Kunst und Anthroposophie
der Goetheanum-Impuls
Sommerkurs 1921
GA 77b
27 August 1921, Dornach
6. Einleitende Worte zu einem Lichtbildervortrag über den Goetheanum-Bau
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Sie werden gestatten, daß ich in Anknüpfung und in Ergänzung zu dem, was ich mir erlaubt habe zu sagen bei der Führung durch das Goetheanum, hier einiges über unseren Bau noch zusammenfassend heute vorbringe.
[ 2 ] Unsere anthroposophische Bewegung hat viele Jahre hindurch so gewirkt, daß sie ihre Versammlungen in gewöhnlichen Sälen abhielt, wie man sie heute eben haben kann. Und auch als wir, vom Jahre 1909 angefangen, übergehen konnten dazu, Dramatisches darzustellen, das aus den Impulsen anthroposophischer Weltanschauung selbst genommen war, mußten wir uns zunächst darauf beschränken, diese Darstellungen in gewöhnlichen Theatern und unter den gewöhnlichen Theaterverhältnissen zu haben. Als nun unsere anthroposophische Bewegung größere Ausdehnung gewann, entstand bei einer großen Anzahl von Freunden die Idee, der Anthroposophie ein eigenes Haus zu bauen. Und nun wurde mir gewissermaßen — ich bemerke das ausdrücklich, weil der Auftrag zum Bauen nicht etwa von mir ausgegangen ist, sondern von Freunden der anthroposophischen Weltanschauung — der Auftrag gegeben, ein der anthroposophischen Bewegung entsprechendes Heim zu schaffen.
[ 3 ] Es mußte nun die Frage entstehen: Wie soll an den Bau eines solchen Hauses geschritten werden? Wenn irgendeine andere Gesellschaft, eine Vereinigung unter irgendeiner Aufgabe, einer Zielsetzung, heute sich ein Haus baut — was gibt es heute nicht alles mögliche an Vereinigungen mit allen möglichen Zielsetzungen —, dann setzt sie sich auseinander mit irgendeinem Baukünstler. Man kommt überein, in welchem Stil, griechischem, gotischem, oder Renaissancestil oder in einem sonstigen Baustil solch ein Haus zu bauen sei. Das ist ja der gewöhnliche Vorgang von heute. Wäre Anthroposophie eine Bewegung wie diese alle es sind, dann hätte sie auch in dieser Weise vorgehen können. Aber Anthroposophie rechnet mit den großen Forderungen der Zeit nach einer durchgreifenden Erneuerung unserer ganzen Kultur, und deshalb konnte auf diesem Wege nicht gebaut werden. Außerdem ist Anthroposophie nicht einseitig ein Ideengehalt, sondern der Ideengehalt der Anthroposophie entspringt aus dem ganzen menschlichen Erleben, aus tiefen Quellen des Menschenwesens heraus. Und dasjenige, was in den Ideen der Anthroposophie lebt, das ist geradeso, wie es bei den älteren Kulturen der Fall war, eben einer Urquelle entsprossen. Und es kann, genauso wie dasjenige, was Anthroposophie in Worten durch den Menschenmund zu verkündigen hat, genauso wie das als Lehre gegeben werden kann, es kann genauso auf der anderen Seite für die unmittelbare künstlerische Anschauung dasjenige gegeben werden, was aus den Quellen heraus fließt, aus denen auch die anthroposophischen Ideen fließen. Es ist nicht eine Übersetzung oder Umsetzung anthroposophischer Ideen in Kunst, um die es sich da handelt, sondern es ist ein anderer Zweig, der aus derselben Lebensquelle heraus, aus der die anthroposophischen Ideen kommen, als Kunst sich entwickeln kann.
[ 4 ] Dasjenige, was Anthroposophie zu offenbaren hat, kann von einem Podium aus in Worten, die Ideen bedeuten, gesagt werden. Es kann aber auch aus den Formen, aus den plastischen Formen, aus der Malerei heraus sprechen, ohne daß Plastik oder Malerei Symbolik oder Allegorie werden, sondern innerhalb der Sphäre des rein Künstlerischen stehen. Das heißt aber nichts anderes als: Wenn Anthroposophie sich eine bauliche Umhüllung schafft, in der sie wirken soll, dann muß sie dieser baulichen Umhüllung ihren eigenen Stil geben, wie auch ältere Weltanschauungen ihren baulichen Umhüllungen den entsprechenden Stil gegeben haben. Nehmen wir den griechischen Baustil, wie er sich zum Teil ausgelebt hat im griechischen Tempel: Dieser griechische Tempel ist ganz und gar aus derselben Weltanschauung herausgewachsen, aus der die griechische Dramatik, die griechische Epik, die griechischen Götteranschauungen herausgewachsen sind. Der Grieche hat gefühlt, daß er, indem er seinen Tempel schuf, dem Gotte ein Wohnhaus baute. Und das entspricht dem, was ältere Kulturanschauungen in der durch den Tod gegangenen Menschenseele in ihrer weiteren Entwickelung gesehen haben; es besteht eine gewisse qualitative Verwandtschaft zwischen dem Gotte der Griechen und der Menschenseele, die durch den Tod gegangen ist, wie man sie empfand in älteren Kulturströmungen. Und etwas ähnliches, wie man in alten Zeiten den durch den Tod gegangenen Menschenseelen, indem man sie noch auf der Erde glaubte, Wohnhäuser baute, gestalteten die Griechen dann auf späterer Stufe in ihrem Tempel. Der Tempel ist das Wohnhaus des Gottes, das heißt nicht der durch den Tod gegangenen Menschenseele selber, sondern derjenigen Seele, die einer anderen Hierarchie, einer anderen Weltordnung angehört.
[ 5 ] Wer Formen künstlerisch schauen kann, empfindet in den Formen, die durch Tragen und Lasten und anderes für den griechischen Tempel geschaffen worden sind, noch, wie in älteren Zeiten dem Toten, der sich nach dem Tode auf der Erde noch aufhielt, der als chronische Gottheit, als Erdengottheit wirkte, aus dieser Erde heraus dieses Wohnhaus geformt wurde, so daß als eine Fortsetzung der Schwerkräfte der Erde, wie sie der Mensch empfinden kann, wenn er seine Gliedmaßenwesenheit irgend durchschaut, als ein solcher Zusammenhang von Kräften der Tempel errichtet worden ist. Der griechische Tempel ist nur als vollständig anzusehen, wenn man ihn so ansieht, daß die Statue des Gottes drinnen ist. Derjenige, der Formgefühl hat, kann sich einen leeren griechischen Tempel nicht als etwas Vollständiges denken. Nur das kann er sich denken, nur das kann er empfinden, daß diese Hülle die Statue der Athene, des Zeus, des Apollon und so weiter in sich enthält.
[ 6 ] Überspringen wir einiges in der kunstgeschichtlichen Entwickelung und sehen wir nach dem gotischen Bau hin. Der gotische Bau, wenn man ihn empfindet mit seinen Formen, mit seinen eigentümlichen Fenstern, die das Licht in einer eigentümlichen Weise einlassen, so empfindet man eigentlich immer, daß, wenn man in den leeren gotischen Dom hineingeht, er keine Totalität, nichts Vollständiges ist. Der gotische Dom ist erst vollständig, wenn die Gemeinde darinnen ist, deren Seelen in Harmonie in ihrem Wirken zusammenklingen. Ein griechischer Tempel ist die Umhüllung des Gottes, der bei den Menschen auf Erden durch seine Statue weilt. Ein gotischer Dom ist in all seinen Formen dasjenige, was die in Eintracht und mit den Gedanken nach dem Ewigen gerichtete Gemeinde in sich umschließt.
[ 7 ] Die griechische Weltanschauung, oder die Weltanschauung, die sich in der Gotik Form geschaffen hat, sind für die heutige Menschheit abgelebte Welten. Nur die aus ihnen stammenden degenerierten Niedergangskräfte können heute noch leben. Wir brauchen eine neue Kultur, aber eine Kultur, die nicht nur einseitig sich in Erkenntnissen und Ideen äußert, sondern eine Kultur, die sich auch in einer neuen Kunst äußern kann. Und so weist uns auch die kunstgeschichtliche Entwickelung auf die Notwendigkeit eines für die Anthroposophie, die eine neue Kulturform bringen will, eigenen Baustiles hin.
[ 8 ] Dasjenige, was Anthroposophie ausleben soll, beruht ja darauf, daß gewissermaßen eine höhere Wesenheit im Menschen, die aber der Mensch selbst ist, zu demjenigen Menschen redet, der im gewöhnlichen Leben lebt, das zwischen Geburt und Tod abläuft. Indem ich das durchempfand, ergab sich mir als die notwendige BauUmhüllung für diesen Grundimpuls anthroposophischer Weltanschauung der Zweikuppel-Bau. In der kleinen Kuppel ist gewissermaßen äußerlich-physisch zusammengedrängt dasjenige, was innerlich groß und weit ist; in dem großen Kuppelraum ist dasjenige räumlich geweitet, was innerlich weniger weit ist, was innerlich dem Leben angehört, das wir eben zwischen Geburt und Tod führen. Und wenn im Sinne einer solchen anthroposophischen Weltanschauung der Mensch diesen Bau betritt, so muß er seine eigene Wesenheit finden. Das ist in dem begründet, was eben gesagt worden ist. Und er muß, indem er drinnen ist, den Bau so empfinden, wie wenn er sich als Mensch, als Mikrokosmos nicht beengt fühlte durch den Bau, sondern durch die ganzen Bauformen mit dem Universum, mit dem Makrokosmos in einer äußerlichen Verbindung wäre. Wenn man aber den Bau von außen anschaut, so muß man das Gefühl haben: Da drinnen geht etwas vor, was zu dem irdischen Dasein ein Überirdisches, ein Außerirdisches dazubringt, da drinnen geht etwas vor, was im Irdischen selber verborgen ist. So muß es möglich sein, den Bau anzuschauen nach seiner gesamten Form und auch nach den plastischen Ausweitungen, die, wie ich ja drüben gesagt habe, organische Gliederungen darstellen müssen.
