, durch Beobachtung oder, wenn ich nicht mißverstanden werde, kann ich mich auch so ausdrücken, daß ich sage: durch inneres Experiment, — man kommt dazu, das in der Wirklichkeit zu schauen, was heute die Psychologen, die Seelenkundigen durch Spekulation anstreben. Da wird immer gefragt: Ja, wie wirkt die äußere Welt auf den menschlichen Organismus? Wirkt sie auf dem Umwege durch die Beobachtung, durch das Denken? Wie wirkt auf der anderen Seite der Mensch durch den Willen in die Tätigkeit, in die Beweglichkeit des Organismus hinein und so weiter? —

[ 20 ] Zu diesen Dingen — man nenne es nun Wechselwirkung oder Paralellismus oder wie all die Worte heißen, die aber Worte bleiben —, zu diesen Dingen, die man in spekulativer Weise sucht, für die man aber durch Spekulation niemals zu einem Ergebnis kommen kann, zu ihnen dringt man einfach durch inneres Anschauen dann, wenn man zur Imagination gelangt ist. Dann erkennt man, daß diese Imagination nichts anderes ist als eine höhere Entwicklungsstufe dessen, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit», die anfangs der neunziger Jahre in der ersten Auflage erschienen ist, genannt habe «das reine Denken», jenes reine Denken, das ich dazumal zugrunde legte dem Begriff der menschlichen Freiheit. Dieses reine Denken, in dem eigentlich auch der reine Wille lebt, das ist dasjenige Denken, von dem der Impuls der freien Handlung ausgehen muß. Im gewöhnlichen Leben wird es oft nicht bemerkt, wenn es auftritt, und es tritt dann auf, wenn in irgendeinem Teil unserer sonst determinierten Handlung Freiheit steckt. Wir können nicht fragen, ob wir frei sind oder nicht, wir sind immer in einem Teil nur frei, aber die Freiheit lebt in unserm Handeln. Das Höher-Entwickeln dieses Denkens zu einer wirklichen Realität hinauf, die nun geistiger Art ist, das ergibt die Möglichkeit, nun in innerer Anschauung die Beziehung des Denkens nicht nur zur Seele, wie ich es eben geschildert habe, sondern auch zu dem physischen Organismus zu finden. Wie gesagt, so paradox das für den heutigen Menschen auch erscheint, es ist doch so, daß derjenige, der in dieser Weise das Denken erlebt, weiß, daß in der Entfaltung des Denkens etwas liegt, was in dem menschlichen Organismus — es ist in der Tierheit ganz anders — in einer Konsolidierung des Materiellen gewissermaßen einen Prozeß darstellt, der im wesentlichen ein Nervenprozeß ist, der in seinem Zusammenhang mit dem Denken bis in sein Physisches hinein geschaut werden kann. Es ist ein Prozeß, den man vergleichen kann mit einem Konsolidieren der Materie, mit dem, was eintritt, wenn sich irgendein Stoff, der in einem anderen aufgelöst ist, absetzt. Dieses materielle Konsolidieren, dieses Dichterwerden des Materiellen, dieses Sich-Heraussondern des Materiellen aus einem Medium, das ist dasjenige, was nun tatsächlich erlebt wird.

[ 21 ] Die andere Seite, die Ausbildung des Willens, sie wird anders erlebt, wenn das Erleben bis in das PhysischOrganische hineingeführt wird. Man erlebt nun: Jeder wirkliche Willensakt, alles, was dem Willen entspricht, das wirkt im Organischen so, daß es etwas darstellt, was sich vergleichen läßt mit einer Art von Auflösung, von Zerstäubung des Materiellen. Man könnte auch sagen: Es ist etwas, was sich in einer Art materiellem Vorgang auslebt, der mit dem Erwärmen beginnt und in einen Prozeß hineinläuft, der beim Erwärmen anfängt und der dann eben allmählich hineinläuft in dasjenige, was auch im gewöhnlichen Leben unsere Willensentfaltung mehr oder weniger bewußt darstellt. Während im gewöhnlichen Leben das Vollbewußte damit verknüpft ist, daß innerlich ganz feine Konsolidierungen der Materie vor sich gehen, gehen Auflösungen des Materiellen vor sich, wenn mehr oder weniger unbewußte Willensakte im gewöhnlichen Leben sich abspielen; — nicht so im geistigen Leben, da werden sie sich durchsichtig entfalten.

[ 22 ] Bei der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, handelt es sich nicht um jene nebulosen Dinge, von denen in der gewöhnlichen Mystik die Rede ist, sondern hier handelt es sich um eine ebenso strenge Ausgestaltung einer inneren Seelenverfassung, wie sie zum Beispiel eintritt bei der Heranbildung der mathematischen Methodik. Da handelt es sich darum, daß man für das übersinnliche Forschen darauf verzichten lernt, herumzureden, herumzumysteln, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf; da handelt es sich darum, daß man in bezug auf die Entwicklung der Seele mit innerer Systematik streng vorgeht, wie man es gewöhnt geworden ist aus dem wissenschaftlichen Gewissen und der wissenschaftlichen Disziplin der neueren Zeit heraus. Daher werden in der Geisteswissenschaft auch diejenigen vor allen Dingen berufen sein, etwas zu sagen, die sich zuerst im äußeren Forschen wissenschaftliches Gewissen und wissenschaftliche Disziplin wirklich angeeignet haben.

[ 23 ] Damit ich nicht mißverstanden werde, muß ich das folgende noch sagen: Was ich Ihnen hier schildere, das sind Seelenverfassungszustände, die der Geistesforscher erringt, die aber nicht etwa dann seine gewöhnlichen Zustände sind. Nein, der Geistesforscher muß gerade im gewöhnlichen Leben mit aller Besonnenheit, mit aller Vernünftigkeit, mit aller Neigung zum gewöhnlichen wissenschaftlichen Denken und Forschen drinnenstehen. Und dasjenige, was ich Ihnen geschildert habe als höhere Erkenntniskraft, das tritt gewissermaßen nur in dem Augenblick ein, wo der Geistesforscher sich diesen höheren Erkenntnissen hingibt. Es ist nicht etwas, wovon er gefangengenommen wird oder was ihn zu einem mystischen Schwärmer macht, der immer außerhalb des Lebens lebt, sondern es ist etwas, was er handhaben kann, zu dem er bewußt hingeht, wie man zu einem äußeren wissenschaftlichen Experiment geht und wieder weggeht ins gewöhnliche Leben, in dem man ein vernünftiger Mensch ist mit aller Nüchternheit, die notwendig ist in diesem Leben. Gerade derjenige, der im gewöhnlichen Leben zu irgendwelchen pathologischen Seelenzuständen neigt, der im gewöhnlichen Leben nicht seine volle Persönlichkeit einsetzen kann wie jeder andere Mensch, der kann auch nicht im wahren Sinne des Wortes ein Geistesforscher sein.

[ 24 ] Aber nun, wenn man diese strenge innere Methodik erwägt, was hat man denn an ihr? Leider kann ich wegen der Kürze der Zeit nur andeuten, was nun die weitere Fortsetzung dieses Forschens ist.

[ 25 ] Man bekommt auf der einen Seite die Möglichkeit, sagte ich, zu schauen den Zusammenhang des Gedankens, der zunächst als ein rein Geistiges erfaßt ist, mit dem materiellen Dasein. Man gelangt dazu, zu schauen, wie der Gedanke sich im materiellen inneren Leben entfaltet. Das ist die primitive Tatsache, von der man ausgeht, das Erfahrungsaxiom, das in seinem weiteren Verfolg dasjenige jetzt gibt, was einen erkennen läßt — wenn das imaginative und inspirierte Erkennen immer weiter und weiter sich ausbildet —, wie unser Seelenleben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis in einer geistig-seelischen Welt ist. Was da lebt von uns in einer geistig-seelischen Welt, was sich verbindet mit dem, was durch die Vererbungsmaterie von den Vorfahren dem Menschen überkommt, das lernt man nun in seinem Zusammenhang erkennen als eine weitere Fortsetzung des primitiven Zusammenhanges zwischen dem Denken und den materiellen Vorgängen im eigenen Innern. Man lernt gewissermaßen innerlich experimentieren. Man lernt, allerdings in einer höheren, metamorphosierten Experimentierkunst, in das lebendige Experimentelle einzudringen. Geradeso, wie wir beim Experiment die Bedingungen herstellen, unter denen die Ergebnisse sich entwickeln, so lernt man durch willkürliche Gedankenprozesse ihre Folgen im materiell-innerlichen Leben kennen. Und indem man das ausbilden lernt, erkennt man, wie das Geistig-Seelische, das Übersinnliche des Menschen, das von Leben zu Leben geht, vor der Geburt, oder besser gesagt der Empfängnis des jetzigen Lebens, in einer geistig-seelischen Welt gelebt hat. Das kann nicht durch irgendeine Spekulation erreicht werden, auch nicht aus dunkler Mystik, sondern das kann nur erreicht werden in einer solchen Systematik des inneren Entwickelns von zunächst latenten Seelenkräften, wie ich es dargestellt habe.

[ 26 ] Und die andere Seite: Man lernt, wie der Wille wirkt, wie der Wille gewissermaßen zur Dissoziation der Materie führt, wie der Wille einen Wärmeprozeß einleitet, der dann in etwas anderes übergeht. Daran lernt man erkennen, wie das Geistige sich dem Materiellen entringt, wie das Geistige als Willensmäßiges dem Materiellen sich entringt. Und das ist wiederum vergleichbar demjenigen Vorgang, der uns entgegentritt, wenn der Mensch stirbt, wenn das willensartige Geistige sich losringt aus dem physischen Leibe. Man lernt diesen vollständigen Vorgang des Durchgehens durch den Tod, des Hinübergehens des Unsterblichen des Menschen in eine geistige Welt, erkennen.

[ 27 ] Sie sehen, daß es sich überhaupt darum handelt, eine Geisteswissenschaft so zu treiben, daß man nicht ins Abstrakte, ins nebulos Geistige hinauf will und nur davon redet, sondern daß man gerade verfolgt das lebendige Wirken und Schaffen dieses Geistigen, den Übergang des Geistigen in das materielle Leben, das Entringen des Geistigen dem Materiellen. So stellt sich eine Geisteswissenschaft dar, die nun nicht faselt und schwafelt von irgendeinem Abstrakt-Geistigen, sondern die den lebendigen Geist ergreift, der eben durchaus seinen Übergang findet, um materiell zu wirken. Daher kommt es, daß die wahre Geisteswissenschaft durchaus nicht eine Feindin etwa des Materialismus ist, denn sie erkennt die Materie als das, was sich einfügt der allgemeinen Geistigkeit. Sie läßt den Materialismus auf seinem Gebiet, wie ich schon sagte, bestehen, und sie lernt ihn in seiner Berechtigung erkennen. Das wird Ihnen zu gleicher Zeit die Möglichkeit geben zu sehen, wenn ich das auch nur kurz andeuten kann, wie dadurch, daß man lernt, die seelisch-geistigen Funktionen in ihrem Ausleben in den Einzelheiten des ganzen menschlichen Organismus zu sehen, eine Möglichkeit vorliegt, auch die Wirkung nun des Materiellen selber in diesem menschlichen Organismus zu verfolgen. Ich möchte sagen: Wer weiß, wie der Gedanke, wie der Wille im menschlichen Organismus wirkt, der lernt dadurch auch erkennen, wie nun im gesamten Menschen, der aus Leib, Seele und Geist besteht, irgendeine Substanz, irgendein Heilmittel wirkt, was es alles aufrüttelt, was für Kräfte da in Betracht kommen. Man lernt durchschauen, innerlich durchschauen den menschlichen Organismus. Das aber bildet den Eingang zu einer anthroposophisch orientierten Therapie, zu einer wirklich rationellen Therapie, die von einer Menschenkenntnis ausgeht, die auf dem Wege errungen ist, daß man den ganzen Menschen durchschaut.

[ 28 ] So könnte es für die anderen Wissenschaften auch gezeigt werden, wie es ja denjenigen, die an diesem Kursus teilgenommen haben, durch verschiedene Fachleute aus unserm Kreise für die einzelnen Wissenschaften andeutend wenigstens gezeigt worden ist.

[ 29 ] Das ist es, worüber ich zunächst wenigstens eine Andeutung, allerdings eine notdürftige und ungenügende Andeutung, geben will: wie Anthroposophie bis in die einzelnen Fachwissenschaften hinein befruchtend wirken kann. Aber beachten Sie, was eigentlich entsteht in demjenigen Erkennen, das da sich ausbildet in einer solchen Weise. Ich will nur eine Eigenschaft dieses Erkennens vor Sie hinstellen.

[ 30 ] Zunächst ist es so, daß, wenn wir uns zur Imagination emporgerungen haben und irgend etwas imaginativ durchschauen, wenn wir ein Gebiet von Tatsachen, ein Gebiet von Wesenheiten der geistigen Welt so durchschauen, wie man in der Sinneswelt eine Gattung, eine Art von Pflanzen oder Tieren oder Kristallen überschaut, dann steht man vor einer wirklichen Wahrnehmung äußerer geistiger Realität, mit der der Mensch zusammenhängt; wenn man etwas in der äußeren Sinneswelt durchschaut, dann weiß man auch, wie sich der ganze Mensch hineingliedert in diese Außenwelt. Aber indem man sich hineinlebt in diese äußere geistige Realität, kommt man dazu, nun auch die Weltenzusammenhänge als solche zu durchschauen. Und da möchte ich nur andeutend auf etwas hinweisen. Es soll nur als ein Beispiel herausgehoben werden.

[ 31 ] Die Wissenschaft, die ich anfangs charakterisiert habe, sie führt uns zu dem sogenannten Wärmetod, in den die Ereignisse der Erde einmal ausmünden werden. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, allem, was uns aus äußerer Wissenschaft gesagt werden kann über diesen Wärmetod, dem können wir eine gewisse Berechtigung durchaus zugestehen. Aber dieser äußeren Wissenschaft fehlt dasjenige, was sich nun vom Menschen selber hineinstellt in die Ereignisse, die uns da die äußere Wissenschaft schildert. Und indem wir erkennen lernen, wie menschlicher Wille wirkt innerhalb des Wärmewesens — ich habe es geschildert, daß er sich hineinstellt in einen Wärmeprozeß —, können wir ahnen, und diese Ahnung wird durch Geisteswissenschaft zur Gewißheit, daß sich in diesem Prozeß zur Entropie hin dasjenige hineinmischen kann, was von menschlicher Moral, von menschlicher Idealität, von menschlichen Willensimpulsen ausgeht; wir können ahnen, daß das dann eine wesentliche Rolle spielt, wenn man es im Zusammenhang mit seinem Wirken in der äußeren physischen Natur auffaßt. Und man kommt dann dazu, sich zu sagen: So wie der einzelne Mensch sich als Seele erhebt aus seinem physischen Leibe und in eine geistige Welt eintritt, so wird die Gesamtheit der Menschenseelen und Menschengeister über den Wärmetod hinaus, überhaupt über das Erdenende hinaus, zu anderen kosmischen Zuständen hinüberleben; sie wird erleben, was nicht mehr irdisch ist, sondern was einer Metamorphose der Erdenentwicklung selber angehört. Alle diese Dinge ergeben sich einer gewissen Veränderung, einer Metamorphose unseres Erkennens selber. Und da ist es eine auffällige Tatsache, die ich jetzt berühren muß.

[ 32 ] Wenn man schon dazu gekommen ist, einiges zu sehen in der äußeren geistigen Welt, dann merkt man, was es eigentlich heißt: man hat das Erinnerungsvermögen selber metamorphosiert, man hat es zu etwas anderem umgebildet. Denn das Eigentümliche ist: In das gewöhnliche Erinnerungsmäßige gehen die geistigen Beobachtungen zunächst nicht ein. Will man das, was man einmal geschaut hat in der geistigen Welt, wiedererkennen, so kann man sich nicht im gewöhnlichen Sinne daran erinnern. Daran zeigt sich gerade, daß es eine Beobachtung ist, nicht ein gewöhnlich gefaßter Begriff oder ein Phantasiebegriff. Will man zu dem, was man beobachtet, und von dem man nur ein Bild hat, wieder hingehen, muß man auch hier denselben geistigen Weg wieder einschlagen. Man kann sich nur an den Weg erinnern, wie man diese geistige Beobachtung herbeigeführt hat, aber in die unmittelbare geistige Beobachtung geht es nicht über. Das ist das Überraschende für Anfänger, die sich der Geisteswissenschaft widmen, die zum Schauen kommen und das Geschaute dann vergessen, weil man es nicht erinnern kann, weil es eine Beobachtung ist, nicht ein bloßer Begriff. Man muß sich erinnern an all die Einzelheiten, durch die man die Schauung herbeigeführt hat, dann kann man sie, wenn man die nötige Kraft hat, wenn die meditative Übung ausreichend war, wieder herbeiführen. Dadurch aber ist man als Geistesforscher genötigt, jederzeit aufs neue immer wieder und wiederum den Aufschwung in die geistige Welt zu vollziehen. Was wir schauen in der geistigen Welt, das wird nicht ein Gedächtnisbesitz; das wird, wenn ich mich so ausdrücken darf, nur der Anlaß sein können, dieselben Prozesse immer wieder herbeizuführen, durch die man sich zum geistigen Anschauen erhoben hat. Ich möchte auch noch erwähnen: Man kann sogar — und das ist nicht das Schlechteste dieser Geisteswissenschaft, denn es behütet vor Illusionen —, man kann, wenn man schon sehr viel für sich geleistet hat in dieser Beziehung, zum Skeptizismus kommen und kann immer wieder genötigt sein, diesen Skeptizismus zu überwinden. Man muß innerlich immer wieder arbeiten, in innerlicher Regsamkeit. Und diese innerliche Regsamkeit, die fließt auch von demjenigen aus, was mitgeteilt, was niedergeschrieben wird vom Geistesforscher, und was der andere Mensch auf seinen gesunden Menschenverstand hin annehmen kann. Denn Geisteswissenschaft kann von jedem Laien mit gesundem Menschenverstand, ohne daß er Geistesforscher zu sein braucht, ebenso aufgenommen werden, wie die astronomischen Wahrheiten von dem Laien aufgenommen werden können, der sie durchschaut, auch ohne Astronom zu sein. Es geht aber mit demjenigen, was in der Geisteswissenschaft als Begriff, als Idee, als Vorstellung entwickelt wird, die sich auf den ganzen Menschen überträgt, eine innerliche Regsamkeit auf den Menschen über. Es geht, mit anderen Worten, dasjenige Element auf den Menschen über, das man nennen könnte ein geistesgegenwärtiges Anschauen der Welt. Diese Geistesgegenwart, dieses Auffassen des Konkreten, dieses Liegenlassen des bloß Abstrakten, das ist das, was man besonders heranerzieht in der Geisteswissenschaft. Dadurch aber wird man vorbereitet für das Leben in einer lebendigen Erkenntnis.

[ 33 ] Man muß es immer wieder und wiederum sagen: In der neueren Zeit ist es für den Menschen schwer, aus der inneren Individualität heraus zu einem solchen sozialen Leben zu kommen, wie ich es beschrieben habe in meiner «Philosophie der Freiheit», die ich schon erwähnt habe, weil dieser Anfang gemacht werden muß mit dem Anschauen der Geistigkeit, wenn auch in primitiver Weise, aber eben doch mit dem Anschauen der Geistigkeit selbst. Wenn man sich aber hineinfindet durch das Studium der Geisteswissenschaft, durch das Einleben in Geisteswissenschaft, dann wird man hingeleitet zum Konkreten. Dieses Konkrete aber, das muß man ergreifen, wenn man dieses Leben, das wir heute im Sinne der neueren Zeit das soziale Leben nennen können, verstehen will. Man braucht nur einige Jahrhunderte zurückzuschauen, um die Veränderung zu erkennen, die vor sich gegangen ist mit der Kulturmenschheit in bezug auf das soziale Leben. Die sozialen Verbände, die sozialen Bindungen sind in früherer Zeit hervorgegangen aus gewissen instinktiven Grundlagen, die in den Menschen gelebt haben, und aus diesen sozialen Bindungen, man könnte sagen, aus dem, was der eine Mensch am anderen Menschen erlebte, ging auch hervor jener besondere Grad von Liebe, der heute ja natürlich nicht mehr zeitgemäß ist, der aber in früheren Jahrhunderten, selbst in denen, die wir nicht heraufbeschwören wollen, doch gelebt hat von Mensch zu Mensch. Dieser Grad von Liebe muß aus den instinktiven Verhältnissen von Mensch zu Mensch verstanden werden.

[ 34 ] Die neuere Zeit mit ihren Fortschritten der Naturwissenschaft, mit den berechtigten Anwendungen der Naturwissenschaft auf dem Gebiete der Technik, mit dem, was wiederum die Technik erfordert hat in bezug auf Weltverkehr und Weltwirtschaft, in allem, was wir nennen können die moderne Technik des Lebens, und in allem, in das der Mensch sich hineingestellt sieht in diesem modernen Leben, — hat das alles heraufgebracht, gleichzeitig mit dem Sich-Hineinfinden der Menschen in den modernen Wissenschaftsgeist. Dieser moderne Wissenschaftsgeist neigt aber zunächst zur Theorie. Geisteswissenschaft, wie sie heute in anthroposophischer Orientierung auftreten kann, geht hinweg von der Theorie, sie geht auf das Anschauen, auf das Konkrete, auf das Erfassen des augenblicklich Gegebenen. Dadurch aber wird diese Geisteswissenschaft nicht nur der Wissenschaft Dienste leisten können, von denen ich notdürftige Andeutungen machen konnte, sondern sie wird auch wesentliche Dienste dem modernen Leben leisten können. Dieses moderne Leben hat ja allerdings Formen angenommen, die deutlich zeigen, wie Niedergangskräfte, Zerstörungskräfte in die moderne Welt hereingekommen sind. Man braucht sie in ihrem Extrem der Zerstörungswut nur im Osten zu studieren. Viel zu wenig studieren die Menschen der Mitte und des Westens, was da an zerstörerischen Kräften in die Menschheit gekommen ist. Wodurch sind diese Kräfte in die Menschheit hineingekommen? Man wird sehen, wie nicht die Wissenschaft selbst — die hat ihre volle Berechtigung —, aber wie das, was als wissenschaftliche Art zu denken sich geltend gemacht hat, sich ausdehnen wollte auf das Denken über das soziale Leben. Man sehe, wie solche Leute, wie die Führer der radikalen sozialistischen Parteien, die Leninisten, die Trotzkisten, sagen, das, was sie nun ausgestalten wollten im sozialen Leben, das hätten sie sich angeeignet aus der Wissenschaftsgesinnung heraus. — Theorien, übertragen auf das soziale Leben — das ist es, was wir heute herankommen sehen als etwas noch viel Zerstörerischeres, als dasjenige war, das schon gewirkt hat: dieser Wille, Theorien hereinzutragen in das Leben, über das Leben theoretisieren zu wollen, allerlei Utopien ausspinnen zu wollen im Leben. Dasjenige aber, was uns gegeben ist im sozialen Menschenleben, das sind überall die lebendigen Menschen. Und nur einer Illusion, einer soziologischen Illusion entspringt es, wenn man nicht sieht, wie heute der Mensch aus einem gewissen Hang zum Theoretischen heraus auch zum theoretischen Gestalten der Wirklichkeit neigt. Selbst wenn er ein praktischer Mensch sein will, gestaltet er nach theoretischen Vorurteilen. Heute tun das die ärgsten Praktiker, das heißt solche, die sich dafür halten; ihre Praxis wird Routine. Man sieht, wie da die Menschheit in eine soziale Maschinerie, in einen Mechanismus hineinzuwachsen droht. Das, was in der äußeren Experimentierkunst gut angemessen ist, kann nicht übertragen werden darauf, wie die Menschen zusammenleben. Der Mensch will, indem er sich heute geltend macht, gerade eine Individualität sein. Das bewirkt die heißen Kämpfe der Gegenwart, die man nur verstehen muß. Man kann sie verstehen als ein Aufbäumen des Menschen gegen das, was die Menschheit umspinnen will wie ein außermenschlich Objektives, wie ein soziales Irrenhaus. Da regt sich der Mensch. Der Mensch ist es, auf den es ankommt. Der Mensch aber, auf den es ankommt, ist der Mensch, der in seinen Willensimpulsen wirkt, und der doch nur verstanden werden kann, wenn man ausgeht von einer solchen Liebe, von einem solchen Empfinden, die angeregt sind von Geist-Erkennen. Denn der Geist ist es doch, der im sozialen Leben aus den Menschen wirkt. Das, was im sozialen Leben wirkt, kann man nicht mit Anthropologie bezwingen, sondern nur mit Anthroposophie, weil die Anthropologie auf das Allgemeine ausgeht, während die Anthroposophie gerade darauf ausgeht, den Menschen in seiner individuellen Freiheit zu betrachten; weil die Anthroposophie überall hineinzuschauen weiß, bis zum einzelnen Menschen hinunter, [und sieht,] wie dieser Mensch es selber ist, der sich in das soziale Leben hineinstellt. In diesem Sinne möchte anthroposophische Geisteswissenschaft auch dem allerpraktischsten Leben dienen. Aus dieser Tendenz heraus ist das entsprungen, was zum Beispiel zuerst in meiner «Philosophie der Freiheit» darzustellen versucht worden ist, als eine Grundlegung des Subjektiven im Menschen für ein heutiges, der heutigen geschichtlichen Menschheitsperiode angepaßtes soziales Zusammenleben, was dann wiederum in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» darzustellen versucht worden ist, nicht als Utopie, sondern aus vollster Lebenspraxis, aus empirischer Lebensbeobachtung, aber einer solchen, die vom Geiste getragen ist.

[ 35 ] Was hineinfließt in das Leben, das den Menschen voll berücksichtigt, das Verständnis hat für das Individuelle, das da zeigt, wie der einzelne Mensch nicht in das allgemein-menschliche Schema hineingepreßt werden kann, wie Volksbestände eben Volksbestände sind, wie andere kleine Verbände kleine Verbände sind mit ihren Eigentümlichkeiten — das alles fließt aus dem Geiste heraus. Und nur diejenige Erziehung, die aus den Ideen und Begriffen wirklicher Anthroposophie hervorquillt, kann so in das soziale Menschenleben hineinschauen, daß eine lebendige, lebensvolle, bestandgewährende, eine innerlich fruchtbare Soziologie entstehen kann, die nun auch die sozialen Verbände gestalten kann. Eine solche Soziologie heranzuerziehen mit Hinwegräumung aller Utopie ist versucht worden in meinen «Kernpunkten».

[ 36 ] Und in der von Emil Molt begründeten und von mir geleiteten Freien Waldorfschule in Stuttgart ist versucht worden, dieses anthroposophische Erfassen des Menschen auszudehnen auf die Entwicklung des Kindes, also wirklich das Kind schon nach Leib, Seele und Geist als den Vollmenschen zu betrachten, und sich vom Kinde diktieren zu lassen, wie Lehrplan und Lehrmethode sein müssen. Ich kann das nur kurz erwähnen, daß die Erkenntnis, weil sie selber etwas wird, was lebt, immer wieder errungen werden muß, daß sie, wenn sie höhere Erkenntnis sein will, sogar jeden Moment neu errungen werden muß — ebenso wie man an jedem Tage neu essen muß: trotzdem man gestern gegessen hat, muß man es heute wieder tun —, während man dasjenige, was man durch gewöhnliche, abstrakte oder Naturwissenschaft sich angeeignet hat, erinnert. Was man erinnert, geht ins Bild über, wird zum Nicht-Realen. Was durch Geisteswissenschaft errungen wird, ist real lebendig; daher muß es immer neu errungen werden. Daher ist eine innere Regsamkeit und seelische Arbeit des Menschen notwendig. Daher ist das, was durch Geisteswissenschaft errungen wird, verwandt nicht nur der Erkenntnis, sondern auch dem Leben.

[ 37 ] Und aus solchen Untergründen heraus darf diese anthroposophische Geisteswissenschaft glauben, daß sie in der Richtung wirken kann, wie es angedeutet worden ist im heutigenVortrag; in der Richtung, daß sie fruchtbar sein kann — nicht etwa dadurch, daß sie aus theoretischen oder gefühlsmäßigen Erwägungen heraus von Weltanschauung redete —, daß sie befruchtend wirkt auf der einen Seite für die Wissenschaft, die ja unserem Leben immer mehr und mehr zugrunde liegt, und daß sie befruchtend wirkt auf der anderen Seite für das Leben selber, in seiner sozialen Gestaltung namentlich; daß also anthroposophische Geisteswissenschaft nicht nur ein Wissen, sondern eine tatsächliche geistig-seelische Wirklichkeit schaffen kann, die fruchtbar ist für die Wissenschaft und für das Leben.