The Essence of Anthroposophy
GA 77b
26 August 1921, Dornach
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Kunst und Anthroposophie Der Goetheanum-Impuls
9. Eurythmie in der dramatischen Bühnenkunst
9. Eurythmie in der dramatischen Bühnenkunst
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Über das Erzieherische und Künstlerische der Eurythmie erlaubte ich mir, einiges in den einleitenden Worten zu der letzten und vorletzten Vorstellung hier vorzubringen. Wenn ich mir nun auch noch gestatte, heute einige Worte unserer Vorstellung vorauszuschicken, so geschieht es aus einem besonderen Anlasse. Wir werden heute in der Vorstellung nicht nur Lyrisches und ähnliches eurythmisiert haben, sondern auch dramatische Szenen, und zwar dramatische Szenen aus meinen Mysteriendramen. Man hat es da zu tun mit der Verwendung der Eurythmie in der bühnenmäßigen Darstellung des Dramatischen. Nun ist ja das Eigentümliche des Eurythmischen, daß aus der Sprach- und Tonbehandlung, wie sie von dem Dichter, wie sie von dem Komponisten geübt werden, zurückgegangen wird zu jener sichtbaren Sprache, die durch Menschenbewegungen oder durch Bewegungen von Menschengruppen dasjenige ausdrückt, was sonst das Musikalische oder das Sprachliche zum Ausdruck bringen.
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Über das Erzieherische und Künstlerische der Eurythmie erlaubte ich mir, einiges in den einleitenden Worten zu der letzten und vorletzten Vorstellung hier vorzubringen. Wenn ich mir nun auch noch gestatte, heute einige Worte unserer Vorstellung vorauszuschicken, so geschieht es aus einem besonderen Anlasse. Wir werden heute in der Vorstellung nicht nur Lyrisches und ähnliches eurythmisiert haben, sondern auch dramatische Szenen, und zwar dramatische Szenen aus meinen Mysteriendramen. Man hat es da zu tun mit der Verwendung der Eurythmie in der bühnenmäßigen Darstellung des Dramatischen. Nun ist ja das Eigentümliche des Eurythmischen, daß aus der Sprach- und Tonbehandlung, wie sie von dem Dichter, wie sie von dem Komponisten geübt werden, zurückgegangen wird zu jener sichtbaren Sprache, die durch Menschenbewegungen oder durch Bewegungen von Menschengruppen dasjenige ausdrückt, was sonst das Musikalische oder das Sprachliche zum Ausdruck bringen.
[ 2 ] Nun muß aber, damit die Dichtung, das Tonliche wirkliche Kunst sei, von dem bloßen Inhalt des zu Hörenden zurückgegangen werden zu der tieferliegenden Behandlung des Tones, des Lautes, des Wortes, der Wortzusammenhänge und so weiter. Man muß zurückgehen zu dem, was Rhythmus, Takt, was Reimbehandlung ist, was das musikalische oder das imaginative Thema ist und so weiter. Aus welchem Grunde muß man von dem wortwörtlichen Inhalt oder von dem musikalischen Gehalt, was ja im Grunde genommen eben nur ein unsichtbares Eurythmisches ist, zu diesem Eurythmischen zurückgehen? Weil alle Kunst, meine sehr verehrten Anwesenden, hinauftragen muß dasjenige, was erlebt werden kann, in das Gebiet des Übersinnlichen, des Geistigen. Und gerade dadurch ist man in der Lage, zum Beispiel das Sprachliche hinaufzutragen in das Geistige, daß man dieses Formelle — das Rhythmische und so weiter — in die Sprachbehandlung hineinträgt.
[ 2 ] Nun muß aber, damit die Dichtung, das Tonliche wirkliche Kunst sei, von dem bloßen Inhalt des zu Hörenden zurückgegangen werden zu der tieferliegenden Behandlung des Tones, des Lautes, des Wortes, der Wortzusammenhänge und so weiter. Man muß zurückgehen zu dem, was Rhythmus, Takt, was Reimbehandlung ist, was das musikalische oder das imaginative Thema ist und so weiter. Aus welchem Grunde muß man von dem wortwörtlichen Inhalt oder von dem musikalischen Gehalt, was ja im Grunde genommen eben nur ein unsichtbares Eurythmisches ist, zu diesem Eurythmischen zurückgehen? Weil alle Kunst, meine sehr verehrten Anwesenden, hinauftragen muß dasjenige, was erlebt werden kann, in das Gebiet des Übersinnlichen, des Geistigen. Und gerade dadurch ist man in der Lage, zum Beispiel das Sprachliche hinaufzutragen in das Geistige, daß man dieses Formelle — das Rhythmische und so weiter — in die Sprachbehandlung hineinträgt.
[ 3 ] Indem nun die Eurythmie besonders darauf ausgeht, dieses Unwahrnehmbare, oder besser gesagt, nur mittelbar Wahrnehmbare zur unmittelbaren sinnlichen Anschauung zu bringen, eignet sie sich ganz besonders dazu, auch Dramatisches darzustellen in dem Falle, wenn im Dramatischen Szenen auftreten, die die sonst auf der Erde im Sinnlich-Physischen sich abspielenden Handlungen hinaufrücken in das übersinnlich-geistige Reich; wenn etwas bühnenmäßig dargestellt werden soll, durch das der Mensch im innersten Wesen seiner Seele zusammenhängt mit Weltenseele und mit Weltengeist, überhaupt mit dem Übersinnlichen.
[ 3 ] Indem nun die Eurythmie besonders darauf ausgeht, dieses Unwahrnehmbare, oder besser gesagt, nur mittelbar Wahrnehmbare zur unmittelbaren sinnlichen Anschauung zu bringen, eignet sie sich ganz besonders dazu, auch Dramatisches darzustellen in dem Falle, wenn im Dramatischen Szenen auftreten, die die sonst auf der Erde im Sinnlich-Physischen sich abspielenden Handlungen hinaufrücken in das übersinnlich-geistige Reich; wenn etwas bühnenmäßig dargestellt werden soll, durch das der Mensch im innersten Wesen seiner Seele zusammenhängt mit Weltenseele und mit Weltengeist, überhaupt mit dem Übersinnlichen.
[ 4 ] Wir haben diese Erfahrung gemacht zunächst namentlich bei Aufführungen einzelner Szenen des Goetheschen Faust — da, wo Goethe genötigt ist durch seine ganze Faust-Handlung, die einzelnen Handlungen hinaufzutragen in ein übersinnliches Gebiet —, um dasjenige zu offenbaren, was man durch gewöhnliche Gebärden im sinnlich-physischen Gebiete nicht darstellen kann. Der Prolog im Himmel, die Ariel-Szene im Beginne des zweiten Teiles, die Szenen in der klassischen oder romantischen Walpurgisnacht, vieles, was sich insbesondere im zweiten Teile findet, es ist bei Goethe schon in der Sprache so behandelt, daß man sieht, der Dichter als Künstler hat das Gefühl, daß er in diesem Falle abgehen muß von dem mehr oder weniger zu Naturalistischen der Bühnendarstellung in der Gebärde — hingehen zu etwas, was stilvoll hinaufträgt auch dasjenige, was der Mensch durch sich selbst auf der Bühne darstellt, in ein stilisiertes Gebiet, und dadurch das Übersinnliche bühnenmäßig zur Offenbarung bringt. Es vertragen solche Szenen, in denen das Übersinnliche spielt, nicht die gewöhnlichen Gebärden, die angewendet werden müssen bei der Wiedergabe solcher Handlungen, die im physisch-sinnlichen Gebiet spielen. Und insbesondere darf gesagt werden, daß das anschaulich werden kann bei meinen Mysteriendramen, die ja in so vielen Fällen hinauftragen müssen die Entwickelungsimpulse, die spielen in diesen Mysterien in das übersinnliche Gebiet. Und da kann man sagen: sie können leicht hinaufgetragen werden. Denn, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Mysterien, man verleumdet sie, wenn man glaubt, darinnen sei irgend etwas dem Begriffe, der Idee nach abstrakt gefaßt und dann in dichterisch-bildnerische Form gebracht. Ich darf das wohl so aussprechen, ohne eine Unbescheidenheit zu begehen, daß diese Mysterien so, wie sie in ihrer Bilderfolge heute vor das Auge treten, so auch ursprünglich im Geiste schon in Bildern geschaut worden sind; bis in die Räumlichkeit und Zeitlichkeit hinein ist alles dasjenige, was in diesen Mysterien ist, in Bildern konzipiert worden, und ich fühle mich immer eigentlich auch geärgert, wenn Menschen auftreten, die diese Mysterien irgendwie symbolisch deuten, denn mir schwebte nichts Symbolisches vor. Mir schwebten auch die übersinnlichen Szenen in Imaginationen, in Bildern vor, so genau, so bis auf das Hören, das innerliche Hören des Wortklanges, wie sie dastehen. Sie waren wörtlich konzipiert und sind nur aus dem, was geschaut ist, abgeschrieben.
[ 4 ] Wir haben diese Erfahrung gemacht zunächst namentlich bei Aufführungen einzelner Szenen des Goetheschen Faust — da, wo Goethe genötigt ist durch seine ganze Faust-Handlung, die einzelnen Handlungen hinaufzutragen in ein übersinnliches Gebiet —, um dasjenige zu offenbaren, was man durch gewöhnliche Gebärden im sinnlich-physischen Gebiete nicht darstellen kann. Der Prolog im Himmel, die Ariel-Szene im Beginne des zweiten Teiles, die Szenen in der klassischen oder romantischen Walpurgisnacht, vieles, was sich insbesondere im zweiten Teile findet, es ist bei Goethe schon in der Sprache so behandelt, daß man sieht, der Dichter als Künstler hat das Gefühl, daß er in diesem Falle abgehen muß von dem mehr oder weniger zu Naturalistischen der Bühnendarstellung in der Gebärde — hingehen zu etwas, was stilvoll hinaufträgt auch dasjenige, was der Mensch durch sich selbst auf der Bühne darstellt, in ein stilisiertes Gebiet, und dadurch das Übersinnliche bühnenmäßig zur Offenbarung bringt. Es vertragen solche Szenen, in denen das Übersinnliche spielt, nicht die gewöhnlichen Gebärden, die angewendet werden müssen bei der Wiedergabe solcher Handlungen, die im physisch-sinnlichen Gebiet spielen. Und insbesondere darf gesagt werden, daß das anschaulich werden kann bei meinen Mysteriendramen, die ja in so vielen Fällen hinauftragen müssen die Entwickelungsimpulse, die spielen in diesen Mysterien in das übersinnliche Gebiet. Und da kann man sagen: sie können leicht hinaufgetragen werden. Denn, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, diese Mysterien, man verleumdet sie, wenn man glaubt, darinnen sei irgend etwas dem Begriffe, der Idee nach abstrakt gefaßt und dann in dichterisch-bildnerische Form gebracht. Ich darf das wohl so aussprechen, ohne eine Unbescheidenheit zu begehen, daß diese Mysterien so, wie sie in ihrer Bilderfolge heute vor das Auge treten, so auch ursprünglich im Geiste schon in Bildern geschaut worden sind; bis in die Räumlichkeit und Zeitlichkeit hinein ist alles dasjenige, was in diesen Mysterien ist, in Bildern konzipiert worden, und ich fühle mich immer eigentlich auch geärgert, wenn Menschen auftreten, die diese Mysterien irgendwie symbolisch deuten, denn mir schwebte nichts Symbolisches vor. Mir schwebten auch die übersinnlichen Szenen in Imaginationen, in Bildern vor, so genau, so bis auf das Hören, das innerliche Hören des Wortklanges, wie sie dastehen. Sie waren wörtlich konzipiert und sind nur aus dem, was geschaut ist, abgeschrieben.
[ 5 ] Daher mußten aber die Szenen, die ins übersinnliche Gebiet hineinspielen, eben durchaus schon in der Konzeption ein gewisses Eurythmisches haben, und das lebt sich, ich möchte sagen, ja ganz besonders in einer elementaren Weise in der Kunst der Eurythmie aus. So darf man glauben, daß gerade da, wo die Dramatik sich ins Übersinnliche erheben muß, daß gerade da die Eurythmie auch der Dramatik große Dienste wird leisten können.
[ 5 ] Daher mußten aber die Szenen, die ins übersinnliche Gebiet hineinspielen, eben durchaus schon in der Konzeption ein gewisses Eurythmisches haben, und das lebt sich, ich möchte sagen, ja ganz besonders in einer elementaren Weise in der Kunst der Eurythmie aus. So darf man glauben, daß gerade da, wo die Dramatik sich ins Übersinnliche erheben muß, daß gerade da die Eurythmie auch der Dramatik große Dienste wird leisten können.
[ 6 ] Ich habe allerdings die Hoffnung, daß auch der gewöhnliche Bühnen-Naturalismus, da, wo man die Gebärde in Nachahmung der natürlichen Gebärde verwendet, in irgendeiner Weise einmal wird eurythmisch behandelt werden können, wenn auch nicht in bezug auf das gebärdenhaft-mimische Ausdrücken der einzelnen Handlung, so aber doch in bezug auf die Stilisierung des durch das ganze Drama durchgehenden Duktus. Es ist möglich, daß ein eurythmischer Stil für mehr naturalistische Dramen wird gefunden werden können. Bisher ist es mir nicht gelungen, aber ich hege die Hoffnung, daß so wie Lyrisches, Episches und so weiter auch das Dramatische einmal in größerem Stil die Eurythmie zuhilfe nehmen können wird, da, wo es sich auch nicht ins Übersinnliche erhebt.
[ 6 ] Ich habe allerdings die Hoffnung, daß auch der gewöhnliche Bühnen-Naturalismus, da, wo man die Gebärde in Nachahmung der natürlichen Gebärde verwendet, in irgendeiner Weise einmal wird eurythmisch behandelt werden können, wenn auch nicht in bezug auf das gebärdenhaft-mimische Ausdrücken der einzelnen Handlung, so aber doch in bezug auf die Stilisierung des durch das ganze Drama durchgehenden Duktus. Es ist möglich, daß ein eurythmischer Stil für mehr naturalistische Dramen wird gefunden werden können. Bisher ist es mir nicht gelungen, aber ich hege die Hoffnung, daß so wie Lyrisches, Episches und so weiter auch das Dramatische einmal in größerem Stil die Eurythmie zuhilfe nehmen können wird, da, wo es sich auch nicht ins Übersinnliche erhebt.
[ 7 ] Aber gerade durch dasjenige, was man auch auf dramatischem Gebiete heute mit Zuhilfenahme der Eurythmie vielleicht doch in einer für den Zuschauer überzeugenden Weise erreichen kann, darf man vielleicht auch sagen, also von einem anderen Gesichtspunkte als bisher, daß Eurythmie etwas werden kann — wenn sie auch durchaus heute noch im Anfange steht, und wenn es im Grunde genommmen nur Versuche sind, die wir heute machen können —, daß Eurythmie etwas wird werden können, was sich als eine vollberechtigte Kunst neben die anderen vollberechtigten Künste einmal wird hinstellen können in allen ihren einzelnen Zweigen.
[ 7 ] Aber gerade durch dasjenige, was man auch auf dramatischem Gebiete heute mit Zuhilfenahme der Eurythmie vielleicht doch in einer für den Zuschauer überzeugenden Weise erreichen kann, darf man vielleicht auch sagen, also von einem anderen Gesichtspunkte als bisher, daß Eurythmie etwas werden kann — wenn sie auch durchaus heute noch im Anfange steht, und wenn es im Grunde genommmen nur Versuche sind, die wir heute machen können —, daß Eurythmie etwas wird werden können, was sich als eine vollberechtigte Kunst neben die anderen vollberechtigten Künste einmal wird hinstellen können in allen ihren einzelnen Zweigen.
