Die Wirklichkeit der höheren Welten
GA 79
29 November 1921, Oslo
7. Jesus oder Christus
[ 1 ] Ich fühle mich hier in Norwegen selbstverständlich als Gast und habe vor allen Dingen allerherzlichst dem Sprecher zu danken, der eben so innige Worte an mich gerichtet hat, und Ihnen allen, die Sie Interesse haben wollen für einige Ausführungen, die ich über das angedeutete Problem in dem kurzen Zeitraum werde geben können. Ich möchte vorausschicken, daß ich mich aber innerhalb der theologischen Bewegung eigentlich doppelt als Gast fühle, denn ich habe immer betonen müssen innerhalb der anthroposophischen Bewegung, daß Anthroposophie durchaus nicht irgendeine neue Religionsgründung oder gar eine Sektenbildung sein will, sondern daß sie eigentlich herauswachsen will in der Gegenwart aus der wissenschaftlichen Bewegung im allgemeinen. Sie will für die übersinnlichen Tatsachen des menschlichen oder des Weltlebens die entsprechenden Forschungsmethoden finden. Und nur insofern, als das theologische Gebiet dem allgemeinen Forschungsgebiet angehört, ist sie auch gewissermaßen veranlaßt, wenn sie gefragt wird, dasjenige zur theologischen Forschung beizubringen, was sie glaubt mit den Methoden der übersinnlichen Forschung nach dieser Richtung bringen zu können. Daher habe ich auch, als in Deutschland jetzt eine größere Anzahl jüngerer Theologen an mich herangetreten sind, gesagt: Ich will nur mit dem, was ich anthroposophisch zu bieten vermag, dienen. Was aber etwa in einer theologisch-religiösen Bewegung heute notwendig ist, das muß eben von denjenigen Persönlichkeiten ausgeführt werden, welche im theologischen oder religiösen Leben drinnen stehen. Von seiten dieses Lebens wird nun gegen die Anthroposophie besonders eingewendet, daß sie ja mit ihren Forschungsmethoden erkenntnismäßig in die übersinnlichen Welten hinaufsteigen will, daß sie ausbilden will gewisse im Menschen sonst latent liegende Erkenntniskräfte, um in die übersinnlichen Welten forschend einzudringen. Man sagt gerade von theologischer Seite, das sei eigentlich gegen religiöse Stimmung, gegen religiöse Frömmigkeit, das müsse vor allen Dingen von der christlichen Theologie zurückgewiesen werden. Und man hat in der letzten Zeit das, was man meint, besonders so ausgedrückt, daß man sagte: Die Religion müsse arbeiten mit dem Irrationellen, mit dem Geheimnis, das nicht entschleiert werden darf durch Rationalismus. Sie müsse arbeiten mit dem, was nicht begriffen werden will, sondern was eben als unbegreifliches Geheimnis in tiefer, vertrauensvoller Ehrfurcht verehrt werden soll. Man hat sogar das Wort gebraucht: Das Christentum braucht das Paradoxon, um das wahrhaft christlich-religiöse Leben innig genug und aus dem unmittelbaren menschlichen Vertrauen heraus wirklich führen und bilden zu können.
[ 2 ] Wenn Anthroposophie darauf ausginge, insbesondere in der Christus-Jesus-Frage das Irrationelle zu rationalisieren, in nüchterne Verstandesgemäßheit herunterzuziehen, was in dem Mysterium von Golgatha enthalten ist, dann hätten wohl die Einwände, die in dieser Richtung gemacht werden, recht. Und diese Einwände werden noch von einem anderen ergänzt. Anthroposophie sieht, da sie nicht Gnosis, nicht Mystik, nicht unhistorischer Orientalismus ist, durchaus auf das geschichtliche Werden in der Menschheitsentwickelung hin. Gnosis ist unhistorisch, Mystik ist unhistorisch, alle orientalischen Weltanschauungen sind in einem gewissen Sinne unhistorisch. Anthroposophie ist durch und durch eine abendländische Weltanschauung in bezug auf diesen
[ 3 ] methodischen Standpunkt, und sie nimmt das geschichtliche Werden als ein Reales, wie man es gewöhnt ist im wissenschaftlichen Leben des Abendlandes. Und sie sieht sich daher auch durchaus genötigt, die Persönlichkeit Jesu in das geschichtliche Leben der Menschheit hineinzustellen. Sie weiß, was an dem geschichtlichen Jesus für die Menschheit enthalten ist, und sie ist nur genötigt, aus Gründen, die ich eben heute erörtern möchte, von dem im irdischen Leben zu beobachtenden Menschen Jesus zu der überirdischen, außerirdischen, zu der kosmischen Christus-Wesenheit aufzusteigen, die sich in dem Menschen Jesus verkörpert hat, und wirklich von dem Christus Jesus in einem gewissen Sinne als von einem Doppelwesen zu sprechen.
[ 4 ] Da wird gesagt, daß eigentlich das, was Anthroposophie über den kosmischen, sogar tellurischen Christus vorzubringen hat, für das religiöse Empfinden der heutigen Menschheit belanglos sei, denn die heutige Menschheit wolle, wenn von geschichtlicher Entwickelung die Rede ist, ihre Anschauung auf das Irdische beschränken, und man brauche einfach den kosmischen Christus neben dem historischen Jesus nicht mehr.
[ 5 ] Nun, das erste, was mir obliegen wird zu zeigen, wird sein, wie Anthroposophie überhaupt ihrerseits vorgehen muß gegenüber den Weltentatsachen, und wie sie nun aus diesen ihren Forschungsmethoden heraus zu einer ganz besonderen Stellung zu dem Mysterium von Golgatha kommt.
[ 6 ] Anthroposophie sucht ja zunächst in ganz bestimmter, illusionsfreier und klar umrissener Weise zu erfassen, was sich, insbesondere seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, in der abendländischen Menschheit als das «gegenständliche Erkennen», wie ich es nennen möchte, herausgebildet hat. Durch dieses gegenständliche Erkennen ist die Natur in einer großartigen Weise bisher schon — und das Ideal der Naturwissenschaft geht ja in berechtigter Art viel weiter — erklärt, systematisiert, nach ihren Gesetzmäßigkeiten durchschaut worden, und es ist eine Begleiterscheinung, eine subjektive Parallelerscheinung einer gediegenen Naturwissenschaft, daß der Mensch gegenüber der Erkenntnis rationalistisch, ich könnte auch sagen, abstrakt wird. Die Gedankenwelt gewinnt immer mehr und mehr einen bloßen Bildcharakter. Gehen wir noch hinter das 15. Jahrhundert zurück, so finden wir überall, daß die Gedankenwelt nicht jenen Bildcharakter, jenen abstrakten Charakter hat, der bloß die Realität bezeichnen, sie nicht selber enthalten will, den sie dann seit der Mitte des 15. Jahrhunderts insbesondere seit der Zeit des Galilei, des Giordano Bruno und so weiter angenommen hat. Heute bedeuten uns Ideen höchstens das Bild einer Realität. Gehen wir vor das 15. Jahrhundert zurück, so hat der Mensch noch das Gefühl, daß sich eine wirkliche geistige Realität in ihn selbst hineinversetzt, wenn er sich der Ideenwelt hingibt. Der Mensch hat nicht nur die abstrakte Ideenwelt, er hat die geisterfüllte, die geistig-real durchdrungene Ideenwelt.
[ 7 ] In bezug nun auf den Rationalismus, in bezug auf die Naturkunde haben die neueren Jahrhunderte ja Grandioses geleistet. Und wir sehen immer mehr und mehr, wie auch die anderen, die historischen Wissenschaften, von der Gesinnung, von der Denkweise, die sich da geltend macht, ergriffen werden. Und wer die Wandlung der Forschungsmethoden in den letzten Jahrhunderten auch in der Theologie verfolgt, der kann sehen, daß die Forschungsgesinnungen durchaus hingetrieben worden sind nach der naturwissenschaftlichen Richtung, denn die Historie hat eben in der neueren Zeit durchaus das Gepräge naturwissenschaftlicher Denkweise angenommen. Und so ist denn die Christologie allmählich zu einer historischen «Leben-Jesu-Forschung» geworden. Das ist aus dem ganzen Gang der Geistesentwikkelung der neueren Zeit heraus durchaus begreiflich. Man muß verstehen, daß das so werden mußte. Man muß aber auch verstehen, daß diese Richtung, wenn sie weiter verfolgt wird, zugleich geeignet ist, dem Christentum den Christus zu nehmen und sich immer mehr und mehr dem zu nähern, was auch der gegenüber der Religion neutrale Historiker geben kann, wie etwa Ranke, der ja die Persönlichkeit Jesu eingereiht hat in das historische Werden als das edelste Wesen geradezu, das jemals über die Erde geschritten ist. Immer mehr und mehr hat sich die Theologie der historischen Forschung genähert, und wir finden heute schon eine große Anzahl Theologen, die kaum viel anders in ihrer Forschergesinnung und Forschungsmethode sind als ein Historiker vom Range Rankes selber.
[ 8 ] Demgegenüber macht nun Anthroposophie geltend, daß gewisse Erkenntniskräfte, die im Menschen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft latent bleiben, derer man sich nicht bewußt ist, die in jedem Menschen aber vorhanden sind, heraufgeholt werden können aus dem Bewußtsein, daß diese Erkenntnisse dann aus der bloßen Sinneswelt hinausführen und dazu führen, daß der Mensch mit seinem Erkennen eine übersinnliche Welt geradeso ergreifen kann, wie der sinnesbegabte Mensch die Sinneswelt ergreifen kann. Da kommt man durch eine Behandlung, die nun nicht mehr eine gegenständliche ist, die auch nichts mehr von dem gewöhnlichen Rationalismus hat, die sich vielmehr einem wirklichen Erleben nähert, an die übersinnliche Welt selber heran.
[ 9 ] Nun ist ja der Irrtum sehr häufig, daß man glaubt, die charakteristischen Eigenschaften der Erkenntnis, wie sie in der Naturwissenschaft und im Rationalismus vorhanden sind, die wolle nun Anthroposophie auch auf das übersinnliche Gebiet übertragen, sie sei also selbst ein Rationales, sie tilge also das Irrationelle, das Paradoxe, das Geheimnis aus und fordere ein logisches Zustimmen zu dem, was sie als das Mysterium von Golgatha ansehen will, und nicht eine freiwillige Vertrauenszustimmung, auf Ehrfurcht gegründet, wie sie in der Religion verbleiben müsse. Nun aber ändert sich vollständig das ganze Weltenbild und auch der Mensch selbst, wenn man aus der naturwissenschaftlichen, historischen Erkenntnisschichte heraufsteigt über diese übersinnliche Erkenntnisschichte, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf. Wenn wir das wichtigste Charakteristikon — ich kann alle diese Dinge ja nur andeuten — für die gewöhnliche gegenständliche, heute anerkannte wissenschaftliche Methode hinstellen wollen, so ist es dies, daß sie für denjenigen, der nun wirklich ehrlich die letzten Konsequenzen dieser Naturwissenschaft und dieses Rationalismus zieht, die Welt in zwei Gebiete spaltet. Man wird nicht immer aufmerksam auf diese zwei Gebiete, weil man eine gewisse innerliche unbewußte Furcht davor hat, die letzten Konsequenzen zu ziehen. Wer aber gleich mir Menschen kennengelernt hat, die tief gelitten haben an dieser, ich möchte sagen, Zweigliederung der Menschennatur, die auch mit ihrem Gemüte, mit ihrem religiösen Empfinden, bis zu den letzten Konsequenzen des modernen Denkens gegangen sind, und wer gesehen hat, welcher Seelenschmerz, welche seelische Richtungslosigkeit sich gerade in bezug auf das tiefste religiöse Empfinden an diesen Dualismus der modernen rationalistischen Naturwissenschaft in ihrer Stellung zum Menschen knüpfen kann, der wird doch geneigt sein, etwas nachzudenken darüber, wie aus diesem Dualismus gerade auch auf religiösem Boden Erkenntnismäßiges herausgekommen ist. Denn die Naturwissenschaft übt eben eine zu große Gewalt aus auf das menschliche Gemüt. Man fühlt sich ihren Anschauungen gegenüber zu stark verantwortlich, als daß man nicht die anderen wissenschaftlichen Methoden, wenn sie sicher sein sollen, gerade der naturwissenschaftlich-historisch-realistischen Methode nachbilden möchte.
[ 10 ] Aber wozu führt dann diese Methode in ihrer letzten Konsequenz? Sie führt dazu, daß eine tiefe Kluft, eine wirklich für das äußere gegenständliche Erkennen unüberbrückbare Kluft entsteht zwischen dem, was wir als naturwissenschaftliche Notwendigkeit anerkennen müssen, und dem, was wir ergreifen im moralisch-ethischen Leben, dem, was uns unsere eigentliche Menschenwürde erst verbürgt. Und das moralisch-ethische Leben, wenn es richtig erlebt wird, erscheint uns als ein unmittelbarer Ausfluß der Göttlichkeit, führt uns also unmittelbar zur religiösen Frömmigkeit, zur Religiosität selber. Aber die tiefe Kluft zwischen diesem ethisch-religiösen Leben und demjenigen, was uns die Naturerkenntnis für den physischen Menschen eröffnet, kann zwar durch einen Nebel für das menschliche Anschauen verhüllt werden, weil man eine gewisse innerliche unbewußte Furcht hat, aber für denjenigen, der ganz ehrlich mit der Menschennatur zu Werke geht, kann sie mit Naturwissenschaft selbst doch nicht überbrückt werden. Denn es steht auf der einen Seite für den Erdenanfang die berechtigte naturwissenschaftliche Hypothese, die Kant-Laplacesche Theorie; heute ist sie modifiziert. Ich werde natürlich nicht im einzelnen über sie sprechen. Aber wenn sie auch heute modifiziert ist, sie steht da als etwas, was im Weltenausgang gleichgültig ist gegenüber der Menschheitsentwickelung, in der die ethisch-göttlichen Ideale entspringen, denen man sich hingibt als einer Gewißheit, die eben bloß in Bildern lebt. Und sieht man wiederum vom naturwissenschaftlichen Standpunkte auf das Erdenende, dann bietet sich uns eine berechtigte naturwissenschaftliche Hypothese dar, die Entropielehre, welche vom Wärmetod am Erdenende spricht. Wir haben also aus naturwissenschaftlicher Notwendigkeit heraus den Menschen eingegliedert zwischen dem Kant-Laplaceschen Weltnebel und dem Wärmetod. Da lebt er mitten drinnen, gibt sich hin seinen ethisch-religiösen Idealen, findet sie aber zuletzt doch als Illusion demaskiert, denn am Ende der Erdenentwickelung steht dennoch der Wärmetod, der große Leichnam, der nicht nur dasjenige begräbt, was physisch-ätherisch vorhanden ist in der Erdenentwickelung, sondern auch alles das, was in den ethischen Idealen enthalten ist.
[ 11 ] Wahrhaftig nicht aus einem religiösen Rationalismus heraus, sondern eben aus der Erkenntnis, die sich mir auf elementar-erkenntnismäßige Weise ergibt, muß ich zu dem Nebel, mit dem man sich hinwegtäuscht über das, was da an den Menschen herantritt und zu den allerschmerzlichsten Seelenerlebnissen werden kann, denen der Mensch nur ausgesetzt sein kann, auch rechnen, daß man die Ausflucht, die in allen alten Religionen und auch in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung noch nicht vorhanden war, gesucht hat: zu unterscheiden zwischen Wissen und Glauben. Denn das Wissen wird allmählich durch die Macht, die es auf das Menschengemüt ausüben muß, dennoch zu einem Moloch, welcher den Glauben nach und nach verschlingen muß, wenn dieser Glaube sich nicht halten kann an ein höheres, wirklich übersinnliches Wissen, das nun seinerseits heranzudringen vermag auch an so etwas wie das Mysterium von Golgatha.
[ 12 ] Und da muß dann Anthroposophie darauf aufmerksam machen, wie das, was die starre, naturwissenschaftliche Notwendigkeit gibt, für ihre übersinnliche Erkenntnis zum bloßen Phänomen wird, wie die Welt, die wir mit den Augen schauen, mit den Ohren hören, eben aufgeht in Phänomenalismus. Ich kann heute über diese Dinge nur mehr oder weniger referieren, aber Anthroposophie sucht den Beweis zu liefern, daß wir in dem, was wir sehen, es gar nicht mit einer materiellen Welt zu tun haben, sondern daß wir es da zu tun haben mit einer Welt der Phänomene. Und in übersinnlicher Erkenntnis verliert die sinnliche Welt gewissermaßen von ihrer starren Dichtigkeit, es verliert aber auf der anderen Seite die ethisch-religiöse Welt auch von ihrer Abstraktheit, von ihrem der sinnlichen Notwendigkeit Entrücktsein. Es nähern sich die beiden Welten. Die ethisch-religiöse Welt wird realer, die sinnlich physische Welt wird phänomenaler. Und nicht durch eine Spekulation, nicht durch eine abstrakte philosophische Methode, sondern durch ein wirkliches Erleben wird eine Welt aufgebaut, die über unsere gewöhnliche Sinneswelt hinausliegt. Und diese Welt, die gesucht wird, die hat nicht mehr jenen Gegensatz zwischen Idealem und Realem. Beide haben sich genähert. Die Naturgesetze, möchte ich sagen, werden moralisch in dieser Welt, die moralischen Gesetze verdichten sich zu einem natürlichen Geschehen. Und um nur eines zu erwähnen: An das Erdenende setzt zwar auch diese Anthroposophie so etwas wie den Wärmetod, aber ihr wird dasjenige, was der Mensch als sittliche, religiöse Ideale in sich trägt, zu etwas wie ein realer Keim, der, wie bei der Pflanze, das Leben dieses Jahres in das nächste Jahr hinüberträgt. Anthroposophie stößt hier gegenüber der neueren Wissenschaft gar sehr an das Paradoxe. Ich wage es aber dennoch auszusprechen, weil ich glaube, daß es in dem Kreise von Theologen weniger Anstoß erregen wird als im Kreise von starren Naturforschern, daß anthroposophische Geisteserkenntnis erkennt, wie das sogenannte Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes in dieser Welt, die da als übersinnliche beschrieben wird, nicht mehr gilt, wie dieses Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft nur relative Gültigkeit in der Welt hat, die als Naturwelt erscheint und die vom Rationalismus erfaßt wird.
[ 13 ] Anthroposophie lehrt uns gerade im menschlichen Organismus erkennen, daß nicht nur Materie vorhanden ist und sich umwandelt, lehrt uns nicht nur Metamorphosen der Materie erkennen. Außerhalb des menschlichen Organismus, in der übrigen Natur, da gilt das Gesetz der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, im Menschen selber aber lehrt uns Anthroposophie ein vollständiges Verschwinden der Materie und ein Wiederauferstehen von neuer Materie aus dem bloßen Raume. Und anthroposophische Geisteswissenschaft darf, wenn ich einen trivialen Vergleich gebrauchen darf, darauf hinweisen, daß es mit der gewöhnlichen Vorstellung von Stoff und Kraft im menschlichen Organismus so ist, wie wenn jemand etwa sagen würde, er habe abgezählt, wieviele Banknoten man in eine Bank trage und wieviele man wieder heraustrage, und wenn man genug große Zeiträume ins Auge fasse, so seien es gleich viele. So verfährt man auch bei dem Studium des Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft: Man sieht, daß ebensoviel Energien in den Stoff hineingehen wie herausgehen. Aber wie man nicht annehmen darf, daß in der Bank die Banknoten als solche umgewandelt werden, sondern vielmehr dort selbständige Arbeit geleistet werden muß — die Banknoten können sogar umgeprägt werden und es können ganz neue herauskommen —, so ist es auch im menschlichen Organismus: Es findet Stoff- und Kraftvernichtung, Stoff- und Kraftschöpfung statt.
[ 14 ] Das ist etwas, was nicht in leichtsinniger Weise phantasiert wird, sondern was durchaus innerhalb strenger anthroposophischer Forschung erkannt wird. Nun gilt zwar dasjenige, was für die Außenwelt das Gesetz der Erhaltung des Stoffes und der Kraft ist, allerdings für die mittlere Entwickelungsetappe; wenn wir aber an das Erdenende gehen und mit einer gewissen Berechtigung den Wärmetod annehmen dürfen, dann sehen wir nicht einen großen Friedhof, sondern wir sehen, daß alles das, was der Mensch ausgebildet hat an sittlich-ethischen Idealen, an göttlich-geistigen Überzeugungen, sich in ihm wirklich vereinigen kann mit dem neu entstehenden Stofflichen, und daß folglich man es zu tun hat mit einem realen Keim der Fortbildung. Es wird durch das, was gerade im Menschen entsteht, der Tod des äußeren Stoffes überwunden.
[ 15 ] Wir finden in anthroposophischer Geisteswissenschaft etwas, was durchaus zeigt, wie ethisch-sittliche Kräfte auch unmittelbar wirksam sind innerhalb des Stofflichen. Beim Menschen bleibt das zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein unterbewußt. Aber, um es noch einmal zu sagen, für dasjenige Bewußtsein, das in anthroposophischer Forschung erlangt wird, kommt man durchaus dazu, zu erkennen, daß Ethisch-Sittlich-Religiöses verdichtet wird zur Realität, und das, was im äußeren Materiellen lebt, sich in die bloße Phänomenalität auflöst. Dadurch werden die beiden Welten einander genähert. Sie werden einander aber auch dann genähert, wenn man auf die Art und Weise sieht, wie der Mensch sich nun in dieser höheren Erkenntnis verhält. Wir sind gewohnt, logisch zu sprechen und zu urteilen, wenn wir den gewöhnlichen Rationalismus auf die äußere natürliche Welt anwenden und auf diese Art von logischen Kategorien ausgehen, die für die äußere sinnliche Welt ganz berechtigt sind. Auch von dieser Art geht, einfach aus objektiver Nötigung heraus, anthroposophische Geisteswissenschaft ab. Sie muß abgehen, weil sie anderes erlebt, anderes beobachtet mit ihren Erkenntnismethoden. Und es treten namentlich zwei Begriffe auf — es treten freilich noch viele andere Begriffe auf, aber diese zwei sollen uns heute besonders wichtig sein —, welche man sonst nur indirekt kennt, als Objekte, die man aber nicht anwendet, wie man logische Begriffe anwendet. Es wird eben in der Erkenntnis auch dasjenige Ausdruck, Offenbarung, es wird der Realität genähert, was sonst formal, ideal ist.
[ 16 ] Die zwei Begriffe, die da auftreten, sind die des Gesunden und Kranken. Sie werden mir alle zugeben, daß es eigentlich unmöglich ist, für die logischen Kategorien in der gewöhnlichen Sinneswelt von «gesund» und «krank» zu sprechen, von dem, was nicht nur wahr ist, sondern was anerkannt wird, weil es gesund ist. Wir erkennen in der organischen Natur das Gesunde als Wachstums- und Entwickelungsprinzip an, wir erkennen das Kranke als Deformation, als Hemmung der normalen Entwickelung an. Wir sprechen aber, wenn wir logische Kategorien anwenden, nicht von gesund und krank. Wenn wir von der gewöhnlichen gegenständlichen Erkenntnis in diejenige heraufsteigen, welche anthroposophische Geisteswissenschaft anwendet, dann müssen wir beginnen, von gesund und krank zu sprechen. Denn die Beobachtung nötigt uns dazu, solche, jetzt nicht mehr Ideen und Begriffe, sondern Erlebnisse — denn gesund und krank sind Erlebnisse — in der übersinnlichen Welt zu finden, in die wir eintreten. Wir müssen, was wir in der sinnlichen Welt mit dem bloßen Abstraktum «wahr» bezeichnen, in der übersinnlichen Welt als das Gesunde haben. Und was wir in der sinnlichen Welt als «unwahr», «unrichtig» bezeichnen, müssen wir erlebend in der übersinnlichen Welt als das Krankhafte haben.
[ 17 ] Und da bietet sich nun für die Anthroposophie, nicht dadurch, daß man es etwa gewaltmäßig herbeiziehen möchte, sondern durch den ganz ehrlichen, redlichen Fortgang der Forschung selbst, die Möglichkeit, unmittelbare gegenwärtige Forschung anzugliedern an das Neue und an das Alte Testament. Da wird die Kluft zwischen der Forschung und dem Alten und Neuen Testament wirklich auch überbrückt. Da wird ein neuer Weg zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha geschaffen. Denn da bietet sich etwas, was nun gar sehr paradox ist. Wie gesagt, ich kann ja heute nur mehr oder weniger referieren, aber was ich Ihnen in kurzen Linien darlege, ist ja nur das Ergebnis jahrelanger Forschung, einer Forschung, die nicht von religiösen Vorurteilen — gestatten Sie mir das zu bemerken — ausgegangen ist. Ich selber bin durchaus von naturwissenschaftlicher Bildung ausgegangen, bin so freigeistig als möglich in meiner Jugend aufgewachsen, habe gerade aus meiner Jugend keine religiösen Empfindungen mitgebracht. Durch die Forschung, durch das, was letzte Konsequenz der naturwissenschaftlichen Forschung ist, bin ich zu dem gedrängt worden, was ich von anthroposophischer Seite her auch für das Entstehen der religiösen Probleme glaube sagen zu dürfen. Also Vorurteile liegen hier wirklich auch subjektiv durchaus nicht vor. Aber man lernt durch anthroposophische Forschung — gerade wenn man ganz im Stil und Sinn der Naturwissenschaft forscht, wirklich die Natur genauer kennen. Wenn man das auch natürlich nicht immer zugibt und Naturwissenschaft gewissermaßen verunreinigen will durch allerlei Mystik, was ungerechtfertigt ist: man lernt wirklich die Natur genauer erkennen, nicht nur in bezug auf ihre Erscheinungen und Gesetze, sondern dadurch, daß man sich über ihre Qualität, über das, was sie eigentlich ist, bestimmte Vorstellungen machen kann. Und da sagt man sich dann: Dasjenige, was da draußen in der Natur vor sich geht, das setzt sich auch in den Menschen hinein fort. Dasjenige, was außerhalb der Haut geschehen ist, ist auch innerhalb der Haut des Menschen vorhanden. Naturprozesse finden wir äußerlich. Naturprozesse finden wir innerlich. Aber — und jetzt kommt das Paradoxe, das sich der anthroposophischen Forschung zeigt —: alle aufsteigenden, nach der Fruchtbarkeit hingehenden Naturprozesse haben im Menschen nur eine beschränkte Gültigkeit, sie werden im Menschen zu Abbau-, zu Zerstörungsprozessen. Und der große, gewaltige Satz ergibt sich aus wirklich vielfältiger Naturbeobachtung und aus vielfältiger anthroposophischer Betrachtung des Menschen: Der Natur ist es gestattet, Natur zu sein außerhalb der menschlichen Haut; innerhalb der menschlichen Haut wird dasjenige, was Natur ist, zu dem, was sich der Natur entgegenstellt.
[ 18 ] Hat man sich jetzt zu übersinnlichen Forschungsmethoden erhoben, so sieht man, wie im Menschen zerstörend jene Kräfte werden, die in der äußeren Natur aufbauende Kräfte sind, wie diese zerstörenden Kräfte in der Menschennatur die Träger des Bösen werden. Das ist der Unterschied, den die Anthroposophie gegenüber dem bloßen Idealismus aufzuweisen hat, daß sie zu sagen hat: Der Natur ist es gestattet, Natur zu bleiben; dem Menscheninneren ist es auch körperlich nicht gestattet, Natur zu bleiben. Denn auch naturhaft wird das, was im Menschen als fortgesetzte Natur wirkt, es wird zum Krankhaften und damit zum Bösen. Natur außer uns ist neutral gegenüber Gut und Böse, in uns ist sie auch körperlich zerstörend, krankhaftmachend, böse. Und wir halten uns, das zeigt wieder die anthroposophische Anschauung, gegen dasjenige, was als das Böse in uns waltet, nur dadurch aufrecht, daß wir mit der äußeren Natur in dem Leben zwischen Geburt und Tod so in Beziehung stehen, daß wir es nur bis zum Spiegelbild der äußeren Natur kommen lassen, daß wir in unserem Bewußtsein nicht erfassen, was in den Tiefen unseres Menschenwesens organisch als der Urgrund des Bösen waltet. Wir erfüllen unser Bewußtsein, indem wir die Sinneswahrnehmungen von außen empfangen. Wir empfangen die äußeren Sinneseindrücke, aber wir leiten sie nur bis zu einem gewissen Punkte. Da dürfen sie nicht hinunter. Da würden diese äußeren Natureindrücke — für die übersinnliche Erkenntnis zeigt sich dies — wie vergiftend wirken. Wir strahlen sie zurück. Dadurch wird zwischen dem, was im Menschen Bewußtseinsorgane sind, die die äußere Natur aufnehmen und dem, wo sich nun die eigentliche Natur fortsetzt, wo sie ihre aufbauenden Kräfte im Menschen noch entwickelt, eine Grenze geschaffen. Die bewußten Vorgänge dringen nicht unter diese Grenze hinunter, sondern werden statt dessen zurückgespiegelt und bilden unser Gedächtnis, unsere Erinnerung. Und das, was in unserer Erinnerung lebt, ist zurückgespiegelte äußere Natur, die nicht tiefer in uns eindringt. Wie der Lichtstrahl an dem Spiegel zurückgestrahlt wird, so wird das Bild der Natur, nicht die Natur selbst, zurückgeworfen. Denn würde der Mensch ins Bewußtsein hereinbekommen, was hinter seinem inneren Spiegel liegt, was da unten liegt, wo die Natur in ihm böse wird, so würde er durch das Walten der Natur in ihm eben ein böses Wesen werden.
[ 19 ] Aber zu einem vollen Ich-Bewußtsein, zu einem in sich geschlossenen Selbstbewußtsein können wir nicht kommen, das zeigt sich uns ganz klar, wenn wir uns beschränken auf die spiegelnden Vorstellungen, auf die Erinnerungen, auf den bloßen Widerglanz der äußeren Natur. Was wir als Selbstbewußtsein zusammenfassen, was als Ich in uns auflebt, das kann nur aus unserer Körperlichkeit herauskommen, das urständet in der Natur des Menschen. Daher wird der Rationalismus in sich ebenso neutral gegenüber dem Guten und Bösen wie die Naturgesetze. Aber würde sich dasjenige, was das menschliche Selbstbewußtsein konstituiert, über den anderen Teil des menschlichen Seelenlebens verbreiten, so würden wir in der jetzigen Periode des Menschenlebens unbedingt mit dem Erwachen des Ich eine unwiderstehliche Neigung zum Bösen, zu dem, was als abbauende Naturkräfte in uns vorhanden ist, haben müssen. Und nun entsteht eine bedeutsame Erkenntnis, die ins religiöse Gebiet hinüberführt. Derjenige Mensch — das zeigt gerade der Anblick der gewöhnlichen physischen Welt vom übersinnlichen Gesichtspunkte aus —, der sich klar überläßt all dem, was Naturwirken ist, dem, was an Kräften die Naturerscheinungen durchzieht, der kommt dazu, sich zu sagen: Atheismus ist nicht bloß eine logische Unrichtigkeit, Atheismus ist wirklich eine Krankheit. Nicht eine Krankheit, die man gewöhnlich konstatieren kann, aber anthroposophische Geisteswissenschaft kann davon sprechen, weil sie eben für die bloßen Begriffe «richtig oder unrichtig», die Begriffe «gesund und krank» bekommt auf ihrem übersinnlichen Standpunkte, daß in Säftezusammensetzungen des Menschen, die der äußeren Physiologie und Biologie nicht mehr zugänglich sind, etwas Krankhaftes vorhanden ist, wenn der Mensch aus seinem Gemüte heraus sagt: Es ist kein Gott. — Denn die gesunde menschliche Natur — obwohl sie böse werden kann, aber das Böse bleibt eben im Unterbewußtsein —, die sagt: Es ist ein Gott.
[ 20 ] Aber in diesem Bewußtsein: Es ist ein Gott — das der unmittelbare Ausdruck der wirklichen menschlichen Gesundheit ist, liegt nur dasjenige Gottesbekenntnis, das ich nennen möchte das Vaterbekenntnis. Nichts anderes können wir aus der Vertiefung in die Natur, aus dem Erleben der Natur in uns selbst erlangen als das Vaterbewußtsein.
[ 21 ] Daher kann für denjenigen, der in der modernen Naturwissenschaft stehenbleibt, nichts andres geschehen, als daß er zum Vaterbewußtsein kommt, und den Sohn, das Christus-Bewußtsein eigentlich aus der Reihe der göttlichen Wesenheiten mehr oder weniger verliert, wenn er es auch nicht zugibt. Und der Grundcharakter des Harnackschen «Wesen des Christentums» ist ja der, daß da gesagt wird, es gehöre in die Evangelien nicht der Sohn hinein, sondern einzig der Vater, und der Sohn sei nur derjenige, der die Lehre vom Vater durch die Evangelien in die Welt gesandt hat.
[ 22 ] Diese Auffassung führt allmählich dennoch von dem wirklichen, realen Christentum ab. Denn man muß, wenn man das Christentum beibehalten will, zu dem gesonderten Vater-Erlebnis, das man auf diese Weise erlangt, wenn man wirklich die gesunde Menschennatur hat, hinzufügen können das Sohn-Erlebnis. Dieses Sohn-Erlebnis aber ist kein anderes als das, was nun nicht aus dem Erleben der Natur, sondern aus dem Erleben von etwas im Menschen entsteht, das über der Natur in ihm vorhanden ist, ein Erlebnis, das dem angehört, was mit der Natur nichts zu tun hat, demgegenüber die Natur bis zur bloßen Phänomenalität erlischt. Und da tritt dann noch die Möglichkeit ein, zu dem VaterErlebnis das Sohnes-Erlebnis hinzuzubekommen.
[ 23 ] Wie das Vater-Erlebnis einfach ein Erlebnis der vollkommenen, harmonischen Gesundheit ist, so ist das Sohnes-Erlebnis diejenige Tatsache, die innerlich durchgemacht wird, wenn der Mensch merkt, daß er eigentlich, indem er zum vollen Ich-Bewußtsein aufsteigt, dieses Ich-Bewußtsein im Erdenleben entwickeln muß, daß dieses Ich-Bewußtsein selber durchaus naturhaft ist. Und wenn er es nicht dem Bösen überliefern will, so muß dieses Ich erwachen innerhalb des Erdenlebens selber zu einem Durchdrungensein mit göttlich-geistigen Inhalten. Es muß Wahrheit werden: Nicht ich, sondern der Christus in mir.
[ 24 ] Es muß Wahrheit werden deshalb, weil das Ich, das, wie es zunächst erlebt wird, noch innerhalb des Vater-Erlebnisses stehen kann, durchaus umgewandelt, metamorphosiert werden muß. Nicht braucht der Mensch krankhaft zu werden aus dem, was die äußere Natur bloß spiegelt, wo sie nicht selbst in sein Bewußtsein eintritt, sondern nur in den zurückgeworfenen Bildern, in den Reflexionen. Aber krank müßte der Mensch werden in bezug auf sein wahres Menschenwesen, wenn er nicht aus seiner Freiheit heraus diejenige Weltenmacht finden könnte, die sich nun nicht bloß verhält wie der Urgrund dessen, was als die gesunde Natur da ist, was aber im Menschen zum kranken Wesen wird, wenn er nicht sich erheben könnte zu dem, was nun anerkennt die notwendige Erkrankung durch die Entstehung des Ich. Das übrige Seelenleben könnte unter Umständen gesund bleiben, aber die Ich-Festigkeit müßte dieses Seelenleben doch krank machen, wenn der Mensch nicht im Leben, im innerlichen, sinnlichkeitsfreien Erleben derjenigen Wesenheit begegnen könnte, die hier auf Erden gefunden werden kann, die aber nicht von irdischer Art ist, die nur gefunden werden kann durch die freie Tat der Seele, und deren Finden daher durchaus verschieden ist von dem Finden des Vaters.
[ 25 ] In Westeuropa wird der Unterschied zwischen diesen zwei Erlebnissen, dem Vater-Erlebnis und dem Sohnes-Erlebnis, sehr wenig betont. Wenn man heute noch nach Osten hinüberkommt und so etwas studiert wie die Philosophie des russischen Philosophen Solowjow, dann findet man gerade bei ihm, daß er eigentlich redet wie ein Mensch der ersten christlichen Jahrhunderte, nur daß er das, was er aus dieser Gesinnung heraus sagt, in moderne philosophische Formeln kleidet. Er redet so, daß man ihm deutlich anmerkt: Er hat ein besonderes Vater- und ein besonderes Sohnes-Erlebnis. Instinktiv hat er das, was aus der modernen geistigen Forschung wiederum anerkannt werden muß: daß man aus dem Vater heraus geboren wird, daß es eine Krankhaftigkeit ist, den Vater nicht anzuerkennen, daß es aber für den ichbegabten Menschen einen Heilprozeß, einen überirdischen Heiler geben muß, und das ist der Christus. Den Vater nicht zu erleben heißt innerlich krank sein; den Christus nicht zu erleben heißt ein Unglück in sein Leben eintreten sehen. Die Vaterfrage ist eine Frage der Erkenntnis. Die Sohnesfrage ist eine Schicksalsfrage, ist eine Frage von Glück und Unglück, Und nur diejenigen Zeitalter haben noch eine genügende Vorstellung bekommen können von der Art, wie der Christus in unser Leben eintritt, die ihn als Arzt, als universellen Arzt betrachtet haben. Das ist für übersinnlich-anthroposophische Forschung keine Phrase, das ist nicht etwas, was bloß allegorischen und symbolischen Sinn hat: Christus der Arzt, Christus der Heiland oder Heiler, derjenige, der das Ich befreit von der Gefahr, von der es der Vater nicht befreien kann, weil das Gesunde eben auch krank werden kann. Und durch das Ich-Bewußtsein würde die Gesundheit verlorengehen müssen. Was der Vater nicht vermag, er hat es dem Sohn übergeben. Der Christus tritt im gesonderten Erlebnis neben dem Vater durchaus in das menschliche Bewußtsein ein.
[ 26 ] Und geisteswissenschaftliche anthroposophische Forschung kann dieses Erlebnis ganz wissenschaftlich methodisch rechtfertigen. Aber hier würde sich ja zunächst etwas ergeben, was ich nennen möchte: der ewig gegenwärtige Christus. Wir finden ihn, wenn wir ihn nur tief genug in unserer Seelenwesenheit suchen, wir finden ihn als eine Wesenheit, die wir nicht aus unserer eigenen Seele hervorholen können. Wir finden ihn, wie wir ein äußeres Naturereignis außer uns objektiv finden. Wir begegnen uns mit ihm nach unserer Geburt im Laufe unserer menschlichen Entwickelung. Wir müssen ihn aus unserer moralischen Wahrnehmung hervorholen. Dort ist er der ewig-gegenwärtige Christus.
[ 27 ] Aber hat man diesen ewig-gegenwärtigen Christus gefunden, hat man ihn vor anthroposophischer Forschung gerechtfertigt, dann tritt man eben anders ein auch in die historische Forschung, als man vorher eingetreten ist. Denn das ist das Eigentümliche: Wenn man zu dem höheren Bewußtsein aufsteigt, so muß man erst wiederum heruntergehen zum gewöhnlichen Bewußtsein. Man kann nicht im höheren Bewußtsein die Sinneswelt erforschen. Das würde alles nur zu einer bloßen Rederei führen. Derjenige, der nur höheres Bewußtsein entwickeln würde, der also bloß das kennen würde, was Anthroposophie ist, der sollte nur ja nicht über Naturwissenschaft reden, denn wer über Naturwissenschaft reden will, muß auch durchaus die Natur wissenschaftlich, so wie die Naturwissenschaft forscht, kennen. Er kann nur dann das, was die Naturwissenschaft gibt, mit der übersinnlichen Forschung durchdringen. Einem Laien, einem Dilettanten in Naturwissenschaft ist es nicht gestattet, über Naturwissenschaft zu reden, auch wenn er noch so sehr bewandert ist in dem Wissen von den übersinnlichen Welten. Die übersinnlichen Welten haben für die sinnlichen Welten im Grunde genommen genau dieselbe Bedeutung wie der Sauerstoff, wenn er außerhalb der Lunge ist. Die Lunge ist dasjenige, was die Natur ist. Es muß erst hineinergossen werden in die Naturwissenschaft die Geisteswissenschaft, wenn die Naturwissenschaft befruchtet werden soll.
[ 28 ] Allein ein anderes Gebiet ergibt sich nun, wiederum nicht aus einem religiösen Vorurteil heraus. Man kann dazu kommen zunächst ohne historische Betrachtung, ganz ohne daß man die Evangelien zu Hilfe nimmt. Es ist dasjenige, was ich nennen möchte die Epoche der Menschheitsentwickelung, welche für uns eben äußerlich zusammenfällt mit dem Mysterium von Golgatha.
[ 29 ] Wenn derjenige, der nun nicht zu übersinnlichen Begriffen und Ideen vordringt, an das Mysterium von Golgatha herankommen kann, dann wird er versucht, immer mehr und mehr bloß äußerlich naturalistisch-historisch vorzugehen und den Christus Jesus in die bloße Persönlichkeit Jesu zu verwandeln. Derjenige, der zu anthroposophischer Geistesforschung aufsteigt, der findet überall die Notwendigkeit, erst erkennend zu durchdringen, was sich ihm im Felde der Natur und im Felde der gewöhnlichen Historie ergibt. Nur gegenüber dem historischen Mysterium von Golgatha findet er das nicht. Auf dieses sind unmittelbar und ohne Vorurteil die höheren Begriffe anwendbar. Man kann das, was sich in der Sinneswelt abgespielt hat, so wie es sich abgespielt hat, unmittelbar mit übersinnlicher Forschung ergreifen. Und dann kommt man zu folgendem. Dann sieht man, daß jene Ich-Entwickelung, von der ich Ihnen gesprochen habe, tatsächlich nicht immer da war innerhalb der Menschheitsentwickelung. Dann findet man es zum Beispiel gerechtfertigt, daß, je weiter wir in der Sprachentwickelung zurückgehen, die Ich-Bezeichnung immer mehr und mehr in den Verben mitenthalten ist, daß die Ich-Bezeichnung für sich erst später auftritt. Aber das ist nur eine Äußerlichkeit. Wer Geschichts-Psychologie erforscht, indem er sie mit übersinnlichen Anschauungen durchdringt, der wird finden, daß tatsächlich das Ich-Erlebnis nicht da war bis etwa in das 8., 7. vorchristliche Jahrhundert hinein, daß es dann langsam herauftaucht, daß tatsächlich die geschichtliche Entwickelung in der Menschheitsgeschichte sich zu dem hinneigt, was man als das Heraufdämmern des Ich bezeichnen muß.
[ 30 ] Ich glaube, man hat gerade innerhalb des griechischen Lebens das Heraufdämmern dieses Ich voll empfunden, nicht nur dadurch, daß man sich bewußt war, daß dieses Ich aus der Natur stamme und deshalb der Natur unterworfen ist, also den Menschen ertötet, wenn es sich für sich allein entwickelt. Deshalb hat man ja auch wirklich in Griechenland gefühlt, daß es besser sei, ein Bettler zu sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten. Das war eine durchaus aufrichtige Empfindung. Aber man hat es noch in anderer Weise gefühlt. Wer wirklich die großen griechischen Dramatiker studiert, nicht mit jener Oberflächlichkeit, mit der das heute so oftmals geschieht, der weiß, daß sie zu gleicher Zeit Ärzte sein wollten, daß sie die Dramenführung so gestalten wollten, daß der Mensch durch die Katharsis gesunden könne. Die Griechen haben etwas gespürt von dem Heilenden in der Kunst.
[ 31 ] Und wenn wir in diesem Zeitalter der historischen Entwickelung herübergehen zur römischen Welt, so fühlen wir, wie sich der menschliche Seeleninhalt im religiösen Leben, im Staatsleben und im öffentlichen Leben sonst in abstrakte Begriffe versteift. Wir finden in der Menschheit die große Gefahr, an der Ich-Entwickelung zu erkranken. Und wir fühlen, was es eigentlich hieß — ich treibe nicht ein Analogiespiel mit Worten, wenn es auch so aussieht, es ist doch das Ergebnis anthroposophischer Forschung —, daß im Orient die «Therapeuten» auftraten, ein gewisser Orden, welcher sich zur Aufgabe stellte, die krankwerdende Menschheit wirklich zur Gesundung zu bringen.
[ 32 ] Was wir aber im Laufe der Geschichtsentwickelung eintreten sehen, das ist, daß die Menschheit nicht etwa verdorrte und krank wurde, wie man hätte annehmen müssen, wenn man wirklich unbefangen nur auf die Fortsetzung dessen sehen würde, was vor dem 7., 8. und so weiter vorchristlichen Jahrhundert als Impuls in der Menschheit vorhanden war. Sie verdorrt nicht, sie wird nicht krank, sie nimmt in sich ein Ingrediens auf, das von innen heraus heilend wirkt. Eine historische Therapie spielt sich ab.
[ 33 ] Wer kein Empfinden dafür hat, daß das Alte Testament und auch die übrigen alten Religionen durchaus darauf hinweisen, daß der Entwickelungsprozeß der Menschheit ein in der Sünde Krankwerden ist, wer nicht sieht dieses in der Sünde Krankwerden, der fühlt eben auch nicht das Aufstrahlen von etwas, was von außerhalb der Erde, von außerhalb des Tellurischen hereinkommt, und was der Erde einen neuen Einschlag gibt, so wie dem Boden ein neuer Einschlag durch die Fruchtkeime gegeben wird. Man lernt verstehen, wie von da ab ein befruchtender Same aus überirdischen Welten als heilender Same eingegossen wird, denn die irdische Menschheit war wirklich am Krankwerden. Und man lernt schauen, wie das, was kosmisch, was nicht bloß tellurisch ist, in die Erdenentwickelung eingreift. Und ausgerüstet mit diesem Schauen, mit dem Schauen eines Wesens, das als der große unsichtbare Therapeut in die geschichtliche Entwickelung eingreift, verfolgt man die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth. Da taucht sie auf, und auch ohne daß man von den Evangelien beeinflußt ist, findet man sie, wenn man sie sucht mit dem rechten Stern, nicht mit Vorurteilen, sondern mit etwas, was Aufleuchten eines inneren Lichtes ist.
[ 34 ] Man geht wirklich zwei Wege: Einmal, indem man alle Wissenschaft zusammennimmt, auch diejenige, die nicht bloß abstrakt richtig und unrichtig, sondern die im geschichtlichen Werden gesund und krank kennt, und nähert sich dem Mysterium von Golgatha, wie sich ihm mit alter Wissenschaft aus Sternenkunde heraus die drei Weisen oder Magier des Morgenlandes genähert haben. Man nähert sich ihm aber auch aus einfachem Menschenherzen, aus Menschenfühlen heraus.
[ 35 ] Wenn man dem ewig-gegenwärtigen Christus begegnet ist, den man findet, ausgerüstet mit demjenigen Organ, in welchem der ewig-gegenwärtige Christus in paulinischer Weise sagt: Nicht ich, sondern der Christus in mir macht mich gesund, und gibt mich vom Tode dem Leben zurück — dann findet man in der Geschichte der Menschheit den Menschen Jesus, in dem der Christus wirklich gelebt hat. So fließen einem zusammen die überirdische Christus-Wesenheit, der Heiler, der große Therapeut, mit dem schlichten Mann aus Nazareth, der ja nicht anders als schlicht zu sein brauchte, der ja in seinen äußeren Worten sprechen konnte zu den Ärmsten der Armen, der auch sprechen konnte in seinen Worten zu den Sündern — das heißt doch zu den Kranken —, der aber zu ihnen Worte sprach, die nicht bloß von dem erfüllt waren, was bis dahin in der Menschheit gewirkt hatte — denn da wären sie so krank geblieben wie eben im Römertum die Worte allmählich geworden waren, weil sie von der bloßen Abstraktheit durchzogen waren —, der zu ihnen sprach Worte des ewigen Lebens, die nicht zum Verstande zu sprechen brauchen, die zum Fühlen, zu dem, was irrationell ist, sprechen können.
[ 36 ] Man dringt also an die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth heran, man lernt erkennen all die wunderschönen Seiten, die uns durch das Lukas-Evangelium geschildert werden. Aber man wird auch hingeführt zu all dem, was das Johannes-Evangelium aus innerer Erfahrung über den Heiler, über den Therapeuten schildert, der da auch ist der lebendige Logos, der gesundende Logos. Man lernt die synoptischen Evangelien mit dem Johannes-Evangelium verbinden in demselben Momente, wo man nicht mehr mit den rationalistischen Begriffen von formal richtig oder unrichtig an die historische Forschung herangeht, sondern wo man mit den höheren Begriffen von gesund und krank an die geschichtliche Entwickelung herangeht. Dann verliert der «Mensch Jesus» nichts. Denn indem er derjenige ist, der zunächst ausersehen ist vom Außerirdischen, das was der Christus-Heilimpuls ist, in sich aufzunehmen, braucht er nicht alle Weisheit des Altertums, die sich ja doch nur in den Krankheitsprozeß hineinentwickelt hat, so daß die Menschheit fürderhin nicht durch Weisheit das Göttliche erkennen konnte, sondern durch Weisheit nur in krankhafter Weise hätte fürderhin erkennen können das Äußerlich-Natürliche. Man lernt erkennen denjenigen, der ganz und gar durch Befruchtung von oben das Wesen geworden ist, das über den Boden von Palästina wandelte. Man lernt hinschauen zu der Persönlichkeit des Jesus als der äußerlichen Hülle für die außerirdische Christus-Wesenheit. Man lernt erkennen, daß die Erde ihren Sinn verloren hätte, daß sie in Krankheit untergegangen wäre, wenn nicht die große Gesundung durch das Mysterium von Golgatha eingetreten wäre.
[ 37 ] Da wird nichts vom Irrationellen, vom Paradoxen dem Christentum genommen, da wird der Mensch nur in der rechten Weise wiederum hingeführt zu dem, was keine Ratio begreifen kann, sondern nur die belebte Erkenntnis, welche dem Menschen durch die anthroposophische Forschung eben versucht wird nahezubringen. Im Gegenteil dazu sieht man, daß die Leben-Jesu-Forschung allmählich rationalistisch geworden ist, daß der «schlichte Mann aus Nazareth» schon jetzt für viele das einzige geworden ist, daß sie den Christus nicht wieder finden können. Allein man kann den Christus nicht finden durch bloße Logik, auch wenn sie historische Logik ist. Man kann den Christus nur finden, wenn man den historischen Prozeß zu verfolgen in der Lage ist mit dem in dieser Beziehung höheren Begriffe von gesund und krank. Dann kommt man wirklich dazu, daß man sieht: Die Krankheit, die allmählich über den Menschen gekommen wäre durch die Ich-Erweckung, die hätte zum Tode des Geistes führen müssen. Denn der Mensch wäre durch die Ausbreitung des Ich, das eben aus dem Körper kommt, immer mehr und mehr der Natur angehörig geworden. Über seine Seele hätte sich die Natur ausgegossen. Der Mensch würde allmählich dem verfallen, was dann sein irdischer Tod und zuletzt der Wärmetod der Erde ist. Versteht man den Einschlag des Mysteriums von Golgatha als einen Einschlag, der der Erde einen neuen Sinn gibt, dann findet man gerade in der historischen Entwickelung durch den Menschen Jesus, durch den Kreuzestod und durch die Auferstehung, das, was der Erde neuerdings von den Himmeln gegeben worden ist. Man lernt erkennen, was es heißt, wenn der Spruch ertönt: Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, heute wird er mir geboren. — Man lernt erkennen, daß da eine wirklich neue Zeit für die Erde anbricht. Man lernt erkennen, wie die Menschen sich allmählich erst nach und nach erziehen müssen zum Verständnisse dessen, was da eigentlich in die Menschheitsentwickelung durch das Mysterium von Golgatha gekommen ist. Und man fragt sich: Wie wirkt dieses Mysterium von Golgatha weiter?
[ 38 ] Nun ja, zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha auf der Erde sich abspielte, da war noch etwas von dem vorhanden, was in alten Zeiten überhaupt auf der Erde war: eine gewisse instinktive Erkenntnis. Die war, ohne daß die Ich-Entwickelung schon Platz gegriffen hatte, im Menschen vorhanden. Der ältere Mensch hatte nicht das deutlich ausgeprägte Ich, dafür hatte er ein instinktives Erkennen. Das war ihm durch eine instinktive, göttliche Inspiration zugekommen. Das war in alten Zeiten das Heilende, das war die therapeutische Uroffenbarung. Diese Uroffenbarung schwand immer mehr und mehr. Der Mensch breitet sein Ich über sein Wesen aus. Der Mensch wurde gerade dadurch immer mehr und mehr krank. Aber es waren noch die letzten Reste da des alten hellseherischen, instinktiven Erkennens der geistigen Welten. Solche Reste alter Schauungen waren bei den Aposteln vorhanden, waren vorhanden bei den Gnostikern, bei manchen anderen, wenn sie auch nicht vollkommen genug waren. So kam es, daß mit den letzten Erbschaften wirklichen alten Hellsehens der Christus noch erkannt worden ist, daß man noch gewußt hat, daß in dem Jesus ein außerirdisches Wesen erschienen ist, das vorher nicht auf der Erde war.
[ 39 ] Am stärksten hat Paulus dieses Erlebnis gehabt. Als Saulus war er in einer gewissen Weise eingeweiht in alle Geheimnisse, in die man eingeweiht werden konnte aus dem abglimmenden alten Weisheitslichte heraus. Aus diesem abglimmenden alten Weisheitslichte heraus hat er den Christus Jesus bekämpft. In dem Momente, wo aus seinem Inneren heraufgestiegen ist ein Schauen, in dem Momente, wo ihm der Christus aufgegangen ist als der Ewig-Gegenwärtige, wandte er sich auch hin zu dem Kreuz auf Golgatha. Das innere Christus-Erlebnis brachte ihn an das äußere Christus-Erlebnis heran. Und so durfte er sich neben den anderen einen Apostel nennen, eben den letzten der Apostel. Wie die Apostel und die Jünger durch ihre Erbschaft aus alten HellseherZeiten sich noch erheben konnten zu dem Christus-Erlebnis, wie sie die Auferstehung verstehen konnten, so konnte sie auch noch Paulus verstehen. Aber mit der Ausbreitung des Ich ist immer mehr und mehr solches Verständnis zurückgegangen. Ich möchte sagen: Die Theosophie ist immer mehr und mehr zur Theologie geworden. Durch die Logik tritt der Mensch heraus aus dem naturhaften Dasein, tritt jedoch ein in seine Ich-Entwickelung, die aber schließlich zu dem Krankhaften führt, von dem gesprochen worden ist.
[ 40 ] Diese Entwickelung muß wiederum zurückkehren, wenn sie nicht verlustig gehen soll des Christus-Verständnisses, zu der Möglichkeit, den Christus als übersinnliches, überirdisches Wesen zu erkennen, damit sie die Persönlichkeit des Jesus richtig bewerten könne. Wir begreifen es daher auch, was alles sich abgespielt hat nach der Zeit der Apostel, der apostolischen Väter. Wir begreifen jenes Ringen, jenes lebendige Ringen durch die Jahrhunderte unter dem abglimmenden alten Erkennen und unter dem allmählichen Heraufkommen des Ich-Bewußtseins um doch hinschauen zu können zu dem historischen Christus.
[ 41 ] Nicht eine neue Religion stiften, nicht sektiererisch sein will die Anthroposophie, aber wenn sie einfach auf ihrem Wege geht und sich zu den übersinnlichen Erkenntnissen erhebt, dann begegnet ihr unter den Tatsachen der Erde, und zwar als dasjenige, was der Erde erst ihren Sinn gibt, das Mysterium von Golgatha. Und sie lehrt nun auch durch Schauen dasjenige wieder erkennen, was der bloßen Ratio eben verloren gehen muß. Sie kann wiederum hinzufügen, auch auf einem Erkenntniswege, der aber kein rationalistischer ist, zu der äußeren historischen Persönlichkeit Jesu die innerliche Gotteswesenheit Christi. Und man kommt dazu, daß der Begriff des Christus Jesus wiederum ein vollinhaltlicher wird, nur ein solcher, den sich die Menschheit durch Freiheit erobern muß.
[ 42 ] Der kann auftreten, man möchte sagen, auf dem Wege der armen Hirten, die zuerst innerlich ahnen in sich den ewigen Christus, und die ihn dann äußerlich in dem Jesuskinde suchen. Man kann aber nicht nur, wie viele glauben, auf diesem Wege der armen Hirten zu dem Christus Jesus kommen, denn da würde doch Wissenschaft als der Moloch entstehen, der diesen naiven Glauben verschlingen würde. Man kann auch, indem man die Wissenschaft wirklich ausbildet, den Stern wiederum finden, der hinleitet nach Bethlehem. Gerade so, wie das einfachste Menschengemüt im innersten Erlebnis den Christus finden kann, wenn es nur aufsteigt nicht bloß zur Ratio, sondern zum Fühlen des inneren Krankseins, so kann aus diesem Krankhaftigkeitsbewußtsein, das im wesentlichen das reale Erfühlen des Sündenbewußtseins ist, auf ganz naive Weise das Christus-Erlebnis, die Begegnung mit dem Christus sich bilden. Aber die Wissenschaft kann nicht wegführen von diesem Erlebnis, denn erhebt sich diese Wissenschaft, wie sie es muß auf allen anderen Gebieten, zum übersinnlichen Schauen, so findet höchste Wissenschaft wie einfachstes Menschengemüt eben den Christus in dem Jesus.
[ 43 ] Und das möchte Anthroposophie in bescheidener Weise leisten. Sie will gar nicht das Geheimnis wegnehmen, das im ehrfürchtigen Vertrauen von dem einfachen Menschengemüte gesucht wird, denn der Weg, den Anthroposophie geht, er geht zwar in obere Erkenntnisregionen hinauf, aber er führt nicht zum Rationalismus. Er muß gerade die Klippe des Irrationalen, des Paradoxen, wie ich angedeutet habe, umschiffen. Er muß sogar zu dem abstrakten Richtig und Unrichtig das lebensvolle Gesund und Krank hinzufügen. Er muß zu der bloßen physischen Therapie die große historische Therapie hinzufügen.
[ 44 ] Dann wird diese anthroposophische Forschung, wenn sie zu der Erkenntnis emporsteigt, zu der sie emporsteigen will, zu demselben führen, was zunächst sich als das wahre Geheimnis in still vertrauensvoller Ehrfurcht gerade als das, was unbekannt bleiben muß, erlangen läßt. Denn warum spricht man von diesem Unbekannten? Nun, wenn man einen Menschen nicht bloß aus Beschreibungen kennt, wenn man nicht bloß an sein Dasein glaubt, sondern wenn man vor sein Antlitz geführt wird, kommt man zum Schauen. Aber das Schauen wird deshalb nicht rationalistisch. Das Irrationale des Menschen, vor den wir hingeführt werden, hört nicht auf. Dieser Mensch bleibt uns ein Geheimnis, denn er hat ja in sich ein Intensiv-Unendliches. Wir könnten ihn mit keiner Ratio ausschöpfen. Ebensowenig schöpft anthroposophische Erkenntnis den Christus aus, obgleich sie mit aller Sehnsucht dahin strebt und mit allen ihren Erkenntnismitteln dahin zu kommen sucht, diesen Christus zu schauen, nicht bloß an ihn zu glauben. Er hört nicht auf, als ein Wesen dazustehen, das auch im Schauen nicht durch die Ratio aufgesogen wird. Und so wenig wie einem Menschen etwas genommen zu werden braucht von der irdischen Verehrung, die wir jedem einzelnen Menschen entgegenbringen, der doch ein Mysterium bleibt, auch wenn wir vor sein Antlitz geführt werden, so bleibt das Mysteriuum von Golgatha ein Mysterium; es wird durch Anthroposophie nicht herabgezerrt in die Trokkenheit und Nüchternheit und in den Logismus des Rationellen. Das Irrationelle, das Paradoxe des Christentums soll nicht ausgelöscht werden durch den Christus Jesus der Anthroposophie, sondern das Irrationelle, das Paradoxe soll geschaut werden. Und dem Geschauten, man kann ihm ebenso kindliche, ebenso tiefe, ja vielleicht größere, kindlichere Ehrfurcht entgegenbringen als dem, an das man bloß glauben soll. Deshalb ist Anthroposophie nicht der Tod des Glaubens, sondern die Beleberin des Glaubens. Und das zeigt sich insbesondere in der Enträtselung, die Anthroposophie dem Mysterium von Golgatha, der Verbindung des Christus mit der Persönlichkeit des Jesus zukommen lassen will.
[ 45 ] Das alles aber ist natürlich ein Gegenstand einer ausgebreiteten, jahrelangen Forschung, die trotzdem heute nur im Anfange ist. Und ich muß Sie um Entschuldigung bitten, wenn ich Ihnen nur einige Richtlinien in diesem, schon allzu langen Vortrag habe vorbringen wollen. Aber diese Richtlinien mögen wenigstens andeuten, daß Anthroposophie nicht in den Rationalismus der gewöhnlichen Erkenntnis herunterziehen will und zum ehrfurchtlosen, enthüllten Geheimnis machen will das Mysterium von Golgatha, sondern daß sie zu ihm hinführen will in aller Ehrfurcht, in aller religiösen Frömmigkeit, ja, in einer vertieften religiösen Frömmigkeit, die deshalb vertieft wird, weil wir den rechten Schauer erst empfinden, wenn wir in unmittelbarer Anschauung vor dem Kreuz von Golgatha stehen.
[ 46 ] So möchte Anthroposophie nicht beitragen zu irgendeiner Ertötung, sondern zu einer Neubelebung, zu einer Neubeseelung des Christentums, das ja gerade schmerzlich zu leiden scheint unter dem Rationalismus, der für die äußere Naturwissenschaft voll berechtigt ist.
