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The Reality of the Higher Worlds
GA 79

2 December 1921, Oslo

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The Reality of the Higher Worlds, tr. SOL
  1. Die Wirklichkeit der höheren Welten

6. Die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung

6. The Need for Cultural Renewal

[ 1 ] Für den heutigen Abend wurde gewünscht, daß ich sprechen solle über das Thema «Die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung». Nun habe ich mir erlaubt, im Laufe der vergangenen Tage über anthroposophische Geisteswissenschaft zu sprechen. Das ist ein Gebiet, aus dem heraus im allgemeinen der einzelne sprechen darf, wenn er glaubt, das eine oder das andere aus besonderen Forschungsergebnissen oder Impulsen seinen Mitmenschen mitteilen zu dürfen. Denn es handelt sich ja dabei um den Ausdruck eines individuellen Impulses, wenn man auch durchaus der Meinung sein muß, daß man es da mit etwas zu tun habe, das alle Mitmenschen von irgendeinem Gesichtspunkte aus angehen könne. Dem heutigen Thema gegenüber fühle ich aber durchaus anders. Wenn von der Notwendigkeit einer Kulturerneuerung in unserer Zeit gesprochen werden soll, dann rechtfertigt sich ein solches Thema nur, wenn man wirklich wahrnehmen kann, daß ein solches Thema einer allgemeinen Meinung entspricht, und ein Glaube oder Wille vorhanden ist zu dem, was man Kulturerneuerung nennen könnte. Es muß also der einzelne sich mehr oder weniger zum Interpreten einer allgemein herrschenden Ansicht machen. Denn willkürliche einzelne Meinungen wären einer solchen Frage gegenüber etwas, was nur Unbescheidenheit und Überhebung hervorbringen könnte. Daher entsteht vor allen Dingen die Frage: Entspricht dieses Thema einer heute allgemein herrschenden Empfindung, einer Summe von Gefühlen, die in weiteren Kreisen vorhanden sind? Man darf allerdings glauben, wenn man mit unbefangenem Blicke durchgeht, was in den Herzen, in den sonstigen Seelenstimmungen und Seelenverfassungen unserer gegenwärtigen Mitwelt vorhanden ist, daß dieses Thema von der Notwendigkeit einer Kulturerneuerung in vieler Beziehung gerechtfertigt ist. Sehen wir denn nicht, wie von vielen unserer Zeitgenossen auf den mannigfaltigsten Gebieten des Lebens empfunden wird, es müsse etwas hereintreten in unser Geistesleben und in die anderen Zweige unseres menschlichen Zusammenlebens, das in irgendeiner Form einem Suchen entsprechen soll, welches deutlich vorhanden ist?

[ 1 ] I was asked to speak this evening on the topic “The Necessity of Cultural Renewal.” Over the past few days, I have taken the liberty of speaking about anthroposophical spiritual science. This is a field in which, generally speaking, an individual is free to speak if he believes he is entitled to share one thing or another with his fellow human beings based on specific research findings or insights. For this is, after all, the expression of an individual impulse, even though one must certainly be of the opinion that one is dealing with something that could concern all fellow human beings from some perspective or another. However, I feel quite differently about today’s topic. If one is to speak of the necessity of cultural renewal in our time, then such a topic is justified only if one can truly perceive that it corresponds to a general consensus, and if there is a belief in or a will toward what one might call cultural renewal. The individual must therefore, to a greater or lesser extent, become an interpreter of a generally prevailing view. For arbitrary individual opinions, when faced with such a question, would be something that could only give rise to immodesty and arrogance. Hence, the question arises above all else: Does this topic correspond to a sentiment that is generally prevalent today, to a sum of feelings that exist in wider circles? One may, however, believe—if one surveys with an unbiased eye what exists in the hearts, in the various moods and states of mind of our contemporary society—that this topic of the necessity of cultural renewal is justified in many respects. Do we not see how many of our contemporaries, in the most diverse areas of life, feel that something must enter our spiritual life and the other aspects of our human coexistence—something that, in some form, should correspond to a search that is clearly present?

[ 2 ] Suchende Seelen, wir finden sie heute auf manchen Gebieten des künstlerischen Lebens. Suchende Seelen — wer sollte es nicht bemerkt haben? — finden sich vor allen Dingen in der heutigen Jugend. Gerade in der heutigen Jugend finden wir, wie etwas erwartet wird,was diese Jugend nicht finden kann in dem, was ihr aus dem allgemeinen Zeitgeiste entgegentritt. Suchende Seelen finden wir vor allen Dingen auf dem Gebiete des ethisch-religiösen Lebens. Unzählige ausgesprochene und noch mehr unausgesprochene, bloß empfundene Fragen ruhen in ethisch-religiöser Beziehung heute in den menschlichen Herzen. Und wenn wir das soziale Leben betrachten, so erscheint uns ja der Weltengang selber, alles das, möchte man sagen, was in diesen Gebieten des Lebens geschieht, wie eine große Frage: Woher soll eine Art Kulturerneuerung dieses sozialen Lebens kommen?

[ 2 ] Seeking souls—we find them today in many areas of artistic life. Seeking souls—who could fail to have noticed them?—are found above all among today’s youth. It is precisely among today’s youth that we find a longing for something that they cannot find in what the prevailing spirit of the times offers them. We find searching souls above all in the realm of ethical and religious life. Countless questions—some voiced, but even more unspoken, merely felt—lie in human hearts today in an ethical-religious context. And when we consider social life, the very course of the world itself—everything, one might say, that happens in these spheres of life—appears to us as one great question: Where is a kind of cultural renewal of this social life to come from?

[ 3 ] Noch immer aber darf der einzelne, wenn er auch diese mannigfaltigsten Fragestellungen sieht, wohl nicht weiter gehen in seiner Beantwortung, als dazu, daß er meinen kann, einen kleinen Beitrag zur Beantwortung des allgemeinen Bedürfnisses auf diesem Gebiete zu geben. Und vielleicht rechtfertigen es doch gerade die Ausführungen, die ich in den verschiedenen Vorträgen der letzten Tage aus anthroposophischer Geistesforschung heraus gegeben habe, einiges mit Bezug auf unser heutiges Thema vorzubringen, weil doch — wenn diese anthroposophische Geisteswissenschaft auch weiß, daß sie höchstens etwas ganz Keimhaftes geben kann und nur Anregungen zu bieten in der Lage ist für manches, was man heute sucht — diese anthroposophische Forschung gerade solche Keime geben will. Es ist versucht worden, in Dornach in der Schweiz die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum, aufzurichten. Und da darf man sagen, daß wenigstens der Versuch gemacht worden ist, die einzelnen wissenschaftlichen Gebiete zu befruchten dadurch, daß in Medizin, in Naturwissenschaft, in die Soziologie, in die Geschichte, in die verschiedensten anderen Gebiete des menschlichen Forschens, zu dem, was die außerordentlichen, bedeutsamen Methoden der neuesten Zeit haben geben können, das hinzugetragen wurde, was man durch unmittelbare Forschung in der geistigen Welt selbst gewinnen kann. Und es wird gerade auf diesem Gebiete versucht, in pädagogisch-didaktischer Weise auch Praktisches durch die «Waldorfschule» in Stuttgart zu geben. Es sind sogar Versuche gemacht worden, in ökonomischer Beziehung manches zu leisten. Da muß allerdings gesagt werden: Unsere gegenwärtigen Verhältnisse sind so schwierig, daß erst die Probe wird gemacht werden müssen, ob diese ökonomischen Gründungen das in bezug auf eine wirkliche Kulturerneuerung, ich will nicht sagen, leisten können, aber anregen können, was eine größere Anzahl von Menschen heute sucht.

[ 3 ] Even so, when faced with these most diverse questions, the individual should not go so far in his response as to believe that he is making a small contribution toward meeting the general need in this area. And perhaps the remarks I have made in the various lectures over the past few days, based on anthroposophical spiritual research, to raise a few points regarding our topic today, because—even though this anthroposophical spiritual science knows that it can offer, at most, something in its very early stages and is only able to provide inspiration for many of the things people are seeking today—this anthroposophical research aims precisely to provide such seeds. An attempt has been made to establish the School of Spiritual Science, the Goetheanum, in Dornach, Switzerland. And it can be said that at least an attempt has been made to enrich the individual scientific fields by bringing into medicine, the natural sciences, sociology, history, and the most diverse other areas of human inquiry—alongside what the extraordinary, significant methods of recent times have been able to contribute—that which can be gained through direct research into the spiritual world itself. And it is precisely in this field that an effort is being made to provide practical applications in a pedagogical and didactic manner through the “Waldorf School” in Stuttgart. Attempts have even been made to achieve certain things in the economic sphere. It must be said, however, that our current circumstances are so difficult that we will first have to test whether these economic initiatives can—I won’t say “achieve,” but rather “inspire”—what a large number of people are seeking today in terms of a genuine cultural renewal.

[ 4 ] Von diesem Suchen also lassen Sie mich zunächst sprechen. Ich kann hier natürlich nicht vom Standpunkt Ihres Volkstums aus, innerhalb dessen ich mich ja nur als Gast zu meiner tiefsten Befriedigung betrachten darf, ich kann nur vom internationalen Standpunkt aus sprechen. Wie soll aber derjenige, der Herz und Sinn und Gemüt und offene Seele hat für das, was der für die Zukunft wichtigere Teil der Menschheit heute als seine Sehnsucht vor sich hat, wie soll der, der das mit unbefangenem Sinn beobachtet, nicht zunächst seinen Blick wenden auf das Suchen der Jugend! Überall finden wir, daß gerade unsere Jugend die Sehnsucht hat, aus einem, ich möchte sagen, zunächst völlig Unbestimmten heraus, irgend etwas Neues zu empfangen. Und die ganz ernste, bedeutsame Frage muß auftauchen: Warum ist es denn so bei unserer Jugend, daß sie in dem, was wir ihr haben geben können als Alte, nicht mehr die volle Befriedigung finden kann? Und ich glaube gerade, daß dieses Suchen der Jugend zusammenhängt mit den intimsten, tiefsten Seelenimpulsen, die in der Gegenwart dieses allgemeine menschliche Suchen hervorrufen. Ich glaube, daß man auf diesem Teile allerdings tief hineinschürfen muß in die menschlichen Gemüter, wenn man das, was allerdings an der Oberfläche zu bemerken ist, das Rufen nach einer Kulturerneuerung, seinem eigentlichen Untergrunde nach beurteilen will. Man wird schon hineinschauen müssen in die vielen Tiefen des menschlichen Seelenlebens, und man wird vor allen Dingen nicht bloß fragen dürfen nach den Kultureigentümlichkeiten der unmittelbaren Gegenwart, sondern man wird den Blick über einen etwas längeren Zeitraum richten müssen.

[ 4 ] So let me speak first about this search. Of course, I cannot speak here from the perspective of your national culture—within which I can, to my deepest satisfaction, consider myself merely a guest—but only from an international perspective. But how can anyone who has a heart, a mind, a spirit, and an open soul for what the part of humanity that will be more important in the future now sees before them as their longing—how can anyone who observes this with an unbiased mind fail to turn their gaze first to the quest of youth! Everywhere we find that it is precisely our youth who have the yearning—arising, I might say, from something that is at first entirely undefined—to receive something new. And the very serious, significant question must arise: Why is it, then, that our youth can no longer find full satisfaction in what we, as older people, have been able to give them? And I believe precisely that this search on the part of youth is connected to the most intimate, deepest impulses of the soul that give rise to this general human search in the present. I believe that, in this regard, one must indeed delve deeply into the human mind if one wishes to assess the true underlying basis of what is, admittedly, visible on the surface—the call for cultural renewal. One will have to look into the many depths of human inner life, and above all, one must not merely inquire into the cultural characteristics of the immediate present, but must cast one’s gaze over a somewhat longer period of time.

[ 5 ] Wer dies mit offenem Sinn tut, der wird finden, daß sich die besondere Seelenverfassung der Menschheit der Gegenwart in internationaler Beziehung vorbereitet hat durch die letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte, und er findet, daß diese letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte im Grunde in bezug auf die menschliche Seelenverfassung ein völlig Neues aufweisen gegenüber dem, was — bei einem wirklich unbefangenen historischen Blick sieht man es — etwa als die Geistesverfassung des Abendlandes im zehnten, elften, zwölften Jahrhundert aus früher Vorzeit noch vorhanden war. Man findet überall, wenn man in diese früheren Zeiten des abendländischen Geisteslebens zurückgeht, daß die menschliche seelisch-geistige Anschauung und die physische Anschauung, die sinnliche Anschauung nicht in dem strengen Sinne getrennt waren, wie das später der Fall geworden ist, und wie das in unserer unmittelbaren Gegenwart der Fall ist. Der Mensch der früheren Jahrhunderte, er hat, indem er seine Sinne hinausgerichtet hat in die physische Umwelt, überall in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen auch irgend etwas Geistiges vermutet. Er hat die Welt zwar nicht mehr in dem Grade geistig vorgestellt, wie vielleicht der alte Ägypter oder der alte Grieche selbst noch, die in der Gestirnwelt die äußere Verkörperung von geistig-seelischen Wesenheiten sahen, aber er hatte noch eine Ahnung davon, daß Geistiges alles das durchdringt, was er in seiner physischen Umwelt hat. Und wiederum, wenn dieser Mensch der älteren Jahrhunderte auf sich selbst hingesehen hat, dann hat er das Physisch-Leibliche nicht streng getrennt von dem Seelischen, von dem Denken, von dem Fühlen, von dem Wollen. Ich möchte sagen, der Mensch hat sich, indem er seiner Seele sich bewußt war, auch sich bewußt gefühlt seiner Leibesglieder, seiner Leibesorgane, und er hat auch in diesen Leibesorganen in seinem eigenen Organismus etwas Seelisch-Physisches gesehen. Seelisch-Physisches hat er draußen empfunden in der Welt, Seelisch-Physisches in seinem eigenen Inneren. Und so konnte er eine gewisse Verwandtschaft fühlen, ein gewisses Vertrautsein mit seiner Weltumgebung. Er konnte sich sagen: Dasjenige, was in mir lebt, es lebt in einer gewissen Beziehung auch in der Welt, in die mich irgendwelche göttlich-geistigen Mächte, die die Welt lenken und leiten, hineingestellt haben. - Der Mensch fühlte sich verwandt und vertraut mit der Welt. Er fühlte sich gewissermaßen als ein Glied in dem großen geistig-seelisch-physischen Weltenorganismus.

[ 5 ] Anyone who approaches this with an open mind will find that the particular state of mind of contemporary humanity has been shaped in the context of international relations over the last three, four, or five centuries, and they will find that these last three, four, or five centuries essentially reveal something entirely new in terms of the human state of mind compared to what—as a truly unbiased historical view reveals—was still present in the distant past as the spiritual disposition of the West in the tenth, eleventh, and twelfth centuries. When one looks back to these earlier times of Western spiritual life, one finds everywhere that the human soul-spiritual perspective and the physical, sensory perspective were not separated in the strict sense, as was later the case, and as is the case in our immediate present. People of earlier centuries, in directing their senses toward the physical environment, suspected something spiritual in all things perceptible to the senses. Admittedly, they no longer conceived of the world in spiritual terms to the same degree as, perhaps, the ancient Egyptians or even the ancient Greeks, who saw in the celestial world the outward embodiment of spiritual and soul entities; but they still had a sense that the spiritual permeates everything in their physical environment. And again, when this person of earlier centuries looked within himself, he did not strictly separate the physical-bodily from the soul, from thinking, from feeling, from willing. I would say that, by being conscious of his soul, a person also felt conscious of his bodily limbs and organs, and he saw something soul-physical in these bodily organs within his own organism. He perceived the soul-physical in the world outside, and the soul-physical within his own inner being. And so they were able to feel a certain kinship, a certain familiarity with their surroundings. They could say to themselves: That which lives within me also lives, in a certain sense, in the world into which certain divine-spiritual powers—which govern and guide the world—have placed me. - Human beings felt a kinship and familiarity with the world. They felt, as it were, like a limb of the great spiritual-soul-physical world organism.

[ 6 ] Das ist eine Empfindung, die wir heute nur noch wenig verstehen, weil eben in den letzten Jahrhunderten die Zeiten durchaus andere geworden sind. Und dieses Anderswerden äußert sich nicht bloß bei den Theoretikern, bei den Wissenschaftern, dieses Andersgewordensein äußert sich in jeder einzelnen Menschenbrust, in jeder einzelnen Menschenseele. Es äußert sich nicht bloß darin, wie wir wissenschaftlich heute die Welt betrachten, es äußert sich auch darin, wie wir in künstlerischem Schaffen und künstlerischem Genießen den Geist der physischen Materie einverleiben. Es äußert sich darin, wie wir im sozialen Zusammenleben dem einzelnen Mitmenschen begegnen, wie wir ihn verstehen, was wir von ihm fordern. Es äußert sich endlich auch darin, wie wir über unsere eigenen sittlich-religiösen Impulse empfinden, wie wir das Göttliche in der eigenen Brust, in der eigenen Seele erleben, wie wir zu dem stehen, was der Erde im allertiefsten Sinn den Geist des Erdenseins enträtselt hat: wie wir stehen zu dem tieferen inneren Sinn des Christentums.

[ 6 ] This is a feeling we understand very little today, precisely because times have become quite different over the past few centuries. And this change is not merely evident among theorists and scientists; it is evident in every single human heart, in every single human soul. It is expressed not only in how we view the world scientifically today, but also in how we incorporate the spirit of physical matter into our artistic creation and appreciation. It is expressed in how we encounter our fellow human beings in social life, how we understand them, and what we demand of them. Finally, it is also expressed in how we feel about our own moral and religious impulses, how we experience the divine within our own hearts and souls, and how we relate to that which, in the deepest sense, has unraveled the spirit of earthly existence for the Earth: how we relate to the deeper inner meaning of Christianity.

[ 7 ] So kann man sagen: Was da in weitesten Kreisen gesucht wird, es wird wohl in irgendeiner Weise verwandt sein mit diesem Andersgewordensein. Und wie ist dieses Andersgewordensein? — Nun, es ist ja in den letzten Jahrhunderten das Zeitalter heraufgezogen, das man so sehr häufig nennt das Zeitalter des Intellektualismus. Es war nicht der Intellektualismus, es war nicht der abstrakte Verstandesgebrauch, der einst in früheren Jahrhunderten den Menschen so vertraut und verwandt gemacht hat mit seiner Weltumgebung, wie ich es eben andeutungsweise zu charakterisieren versuchte. Der neuere Mensch erst hat innerhalb der Entwickelung des Menschentums so recht gelernt, sein volles Vertrauen beim Betrachten der Welt, selbst beim Empfinden der Welt, dem Intellekt, dem Verstande zuzuwenden.

[ 7 ] So one might say: What is being sought in the broadest circles is likely to be related in some way to this transformation. And what is this transformation like? — Well, in recent centuries, the age that is so often called the age of intellectualism has indeed dawned. It was not intellectualism, it was not the abstract use of reason, that once, in earlier centuries, made human beings so familiar and attuned to their surroundings, as I have just attempted to characterize in broad terms. It is only modern man who, within the course of human development, has truly learned to place his full trust in the intellect and reason when observing the world—and even when experiencing it.

[ 8 ] Nun ergeben sich aber für das menschliche Leben zwei Bedingungen, die zusammengehören: Innerlich der Intellektualismus, das Vertrauen auf die Autorität der Vernunft, des Verstandes, und äußerlich der Glaube an die Naturerscheinungen, der Sinn für die Beobachtung der Naturerscheinungen. Innerlich erstand dem neueren Menschen die Neigung, alles unter die Macht der vernünftigen, der verstandesmäßigen, der intellektualistischen Betrachtung zu stellen. Und da ergab sich von selbst, daß diese innerliche Fähigkeit vor allen Dingen nur anwendbar ist auf die Naturerscheinungen, auf alles, was durch die Sinne beobachtet und eben in Begriffen analysiert oder kombiniert werden kann. Diese zwei Dinge, möchte ich sagen, die einwandfreie Betrachtung des Natürlichen und die Ausbildung des Intellektuellen, das waren die beiden großen, bedeutsamen Erziehungsmittel der letzten Jahrhunderte, die Erziehungsmittel, die ihre größte Macht auf die Kulturmenschheit ausgeübt haben im 19. Jahrhundert, und die auch ihre Früchte hereingetragen haben in das 20. Jahrhundert.

[ 8 ] However, two conditions arise in human life that are intrinsically linked: internally, intellectualism—trust in the authority of reason and the intellect—and externally, faith in natural phenomena and a sense for observing them. Internally, modern man developed a tendency to subject everything to the power of rational, intellectual, and intellectualistic consideration. And it followed naturally that this inner capacity is, above all else, applicable only to natural phenomena—to everything that can be observed through the senses and analyzed or combined in concepts. These two things, I would say—the unimpeded observation of nature and the development of the intellectual—were the two great, significant educational tools of the past centuries, the educational tools that exerted their greatest influence on civilized humanity in the 19th century, and which also bore fruit in the 20th century.

[ 9 ] Nun ist es eine Eigentümlichkeit, daß wenn man sich dem Verstandesgebrauche hingibt, man in einer gewissen Beziehung einsam wird im innerlichen Erleben. Der Verstandesgebrauch hat etwas — es kündigt sich deutlich an in seinem Bildcharakter —, was in einer gewissen Weise dem unmittelbaren Empfinden fremd wird, was eine kalte, nüchterne Nuance des Lebens annimmt, und was sich wiederum eigentlich nur im rechten Sinne entwickeln kann an der äußeren Natur, an alledem, was den Menschen umgibt. Und man mag wohl durch eine solche Beziehung, durch ein solches Verhältnis des Menschen zur Welt, tief befriedigende Erklärungen für das Natürliche finden, aber man hat nicht in einer solchen Weise wie früher die Möglichkeit, gewissermaßen sich selbst zu finden in der äußeren Natur. Was dem Menschen früherer Jahrhunderte als Geistig-Seelisches aus der farbigen, aus der tönenden, aus der warmen und kalten Welt, aus den Jahreszeiten entgegengeleuchtet hat, das fühlte er, das erlebte er als etwas mit dem Verwandtes, was in seinem eigenen Inneren lebte. Dasjenige, was wir durch den Intellekt erfahren, das ganze äußerlich-natürliche Dasein, möchte ich sagen, alles was wir so durch die intellektualistische Forschung in Physik, in Chemie, in Biologie selbst finden, können wir nicht unmittelbar hereintragen mit unserer Empfindung in unser eigenes Menschentum. Gewiß, wir können streben, die innere menschliche organische Struktur biologisch zu erforschen, wir können so weit gehen, selbst den Chemismus des menschlichen Organismus erforschen zu wollen. Aber wir werden niemals finden können, daß das, was wir so aus der Erforschung der äußeren Natur hineintragen in das Verstehen unseres eigenen Menschentums, unsere Empfindung ergreift, daß das sich zuletzt zusammenfaßt in einer religiösen, in einer ethischen Empfindung gegenüber der Welt, daß das sich zuletzt zusammenfaßt etwa in der Empfindung: Ich bin ein Glied dieser Welt, geistig-seelisch ist sie, geistig-seelisch bin ich.

[ 9 ] Now, it is a peculiarity that when one devotes oneself to the use of reason, one becomes, in a certain sense, lonely in one’s inner experience. The exercise of reason has something—it is clearly evident in its pictorial character—that, in a certain way, becomes alien to immediate feeling, that takes on a cold, sober nuance of life, and that, in turn, can truly develop only in the proper sense through external nature, through everything that surrounds human beings. And while one may well find deeply satisfying explanations for the natural world through such a relationship—through such a connection between human beings and the world—one no longer has the same opportunity as in the past to, so to speak, find oneself in the external natural world. What shone out to people of earlier centuries as spiritual and soulful from the colorful, the resonant, the warm and cold world, from the seasons—they felt this, they experienced it as something akin to what lived within their own inner being. That which we experience through the intellect—the entire external natural existence, I might say, everything we discover through intellectual research in physics, chemistry, and biology—we cannot directly bring into our own humanity through our feelings. Certainly, we can strive to investigate the inner human organic structure biologically; we can even go so far as to seek to investigate the chemistry of the human organism. But we will never be able to find that what we bring from the study of external nature into our understanding of our own humanity truly grips our sensibility—that it ultimately crystallizes into a religious or ethical sensibility toward the world—that it ultimately crystallizes, for example, in the feeling: “I am a part of this world; it is spiritual and soulful, and so am I.”

[ 10 ] Diese Empfindung, sie leuchtet nicht hervor aus dem, was wir in so großartiger Weise in den letzten Jahrhunderten haben lernen können durch die Anregung der Naturwissenschaft. Und so ist es gekommen, daß gerade das, was dem Menschen die größten, bedeutsamsten Früchte gebracht hat, was das ganze moderne Dasein umgestaltet hat, daß das den Menschen sich selbst entfremdet hat. Daß der Mensch dasteht in der Welt und bewundernd aufblicken kann zu seinem mathematischen Urteile über die Raumeswelt, über die Sterne und ihre Bewegungen, daß er mit einer gewissen wissenschaftlichen Ehrfurcht dasjenige ergründen kann, was da lebt in Pflanze, Tier und so weiter, es hat, trotz aller noch ungelösten Probleme, etwas Befriedigendes, wie der Mensch auf der einen Seite die Natur auf diese Weise enträtseln kann durch die Anwendung eben dieser natürlichen Wissenschaft, durch die Anwendung seines Intellektes, seiner Vernunft, seines Verstandesgebrauches. Aber wozu der Mensch auf diesem Wege nicht kommen konnte, das ist die Erkenntnis seiner selbst. Diejenige Wissenschaft, die wir von den Sternen haben, diejenige Wissenschaft, die wir als Physik und als Chemie haben, diejenige Wissenschaft, die wir als Biologie haben, in der neueren Zeit selbst die Wissenschaft der Geschichte, sie sagen dem Menschen nichts für seine tiefste Sehnsucht in bezug auf sein eigenes Menschsein. Und dadurch kam immer mehr und mehr ein Suchen herauf.

[ 10 ] This feeling does not shine through in what we have been able to learn so magnificently over the past few centuries through the inspiration of the natural sciences. And so it has come to pass that precisely what has brought humanity its greatest and most significant achievements—what has transformed modern existence as a whole—has also alienated humanity from itself. That human beings can stand in the world and look up in admiration at their mathematical judgments about the spatial world, about the stars and their movements; that they can, with a certain scientific awe, fathom what lives in plants, animals, and so on— has, despite all the problems that remain unsolved, something satisfying about the way human beings can, on the one hand, unravel nature in this manner through the application of precisely this natural science, through the application of their intellect, their reason, and their use of understanding. But what human beings could not attain by this path is the knowledge of themselves. The science we have of the stars, the science we have in physics and chemistry, the science we have in biology, and in more recent times even the science of history—none of these tell human beings anything about their deepest longing with regard to their own humanity. And as a result, a search has arisen more and more strongly.

[ 11 ] Und dieses Suchen ist kein anderes als das Suchen des modernen Menschen nach dem Menschen selbst. Wenn man sich noch so sehr Mühe gibt, zusammenzufassen, was Suchen auf den verschiedensten Gebieten ist, so findet man überall: Die Menschen suchen eigentlich das Rätsel ihres eigenen Selbstes, das Rätsel des Menschen zu erforschen. Das ist nicht bloß etwas, was wiederum den Theoretiker interessiert, das ist etwas, was tief eingreift in alle menschlichen Seelenverfassungen. Gewiß, es ist für jeden, der sich für solche Dinge interessiert, im höchsten Grade Sehnsucht gebärend, wenn er durch die Forschung über die Natur gerade hingewiesen wird darauf, auch zu ergründen, was außerhalb der Weiten des Naturdaseins verhüllt ist: der Mensch mit seinem Wesen, das ja doch weit über das hinausgeht, was in den äußeren Reichen der Natur erfahren werden kann. Aber ich möchte sagen: Da beginnt eigentlich erst die große Rätselfrage.

[ 11 ] And this search is none other than modern man’s search for humanity itself. No matter how hard one tries to summarize what this search entails in the most diverse fields, one finds everywhere that people are actually seeking to unravel the mystery of their own selves—the mystery of humanity itself. This is not merely a matter of interest to theorists; it is something that deeply affects all states of the human soul. Certainly, for anyone interested in such matters, it is deeply evocative of longing when research into nature directly points them toward fathoming what lies hidden beyond the vastness of natural existence: human beings with their essence, which, after all, extends far beyond what can be experienced in the outer realms of nature. But I would like to say: That is actually where the great mystery begins.

[ 12 ] Das andere ist darin gelegen, daß wir auch unsere Empfindungen, daß wir auch unsere ganze Erziehung haben beeinflussen lassen von dem, was in dieser Art in den neueren Jahrhunderten heraufgezogen ist. Und das äußere Leben ist durchaus ein Abglanz davon. Mehr als man denkt, spiegelt sich im äußeren Leben das, was sich in der eben geschilderten Weise im Geistesleben in der neueren Menschheitsentwickelung ergeben hat.

[ 12 ] The other aspect lies in the fact that we have also allowed our feelings—and indeed our entire upbringing—to be influenced by what has emerged in this way over the past few centuries. And our external life is very much a reflection of this. More than one might think, our external life reflects what has emerged in the spiritual life of humanity’s recent development in the manner just described.

[ 13 ] Wir fragen nicht nur theoretisch vergeblich nach dem Menschenwesen, o nein, wir gehen heute Mensch an Mensch aneinander vorbei und haben unter dem Einfluß unserer neuzeitlichen Erziehung nicht die Fähigkeit erlangt, unsere Mitmenschen innerlich zu verstehen, die Fähigkeit, mit einer Art hellseherischem Mitgefühl, wie es in vielen älteren Kulturen vorhanden war, in das hineinzuschauen, was in der menschlichen Seele lebt. Wir stellen viele Forderungen des Lebens auf, aber wir gehen in der Regel Mensch an Mensch aneinander vorbei. Wir haben nicht nur theoretisches Menschenverständnis verloren durch die angegebenen Gründe, wir haben auch empfindendes Menschenverständnis für jede Stunde des Tages, in der wir unter unseren Mitmenschen leben, verloren. Und vielleicht kann uns nichts mehr, als gerade das Auftauchen der sozialen Frage in der heutigen Form, darauf aufmerksam machen, wie wir dieses Verständnis für unsere Mitmenschen verloren haben. Warum ertönt denn eigentlich so stark der Ruf nach sozialen Reformen, nach sozialer Erneuerung? Er ertönt aus dem Grunde, weil wir eigentlich recht unsoziale Menschen geworden sind. Im Grunde fordert der Mensch gerade dasjenige immer am meisten, was ihm am meisten fehlt, und in dem lauten Rufe nach Sozialismus kündet sich eigentlich für die Ohren, die unbefangen hören können, an, daß wir solche unsoziale Menschen geworden sind, daß wir einander nicht verstehen, daß wir keinen sozialen Organismus zu bilden vermögen, und daß wir daher von unserem Verstande, der so hohe Ausbildung erfahren hat, von dem Intellektualismus erhoffen, er werde uns doch zu einem solchen sozialen Organismus wiederum zurückführen.

[ 13 ] We do not merely ask in vain, in a theoretical sense, about the human being—oh no, today we pass each other by, person to person, and, under the influence of our modern education, have not acquired the ability to understand our fellow human beings from within—the ability to look into what lives in the human soul with a kind of clairvoyant compassion, as existed in many older cultures. We make many demands of life, but as a rule, we pass each other by, person to person. Not only have we lost a theoretical understanding of humanity for the reasons stated, but we have also lost an intuitive understanding of humanity for every hour of the day that we live among our fellow human beings. And perhaps nothing can make us more aware of how we have lost this understanding of our fellow human beings than the very emergence of the social question in its present form. Why, then, is the call for social reforms, for social renewal, so loud? It rings out precisely because we have actually become quite antisocial people. Fundamentally, people always demand most of all that which they lack the most, and in the loud call for socialism, it is actually revealed—to ears that can listen impartially—that we have become such unsocial people, that we do not understand one another, that we are incapable of forming a social organism, and that we therefore hope that our reason, which has undergone such a high level of development, that intellectualism, will lead us back to such a social organism after all.

[ 14 ] Gerade die soziale Frage selbst ist es, die uns zeigt, wie fremd wir einander eigentlich als Menschen geworden sind. Die religiöse Frage, sie tritt uns gerade aus dem Grunde in der Gegenwart, ja schon in der ganzen neueren Zeit entgegen, weil der Mensch eben verloren hat das unmittelbare innere Erlebnis, mit dem göttlichen Wesenskern der Welt unmittelbar zusammenzuhängen, zu erleben, wie das, was in seinem eigenen Inneren spricht, ein Ausdruck des GöttlichGeistigen ist. Wiederum entsteht aus einem Mangel heraus der Ruf nach einer religiösen Erneuerung.

[ 14 ] It is precisely the social question itself that shows us how alienated we have actually become from one another as human beings. The religious question confronts us in the present—indeed, throughout modern times—precisely because human beings have lost the direct inner experience of being directly connected to the divine essence of the world, of experiencing how that which speaks within them is an expression of the divine-spiritual. Once again, it is out of this lack that the call for religious renewal arises.

[ 15 ] Wenn wir von solchen Ausgangspunkten aus nun tiefer in das Leben, in unser heutiges suchendes Leben hineinschauen, dann finden wir ja doch, daß die intellektuelle Kultur, das intellektuelle Anschauen, das selbst das menschliche Gefühl allmählich hat erblassen lassen, im Grunde genommen etwas ist, was gebunden ist an ein bestimmtes Lebensalter des Menschen. Wir dürfen uns keiner Täuschung hingeben, keiner Illusion hingeben: Der einzelne individuelle Mensch erwacht für den Intellekt im Grunde genommen erst mit der Geschlechtsreife, mit dem Jünglingsalter. Er erwacht für den Intellektualismus in derjenigen Zeit seines Lebens, in der er heraustreten soll, um im Leben zu arbeiten. Aber der Intellektualismus ist nichts von dem, was uns eigen sein kann, was unsere Seele bewegen kann, wenn wir Kind sind oder wenn wir unmittelbar nach dem kindlichen Alter im Schulalter stehen. In diesem jugendlichen Menschenalter muß die Seelenverfassung eine andere sein, als sie später sein kann. Und das Intellektualistische, das im Leben der heutigen Menschheit brauchbar ist, es kann sich nicht ausleben, es darf sich gar nicht ausleben im jugendlichen Alter, denn es müßte erkältend, ertötend, lähmend auf die Kräfte des Jugendalters wirken. Und so ist es eigentlich gekommen — man muß eben in intimere Einzelheiten des Lebens hineinschauen, wenn man die suchende Gegenwart verstehen will —, daß wir hineinwachsen in eine Kultur, die uns, so paradox es klingt, in unserem reifen Lebensalter um die schönsten Erinnerungen unserer Kindheit bringt.

[ 15 ] If we now look more deeply into life—into our present-day life of searching—from such starting points, we do indeed find that intellectual culture, intellectual contemplation, which has even caused human feeling to gradually fade, is, at its core, something bound to a specific stage of human life. We must not succumb to any deception or illusion: the individual human being, in essence, only awakens to the intellect with sexual maturity, in young adulthood. He awakens to intellectualism at that stage of his life when he is to step out into the world to work. But intellectualism is not something that can be our own, something that can move our soul, when we are children or when we are in school age immediately following childhood. In this youthful stage of life, the state of the soul must be different from what it can be later on. And the intellectual aspect that is useful in the life of today’s humanity cannot be fully expressed—indeed, it must not be fully expressed—during youth, for it would have a chilling, stifling, and paralyzing effect on the vital forces of youth. And this is actually how it has come to be—one must look into the more intimate details of life if one wishes to understand the searching present—that we grow into a culture which, as paradoxical as it sounds, robs us, in our mature years, of the most beautiful memories of our childhood.

[ 16 ] Wenn wir erinnerungsmäßig darauf zurückschauen, was wir als Kind haben erleben können, so können wir das, was da oftmals im Unbewußten unten sitzt, was nur in dunklen Ahnungen, Erinnerungen, manchmal nur in Färbungen von Gedanken und Erinnerungen heraufkommen kann, nicht mit der nötigen Intensität, mit der nötigen Wärme heraufholen. Wir kommen dazu, uns selber nicht mehr ganz zu verstehen. Wir sehen auf das Leben unserer Kindheit wie auf ein Rätsel zurück. Wir verstehen nicht mehr, aus unserem ganzen, aus unserem vollen Menschen heraus zu reden und in die Sprache, die wir als Erwachsener führen, diejenige Nuance hineinzulegen, die durchklingen läßt durch diese Sprache des Erwachsenen, was das Kind in seiner lebendigen Weisheit erlebt, wenn es seine unschuldigen Augen in die Umwelt richtet, wenn es seinen Willen in den ersten Jahren des Daseins entfaltet.

[ 16 ] When we look back in our memories on what we experienced as children, we cannot bring to the surface—with the necessary intensity and warmth—what often lies buried in the unconscious, what can emerge only in dark premonitions, memories, or sometimes merely as tints of thoughts and memories. We end up no longer fully understanding ourselves. We look back on our childhood as if it were a mystery. We no longer know how to speak from our whole, complete selves and to infuse the language we use as adults with that nuance which allows what the child experiences in its living wisdom—when it turns its innocent eyes toward the world, when it unfolds its will in the first years of life—to resonate through that adult language.

[ 17 ] Der studiert nicht wirklich Geschichte, der durch die Geschichte nicht wissen lernt, wie bei einer älteren Menschheit überall mitgesprochen hat die Kindheitsentwickelung, wenn die Sprache des reifen Menschen erklungen ist. Wir verbringen die Kindheit unbewußt, aber wir verbringen sie so, daß in diesem unbewußten Seelenleben noch intensiv vorhanden ist, was wir uns durch die Geburt, durch die Verbindung mit der physischen Leiblichkeit aus dem geistig-seelischen Leben, aus dem präexistenten Leben mitbringen. darf sich gar nicht ausleben im jugendlichen Alter, denn es müßte erkältend, ertötend, lähmend auf die Kräfte des Jugendalters wirken. Und so ist es eigentlich gekommen — man muß eben in intimere Einzelheiten des Lebens hineinschauen, wenn man die suchende Gegenwart verstehen will —, daß wir hineinwachsen in eine Kultur, die uns, so paradox es klingt, in unserem reifen Lebensalter um die schönsten Erinnerungen unserer Kindheit bringt.

[ 17 ] One does not truly study history unless, through history, one comes to understand how childhood development has played a role everywhere in the evolution of humanity, even as the language of mature human beings has come to be heard. We spend our childhood unconsciously, but we spend it in such a way that what we bring with us from our spiritual-soul life—from our pre-existing life—through birth and our connection with the physical body is still intensely present in this unconscious inner life. must not be allowed to run its course in youth, for it would have a chilling, deadly, and paralyzing effect on the forces of youth. And this is actually how it has come to be—one must look into the more intimate details of life if one wishes to understand the searching present—that we grow into a culture which, as paradoxical as it sounds, robs us, in our mature years, of the most beautiful memories of our childhood.

[ 18 ] Wenn wir erinnerungsmäßig darauf zurückschauen, was wir als Kind haben erleben können, so können wir das, was da oftmals im Unbewußten unten sitzt, was nur in dunklen Ahnungen, Erinnerungen, manchmal nur in Färbungen von Gedanken und Erinnerungen heraufkommen kann, nicht mit der nötigen Intensität, mit der nötigen Wärme heraufholen. Wir kommen dazu, uns selber nicht mehr ganz zu verstehen. Wir sehen auf das Leben unserer Kindheit wie auf ein Rätsel zurück. Wir verstehen nicht mehr, aus unserem ganzen, aus unserem vollen Menschen heraus zu reden und in die Sprache, die wir als Erwachsener führen, diejenige Nuance hineinzulegen, die durchklingen läßt durch diese Sprache des Erwachsenen, was das Kind in seiner lebendigen Weisheit erlebt, wenn es seine unschuldigen Augen in die Umwelt richtet, wenn es seinen Willen in den ersten Jahren des Daseins entfaltet.

[ 18 ] When we look back in our memories on what we experienced as children, we cannot bring to the surface—with the necessary intensity and warmth—what often lies buried in the unconscious, what can emerge only in dark premonitions, memories, or sometimes merely as tints of thoughts and memories. We end up no longer fully understanding ourselves. We look back on our childhood as if it were a mystery. We no longer know how to speak from our whole, complete selves and to infuse the language we use as adults with the nuance that allows what the child experiences in its living wisdom—when it turns its innocent eyes toward the world, when it unfolds its will in the first years of life—to resonate through that adult language.

[ 19 ] Der studiert nicht wirklich Geschichte, der durch die Geschichte nicht wissen lernt, wie bei einer älteren Menschheit überall mitgesprochen hat die Kindheitsentwickelung, wenn die Sprache des reifen Menschen erklungen ist. Wir verbringen die Kindheit unbewußt, aber wir verbringen sie so, daß in diesem unbewußten Seelenleben noch intensiv vorhanden ist, was wir uns durch die Geburt, durch die Verbindung mit der physischen Leiblichkeit aus dem geistig-seelischen Leben, aus dem präexistenten Leben mitbringen. Wer ein Kind zu beobachten vermag, wer Seele und Sinn hat zu dieser Beobachtung, dem enthüllt sich das größte Geheimnis, wenn er sieht, wie in dem Kinde von Woche zu Woche herauskommt, was der Mensch aus einem geistig-seelischen Dasein in diese irdisch-physische Welt sich mitbringt. Dasjenige, was da unbewußt das Ewige den menschlichen Gliedern, der ganzen menschlichen Organisation einkörpert und einpulsiert, das verursacht ein innerliches Durchdrungensein mit dem Seelisch-Geistigen, dieses wird aber später wie von einem erkältenden Stoff getroffen, wenn das, was eigentlich nur für die Erdenangelegenheiten vorhanden ist, wenn der Intellekt sich darüberlegt.

[ 19 ] One does not truly study history unless, through history, one comes to understand how childhood development has played a role everywhere in the evolution of humanity, even as the language of mature human beings has taken shape. We spend our childhood unconsciously, but we spend it in such a way that what we bring with us from our spiritual-soul life—from our pre-existing life—through birth and our connection with the physical body is still intensely present in this unconscious inner life. Whoever is able to observe a child—whoever has the soul and the sense to make this observation—will have the greatest mystery revealed to them when they see how, week by week, what the human being brings with them from a spiritual-soul existence into this earthly-physical world emerges in the child. That which unconsciously embodies and infuses the eternal into the human limbs and the entire human organism causes an inner permeation with the spiritual-soul aspect; but this is later struck, as it were, by a chilling substance when that which is actually present only for earthly affairs—when the intellect takes precedence—

[ 20 ] Derjenige, der heute genug Selbstbeobachtung hat für diese intimen Dinge, der weiß, wie ein leiser Nebel über das gebreitet wird, was hereindringen will aus unserer Kindheit in unser reifes Bewußtsein, er weiß, wie wir gar nicht in unsere alt gewordenen Worte das hineinbringen, was so lebendig im Kinde lebt, und, weil es geistig-seelisch hereinwirkt, im Grunde genommen viel geistig-seelischer im Kinde lebt, als es später leben kann im Intellektualismus.

[ 20 ] Anyone today who is self-aware enough to reflect on these intimate matters knows how a gentle mist spreads over what seeks to penetrate from our childhood into our mature consciousness, knows how we cannot possibly convey in our now-outdated words what lives so vividly in the child—and, because it affects us spiritually and emotionally, essentially lives much more deeply in the child’s spirit and soul than it can later in intellectualism.

[ 21 ] Ein geistvoller Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts hat gesagt: Der Mensch lernt in den drei ersten Lebensjahren mehr als in den drei akademischen. — Ich will gewiß den Akademikern nicht im entferntesten zu nahe treten, denn ich weiß sie zu schätzen, allein, das glaube ich auch, daß wir in bezug auf unser ganzes, auf unser volles Menschentum in den ersten drei Lebensjahren, wo wir selbst noch aus unserer unbewußten Weisheit unseren Organismus gestalten, mehr lernen, als wir später jemals lernen können. Allein wir sind in unserer gegenwärtigen Kultur sehr darauf aus, diese drei wichtigsten Lehrjahre eigentlich zu vergessen, wenigstens sie nicht in der entsprechenden Weise lebendig zu machen in dem, was dann später als Ausdruck unserer vor allen Dingen durch eine solche Lehrerschaft eine Schulreform anzustreben, welche die Möglichkeit findet, aus der geistigen Verjüngung der späteren Menschenjahre wiederum zu Kindern zu sprechen wie zu echten Freunden. Denn wer eben etwas von wirklicher Geistigkeit im Leben sich angeeignet hat, für den ist jedes Kind eine Offenbarung, und er weiß, daß das Kind, das jüngere und reifere Kind, ihm jedenfalls mehr noch gibt — wenn er einen offenen Sinn dafür hat —, als er dem Kinde geben kann. So paradox das klingt, so ist es doch diejenige Nuance, die uns gerade auf diesem Gebiete zu einer Art Kulturerneuerung führen kann.

[ 21 ] A witty writer of the 18th and 19th centuries once said: “A person learns more in the first three years of life than in the first three years of academic study.” — I certainly do not mean to offend academics in the slightest, for I hold them in high regard; yet I also believe that, in terms of our entire, our full humanity, we learn more in the first three years of life—when we ourselves are still shaping our organism from our unconscious wisdom—than we can ever learn later on. Yet in our present culture, we are very much inclined to actually forget these three most important years of learning—or at least not to bring them to life in the appropriate way—in what later becomes the expression of our desire, above all through such a teaching staff, to strive for a school reform that finds the way to speak to children again—as to true friends—through the spiritual rejuvenation of later years. For anyone who has truly acquired a sense of spiritual life finds that every child is a revelation, and knows that the child—whether younger or more mature—gives him even more—if he is open to it—than he can give to the child. As paradoxical as it sounds, this is precisely the nuance that can lead us to a kind of cultural renewal in this very area.

[ 22 ] Und wenn wir gewissermaßen von diesem Lichte aus uns beleuchten lassen, was uns sonst im Leben entgegentritt, dann müssen wir sagen: Wenn wir so ganz deutlich sehen, daß der Mensch den Menschen sucht und suchen muß, nämlich der durch den Intellektualismus vereinseitigte Mensch den ganzen, vollen Menschen, dann tritt uns das auch auf manchem anderen Gebiete heute ganz stark entgegen.

[ 22 ] And if, so to speak, we allow ourselves to be illuminated by this light in regard to what we otherwise encounter in life, then we must say: When we see so clearly that human beings seek—and must seek—one another—namely, that the human being who has become one-sided through intellectualism seeks the whole, complete human being—then this also confronts us very strongly in many other areas today.

[ 23 ] Wir sehen, wenn wir zurückblicken gerade in diejenige Zeit, in der die großen, die nicht genug zu schätzenden Errungenschaften der neueren Kultur heraufgekommen sind, wie diese Kultur nur errungen werden konnte dadurch, daß der Mensch etwas hingab von seinem Vollmenschentum. Der Mensch sah hinaus in den Weltenraum. Er konnte sich die Instrumente verfertigen, durch welche sich ihm die Sterne in ihrem Wesen und in ihren Bewegungen enthüllten. Allein seit Jahrhunderten ist dasjenige, was da den Menschen entgegentritt, im Grunde genommen so geworden, daß es ihm ein mathematisch-physikalisches Weltbild gegeben hat. Man hat heute kein Empfinden mehr dafür, wie einstmals der Mensch hinausgeschaut hat und in dem Wandel der Sterne ebenso die Offenbarung des Geistigen in dem Kosmos gesehen hat, wie er heute die Offenbarung des Geistigen, des Seelischen in der menschlichen Physiognomie sieht. Trockenes, altes, obwohl nicht genug zu schätzendes Mathematisch-Mechanisches erscheint uns im Kosmos. Wir blicken hinauf und sehen im Grunde genommen einen großen Weltenmechanismus. Immer mehr und mehr ist das Ideal entstanden, diesen großen Weltenmechanismus überall in unserer Weltenbetrachtung zu sehen. Und was ist heute daraus geworden?

[ 23 ] When we look back, especially to the very period in which the great, inestimable achievements of modern culture emerged, we see how this culture could only have been attained by humanity sacrificing a part of its full humanity. Humanity looked out into the vastness of space. It was able to craft the instruments through which the stars revealed their nature and movements. Yet for centuries now, what humanity has encountered has essentially come to provide it with a mathematical-physical worldview. Today we no longer have any sense of how human beings once looked out into the cosmos and saw in the movement of the stars the revelation of the spiritual in the cosmos, just as they now see the revelation of the spiritual and the soul in human physiognomy. What appears to us in the cosmos is a dry, old—though by no means to be underestimated—mathematical-mechanical reality. We look up and see, in essence, a great cosmic mechanism. More and more, the ideal has emerged of seeing this great cosmic mechanism everywhere in our view of the world. And what has become of it today?

[ 24 ] Vielleicht wird es manchen Zeitgenossen noch paradox erscheinen, allein ich glaube, daß es sich der unbefangenen Beobachtung überall aufdrängt: Heute antwortet aus dem sozialen Menschenleben heraus das, was uns überall umgibt, was unsere Gegenwartskultur ist, auf die Anschauung vom Weltenmechanismus. Denn heute ist unser soziales, auch unser ethisches, unser juristisches Leben, ja in einem gewissen Grade, wie ich gleich nachher zeigen werde, sogar unser religiöses Leben mechanistisch geworden.

[ 24 ] It may still seem paradoxical to some of my contemporaries, but I believe that it is evident to the impartial observer everywhere: Today, within social human life, what surrounds us everywhere—our contemporary culture—responds to the conception of the world mechanism. For today, our social life—as well as our ethical and legal life—and indeed, to a certain extent, as I will show shortly, even our religious life, has become mechanistic.

[ 25 ] Wir sehen, wie in Millionen und Millionen von Menschen die Anschauung lebt, innerhalb des geschichtlichen Werdens der Menschheit seien nicht geistige Kräfte vorhanden, sondern allein wirtschaftliche Kräfte, und was in Kunst, in Religion, in Sitte, in Wissenschaft, in Recht und so weiter lebt, das sei gewissermaßen ein Nebel, der aufsteige aus dem, was sich in der einzigen geschichtlichen Realität, im Wirtschaftsleben, abspielt. Wirtschaftsformen seien das Reale, und indem die Wirtschaftsformen auf den Menschen wirken — so sagen manche heute, und man muß nur ein Herz haben, um das Tragische dieses Sagens zu empfinden —, entsteht das, was der Mensch ausbildet als Recht, Sitte, als Religion, als Kunst und so weiter, und das ist Ideologie. Wir sind auf diese Weise in ein Fahrwasser hineingekommen, das uns allerdings Großes gebracht hat im abendländischen Geistesleben, das aber heute bei dem entgegengesetzten Pol angelangt ist von dem, was einmal in alten, besseren Zeiten — heute ist ja auch die morgenländische Kultur durchaus in die Dekadenz gekommen — in der morgenländischen Kultur vorhanden war. Dort eine Einseitigkeit, jetzt aber bei uns auch eine Einseitigkeit.

[ 25 ] We see how the view persists among millions upon millions of people that, within the historical development of humanity, there are no spiritual forces at work, but only economic forces; and that what lives on in art, religion, customs, science, law, and so on is, in a sense, a mist rising from what takes place in the sole historical reality—economic life. Economic forms are said to be the real thing, and as these economic forms influence human beings—so some say today, and one need only have a heart to sense the tragedy of this statement—what emerges is what human beings develop as law, custom, religion, art, and so on, and that is ideology. In this way, we have entered a current that has indeed brought us great things in Western intellectual life, but which has now reached the opposite pole from what once existed in Eastern culture in older, better times—for today, Eastern culture, too, has certainly fallen into decadence. There was one-sidedness there; now, however, there is one-sidedness here as well.

[ 26 ] Erinnern wir uns doch, daß es einstmals im Erdenleben, vor allen Dingen drüben im Orient, eine Menschheit gegeben hat, welche die äußere Sinneswelt als Maja, als die große Illusion, als die bloße Scheinwelt bezeichnet hat, und das, was der Mensch in seinem Innern erregt, was er denkt, was er empfindet, was er fühlt, was in seinen Willensimpulsen lebt, als die einzige wirkliche Realität ansah. Es gab einstmals diese andere Einseitigkeit, daß, wenn der Mensch in sein Inneres schaute, er in seiner Gedanken-, Gefühls- und Empfindungswelt die Wahrheit, das wahre Sein sah, und äußerlich die Maja, die große Illusion. Wir sind heute bei dem entgegengesetzten einseitigen Betrachten angelangt. Wir sehen vom Standpunkte der Gegenwartskultur aus überall in unserer Umgebung die materielle Sinnenwelt und nennen sie das wirkliche Sein. Und Millionen von Menschen sehen nur in dem sinnlichen Vorsichgehen der Wirtschaftsprozesse das wirkliche Sein und nennen das, was im Innern des Menschen lebt, wie auch dasjenige, was der Mensch als Kulturentwikkelung aus diesem seinem Innern hervorgehen läßt, Ideologie. Es ist im Grund genommen dasselbe, was einstmals der Morgenländer als Maja, als Illusion bezeichnet hat, was heute Millionen und Millionen von Menschen als Ideologie bezeichnen, ein anderes Wort nur, allerdings auch im entgegengesetzten Sinne angewendet. Ideologie hätte der Morgenländer sagen können für die Außenwelt, Realität für sein Inneres. Wir sind innerhalb unserer Kultur dazu gekommen, daß unzählige Menschen dieses in entgegengesetzter Einseitigkeit sagen.

[ 26 ] Let us remember that there once was a time in earthly life—especially over in the Orient—when humanity regarded the external sensory world as Maya, as the great illusion, as a mere world of appearances, and regarded what stirs within a person—what they think, what they perceive, what they feel, and what lives in their impulses of will—as the only true reality. There was once this other one-sided view, whereby when a person looked inward, they saw truth and true being in their world of thoughts, feelings, and sensations, and outwardly saw Maya, the great illusion. Today we have arrived at the opposite one-sided perspective. From the standpoint of contemporary culture, we see the material sensory world everywhere around us and call it true being. And millions of people see true being only in the sensory unfolding of economic processes and call that which lives within the human being—as well as that which the human being brings forth from within as cultural development—ideology. It is, in essence, the same thing that the Easterners of old once called “maya,” or illusion—what millions upon millions of people today call “ideology”—merely a different word, albeit used in the opposite sense. The Easterners might have used “ideology” to refer to the external world and “reality” to refer to their inner world. Within our culture, we have reached a point where countless people express this with opposite one-sidedness.

[ 27 ] Und so sehen wir gerade in unserem sozialen Leben das sich ausprägen, wovon wir sagen können: Der Wissenschaft hat es große, bedeutsame Triumphe gebracht, dem denkerischen menschlichen Leben, dem ethischen, dem sozialen Leben hat es Schwierigkeiten gebracht. Aber das, was da vor uns steht, diese Mechanisierung des Lebens, sie lebt nicht nur in den Ideen von Millionen, sie ist ja auch in der Realität vorhanden. Unser äußeres Leben hat sich mechanisiert, und wir stehen heute mit unserer Kultur in dem Zeitalter, das die menschliche Antwort gibt im sozialen, im ethischen, im religiösen Leben. Was in dem großen Zeitalter des Galilei, des Kopernikus, des Giordano Bruno zuerst als Anschauung der Welt begründet worden ist an Großem, erfordert allerdings, daß es in anderer Weise durchsetzt wird mit Menschentum, als es bisher hat durchsetzt werden können. Denn der Mechanismus unseres menschlichen Lebens ist gewissermaßen die Kulturantwort auf den Mechanismus unseres denkerischen, unseres intellektualistischen und wissenschaftlichen Lebens.

[ 27 ] And so we see this taking shape especially in our social life—and we can say: It has brought great, significant triumphs to science, but it has brought difficulties to human intellectual life, to ethical life, and to social life. But what lies before us—this mechanization of life—does not exist merely in the ideas of millions; it is also a reality. Our external life has become mechanized, and today, with our culture, we find ourselves in an age that provides the human response in social, ethical, and religious life. However, the great ideas that were first established as a worldview during the great age of Galileo, Copernicus, and Giordano Bruno require that they be infused with humanity in a different way than has been possible thus far. For the mechanization of our human life is, in a sense, the cultural response to the mechanization of our intellectual, rational, and scientific life.

[ 28 ] Und wir sehen das in allen Einzelheiten. Wir studieren heute Naturwissenschaft. Wir studieren die Reihe der Tiere von den untergeordnetsten, einfachsten, unvollkommensten bis herauf zum Menschen. Wir stellen dann, aus einer sehr anerkennenswerten Wissenschaft heraus, den Menschen an das Ende der Organismenreihe. Was wissen wir dadurch von ihm? Wir lernen dadurch erkennen, daß er das höchste Tier ist. Gewiß, es ist das in einem gewissen Sinne bedeutsam, aber wir lernen ihn ja nur in seiner Beziehung zu den anderen Wesen kennen, wir lernen ihn nicht kennen so, wie er als Mensch sich selbst erlebt. Wir lernen ja kennen, was der Mensch in bezug auf die anderen Wesen entwickelt, nicht aber, was er in bezug auf sich selbst ist. Der Mensch verliert sich, indem er in der neueren Weise die äußere Welt in großartiger Art betrachtet. Daher das Suchen nach dem Menschen, weil der Mensch sich gerade durch die größten Errungenschaften der neueren Zeit in einer gewissen Weise verliert. Und sehen wir dann auf das menschliche Zusammenleben im sozialen Organismus, so finden wir ja, wie in diesem sozialen Organismus die Menschen zusammen leben müssen durch das, was sie sich gegenseitig leisten. In bezug auf diese Notwendigkeit hat es die neuere Zeit ja sehr weit gebracht. Arbeitsteilung auf den verschiedensten Gebieten im ganzen sozialen Leben ist eingetreten. In bezug auf das äußerliche, mechanisierte Leben müssen wir schon so arbeiten, daß es gilt: Alle für einen, einer für alle! — Wir haben lernen müssen in bezug auf das äußere Leben das Füreinander-Arbeiten. Allein auch da zeigt sich uns wiederum, wie für diejenigen, die nicht alte Traditionen bewahren, sondern hineingewachsen sind gerade in die modernste Form des Lebens, dieses menschliche Arbeiten sich ganz losgelöst hat vom Menschen, wie eigentlich unsere Erkenntnis uns nur die Natur des äußeren Menschen gibt. So ist unsere Auffassung, unsere Empfindung von der menschlichen Arbeit, durch die wir unseren Mitmenschen helfen, durch die wir mit unseren Mitmenschen zusammenwirken müssen, eine äußerliche geworden. Wir schauen nicht darauf hin, wie sich aus dem seelisch-sinnlich-geistigen Dasein des Menschen seine Leistung herausentwickelt, wie sich die Arbeit loslöst aus dem Menschen, dem wir gefühlsmäßig nahestehen, der ein Wesen ist, wie wir selber, wir blicken nicht fühlend hin, wie er die Arbeit für uns leistet. Nein, wir sehen heute im sozialen Leben das Produkt an, wir sehen, wie viel Menschenarbeit hineingeflossen ist und beurteilen die Menschenarbeit danach, inwieweit wir sie im Produkte finden. Das ist so eingewurzelt, daß eben in einer Steigerung dieses großen Irrtums der neueren Zeit Karl Marx überhaupt alles, was als menschliche Leistung in Waren, in Gütern zirkuliert und für den menschlichen Nutzen und Verbrauch geschaffen werden muß, eine kristallisierte, eine geronnene Arbeit nennt. Arbeit beurteilen wir in Absonderung von dem Menschen, wie wir uns vorzugsweise angeeignet haben die Fähigkeit, die Natur in Absonderung vom Menschen zu beobachten. Wir sind wirklich angesteckt worden in unserer Beurteilung der Menschenleistung von dem, was wir über den Menschen als Naturwesen wissen und betrachten gelernt haben. Wir dringen nur bis zum Natürlichen des Menschen, gewissermaßen nur dahin, daß der Mensch das oberste Tier ist, wir dringen nicht bis zum tiefsten Innern des Menschen.

[ 28 ] And we see this in every detail. Today we study the natural sciences. We study the animal kingdom, from the lowest, simplest, and most imperfect forms all the way up to human beings. Based on a highly respected science, we then place human beings at the end of the chain of organisms. What does this tell us about him? We come to recognize that he is the highest animal. Certainly, this is significant in a certain sense, but we come to know him only in relation to other beings; we do not come to know him as he experiences himself as a human being. We come to know what the human being develops in relation to other beings, but not what he is in relation to himself. Human beings lose themselves by viewing the external world in a magnificent way, as is characteristic of modern times. Hence the search for the human being, because human beings are, in a certain sense, losing themselves precisely through the greatest achievements of modern times. And when we then look at human coexistence within the social organism, we see how, within this social organism, people must live together through what they provide for one another. With regard to this necessity, modern times have indeed come a long way. A division of labor has taken hold in the most diverse areas of social life. With regard to external, mechanized life, we must work in such a way that the principle applies: All for one, one for all! — We have had to learn, with regard to external life, to work for one another. Yet even here it becomes clear to us once again how, for those who do not preserve old traditions but have grown up precisely within the most modern form of life, this human work has become completely detached from the human being—just as our understanding actually gives us only the nature of the external human being. Thus, our conception—our sense—of human work, through which we help our fellow human beings and through which we must cooperate with them, has become an external one. We do not look to see how a person’s achievement develops out of their soul-sensory-spiritual existence, how the work becomes detached from the person to whom we are emotionally close—a being just like ourselves—nor do we look with feeling to see how they perform the work for us. No, in social life today we look at the product; we see how much human labor has gone into it and judge that labor by the extent to which we find it in the product. This is so deeply ingrained that, in an escalation of this great error of modern times, Karl Marx refers to everything that circulates as human achievement in commodities and goods—and that must be created for human use and consumption—as “crystallized,” or “coagulated,” labor. We evaluate labor in isolation from the human being, just as we have primarily acquired the ability to observe nature in isolation from the human being. In our assessment of human achievement, we have truly been influenced by what we have learned to know and observe about human beings as natural beings. We penetrate only as far as the natural aspect of human beings—in a sense, only to the point that human beings are the highest animals—but we do not penetrate to the deepest inner core of human beings.

[ 29 ] Aber auch wenn wir den Menschen in seiner Arbeit sehen, sehen wir nicht, wie diese Arbeit aus ihm hervorquillt, sondern wir warten, bis das Produkt, das Erzeugnis da ist, und suchen nur die Arbeit in dem, was sich abgesondert hat vom Menschen. Und da steht dann der Mensch als ein soziales Wesen mitten unter uns, wissend, daß er sein Menschenwesen, ja, oftmals seine Menschenwürde hineinlegen muß in die Arbeit, und er sieht, daß gewürdigt wird nicht diese Menschenwürde, nicht die Art, wie aus dem Menschen diese Arbeit hervorquillt, sondern daß gewürdigt wird diese Arbeit nur, indem sie hineingeronnen ist in die äußere Leistung, die dann auf den Markt kommt, wo die Arbeit als etwas, das in der Ware untergegangen ist, gewissermaßen käuflich geworden ist. So sehen wir, wie der Mensch auch in dieser Beziehung sich verloren hat, wie der Mensch gewissermaßen ein Stück von seinem Wesen, seine Arbeit, an dem Mechanismus der heutigen Kultur verliert.

[ 29 ] But even when we see a person at work, we do not see how that work springs forth from him; rather, we wait until the product, the result, is there, and we look for the work only in what has been separated from the person. And there stands the human being as a social being in our midst, knowing that he must indeed, often must invest his human dignity into his work, and he sees that it is not this human dignity that is valued—not the way in which this work springs forth from the person—but rather that this work is valued only insofar as it has been crystallized into the external product that then enters the market, where labor, having been subsumed into the commodity, has, so to speak, become a commodity in its own right. Thus we see how human beings have lost themselves in this regard as well, how they have, in a sense, lost a part of their very being—their work—to the mechanisms of today’s culture.

[ 30 ] Das sehen wir vor allen Dingen im rechtlichen Teile des sozialen Organismus. Wenn wir darauf sehen, wie das Geistesleben unter uns waltet, so finden wir, daß der Geist nur vorhanden ist in abstrakten Gedanken, daß wir nur zu diesen abstrakten Gedanken Vertrauen haben, daß wir abgekommen sind davon, daß der Geist unmittelbar in uns lebt, daß der Geist einzieht, indem wir uns mit ihm befassen, daß unsere Seele nicht nur gedankenerfüllt ist, sondern daß unsere Seele wirklich geistdurchdrungen wird, wenn wir uns einer geistigen Betätigung hingeben. Diesen Zusammenhang mit dem Geiste hat die Menschheit verloren, indem ihre Naturanschauung groß geworden ist. — Das in bezug auf das Geistesleben.

[ 30 ] We see this above all in the legal aspect of the social organism. When we look at how spiritual life prevails among us, we find that the spirit exists only in abstract thoughts, that we place our trust only in these abstract thoughts, that we have strayed from the realization that the spirit lives directly within us, that the spirit enters us as we engage with it, and that our soul is not merely filled with thoughts but is truly permeated by the spirit when we devote ourselves to spiritual activity. Humanity has lost this connection with the spirit as its view of nature has expanded. — This is with regard to spiritual life.

[ 31 ] In bezug auf unseren Rechts- und sozialen, auf unseren Staatszusammenhang, sehen wir es an dem Beispiel der Arbeit, wie sich losgerissen hat von der menschlichen Wesenheit das, was mit dieser menschlichen Wesenheit verbunden ist. Indem wir die Menschenseele im Verkehr als Mensch dem Menschen gegenüber sehen, sehen wir nicht, wie das Gefühl aufleuchtet und sich erwärmt, wenn der Mensch die Arbeit des anderen erblickt. Es quillt nicht die Wärme hervor für den arbeitenden Menschen. Wir sehen nicht am Menschen die sich entwickelnde Arbeit, nein, wir sehen das, worin das Mitgefühl sich nicht mehr erwärmen und entzünden kann, wir sehen die Arbeit, nachdem sie den Menschen verlassen hat und in das Produkt hereingeronnen ist. So verlieren wir auch auf diesem Gebiete, auf dem Gebiete des rechtlichen Zusammenlebens den Menschen.

[ 31 ] With regard to our legal and social context, to our political structure, we can see from the example of work how that which is connected to human nature has become severed from human nature itself. When we observe the human soul in human interaction—one person facing another—we do not see how feeling is kindled and warmed when one person beholds the work of another. No warmth wells up for the working person. We do not see the work unfolding within the human being; no, we see that which can no longer warm or ignite compassion—we see the work after it has left the human being and congealed into the product. Thus, we also lose sight of the human being in this realm—the realm of legal coexistence.

[ 32 ] Und sehen wir uns auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens um. Auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens muß ja der Mensch sich mit dem versorgen, was er für seinen Konsum braucht. Was der Mensch für seinen Konsum braucht, ist ja nichts anderes als dasjenige, wofür er seine Fähigkeiten ausbildet. Der Mensch wird um so besser wirtschaften für den anderen Menschen, für sich selber, für die ganze menschliche Gesellschaft schaffen können, je mehr er seine Fähigkeiten entwickeln kann. Auf die Entwickelung der Fähigkeiten kommt es im wirtschaftlichen Leben an. Derjenige, der ein Arbeitnehmer ist, wird zu dem, der ein Arbeitsleiter ist, wenn es vorzugsweise auf die Leute ankommt, so hinschauen, daß er seinen eigenen Vorteil findet bei dem tüchtigen, bei dem fähigen Arbeitsleiter. Das kann schon durchaus erreicht werden, denn es sieht sehr bald derjenige, der sich in seiner Arbeit physisch und geistig leiten lassen muß, daß er besser gedeiht bei dem Befähigteren als bei dem Unbefähigten. Ist aber unser heutiges wirtschaftliches Streben darauf gerichtet, vor allen Dingen hinzuschauen auf die wirtschaftende Menschheit und dann überall zu fragen: Wo sind die größeren Fähigkeiten? — Hinzuschauen auf dieses Lebendige im Menschen, auf dieses reine Menschliche, und den Menschen hineinzustellen nach seinen Fähigkeiten in das wirtschaftliche Leben, damit er das Beste für seine Mitmenschen leisten kann, das würde eine Anschauung, eine Kultur erringen können, welche den Menschen im Menschen finden kann. Aber das ist ja gerade das Eigentümliche, daß unsere Kultur eben den Menschen im Menschen nicht finden kann, daß wir allmählich — das bietet sich dem unbefangenen Blicke dar — die Möglichkeit verloren haben, den Menschen nach seinen Fähigkeiten richtig zu beurteilen.

[ 32 ] And let’s take a look at the realm of economic life. In the realm of economic life, people must, of course, provide themselves with what they need for their consumption. What people need for their consumption is, after all, nothing other than that for which they develop their abilities. The more people are able to develop their abilities, the better they will be able to manage economic affairs for others, for themselves, and for human society as a whole. The development of abilities is what matters in economic life. An employee will, when the focus is primarily on the people involved, look to a competent, capable supervisor to ensure his own benefit. This can certainly be achieved, for those who must be guided physically and mentally in their work will very soon see that they thrive better under a capable supervisor than under an incapable one. But are our economic endeavors today directed, above all, toward observing humanity at work and then asking everywhere: Where are the greater abilities? — To look at this living essence in human beings, at this purely human quality, and to place people in economic life according to their abilities so that they can do the best for their fellow human beings—that would be the kind of perspective, the kind of culture, that could find the human being within the human being. But that is precisely the peculiarity of the matter: that our culture cannot find the human being within the human being, that we have gradually—as is evident to the unbiased observer—lost the ability to judge people correctly according to their abilities.

[ 33 ] Gewiß, dasjenige Wesen, wodurch die menschlichen Fähigkeiten sich zeigen sollen, das Prüfungswesen, ist Ja groß geworden in unserer neueren Kultur. Aber es handelt sich vor allen Dingen auch nicht darum, wirklich zu ergründen, in welcher Weise der Mensch am besten eingreifen kann in das Leben, denn das mechanisch gewordene Leben fordert zunächst etwas anderes. Es wird ja heute vielfach der Ruf laut, den besten Menschen je nach den Bedürfnissen an den richtigen Platz zu stellen. Allein vorerst bleibt das ein frommer Wunsch, und wir sehen, daß sich das wirtschaftliche Leben vor allen Dingen — gerade so wie die anderen Gebiete, wie das geistige Leben und das rechtliche Leben — vom Menschen absondert. Wir sehen vor allen Dingen nicht auf den Menschen, auf sein lebendiges Sich-Hineinstellen in das Wirtschaftsleben, sondern darauf sehen wir, wie er am besten etwas mit sich verbinden kann, was nicht das eigentlich Menschliche ist. Wir sehen auch das Wirtschaftsleben sich loslösen vom Menschen. So ist es kein Wunder, daß der Ruf nach einer Erneuerung unserer Gegenwartskultur eigentlich auf allen Gebieten des Lebens dem Suchen nach dem Menschen entspringt.

[ 33 ] Certainly, the very system through which human abilities are supposed to be demonstrated—the examination system—has indeed grown in importance in our modern culture. But above all, the point is not to truly explore how human beings can best intervene in life, for life—which has become mechanized—demands something else first and foremost. Today, there are indeed many calls to place the best people in the right positions according to need. Yet for the time being, this remains a pious hope, and we see that economic life—just like other spheres, such as intellectual life and legal life—is, above all, becoming separated from the human being. Above all, we do not focus on the human being—on his or her active engagement in economic life—but rather on how he or she can best connect with something that is not truly human. We also see economic life detaching itself from the human being. It is therefore no wonder that the call for a renewal of our contemporary culture—in virtually all areas of life—stems from the search for the human being.

[ 34 ] Und zum Schluß ist es auch in der Kunst nicht anders. Wenn wir zurückblicken auf das Griechentum, so erscheinen uns heute die griechischen Tragödiendichter so, als ob sie auch in der Weise ihre Dramen verfaßt hätten, wie das heute noch geschieht. Die griechische Lebensauffassung ist aber durchaus nicht wie die heutige gewesen. Der Grieche sprach von der Katharsis, von der Reinigung, von der Läuterung, die durch ein Drama stattfinden soll. Und was verstand er unter dieser Katharsis, unter dieser Läuterung? Er verstand das, daß der Mensch, der an dem Darstellen eines solchen Trauerspieles oder eines anderen Stückes teilnahm, etwas in seiner Seele erlebt, wodurch er fingierte Leidenschaften durchmacht. Dieses Durchmachen aber wirkt läuternd, reinigend und damit gesundend bis in den physischen Organismus hinein, vor allen Dingen aber auf die Seele. Und das wichtigste im griechischen Drama war etwas, was ebenso ein höherer geistiger, wie, ich möchte sagen, ein medizinischer Impuls war. Eine Art Heilungsprozeß wurde von dem Griechen gesehen in demjenigen, was er gerade in seiner hohen Kunstvollendung seinen Mitmenschen geben wollte. Wir können selbstverständlich nicht wiederum Griechen werden. Es sollte dies zur Verdeutlichung dienen dafür, daß wir in der Tat in eine Mechanisierung des Lebens hineingekommen sind, welche in einer gewissen Weise den Menschen verleugnet und dafür, daß die tiefe Sehnsucht erklärlich ist, die als ein Suchen nach dem Menschen selbst durch die heutige Welt geht.

[ 34 ] And finally, it is no different in art. When we look back at Greek civilization, the Greek tragic poets seem to us today as though they had composed their dramas in the same way that plays are still written today. Yet the Greek view of life was by no means the same as it is today. The Greeks spoke of catharsis, of purification, of the cleansing that is to take place through a drama. And what did they mean by this catharsis, by this purification? They meant that a person who participated in the performance of such a tragedy or any other play experiences something in their soul through which they undergo simulated passions. But this process of experiencing has a purifying, cleansing, and thus healing effect extending even into the physical organism—but above all on the soul. And the most important aspect of Greek drama was something that was as much a higher spiritual impulse as, I would say, a medical one. The Greeks saw a kind of healing process in what they sought to offer their fellow human beings through their art at the height of its artistic perfection. Of course, we cannot become Greeks again. This is meant to illustrate that we have indeed entered into a mechanization of life that, in a certain way, denies the human being—and that the deep longing that pervades today’s world as a search for the human being itself is understandable.

[ 35 ] Nichts anderes, als diesem Suchen zu dienen, erstrebt aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus das, was man die «Dreigliederung des sozialen Organismus» nennt. Sie wird vielfach mißverstanden. Sie sucht aber nichts anderes als die Wege, welche dazu führen können, daß im Geistesleben wiederum gefunden werden könne nicht bloß der abstrakte Geist, das Nachdenken höchstens über den Geist, nicht bloß eine blasse Gedankenwelt, sondern der lebendige Geist; daß im rechtlich-staatlichen Zusammenleben wiederum gefunden werden könne nicht bloß das, was zum Beispiel als Arbeit in das Produkt hineingerinnt, sondern die menschliche Würdigung der Arbeit, jene menschliche Würdigung der Arbeit, die im menschlichen Zusammenleben sich ergibt, wenn der Mensch als Mensch, in reiner Menschlichkeit dem anderen gegenübersteht. Und auf dem wirtschaftlichen Gebiete sucht diese Dreigliederung des sozialen Organismus nach solchen Assoziationen, wo sich die Menschen zusammentun als Konsumenten, als Produzenten, und zwar so, daß sie aus ihren verschiedensten menschlich erkannten Interessen auch das Wirtschaftsleben assoziativ führen können.

[ 35 ] The so-called “threefold social order,” as developed from anthroposophical spiritual science, aims at nothing other than serving this search. It is often misunderstood. Yet it seeks nothing other than the paths that can lead to a situation in which, within spiritual life, one might once again find not merely the abstract spirit—or, at most, reflection on the spirit—not merely a pale world of thought, but the living spirit; that in legal and political life we may once again find not merely what, for example, flows into the product as labor, but the human appreciation of labor—that human appreciation of labor which arises in human coexistence when one person faces another as a human being, in pure humanity. And in the economic sphere, this threefold social order seeks associations in which people come together as consumers and as producers—in such a way that, drawing on their diverse, humanly recognized interests, they can also organize economic life through association.

[ 36 ] Wir beurteilen den wirtschaftlichen Bedarf lediglich nach dem Mechanismus des Marktes. Die Assoziationen sollen ein Zusammenhang sein von lebendigen Menschen, die den Bedarf erkennen, ein Organismus, der aus menschlichem Zusammenleben und aus der Erkenntnis der Bedürfnisse dieses Zusammenlebens die Bedingungen des Produzierens regeln kann. Und so sucht die Dreigliederung des sozialen Organismus diese drei Glieder — das Geistesleben, das Rechtsleben und das Wirtschaftsleben — in eine solche Beziehung, in solche Verhältnisse im sozialen Organismus zu bringen, daß überall wiederum das Menschliche gefunden werden könne im freien Geistesleben, das nicht den wirtschaftlichen Interessen dient oder aus ihnen hervorgehen soll, das gar nicht den staatlichen Interessen dient oder aus ihnen hervorgehen soll, sondern das frei auf sich gestellt sein soll und dazu dienen soll, die menschlichen Fähigkeiten in der besten Weise zu entwickeln. Dieses freie Geistesleben sucht dem Menschen den Menschen zu zeigen: Mensch dem Menschen. So daß der Mensch dadurch gefunden werden könnte im freien Geistesleben, daß er den Geist wiederum erlebt, dadurch die Fähigkeiten harmonisch ausbildet, und aus einem solchen reJativ selbständigen Geistesleben in das Staatsleben, in das Wirtschaftsleben befruchtend hineinschicken kann eben den Menschen mit den am besten ausgebildeten Fähigkeiten. Wenn das Wirtschaftsleben, wenn das Staatsleben diktiert, welche Fähigkeiten ausgebildet werden sollen, dann können sie selbst nicht gedeihen. Wenn sie das Geistesleben völlig frei lassen, so daß es aus seinen eigenen Untergründen der Welt das gibt, was jede einzelne Individualität aus geistig-göttlichen Welten in das Dasein hereinbringt, dann werden im weitesten Sinne die anderen Gebiete des Lebens befruchtet werden können. Das Staatsleben soll das ausbilden, was die Menschen, indem sie als Gleicher dem Gleichen einander gegenübertreten, als Rechtsgefühle, als moralische Verfassung entwickeln können. Das Wirtschaftsleben soll durch entsprechende Assoziationen den Menschen finden nach seinen Bedürfnissen und nach seinen Fähigkeiten im Wirtschaftsleben. Nicht ein mechanistisches Trennen der drei Gebiete versucht die Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern sie versucht, durch eine relative Selbständigkeit dieser drei Glieder das zu erreichen, daß der Mensch wiederum durch die drei Gebiete des Lebens eine Vollmenschlichkeit finden könne, die er im Grunde genommen verloren hat und nach der er sucht. In einem solchen Sinne kann man wohl von der Notwendigkeit einer Kulturerneuerung sprechen, die sich aber ganz besonders ergibt, wenn man noch tiefer hineinschaut in das menschliche Innere, in jene Stelle dieses menschlichen Inneren, wo der Mensch, wenn er Vollmensch sein will, wenn er seine Menschenwürde und seinen Weltwert als Mensch ganz empfinden will, sich an das Göttlich-Geistige anschließen muß, wo er seine ewige Wesenheit fühlen und erleben muß, wenn wir also hinschauen auf das religiöse Zusammenleben der Menschen. Ich will natürlich nur sagen, daß das den Überzeugungen anthroposophischer Geisteswissenschaft entspricht, will niemandem gerade mit Bezug auf das heutige Thema diese spezielle Lösung aufdrängen. Aber es wird in dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft versucht, vor allen Dingen wieder zu erkennen, wie das Christentum sich hineingestellt hat in die menschliche Erdenentwickelung. Hingedeutet wird mit dem, was auf anthroposophische Weise in der geistigen Welt ergründet werden kann, auf das Mysterium von Golgotha. Die geschichtliche Entwickelung wird mit Bezug auf dieses Mysterium von Golgatha verfolgt.

[ 36 ] We assess economic needs solely on the basis of market mechanisms. Associations are meant to be a community of living human beings who recognize these needs—an organism capable of regulating the conditions of production based on human coexistence and an understanding of the needs arising from that coexistence. And so the threefold structure of the social organism seeks to bring these three elements—spiritual life, the legal life, and the economic life—into such a relationship, into such conditions within the social organism, that the human element may once again be found everywhere: in a free spiritual life that does not serve economic interests or arise from them, that does not serve state interests or arise from them at all, but that is to stand on its own and serve to develop human capacities in the best possible way. This free spiritual life seeks to reveal the human being to the human being: human to human. So that the human being might be found in the free spiritual life by once again experiencing the spirit, thereby harmoniously developing their faculties, and from such a relatively independent spiritual life, sending into state life and economic life—in a fruitful way—precisely those human beings with the best-developed faculties. If economic life or political life dictates which abilities are to be developed, then those abilities cannot flourish on their own. If, however, they leave spiritual life completely free—so that it can draw from its own depths within the world what each individual brings into existence from spiritual-divine realms—then the other spheres of life will be enriched in the broadest sense. Political life should foster what people—by relating to one another as equals—can develop in terms of a sense of justice and a moral disposition. Economic life should, through appropriate associations, enable people to find their place in economic life according to their needs and abilities. The threefold social order does not seek a mechanistic separation of these three spheres, but rather aims, through the relative autonomy of these three members, to enable human beings to rediscover, through the three spheres of life, a full humanity that they have, in essence, lost and for which they are searching. In this sense, one can certainly speak of the necessity of a cultural renewal, which, however, becomes particularly evident when one looks even more deeply into the human inner being, into that part of the human inner being where, if a person wishes to be a fully human being—if they wish to fully experience their human dignity and their value in the world as a human being—they must connect with the divine-spiritual, where they must feel and experience their eternal essence; in other words, when we look at the religious life of human beings. Of course, I merely wish to say that this corresponds to the convictions of anthroposophical spiritual science; I do not wish to impose this specific solution on anyone, particularly in relation to today’s topic. But in this anthroposophical spiritual science, an effort is made, above all, to recognize once again how Christianity has positioned itself within human evolution on Earth. What can be explored in the spiritual world through an anthroposophical approach points to the Mystery of Golgotha. Historical development is traced in relation to this Mystery of Golgotha.

[ 37 ] Da zeigt sich für eine geistige Betrachtung der Geschichte des Menschen, daß ja allerdings die Menschheit in Urzeiten eine Art Uroffenbarung, eine Art Urweisheit — aber instinktiv — gehabt hat, daß diese Weisheit allmählich immer mehr und mehr hingeschwunden ist, blasser geworden ist, und daß dieses Blasserwerden sich hätte immer mehr und mehr steigern müssen. Und wir wären heute schon, wenn nichts anderes gekommen wäre, in einer Weise in einem blassen, unweisen Geistesleben drinnen, das nichts zu tun haben könnte mit der Wärme unseres Seelenlebens, wenn nicht das Erdenleben in einem gewissen Zeitpunkte befruchtet worden wäre von dem Außerirdischen. Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne kann da wiederum hinweisen auf den Menschen Jesus, der im Beginne unserer Zeitrechnung über den Boden Palästinas gewandelt ist. Wir sehen, wie immer mehr und mehr das heutige äußere Christentum diesen Menschen Jesus als einen bloßen Menschen betrachtet, während ältere Zeiten in diesem Menschen Jesus ein Wesen gesehen haben, das aus geistigen, außerirdischen Welten sich mit diesem Menschen Jesus verbunden hat und dadurch zum Christus Jesus wurde. Geisteswissenschaft sucht wiederum, indem sie durch geistige Betrachtung das Außerirdische erforschen will, nicht nur auf den Menschen Jesus hinzuweisen, sondern wiederum auf den Christus, der wie ein außerirdisches Prinzip aus Himmelshöhen sich gesenkt hat in das Erdenmenschenleben durch das Mysterium von Golgatha. Und die Menschheitsentwickelung der Erde ist eine andere geworden seit dem Mysterium von Golgatha, als sie vorher war. Eine Befruchtung durch die Himmelswelten ist eingetreten. Indem der heutige Mensch aus seiner heutigen Kultur immer mehr und mehr nur auf den Menschen Jesus hinschaut, verliert er im Grunde genommen das, was an richtiger religiöser Hinneigung ihn allein befriedigen kann, wenn er zu dem Christus Jesus schaut. Er verliert, indem er nur den Menschen Jesus betrachtet, im Grunde genommen auch das, was an diesem Menschen Jesus ihm besonders wert sein könnte. Denn der Mensch hat ja den Menschen verloren. Er weiß auch den Menschen nicht in rechter Weise religiös in dem Jesus von Nazareth zu suchen. Indem aber anthroposophische Geisteswissenschaft das geistig-religiöse Leben vertieft, damit auch den Quell religiöser Frömmigkeit wiederum eröffnet, das heißt, das Göttliche des Menschen im Menschen aufsuchen läßt, findet diese anthroposophische Geisteswissenschaft auch wieder in dem Menschen Jesus den überirdischen Christus und dringt im wahrhaftigen Sinne zu dem Christus Jesus vor. Es ist nicht eine Herabwürdigung des Mysteriums von Golgatha, wenn sie sagt: Das, was vorher außerirdisch war, es ist auf die Erde herabgestiegen. — Und was erlebt man mit einer solchen Bestrebung im Zeitalter der heutigen Kultur?

[ 37 ] A spiritual contemplation of human history reveals that humanity did indeed possess in primeval times a kind of primordial revelation, a kind of primordial wisdom—albeit instinctive—that this wisdom gradually faded more and more, grew paler, and that this fading would have had to intensify more and more. And if nothing else had come along, we would already be living today in a kind of pale, unwise spiritual life that could have nothing to do with the warmth of our soul life, had earthly life not been fertilized by the extraterrestrial at a certain point in time. Spiritual science in the anthroposophical sense can once again point to the man Jesus, who walked the land of Palestine at the beginning of our era. We see how, more and more, contemporary external Christianity regards this man Jesus as a mere human being, whereas in earlier times people saw in this man Jesus a being who, from spiritual, extraterrestrial worlds, had united with him and thereby became Christ Jesus. Spiritual science, in turn, by seeking to explore the extraterrestrial through spiritual contemplation, aims not only to point to the human being Jesus, but also to the Christ, who, like an extraterrestrial principle, descended from the heights of heaven into human life on Earth through the Mystery of Golgotha. And the development of humanity on Earth has become different since the Mystery of Golgotha than it was before. A fertilization by the heavenly worlds has taken place. As modern humanity, from within its present-day culture, focuses more and more solely on the human being Jesus, it essentially loses what alone can satisfy it in terms of true religious devotion when it looks to Christ Jesus. By focusing solely on the human being Jesus, they are, in essence, also losing what might be of particular value to them in this human being, Jesus. For humanity has, after all, lost the human being. Nor do they know how to seek the human being in a truly religious way in Jesus of Nazareth. But by deepening spiritual-religious life—and thereby reopening the source of religious devotion, that is, enabling one to seek the divine in the human being—anthroposophical spiritual science also rediscovers the superhuman Christ in the human being Jesus and, in the truest sense, advances toward Christ Jesus. It is not a belittling of the Mystery of Golgotha when it says: That which was previously otherworldly has descended to Earth. — And what does one experience with such an endeavor in the age of today’s culture?

[ 38 ] Nun, gerade diesem Hinneigen anthroposophischer Geisteswissenschaft zu einer außerirdischen Betrachtung hat man erwidert: diese Anthroposophie sei kein Christentum, könne kein Christentum sein, weil sie ja an die Stelle des rein Menschlichen in dem Christus Jesus ein überirdisches Wesen setzt, ein kosmisches Wesen. Man empfindet das sogar als eine Beleidigung, daß aus kosmischen Himmelsweiten der Christus in den Jesus hereingezogen sein soll. Warum ist das denn so? Das ist aus dem Grunde so, weil bis in die Religion, bis in das religiöse Empfinden der Mensch, indem er die Himmelsweiten schaut, nur den mathematisch-mechanischen Kosmos sieht, nur gewissermaßen die große Maschinerie sieht. Und so vermeint selbst der Religiöse, selbst derjenige, der das Religiöse heute lehren will, daß, wenn man den Christus vor dem Mysterium von Golgatha in Weltenweiten sucht, man die Religion mechanisieren würde. Geisteswissenschaft mechanisiert nicht die Religion, entchristet nicht das Christentum, sondern durchchristet gerade das äußere Leben, indem sie zeigt: Da im Kosmos ist nicht bloß Mechanismus, da ist nicht bloß das, was durch Mathematik und Naturwissenschaft erfahren werden kann, da ist Geistigkeit. — Während der heutige Theologe oftmals glaubt, aus dem kalten Weltenraume, von der Sonne herab ließe Anthroposophie den Christus zu dem Jesus kommen, ist die Wahrheit diese, daß Anthroposophie gerade das Geistige im Außerirdischen auch sehen will, und die Erde beglückt sein lassen will damit, daß auf sie von den Himmeln so gewirkt wurde, daß dieses Wesen, das der Erde einen Sinn gegeben hat durch das Mysterium von Golgatha, sich aus Himmelshöhen mit der irdischen Menschheitsentwickelung vereinigt hat.

[ 38 ] Well, it is precisely this tendency of anthroposophical spiritual science toward an extraterrestrial perspective that has been criticized: that anthroposophy is not Christianity, cannot be Christianity, because it replaces the purely human aspect of Christ Jesus with a supernatural being, a cosmic being. Some even perceive it as an insult that Christ is said to have been drawn into Jesus from the cosmic expanses of the heavens. Why is that so? It is so because, even in religion and in religious sentiment, when human beings gaze upon the heavenly expanses, they see only the mathematical-mechanical cosmos—in a sense, only the great machinery. And so even the religious person—even those who seek to teach religion today—assume that seeking Christ in the vastness of the cosmos prior to the Mystery of Golgotha would amount to mechanizing religion. Spiritual science does not mechanize religion, nor does it de-Christianize Christianity; rather, it permeates outer life with the spirit by showing: There is not merely mechanism in the cosmos; there is not merely what can be experienced through mathematics and the natural sciences; there is spirituality. — While today’s theologian often believes that anthroposophy allows Christ to come to Jesus from the cold expanse of space, descending from the sun, the truth is that anthroposophy seeks precisely to see the spiritual in the extraterrestrial as well, and seeks to bring joy to the Earth by revealing that a force acted upon it from the heavens, so that this Being—who gave the Earth meaning through the Mystery of Golgotha—united Himself from the heights of heaven with the earthly development of humanity.

[ 39 ] So versucht in der Tat Geisteswissenschaft als Anthroposophie das religiöse Leben wiederum zu befruchten, das religiöse Leben wirklich zu durchwärmen, den Menschen zum Urquell des Göttlichen zurückzuführen. Und sie versucht das dadurch, daß sie hinhorcht auf das, was in dem Ruf nach einer Erneuerung unserer Kultur liegt.

[ 39 ] Indeed, spiritual science—in the form of anthroposophy—seeks to revitalize religious life, to truly warm the heart of religious life, and to lead people back to the original source of the divine. And it does so by listening to what lies within the call for a renewal of our culture.

[ 40 ] Wir haben heute eine großartige Wissenschaft, wir stehen bewundernd vor dieser großartigen Wissenschaft der neueren Zeit, die so Gewaltiges in bezug auf unsere Gegenwartskultur geleistet hat. Aber wir sehen, wie neben dieser Wissenschaft der Ruf nach religiöser Erneuerung auftritt, nach neuerlicher religiöser Vertiefung. Wir sollen also auf der einen Seite eigentlich eine Wissenschaft haben, die mit Religion nichts zu tun haben will, und wir sollen neben der Wissenschaft eine religiöse Erneuerung haben. Das ist der Traum vieler. Es wird ein vergeblicher Traum sein. Denn niemals kann der Religionsinhalt aus etwas anderem hervordringen als aus dem, was irgendeine Zeit zu wissen glaubt. Und wenn wir in die Zeiten zurückschauen, wo Religionen voll gelebt haben, so war immer in der Religion doch dasjenige da, was dem betreffenden Zeitalter zugleich als Wissensinhalt gedient hat, nur eben auf besondere Art, als Verehrung, mit dem Hauch der Frömmigkeit, mit dem Hauch der Hingebung, und gewöhnlich — außerordentlich bedeutend ist dies — mit der Verehrung vor allen Dingen für den besonderen Religionsstifter. Daher wird auch unser Zeitalter, wird unsere Kultur nicht froh werden mit einem religiösen Inhalte, der nicht in Harmonie steht mit dem, was unsere Zeit wissen kann.

[ 40 ] Today we have a magnificent science; we stand in awe of this magnificent modern science, which has achieved so much in relation to our contemporary culture. But we see how, alongside this science, there arises a call for religious renewal, for a renewed deepening of religious life. So, on the one hand, we are supposed to have a science that wants nothing to do with religion, and alongside science, we are supposed to have a religious renewal. That is the dream of many. It will be a futile dream. For the content of religion can never emerge from anything other than what a given era believes it knows. And when we look back to the times when religions were fully lived, religion always contained precisely that which served as the body of knowledge for the age in question—only in a special way: as worship, with a touch of piety, with a touch of devotion, and usually—and this is extraordinarily significant—with reverence above all else for the particular founder of the religion. That is why our age, our culture, will not be satisfied with religious content that is not in harmony with what our time is capable of knowing.

[ 41 ] Daher sucht anthroposophische Geisteswissenschaft nicht Religion neben der Wissenschaft, sondern sie sucht die Wissenschaft selbst so weit zu erheben, daß diese Wissenschaft wieder religiös werden kann. Sie sucht nicht eine religionslose Wissenschaft und daneben eine unwissenschaftliche Religion, sie sucht eine Wissenschaft, die aus sich heraus, durch ihren eigenen Quell, das religiöse Leben treiben kann, weil sie eine Wissenschaft sucht, die nicht einseitig auf dem Intellekt ruht, sondern die beruht auf dem vollen Menschen, auf allem, was im Menschen lebt. Und eine solche Wissenschaft, sie wirkt nicht zerstörend auf das religiöse Leben, sie wirkt vor allen Dingen nicht zerstörend auf das christliche Leben, sondern sie wird so auf dasselbe leuchten, daß man in dem, was sich in die Erdenentwickelung hereinstellt als das Mysterium von Golgatha, die ewige, übersinnliche Bedeutung sehen kann, welche die Menschheit mit diesem Ereignis begnadet hat. Und es wird gefühlsmäßig, und moralisch im Willen, aus der Betrachtung des Mysteriums von Golgatha der religiöse Enthusiasmus und auch die innere religiöse Beglükkung hervorgehen, die nicht zerstört, sondern in der rechten Weise beleuchtet werden kann durch das, was geschaut, was gewußt werden kann über den Eintritt des Christus Jesus in die irdische Menschheitsentwickelung.

[ 41 ] Therefore, anthroposophical spiritual science does not seek religion alongside science, but rather seeks to elevate science itself to such an extent that this science can once again become religious. It does not seek a science devoid of religion alongside an unscientific religion; rather, it seeks a science that can, from within itself and through its own source, give rise to religious life—because it seeks a science that does not rest one-sidedly on the intellect, but is grounded in the whole human being, in everything that lives within the human being. And such a science does not have a destructive effect on religious life; above all, it does not have a destructive effect on Christian life, but rather it will shed such light upon it that one can see, in what has entered into the development of the Earth as the Mystery of Golgotha, the eternal, supersensible significance with which humanity has been blessed through this event. And from the contemplation of the Mystery of Golgotha, religious enthusiasm and inner religious bliss will arise—both emotionally and morally in the will—which cannot be destroyed but can be illuminated in the right way by what can be perceived and known about the entry of Christ Jesus into the earthly development of humanity.

[ 42 ] So sucht diese Geisteswissenschaft dem Suchen nach dem Menschen entgegenzukommen. Wie gesagt, das sollte nur gewissermaßen dazu dienen, um ein Kleines beizutragen zu der heute ersehnten, erhofften Kulturerneuerung. Das sollte nur zur Erläuterung dessen dienen, wie man sich vorstellen kann, daß eine Bedeutung, eine tiefe innerliche, menschliche Bedeutung haben diejenigen Sehnsuchten, die sich ausdrükken können in einer solchen Frage, wie der nach der Erneuerung unserer Kultur.

[ 42 ] Thus, this spiritual science seeks to meet the search for the human being. As I said, this was intended, in a sense, merely to make a small contribution to the cultural renewal that is so eagerly awaited and hoped for today. It was meant only to illustrate how one might conceive of the profound, inner, human significance of those longings that find expression in a question such as that concerning the renewal of our culture.

[ 43 ] Und auch das wollten diese Betrachtungen zeigen, wie im Grunde genommen dieser Ruf nach einer Kulturerneuerung zugleich der Ruf nach einer Erkenntnis, nach einem erneuerten Fühlen des wahrhaft Menschlichen ist, wie es richtig ist, daß die Frage nach dem Wesen dieses Suchens nach Kulturerneuerung eigentlich da ist, daß wir nach einer vollen Empfindung vom Menschen suchen, nach einem vollen Erleben des Menschen. Und man darf schon glauben, daß man vielleicht doch zu einer Interpretation des heutigen, vielfach unbestimmten Rufes nach Erneuerung der Kultur kommen wird, wenn man sich sagt, in einer wirklich bedeutsamen Weise steht heute die Erneuerung der Frage vor dem suchenden Menschen, die schon aus dem alten Griechenland zu uns herübertönt: Mensch, erkenne dich selbst.

[ 43 ] And these reflections were also intended to show how, at its core, this call for cultural renewal is at the same time a call for insight, for a renewed sense of what is truly human; just as it is true that the question regarding the nature of this quest for cultural renewal actually stems from our search for a full sense of what it means to be human, for a full experience of humanity. And one may well believe that we will perhaps arrive at an interpretation of today’s often vague call for cultural renewal if we tell ourselves that, in a truly significant way, the renewal of the question that has echoed down to us from ancient Greece now stands before the seeking human being: “Man, know thyself.”

[ 44 ] Gewiß, die Jahrhunderte und Jahrtausende haben ihr edelstes Streben an diese Frage gesetzt. Heute ist es aber in erhöhtem Maße die größte Schicksalsfrage. Und wie auch der einzelne — das glaube ich ein wenig angedeutet zu haben — antworten mag auf die Frage: Wie soll die Kultur erneuert werden? — irgendwie wird die Antwort in der Richtung liegen müssen: Wie finden wir aus einem vollmenschlichen Bestreben heraus wiederum den Menschen selbst, damit der Mensch an dem Menschen, der sich wiederum ganz der Welt und seinen Mitmenschen hingeben kann, seine sittliche, seine soziale, seine Erkenntnisbefriedigung und auch seine religiöse Befriedigung wieder haben könne? — Das scheint mir die Frage nach der Erneuerung unserer Kultur zu sein.

[ 44 ] Certainly, the centuries and millennia have focused their noblest aspirations on this question. Today, however, it is more than ever the most crucial question of destiny. And however the individual—as I believe I have hinted at—might answer the question: How should culture be renewed? — in one way or another, the answer will have to be along these lines: How can we, through a fully human endeavor, rediscover humanity itself, so that human beings may once again find in one another—in those who can devote themselves entirely to the world and their fellow human beings—their moral, social, intellectual, and religious fulfillment? — That, it seems to me, is the question of the renewal of our culture.