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Kunst und Anthroposophie
der Goetheanum-Impuls
Sommerkurs 1921
GA 77b

24 August 1921, Dornach

3. Anthroposophie als Wissenschaft vom menschlichen Wesen

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man im Entwickelungsgange der heutigen Wissenschaft studierend vorrückt, so kann man seinen Weg machen, von diesem oder jenem Wissenszweig ausgehend, zu dem andern, zu dem man aus gewissen äußeren oder inneren Notwendigkeiten geführt wird. Aber das geht alles im Grunde genommen her, ohne einen Anteil der tieferen menschlichen Wesenheit. Man muß schon sagen: mit einer gewissen inneren Gleichgültigkeit wird dieser Weg durchwandelt. Gewiß, es gibt Examensnöte, dann kann es schon aus diesen Examensnöten heraus zu inneren seelischen Katastrophen kommen. Aber diese seelischen Katastrophen — insbesondere diejenigen, die durch sie durchgegangen sind, werden das bezeugen können —, sie hängen mit dem Inhaltlichen desjenigen, an das man herantritt, sagen wir in der Mathematik, in der Medizin, in der Biologie eigentlich doch nicht zusammen. Man kann sich auch innerlich freuen, wenn man als Forscher dies oder jenes entdeckt hat. Allein wiederum ist dasjenige, was inneres Seelenerlebnis ist, in einer äußerlichen Weise gekettet an den Inhalt desjenigen, was einem in der Erkenntnis vor die Seele getreten ist.

[ 2 ] Gewiß ist damit in radikaler Weise eine Erscheinung zum Ausdrucke gebracht, die nicht immer ganz so radikal verläuft; aber wenn daneben hingestellt wird der Gegensatz, der sich ergibt beim Studium, das heißt zugleich beim innerlichen Durchleben anthroposophischer Geisteswissenschaft, so wird schon die Berechtigung des Gesagten daraus hervorgehen.

[ 3 ] Beim Studium, beim innerlichen Durchleben anthroposophischer Geisteswissenschaft erlebt man wirklich innerliche Schicksalsereignisse. Man erlebt seelische Katastrophen und Peripetien. Man erlebt etwas, was auf der einen Seite durchaus intensiv zusammenhängt mit dem Inhalte desjenigen, an das man erkennend herantritt, und man erlebt etwas, was aus diesem Inhalt heraus die menschliche Natur mannigfach in Anspruch nimmt, wandelt, zu anderen Stufen der Seelenverfassung bringt und so weiter. Diese Tatsache, die zunächst als eine äußerliche erscheinen könnte, sie hängt doch innerlich wesenhaft mit dem zusammen, was anthroposophische Geisteswissenschaft sein soll; sie hängt damit zusammen, daß man ja, indem man sich aus dem heutigen Wissenschaftsgeiste heraus in berechtigter Weise objektiv zu einem Weltenbilde erhebt, in diesem Weltenbilde eigentlich den Menschen nicht darinnen findet. Gewiß, man kann sich ihn auch herauskonstruieren; aber derjenige Mensch, der herauskonstruiert werden kann aus der gegenwärtigen Evolutionslehre, der herauskonstruiert werden kann aus der gegenwärtigen Biologie oder Physiologie, der stellt sich nicht in einem Bilde dar, das innere Erschütterungen und Befreiungen in der Seele hervorruft, er stellt sich in einem Bilde dar, das die Seele kalt läßt.

[ 4 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, besteht denn nicht schließlich das Wesen der Menschenseele im alltäglichen Leben schon darinnen, daß wir durch innere Erschütterungen, durch Schmerzen, Leiden, durch Freuden und Befriedigungen gehen? Gehen wir denn nicht durch Katastrophen und Peripetien durch das äußere Leben? Können wir daher hoffen, daß wir dieses innerlich wandelbare und in seiner Wandelbarkeit uns so nahestehende menschliche Wesen erfassen könnten durch eine Wissenschaft, welche einerseits uns ein Bild des Menschen liefert, das uns eigentlich gleichgültig lassen muß, ja, das gerade in einer gewissen Bezicehung seine Vollkommenheit darin erblicken muß, daß es uns gleichgültig läßt? Wer diese Tatsache im rechten Lichte sieht, der wird zunächst gefühlsmäßig herangerückt an das Wesen anthroposophischer Menschenerkenntnis. Dieses Wesen anthroposophischer Menschenerkenntnis — ich habe versucht, es zum Teil zu schildern nach seiner Methode in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», ich habe es zu schildern versucht namentlich in meinem Buche «Theosophie» und dann in der «Geheimwissenschaft», Ich habe zu zeigen versucht, wie aufzusteigen hat ein Erkenntnisstreben, das zu wirklicher anthroposophischer Menschenerkenntnis kommen will durch drei Erkenntnisstufen, durch die Imagination, durch die Inspiration, durch die im tieferen Sinne verstandene Intuition. Und ich glaube, ich habe bemerklich gemacht bei der Schilderung desjenigen, was der Mensch erleben kann in imaginativem, inspiriertem, intuitierendem Leben, daß das Durchmachen eines solchen Erkenntnisweges durchaus eine Reihe innerer Schicksalserlebnisse für den Menschen zugleich bedeutet, also nicht nur in einer Abstraktion dasjenige, was Erkenntnisinhalt wird, an den Menschen heranrückt, sondern heranrückt das Bild vom Menschen an das unmittelbare menschliche Erleben, an dasjenige, was in uns sitzt, als das erlebte Wesen unserer Menschenwürde.

[ 5 ] Imagination ist eine erste Stufe der Erkenntnis zum Eindringen in das Wesen der Welt sowohl wie in das Wesen des Menschen. Diese Imagination und wie man sich zu ihr erhebt in einer Art meditativem Leben, durch eine Art Konzentration der Denkkraft, auf einem durchaus gesunden, dem Pathologischen gerade entgegengesetzten Wege — ich habe es geschildert. Jetzt möchte ich aufmerksam machen auf dasjenige, was da eigentlich im Innern des Menschen geschieht, wenn er diese imaginative Erkenntnisstufe anstrebt. Es ist ja so, daß durch dieses meditative, durch dieses in Gedanken und Empfindungen sich konzentrierende, methodisch durchaus disziplinierte innere Erleben die Seelenkräfte gewissermaßen zusammengenommen werden, daß sie intensiver, als das sonst der Fall ist, mit dem Bewußtsein durchdrungen werden. Beobachtet man dann, was da eigentlich wächst, wenn wir so meditieren, wenn wir so uns konzentrieren, dann finden wir, daß das Wachsende dasselbe ist — nur in seiner Fortsetzung —, das uns für das gewöhnliche Erleben zum eigentlichen Ichbewußtsein gebracht hat, das uns zu Besonnenheit, zum ruhigen Persönlichkeitsbewußtsein gebracht hat, und das uns gebracht hat, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, zur eigentlichen Egoität des Menschen, zu demjenigen, worinnen der Mensch sich finden muß, damit er sich in besonnener Weise von der Welt ablösen kann, damit er in der richtigen Weise zum Selbstbewußtsein kommt.

[ 6 ] Das ist ja auch das Gefährliche bei diesem Wege, daß zunächst diese Egoität des Menschen verstärkt werden muß. Dasjenige, was die Menschen zur Egoität hingeführt hat, muß weitergeführt werden. Daher kann im Grunde genommen dasjenige, was hier angestrebt wird, richtig nur dann erreicht werden, wenn ihm eine entsprechende Vorbereitung vorangeht, jene Vorbereitung, wie ich sie der Wahrheit gemäß geschildert habe in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Sie werden da geschildert finden eine gewisse Methode, zur wahrhaftigen inneren Bescheidenheit zu kommen, zu jener inneren Bescheidenheit, die vielleicht nicht immer im äußeren Leben ganz offen zur Schau getragen werden kann — eben wegen der äußeren Verhältnisse —, die aber das Seelenleben tief durchdringen muß. Wird diese Bescheidenheit nicht als eine innere Kraft des seelischen Erlebens durchgreifend ausgebildet, dann liegt allerdings auf dem Wege zur Imagination die Gefahr des menschlichen Größenwahnsinnes, nicht des pathologischen Größenwahnsinnes, aber des psychologischen, moralischen Größenwahnsinnes. Wer richtig anthroposophische Methoden anwendet, der kann — weil diese Methoden in ihrer Richtung direkt entgegengesetzt laufen demjenigen, was den Menschen aus seiner Naturgrundlage heraus in pathologische Zustände hineinführen kann —, der kann eigentlich nicht dadurch in Pathologisches verfallen, aber er kann allerdings psychologisch vor solche Gefahren sich gestellt sehen, wie es der hier gemeinte Größenwahnsinn ist. Einen gewissen inneren Halt, der in Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit wurzelt, den muß der Mensch haben, wenn er anstreben will jene Erhöhung und Steigerung der Egoität, welche notwendig ist zur Erreichung der imaginativen Erkenntnis. Im gewöhnlichen Leben und im gewöhnlichen Erkennen sind unsere Begriffe zu blaß, unsere höchsten Ideen gerade zu abstrakt, um aus einer ihnen eigenen vollen Sättigung heraus zum innerlichen Erleben desjenigen zu kommen, was den Menschen eigentlich zur Egoität hindrängt. Dasjenige, was sonst in der Begriffe bildenden, in der Ideen gestaltenden Kraft lebt, das muß erhöht, das muß gesteigert werden. Dann allerdings tritt eine Erfahrung ein, und an dem Eintreten dieser Erfahrung kann eigentlich der zur Imagination Strebende die Richtigkeit seines Strebens ermessen —, dann tritt eine Erfahrung ein: Man hat Übungen gemacht, um die Egoität zu steigern, man hat solche Übungen gemacht, daß die blassen Begriffe und Ideen bis zur Intensität sich erheben, die man erlebt, wenn man ein Sinnesbild durch Augen oder Ohren vor sich hat. Man hat dadurch jene Kraft, die durch ihr Zusammendrängen unsere Besonnenheit, unser Persönlichkeitsgefühl, eben unsere Egoität hervorbringt, man hat diese Kraft gesteigert. Die Erfahrung, die man macht, ist die, daß nun von einem gewissen Punkte aus nicht mehr eine Steigerung der Egoität eintritt, daß von einem gewissen Punkte aus gerade durch die Steigerung der Egoität, gewissermaßen durch das Ankommen der Egoität an einem Kulminationspunkte, diese Egoität eigentlich zerfließt. Das ist das Bedeutsame, daß unsere Egoität, wenn sie gesteigert wird, richtig gesteigert wird, sich nicht ins Maßlose steigert als Egoität, sondern daß sie im Grunde genommen zerfließt.

[ 7 ] Schon daraus sieht man, daß dasjenige Erleben, das wir als Mensch in der äußeren physischen Körperlichkeit haben, und das durch seine eigene Wesenheit uns zur Egoität hinträgt, daß dieses notwendig ist als Durchgang, daß also die Egoität in gesunder Weise in der physischen Welt und durch sinnliche Wahrnehmungen erlangt sein muß, bevor man zu jener Steigerung, die ich hier meine, sich wenden kann, die dann zu einer Auflösung gewissermaßen der Egoität, besser gesagt, eben zu einem Ausfließen der Egoität führt.

[ 8 ] Wo hinein fließt zunächst unsere Egoität? Im gewöhnlichen Leben, meine sehr verehrten Anwesenden, ist unsere Egoität eigentlich in den Augenblick hereingebannt. Wir können im Grunde genommen nur, indem wir uns als ein im Augenblick erlebendes Wesen erfühlen, zu uns «ich» sagen. Dasjenige, was wir schon gestern erlebt haben, was gestern innig verknüpft war mit dieser unserer Egoität, worinnen wir gestern drinnen gestanden haben, das ist heute in diesem Augenblick für uns objektiv geworden. Und in einem gewissen Grade sehen wir dasjenige, was wir gestern erlebt haben, gegenüber unserem Ich-Erfühlen so als etwas Äußeres durch die Erinnerung an, wie wir irgendein äußeres Erleben als ein Äußeres ansehen. Das eine Mal steigt in der Erinnerung ein Objektives aus dem Untergrunde unserer eigenen Organisation herauf, das andere Mal tritt es an uns heran, indem es sich uns durch die äußeren Sinne ankündet.

[ 9 ] Gewiß, wir unterscheiden das erinnerte Erlebnis von dem äußeren Sinneserlebnis; aber es gibt zu gleicher Zeit zwischen beiden ein durchaus Ähnliches im Herantreten an das Ich, an die Egoität, die sich voll doch eigentlich nur im Augenblicke erfaßt. In dem Bestreben, zur Imagination vorzurücken, fließt das Ich tatsächlich allmählich aus über unser zwischen Geburt und Tod zugebrachtes physisches Erdenleben, und wir lernen, in einem vergangenen Erlebnis so drinnenzustehen, wie wir drinnenstehen in dem Erlebnis des gegenwärtigen Augenblicks. Wir lernen, uns als Ich ebenso in dem längst vergangenen Erlebnis zu erfühlen, wie wir das sonst im gegenwärtigen Augenblicke tun. Ich mache Sie aufmerksam darauf, daß Sie ja gewiß schon im Traum — den ich gewiß nicht etwa als irgendeine gültige Erkenntnisquelle ansehe, sondern ihn nur zur Verdeutlichung hier gebrauche —, daß Sie gewiß schon im Traume es erlebt haben, daß Sie sich vorkamen als 20 Jahre zurückliegender Mensch, als Mensch, der 20 Jahre jünger ist, daß Sie sich vorstellten Ihr Bild von vor 20 Jahren und sich ganz so im Traume benahmen, als wenn Sie eben nur das Alter von vor 20 Jahren hätten, daß Sie dasselbe taten, was Sie vor 20 Jahren getan haben. Ich möchte Sie daran erinnern, daß Sie sich in der Tat mit diesem Traumesbild dann so objektivieren, daß Sie sich in dem Augenblicke in dem Alter fühlen, in dem Sie waren in einer weit zurückreichenden Zeit.

[ 10 ] Was da halb pathologisch im Traume auftritt, das kann in Besonnenheit durch imaginative Erkenntnis von dem Menschen errungen werden, das kann in vollem Bewußtsein ausgebildet werden. Dann erlebt der Mensch dasjenige, was er in diesem Erdenleben jemals erlebt hat — er erlebt es nicht nur als die gewöhnliche Erinnerung, der gegenüber das Erleben des gegenwärtigen Augenblicks steht, er erlebt es so, daß sein Ich, seine Egoität ausfüllt den gesamten Strom seines Erlebens in diesem Erdenleben. Er tritt aus dem Augenblick heraus und tritt ein in den Strom seines Zeiterlebens. Das Ich fließt nicht in einer nebulosen Weise aus, das Ich fließt in den Strom der wirklichen Erlebnisse dieses Erdenlebens aus. Aber in diesem Ausfließen erfaßt man etwas anderes als im gewöhnlichen Augenblicksbewußtsein, das sich ja aus der gewöhnlichen Logik heraus mit den Verstandesbildern in Abstraktionen ausfüllen muß. Man erfaßt in diesem über den Lebensstrom ergossenen Ich Bilder, Bilder von der Lebendigkeit des Sinneslebens. Dasjenige, was sonst gleichsam als Lebenserinnerung vor der Seele steht, das wird innerlich gesättigt, intensiv; man lernt an sich selber das Wesen des imaginativen Erkennens. Man dringt zugleich in die Wesenheit des Menschen ein, indem man in der Erkenntnis weiterkommt. Aber von diesem Augenblicke an weiß man, daß man mit dem Ich untergetaucht ist nicht in einen Strom von abstrakten Erinnerungen, sondern in einen Strom von wirklichen Lebenskräften, von denselben Lebenskräften, die von unserer Geburt, oder sagen wir von unserer Empfängnis an die Kräfte sind, die unseren Organismus konstituieren, die unsere Organe formen, die innerlich an uns arbeiten, in Wachstum, in Ernährung, in Reproduktion.

[ 11 ] Wir leben uns ein nunmehr in den Strom jener Kräfte, die sonst nur mit dem Vermitteln unserer Ernährung zu tun haben, die uns wachsen machen, und die unsere Reproduktion ermöglichen. Und jetzt erfahren wir, indem wir uns, statt in ein Abstraktes, mit dem vollen Gedankenbewußtsein in ein Konkretes einleben, was Ätherleib ist, wir erfahren, wie unserem physischen Leib, in dem wir sonst im gewöhnlichen Leben drinnen sind, zugrunde liegt ein Leib, der eine innere Kraftgestaltung ist und der nur in einer solchen imaginativen Erkenntnis geschaut werden kann. Man lebt sich ein in dasjenige, was durch Hypothese von der physikalischen und biologischen Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten immer wieder und wiederum gesucht worden ist, was von anderen heute sogar geleugnet wird in seinem Dasein, man lebt sich ein in die reale Ätherwelt gegenüber der ponderablen physischen Welt und lernt erkennen, wie dasjenige, was unserer physischen Menschengestaltung zugrunde liegt, wirklich ein solcher Äthermensch ist. Aber indem man sich als solcher Äthermensch ergreift, zeigt sich in einem noch höheren Sinne das Zerfließen des Ich-Erdenmenschen. Man kann diesen Äthermenschen nicht ergreifen, ohne daß man in seinen einzelnen Gliedern, in seinen einzelnen Teilen überall zugleich sieht und schaut dasjenige, was Kosmos, was Welt ist. Man wird zu gleicher Zeit aus sich herausgeführt, indem man sich als ätherischen Menschen ergreift, denn dasjenige, was da in uns organisierend wirkt als Äthermensch, das wirft seine Strahlen in Strömungen hinaus in den Kosmos, das bringt uns einen Zusammenhang zwischen diesen oder jenen inneren Organen, zwischen diesem oder jenem Gliede unseres physischen Organismus und dem Kosmos.

[ 12 ] Nicht in der Form der abstrakten Begrifflichkeit tritt dasjenige auf, was da erlebt wird, sondern in der gesättigten Form der Bildlichkeit, der Imagination. Aber indem wir in einem gewissen Sinne unsere Egoität dahingegeben haben im Erkennen, so, wie ich das geschildert habe, ergreifen wir zugleich dasjenige, was nun ätherisch außer uns in der Welt ist. Wir dringen durch unseren eigenen Ätherleib in das Ätherische der großen Welt ein, aus der wir ja doch zuletzt als Mensch herausgeboren sind.

[ 13 ] Aber da ergibt sich wiederum eine neue Aufgabe. Die Welt, die wir jetzt erleben, sie ist eine ganz andere [als die physische]; sie hat gewisse Dinge nicht, die wir mit Recht als das Maßgebende unserer physischen Welt betrachten. Sie tritt uns zunächst in einer Bildhaftigkeit entgegen, während wir unsere physische Welt in ihrer richtigen Objektivität erkennen, wenn wir das Bildhafte abstreifen. Aber wenn wir nun aufsteigen aus dem Ergreifen unseres eigenen Ätherleibes zu der Ätherizität der Welt, dann bemerken wir, daß gerade diejenigen Sinne, die uns sonst in der schönsten Weise die Außenwelt vermitteln, daß diese in der Wirksamkeit zurückbleiben. Wir verdanken dasjenige, was wir von der physischen Außenwelt haben, dem Auge, dem Ohr und so weiter. Diese Sinne treten gewissermaßen zunächst zurück, und ge{ade diejenigen Sinne treten, indem man sich so in die Ätherwelt einlebt, in dem menschlichen Erleben in den Vordergrund, die im gewöhnlichen physischen Leben eigentlich nicht beachtet werden: der Gleichgewichtssinn, der Bewegungssinn, der Lebenssinn. Die treten in den Vordergrund. Die Schwere fällt gewissermaßen von uns ab. Ein Erleben eines der Welt eigenen Gleichgewichtes, in das wir uns selber hineinfinden, tritt ein. Die äußerlich durch die Augen angeschauten Bewegungen oder die mit den Instrumenten konstatierten Bewegungen, sie hören auf. Dasjenige aber, was in der Bewegung innerlich erlebt werden kann, wenn der Mensch selber in dieser Bewegung ist, das wird erlebt in der Imagination durch den ruhenden Menschen, indem das Bewegen sich zunächst steigert. Das ist ein lebendiges Hineindringen in die ätherische Welt. Und hier darf ich darauf aufmerksam machen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß es wirklich so ist, wie ich in meinen Einleitungsworten heute charakterisiert habe, indem ich sagte, der Weg der anthroposophischen Erkenntnis bedeutet eine Reihe von inneren seelischen Schicksalserlebnissen. Denn dasjenige, was da gewissermaßen als Dämpfung der höheren Sinne und als Vergeistigung und Verstärkung zugleich der gewöhnlich als niedrig angesehenen Sinne eintritt, das ist mit einem solchen Schicksalserlebnis in Verbindung. Und, ich möchte, trotzdem ich weiß, wessen man sich aussetzt bei einer solchen Schilderung, ich möchte dasjenige, was ich hier sagen will, an einem Beispiel erwähnen: Ich war einstmals beschäftigt mit dem innerlichen gedanklichen Durcharbeiten desjenigen, was der Mensch eigentlich erlebt, wenn er sich mit seiner Seele zu diesen oder jenen Weltanschauungen bekennt, wenn er Materialist wird, Idealist, Realist, Spiritualist, Positivist, Skeptiker und so weiter. Diese Dinge lassen sich ja, wenn man sie wirklich aus dem menschlichen Inneren heraus zu erkennen strebt, nicht erschöpfen in dem, was das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche heutige Wissenschaft über sie hervorbringen. Das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche heutige Wissenschaft erschöpfen sich eigentlich darinnen, daß der Idealist über den Realisten schimpft, ihn abkritisiert und daß er dasjenige, was der Realist vorbringt, in Grund und Boden bohrt; der Spiritualist wird hochmütig, und trotzdem er oftmals ein völliger Laie ist in demjenigen, was man nur in der materiellen Welt erkennen kann, ergeht er sich in den abfälligsten Kritiken über den Materialismus, der dennoch eine kosmische Begleiterscheinung war unserer modernen, mit Recht so gerühmten Wissenschaftlichkeit. Diese Dinge, warum das Menschengemüt nach der einen Seite sich zum Materialismus hinneigt, auf der anderen Seite zum Beispiel zum Spiritualismus oder Idealismus, diese Dinge liegen tiefer als man gewöhnlich meint.

[ 14 ] Wenn man sich ernsthaftig auf diese Dinge einläßt, dann vollzieht man eine innerliche Seelenarbeit, die mit dem Gedankenhaften in einem gesunden, aber auch umfassenden Sinne zusammenhängt. Man erlebt zugleich etwas, indem man denkt. Indem man abstrakt denkt, erlebt man nichts, indem man aber dasjenige, was für den Menschen doch Erlebnis wird, Materialist oder Spiritualist, Realist oder Idealist zu sein, indem man das erlebt, wird man gewissermaßen hineingeführt in das unmittelbare Dasein des Menschlich-Seelischen. In einer ganz anderen Weise wird dieses Menschlich-Seelische von einem solchen, ich möchte sagen tief ins Innere hineingeschobenen Denken ergriffen, als das der Fall ist bei den gewöhnlichen Wissenschaften.

[ 15 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, was man bei einem solchen Denken, das eben ein meditatives, ein konzentriertes Denken sein muß, erleben kann, das führt einen dann weiter, das löst los gewisse Kräfte der Imagination, das führt dazu, daß für einzelne konkrete Dinge sich wirklich statt des bloßen Gedankenerlebens, aber mit dem vollständigen Charakter dieses Gedankenerlebens, ein inneres Bild-Erleben einstellt, das aber jetzt nicht ein erträumtes, ein phantasiertes Bilderlebnis ist, sondern das zusammenhängt mit den kosmischen, den äußeren Erscheinungen zugrunde liegenden, gelst1gübersinnlichen Tatsachen.

[ 16 ] Und so lebte ich mich dazumal, nachdem ich durchgemacht hatte diese Konzentration, diese Meditation über das Ihnen eben Geschilderte, so lebte ich mich dazumal ein in die imaginative Welt so, daß aus dem ganzen Menschen, der in der Vorstellung auftauchte, etwas wurde, was plötzlich in einer konkreten Weltentatsache vor dem inneren Auge stand. Es formte sich aus demjenigen, was man als das Wesen des Menschen erfaßt, als Bild des Kosmischen der Tierkreis, der Zodiakus; aber jetzt nicht so, wie man ihn in der abstrakten Erfassung vor sich hat, sondern so, daß die einzelnen Gebilde des Tierkreises wirklich wesenhaft wurden, daß das Geistige aus diesem Tierkreis heraustrat und selber verriet, wie es nun wieder mit den einzelnen Gliedern der Menschennatur zusammentrat: Die Welt als Bild, innerhalb einer gewissen Sphäre als Bild, das Hinausleben der inneren Gedanken, strebend in die kosmische Bildlichkeit.

[ 17 ] Das Ich fließt nicht nur aus in diesem Strom der eigenen persönlichen Erlebnisse für dieses Erdenleben, das Ich fließt aus in den Kosmos. Man lernt dasjenige erkennen, was im wellenden, wogenden Äther des Kosmos wirklich da ist. Man gelangt nicht in dieses wellende, wogende Leben des Kosmos anders als dadurch, daß man die Egoität steigert bis zu dem Grade, wo sie ankommt an ihrer Kulmination, sich dann selber im Welterfassen aufhebt und sich ausergießt in das objektive Weltendasein.

[ 18 ] Dasjenige, was ich Ihnen schildere, ist im Grunde genommen der Charakter der ätherischen Welt. In dieser ätherischen Welt sich zu erleben — Sie werden es jetzt verstehen, daß ich es ein Schicksalserlebnis nenne. Erkenntniserleben ist zugleich ein Schicksalserlebnis. In dieser ätherischen Welt kann man dasjenige erleben, was nicht anders geschildert werden kann als so, wie ich es geschildert habe in meiner «Geheimwissenschaft». Es ist das ätherische Welterlebnis, das in dieser «Geheimwissenschaft» hat zur Darstellung kommen können.

[ 19 ] Aber zu gleicher Zeit wendet sich das innere Schicksal da so, daß man die Egoität, in die man hineinversetzt ist im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod, daß man diese Egoität, ich möchte sagen, kontinuierend sich verbreiten fühlt. Da handelt es sich dann darum, daß durch die Fortsetzung solcher Übungen, wie ich sie ja angegeben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» in ihrem zweiten Teile, daß durch die Fortsetzung solcher Übungen das Ich, das man eigentlich in einem gewissen Sinne psychologisch verloren hat, daß dieses Ich wiedergefunden wird.

[ 20 ] Entwickelt man — jeder Mensch kann das entwikkeln —, entwickelt man die Kraft, die Gedanken hineinzutragen in das Bild-Erleben, und übt man dieses Hineintragen der Gedankenkraft in das ätherische BildErleben lange genug — für den einzelnen Menschen ist es so lange, für den anderen anders lange —, übt man dieses lange genug, übt man es gewissermaßen so lange, bis es die nötige Stärke hat, um zu bekämpfen die fortdauernde Sucht, daß man den Gedanken verliert in den Bildern, behält man gewissermaßen Oberhand mit seiner Besonnenheit, mit dem Durchtränktsein der ätherischen BildErlebnisse von der Gedankenkraft, dann tritt das IchErlebnis wieder auf. Aber es tritt auf jetzt in einer völlig verwandelten Gestalt, es tritt jetzt auf vor der vollbesonnenen Seele, vor der Seele, die so besonnen ist, wie man nur in der Lösung irgendeines mathematischen Problems besonnen sein kann. Es tritt das Ich-Erlebnis heraus aus der ätherischen Bilderwelt, aber es tritt so heraus, daß wir es gewissermaßen nicht erblicken als etwas, was unserer physischen Körperlichkeit innewohnt, sondern daß wir es erblicken als hervorgehend aus der kosmischen Ätherwelt, bis zu deren Anschauung wir uns aufgeschwungen haben. Man möchte sagen: Während sonst unser Ich, wenn es heraustritt, so erlebt, so angeschaut wird, wie wenn es aus dem physischen Leibe käme, wie wenn es also aus einem menschlichen Zentrum herauskäme, erleben wir es jetzt, wie, ich möchte sagen, aus der unbestimmten Peripherie des Weltenalls unser Ich herunterstrahlt, wie es in einem Zentrum zusammenlaufen will, statt auseinanderzulaufen. Und wir merken: Von der Welt, in die wir jetzt versetzt sind mit voller innerer Besonnenheit, mit voller innerer Erkenntniskraft, von der Welt träumen wir eigentlich im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod nur dann, wenn wir eine Kraft anwenden, die zunächst keine Erkenntniskraft sein kann, wenn wir die Kraft des Fühlens anwenden.

[ 21 ] Das, was wir im gewöhnlichen Menschenleben fühlend erleben, es ist ja nicht durchdrungen in demselben Maße von der Gedankenkraft wie unser Vorstellungsleben. Es ist in Wirklichkeit — ich habe das oftmals auseinandergesetzt — nur insoweit durchdrungen von der Gedankenkraft, wie unsere Träume von der Gedankenkraft durchdrungen sind. Dasjenige, was wir also gewissermaßen im Weltenschatten des persönlichen Fühlens erleben, das erleben wir nun in seiner wahren Gestalt: das Ich, wie es heruntersteigt aus der Weltenperipherie, aus der Weltenätherizität, wie es sich, statt zu zerfließen ins Unbestimmte, hindrängt nach dem Mittelpunkte des eigenen Wesens. Und in diesem Erfassen, das das gewöhnliche Gefühlserlebnis zu einem wirklichen Gedankenerlebnis, daher auch zu einem wirklichen Erkenntniserlebnis macht, in diesem Erlebnis erfassen wir dasjenige, was in anthroposophischer Menschenerkenntnis der astralische Leib genannt wird, der astralische Leib, der uns erscheint als uns von der Welt gegeben, wenn wir aus unserem Zentrum herausblicken. Wir entdecken, wie gewissermaßen herausträufelt aus den Ätherkraftanordnungen dasjenige, was unser astralischer Leib ist. Es ist uns so, wie wenn wir plötzlich nun nicht in uns leben, sondern lebten in Atemluft, die wir einatmen — wie wenn unser Körper objektiv dastünde und wir nicht in diesem Körper wären, sondern in der Atemluft, die wir einatmen —, und es ist uns so wie wenn wir fühlten, daß unsere äußerliche Körperlichkeit lediglich eben dieser Luftkörper wäre, der eindringt in das menschliche Innere, es ist uns so, wie wenn wir da in die Organe des Menschen hineinsähen, wie wenn wir erst uns annäherten der menschlichen Form in ihrer Äußerlichkeit.

[ 22 ] Von diesem Atmungserlebnis aufsteigend hat gerade die indische Yoga-Philosophie dasjenige Erlebnis erreichen wollen, was ich Ihnen jetzt als das Erleben der astralischen Welt geschildert habe. Wir im Abendlande dürfen — das ist durch unsere Organisation bedingt — dem Morgenland dieses Yoga-Erlebnis nicht nachmachen. Aber alles dasjenige, das wir zunächst erleben können, indem wir auf diese Weise eigentlich uns außerhalb unseres Leibes erleben, das nimmt sich so dar, wie die Weltenseele in dem ätherischen Weltenleibe. Wir haben überhaupt in einer konkreten Erkenntnis niemals einen physischen Weltenleib vor uns, sondern in wirklicher Erkenntnis erreichen wir auf die geschilderte Weise nur einen ätherischen Weltenleib, und in diesem ätherischen Weltenleib erleben wir die Weltenseele in ihren Konfigurationen, deren eine unsere eigene Seele, unser eigener Astralleib — wenn ich es so ausdrücken darf — ist.

[ 23 ] Man kann nun, so wie ich in meiner «Geheimwissenschaft» dasjenige, was man als Ätherwelt überblickt, das Wogen und Wesen dieser Ätherwelt in seiner Konkretheit geschildert habe, ebenso seelenhaft das Werden und Weben des Kosmos schildern. Es wird mir ja vielleicht obliegen, wenn es in diesem Leben noch zustande kommen sollte, daß ich nun dasjenige, was gewissermaßen äußerlich als Ätherwelt geschildert ist in meiner «Geheimwissenschaft», daß das auch als astralische Welt einmal geschildert werden kann. Man wird sehen, daß dann aus ganz anderem Geiste heraus gesprochen werden muß, daß dann den Schilderungen dieser «Geheimwissenschaft» etwas zur Seite treten muß, das sich in seiner Schilderung, in seinen Charakterisierungen durchaus wiederum ganz anders ausnehmen muß, als die Schilderungen, die Charakteristik dieser «Geheimwissenschaft». Und ich sage denjenigen, die heute an meine Schriften so herantreten, daß sie, statt den Willen zu haben, in die Sachen einzudringen, an Worten herumkrebsen und nach Widersprüchen angeln, ich sage denen voraus, daß sie finden werden zwischen dem Buche, das in dieser Weise entsteht durch die Schilderung des Astralischen gegenüber dem Ätherischen, daß sie da eine noch größere Portion von demjenigen finden werden, was sie in ihrer Art als Widersprüche konstatieren werden. Es sind das die Widersprüche des Lebens, und derjenige, der objektiv in das Leben eindringen will, der muß sich mit diesen Widersprüchen lebendig, nicht in abstrakter Logik bekanntmachen.

[ 24 ] Indem aber dieses, was wir kennenlernen als unser eigenes Astralisches, als unser eigenes Seelisches, in dieser Welt an uns herantritt, fühlen wir uns ja eigentlich als kosmischer Mensch, und unseren eigenen astralischen Leib, unsere eigene Seele fühlen wir nur als ein Glied des Kosmos. Aber wir fühlen es als ein Glied nunmehr nicht des ätherischen, sondern des seelischen Kosmos, und wir wissen jetzt: der Kosmos, er hat eine Seele. Und indem wir in der Lage sind, den astralischen Leib als etwas anderes vor unsere Seele hinzustellen als dasjenige, was uns nur durch unsere äußere physische Körperlichkeit und durch die Ätherizität erscheint, wird ein unserer Geburt oder unserer Konzeption vorangehendes, ein im Geiste, in der Seelenwelt vollbrachtes Leben vor diese unsere Seele gestellt, und ein Leben, in das wir eintreten als ein Geistig-Seelisches, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Dasjenige, was man Unsterblichkeit nennt, und auch dasjenige, was unsere Zivilisation verloren hat und das man Ungeborenheit nennen müßte, das wird eine Tatsache, denn man lernt sich aus der ganzen, das einzelne Menschenleben überdauernden Welt heraus kennen. Man ergreift nicht nur dasjenige Stück des menschlichen Wesens, das im Leibe zwischen Geburt und Tod eingekörpert ist, sondern man ergreift jene menschliche Wesenheit, die der Geburt vorangeht und dem Tode folgt; man ergreift sich als ein Glied der dauernden geistigen Welt.

[ 25 ] Und noch weiter kann fortgesetzt werden jene innere Konzentration, jene innere Meditation, wobei man nur darauf sehen muß, daß die Kraft, die man erlangt hat, die Bilderwelt mit Gedanken zu durchdringen, daß die Kraft der Besonnenheit voll erhalten wird. Noch weiter kann man vordringen in diesem Durchsetzen der Imagination mit Gedankeninhalten, und dem Durchsetzen der Inspiration mit Gedankeninhalten, man kann immer verstärken dasjenige, was besonnenes Gedankenerlebnis in Imagination, in Inspiration ist, und dann kommt man zum Erleben der wahren Gestalt des zentralen menschlichen Ich. Dann dringt man durch den menschlichen Astralleib, der sich eigentlich darstellt als aus der Peripherie der Welt sich gegen unser menschliches Zentrum hin entwickelnd, der sich darstellt als ein Glied des ganzen astralischen Kosmos. Man gelangt von diesem aus in das eigentliche wahre Ich, von dem man ja im gewöhnlichen Leben nur einen Schatten hat, zu dem man «Ich» sagt, man gelangt zu demjenigen, was man als Ich nunmehr objektiv anschaut, wie man sonst äußere Dinge objektiv anschaut. Denn dasjenige, was man auf dem Erkenntniswege durchmacht, das hat einen aus der eigenen Leiblichkeit herausgebracht, und was jetzt wiederum einzieht in die eigene Leiblichkeit, das ist nicht das Ich, das man im gewöhnlichen Leben hat, das ist ein reales Ich.

[ 26 ] Dieses reale Ich hat zunächst nichts zu tun mit vielem von dem, was uns aus dem Kosmos heraus als menschlichen Organismus gestaltet, was in uns wirkt und lebt aus der Welt, die wir vor der Geburt oder vor der Empfängnis im geistig-seelischen Reiche durchgemacht haben. Dieses Ich stellt sich dar als ein Objektives, als dasjenige, das gewissermaßen die Summe darstellt all derjenigen Iche, die wir durchlebt haben in unseren abgelaufenen Erdenleben.

[ 27 ] Das wird erreicht auf der Stufe des Intuitiven, des wahrhaftigen Intuitiven. Da wird dasjenige, was in anthroposophischer Menschenerkenntnis geschildert werden kann als die wiederholten Erdenleben, da wird das zu einer Weisheit. Wie überhaupt anthroposophische Erkenntnis nicht darinnen besteht, daß man auf Grund vorliegender Tatsachen abstrakte Erkenntnisse aufstellt, die Bilder sind der Tatsachen, sondern wie anthroposophische Menschenerkenntnis darin besteht, daß man sich in das Wesenhaft-Menschliche nach und nach real hineinlebt. Dasjenige, was man von diesem Menschenwesen erfährt, indem man zuerst in der ätherischen Erkenntnis ausgegossen hat sein Ich, seine Egoität, in den Strom des Lebens zwischen Geburt und Tod, das steht jetzt als das Subjekt denjenigen Ichen gegenüber, die objektiv geworden sind auf dem Wege von unserem früheren Erdenleben zu unserem gegenwärtigen Erdenleben. Aus einem solchen Erkenntniswege heraus spricht derjenige, der aus innerer Anschauung, nicht aus einer Theorie heraus, über das Bestehen wiederholter menschlicher Erdenleben spricht. Diese Anschauung von den wiederholten menschlichen Erdenleben ist eben keine Theorie, sondern sie ist etwas, was auftritt als eine Erkenntnis gleichzeitig mit der Anschauung des wahren Ich, das wir im Grunde genommen im gewöhnlichen Leben so vor uns haben, wie wir unser Seelenleben vor uns haben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Wie wir zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in einem Zustande sind, in den wir nicht hineinschauen, der uns gewissermaßen nur negativ als ein leerer Stromteil unseres Erlebens gegeben ist, wie wir gewissermaßen aussparen müssen in unserem Lebensstrom dasjenige, was wir schlafend erlebt haben, wie wir, wenn wir zurückblicken und unser Leben vor uns auftreten lassen, wie wir für das gewöhnliche Bewußtsein eigentlich nur immer jene Lebensstrecken haben, die verlaufen vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wie diese immer unterbrochen sind von leeren Stromlängen, Stromgliedern, so sehen wir im gewöhnlichen Leben in unser Ich, in unsere Organisation hinunter. Wir sehen, indem wir erleben das wogende, webende Seelenleben, gewissermaßen eine leere Stelle, die wir so verschlafen, wie wir unseren Schlafzustand verschlafen, und zu dieser leeren Stelle sagen wir Ich, nicht zu etwas real Erfülltem. Anthroposophische Menschenerkenntnis, meine sehr verehrten Anwesenden, kann angeben, wie sie zu ihrem Inhalte gelangt, kann Stück für Stück schildern, wie sie innerlich vorrückt zum Ergreifen desjenigen, was sie als Lehre muß vor die Welt hinstellen. Und weil wirkliche anthroposophische Menschenerkenntnis überall den Gedanken hineinträgt — denn Sie haben gesehen, daß ich den Hauptwert darauf legen mußte in der Schilderung dieser anthroposophischen Menschenerkenntnismethode, daß in Imagination, in Inspiration das Gedankenerlebnis mit aller Schärfe hineingetragen worden ist, daß dieses Gedankenerlebnis zuletzt auch noch erscheint im intuitiven Erlebnis; Sie haben gesehen, daß ich darauf den besonderen Wert legen mußte —, und weil das Gedankenerlebnis überall drinnen ist, weil dasjenige, was der Mensch im abstrakten Gedankenerlebnis hat, das er verwendet zu der gewöhnlichen Wissenschaft, überall in all dem drinnen ist, wohinein der Geistesforscher seine Seele und seinen Geist, sein Ich lenkt, deshalb ist auch alles dasjenige, was der Geistesforscher vor der Welt vorbringt, durch das bloße Gedankenerlebnis nachzuleben und auch nachzuprüfen. Der Mensch muß nur die Möglichkeit haben, dem Geistesforscher bis zum Gedankenerlebnis zu folgen. Er darf nur nicht das Gedankenerlebnis sogleich verlieren, wenn er die Sphäre des Sinneserlebens verläßt. Er muß die Kraft haben, diejenige innere Wachstumsfähigkeit und Reproduktionsfähigkeit zu entwickeln, die den sich selbst erzeugenden Gedanken auch dann noch hat, wenn der an der äußeren Sinneserscheinung angeregte Gedanke aufhört, seinen eigentlichen Charakter zu tragen. Dieses intensive innere Erleben, das kann zunächst angeeignet werden; dann wird man finden: der Geistesforscher, er schildert Dinge, die er im wesentlichen erlebt hat, indem er den Gedanken hineingetragen hat in Imagination, Inspiration und Intuition.

[ 28 ] Dasjenige, was er da an Gedanken hineinträgt, man kann ihm folgen, man kann es prüfen. Denn an den Gedanken, die er gestaltet im imaginativen, im inspirierten, im intuitiven Leben, an den Gedanken kann man, wenn man sie sich vorhält, aus ihrer eigenen Natur und Wesenheit heraus die Richtigkeit prüfen. Man muß nur nicht an dem menschlichen Vorurteil, das ja in der neueren Zeit nur allzustark heraufgezogen ist, kleben, daß ein geprüfter Gedanke nur derjenige ist, für den man eine äußere sinnliche Tatsache als Beweis haben kann. Man muß erkennen, daß der Gedanke selber, derselbe Gedanke, den man in der äußeren Wissenschaft braucht, ein inneres Leben hat, daß er seine innere Organisation gestalten kann. Erlebt man nur diese innere Selbstgestaltung der Gedankenkraft, erlebt man sie in einer Weise, wie sie Hegel zu seiner Zeit noch nicht erleben konnte — daher er nur abstrakte Gedanken in seiner Philosophie aufdröselte —, erlebt man dieses lebendige Bewegen des Gedankens, das ich zunächst in seiner Gestalt darzustellen versuchte in meiner «Philosophie der Freiheit», dann kann man jeden einzelnen Gedanken, den der Geistesforscher äußert, wirklich prüfen. Derjenige, der diese Prüfung nicht unternimmt, der wird das zumeist aus dem Grunde heraus tun, daß er sich aus einem mangelhaften Willen veranlaßt fühlt, zu sagen: Dasjenige, was du da denkst, dem folge ich nicht, denn dazu gibt mir dasjenige, was ich bisher weiß, keine Veranlassung.

[ 29 ] Wer auf diesem Standpunkte steht, mit dem ist allerdings über Anthroposophie, namentlich über anthroposophische Menschenerkenntnis einfach nicht zu reden. Es ist nicht nötig, daß man selber zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition aufsteigt, es ist nur nötig, daß man das Gedankenleben, das man schon in der gewöhnlichen Wissenschaft entwickelt, lebendig hineinträgt in das ganze innere Seelenleben, und von diesem lebendigen Erfassen des Gedankens aus dasjenige verfolgt, was der Geistesforscher aus Imagination, Inspiration und Intuition heraus bringt. Aber das, meine sehr verehrten Anwesenden, muß man als einen Entschluß fassen, von dem toten Denken abzukommen, das nur Glied an Glied als Begriffe anordnet, so wie die äußere Sinneswelt verläuft. Dieses tote Denken verläuft so, daß ich an dem einen Stück äußerer Sinnenwelt bilde diesen Begriff, dann klebe ich ihn an an denjenigen Begriff, den ich an dem anderen Stück Sinneswelt gewinne und so weiter. Nur wer festhält an dieser Klebemethode für ein Begriffssystem, der wird sagen, er könne vom Standpunkte des gewöhnlichen Denkens aus nicht nachprüfen, was in der Anthroposophie gegeben ist. Wer aber erfaßt, daß der Mensch in sich wirklich trägt, in sich erlebt das Denken als einen lebendigen Organismus — es ist nur überschattet, es ist nur durch eine Illusion überschattet —, wer erfaßt dieses im lebendigen Leben stehende Denken, der kann aus diesem Denken heraus alles nachprüfen, was der Geistesforscher über Mensch und Welt hinstellt.

[ 30 ] So sehen Sie aus dem ganzen Sinn desjenigen, was ich mir erlaubte Ihnen vorzutragen, daß sich, wenn der Geistesforscher versucht, vorzudringen zur Menschenerkenntnis, im Erstreben dieser Menschenerkenntnis zugleich Welterkenntnis ergibt. Erkenntnis des wahren menschlichen Wesens führt uns über uns hinaus in die objektive Welt hinein. Wirkliche Erkenntnis der wahren objektiven Welt gibt uns innerhalb ihres Inhaltes den Menschen, den wirklich äußerlich und innerlich lebendigen Menschen, der sich heimisch fühlen kann in der Welt, die er auf diese Weise entdeckt. Und so darf gesagt werden: Wie schon geahnt werden kann, daß Welt und Mensch im Intimsten doch zusammengehören müssen, wie ich es schon betont habe in meiner «Philosophie der Freiheit», so stellt gerade Geisteswissenschaft die Erkenntnis vor die Welt hin, daß Welterkenntnis errungen werden muß durch Menschenerkenntnis, weil Weltwesenheit erlebt werden kann im innersten Menschenwesen, daß Menschenwesen erkannt werden kann aus Welterkenntnis heraus, weil der Mensch mit seinem innersten Wesen aus der objektiven, wahren Welt stammt; daß errungen werden muß Welterkenntnis durch Menschenerkenntnis [und Menschenerkenntnis durch Welterkenntnis].

[ 31 ] Darinnen kann nun wiederum ein Widerspruch oder gar ein Paradoxon gefunden werden, denn man könnte fragen: Wo sollen wir denn nun anfangen, sollen wir bei der Welterkenntnis anfangen, um aus der Welterkenntnis heraus Menschenerkenntnis zu gewinnen, wie es der Pantheist oder irgendein philosophisch oder materialistisch Denkender unternimmt, oder sollen wir, wie es der Mystiker oftmals unternimmt, aus der Menschenerkenntnis heraus zur Welterkenntnis uns aufschwingen?

[ 32 ] Das ist aber tot, das ist nicht lebendig gedacht. Menschenerkenntnis und Welterkenntnis gehören nicht zusammen wie zwei tote Glieder eines Organismus, so daß man bei dem einen anfangen und zu dem anderen übergehen kann, sondern Menschenerkenntnis und Welterkenntnis gehören zusammen wie die belebten Glieder eines Wesens selber. Und sowenig man sagen kann, es lebt der Kopf durch die Glieder, oder die Glieder leben durch den Kopf, sowenig kann man sagen, man könne bei Welterkenntnis anfangen, um zum Menschen zu kommen, oder bei Menschenerkenntnis anfangen, um zur Welterkenntnis zu kommen, sondern man muß sagen: beides muß sich in lebendiger Einheitlichkeit ergeben, beides muß sich in lebendiger Einheitlichkeit gegenseitig aufhellen. Und in diesem Sinne, im Sinne einer lebendigen Erkenntnis muß sich ergeben für die großen Fragen unserer Zeit eine aus Geistesforschung heraus gewonnene Welterkenntnis durch wahre Menschenerkenntnis, eine wirkliche Menschenerkenntnis durch wahre Welterkenntnis.