The Reality of the Higher Worlds
GA 79
26 November 1921, Oslo
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The Reality of the Higher Worlds, tr. SOL
2. Wege zur Erkenntnis höherer Welten
2. Paths to the Knowledge of Higher Worlds
[ 1 ] Mein erstes Wort gelte dem Ausdruck meines innigsten Dankes für den herzlich schönen Willkommensgruß Ihres Herrn Vorsitzenden, und Ihnen allen Dank dafür, daß es möglich geworden ist, vor Ihnen über ein Kapitel anthroposophischer Geisteswissenschaft sprechen zu können. Ich darf es aussprechen, daß mir diese Einladung Ihrerseits von ganz besonderem Wert ist, denn es muß ja begreiflich erscheinen, daß dasjenige, was in den nächsten Bestrebungen für die Zukunft gemeint ist, sich vor allem gern an die Studentenschaft wendet, weil geistige Schätze wohl zunächst innerhalb der Studentenschaft am besten geborgen sein können und von da aus am besten ihren Weg in die Zukunft machen können. Aus diesem Gefühl heraus sage ich also Ihrem Herrn Vorsitzenden und Ihnen allen für Ihren herzlichen Willkommensgruß innigsten Dank.
[ 1 ] I would like to begin by expressing my deepest gratitude for the warm and heartfelt welcome extended by your Chairman, and to thank all of you for making it possible for me to speak to you today about a chapter of anthroposophical spiritual science. I would like to say that this invitation from you is of very special value to me, for it must surely be understandable that what is intended in our future endeavors is directed first and foremost toward the student body, since spiritual treasures are best preserved within the student body and can best find their way into the future from there. It is with this sentiment that I express my deepest gratitude to your Chairman and to all of you for your warm welcome.
[ 2 ] Es ist gewünscht worden, daß ich heute gerade über das Thema spreche: Wege zur höheren, das heißt zur übersinnlichen Erkenntnis. Ich nehme an, daß nur ein Teil von Ihnen in meinem gestrigen Vortrage war, daher wird es schon geboten sein, daß ich einige der wichtigeren gestern vorgebrachten Dinge in meinen Vortrag wiederum hineinverwebe.
[ 2 ] It has been requested that I speak today specifically on the topic: Paths to higher, that is, supersensible knowledge. I assume that only some of you were present at my lecture yesterday, so it will be necessary for me to weave some of the more important points I raised yesterday back into my lecture.
[ 3 ] Anthroposophische Geisteswissenschaft strebt vor allen Dingen nach einem vollen Einklang mit dem, was im Laufe der letzten Jahrhunderte an wissenschaftlichen Geistesgütern heraufgekommen ist. Anthroposophie ist nicht in irgendeiner Weise, wie manche glauben, gegen wissenschaftliche Bestrebungen gerichtet, sondern im Gegenteil, am liebsten sind denjenigen, die ganz ehrlich und ernst in unserer anthroposophischen Bewegung stehen, solche Menschen, die ein volles Urteil darüber haben, was in der neueren Zeit errungen worden ist an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, an innerer wissenschaftlicher Gesinnung. Allerdings, mit dem, was anerkannte Wissenschaft ist, glaubt man mit Recht, nicht in übersinnliche Welten eindringen zu können. Und auf einem gemeinsamen Boden mit der anerkannten Wissenschaft steht in einer gewissen Weise in bezug auf diesen Punkt auch Anthroposophie. Sie ist sich durchaus klar darüber, daß diejenigen Recht haben, die gegenüber der Naturerkenntnis von Grenzen des menschlichen Wissens reden. Sie ist sich auch klar darüber, daß diese Grenzen mit den gewöhnlichen menschlichen Erkenntniskräften nicht überschritten werden können. Daher wird auch von Anthroposophie gar nicht der Versuch gemacht, mit diesen gewöhnlichen Bewußtseins- und Erkenntniskräften die Wege zur übersinnlichen Erkenntnis zu finden, sondern Anthroposophie ist bestrebt, nicht nur in bezug auf die Ergebnisse des wissenschaftlichen Forschens dort anzufangen, wo gewöhnliche Wissenschaft aufhören muß, sondern sie ist auch bestrebt, mit ihren Methoden dort anzufangen, wo die für die äußere Natur und auch für die physische Natur des Menschen geltende Wissenschaft aufhören muß. Anthroposophie muß daher nicht nur über anderes reden, sondern sie muß auch anders reden. Dennoch steht sie im vollen Einklange mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und mit wissenschaftlicher Disziplin. Sie geht davon aus, die Erkenntniskräfte, durch welche in die übersinnlichen Welten hinaufgedrungen werden soll, erst aus ihrem Schlummer in der menschlichen Wesenheit herauszuholen. Anthroposophie behauptet nicht, daß zum Erkennen übersinnlicher Welten besondere Eigenschaften, Fähigkeiten gehören, die nur einzelne Menschen haben, sondern sie will durchaus nur auf diejenigen Kräfte sich stützen, welche aus jeder Menschenseele hervorgeholt werden können, welche aber hinausgehen über das, was wir im gewöhnlichen Wachstum seit unserer Kindheit gewissermaßen als Menschen anererbt erhalten, und welche auch hinausgehen über das, was durch die gewöhnliche Erziehung, durch das gewöhnliche Lernen erreicht wird.
[ 3 ] Anthroposophical spiritual science strives above all for full harmony with the scientific achievements that have emerged over the course of the last few centuries. Anthroposophy is in no way, as some believe, directed against scientific endeavors; on the contrary, those who are truly honest and serious within our anthroposophical movement most appreciate people who have a full appreciation of what has been achieved in recent times in terms of scientific rigor and an inner scientific spirit. However, based on what is recognized as science, one rightly believes that it is not possible to penetrate into supersensible worlds. And in a certain sense, anthroposophy also stands on common ground with recognized science regarding this point. It is fully aware that those who speak of the limits of human knowledge in relation to the understanding of nature are correct. It is also clear that these limits cannot be transcended with ordinary human powers of cognition. Therefore, anthroposophy does not even attempt to find paths to supersensible knowledge using these ordinary powers of consciousness and cognition; rather, anthroposophy strives not only, with regard to the results of scientific research, to begin where ordinary science must stop, but it also strives to begin, using its own methods, where the science applicable to external nature—and also to the physical nature of the human being—must stop. Anthroposophy must therefore not only speak of different things, but it must also speak differently. Nevertheless, it is fully in harmony with scientific rigor and scientific discipline. It proceeds on the basis of first awakening the powers of cognition—through which one is to penetrate into the supersensible worlds—from their slumber within the human being. Anthroposophy does not claim that the knowledge of supersensible worlds requires special qualities or abilities possessed only by certain individuals; rather, it seeks to rely exclusively on those powers that can be drawn forth from every human soul—powers that go beyond what we, as human beings, have, so to speak, inherited through our ordinary development since childhood, and which also go beyond what is achieved through ordinary education and learning.
[ 4 ] Der Mensch muß, wenn er im anthroposophischen Sinne Geistesforscher werden will, wenn ich so sagen darf, von dem Punkte aus, auf dem man im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft steht, seine Entwickelung nun selbst in die Hand nehmen. Diejenigen Kräfte, die zunächst ausgebildet werden müssen, sind die des Denkens. Damit wird nur ein Anfang dieser Entwickelung gemacht, denn wir werden sehen, daß es sich nicht bloß um Ausbildung einseitiger Verstandes- oder Denkkräfte, sondern um Ausbildung des ganzen Menschen handelt. Aber ein Anfang muß gemacht werden mit einer besonderen Übung im Denken. Das Denken, an das wir heute nicht nur im äußeren Leben, sondern auch in der Wissenschaft gewöhnt sind, gibt sich hin an die äußere Beobachtung, es läuft gewissermaßen am Faden der äußeren Beobachtung hin. Wir richten unsere Sinne in die Außenwelt und knüpfen unsere Gedanken an dasjenige an, was uns die Sinne überliefern. Wir haben dadurch eine feste Stütze an der Beobachtung der Außenwelt für die Verbindung unserer Seeleninhalte, unserer Erlebnisse. Es ist in berechtigter Weise wissenschaftliches Bestreben gewesen, gerade diese Stütze, die Stütze der Beobachtung, immer mehr und mehr auszubilden. Und diese Beobachtung hat noch ihre besondere Verstärkung erfahren durch den wissenschaftlichen Gebrauch des Experimentes, bei dem man ja alle einzelnen Bedingungen, um zu einzelnen Erscheinungen hinführen zu können, wirklich zu überblicken vermag, so daß gewissermaßen die Vorgänge ganz durchsichtig werden.
[ 4 ] If a person wishes to become a spiritual researcher in the anthroposophical sense—if I may put it that way—they must now take their own development into their own hands, starting from the point at which one stands in ordinary life and in ordinary science. The powers that must first be developed are those of thinking. This marks only the beginning of this development, for we shall see that it is not merely a matter of developing one-sided intellectual or thinking powers, but of developing the whole human being. But a start must be made with a specific exercise in thinking. The kind of thinking to which we are accustomed today—not only in our external lives but also in science—relies on external observation; it follows, as it were, the thread of external observation. We direct our senses toward the external world and link our thoughts to what our senses convey to us. Through this, we have a firm foundation in the observation of the external world for connecting the contents of our souls, our experiences. It has been a legitimate scientific endeavor to develop this very foundation—the foundation of observation—more and more. And this observation has been further strengthened by the scientific use of the experiment, in which one is truly able to survey all the individual conditions leading to specific phenomena, so that, in a sense, the processes become completely transparent.
[ 5 ] Von diesem Hingegebensein des Denkens an die äußere Objektivität muß anthroposophische Geisteswissenschaft für ihre Aufgabe abgehen. Für sie handelt es sich darum, das Denken vor allen Dingen innerlich zu verstärken, intensiver zu machen. Ich habe mir erlaubt, gestern zu sagen: Wie ein Muskel, wenn er eine bestimmte Arbeit verrichtet, stärker wird, so ist es auch mit unseren Seelenkräften. Wenn wir bestimmte, überschaubare Vorstellungen immer wieder und wieder in systematischer Übung in den Mittelpunkt unseres Bewußtseins rücken, und mit dem ganzen Menschen uns hingeben an solche Vorstellungen, so verstärken wir gerade unsere Denkkräfte. Dieses Intensivwerden der Denkkräfte muß aber natürlich so erreicht werden, daß in alledem, was man da vornimmt, der volle besonnene Wille des Menschen enthalten ist. Daher kann derjenige, der im anthroposophischen Sinne ein Geistesforscher werden will, vor allen Dingen ein großes Vorbild haben innerhalb der heutigen Wissenschaftlichkeit: das ist die Mathematik. So sonderbar und paradox es klingen mag, der anthroposophische Geistesforscher, wenn er über das Laientum hinauskommen will, beobachtet vor allen Dingen etwas, was schon über des alten Plato Schule als eine Devise geschrieben war: daß in wirkliche geisteswissenschaftliche Erkenntnis keiner eindringen kann, der nicht eine gewisse mathematische Kultur hat.
[ 5 ] Anthroposophical spiritual science must depart from this fixation of thought on external objectivity in order to fulfill its task. For it, the primary concern is to strengthen thought inwardly and make it more intense. I took the liberty of saying yesterday: Just as a muscle grows stronger when it performs a specific task, so it is with our soul powers. When we repeatedly bring specific, manageable concepts into the center of our consciousness through systematic practice, and devote our whole being to such concepts, we thereby strengthen our powers of thought. This intensification of the powers of thought must, of course, be achieved in such a way that the full, deliberate will of the human being is present in everything one undertakes. Therefore, anyone who wishes to become a spiritual researcher in the anthroposophical sense can, above all, find a great model within today’s scientific world: mathematics. As strange and paradoxical as it may sound, the anthroposophical spiritual researcher, if he wishes to move beyond the level of a layperson, observes above all something that was already inscribed as a motto in the school of Plato: that no one can penetrate into true spiritual-scientific knowledge who does not possess a certain mathematical culture.
[ 6 ] Was ist denn eigentlich das Besondere, das die Seele von der Mathematik hat? Das hat sie, daß alles, was im mathematischen Erkennen vor die Seele tritt, innerlich durchsichtig, übersichtlich ist, daß gewissermaßen nichts in dieser Erkenntnis drinnen steckt, dem man sich nur unbewußt und ohne Anwendung seines Willens hingibt. Natürlich ist Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne nicht Mathematik. Aber ein bedeutsames Vorbild kann gerade die Art und Weise sein, wie man sich in mathematisches Denken hineinfindet. Eigentlich ist nicht die Mathematik dieses Vorbild, wohl aber, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Mathematisieren. Und wenn man vor allen Dingen gelernt hat, über alles Illusionäre, über alles Suggestive hinauszukommen durch eine solche mathematisierende Kultur, dann kann man mit besonderem Erfolg daran gehen, überschaubare Vorstellungen, aber solche Vorstellungen, die einem neu sind, in sich aufzunehmen. Man läßt sie sich von einem erfahrenen Geistesforscher geben oder sucht sonst zu Vorstellungen zu kommen, die man noch nicht in der Erinnerung hat. Diese setzt man in den Mittelpunkt des Bewußtseins und gibt sich ihnen mit dem ganzen Seelenleben hin, wendet alle Kräfte der Aufmerksamkeit von allem übrigen ab und versucht eine gewisse, nicht allzulange Zeit auf eine solche Vorstellung oder solchen Vorstellungskomplex zu richten. Warum muß diese Vorstellung oder dieser Vorstellungskomplex etwas Neues sein? Ja, wenn wir Reminiszenzen aus unserer Erinnerung heraufholen, können wir niemals ganz sicher sein, was da in unserem Organismus vorgeht, was da in unserem Organismus im außerseelischen Unbewußten zu gewissen Erlebnissen treibt. Wir können mit unserer Erkenntnis uns wirklich nur frei bewegen, wenn wir der Sinnesanschauung gegenüberstehen, weil die Sinnesanschauung in jedem Augenblicke uns begegnen wird, weil wir bei ihr sicher wissen, daß sie nicht in irgendeiner phantastischen Weise hervorgeholt sein kann aus Lebensreminiszenzen. Ebenso muß dasjenige sein, was wir jetzt mit Ausschluß der sinnlichen Wahrnehmungen anwesend sein lassen in unserem Bewußtsein, dem wir uns ganz hingeben, so hingeben, daß wir ohne sinnliche Wahrnehmungen in einer inneren Lebendigkeit sind, wie sonst nur bei der äußeren sinnlichen Wahrnehmung. Das ist es, worauf es zunächst ankommt bei dem Wege zur höheren Erkenntnis, daß das sinnlichkeitsfreie Denken in eine innere Bewegung kommt, die unsere Seele so stark in Anspruch nimmt, wie sonst nur eine äußere Sinneswahrnehmung. Man möchte sagen: Was der Mensch sonst in der äußeren Sinneswahrnehmung erlebt, das muß er erleben lernen an demjenigen Denken, welches sich verstärkt und dennoch ganz von besonnenem, bewußtem Willen durchzogen ist.
[ 6 ] What, then, is actually so special about the soul of mathematics? It is this: that everything which presents itself to the soul in mathematical cognition is internally transparent and clear; that, in a sense, there is nothing within this cognition to which one surrenders merely unconsciously and without the exercise of one’s will. Of course, spiritual science in the anthroposophical sense is not mathematics. But the very way one enters into mathematical thinking can serve as a significant model. Actually, it is not mathematics itself that serves as this model, but rather—if I may put it this way—the process of “mathematizing.” And once one has, above all, learned to transcend all that is illusory and suggestive through such a “mathematizing” culture, one can then set out with particular success to take in clear and well-defined concepts—but concepts that are new to one. One has them presented by an experienced spiritual researcher or otherwise seeks to arrive at concepts that are not yet present in one’s memory. One places these at the center of one’s consciousness and devotes one’s entire inner life to them, turning all one’s powers of attention away from everything else and attempting to focus on such a concept or complex of concepts for a certain, not overly long period of time. Why must this image or complex of images be something new? Indeed, when we recall memories from our past, we can never be entirely certain what is taking place within our organism—what is driving certain experiences in the extra-psychic unconscious within our organism. We can truly move freely with our cognition only when we are confronted with sensory perception, because sensory perception will meet us at every moment, and because with it we know for certain that it cannot be conjured up in some fantastical way from memories of life. Likewise, what we now allow to be present in our consciousness—excluding sensory perceptions—must be something to which we surrender ourselves completely, surrendering to the point where, without sensory perceptions, we are in a state of inner liveliness comparable to that experienced only through external sensory perception. This is what matters most at the outset on the path to higher knowledge: that thinking free from the senses enters into an inner movement that engages our soul as intensely as external sensory perception otherwise does. One might say: What a person otherwise experiences through external sensory perception, they must learn to experience through that kind of thinking which is intensified and yet entirely permeated by a sober, conscious will.
[ 7 ] Damit ist schon eine Barriere starker Art aufgerichtet gegen alles das, was in das Bewußtsein hereinkommen will an Suggestion, Illusion, an Visionen, Halluzinationen. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, wird immer mißverstanden, wenn man sagt: Nun ja, solch ein Geistesforscher kann ja durch seine Übungen auch nur zu Halluzinationen oder dergleichen kommen, zu allerlei krankhaften Seelenzuständen. — Wer es wirklich ernst nimmt mit der Art und Weise, wie der Weg in die höhere Erkenntnis der Anthroposophie geschildert wird, der wird sehen, daß gerade diese Geistesforschung den Menschen am allerklarsten macht über alles, was Illusionen, was Halluzinationen oder was gar Mediumistisches ist. Das wird alles nach der anderen Seite, nach der krankhaften Seite gehend, streng abgewiesen, wird in seiner Wertlosigkeit gerade von demjenigen durchschaut, was mit wirklicher geistiger Forschung errungen werden kann. Dann kommt man dazu, ein ganz anderes Denken sich anzueignen. Das alte Denken, das man für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft braucht, das bleibt voll bestehen. Aber es tritt zu diesem Denken ein ganz neues Denken hinzu, wenn man in entsprechender Weise — Sie finden das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben — solche Übungen, wie ich sie prinzipiell jetzt als Denkübungen charakterisiert habe, immer wieder und wiederum systematisch vollführt — der eine braucht länger dazu, der andere kürzer —, wenn man diese Übungen in seinem Bewußtsein als innerlich intime Seelenentwickelung vollführt. Was da zu dem gewöhnlichen Denken hinzukommt, ich möchte es in der folgenden Weise charakterisieren.
[ 7 ] This already erects a powerful barrier against everything—suggestions, illusions, visions, and hallucinations—that seeks to enter consciousness. Spiritual scientific knowledge, as understood here, is always misunderstood when people say: “Well, such a spiritual researcher can, through his exercises, only end up with hallucinations or the like—all sorts of pathological states of mind.” — Anyone who takes seriously the way in which the path to higher knowledge in anthroposophy is described will see that it is precisely this spiritual research that makes it most clear to people what constitutes illusions, hallucinations, or even mediumistic phenomena. All of this—which leans toward the other side, the pathological side—is strictly rejected; its worthlessness is seen through precisely by what can be attained through genuine spiritual research. Then one comes to adopt an entirely different way of thinking. The old way of thinking, which is needed for ordinary life and for ordinary science, remains fully intact. But a completely new way of thinking is added to this, when one—in the manner described in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* or in my *Secret Science*—one performs such exercises, which I have now characterized in principle as thinking exercises, again and again and systematically—some take longer to achieve this, others less time—when one performs these exercises in one’s consciousness as an intimate inner development of the soul. I would like to characterize what is added to ordinary thinking in the following way.
[ 8 ] Ich darf vielleicht dabei eine persönliche Bemerkung machen, die aber nicht persönlich gemeint ist, sondern von der Sie wohl zugeben werden, daß sie zu dem Objektiven meiner Darstellungen gehört. Ich habe in dem Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben, um zu zeigen, wie im moralischen, ethischen Leben der Menschheit die Freiheit wirklich begründet ist, wirklich lebt. Diese «Philosophie der Freiheit» hat viele Mißverständnisse hervorgerufen, weil man sich einfach nicht hineinfinden kann in die Art des Denkens, wie sie in dieser «Philosophie der Freiheit» geübt wird. Es ist nämlich in dieser «Philosophie der Freiheit» schon jenes Denken geübt, zu dem man sich eigentlich behufs Erkenntnis höherer Welten systematisch hindurchringen muß. Es ist der Anfang nur gemacht, derjenige Anfang, den jeder schon im gewöhnlichen Leben machen kann. Aber es ist zu gleicher Zeit der Anfang für die Erkenntnis höherer Welten. Das gewöhnliche Denken — Sie brauchen sich nur zu besinnen auf die Art dieses gewöhnlichen Denkens, so werden Sie sehen, wie berechtigt das ist, was ich sage —, das gewöhnliche Denken ist eigentlich ein aus räumlichen Wahrnehmungen bestehendes Denken. Wir richten ja alles im Grunde genommen in unserem gewöhnlichen Denken räumlich ein. Bedenken Sie nur, daß wir das Zeitliche ja auch auf das Räumliche zurückführen. Wir drücken die Zeit durch die Bewegungen der Uhr aus. Wir haben im Grunde genommen auch in unseren physikalischen Formeln denselben Vorgang. Kurz, wir kommen zuletzt darauf, daß das gewöhnliche Denken ein kombinierendes ist, ein solches, das auseinanderliegende Gebilde zusammenfaßt. Dieses Denken brauchen wir für das gesunde gewöhnliche Leben, brauchen wir auch für die gesunde gewöhnliche Wissenschaft.
[ 8 ] Perhaps I may make a personal remark here, though it is not meant to be personal; rather, you will surely agree that it is part of the objective purpose of my explanations. In the early 1890s, I wrote my *Philosophy of Freedom* to show how freedom is truly grounded and truly lives in the moral and ethical life of humanity. This *Philosophy of Freedom* has given rise to many misunderstandings, simply because people cannot bring themselves to engage with the kind of thinking practiced in it. For in this *Philosophy of Freedom*, the very kind of thinking is already being practiced that one must actually force oneself to engage with systematically in order to gain knowledge of higher worlds. Only the first step has been taken—the very step that anyone can take even in ordinary life. But at the same time, it is the first step toward the knowledge of higher worlds. Ordinary thinking—you need only reflect on the nature of this ordinary thinking, and you will see how justified what I am saying is—ordinary thinking is, in fact, a form of thinking consisting of spatial perceptions. After all, in our ordinary thinking we essentially organize everything spatially. Just consider that we also reduce the temporal to the spatial. We express time through the movements of a clock. Essentially, we see the same process at work in our physical formulas as well. In short, we ultimately conclude that ordinary thinking is a combinatory form of thinking, one that synthesizes disparate elements. We need this kind of thinking for a healthy, ordinary life, and we also need it for healthy, ordinary science.
[ 9 ] Dasjenige Denken aber, das zum Behufe der Erkenntnis höherer Welten hinzukommen muß, und das man durch solche Übungen erringt, das ist ein Denken, welches ich nennen möchte das morphologische Denken, das Denken in Gestalten. Dieses Denken bleibt nicht im Raume stehen, dieses Denken ist durchaus ein solches, welches im Medium der Zeit so lebt, wie das andere Denken im Medium des Raumes. Dieses Denken gliedert nicht einen Begriff an den anderen, dieses Denken stellt vor die Seele etwas wie einen Begriffsorganismus. Wenn man einen Begriff, eine Idee, einen Gedanken hat, dann kann man nicht in beliebiger Weise zum anderen übergehen. Geradeso, wie man nicht beim Organismus des Menschen vom Kopf zu beliebigen anderen Formen übergehen kann, sondern zum Hals, dann zur Schulter, zum Brustkorb und so weiter übergehen muß, wie in einem Organismus alles gegliedert ist, wie auch ein Organismus nur ganz betrachtet werden kann, so muß dasjenige Denken, das ich das morphologische Denken nenne, innerlich beweglich sein. Es ist, wie gesagt, im Medium der Zeit, nicht des Raumes, aber es ist so innerlich beweglich, daß es eine Gestalt aus der anderen hervorruft, daß dieses Denken selber sich fortwährend organisch gliedert, fortwährend wächst. Dieses morphologische Denken, das ist es, das zum anderen Denken hinzukommen muß, und das man durch solche Meditationsübungen erlangen kann, wie ich sie im Prinzip angedeutet habe und die das Denken verstärken, intensiver machen. Mit diesem morphologischen Denken, mit diesem Denken, das in Gestalten, in Bildern verläuft, erringt man die erste Stufe der Erkenntnis übersinnlicher Welten, namentlich dasjenige, was ich in meinen Schriften die imaginative Erkenntnis genannt habe.
[ 9 ] But the kind of thinking that is necessary to gain insight into higher worlds—and which is attained through such exercises—is a kind of thinking that I would like to call morphological thinking, or thinking in forms. This form of thinking does not remain confined to space; it is a form of thinking that lives in the medium of time just as the other form of thinking lives in the medium of space. This form of thinking does not simply link one concept to another; rather, it presents the soul with something like an organism of concepts. When one has a concept, an idea, or a thought, one cannot simply move on to the next in any arbitrary way. Just as one cannot move from the head to any other part of the human organism at will, but must proceed to the neck, then to the shoulders, to the chest, and so on—just as everything in an organism is structured, and just as an organism can only be considered as a whole—so too must the kind of thinking I call morphological thinking be internally dynamic. As I said, it exists in the medium of time, not of space, but it is so internally dynamic that it brings one form out of another, so that this thinking itself continually organizes itself organically and continually grows. This morphological thinking—that is what must be added to other forms of thinking, and it can be attained through such meditative exercises as I have outlined in principle, exercises that strengthen thinking and make it more intense. With this morphological thinking—this thinking that proceeds in forms and images—one attains the first stage of knowledge of supersensible worlds, namely what I have called “imaginative knowledge” in my writings.
[ 10 ] Diese imaginative Erkenntnis gibt noch nicht irgend etwas Äußeres. Sie führt zunächst nur zur menschlichen Selbsterkenntnis, aber zu einer viel tieferen Selbsterkenntnis, als diejenige ist, die man nur in der gewöhnlichen Selbstschau erringen kann. Diese imaginative Erkenntnis, sie führt uns ins Bewußtsein herein Gestalten. Diese Gestalten werden so lebendig erlebt, wie sonst irgendeine Sinneswahrnehmung. Aber sie haben eine ganz besondere Eigentümlichkeit. Unsere gewöhnlichen Gedanken würden nicht gesund in unserem Bewußtsein enthalten sein, wenn wir uns nicht ihrer erinnern würden. An unserer Erinnerungsfähigkeit, an unserem Gedächtnisse hängt außerordentlich viel für die gesunde Entfaltung unseres Seelenlebens, unserer geistigen Gesundheit. Nur derjenige, der eine kontinuierliche Erinnerung hat für alle Wachzustände bis zu einem gewissen Punkte in seiner Kindheit, der ist geistig gesund. Es wird Ihnen ja vielleicht auch bekannt sein, in welche furchtbare Lage ein Mensch kommt, der Psychopath in dem Sinne ist, daß gewisse Erinnerungen ausgelöscht sind. Man kennt in der Psychiatrie diesen Zustand des Auslöschens der Erinnerungen und kann gerade aus ihm entnehmen, wie wesentlich es für die seelische Gesundheit des Menschen ist, daß die Erinnerung eine kontinuierliche ist. Das gilt für unsere gewöhnliche Gedankenbildung.
[ 10 ] This imaginative insight does not yet reveal anything external. At first, it leads only to human self-knowledge—but to a much deeper self-knowledge than that which can be attained through ordinary self-reflection alone. This imaginative insight brings figures into our consciousness. These figures are experienced as vividly as any other sensory perception. But they possess a very special characteristic. Our ordinary thoughts would not be healthily contained within our consciousness if we did not remember them. An extraordinary amount depends on our ability to remember—on our memory—for the healthy development of our soul life and our mental health. Only those who have a continuous memory of all waking states up to a certain point in their childhood are mentally healthy. You may also be aware of the terrible situation a person finds themselves in—a psychopath, in the sense that certain memories have been erased. In psychiatry, this state of memory erasure is well known, and it is precisely from this that we can deduce how essential it is for a person’s mental health that memory be continuous. This applies to our ordinary thought processes.
[ 11 ] Es gilt nicht für das, was ich eben als das imaginative, als das morphologische Denken charakterisiert habe. Geradeso, wie wir, wenn wir das Auge oder ein anderes Sinnesorgan an einen äußeren Sinnesreiz hinwenden, nur so lange das Erlebnis der Wahrnehmungen haben, als wir den Sinn exponieren, so haben wir auch dasjenige, was wir erlebt haben als gestaltetes Denken, als imaginatives Denken, nur im Momente des Erlebens, und es kann nicht im gewöhnlichen Sinne das, was so im imaginativen Denken auftritt, in die Erinnerung, in das Gedächtnis geprägt werden. Es muß jederzeit wiederum neu hervorgerufen werden, wenn es erlebt werden soll.
[ 11 ] This does not apply to what I have just characterized as imaginative, or morphological, thinking. Just as, when we turn our eye or another sense organ toward an external sensory stimulus, we have the experience of perception only as long as we expose the sense organ; similarly, we have what we have experienced as structured thinking—as imaginative thinking—only in the moment of experience, and what occurs in imaginative thinking cannot, in the ordinary sense, be imprinted in memory. It must be evoked anew each time if it is to be experienced.
[ 12 ] Derjenige also, der zu einem solchen organisch-morphologischen Denken kommt, das gewissermaßen sich in lebendigem Wachstum selber fortbildet, kann die Ergebnisse dieses Denkens nicht in der gewöhnlichen Erinnerung behalten. Freiheit kann man auch nur charakterisieren, wenn man zu solchem sich entwickelnden, wachsenden Denken aufsteigt. Deshalb wurde meine «Philosophie der Freiheit» mit solchen Mißverständnissen behängt, wie das eben geschehen ist. Aber sie mußte in dieser Methode gegeben werden, weil eben die Freiheit ein geistiges Erlebnis ist, und man nicht zu ihr kommt mit dem gewöhnlichen kombinierenden Denken. Das ist ja das Überraschende für Anfänger in der geisteswissenschaftlichen Methode: sie glauben gewöhnlich, wenn sie ein imaginatives Erlebnis haben, daß sich das in ihrer Seele gerade so einprägen könne wie irgendein anderer Gedanke. Das ist aber nicht der Fall. Es verliert sich aus dem Bewußtsein. Nur das kann man behalten, wie man zu diesem imaginativen Erlebnis gekommen ist. Man kann die Bedingungen wieder herstellen, dann kommt auch das Erlebnis. Wie man zu einer Blume, die man gesehen hat, wenn man weggegangen ist, wieder hingehen muß, um sie zu sehen, so muß man dieselben inneren Vorgänge hervorrufen, um ein solches imaginatives Erlebnis, wie man es einmal gehabt hat, wiederum zu haben.
[ 12 ] Thus, anyone who arrives at this kind of organic-morphological thinking—which, in a sense, develops itself through living growth—cannot retain the results of this thinking in ordinary memory. Freedom, too, can only be characterized if one rises to such evolving, growing thinking. That is why my *Philosophy of Freedom* has been beset by misunderstandings such as the one that just occurred. But it had to be presented using this method, precisely because freedom is a spiritual experience, and one cannot arrive at it through ordinary, combinatory thinking. This is, after all, what surprises beginners in the method of the spiritual sciences: they usually believe that when they have an imaginative experience, it can be imprinted on their soul just like any other thought. But that is not the case. It slips from consciousness. The only thing one can retain is how one arrived at this imaginative experience. One can recreate the conditions, and then the experience returns. Just as one must return to a flower one has seen in order to see it again after having walked away, so too must one evoke the same inner processes in order to have once more an imaginative experience such as one has had before.
[ 13 ] Geisteswissenschaftlicher Inhalt ist nicht ohne weiteres erinnerbar. Das gilt sogar für den ehrlichen Geistesforscher schon für die allerersten elementarsten Dinge. Und da darf ich vielleicht wiederum ein Persönliches anbringen, das aber auch ein Objektives ist. Sehen Sie, dasjenige, was der anthroposophische Geistesforscher zu sagen hat, das kann er nicht in derselben Weise, sagen wir, von Tag zu Tag in seinen Vorträgen vorbringen, wie man gewöhnlich wissenschaftliche Darstellungen vorbringen kann. Die merkt man sich, die hat man im Gedächtnis, die bringt man aus dem Gedächtnisse vor. Was der Geistesforscher vorzubringen hat, das muß aus seinem lebendigen inneren Erleben kommen. Er kann sich gar nicht in derselben Weise vorbereiten, wie man sich sonst mit Hilfe seines Gedächtnisses vorbereitet. Er kann nur die Bedingungen herbeiführen, die es ihm möglich machen, selbst die anfänglichsten Dinge der Geisteswissenschaft zu erleben. Man muß sich schon klar darüber sein, daß anthroposophische Geisteswissenschaft eben schon in ihren allerersten Anfängen zur Entwickelung von sonst schlummernden Kräften in der Seele führt, und man muß nicht glauben, daß man durch gewöhnliche philosophische Spekulationen zu irgendwelchen Ergebnissen in bezug auf höhere Welten kommen kann.
[ 13 ] The content of spiritual science is not easily recalled. This applies even to the most basic concepts for the sincere spiritual researcher. And here, perhaps, I may again share something personal—though it is also objective. You see, what the anthroposophical spiritual researcher has to say cannot be presented in the same way—let’s say, day after day—in his lectures as scientific presentations are usually given. Those are things you memorize, keep in mind, and then present from memory. What the spiritual researcher has to present must come from his living inner experience. He cannot prepare himself in the same way one usually prepares with the aid of memory. He can only create the conditions that make it possible for him to experience even the most basic aspects of spiritual science. One must be clear that anthroposophical spiritual science, even in its very earliest stages, leads to the development of powers in the soul that would otherwise remain dormant, and one must not believe that one can arrive at any conclusions regarding higher worlds through ordinary philosophical speculation.
[ 14 ] Dieses imaginative Erkennen, das ich Ihnen auf diese Weise geschildert habe, das führt, sagte ich, aber nur zu einer Art von Selbsterkenntnis. Es führt nämlich zuletzt dahin, daß man wie in einem großen Tableau, zeitlich aber auf einmal, alles überschaut, was im wesentlichen gesetzmäßig das ganze Leben seit der Geburt hier auf Erden aufgebaut hat. Innerlich sieht man die schaffenden Bildungskräfte am Menschen, zunächst an seinem eigenen Menschen. So, wie das etwa geschildert wird — selbst von naturwissenschaftlich Denkenden ist das ja anerkannt — bei gewissen Leuten, die in Todesgefahr waren, etwa bei Ertrinkenden, daß sie ein webendes, bewegtes Bild ihres bisherigen Lebens ablaufen sehen, so — allerdings nicht als Erinnerungsbild, nicht mit den Einzelheiten des Lebens, sondern gerade mit den Hauptsachen, mit denjenigen Kräften, die einen vorwärts gebracht haben — sieht man dieses Tableau, welches, ich möchte sagen, eben ein tieferes Erinnerungstableau ist. Aber zu gleicher Zeit ist dieses Tableau so, daß man nicht bloß das gewöhnliche, gedankliche Seelenleben vor sich hat, sondern dasjenige innerliche Leben, das von der Seele aus am Organismus arbeitet.
[ 14 ] This imaginative insight, which I have described to you in this way, leads—as I said—only to a kind of self-knowledge. Ultimately, it leads to a state in which, as if in a vast tableau but all at once in time, one surveys everything that has essentially and lawfully shaped one’s entire life here on earth since birth. Inwardly, one sees the creative formative forces at work in human beings, beginning with one’s own self. Just as is described—and this is acknowledged even by those who think in scientific terms—in the case of certain people who were in mortal danger, such as those drowning, who see a woven, moving picture of their life up to that point unfolding before them, so—though not as a memory, not with the details of life, but precisely with the main events, with those forces that have propelled one forward—one sees this tableau, which, I would say, is precisely a deeper tableau of memory. But at the same time, this tableau is such that one does not merely have before one the ordinary, intellectual life of the soul, but rather that inner life which works from the soul out into the organism.
[ 15 ] Man kommt jetzt durch eine solche Anschauung zu einem Standpunkt, von dem aus es einem allerdings kindlich erscheint, wenn noch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts spekulativ der Vitalismus von einer «Lebenskraft» gesprochen hat. Von einer solchen Lebenskraft spricht man in der Anthroposophie nicht. Wohl aber spricht man von der Anschauung des Lebens, von der Anschauung desjenigen, was ich den Ätherleib oder Bildekräfteleib nenne, der auf der einen Seite das Seelische darstellt, auf der anderen Seite aber, ich möchte sagen, das verdichtete, das intensivierte Seelische, das am Organismus arbeitet. Man wird also zu gleicher Zeit in eine tiefere Erkenntnis des Seelischen geführt und in eine tiefere Erkenntnis der Art und Weise, wie das Seelische am Organismus arbeitet. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür anführen, ein elementares, aber charakteristisches Beispiel.
[ 15 ] Through such a perspective, one now arrives at a point of view from which it certainly seems childish that, as early as the first decades of the 19th century, vitalism speculatively spoke of a “life force.” In anthroposophy, we do not speak of such a life force. Rather, we speak of the view of life, of the view of what I call the etheric body or body of formative forces, which on the one hand represents the soul, but on the other hand—I would say—the condensed, intensified soul that works within the organism. One is thus led at the same time to a deeper understanding of the soul and to a deeper understanding of the way in which the soul works within the organism. I would like to give you an example of this, a simple but characteristic example.
[ 16 ] Sie wissen ja, daß heute die anerkannte Psychologie eigentlich doch nicht weiter kommt, als bis zu gewissen Spekulationen über die Beziehungen von Seele und Leib, Seele und Körper. Die Seele wird geschildert, als ob sie den Körper bewegte, oder es wird von den materialistisch Gesinnten die Seele als das Plus angesehen, das der Körper gewissermaßen produziert. Am häufigsten spricht man heute von dem psychophysischen Parallelismus: daß die Seelenerscheinungen und die körperlichen Erscheinungen parallel ablaufen und so weiter. Das alles sind Spekulationen, die eigentlich nur darauf beruhen, daß man denselben Wissenschaftsgeist, der sonst herrscht, in das menschliche seelisch-leibliche, seelisch-körperliche Leben nicht einführen will.
[ 16 ] As you know, modern mainstream psychology actually doesn’t get any further than certain speculations about the relationship between soul and body. The soul is described as if it were moving the body, or—among those of a materialistic bent—the soul is viewed as the “plus” that the body, so to speak, produces. Today, the most common talk is of psychophysical parallelism: that mental phenomena and physical phenomena occur in parallel, and so on. These are all speculations that are really based solely on a reluctance to apply the same scientific spirit that otherwise prevails to human mental-physical, or soul-body, life.
[ 17 ] Sie alle kennen die physikalische Anschauung, die von latenter Wärme spricht, von einer latenten Wärme, die in irgendeinem Ding enthalten ist, die aber nicht als Wärme erscheint. Wenn man gewisse Bedingungen herbeiführt, wird diese Wärme, wie man sagt, frei. Sie erscheint dann. Man hat vorher die Wärme in den Dingen drinnen, sie bewirkt in den Dingen etwas, das aber nicht äußerlich durch Wärmevorgänge sich ausdrückt. Man spricht von latenter Wärme, von freiwerdender Wärme.
[ 17 ] You are all familiar with the concept in physics that speaks of latent heat—a form of heat contained within an object but which does not manifest as heat. When certain conditions are created, this heat is, as they say, released. It then becomes apparent. The heat is already present within the objects; it causes something to happen within them, but this is not expressed externally through thermal processes. We speak of latent heat, of heat that is released.
[ 18 ] Eine solche Anschauung, natürlich modifiziert, bereichert, muß durchaus auch auf das konkrete, nicht spekulative Seelenanschauen ausgedehnt werden. Wir sehen das Kind heranwachsen bis zum Zahnwechsel, um das siebente Jahr herum. Mit diesem Zahnwechsel ist aber viel mehr verbunden, als man gewöhnlich meint. Wer eine unbefangene Beobachtung für Seelisch-Leibliches hat, der weiß, daß die ganze Art des Denkens, des Vorstellens, auch des Gefühls- und Empfindungslebens, also alles Seelische bei dem Kinde ganz anders wird nach dem Zahnwechsel, als es vorher gewesen ist. Der Zahnwechsel ist gewissermaßen für eine bestimmte Art des kindlichen Lebens ein Schlußpunkt. Der Mensch hat nicht mehr nötig, nach dem Zahnwechsel diejenigen Kräfte für seinen Organismus anzuwenden, die er vorher angewendert hat. Denn diese Kräfte, welche — wenn ich mich jetzt trivial ausdrücken darf — die zweiten Zähne herausstoßen, die sind nicht bloß lokalisiert etwa im menschlichen Haupte, es sind die Kräfte, die im ganzen Organismus sind, die nur beim Herausstoßen der zweiten Zähne eben sich an einem einzelnen Orte zeigen. Wer diesen ganzen Vorgang so sachgemäß wissenschaftlich verfolgt, wie man heute gewöhnt ist, in der Naturwissenschaft zu denken, der kommt dazu, zu erkennen, daß diejenigen Kräfte, die die Zähne herausstoßen, eben vorher latent waren, gebunden waren im Organismus, daß sie den Organismus eben durchorganisiert haben, und daß sie jetzt beim Zahnwechsel frei geworden sind und nach dem Zahnwechsel beim Kinde als seelisch-geistige Kräfte erscheinen. Hier haben wir ein konkretes, nicht ein erspekuliertes Wechselverhältnis des Seelisch-Geistigen und des Körperlich-Leiblichen. Wer nur im gegenwärtigen Augenblick auf die Seele und dann auf den Leib hinschauen will, der mag lange spekulieren und experimentieren, er wird doch nur zu abstrakten Anschauungen über das Verhältnis der Seele und des Leibes kommen. Derjenige, der zur Zeitenfolge übergeht, der wird beobachten, wie in dem Kinde nach dem Zahnwechsel etwas an seelischen Kräften, an Konturierung des Gedächtnisbegriffes, an Konturierung der Empfindungen auftritt, und er wird wissen, daß das, was da als freigewordenes Seelenleben jetzt da ist, vorher untergetaucht war in den Organismus. Er lernt beobachtend, nicht denkend bloß, das Verhältnis von Seele und Körper wirklich kennen. Das ist ein Beispiel, wie wir das Zusammenwirken von Seele und Leib durch die imaginative Erkenntnis erforschen können. Man sieht hinein, wie das Seelisch-Geistige an dem Leiblich-Physischen arbeitet. Das bietet sich in dem Tableau dar, von dem ich gesprochen habe. Wenn man auf diese Weise dazu gekommen ist, dieses bildhafte, imaginative Denken auszubilden, dann muß man durch die Stärke, die man gewonnen hat, weitergehen. Ich sagte: Wie der Muskel an der Arbeit erstarkt, so erstarkt unsere Denkkraft, indem sie solche Übungen ausführt, wie ich sie charakterisiert habe, wie Sie sie in den genannten Büchern weiter charakterisiert finden können. Wenn man nun in dieser Weise ein verstärktes, bis zur Bildhaftigkeit, bis zur Gestaltungskraft kommendes Denken in sich ausbildet, das in der Zeit lebt, dann kann man auch dazu kommen, andere Kräfte des Seelenlebens zu verstärken. Die gewöhnlichen Vorstellungen des Lebens kommen und gehen, oder auch wir versuchen, sie loszuwerden, entweder indem wir sie seelisch loszuwerden suchen, oder indem unser Organismus durch das Vergessen dafür sorgt und so weiter. Solche Vorstellungen, die wir — wie ich es geschildert habe — behufs höherer Erkenntnis in unserem Bewußtsein präsent machen, gegenwärtig sein lassen, können schwerer zum Vergessen gebracht werden als andere. Da müssen wir uns stark anstrengen. Das ist eine zweite Art der Übung, das, ich möchte sagen, künstliche Vergessen, das künstliche Unterdrücken der Vorstellungen. Wenn wir aber dieses künstliche Unterdrücken der Vorstellungen entsprechend unseren individuellen Anlagen genügend lange üben, dann kommen wir dazu, dieses ganze Tableau, von dem ich eben gesprochen habe, auch unterdrücken zu können, so daß wir das Bewußtsein völlig leer machen. Was uns einzig und allein bleiben muß, das ist eben das vom Willen und von der Besonnenheit durchdrungene Denken. Dieses Denken aber tritt jetzt wiederum in einer neuen Gestalt auf.
[ 18 ] Such a view, naturally modified and enriched, must certainly also be extended to the concrete, non-speculative observation of the soul. We watch the child grow until the change of teeth, around the age of seven. But much more is connected with this change of teeth than is usually supposed. Anyone who observes the relationship between soul and body with an open mind knows that the entire nature of thinking, imagining, and even the life of feelings and sensations—in short, everything psychological in the child—becomes quite different after the change of teeth than it was before. The change of teeth marks, in a sense, a turning point for a certain phase of a child’s life. After the change of teeth, a person no longer needs to direct those forces toward their organism that they had previously directed there. For these forces—which, if I may put it simply, push out the permanent teeth—are not merely localized in the human head, so to speak; they are forces present throughout the entire organism that simply manifest themselves in a single location during the eruption of the permanent teeth. Anyone who traces this entire process as objectively and scientifically as we are accustomed to thinking in the natural sciences today will come to recognize that the forces that push the teeth out were previously latent, bound within the organism; that they have organized the organism throughout; and that they have now been set free during the change of teeth and appear in the child after the change of teeth as soul-spiritual forces. Here we have a concrete, not a speculative, interrelationship between the soul-spiritual and the physical-bodily. Anyone who wishes to look only at the soul and then at the body in the present moment may speculate and experiment at length, but will still arrive only at abstract conceptions of the relationship between soul and body. But those who turn their attention to the sequence of time will observe how, after a child’s teeth have fallen out, certain soul forces emerge—along with a sharpening of the concept of memory and a sharpening of sensations—and they will know that what is now present as a liberated soul life had previously been submerged within the organism. Through observation—not merely through thinking—one truly comes to know the relationship between soul and body. This is an example of how we can explore the interplay of soul and body through imaginative insight. One sees how the soul-spiritual works upon the bodily-physical. This is revealed in the tableau I have described. Once one has developed this pictorial, imaginative thinking in this way, one must go further by drawing on the strength one has gained. I said: Just as a muscle grows stronger through work, so does our power of thought grow stronger by performing exercises such as those I have described—and which you can find described in greater detail in the books I mentioned. If one now cultivates within oneself in this way a strengthened form of thinking—one that reaches the level of imagery and creative power and lives in time—then one can also come to strengthen other forces of the soul life. Ordinary mental images of life come and go, or we may try to rid ourselves of them—either by seeking to dispel them mentally or by allowing our organism to take care of this through forgetting, and so on. Such mental images, which we—as I have described—bring to the forefront of our consciousness for the sake of higher insight, are more difficult to forget than others. We must make a great effort here. This is a second kind of exercise—what I would call artificial forgetting, the artificial suppression of ideas. But if we practice this artificial suppression of ideas long enough, in accordance with our individual dispositions, we will eventually be able to suppress this entire tableau I have just spoken of, so that we can make our consciousness completely empty. The only thing that must remain for us is precisely that thinking imbued with will and prudence. This thinking, however, now appears once again in a new form.
[ 19 ] Ich habe Ihnen nun schon von zwei Gestalten des Denkens gesprochen, von dem gewöhnlichen, an den Raum gebundenen Denken, und dem Denken, das ein eigenes Wachstum hat, wo immer ein Begriff, ein Gedanke aus dem anderen hervorwächst, wie sich bei einem Organismus ein Glied an das andere ansetzt. Indem man dieses morphologische Denken eine Zeitlang fortführt, kommt man dazu, nun eine dritte Form des Denkens ausbilden zu können, und die braucht man, wenn man aufsteigt zu der höheren Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die ich gleich schildern werde, wenn man also aufsteigt in der höheren Welt zu mehr als zu dem, was ein bloßer Überblick über die eigene Organisation ist.
[ 19 ] I have now spoken to you of two forms of thought: ordinary, spatially bound thought, and thought that has a life of its own, in which one concept or thought grows out of another, just as one limb joins to another in an organism. By continuing this morphological thinking for a while, one comes to be able to develop a third form of thinking, and this is necessary when one ascends to the higher level of supersensible knowledge, which I will describe shortly—that is, when one ascends into the higher world to something more than a mere overview of one’s own organization.
[ 20 ] Durch das imaginative Erkennen kommt man dazu, die eigene Organisation so zu überblicken, daß man sich sagt: Das Seelisch-Geistige als ein Übersinnliches arbeitet im Erdenleben an dem Physisch-Leiblichen. Man braucht dieses morphologische Denken, sonst würde man das, was in der Zeit vor sich geht, was aus dem Übersinnlichen heraus arbeitet an dem Sinnlichen, nicht verstehen, denn das ist in fortwährender Metamorphose vorhanden. Man muß sein Denken beweglich und innerlich zusammenhängend machen. Dasjenige, was lebt aus dem Geiste heraus, kann man nicht erfassen durch das bloße kombinierende Denken, das muß erfaßt werden durch ein innerlich lebendiges Denken. Aber man muß zu einem noch anderen Denken kommen, wenn man gewachsen sein will der nächsthöheren Stufe der übersinnlichen Erkenntnis. Und dieses andere Denken, ich möchte es Ihnen an einem Beispiel erläutern. Es ist selbst dieses Beispiel schon etwas schwierig zu durchdringen, aber wir werden uns doch verständigen können.
[ 20 ] Through imaginative cognition, one comes to view one’s own organization in such a way that one says to oneself: The soul-spiritual, as a supersensible force, works on the physical-bodily in earthly life. One needs this morphological thinking; otherwise, one would not understand what is taking place in time—what is working from the supersensible upon the sensible—for this is present in a state of constant metamorphosis. One must make one’s thinking flexible and internally coherent. That which lives out of the spirit cannot be grasped through mere combinatorial thinking; it must be grasped through an internally living thinking. But one must arrive at yet another kind of thinking if one wishes to be ready for the next higher stage of supersensible knowledge. And I would like to explain this other kind of thinking to you using an example. This example itself is somewhat difficult to grasp, but we will surely be able to understand one another.
[ 21 ] Ich erinnere daran, daß Goethe versucht hat, die einzelnen Schädelknochen als gestaltete, metamorphosierte Knochen von der Art der Rückenwirbel aufzufassen. Goethe hat eine Metamorphose, eine Umgestaltung der Rückgratswirbel in den einzelnen Kopfknochen gesehen. Zu einem gewissen Grade, allerdings modifiziert, ist das ja auch die Anschauung der heutigen Wissenschaft; nicht mehr ganz so, wie Goethe sich das vorgestellt hat, aber es ist das schon heute auch noch cine geltende Vorstellung. Nun ist aber mit dieser bloß morphologischen Ableitung der Kopfknochen nichts getan, sondern man muß noch weitergehen, wenn man die Beziehung des menschlichen Hauptes zu dem übrigen menschlichen Organismus — also beim Skelett wollen wir stehenbleiben — verstehen will. Da muß man nicht bloß an eine Umgestaltung denken, sondern man muß noch an etwas ganz anderes denken, wenn man die Frage aufwirft: Wie verhält sich zum Beispiel das Knochensystem, sagen wir in der Form der Arme oder der Beine, zu dem Knochensystem in der Form der Schädelknochen, der Kopfknochen? Da ist es so, daß man die Metamorphose, durch die das eine aus dem anderen hervorgeht, nur versteht, wenn man davon ausgeht, daß nicht nur eine Umgestaltung stattfindet, eine räumliche Umgestaltung in der Zeit, sondern daß noch etwas ganz anderes stattfindet, nämlich eine Art Umstülpung. Sie müssen nämlich, wenn Sie das gegenseitige Verhältnis verstehen wollen, sagen wir, der Beinknochen zu den Kopfknochen, die äußere Oberfläche der Kopfknochen mit der Innenfläche eines Hohlknochens, sagen wir, des Oberschenkels, vergleichen. So daß die Sache so ist, daß das Innere des Oberschenkelknochens nach außen gewendet werden müßte, außerdem noch seine Elastizität ändern müßte. Dann würde das Innere nach außen gekehrt erscheinen, und es würde die äußere Oberfläche eines Schädelknochens entsprechen der inneren Fläche eines Hohlknochens der Gliedmaßen. Und umgekehrt: Die äußere Fläche des Schienbeins entspricht nicht der äußeren Fläche der Schädeldecke, sondern der Innenfläche der Schädeldecke. Sie müssen sich also vorstellen, daß dabei etwas stattfindet wie beim Umstülpen eines Handschuhs. Das Innere wird nach außen gekehrt, gleichzeitig aber wird die Elastizität verändert. Es entsteht eine andere Form. Es ist also so, wie wenn man den Handschuh nicht nur umstülpt, sondern, nachdem man ihn umgestülpt hat, er durch andere Elastizitätskräfte eine völlig andere Form annehmen würde.
[ 21 ] I would like to point out that Goethe attempted to interpret the individual bones of the skull as transformed, metamorphosed bones of the same type as the vertebrae. Goethe saw a metamorphosis, a transformation of the vertebrae into the individual bones of the skull. To a certain extent—albeit in a modified form—this is also the view held by modern science; not quite as Goethe imagined it, but it is still a valid concept today. However, this merely morphological derivation of the skull bones does not suffice; one must go further if one wishes to understand the relationship of the human head to the rest of the human organism—let us limit ourselves to the skeleton for now. One must not merely think of a transformation, but must also consider something entirely different when posing the question: How, for example, does the skeletal system—say, in the form of the arms or legs—relate to the skeletal system in the form of the skull bones, the bones of the head? The fact is that one can only understand the metamorphosis through which one emerges from the other if one assumes that not only does a transformation take place—a spatial transformation over time—but that something entirely different also occurs, namely a kind of inversion. For if you want to understand the mutual relationship—say, between the leg bones and the skull bones—you must compare the outer surface of the skull bones with the inner surface of a hollow bone, say, the femur. So the situation is such that the interior of the femur would have to be turned outward, and its elasticity would also have to change. Then the inside would appear turned outward, and the outer surface of a skull bone would correspond to the inner surface of a hollow bone in the limbs. And conversely: The outer surface of the tibia does not correspond to the outer surface of the skull vault, but to the inner surface of the skull vault. So you must imagine that something similar to turning a glove inside out is taking place. The inside is turned outward, but at the same time its elasticity is altered. A different shape emerges. It is therefore as if one were not only turning the glove inside out, but, after turning it inside out, it would assume a completely different shape due to different elastic forces.
[ 22 ] Sie sehen, ich muß Ihnen etwas außerordentlich Kompliziertes schon als einen ersten Hinweis auf diese dritte Art des Denkens anführen: ein Denken, das nicht nur in sich verändernden Gestalten lebt, sondern ein Denken, das in der Lage ist, die Gestaltung des Inneren nach außen zu kehren und dabei die Form zu verändern. Das ist nicht anders möglich als dadurch, daß man nun mit dem Denken nicht mehr in der Zeit bleibt, sondern bei diesem Umstülpen geht dasjenige, worüber man denkt, im Denken aus Raum und Zeit heraus, kommt in eine Wirklichkeit, die jenseits von Raum und Zeit liegt.
[ 22 ] As you can see, I must present you with something extraordinarily complicated as a first indication of this third kind of thinking: a kind of thinking that not only exists in ever-changing forms, but is also capable of turning the inner structure outward while altering its form. This is possible only if one no longer remains within time through thought; rather, in this turning inside out, that which one thinks about moves, through thought, out of space and time and enters a reality that lies beyond space and time.
[ 23 ] Ich weiß sehr gut, daß man sich nicht gleich hineinfinden kann in diese dritte Art des Denkens, die ganz anders ist als das kombinierende und das gestaltende Denken, in dieses Denken, welches, ich möchte sagen, untertaucht in die Unräumlichkeit und Unzeitlichkeit; und dasjenige, was wieder erscheint, das ist der Form nach verändert, hat das Innere nach außen gekehrt, das Äußere nach innen gekehrt. Aber Anthroposophie will nicht jenes laienhafte Herumreden über die höheren Welten bringen, dem sich viele hingeben, sondern Anthroposophie muß darauf hinweisen, weil sie ehrlich wie nur irgendeine ehrliche Wissenschaft ist, daß es nicht nur notwendig ist, das Gebiet der gewöhnlichen Wissenschaft zu verlassen, sondern daß die Art des Denkens eine ganz andere werden muß. Man muß ganz anders den Menschen innerlich zusammenhalten, wenn man in dieser Weise zu einem qualitativen Denken vorrücken will, denn es ist einfach ein Ändern der ganzen Qualität des Gedankens, die bei diesem Umstülpen, bei diesem Umkehren des Inneren in das Äußere entsteht.
[ 23 ] I know very well that one cannot immediately find one’s way into this third kind of thinking, which is entirely different from combinatory and formative thinking—this thinking which, I would say, plunges into non-spatiality and timelessness; and what reemerges is transformed in form, having turned the inner outward and the outer inward. But anthroposophy does not seek to engage in that amateurish rambling about the higher worlds to which many indulge; rather, anthroposophy must point out—because it is as honest as any honest science—that it is not only necessary to leave the realm of ordinary science, but that the mode of thinking must become entirely different. One must hold the human being together internally in a completely different way if one wishes to advance in this manner toward qualitative thinking, for it is simply a change in the entire quality of thought that arises from this turning inside out, from this reversal of the inner into the outer.
[ 24 ] Erst dann, wenn man in dieser Weise sein Denken dazu gebracht hat, daß es ins Qualitative untergetaucht ist, kann man derjenigen Stufe der Erkenntnis in die übersinnlichen Welten folgen, die sich anschließen muß an das imaginative Denken. Hat man nun das Tableau, von dem ich gesprochen habe, unterdrückt, so daß man ein leeres Bewußtsein hergestellt hat, dann hat man eben für kurze Zeit ein leeres Bewußtsein. Man kann, wenn man bloß eine Vorstellung unterdrückt, das Bewußtsein eine Weile leer machen. Wenn man aber diese Realität, die einem eigentlich in Wachstum, in Ernährung fortwährend gedient hat im Erdendasein, unterdrückt, so taucht man unter in eine völlig neue Welt. Dann ist man in den höheren Welten, und dann hat man die gewöhnliche Sinneswelt wie eine Erinnerung hinter sich. Man muß sie als solche haben, sonst ist man kein seelisch gesunder Mensch, sonst ist man ein psychopathischer Mensch, sonst halluziniert man oder hat Illusionen.
[ 24 ] Only when one has led one’s thinking in this way so that it has immersed itself in the qualitative can one follow that stage of insight into the supersensible worlds which must follow on from imaginative thinking. If one has suppressed the tableau I spoke of, so as to create an empty consciousness, then one has, for a short time, an empty consciousness. One can, by merely suppressing a single image, make one’s consciousness empty for a while. But if one suppresses this reality—which has actually served one continuously in growth and nourishment during one’s earthly existence—one plunges into a completely new world. Then one is in the higher worlds, and one leaves the ordinary sensory world behind like a memory. One must regard it as such; otherwise, one is not a mentally healthy person, otherwise one is a psychopathic person, otherwise one hallucinates or suffers from delusions.
[ 25 ] Wenn man in der Geistesforschung regelrecht vorgeht, so bleibt die Besonnenheit, so bleibt das vom Willen durchdrungene Bewußtsein bis in die höchsten Welten hinauf, und es kann gar nicht die Rede davon sein, daß man irgendwie Halluzinationen oder Suggestionen hat. Hat man Suggestionen oder Halluzinationen, so wird das gewöhnliche Bewußtsein ganz verdrängt durch das krankhafte Bewußtsein. Das ist aber das Wesentliche des von der Anthroposophie angestrebten Bewußtseins behufs der Erkenntnis höherer Welten, daß das gewöhnliche Bewußtsein voll bestehen bleibt, daß man ein vernünftiger Mensch, ein besonnener Mensch bleibt neben dem, daß man sich in höhere Welten erhebt. Und auch das, was ich Ihnen angeführt habe als jene Erkraftung des Denkens mit dem umgestülpten Denken, dem übermorphologischen Denken, auch das ist eigentlich nur dazu da, daß man mit völliger Bewußtheit nun in diese höheren Welten eindringen kann. Diese höheren Welten erlebt man jetzt wirklich mit einem geistigen Inhalt.
[ 25 ] If one proceeds in a proper manner in spiritual research, one retains one’s composure, and one’s consciousness—imbued with the will—remains intact even as one ascends into the highest worlds; and there can be no question of experiencing hallucinations or suggestions of any kind. If one experiences suggestions or hallucinations, ordinary consciousness is completely supplanted by a pathological state of consciousness. But this is the very essence of the consciousness sought by anthroposophy for the purpose of perceiving higher worlds: that ordinary consciousness remains fully intact, that one remains a rational, level-headed person even while ascending into higher worlds. And even what I have described to you as that strengthening of thought through “inverted thinking”—that is, “super-morphological thinking”—is actually intended solely to enable one to penetrate these higher worlds with complete consciousness. One now truly experiences these higher worlds with a spiritual content.
[ 26 ] Hat man durch das imaginative Bewußtsein eine Anschauung erlangt von dem, was an einem arbeitet seit der Geburt — Übersinnliches, das arbeitet an dem Sinnlichen —, so erlangt man jetzt eine Erkenntnis von dem, was vor der Geburt, oder sagen wir vor der Empfängnis des Menschen innerhalb der physischen Welt von ihm im geistig-seelischen Dasein vorhanden war, wo er ebenso umgeben ist von Wesen, geistig-seelischen Wesen, wie wir hier von sinnlichen Wesen umgeben sind in der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode. Kurz, man erlebt den ewigen Wesenskern des Menschen, indem man zurückschaut hinter die Geburt in diejenige Daseinsstufe des Menschen, die er durchlebte, bevor er hier auf dieser Erde innerhalb der physischen Vererbungsströmung empfangen wurde, man erlebt ihn in seiner geistigen Umgebung.
[ 26 ] Once one has gained, through imaginative consciousness, an insight into what has been at work within one since birth — the supersensible that acts upon the sensible —, one now gains an understanding of what existed within the human being’s spiritual-soul existence within the physical world before birth, or let us say before conception, where the human being is just as surrounded by beings—spiritual-soul beings—as we are here surrounded by sensible beings in the time between birth and death. In short, one experiences the eternal core of the human being by looking back beyond birth to that stage of human existence which the person lived through before being conceived here on Earth within the physical stream of heredity; one experiences the person in his or her spiritual environment.
[ 27 ] Das, was also zur Erkenntnis der höheren Welten geführt hat, ist nicht eine Spekulation, ist nicht ein Begriffssystem, ist eine Anschauung. Gerade so, wie man durch die Entwikkelung seines Leibes seit seinem embryonalen Dasein eine Anschauung von der äußeren Sinneswelt erlangt, so erlangt man durch diejenigen Vornahmen, die ich Ihnen dem Prinzip nach geschildert habe, die Sie in den angeführten Büchern in allen Einzelheiten geschildert finden, Erkenntnisse von Seelenvorgängen, erlangt die Möglichkeit, umgeben zu sein von jener geistigen Welt, in der wir waren vor der Geburt und in die wir eintreten, wenn wir durch die Pforte des Todes treten. Durch Anschauung wird die Erkenntnis der höheren Welten errungen.
[ 27 ] What has thus led to the knowledge of the higher worlds is not speculation, is not a system of concepts, but is a direct perception. Just as one gains a direct perception of the external sensory world through the development of one’s body from embryonic life onward, so too does one, through the practices I have described to you in principle—and which you will find described in detail in the books I have cited— insights into soul processes and gain the ability to be surrounded by that spiritual world in which we were before birth and into which we enter when we pass through the gate of death. Insight is the means by which knowledge of the higher worlds is attained.
[ 28 ] Nun, dadurch habe ich Ihnen zunächst den Erkenntnisweg geschildert. Der Weg in die höheren Welten wäre aber nicht vollständig geschildert, wenn man ihn nur als Erkenntnisweg schilderte, denn zu dem, was der Mensch da durchmacht, gehört noch etwas anderes als ein bloßes Leben im Denken. Mag es schwierig sein, die zwei höheren Formen des Denkens sich anzueignen, etwas anderes bietet weitere Schwierigkeiten. Wenn wir hier in der physischen Welt uns vorzugsweise an die Beobachtung, an das Experiment halten, so geschieht das aus dem Grunde, weil wir dadurch in einer gewissen Weise beruhigt sind über den Wahrheitsgehalt unserer Erkenntnisse. Man mag erkenntnistheoretisch nun streiten über das Wesen der Sinneswahrnehmungen und ihr Verhältnis zu dem wahren Sein und so weiter, darauf kommt es jetzt nicht an. Worauf es ankommt, ist, daß uns die Sinneswahrnehmung die Wahrheit desjenigen verbürgt, was wir seelisch erleben, was seelisch als das Spiegelbild dieser Sinneswahrnehmungen auftritt, und wir sind beruhigt, indem wir uns anlehnen an die äußere Wirklichkeit. Es ist ja sogar in der neueren Zeit die Krankheit des Spiritismus aufgetreten, die auf eine ebensolche Art das Sein des Geistigen durch eine äußere Beobachtung erhärten will. Man kann natürlich nicht stärker Materialist sein, als wenn man Spiritist ist. Der Spiritismus ist nur die Potenzierung des Materialismus, denn man will nicht nur behaupten, daß es Materie gibt, oder vielleicht nur Materie gibt, sondern man will sogar behaupten, daß der Geist so erscheine wie die Materie, das heißt selber nur Materie sei. Es ist nur eben die letzte Phase, die letzte Konsequenz des Materialismus, was als Spiritismus auftritt. Wahre Geisteswissenschaft erstrebt eben einen Aufstieg in die geistigen Welten, nicht ein Herunterziehen der geistigen Welten in die materiellen Vorgänge.
[ 28 ] Well, with that I have first described to you the path of knowledge. However, the path to the higher worlds would not be fully described if it were portrayed solely as a path of knowledge, for what a person experiences there involves something more than merely a life of thought. While it may be difficult to master the two higher forms of thought, something else presents further difficulties. When we here in the physical world rely primarily on observation and experimentation, we do so because this gives us a certain assurance regarding the truth of our insights. One may, from an epistemological standpoint, debate the nature of sensory perceptions and their relationship to true being and so on, but that is not the point here. What matters is that sensory perception guarantees the truth of what we experience psychologically—what appears psychologically as the reflection of these sensory perceptions—and we find reassurance by relying on external reality. Indeed, even in more recent times, the “disease” of spiritualism has arisen, which seeks in exactly the same way to substantiate the existence of the spiritual through external observation. Of course, one cannot be more of a materialist than one is as a spiritist. Spiritism is merely the intensification of materialism, for one seeks not only to assert that matter exists—or perhaps that only matter exists—but even to claim that the spirit appears just like matter, that is, that it is itself merely matter. What appears as spiritism is simply the final phase, the ultimate consequence of materialism. True spiritual science, on the other hand, strives for an ascent into the spiritual worlds, not for a dragging down of the spiritual worlds into material processes.
[ 29 ] Dasjenige aber, was man, ich möchte sagen, als eine Stütze für ein seelisch Erlebtes durch die äußere Sinneswelt hat, das hat man nun nicht, wenn man sich in der angedeuteten Weise hinauflebt in die geistigen Welten. Man muß eine andere Stütze haben. Man braucht etwas, was einem in derselben Weise Ruhe gibt darüber, daß man nicht im Leeren schwebt, daß man nicht in den blauen Dunst hinein seelisch erlebt, man braucht etwas, an das man sich ebenso anlehnen kann, wie an die äußere Sinneswahrnehmung im gewöhnlichen Leben. Und das, was man da braucht, kann wiederum nur durch die Entwickelung innerer Kräfte kommen. Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen. Ich meine nicht, daß diejenigen Kräfte, die man im gewöhnlichen Leben schon hat — man muß nur die Worte gebrauchen, die aus dem gewöhnlichen Leben entlehnt sind —, daß die genügend seien. Es müssen auch auf anderen Gebieten als auf dem des Denkens Kräfte ausgebildet werden, damit man nicht nur zu Anschauungen, sondern zu im Sein wurzelnden Anschauungen kommt. Was äußerlich einem in der Sinneswahrnehmung die Beruhigung gibt, das ist ja, daß ein Sinn den anderen unterstützt. Wenn irgendeiner einen Gehöreindruck oder einen Gesichtseindruck hat, so ist er noch immer nicht sicher, ob das nicht eine Halluzination ist. Er ist erst sicher, wenn ihn, ich möchte sagen, der Schwere-Sinn unterstützt, wenn ihm ein anderer Sinn zu Hilfe kommt, wenn dasjenige, was durch das Gesicht oder das Gehör nicht genügend verbürgt werden kann, durch einen anderen Sinn mitverbürgt wird. Und was ist es denn eigentlich, wodurch wir uns berufen fühlen, gegenüber der sinnlichen Welt von Sein zu sprechen?
[ 29 ] But what one has—I would say—as a foundation for a spiritual experience mediated through the external sensory world, one no longer has when one ascends into the spiritual worlds in the manner described. One must have a different foundation. One needs something that gives one the same sense of security—the assurance that one is not floating in a void, that one is not experiencing spiritual realities in a haze—one needs something one can rely on just as one relies on external sensory perception in ordinary life. And what one needs there can, in turn, come only through the development of inner powers. Please do not misunderstand me. I do not mean that the powers one already possesses in ordinary life—one need only use the terms borrowed from ordinary life—are sufficient. Powers must also be developed in areas other than that of thinking, so that one arrives not merely at perceptions, but at perceptions rooted in being. What gives one a sense of reassurance in sensory perception is, after all, that one sense supports the other. When someone has an auditory or visual impression, they are still not certain whether it might be a hallucination. They are only certain when, I might say, the “sense of gravity” supports them—when another sense comes to their aid—when what cannot be sufficiently corroborated by sight or hearing is corroborated by another sense. And what, in fact, is it that compels us to speak of Being in relation to the sensory world?
[ 30 ] Sie können verschiedenes erwägen. Ich müßte stundenlang erkenntnistheoretisch sprechen — das kann ich natürlich hier nicht —, wenn ich dasjenige, was ich kurz zusammenfassen will, auch erhärten wollte. Aber dieses gilt, und Sie werden darauf kommen, wenn Sie die entsprechenden Gedanken verfolgen: Wir nennen in der Sinneswelt ein Ding wirklich, wenn es so auf uns wirkt, daß wir uns selber verleugnen müßten, wenn wir das Ding verleugneten. Wenn Sie eine Glocke nicht nur schlagen hören, sondern sie auch berühren können, sie auch sonst im Zusammenhange mit den Dingen finden, so müßten Sie, wenn diese Wirklichkeit von Ihnen seelisch erlebt würde, sich selber auslöschen, wenn Sie nicht das äußere Ding wirklich nennen könnten. Wir nennen ein äußeres Ding wirklich, wenn wir, ohne seine Wirklichkeit anzuerkennen, unsere eigene Wirklichkeit verleugnen müßten. Sie sehen, es hängt innig dasjenige, was wir als Wirklichkeit bezeichnen, mit unserer eigenen Wirklichkeit zusammen. Deshalb müssen wir auch aus unserer eigenen, aber jetzt geistig-seelischen Wirklichkeit die Kräfte holen, die sich etwa vergleichen lassen mit einem Gegenstand, den ich angreife und der sich durch die Schwere kundgibt. Wir müssen in unserem Inneren die Stützkräfte suchen für die Realität der höheren geistigen Welten, in die wir uns in der Art einleben, die ich Ihnen geschildert habe. Das können wir nur, wenn wir gewisse moralische Eigenschaften, die wir im gewöhnlichen Leben eben behufs des ethischen Verhaltens haben, weiter ausbilden. So wie wir die Denkkräfte verstärken, so müssen wir die moralischen Kräfte verstärken. Es handelt sich nicht bloß darum, daß man diese moralischen Kräfte für das ethische Leben ausbildet, sondern es handelt sich darum, daß man diese moralischen Kräfte wiederum verstärkt.
[ 30 ] You can consider various possibilities. I would have to speak for hours on epistemology—which, of course, I cannot do here—if I were to substantiate what I wish to summarize briefly. But this is true, and you will come to realize it if you follow the relevant line of thought: In the sensory world, we call a thing “real” if it affects us in such a way that we would have to deny ourselves if we were to deny that thing. If you not only hear a bell ringing but can also touch it, and encounter it in other contexts among things, then—if you were to experience this reality psychologically—you would have to annihilate yourself if you could not call the external thing “real.” We call an external thing “real” if, without acknowledging its reality, we would have to deny our own reality. You see, what we designate as reality is intimately connected with our own reality. That is why we must also draw from our own—but now spiritual and psychological—reality the forces that can be compared, for example, to an object I touch that reveals itself through its weight. We must seek within ourselves the supporting forces for the reality of the higher spiritual worlds, into which we immerse ourselves in the manner I have described to you. We can do this only if we further develop certain moral qualities that we possess in ordinary life precisely for the sake of ethical behavior. Just as we strengthen our powers of thought, so must we strengthen our moral powers. It is not merely a matter of developing these moral powers for ethical living, but rather of strengthening these moral powers further.
[ 31 ] Von zwei Arten möchte ich Ihnen nur sprechen. Das erste ist, daß dasjenige, was man moralischen Mut, was man Mut überhaupt nennt im Menschen, ebenso intensiver gemacht werden muß wie die Denkkräfte. Was wir an Mut in uns haben, es kann intensiver gemacht werden, wenn wir gerade das, was wir in der imaginativen Erkenntnis als eine Rückschau in einem Tableau vor unsere Seele stellen, richtig betrachten, richtig erleben. Da finden wir, daß wir in unserem eigenen Leben, wenn wir in es untertauchen, einen höheren Mut finden, eine stärkere innere Muteskraft, als wir sie für das äußere Leben, dem wir uns passiv hingeben, gewöhnlich brauchen. Dieser Mut muß erhöht werden.
[ 31 ] I would like to speak to you about just two kinds. The first is that what we call moral courage—or courage in general—in human beings must be developed just as intensely as the powers of thought. The courage we possess within us can be intensified if we correctly observe and experience precisely what we present before our soul in imaginative insight as a retrospective tableau. There we find that, when we immerse ourselves in our own lives, we discover a higher kind of courage—a stronger inner strength of courage—than we usually need for the external life to which we passively surrender. This courage must be heightened.
[ 32 ] Und eine andere moralische Kraft muß erhöht werden. Während sich der Mut eigentlich auf das Gefühlsleben bezieht, eine gewisse innere Sicherheit darstellt, eine gewisse innere Kraft bildet, müssen wir in bezug auf den Willen etwas ausbilden, was dadurch entsteht, daß wir zum Beispiel in ganz energischer Weise in bestimmten Zeitpunkten uns etwas vornehmen und dann mit eiserner Gewalt in einem späteren Zeitpunkte versuchen, die Bedingungen herbeizuführen, um dasjenige, was wir früher uns vorgenommen haben, auch wirklich auszuführen. Solche Übungen, ganz systematisch, muß der anthroposophische Geistesforscher auch machen. Er muß die Impulse seines Willens von jetzt in Zusammenhang bringen innerlich mit den Impulsen, die vor Zeiten in ihm da waren. Im gewöhnlichen Leben übergeben wir uns der Gegenwart. In dem Leben, das uns in höhere Welten hinaufführen soll, müssen wir eine innere Kontinuität des Willens vorstellen. Wir müssen selbst in der Lage sein, durch Jahre hindurch aus Absichten heraus in späterer Zeit irgend etwas auszuführen. Dadurch bilden wir eine starke Willensstütze, eine starke Willensströmung, die wir selber in uns setzen. Es ist dies eine ganz besondere Selbstzucht. Wir machen uns nicht bloß von dem abhängig, was uns jetzt aus äußeren Anlässen, unseren Trieben und Instinkten oder vielJeicht selbst aus Idealen heraus zu irgendeinem Handeln treibt, sondern wir verbinden innerlich seelisch-geistig als Willensimpuls einen späteren Zeitpunkt unseres seelischen Lebens mit einem früheren Zeitpunkte. Bilden wir im Gemüte eine Erhöhung des Mutes aus, bilden wir die Kontinuität der Willensimpulse aus, so daß über die Zeit hinüber unsere Willensimpulse dauern, dann kommen wir dazu, indem wir in dieser Art, wie ich es geschildert habe, uns in die höheren Welten hinauferheben, geradeso, wie wir es sonst der äußeren Sinneswelt gegenüber tun können, auch die Wirklichkeit dessen, was wir dann wahrnehmen, zu konstatieren. Diese Wirklichkeit muß aus innerlich verstärkten Kräften konstatiert werden können. Daher ist der Weg in die geistigen Welten nicht die Ausbildung einer einseitigen Erkenntniskraft, sondern sie ist eine Ausbildung des ganzen Menschen nach Denken, Fühlen und Wollen, nach dem Erkenntnisstreben, nach dem ästhetischen Streben, nach dem ethischen Streben. Und es ist dieser Weg in die höheren Welten zugleich eine religiöse Versenkung, eine religiöse Vertiefung des Menschen.
[ 32 ] And another moral force must be strengthened. While courage actually relates to the emotional life—representing a certain inner security and forming a certain inner strength—we must develop something in relation to the will that arises, for example, when we resolutely set our minds to something at specific moments and then, with iron determination at a later time, strive to create the conditions necessary to actually carry out what we had previously resolved to do. The anthroposophical spiritual researcher must also perform such exercises in a completely systematic manner. He must internally connect the impulses of his will in the present with the impulses that were present within him in the past. In ordinary life, we surrender ourselves to the present. In the life that is to lead us up into higher worlds, we must envision an inner continuity of the will. We must be able to carry out, years later, something that we intended long ago. In this way, we build a strong foundation of will, a strong current of will that we establish within ourselves. This is a very special form of self-discipline. We do not merely make ourselves dependent on what currently drives us to act—whether due to external circumstances, our drives and instincts, or perhaps even our own ideals—but rather we inwardly and spiritually connect a later point in our spiritual life with an earlier one as an impulse of the will. If we cultivate an increase in courage within our minds, if we develop the continuity of our impulses of will so that these impulses endure over time, then we will be able—by elevating ourselves into the higher worlds in the manner I have described—to ascertain the reality of what we then perceive, just as as we can otherwise do in relation to the external sensory world, to also ascertain the reality of what we then perceive. This reality must be ascertainable through inner, strengthened powers. Therefore, the path to the spiritual worlds is not the development of a one-sided power of cognition, but rather the development of the whole human being—in thinking, feeling, and willing; in the pursuit of knowledge; in the aesthetic pursuit; and in the ethical pursuit. And this path to the higher worlds is at the same time a religious immersion, a religious deepening of the human being.
[ 33 ] Das ist das Wichtige, daß wir uns klar sind darüber, daß in der neueren Zeit, ebenso, wie durch die Wissenschaft in vieler Beziehung Zweifel entstanden sind an den geistigen Welten, auch durch die Wissenschaft wiederum diese geistigen Welten erobert werden müssen. Es ist eine Kurzsichtigkeit, zu glauben, daß der Mensch dadurch, daß er mit ebenso besonnenem Bewußtsein in die höheren Geisteswelten aufsteigt, wie er mit seinen Sinnen an die Sinneswelt kommt, irgendwie das religiöse Leben beeinträchtigen würde. Diejenigen, die in dieser Richtung Kritik üben, die üben gewöhnlich ihre Kritik aus dem Glauben heraus, daß anthroposophische Geisteswissenschaft auch nur zu einem Intellektualismus, zu einem Rationalismus komme. Das ist nicht der Fall. In diejenige Entwickelung des Denkens, die auf die angedeutete Weise errungen wird, fließt der ganze Mensch nach Fühlen, nach Wollen ein, und was die hier gemeinte Geisteswissenschaft als Weg in die höheren Welten vorzeichnet, das ist eine Entfaltung, eine Entwickelung des Vollmenschen. Und so wie auch im gewöhnlichen Sinnesleben das Denken nur erscheint als eine Blüte aus dem Organismus heraus, so erscheint auch die höhere Erkenntnis als eine Blüte des vollentwickelten Menschen, der alle seine Kräfte auf dem Wege in die höheren Welten hinein harmonisch und intensiv ausbildet.
[ 33 ] What is important is that we realize that, just as science has in many respects cast doubt on the spiritual worlds in recent times, it is also through science that these spiritual worlds must once again be conquered. It is short-sighted to believe that by ascending into the higher spiritual worlds with the same level-headed awareness with which one approaches the sensory world through one’s senses, one would in any way undermine religious life. Those who voice criticism in this regard usually do so out of the belief that anthroposophical spiritual science leads only to intellectualism or rationalism. That is not the case. The whole human being—including feeling and willing—flows into that development of thought which is attained in the manner described; and what spiritual science, as understood here, points to as a path into the higher worlds is an unfolding, a development of the fully developed human being. And just as in ordinary sensory life, thinking appears only as a blossom emerging from the organism, so too does higher knowledge appear as a blossom of the fully developed human being, who harmoniously and intensively cultivates all his or her powers on the path into the higher worlds.
[ 34 ] Das bloße Denken auszubilden, führt eigentlich nur zu einer Bilderwelt. Will man in dieser Bilderwelt die Wirklichkeit wahrnehmen, dann muß man in der Weise, wie ich es angedeutet habe, auch das, was in der Moral als Mut, was in dem charaktervollen Leben als der Wille ist, der uns eigen bleibt, der durch die Zeit hindurch erscheint, ausbilden. Diese beiden und noch andere Kräfte, die Sie in den Büchern, die angeführt wurden, lesen können, müssen verstärkt werden. Der ganze, der volle seelisch-geistige Mensch muß in jene anderen Welten hinaufgeführt werden, in denen der Mensch lebt, bevor er hier von den physischen Kräften konzipiert wird, zum physischen Erdenleben übergeht, oder in denen er lebt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Will man zu diesem Leben erkennend aufsteigen, will man sich die Anschauung der übersinnlichen Welten erringen, dann muß man den ganzen seelisch-geistigen Menschen dahin führen, nicht bloß irgend etwas, was theoretisch sich ergehen will in diesen Welten. Dadurch aber ist diese anthroposophische Geisteswissenschaft auch befruchtend für das gesamte Leben. Diese anthroposophische Geisteswissenschaft will nicht in irgendeiner abstrusen Mystik den Menschen weltfremd machen, sie will ihn gerade ins praktische, ins wahrhaft praktische Leben einführen. Und daher wirkt sie befruchtend auf Wissenschaft, auf Kunst, auf das soziale, auf das religiöse Leben, kurz, auf die verschiedensten Gebiete des Lebens. Darüber kann ich nur noch einige Andeutungen machen.
[ 34 ] Simply training the mind actually leads only to a world of images. If one wishes to perceive reality within this world of images, then one must also cultivate—in the manner I have indicated—that which in morality is courage, and that which in a life of character is the will that remains our own and manifests itself through time. These two forces, along with others that you can read about in the books cited, must be strengthened. The whole, the complete soul-spiritual human being must be led up into those other worlds in which the human being lives before being conceived here by physical forces and passing into physical earthly life, or in which the human being lives after passing through the gate of death. If one wishes to ascend to this life with insight, if one wishes to attain a vision of the supersensible worlds, then one must lead the whole soul-spiritual human being there—not merely some part of the being that seeks to indulge in these worlds theoretically. In this way, however, this anthroposophical spiritual science also enriches life as a whole. This anthroposophical spiritual science does not seek to make people unworldly through some abstruse mysticism; rather, it seeks to introduce them precisely into practical, truly practical life. And therefore it has a enriching effect on science, on art, on social life, on religious life—in short, on the most diverse areas of life. I can only offer a few hints regarding this.
[ 35 ] Wenn man das erkennt, was ich vorhin das Lebenstableau der Rückschau genannt habe, das ein Bildekräfteleib, der aber in der Zeit abfließt, ist, dann schaut man auch an, wie der menschliche physische Leib aus diesem Kräftesystem heraus entsteht, wie er sich bildet. Es ist ja nur ein äußerer Schein, wenn wir sprechen vom Herzen, von der Lunge und so weiter. In Wahrheit ist das Herz ein Prozeß, und die äußere räumliche Gestalt ist nur der im Augenblicke festgehaltene Prozeß. So ist es mit jedem Organ. Wir können das, was im Augenblick als Gestalt festgehalten ist, erkennen. Aber wir können das nicht erkennen, was der fortfließende Lebensprozeß ist, aus dem Gesundheit und Krankheit hervorgehen, wenn wir uns nicht zur Erkenntnis der übersinnlichen Bildekräfte des Leibes aufschwingen. Daher kann Medizin, namentlich die Therapie, eine wesentliche Befruchtung aus der Geisteswissenschaft erfahren, und wir haben sowohl in Stuttgart wie in Dornach bereits aus den Anregungen der Anthroposophie heraus klinisch-therapeutische Institute errichten können, welche dasjenige fruchtbar machen sollen für die kranke Menschheit, was aus der Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung gewonnen werden kann. Und in mancher anderen Beziehung kann Geisteswissenschaft das Leben befruchten. Wir haben in Dornach, als wir eine Hochschule für Geisteswissenschaft errichten wollten, nicht einen beliebigen Rahmen schaffen können. Was da vorlag, als die Freunde unserer anthroposophischen Weltanschauung in der Hochschule für Geisteswissenschaft einen Bau aufführen wollten, war etwas ganz Besonderes. Ich möchte es mit einem Vergleich charakterisieren.
[ 35 ] When one recognizes what I earlier called the “life tableau of retrospect”—which is a body of formative forces, but one that flows away over time—then one also observes how the human physical body arises from this system of forces, how it takes shape. After all, it is only an outward appearance when we speak of the heart, the lungs, and so on. In truth, the heart is a process, and its outward spatial form is merely the process captured at a single moment. It is the same with every organ. We can perceive what is captured as a form at a given moment. But we cannot perceive the flowing life process from which health and illness arise unless we elevate ourselves to an understanding of the supersensible formative forces of the body. Therefore, medicine—particularly therapy—can derive substantial enrichment from spiritual science, and we have already been able to establish clinical-therapeutic institutes in both Stuttgart and Dornach, inspired by anthroposophy, which are intended to make fruitful for humanity what can be gained from spiritual science with an anthroposophical orientation. And in many other respects, spiritual science can enrich life. In Dornach, when we wanted to establish a School of Spiritual Science, we could not simply create just any framework. What presented itself when the friends of our anthroposophical worldview wanted to erect a building for the School of Spiritual Science was something quite special. I would like to characterize it with a comparison.
[ 36 ] Nehmen Sie einmal an: eine Nuß mit einer Schale. Wenn Sie unbefangen denken, so werden Sie sich sagen: Die Schale der Nuß muß in ihrer Form gerade so sein, wie sie eben ist, weil die Nuß so ist, wie sie ist. Die Schale gehört zur Nuß. Wenn man heute irgend etwas geistig begründet in ähnlicher Art, wie das, was in der anthroposophischen Bewegung geistig leben will, und man in der Lage ist, einen Bau aufzuführen, so geht man eben zu einem Baumeister, der einem in diesem oder jenem Stil einen Bau aufführt, womöglich irgend etwas, was zu dem darin Befindlichen gar nicht paßt, wie eine Nußschale, die der darin befindlichen Nuß gar nicht angepaßt wäre. Weil Anthroposophie nicht etwas bloß Theoretisches, etwas bloß im Worte Lebendes sein will, konnte die anthroposophische Bewegung auch gegenüber ihrer Umrahmung nicht so vorgehen. In Dornach muß dasjenige, was vom Podium aus erklingt, was von der Bühne aus gespielt wird, was an Künstlerischem vor die Menschen durch das Wort oder durch die Bewegungen auf die Bühne tritt, genau denselben inneren Wesensstil haben wie dasjenige, was von den Wänden spricht, wie das, was außen als äußere Architektur dem Menschen entgegentritt. So wie dieselben Wachstumskräfte, welche die Nuß gestalten, auch die Nußschale gestalten, so mußte dasjenige, was in der Anthroposophie im Worte lebt, auch künstlerisch die Umrahmung in einem neuen Baustil geben. Es war also durchaus organisch begründet, daß in Dornach ein neuer Baustil auftauchte, der eben nichts anderes ist, als das äußerlich Sichtbare für das, was sonst geistig-seelisch auch im Worte lebt. Man wird das, was Anthroposophie unserer Zeit sein will, eben gerade dadurch einsehen können, daß sie in dieser Weise befruchtend auch ins künstlerische Leben hineinwirkt. Und in unserer Eurythmie, die erst im Anfange ist, haben wir eine menschliche Bewegungskunst geschaffen, wo nicht ein Tanz, nicht eine Pantomime vorliegt in den sich bewegenden einzelnen Menschen oder Menschengruppen, sondern wo das, was da in Bewegungsformen auftritt, eine ebenso gesetzmäßige Sprache ist wie die Lautsprache, oder ein sichtbarer Gesang ist, wie sonst der Gesang in Tönen gehört werden kann. Was als Eurythmie auftritt, das ist durchaus aus der geistig-seelisch-leiblichen Gesetzmäßigkeit des Menschen herausgeholt.
[ 36 ] Let’s suppose: a nut with a shell. If you think about it objectively, you will say to yourself: The shell of the nut must be exactly the shape it is because the nut is the way it is. The shell belongs to the nut. If today one were to establish something spiritually in a manner similar to that which seeks to live spiritually within the anthroposophical movement, and one were in a position to erect a building, then you simply go to an architect who will design a building for you in this or that style—possibly something that doesn’t fit at all with what is inside it, like a nut shell that wouldn’t be suited to the nut inside at all. Because anthroposophy does not wish to be merely theoretical, something that lives only in words, the anthroposophical movement could not proceed in this way with regard to its physical setting either. In Dornach, what is heard from the podium, what is performed on stage, and whatever artistic expression is presented to the audience through words or movements on stage must possess exactly the same inner essence as what speaks from the walls, as what confronts the viewer from the outside in the form of the building’s architecture. Just as the same forces of growth that shape the nut also shape the nut shell, so too must that which lives in the word within anthroposophy also artistically provide the framework in a new architectural style. It was therefore entirely organically grounded that a new architectural style emerged in Dornach, which is nothing other than the outwardly visible expression of what otherwise lives spiritually and psychologically within the word. One will be able to understand what anthroposophy aims to be in our time precisely through the fact that it exerts a fruitful influence in this way upon artistic life as well. And in our eurythmy, which is still in its infancy, we have created a human art of movement in which what is present in the moving individuals or groups of people is neither a dance nor a pantomime, but rather what appears in forms of movement is a language just as law-governed as spoken language, or a visible song, just as singing is otherwise heard in tones. What appears as eurythmy is drawn entirely from the spiritual, soul, and physical laws of the human being.
[ 37 ] So konnten wir nach den verschiedensten künstlerischen Richtungen hin befruchtend mit Anthroposophie wirken.
[ 37 ] In this way, we were able to have a stimulating influence on a wide variety of artistic movements through anthroposophy.
[ 38 ] In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» ist versucht worden, zu den großen sozialen Problemen der Gegenwart von anthroposophischem Standpunkt aus Stellung zu nehmen. Wer da bedenkt, daß man es im sozialen Leben eben mit dem ganzen Menschen zu tun hat, nicht bloß mit dem, was man durch rationelle Wissenschaft etwa im Marxismus oder ähnlichem erreichen kann, der wird zugeben, daß dasjenige, was eindringt in die höheren Geisteswelten, auch eindringen kann in die Gesetze des sozialen Zusammenlebens der Menschen, denn diese Gesetze sind eben seelisch-geistige Gesetze der höheren Welten. Sie können uns auch zu solchen Gesetzen führen, welche die Menschen zu einem befriedigenden sozialen Zusammenleben bringen können. Denn Geistiges ist es, was die Menschen in der Sozietät vereinigt, und was sie physisch vereinigt, ist eben nur herausgestaltet aus dem Geistigen. Daß man dieses vergessen hat, das ist in vielem der Grund für unsere furchtbare Katastrophe, für unsere vorhandenen Niedergangskräfte. Mit dem Geiste muß sich die Menschheit wiederum durchdringen.
[ 38 ] In my *Key Points of the Social Question*, I have attempted to address the major social problems of our time from an anthroposophical perspective. Anyone who considers that social life involves the whole human being—not merely what can be attained through rational science, as in Marxism or similar approaches—will admit that what penetrates the higher spiritual worlds can also penetrate the laws governing human social coexistence, for these laws are precisely the soul-spiritual laws of the higher worlds. They can also lead us to laws that can bring people to a satisfying social coexistence. For it is the spiritual that unites people in society, and what unites them physically is merely a manifestation of the spiritual. The fact that this has been forgotten is, in many ways, the reason for our terrible catastrophe and for the forces of decline we are currently experiencing. Humanity must once again be permeated by the spirit.
[ 39 ] Weiter hat befruchtend wirken können Anthroposophie in Erziehung, Pädagogik. In der von Emil Molt in Stuttgart begründeten Waldorfschule wird auf den werdenden Menschen, auf das Kind angewendet, was als wirkliche Menschenerkenntnis vor der anthroposophischen Forschung auftritt. Die Wege, die uns in höhere Welten hineinführen, die bringen uns auch dazu, von Jahr zu Jahr, von Woche zu Woche, dasjenige im Menschenkinde, das heranwächst von seiner Geburt bis zur Geschlechtsreife, zu schauen, was sich das Kind mitgebracht hat aus den höheren geistigen Welten, was der Erzieher, der Unterrichtende, hervorzaubern muß. Ich kann das seiner Richtung nach nur andeuten. Das alles ist im einzelnen zu einer pädagogischen Kunst in der Waldorfschule auszubilden versucht worden. Damit sind nur Beispiele geliefert, wie für die verschiedensten Gebiete des Lebens Anthroposophie anregend wirken will. Für das religiöse Leben, sagte ich schon, kann Anthroposophie belebend wirken deshalb, weil sie wissenschaftlich hinführt zu den höheren Welten, weil sie zeigt, wie dasjenige, was der Mensch im vergänglichen Erdendasein als sich Gestaltendes, aber nicht durch das gewöhnliche Erkennen durchschaubares Ewiges trägt, in seiner wahren Gestalt, in seinem Eigenen in den übersinnlichen Welten sich ausnimmt. Dort kann es höheres Schauen wahrnehmen. Hier ist es verborgen, weil es, indem es in die Geburt eintritt, aufgesogen wird von der physischen Gestaltung. Indem am Materiellen das Geistige arbeitet, wird es für das gewöhnliche Erkennen unsichtbar. Darum ist es aber nicht unlebendig. Es ist nur verborgen im Materiellen. Im Materiellen ist das Geistige zu erkennen. Dazu sollen die Wege, die von der Anthroposophie eröffnet werden wollen in die übersinnlichen Welten, die Mittel bedeuten.
[ 39 ] Anthroposophy has also had a fruitful influence on education and pedagogy. At the Waldorf School founded by Emil Molt in Stuttgart, the insights that emerge from anthroposophical research as a true understanding of the human being are applied to the developing human being—the child. The paths that lead us into higher worlds also lead us, year by year, week by week, to observe in the human child—as it grows from birth to puberty—what the child has brought with it from the higher spiritual worlds, and what the educator and teacher must bring to life. I can only hint at the general direction of this. All of this has been attempted in detail as an educational art within the Waldorf school. These are merely examples of how anthroposophy seeks to have a stimulating effect on the most diverse areas of life. As I have already said, anthroposophy can have a revitalizing effect on religious life because it leads scientifically to the higher worlds, because it shows how that which the human being carries within their transient earthly existence—as something that shapes them but is not perceptible through ordinary cognition—takes on its true form, its own essence, in the supersensible worlds. There, it can be perceived through higher vision. Here, it is hidden because, upon entering birth, it is absorbed by the physical form. As the spiritual works within the material, it becomes invisible to ordinary perception. Yet this does not mean it is lifeless. It is merely hidden within the material. The spiritual is to be recognized within the material. The paths into the supersensible worlds that anthroposophy seeks to open are the means to this end.
[ 40 ] Anthroposophie will eben deshalb nicht etwas sein, was den Menschen asketisch von der gewöhnlichen Welt wegführt, sondern sie will so zum Geistigen, zu übersinnlichen Welten die Wege eröffnen, daß der Mensch mit diesem Geistigen das materielle, das praktische Leben wieder gestalten kann. Das ist ja das Wichtige, daß wir den Geist als ein Schaffendes erkennen. Derjenige Geist wäre schwach, der unschöpferisch nur erlebt würde über dem Materiellen. Es gibt sehr viele Menschen, die sagen: Ach, das Materielle dieser Welt, das ist etwas Niedriges; darüber muß man sich erheben. Das Materielle muß man verlassen, um zu hohem Geistigem zu kommen. — Man muß allerdings vieles überwinden, um zu der Erkenntnis dieses Geistigen zu kommen. Aber wenn man in Liebe dieses Geistige erreicht hat — und man kann es nur erreichen in Liebe und in religiöser Frömmigkeit und Inbrunst, denn die Entwickelung der moralischen Fähigkeiten, von der ich auch gesprochen habe, führt dazu, in Liebe in die übersinnlichen Welten einzudringen —, dann hat man dieses Übersinnlich-Geistige an das Materielle angenähert. Denn nicht das ist das starke Geistige, was das Materielle flieht, sondern das ist das starke Geistige, was das Materielle gestaltet, was im Materiellen praktisch geistig wirken kann. Das auf der einen Seite.
[ 40 ] For this very reason, anthroposophy does not seek to be something that ascetically leads people away from the ordinary world; rather, it seeks to open paths to the spiritual and to the supersensible worlds in such a way that people can use this spirituality to reshape their material, practical lives. That is indeed the important point: that we recognize the spirit as a creative force. A spirit that were experienced only as non-creative, superimposed upon the material, would be weak. There are many people who say: “Oh, the material aspects of this world are something base; one must rise above them. One must leave the material behind in order to reach the higher spiritual.” — It is true that one must overcome many things to attain knowledge of this spiritual realm. But once one has attained this spiritual realm through love—and one can attain it only through love, religious devotion, and fervor, for the development of moral faculties, of which I have also spoken, leads to penetrating the supersensible worlds through love—then one has brought this supersensible-spiritual realm closer to the material world. For the strong spiritual is not that which flees from the material, but rather that which shapes the material, that which can act spiritually in a practical way within the material. That, on the one hand.
[ 41 ] Auf der anderen Seite darf ich Ihnen vielleicht zum Schluß gerade an diesem Orte das eine sagen, daß die anthroposophische Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, die Wege in die übersinnlichen Welten hinein so gestaltet, daß das, was gefunden wird auf diesen Wegen, nicht fernsteht den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren Wirksamkeiten, sondern daß es sie durchdringt als eine geistig-seelische Kraft selber. Wie der Mensch dadurch ein Vollmensch ist, daß er in seinem Leiblich-Physischen hier auf der Erde steht, dieses Leiblich-Physische aber ein Geistig-Seelisches in sich trägt, so ist auch Wissenschaft nur im vollen Sinne des Wortes Vollwissenschaft, wenn sie nicht bloß ein Wissen, eine Erkenntnis von der äußeren materiellen Wirklichkeit ist, sondern wenn sie dieses Wissen mit dem anderen Wissen, mit dem Wissen von den geistigen Welten durchziehen kann. Deshalb möchte anthroposophische Geisteswissenschaft sich so in die andere Wissenschaft hineinstellen, daß sie im Grunde genommen dem von der Natur und dem Wesen sowohl des Menschen wie des Kosmos Geforderten entspricht. So wie der Mensch in sich tragen muß Geist und Seele in seinem materiellen Leben, so muß eine wirkliche Geisteswissenschaft, welche wahre, ehrliche Wege in die übersinnlich-geistigen Welten eröffnet, selber der Geist und die Seele der gewöhnlichen, der materiellen Wissenschaft werden. Und so wie der Geist und die Seele im Menschen nicht wider den Leib streiten, nicht wider den Körper sich auflehnen, sondern mit ihm im vollen Einklang stehen sollen, so muß in vollem Einklang stehen mit der wahren, ehrlichen Natur- und Geschichtserkenntnis dasjenige, was anthroposophische Geisteserkenntnis ist.
[ 41 ] On the other hand, perhaps I may conclude by saying one thing to you right here: that anthroposophical spiritual science, as it is understood here, shapes the paths into the supersensible worlds in such a way that what is found along these paths is not remote from ordinary scientific knowledge and its effects, but rather permeates them as a spiritual -psychic force itself. Just as a human being is a complete human being because they stand here on Earth in their physical-bodily form, yet this physical-bodily form carries within it a spiritual-psychic element, so, too, science is only “complete science” in the full sense of the word when it is not merely knowledge or understanding of external material reality, but when it can interweave this knowledge with other knowledge—namely, knowledge of the spiritual worlds. For this reason, anthroposophical spiritual science seeks to relate to other sciences in such a way that it fundamentally corresponds to what is required by nature and by the essence of both the human being and the cosmos. Just as the human being must carry within themselves spirit and soul in their material life, so must a true spiritual science—one that opens up genuine, honest paths into the supersensible-spiritual worlds—itself become the spirit and soul of ordinary, material science. And just as the spirit and soul within the human being do not conflict with the body, do not rebel against it, but are meant to be in full harmony with it, so too must anthroposophical spiritual knowledge be in full harmony with true, honest knowledge of nature and history.
