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Die Wirklichkeit der höheren Welten
GA 79

30 November 1921, Oslo

8. Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens

[ 1 ] Ich danke zunächst dem verehrten Vorsitzenden für seine herzlichen Worte und bitte Sie vor allen Dingen zu berücksichtigen, was ich ebenso herzlich versichere, daß es mir eine tiefe Befriedigung gewährt, einige Richtlinien aus den sozialen Bestrebungen, denen ich einen großen Teil meiner Zeit gewidmet habe, auch hier vortragen zu dürfen. Doch muß ich natürlich sogleich um Entschuldigung bitten deswegen, weil über die soziale Frage heute zu sprechen, eine außerordentlich schwierige Sache ist. Man kann in einem kurzen Vortrage ja eigentlich nur einige Richtlinien und vielleicht Anregungen geben, und das bitte ich Sie durchaus zu berücksichtigen. Vielleicht könnte die Meinung bestehen, daß jemand, der im wesentlichen sich der Popularisierung und Verbreitung anthroposophischer Geisteswissenschaft widmet, wenn er auf soziale Gebiete sich begibt, nur Weltvergessenes, vielleicht Phantasiemäßiges oder gar Utopistisches vorbringen könne. Was sich mir aber gerade aus anthroposophischer Denkweise heraus ergeben hat für die soziale Frage, es unterscheidet sich von vielem, das in der Gegenwart nach dieser Richtung gesprochen wird, vielleicht doch dadurch, daß es durchaus auf die Praxis des Lebens eingehen will und es eigentlich ablehnt, mehr oder weniger soziale Theorien zu besprochen.

[ 2 ] Ich selbst habe im Laufe von Jahrzehnten aus den verschiedensten Untergründen heraus diejenige Anschauung über die soziale Frage gewonnen, über die ich einige Richtlinien heute verzeichnen möchte, und zwar durch unmittelbare Beobachtung des sozialen Lebens. Ich habe daraus die Anschauung gewonnen, daß unsere soziale Frage, namentlich auch die wirtschaftliche Frage, heute im Grunde genommen eine ganz allgemein menschliche ist. Sie kündigt sich, wenn man sie lebensgemäß, nicht theoretisch studiert, als eine Frage an, die durch und durch eigentlich gar nicht aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten besteht, sondern aus rein menschlichen Gründen in der Gegenwart sich in so vulkanischer Weise aufwirft. Und es wird auch nur möglich sein, an diese Frage in einem praktischen Sinn heranzutreten, wenn man an die Lösung — natürlich kann die Rede nur sein von dem Versuch einer partiellen Lösung — vom rein menschlichen Gesichtspunkte aus herangeht. Und da werde ich zunächst etwas ganz anderes als die wirtschaftliche Kardinalfrage bezeichnen müssen, als man gewöhnlich erwartet. Ja, ich werde nicht einmal — da das Leben reicher ist als Theorien und Ideen — irgendwie in einem kurzen Satze diese wirtschaftliche Kardinalfrage beantworten können, sondern ich werde sie mehr als etwas durch meine heutigen Betrachtungen Durchgehendes erst erscheinen lassen können.

[ 3 ] Wenn ich aber doch zunächst einen ganz abstrakten Gesichtspunkt von vornherein angeben möchte, so ist es der, daß wir in einer Zeit leben, in der im hohen Grade der Mensch mit dem, was er denkt, was er sich als Prinzipien ausgestaltet, dem Leben überhaupt und besonders dem wirtschaftlichen Leben sich entfremdet. Diese Anschauung hat sich mir insbesondere dadurch erhärtet, daß ich durch Jahre hindurch unter der proletarischen Arbeiterschaft als Lehrer gewirkt habe, auf den verschiedensten Gebieten der Erkenntnis und des Unterrichtes, sowohl auf historischem Gebiete, wie auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Fragen. Und vor allen Dingen konnte ich das moderne Proletariat in seinem Leben dadurch kennenlernen, daß es mir vergönnt war, durch Jahre hindurch mit den Arbeitern Unterricht und Übungen in freier Rede abzuhalten. Da lernt man kennen, wie die Leute denken, wie die Leute empfinden. Und wenn man weiß, daß vor allen Dingen die wirtschaftliche Frage heutzutage daran hängt, daß man in einer den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Menschheit entsprechenden Weise das Proletariat wiederum an die Arbeit heranbringt, dann wird man zunächst genötigt sein, von dieser menschlichen Seite aus die wirtschaftlichen Fragen zu betrachten. Und da hat sich mir denn ergeben, daß wenn man heute innerhalb des Proletariates versucht, Interesse zu erregen für dies oder jenes, dann die eigentlichen konkreten wirtschaftlichen Fragen, das Verständnis für wirklich praktisches Wirtschaftsleben unter dem Proletariat im Grunde genommen gar kein Interesse findet. Die Leute stehen einem Interesse für konkrete einzelne wirtschaftliche Fragen ganz fern. Es lebt im Proletariat heute — und es gehören zu diesem Proletariate, von dem ich spreche, im internationalen Leben heute ja Millionen von Menschen — durchaus nur eine wirtschaftliche, abstrakte Theorie, aber allerdings eine abstrakte Theorie, welche in diesem Proletariate selbst den Lebensinhalt bildet. Seiner Arbeit, das heißt dem eigentlichen Inhalte seiner Arbeit, steht der proletarische Arbeiter im Grunde genommen mit seinem Herzen sehr fremd gegenüber. Ihm ist es gleichgültig, was er arbeitet. Ihn interessiert nur, wie er in seiner Unternehmung behandelt wird, und er spricht, wenn er über diese Behandlung redet, doch von ganz allgemeinen abstrakten Gesichtspunkten aus. Ihn interessiert das Verhältnis seines Lohnes zu dem, was das Erträgnis der Produkte ausmacht, an deren Fabrikation er beteiligt ist, während die Qualität seiner Produkte durchaus außerhalb des Gesichtskreises seiner Interessen liegt. Ich habe versucht, gerade im proletarischen Unterricht durch Zuhilfenahme des Geschichtlichen, durch Zuhilfenahme des Naturwissenschaftlichen, Interesse zu erwecken für konkrete Fabrikations- und Betriebszweige. Das alles ist aber etwas, was den Proletarier als solchen nicht interessiert. Ihn interessiert die Stellung der Klassen, der Klassenkampf, ihn interessiert das — was ich Ihnen ja hier nicht zu charakterisieren brauche —, was er den Mehrwert nennt. Ihn interessiert die Entwickelung des wirtschaftlichen Lebens, insofern als er ihr die Ursachen für alles menschliche geschichtliche Leben zuschreibt, und er redet eigentlich von einer theoretischen Region, die sich ganz oberhalb dessen befindet, in dem er vom Morgen bis zum Abend drinnen steckt und möchte nach dieser die Wirklichkeit formen. Und man darf sagen: Was er als seine Theorie anerkennt über das wirtschaftliche Leben, das stammt auch wiederum von einer theoretischen Betrachtungsweise. Die meisten Proletarier sind ja heute mehr oder weniger modifizierte oder ursprüngliche Marxisten, das heißt Anhänger einer Theorie, die sich eigentlich durchaus nicht mit den Bedingungen des wirtschaftlichen Lebens als solchem befaßt, sondern eben nach jener Richtung hin wirkt, die ich eben charakterisiert habe.

[ 4 ] Das erfährt man heute innerhalb weiter Kreise des Proletariats durch den praktischen Verkehr mit diesem Proletariat, durch die Wirksamkeit unter dem Proletariat. Aber das ist doch in gewisser Beziehung nur der Abglanz einer in den letzten Jahrhunderten immer mehr und mehr auftretenden Entfremdung der rein menschlichen Interessen von den Interessen des praktischen Lebens. Man möchte sagen: Das Kompliziertwerden unseres Wirtschaftslebens hat eine Art von Betäubung hervorgerufen, so daß man nicht mehr mit dem, was man ethisch als das Gute ansieht, mit dem, was man als das Rechtliche ansieht, in die einzelnen kompliziert gewordenen Gebiete des Wirtschaftslebens untertauchen kann. Wenn man aber nicht aus der Praxis heraus redet, sondern von allgemein-abstrakten Gesichtspunkten ausgeht, berührt man mit dem, was man immer als Forderungen, als Prinzipien aufstellt, fast gar nicht dasjenige, was dann die Arbeit des Tages, was die Aufgaben des Tages ausmacht.

[ 5 ] Wie ich Ihnen aus meiner eigenen Lebenspraxis dieses veranschaulichen konnte, so kann es aber auch durch allerlei Beispiele aus dem geschichtlichen Leben erhärtet werden. Ich möchte ein groteskes Beispiel anführen für das, was ich sagen will. Es war 1884, da sagte Bismarck im Deutschen Reichstag, indem er die Grundlage legen wollte für seine weitere Behandlung der wirtschaftlichen Kardinalfrage, er erkenne an das Recht eines jeden Menschen auf Arbeit. Und er apostrophierte dann die Reichstagsabgeordneten so, daß er sagte: Verschaffen Sie jedem gesunden Menschen von gemeinschaftswegen die Arbeit, die ihn ernährt, sorgen Sie dafür, daß diejenigen, die krank oder schwach sind, von gemeinschaftswegen versorgt werden, sorgen Sie dafür, daß die Alten versorgt werden, und Sie können überzeugt sein, daß das Proletariat seinen proletarischen Führern entläuft, daß die sozialdemokratischen Theorien, die verbreitet werden, keine Anhänger mehr finden. — Nun, das sprach Bismarck, der allerdings in seinen Memoiren gestand, daß er in seiner Jugend republikanische Neigungen gehabt habe, aber den Sie doch ganz gewiß als einen echten Monarchisten anerkennen werden, dem Sie ganz gewiß nicht zuschreiben werden, daß er etwa eingestimmt hätte, wenn in einer proletarischen Versammlung zum Schlusse das Hoch ausgesprochen worden wäre auf die internationale Sozialdemokratie.

[ 6 ] Ich möchte auf eine andere Persönlichkeit hinweisen, die dasselbe fast mit denselben Worten ausgesprochen hat, und die allerdings mit ihrer ganzen Gesinnung, mit ihrer ganzen menschlichen Empfindung auf einem anderen allgemein menschlichen Boden stand. Das ist Robespierre. Robespierre hat, indem er seine «Menschenrechte» verfaßt hat, 1793 ungefähr dasselbe gesagt, nein, ich möchte sagen, ganz genau dasselbe gesagt, was Bismarck 1884 im Deutschen Reichstag gesagt hat: Es ist die Pflicht der Gemeinschaft, jedem gesunden Menschen Arbeit zu verschaffen, für die Kranken und Schwachen von gemeinschaftswegen zu sorgen, den Alten eine Versorgung zu geben, wenn sie nicht mehr arbeiten können.

[ 7 ] Dieselben Sätze von Robespierre, von Bismarck, ganz gewiß auf ganz verschiedenem menschlichen Boden! Und dazu kommt das dritte, das auch nicht uninteressant ist hinzuzufügen: Bismarck berief sich, indem er seine «RobespierreWorte» aussprach — die er ganz gewiß nicht von Robespierre gelernt hat — darauf, daß ja diese Forderungen bereits im Preußischen Landrecht seit 1794 stehen. Nun, man wird daraus ganz gewiß nicht schließen dürfen, daß das Preußische Landrecht ein Jahr, nachdem Robespierre die «Menschenrechte» verfaßt hat, diese Menschenrechte in seinen Gesetzeskodex aufgenommen hat, und man wird ganz gewiß in der Welt nicht so urteilen, daß der preußische Staat die Ideen Robespierres durch fast ein Jahrhundert hat verwirklichen wollen gemäß seinem Landrechte, als Bismarck 1884 neuerdings diese Forderung ausgesprochen hatte. Da entsteht schon auch gegenüber den historischen Tatsachen die Frage: Wie kommt es denn eigentlich, daß zwei so verschiedene Menschen wie Robespierre und Bismarck wörtlich dasselbe sagen können, und daß doch beide sich ganz gewiß vorstellen, daß das soziale Milieu, das sie danach bilden wollen, ein ganz anderes ist?

[ 8 ] Ich kann die Sache nicht anders ansehen als so, daß eben wir heute, wenn wir über die konkreten Fragen des durch die neueren Jahrhunderte kompliziert gewordenen Lebens sprechen, in so starken Abstraktionen sprechen, daß wir eigentlich alle, der Bismarck von rechts, von der äußersten Rechten, der Robespierre von der äußersten Linken, in bezug auf die allgemeinen Prinzipien miteinander harmonisieren. Wir finden uns in den allgemeinen Prinzipien alle zusammen. Im Leben aber fangen wir sogleich an, in die äußersten Disharmonien zu zerfallen, weil eben unsere allgemeinen Prinzipien ganz weit abliegen von dem, was wir den ganzen Tag im einzelnen treiben müssen. Wir habe heute gerade dann, wenn es auf die Lebenspraxis ankommt, keine Möglichkeit, das, was wir im allgemeinen denken, auch im einzelnen wirklich durchzuführen. Und am meisten abstrakt ist das, was in der proletarischen Theorie heute als wirtschaftliche Forderung auftritt, aus den Gründen, die ich versuchte zu Charakterisieren.

[ 9 ] Dieser Sachlage steht man ja heute gegenüber. Und man muß sagen: Durch die ganze Entwickelung der neueren Zeit ist diese Sachlage heraufgekommen. Wir sehen, wie derjenige Teil des wirtschaftlichen Lebens, den wir als den Produktionsprozeß überschauen, durch die Kompliziertheit des technischen Lebens immer mannigfaltiger geworden ist. Und wenn ich es mit einem Worte, das ja schon ein Schlagwort geworden ist — allein man muß solche Worte gebrauchen —, bezeichnen will: Wir sehen, daß das Produktionsleben immer kollektivistischer geworden ist.

[ 10 ] Was kann denn im Grunde genommen heute der einzelne innerhalb unseres sozialen Organismus im Produktionsleben leisten? Er ist überall eingespannt in das, was mit anderen in Gemeinschaft getan werden muß. Unsere Art des Produzierens ist so kompliziert geworden, daß der einzelne wie in einem großen Produktionsmechanismus eingespannt ist. Es ist das Produktionsleben kollektivistisch geworden. Darauf sieht gerade der Proletarier hin, und er verspricht sich in seiner wirtschaftlich fatalistischen Anschauungsweise, daß der Kollektivismus noch immer stärker und stärker werden wird, daß immer mehr und mehr die Produktionszweige sich zusammenschließen werden, und daß dann die Zeit kommen werde, wo das internationale Proletariat selbst diese Produktion übernehmen kann. Auf das wartet der Proletarier. Er gibt sich also dem großen Irrtum hin, daß der Kollektivismus der Produktion das Naturnotwendige ist — denn er empfindet das wirtschaftlich Notwendige fast wie eine Naturnotwendigkeit —, und daß dieser Kollektivismus weiter ausgebaut werden soll, daß vor allen Dingen das Proletariat dazu berufen sei, sich dann auf die Stühle zu setzen, auf denen die heutigen Produzenten sitzen, und daß das kollektivistisch Gewordene nunmehr kollektivistisch verwaltet werde. Wie stark das Proletariat aus seinem wirtschaftlichen Interesse heraus an einer solchen Idee hängt, sehen wir in den traurigen Ergebnissen des wirtschaftlichen Experimentes im Osten, denn dort wurde sozusagen — allerdings nicht so, wie es sich die Proletarier-Theoretiker geträumt haben, sondern aus den kriegerischen Verhältnissen heraus — der Versuch gemacht, in diesem Sinne das Wirtschaftsleben zu gestalten. Man kann heute schon sehen, und man wird es immer mehr und mehr sehen: Der Versuch wird — ganz abgesehen von seinen ethischen oder sonstigen Werten oder von den Sympathien oder Antipathien, die man ihm entgegenbringen kann — durch seine eigenen inneren zerstörenden Kräfte kläglich scheitern und unsägliches Unglück in die Menschheit bringen.

[ 11 ] Dem Produktionsleben steht gegenüber das Leben der Konsumtion. Aber das Leben der Konsumtion kann niemals von selbst kollektivistisch werden. In der Konsumtion steht der einzelne im Grunde genommen durch Naturnotwendigkeit als Individualität darinnen. Aus der Persönlichkeit des Menschen, aus dem menschlichen Individuum heraus kommen die Bedürfnisse der Gesamtkonsumtion. Es blieb daher, neben dem Kollektivistischen der Produktion, das Individualistische der Konsumtion bestehen. Und immer schroffer und schroffer wurde der Abgrund, tiefer und tiefer wurde dieser Abgrund zwischen der nach Kollektivismus strebenden Produktion und den doch sich immer heftiger geltend machenden, gerade durch den Kontrast immer heftiger geltend machenden Interessen der Konsumtion. Für den, der das heutige Leben durchschauen kann mit unbefangenem Blicke, ist es nun keine Abstraktion, sondern für den beruhen die furchtbaren Disharmonien, in die wir hineingestellt sind, gerade auf dem Mißverhältnis, das sich durch das Angedeutete heute herausgebildet hat zwischen den Impulsen der Produktion und den Bedürfnissen der Konsumtion.

[ 12 ] Man kann allerdings das ganze Elend, das in dieser Beziehung heute bis in die tiefsten Gemüter der Menschen hinein herrscht, nur überschauen, wenn man sich eben nicht durch Studium, sondern durch Lebenspraxis Jahrzehnte hindurch in das vertieft hat, aus dem sich auf den einzelnen Gebieten des Lebens diese Disharmonie ergeben hat. Und nun wirklich nicht aus irgendwelchen Prinzipien, nicht aus theoretischen Erwägungen, sondern aus diesen Lebenserfahrungen heraus ist entstanden, was ich niedergelegt habe in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Ganz fern lag es mir, aus dieser Lebenspraxis heraus irgendwie eine utopische Lösung der sozialen Frage zu versuchen. Ich mußte allerdings erfahren, daß das heutige Denken der Menschen ganz unwillkürlich nach der utopischen Seite hinneigt. Ich mußte selbstverständlich zusammenfassen, was sich mir aus der großen Mannigfaltigkeit des Lebens ergeben hat, was ich lieber in einzelnen konkreten Beispielen erörtert hätte, ich mußte es zusammenfassen in allgemeine Sätze, die dann wiederum ihrerseits zusammengestellt sind in den Schlagworten «Dreigliederung des sozialen Organismus». Aber was da drinnen ist, das mußte doch durch einige Richtlinien wenigstens exemplifiziert werden. Man mußte sagen, wie man sich denkt, daß die Dinge in die Hand genommen werden sollen. Deshalb habe ich einige Beispiele gegeben, wie die Entwickelung des Kapitalismus weiter fortschreiten soll, wie etwa die Arbeiterfrage zu regeln ist und so weiter. Da habe ich versucht, konkrete, einzelne Andeutungen zu geben. Nun, ich habe viele Diskussionen mitgemacht über diese «Kernpunkte der sozialen Frage», und ich habe stets gefunden, daß die Menschen in ihrer utopistischen Meinung von heute immer fragen: Ja, wie wird denn in der Zukunft das oder jenes sein? — Sie haben sich dabei gestützt auf die Andeutungen, die ich über das einzelne gegeben habe, was ich aber niemals anders gemeint habe, denn als Beispiel. Im ganzen konkreten Leben ist es ja so, daß man irgend etwas, was man tut, was man nach seinem besten Wissen einrichtet, daß man das in irgendeiner Gestalt in die Wirklichkeit hineinstellen kann, daß man es aber selbstverständlich auch anders machen könnte. Die Wirklichkeit ist nicht so, daß nur ein einzelnes Theoretisches auf sie paßt. Man könnte selbstverständlich auch alles anders machen. Der Utopist aber, der möchte bis ins einzelne hinein schlagwortartig alles charakterisiert haben. Und so sind denn diese «Kernpunkte der sozialen Frage» vielfach gerade durch die anderen im utopistischen Sinne ausgedeutet worden. Sie sind in Utopien vielfach umgewandelt worden, während sie nicht im entferntesten als Utopie gemeint sind, sondern hervorgegangen sind aus einem Betrachten dessen, was sich im Produktionsprozeß als der Kollektivismus ergeben hat, aus der Anschauung, wie nun wirklich von seiten der Produktion eine gewisse Notwendigkeit vorliegt, in diesen Kollektivismus hineinzusegeln, wie aber auf der anderen Seite alle Kraft der Produktion doch wiederum abhängt von den Fähigkeiten des menschlichen Individuums.

[ 13 ] So trat einem gerade aus der Betrachtung der modernen Produktion mit furchtbarer Intensität vor das seelische Auge, daß eigentlich der Grundimpuls, der aller Produktion zugrunde liegen muß, das persönliche Können, gewissermaßen absorbiert wird durch den Kollektivismus, der sich aus den wirtschaftlichen Kräften selbst heraus ergeben hat und immer weiter ergibt. Es trat einem auf der einen Seite entgegen dasjenige, wozu das wirtschaftliche Leben neigt, und auf der anderen Seite die auch selbstverständliche Forderung, die individuellen Kräfte der einzelnen menschlichen Persönlichkeit gerade innerhalb des Wirtschaftslebens zur Geltung zu bringen. Und es obliegt einem, über den sozialen Organismus so nachzudenken, wie diese Grundforderung des wirtschaftlichen Fortschrittes: die Pflege der individuellen Fähigkeiten —, bestehen kann im rein durch die technischen Verhältnisse immer Komplizierterwerden der Produktionsprozesse. Das ist es auf der einen Seite, was einem so ganz lebendig vor die Seele tritt: der wirkliche wirtschaftliche Fortgang, und die notwendigen Anforderungen, die man stellen muß an das wirtschaftliche Leben, damit es gedeihen könne.

[ 14 ] Auf der anderen Seite geht ja alles das, was wir die heutige soziale Frage nennen, im Grunde genommen praktisch gar nicht aus den Produktionsinteressen hervor. Wenn im Produktionsgebiete nach Kollektivismus gesucht wird, so ergibt sich das eigentlich aus den technischen Möglichkeiten des Wirtschaftslebens, aus den technischen Notwendigkeiten auch. Was man gewöhnlich die soziale Frage nennt, wird eigentlich ganz und gar aus Konsumtionsinteressen vorgebracht, die wiederum nur auf der menschlichen Individualität beruhen können. Und die merkwürdige Tatsache stellt sich heraus, daß — wenn auch scheinbar etwas anderes stattfindet — aus reinen Konsumtionsinteressen heraus der Ruf nach Sozialisierung durch die Welt geht. Man sieht das auch, wenn man die Diskussionen und das Leben praktisch verfolgt. Ich habe das ja gesehen bei meinen Vorträgen, die ich im April 1919 zu halten begonnen habe, und die immer wieder gehalten wurden, und in den darauffolgenden Diskussionen, wie eigentlich unsympathisch berührt sind diejenigen, die als Produzenten oder Unternehmer im praktischen Wirtschaftsleben drinnen stehen, von der Diskussion dessen, was man soziale Frage nennt, in dem Sinne, wie es aus den Konsumtionsinteressen heraus gepredigt wird.

[ 15 ] Dagegen sieht man, wie im Grunde genommen überall, wo der Ruf nach Sozialismus aufkommt, nur das Konsumtionsinteresse ins Auge gefaßt wird. So daß man hier gerade in den Idealen des Sozialismus wirksam hat als Willensimpuls den Individualismus. Im Grunde genommen streben alle diejenigen, die sozialistisch sind, nach dem Sozialismus hin aus ganz individuellen Emotionen heraus. Und das Streben nach dem Sozialismus ist im Grunde genommen nur eine Theorie, die über dem, was die individuellen Emotionen sind, dahinschwimmt. Aber auf der anderen Seite ergibt sich durch eine ganz ernstliche Betrachtung dessen, was sich in unserem Wirtschaftsleben, auch wiederum seit Jahrhunderten, immer mehr und mehr entwickelt hat, die ganze volle Bedeutung desjenigen, was man ja landläufig in der Nationalökonomie, in der Volkswirtschaftslehre zusammenfaßt mit dem Namen Arbeitsteilung.

[ 16 ] Ich bin überzeugt davon, daß außerordentlich viel Geistvolles über diese Arbeitsteilung geschrieben und gesagt worden ist, glaube aber nicht, daß sie in ihrer vollen Bedeutung für das praktische wirtschaftliche Leben bis in ihre letzten Konsequenzen schon durchdacht worden ist. Ich glaube das aus dem Grunde nicht, weil man sonst einsehen müßte, daß im Grunde genommen überhaupt aus dem Prinzip der Arbeitsteilung mit Konsequenz folgt, daß niemand eigentlich in einem sozialen Organismus, in dem volle Arbeitsteilung herrscht, für sich selber noch etwas produzieren — ich sage sogar — kann. Wir sehen ja heute noch die letzten Reste der Selbstproduktion, namentlich wenn wir die kleinen Landgüter ins Auge fassen. Da sehen wir, daß eigentlich derjenige, der produziert, das zurückbehält, was für seinen und seiner Familie Bedarf notwendig ist. Und was bewirkt dieses, daß er sozusagen ein Versorger des eigenen Bedarfs noch sein kann? Das bewirkt, daß er eigentlich in einer ganz unrichtigen Weise innerhalb eines sozialen Organismus produziert, der im übrigen auf Arbeitsteilung aufgebaut ist. Jeder, der heute sich selbst einen Rock macht, oder der sich selbst mit seinen eigenen, auf seinem eigenen Grund und Boden gebauten Nahrungsmitteln versorgt, versorgt sich eigentlich zu kostspielig, denn dadurch, daß Arbeitsteilung herrscht, kommt jedes Erzeugnis billiger zustande, als es zustandekommen kann, wenn man es für sich selbst fabriziert. Man braucht nur über diese Tatsache nachzudenken und man wird als ihre letzte Konsequenz das ansehen müssen, daß im Grunde genommen niemand heute so produzieren kann, daß irgendwie seine Arbeit in das Produktionserzeugnis, in das Erzeugnis hineinfließt. Und doch liegt die Merkwürdigkeit ja vor, daß zum Beispiel Karl Marx das Erzeugnis wie eine kristallisierte Arbeit behandelt. So ist es aber am allerwenigsten heute. Das Erzeugnis ist heute in bezug auf seinen Wert — und allein der kommt im wirtschaftlichen Leben in Betracht — von der Arbeit zunächst am allerwenigsten bestimmt. Es ist bestimmt von der Brauchbarkeit, das heißt von Konsumtionsinteressen, von der Brauchbarkeit, mit der es drinnen steht in dem auf Arbeitsteilung beruhenden sozialen Organismus.

[ 17 ] Das alles gibt einem auf wirtschaftlichem Gebiete die großen Fragen der Gegenwart auf. Und aus diesen Fragen heraus hat sich mir ergeben, daß wir eben einfach in dem heutigen Zeitpunkte der Menschheitsentwickelung vor der Notwendigkeit stehen, den sozialen Organismus so zu gestalten, daß er immer mehr und mehr seine naturgemäßen drei Glieder zeigt. Und als eines dieser drei Glieder muß ich zunächst erkennen das Geistesleben, das im wesentlichen beruht auf den menschlichen Fähigkeiten. Ich rechne, indem ich von der Dreigliederung des sozialen Organismus spreche, nicht nur das mehr oder weniger abstrakte Geistesleben oder das spirituelle Leben in das geistige Gebiet hinein, sondern ich rechne alles das in das geistige Gebiet hinein, was auf menschlichen, geistigen oder physischen Fähigkeiten beruht. Das muß ich ausdrücklich betonen, sonst könnte man die Begrenzung des Geistgebietes im dreigliedrigen sozialen Organismus völlig mißverstehen. Auch derjenige, der nur Handarbeit verrichtet, braucht eine gewisse Geschicklichkeit zu dieser Handarbeit, er braucht verschiedenes andere noch, was den einzelnen in dieser Beziehung nicht erscheinen läßt als einen Angehörigen des reinen Wirtschaftens, sondern als einen Angehörigen des Geistgebietes.

[ 18 ] Das andere Gebiet des sozialen Organismus ist das des reinen Wirtschaftens. Im reinen Wirtschaften hat man es nur zu tun mit Produktion, Konsumtion und mit der Zirkulation zwischen Produktion und Konsumtion. Das heißt aber nichts anderes als: man hat es im reinen Wirtschaftsleben bloß mit der Zirkulation der erzeugten Güter, die, indem sie zirkulieren, zur Ware werden, man hat es mit der Zirkulation von Waren zu tun. Ein Gut, das innerhalb des sozialen Organismus dadurch, daß es gebraucht wird, einen bestimmten Wert erhält, der dann auf seinen Preis wirkt, ein solches Gut ist eben in dem Sinne, wie ich es auffassen muß, seine Ware.

[ 19 ] Nun ergibt sich aber das Weitere. Ich kann selbstverständlich die Dinge, die ich den Richtlinien nach andeuten will, nur aphoristisch andeuten, sonst würde die Auseinandersetzung viel zu lang werden. Es ergibt sich nun, daß all dasjenige, was Ware ist, einen wirklichen objektiven Wert im Zusammenhange nicht nur des Wirtschaftslebens, sondern des gesamten sozialen Lebens haben kann. Einfach durch das, was ein Produkt bedeutet innerhalb des Konsumtionslebens, bekommt es einen bestimmten Wert, der durchaus eine objektive Bedeutung hat. Ich muß nun erörtern, was ich jetzt mit dem Worte «objektive Bedeutung» meine.

[ 20 ] Mit «objektive Bedeutung» meine ich nicht, daß man diesen Wert einer Ware, von dem ich jetzt spreche, etwa durch Statistik oder dergleichen unmittelbar angeben könne. Dazu sind die Verhältnisse, aus denen heraus eine Ware ihren Wert erhält, viel zu kompliziert, viel zu mannigfaltig. Aber abgesehen von dem, was man zunächst darüber wissen kann, hat außerhalb unserer Erkenntnis jede Ware einen ganz bestimmten Wert. Wenn eine Ware einen bestimmten Preis auf dem Markt hat, so kann dieser Preis für den wirklichen objektiven Wert entweder zu hoch oder zu niedrig sein, oder er kann mit ihm übereinstimmen. Aber so wenig maßgebend der Preis ist, der äußerlich uns entgegentritt — weil er durch irgendwelche andere Verhältnisse gefälscht sein kann —, so wahr ist es auf der anderen Seite, wenn man in der Lage wäre, alle die tausend und abertausend einzelnen Bedingungen anzugeben, aus denen heraus produziert und konsumiert wird, so würde man den objektiven Wert einer Ware angeben können. Daraus geht hervor, daß das, was Ware ist, in einer ganz besonderen Art im wirtschaftlichen Leben drinnen steht. Was ich nämlich nun den objektiven wirtschaftlichen Wert nenne, das kann man nur auf die Ware anwenden, das kann man nicht anwenden auf anderes, das heute in einem ähnlichen Sinne in unserem wirtschaftlichen Leben drinnen steht wie die Ware. Man kann es nämlich nicht anwenden auf Grund und Boden, und man kann es nicht anwenden auf das Kapital.

[ 21 ] Ich möchte nicht mißverstanden werden, Sie werden von mir niemals zum Beispiel Charakteristiken des Kapitalismus hören, wie man sie heute so oft erhält, und die aus allerlei Schlagworten heraus kommen. Es ist ja so selbstverständlich, daß man es gar nicht weiter auszuführen braucht, daß im heutigen Wirtschaftsleben ohne Kapitalien gar nichts auszurichten ist, und daß das Wettern gegen den Kapitalismus eben ein wirtschaftlicher Dilettantismus ist. Also nicht dasjenige, was man heute so oftmals hören kann, liegt in dem, was ich jetzt über das Kapital und über Grund und Boden zu sagen habe, sondern doch etwas anderes. Wenn man bei jeder Ware angeben kann, daß ihr Preis über oder unter einer allerdings nicht ohne weiteres angebbaren Mitte liegt, die aber objektiv vorhanden ist, und die das allein Heilsame ist, obwohl sie zunächst nicht erkannt werden kann, so kann man das nicht angeben für etwas, was heute gleich einer Ware behandelt wird: für Grund und Boden. Der Preis für Grund und Boden, der Wert von Grund und Boden unterliegt heute durchaus dem, was man nennen kann menschliche Spekulation, was man nennen kann alles andere als soziale Impulse. Und es liegt keine Objektivität vor für eine Preisansetzung oder Wertansetzung im wirtschaftlichen Sinne für Grund und Boden. Das ist aus dem Grunde so, weil eine Ware, nachdem sie vorhanden ist — gleichgültig, ob sie gut oder schlecht ist, ist sie gut, ist sie eben gut brauchbar, ist sie schlecht, ist sie eben schlecht brauchbar —, ihren objektiven Wert selber festsetzen kann durch die Art und Weise und die Intensität, in der nach ihr Bedarf ist.

[ 22 ] Das kann nicht gesagt werden von Grund und Boden, kann auch nicht gesagt werden von Kapital. Bei Grund und Boden und bei dem Kapital hängt die Art und Weise, wie er trägt, wie er sich hineinstellt in den ganzen sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhang, durchaus von den menschlichen Fähigkeiten ab. Sie sind niemals etwas Fertiges. Habe ich irgendeinen Grund und Boden zu verwalten, so kann ich ihn nur verwalten nach meinen Fähigkeiten, und sein Wert ist dadurch etwas durchaus Variables. Ebenso ist es in bezug auf das Kapital, das ich zu verwalten habe. Derjenige, der diese Tatsache in ihrer vollen Bedeutung praktisch studiert, der wird eben sagen müssen: Dieser radikale Unterschied zwischen einer Ware einerseits, Grund und Boden und Kapital andrerseits, ist durchaus vorhanden. — Und daraus ergibt sich, daß gewisse Symptome, die in unserem Wirtschaftsleben auftreten und die uns deutlich als Krankheitssymptome des sozialen Organismus erscheinen, daß sie in irgendeinem Zusammenhange gedacht werden müssen mit dem, was sich im wirtschaftlichen Leben dadurch ergibt, daß man praktisch mit demselben Gelde, das heißt mit derselben Wertschätzung behandelt das, was eigentlich gar nicht kommensurabel ist, daß man also zusammenwirft und gegeneinander auf dem Umwege durch das Geld zum Austausche bringt, zur wirtschaftlichen Wechselwirkung bringt, was seiner inneren Wesenheit nach ganz verschieden ist, also auch verschieden im wirtschaftlichen Leben behandelt werden müßte.

[ 23 ] Und wenn man nun weiter praktisch studiert, wie eigentlich in unseren sozialen Organismus hineingekommen ist die Gleichbehandlung, sozusagen das Zahlen mit demselben Gelde sowohl für Waren, also für Gebrauchsgüter, wie auch für Grund und Boden und für Kapital, das ja im Grunde genommen auch ein Gegenstand des Handels geworden ist, wie jeder weiß, der das Wirtschaftsleben kennt, wenn man sich also fragte, wie das eigentlich gekommen ist, und das geschichtliche Werden der Menschheit verfolgt, so sieht man, daß unorganisch heute zusammenwirken in unserem sozialen Organismus drei Gebiete des Lebens, die im Grunde genommen aus ganz verschiedenen Wurzeln stammen und die einen Zusammenhang im sozialen Leben nur durch den individuellen Menschen haben. Das ist eben erstens das Geistesgebiet, dasjenige Gebiet, in dem die menschlichen Fähigkeiten sich betätigen, die eigentlich der Mensch von anderen Welten her auf die Erde bringt, die in seinen Anlagen liegen, die in dem liegen, was er aus diesen Anlagen heraus erlernen kann, die durchaus ein Individuelles darstellen, die um so intensiver entfaltet werden, je mehr die einzelne Individualität des Menschen im sozialen Leben zur Geltung kommen kann. Man mag Materialist oder was immer sein, man wird sagen müssen: Was auf diesem Gebiete sich betätigt, das bringt der Mensch durch die Geburt in diese Welt mit hinein, das ist etwas, von der physischen Geschicklichkeit des Handarbeiters bis zu den höchsten Äußerungen und Offenbarungen der Erfinderkraft, was durchaus auf die einzelne Individualität des Menschen angewiesen ist, wenn es gedeihen soll.

[ 24 ] Ertwas anderes liegt vor auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens. Was ich darüber sagen will, möchte ich durch eine Tatsache erörtern. Sie wissen ja alle, daß zu einer gewissen Zeit im 19. Jahrhundert da und dort das Ideal entstanden ist der einheitlichen Goldwährung. Wer verfolgt, was von praktischen Wirtschaftern, von wirtschaftlichen Theoretikern, von Parlamentariern gesagt worden ist in der Zeit, in der man da oder dort nach der Goldwährung gestrebt hat — ich sage es ganz gewiß ohne Ironie —, das ist außerordentlich geistvoll. Man ist oftmals tief durchdrungen von dem Geistvollen, das in Parlamenten, in Handelskammern, in sonstigen Gemeinschaften gesprochen worden ist, was geschrieben worden ist über die Goldwährung und ihren Segen für das Wirtschaftsleben. Das eine, was gesagt worden ist und was gerade von den bedeutendsten Menschen betont worden ist, von vielen wenigstens der bedeutendsten Menschen betont worden ist, das ist, daß die Goldwährung es dahin bringen werde, daß überall der wirtschaftlich segensreiche Freihandel blühen werde, daß die wirtschaftlich schädigenden politischen Grenzen ihre wirtschaftliche Bedeutung verlieren werden. Und die Gründe, die Beweise, die vorgebracht worden sind für solche Behauptungen, die sind außerordentlich geistreich. Und was ist in der Wirklichkeit eingetreten? In der Wirklichkeit ist nämlich das eingetreten, daß gerade auf den Gebieten, wo man erwartet hat, daß durch die Goldwährung die wirtschaftlichen Grenzen fallen, diese doch als notwendig sich herausgestellt haben oder wenigstens von vielen als notwendig betont worden sind. Aus dem wirklichen Wirtschaftsleben heraus hat sich ergeben das Gegenteil von dem, was aus theoretischen Erwägungen heraus gerade von den gescheitesten Leuten vorausgesagt worden ist.

[ 25 ] Es ist dies eine sehr wichtige historische Tatsache, die nicht allzu weit hinter uns liegt, aus der man nur die nötigen Konsequenzen ziehen sollte. Und welches sind diese nötigen Konsequenzen? Es sind diese, die sich einem immer ergeben, wenn man in die wirkliche Wirtschaftspraxis hineinschaut: daß auf dem Gebiete des eigentlichen Wirtschaftslebens, das aus Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum besteht — lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen, ich halte es für eine Wahrheit, die sich wirklich dem unbefangenen Betrachten ergibt —, dem einzelnen seine Gescheitheit gar nichts nützt. Man kann noch so gescheit sein, kann über das wirtschaftliche Leben noch so gescheit nachdenken, die Beweise können restlos stimmen, aber sie werden sich im wirtschaftlichen Leben nicht bewahrheiten. Warum das? Weil das wirtschaftliche Leben überhaupt nicht durch die Erwägung des einzelnen umfaßt werden kann, sondern weil das wirtschaftliche Erfahren, das wirtschaftliche Erkennen nur durch die Verständigung von in verschiedener Weise am Wirtschaftsleben Interessierten zu gültigen Urteilen kommen kann. Niemals kann der einzelne ein bündiges Urteil, auch nicht durch Statistik darüber gewinnen, wie die Wirtschaft laufen soll, sondern nur durch Verständigung, sagen wir, von Konsumenten und Produzenten, die sich in Gesellschaften vereinigen, wodurch der eine dem anderen sagt, was für Bedürfnisse vorliegen, der andere dem einen das sagt, was die Produktion als Möglichkeit hat. Nur wenn ein Kollektivurteil aus der Verständigung innerhalb von Gemeinschaften des wirtschaftlichen Lebens entsteht, kann ein gültiges Urteil für das Wirtschaftsleben sich ergeben.

[ 26 ] Hier berühren wir allerdings etwas, wo die äußere Wirtschaftserkenntnis an, ich möchte sagen, Wirtschaftspsychologie stößt. Aber das Leben ist ja ein Einheitliches, und man kann eben die Seelen der Menschen nicht umgehen, wenn man vom praktischen Leben wirklich sprechen will. Um was es sich handelt ist also, daß ein wirkliches wirtschaftliches Urteil nur folgen kann aus der Verständigung der im Wirtschaftsleben Drinnenstehenden, aus den Erkenntnissen heraus, die sich die einzelnen als Partialerkenntnisse erwerben, und die erst zu adäquaten Urteilen werden dadurch, daß sich die einzelne Erkenntnis des einen an der Erkenntnis des anderen abschleift. Nur die Auseinandersetzung kann im wirtschaftlichen Leben zu gültigen Urteilen führen. Damit aber haben wir zwei radikal verschiedene Gebiete des menschlichen Lebens. Und je praktischer man das Leben anschaut, desto mehr ergibt sich, daß die beiden Gebiete verschieden sind voneinander, und daß zum Beispiel die Produktion, die ja erfordert, daß man die Kenntnisse hat, wie produziert werden soll, wie man aus den menschlichen Fähigkeiten heraus arbeitet, durchaus das menschliche Individuum auf den Plan ruft, daß aber alles dasjenige, was mit der Ware, mit dem Gute geschieht, wenn es produziert ist, dem Kollektivurteil unterliegt. Zwischen beiden Gebieten drinnen steht ein drittes, wo nun nicht der einzelne dasteht, um seine Fähigkeiten, die er sich durch die Geburt ins Leben gebracht hat, zu entfalten, wo er auch nicht mit irgendwelchen anderen sich verbinden kann, um an ihnen sein wirtschaftliches Urteil abzuschleifen und ein Kollektivurteil zustande zu bringen, das für die Bewertung des wirtschaftlichen Lebens in der Praxis gelten kann, sondern wo er so gegenübersteht dem Menschen, daß dieses Gegenüberstehen ein rein Menschliches, ein Verhältnis von Mensch zu Mensch ist.

[ 27 ] Und dieses Gebiet umfaßt alle Verhältnisse, in denen eben der einzelne Mensch dem einzelnen Menschen unmittelbar gegenübersteht, nicht als Wirtschaftender, sondern als Mensch, wo er es auch nicht zu tun hat mit den Fähigkeiten, die einem angeboren oder anerzogen sind, sondern wo er es zu tun hat mit dem, was er in dem sozialen Organismus tun darf oder wozu er verpflichtet sein kann, wozu er sein Recht hat, mit dem, was er im sozialen Organismus eben bedeutet, indem der Mensch als Mensch dem anderen Menschen rein menschlich gegenübersteht, abgesehen von seinen Fähigkeiten, abgesehen von seiner wirtschaftlichen Position. Das ist das dritte Gebiet des sozialen Organismus.

[ 28 ] Es könnte scheinen, als ob diese drei Gebiete ausgeklügelt wären. Das sind sie nicht. Es scheint, als ob sie nicht der Praxis entnommen wären. Das sind sie aber gerade. Denn was ihr Spezifisches ausmacht, das ist unmittelbar in der Lebenspraxis das Wirksame. Und wenn diese drei Gebiete des sozialen Organismus in einer falschen Art zusammenwirken, so entstehen die Schädigungen des sozialen Organismus. Ich habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» — nicht, um etwas zu beweisen, ich weiß sehr gut, daß man durch Analogien niemals etwas beweisen kann, aber um etwas, was ich zu sagen hatte, zu erläutern — die Analogie gebraucht von dem menschlichen Organismus, der ganz gewiß eine Einheit ist, der aber, wenn man ihn mit wirklicher Physiologie analysiert, dennoch auch auf einer Dreigliederung beruht. Wir haben deutlich voneinander unterschieden im menschlichen Organismus den Nerven-Sinnes-Organismus, der zwar den ganzen Menschen durchzieht, aber hauptsächlich im Haupte lokalisiert ist. Wir haben dann im Menschen als zweiten relativ selbständigen Organismus den Atmungs- und Zirkulationsrhythmus, den Rhythmus-Organismus. Und wir haben als dritten Organismus den Stoffwechsel-Gliedmaßen-Organismus, alles dasjenige, was beruht entweder auf den inneren Funktionen des Stoffwechsels oder auf dem Stoffwechselverbrauch in der äußeren menschlichen Beträtigung, die ja anfängt mit der Regung der menschlichen Gliedmaßen, wodurch der Stoffwechsel in Anspruch genommen wird. Wie gesagt, der Mensch ist eine Einheit, aber er ist es gerade dadurch, daß diese drei relativ selbständigen Glieder harmonisch ineinanderwirken. Und würde man an Stelle dieses organischen Zusammenwirkens wünschen, daß der Mensch eine abstrakte Einheit sein soll, so würde man eben etwas Törichtes wünschen. Jedes dieser Glieder hat seine eigenen Öffnungen nach der Außenwelt, die Sinne, die Atmungsöffnungen, die Ernährungsöffnung: relative Selbständigkeit. Und gerade durch diese relative Selbständigkeit wirken die Glieder in der richtigen Weise organisch harmonisch zusammen, indem jedes Glied seine ihm eigene spezifische Kraft entwickelt und dadurch ein Einheitliches entsteht. Wie gesagt, ich weiß, daß man durch Analogie nichts beweisen kann. Ich will auch dadurch nichts beweisen, sondern nur erläutern. Denn derjenige, der ebenso objektiv wie in dieser Physiologie die Dreigliederung des Menschen betrachtet, objektiv den sozialen Organismus betrachtet, wird finden, daß aus seinen ureigensten Qualitäten heraus der soziale Organismus erfordert eine selbständige, relativ selbständige Stellung des Wirtschaftsorganismus, des staatlich-politischen oder rechtlichen Organismus und des geistigen Organismus, in der Begrenzung, wie ich sie angedeutet habe.

[ 29 ] Man hat vielfach mißverständlich dieser Dreigliederung des sozialen Organismus vorgeworfen, daß ja im Grunde genommen diese Trennung gar nicht stattfinden könne, daß zum Beispiel ins Wirtschaftsleben fortwährend die Rechtsverhältnisse hineinspielen, daß auch die geistigen Fähigkeiten hineinspielen und daß es daher ein Unding sei, eine Gliederung im Sinne dieser Dreiheit für den sozialen Organismus herbeiführen zu wollen.

[ 30 ] Auch im menschlichen natürlichen Organismus wirken die drei Glieder eben zu einer Einheit zusammen, gerade dadurch, daß sie, ein jedes, in ihrer spezifischen Eigentümlichkeit sich auswirken können, und es ist durchaus so, daß auch der Nerven-Sinnes-Organismus ernährt wird, daß er seine besonderen Ernährungsvorgänge hat und daß dasjenige, was der Nerven-Sinnes-Organismus ist, auch seine Bedeutung für den Stoffwechsel-Organismus hat. Daß die drei Glieder dennoch relativ selbständig sind, das ergibt eine gesunde Physiologie.

[ 31 ] Eine gesunde soziale Physiologie wird auch ergeben, daß gerade bei relativer Selbständigkeit jedes der drei einzelnen Gebiete — das Geistgebiet, dasjenige Gebiet, wo der Mensch einfach als Mensch dem anderen gegenübersteht, also das rechtlich-staatlich-politische Gebiet, und das wirtschaftliche Gebiet, wo der Mensch zu Assoziationen, zu Gemeinschaften in dem angedeuteten Sinne vorschreiten muß —, daß diese Gebiete, wenn sie relativ selbständig ihre ureigenen Qualitäten entwickeln, dann gerade im rechten Sinne zu einer Einheit zusammenwirken können. Es ist, was sich hier geltend macht, durchaus nicht eine Aufwärmung etwa der alten platonischen Dreigliederung: Lehrstand, Wehrstand, Nährstand, denn da sind die Menschen gegliedert nach drei Ständen. Von einer solchen Gliederung kann unserer gegenwärtigen Zeitlage gemäß nicht die Rede sein, sondern allein von einer Gliederung der Verwaltung, der äußeren Gestaltung der drei Gebiete des Lebens ist allein bei der Dreigliederung des sozialen Organismus die Rede.

[ 32 ] Das geistige Gebiet soll durchaus aus seinen eigenen Grundlagen heraus verwaltet werden. Diejenigen, welche, sagen wir zum Beispiel, Lehrer sind, sie sollen zu gleicher Zeit die Verwalter des Unterrichtswesens sein, so daß wir also nicht getrennt haben auf der einen Seite die pädagogisch-didaktische Wissenschaft, und auf der anderen Seite die Vorschriften des politischen Organismus für den Unterricht. Aus dem, was pädagogisch-didaktische Wissenschaft ist, also unmittelbar aus dem Geistigen, muß alle Verwaltung auf dem Geistgebiete hervorgehen. Auf dem politisch-staatlichen Gebiete wird alles durch die Verständigung von Mensch zu Mensch in den entsprechenden Verwaltungs- und Verfassungskörperschaften hervorgehen können. Auf dem wirtschaftlichen Gebiete werden sich aus Gründen, die ja schon aus meinen heutigen Darlegungen hervorgehen, Assoziationen bilden müssen, in denen die Menschen als Wirtschaftssubjekte drinnen stehen. Diese Assoziationen auf wirtschaftlichem Gebiete, was müssen sie denn vorzugsweise für eine Aufgabe haben? Nun, bei der Gestaltung dieser Aufgabe kann sich gerade das Spezifische zeigen, das ich versucht habe darzustellen in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». In diesen «Kernpunkten der sozialen Frage» ist nirgends gesagt, so oder so sollen soziale Einrichtungen entstehen, das oder jenes ist das Allerbeste. Das würde für mich schon die Berührung mit einem Utopistischen sein. Denn wer das heutige Menschenleben kennt, der weiß, daß selbst wenn man die besten Theorien ausdenkt, die Lebenspraxis von diesen Theorien unendlich wenig hat. Ich bin sogar praktisch von folgendem überzeugt: Man kann, wenn man zwölf, oder weniger oder mehr, gar nicht besonders gescheite Leute zusammensetzt, wunderbare Programme über alles, sagen wir zum Beispiel über die Einrichtung der Volksschule, erhalten, Programme, gegen die gar nichts einzuwenden ist: Punkt 1, Punkt 2, Punkt 3. Wenn das alles Wirklichkeit würde, was da in Punkt 1, Punkt 2, Punkt 3 steht, es wäre geradezu eine ideale Schule da. Aber es kann nicht wirklich werden, weil der Mensch zwar das Idealste ausdenken kann; was sich aber verwirklichen läßt, hängt von ganz anderen Bedingungen ab.

[ 33 ] Wir haben, und zwar soweit es in der heutigen Zeit möglich ist, versucht, in der Waldorfschule in Stuttgart etwas zu begründen, was nun gar nicht auf Programmen aufgebaut ist, was lediglich aus Pädagogik und Didaktik selbst herausfließt. Die Freie Waldorfschule hat eine Anzahl von Lehrern. Auch diese würden, obwohl ich sie deswegen nicht gerade rühmen möchte, wenn sie sich zusammensetzten, ideale Schulprogramme ersinnen können. Aber das wird uns erspart. Die Menschen, die lebendigen Menschen sind in der Lehrerschaft da. Und was die können, das beste, das man aus ihnen herausbringen kann, das soll entwickelt werden. Alle idealen Programme werden dabei abgewiesen, alle Vorschriften werden abgewiesen, alles wird in den unmittelbaren Impuls des individuellen Könnens gestellt. Keine Vorschrift beirrt denjenigen, der — und das ist eben die Aufgabe des individuellen, des persönlichen Menschen — aus Pädagogik und Didaktik, das heißt aus seinen eigenen Fähigkeiten heraus tätig eingreifen soll auf einem gewissen Gebiete des Geisteslebens.

[ 34 ] Man kann selbstverständlich heute solche Dinge nur bis zu einem gewissen Grade ausführen. Aber im praktischen Leben läßt sich eben nirgends ein Ideal verwirklichen, sondern man muß das tun, was sich aus den Lebensmöglichkeiten heraus ergibt. Ebenso ist für alles übrige aus meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» heraus verfahren. Nirgends ist der Versuch gemacht, zu zeigen, wie die einzelnen Einrichtungen sein sollen. Nicht als Forderung, nicht als Ideal, sondern als Beobachtung dessen, was der Mensch in seinem heutigen geschichtlichen Werden will, ist darauf aufmerksam gemacht, daß die Menschen — obwohl sie eben so sind, wie sie einmal sind —, auf ihren richtigen Platz gestellt, anders wirken könnten, als sie heute wirken. Ich gebe daher nicht wirkliche Gestaltungen, wie diese oder jene Einrichtung sein soll, sondern wende mich an die Menschen unmittelbar und sage: Wenn die Menschen in richtiger Weise zusammenwirken und in richtiger Weise die Gesichtspunkte finden, von denen aus sie die soziale Frage zu betrachten haben, dann wird das Beste entstehen, das entstehen kann. — Und ich glaube eben, daß die beste Gestaltung des sozialen Organismus aus dem Menschen heraus die ist, wenn jeder einzelne Mensch, ich möchte sagen, in gesonderter Körperschaft nachdenkt, wirkt und handelt auf dem Geistgebiete, auf dem Rechts- und Staats- oder politischen Gebiete, und auf dem Wirtschaftsgebiete. Jeder Mensch — nicht nach Ständen ist der soziale Organismus gegliedert —, jeder Mensch kann unter Umständen in allen drei Gebieten drinnen stehen, wenn er dazu die Kraft hat. Dasjenige, worauf es ankommt, ist nicht, daß dieser oder jener Mensch gerade auf diesem oder jenem Gebiete wirkt, sondern daß objektiv, abgesondert vom Menschen, diese drei Lebensgebiete selbständig aus ihren Grundbedingungen heraus verwaltet werden, so daß der Mensch in allen dreien oder in zweien oder in einem drinnen sein kann, aber jetzt verwaltet aus den Prinzipien dieses Gebietes heraus. Wer überdenkt, wie sich dadurch die Harmonie der drei Gebiete ergibt, der wird schon sehen, daß es gerade auf die Einheit bei dieser Dreigliederung ankommt, nicht auf die Trennung, wie man mißverständlich in den Kritiken und Besprechungen meint.

[ 35 ] Und so handelt es sich ganz besonders im wirtschaftlichen Gebiete darum, daß die Dinge nicht gefunden werden sollen durch irgendwelche Festsetzungen, sagen wir, durch Studium der Statistik und dergleichen, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus. Ich will an ein Beispiel anknüpfen. Nicht wahr, jedermann weiß, daß ein Artikel, eine Ware im wirtschaftlichen Kreislauf zu billig wird, wenn eine zu große Anzahl von Menschen dasselbe produzieren, wenn eben zuviel produziert wird, und jeder Mensch weiß, daß eine Ware zu teuer wird, wenn zu wenige Menschen sie produzieren. Daran haben wir eine Richtschnur dafür, wo jene Mitte doch objektiv liegt, von der ich gesprochen habe. Diese Mitte, dieser objektive Wert, dieser objektive Preis, der kann nicht als solcher fixiert werden. Wenn aber Assoziationen entstehen, welche ihre Beschäftigung darinnen sehen, das wirtschaftliche Leben praktisch kennenzulernen, praktisch in jedem Augenblicke, in jeder Gegenwart zu studieren, dann kann die Hauptbeobachtung darin bestehen, wie Preise steigen, wie Preise fallen. Und es kann dadurch, daß Assoziationen sich mit diesem Steigen und Fallen der Preise befassen, durch Verhandlungen das erreicht werden, daß eine genügend große Anzahl von Menschen für eine wirtschaftliche Zusammengehörigkeit gebildet werde, eine genügend große Anzahl von Menschen sich mit einem Produktionszweig beschäftigt, daß man gewissermaßen durch Verhandlungen die rechte Anzahl von Menschen in einen Produktionszweig hineinbringt. Das läßt sich nicht theoretisch bestimmen, das läßt sich nur dadurch bestimmen, daß die Menschen an ihre richtige Stelle gestellt sind, daß also aus menschlichem Erleben heraus diese Dinge bestimmt werden. Daher kann man auch nicht sagen: Dies oder jenes ist der objektive Wert. Wenn aber Assoziationen in dieser Richtung im Wirtschaftsleben so arbeiten werden, daß sie es zu einer ihrer Obliegenheiten machen werden, Betriebe, die die Preise zu stark verbilligen nach den entsprechenden Bräuchen, allmählich abzubauen, andere dafür einzurichten, die anderes produzieren, dann werden sich genügend viele Menschen an den einzelnen Produktionszweigen beteiligen. Das kann nur durch ein wirkliches assoziatives Leben geschehen. Und dann wird sich das, was als Preis auftritt für irgendeine Ware, dem objektiven Preise nähern. So daß wir niemals sagen können: Aus diesen oder jenen Bedingungen heraus muß der objektive Preis so oder so sein, sondern nur sagen können: Wenn die richtige menschliche Assoziation entsteht, so kann durch ihre Arbeit im unmittelbaren Leben des sozialen Organismus der richtige Preis allmählich herauskommen. — Nicht darum handelt es sich, anzugeben, wie Institutionen sein sollen, damit das sozial Richtige geschehe, sondern darum handelt es sich, die Menschen in eine solche soziale Verbindung zu bringen, daß aus dem Zusammenwirken der Menschen die allmähliche Lösung der sozialen Fragen entstehe. Denn wer die soziale Frage richtig versteht, kann sie nicht als eine solche ansehen, die einmal heraufgekommen ist und durch irgendeine Utopie gelöst werden könnte, sondern die soziale Frage ist ein Ergebnis des neuzeitlichen Zusammenwirkens, wird eigentlich immer mehr in alle Zukunft vorhanden sein. Dasjenige aber, was obliegt, ist, daß die Menschen von ihrem wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus die sozialen Strömungen verfolgen, und aus Assoziationen heraus, in denen allein ein wirtschaftliches Urteil entstehen kann, das wirtschaftliche Leben nun nicht durch Gesetze, sondern eben aus dem unmittelbaren Leben heraus, durch unmittelbares menschliches Verhandeln in die richtigen Bahnen bringen. Praktisch auf das Menschliche gestellt soll das soziale Leben werden.

[ 36 ] Also nicht darauf gehen die «Kernpunkte der sozialen Frage», irgendeine soziale Struktur zu schildern, sondern darauf gehen sie, anzudeuten, wie die Menschen in ein Verhältnis gebracht werden sollen, damit diese Menschen in ihrem Zusammenwirken von Zeitpunkt zu Zeitpunkt das tun, was die soziale Frage nun nicht in dem Sinne, wie man es manchmal erträumt, löst, sondern in das richtige Fahrwasser bringt. Diese Assoziationen, sie werden es also vorzugsweise, wie man schon daraus sieht, zu tun haben mit dem eigentlichen Wirtschaftsleben. Im eigentlichen Wirtschaftsleben zirkulieren Waren. Daher werden die Assoziationen vorzugsweise aus dem unmittelbaren Leben heraus die Tendenz zu gestalten haben nach dem richtigen Preise, so daß jeder tatsächlich aus seinem eigenen Erzeugen heraus dasjenige auch kaufen kann, was ihn versorgt. Ich habe einmal versucht, in eine Formel zu bringen, wie ein solcher gerechter Preis sich ausnehmen werde. Das ist natürlich nicht gemeint, daß er abstrakt bestimmt werden soll. Bestimmt wird er, wie ich angedeutet habe, aus dem wirklichen Leben heraus. Aber ich habe gesagt: Ein solcher Preis für irgendein Erzeugnis im sozialen Leben, also für eine Ware, ist der, der dem Menschen die Möglichkeit gibt, für sich und seine Familie den Lebensunterhalt und alle seine Bedürfnisse zu besorgen, bis er wiederum ein gleiches Produkt hervorgebracht hat.

[ 37 ] Das stelle ich nicht als ein Dogma hin. Ich sage nicht: Das soll so sein, denn man würde es niemals ausführen können, weil man solche Theorien nicht in die Wirklichkeit einführen kann, sondern ich sage bloß, was sich als richtiger Preis ergibt durch das assoziative Zusammenwirken, das wird nach dieser Richtung hin tendieren. Ich will also gerade ein Resultat angeben. Nicht will ich ein Dogma, irgendein wirtschaftliches Dogma aufstellen. Und gerade darauf kommt es meiner Überzeugung nach beim heutigen wirtschaftlichen Denken an, daß man es überall auf menschliche Grundlagen stellt, daß man wiederum erkenne, inwiefern der Mensch überall der Motor des wirtschaftlichen Lebens sein muß, daß man nicht daran denkt, durch bloße, aus den Gedanken heraus, aus den Theorien heraus zu gestaltende Einrichtungen irgendwie einen sozialen Organismus zu gestalten, sondern daß man versucht, herauszubekommen, wie das Zusammenleben der Menschen sein soll, damit das Richtige entsteht.

[ 38 ] Ich möchte dies noch durch folgende Analogie klarmachen. Auf dem Naturgebiete gibt es dies: daß in den Voraussetzungen, in den Bedingungen, die durch die Menschen geschaffen werden, zwar etwas liegt, was aus dem elementaren Empfinden des Menschen herauskommt, was aber nicht darauf ausgeht, irgend etwas, was sich draußen im sozialen Leben gestaltet, zu fixieren. Man hat nämlich in der neuesten Zeit viel davon gesprochen, wie die embryonale Entwickelung des Menschen beeinflußt werden könnte, so daß man es in einem gewissen Sinne in seiner Willkür hätte, Knaben oder Mädchen in die Welt zu setzen. Nun, ich will natürlich über diese Frage heute nicht theoretisch reden, aber ich betrachte es als ein Glück, wenn diese Frage nicht restlos praktisch gelöst wird, denn obwohl die Menschen nicht abstrakt festlegen können, wie die beste Verteilung von männlichem und weiblichem Geschlecht in der Welt ist, so entsteht diese doch annähernd, ohne daß die Menschen etwas dazutun können. Es gibt eben objektive Gesetzmäßigkeiten, die dann entstehen, wenn der Mensch aus ganz anderen Bedingungen heraus einfach das tut, was seinen elementaren Impulsen entspricht. Und so wird auch, wenn die Assoziationen in der richtigen Weise und aus den Erkenntnissen des Lebens heraus wirken, ohne daß man dogmatisch vorausnimmt, so oder so muß der gerechte Preis sein, dieser Preis durch das assoziative Wirken entstehen. Ich nenne es assoziatives Wirken, weil gewahrt werden soll die menschliche Individualität im Assoziieren, das heißt im Vereinigen der Kräfte des einen mit der Kraft des anderen bleibt die Individualität vorhanden. In den Koalitionen, in den Genossenschaften geht die Individualität unter. Das ist dasjenige, was ins reale, nicht ins dogmatische wirtschaftliche Denken meiner Überzeugung nach hineinführen kann.

[ 39 ] Und man kann sich andere Aufgaben dieser Assoziationen denken. Wenn wir wiederum die Analogie mit dem menschlichen Organismus ins Auge fassen, so können wir sagen: An diesem oder jenem Symptom bemerken wir, daß der menschliche Organismus krank ist. Aus einem Symptomkomplex heraus können wir eine Anschauung über die Krankheit, über den Krankheitsprozeß gewinnen. Ganz ähnlich ist es mit dem sozialen Organismus. Wir sehen heute deutliche Krankheitssymptome im sozialen Organismus. Assoziationen sind das Gesundende. Assoziationen wirken auf Harmonisierung der Interessen hin, so daß die Produzenten- und die Konsumenteninteressen durch das Zusammenwirken in der Assoziation harmonisiert werden, daß andere Interessen harmonisiert werden, daß vor allen Dingen die Interessen zwischen den Arbeitsleitern und Arbeitnehmern harmonisiert werden. Wir sehen heute, wie aus einem kranken Wirtschaftskörper heraus das Gegenteil des assoziativen Lebens entsteht, wir sehen, wie entstehen passive Resistenz, Aussperrung und Ausstand, Sabotage bis zu Aufständen. Niemand, der gesund denkt, kann anders denken, als daß das alles in der entgegengesetzten Richtung des assoziativen Prinzips wirkt, und daß dieses alles, Sabotage, Aussperrungen, Aufstand und so weiter, Krankheitssymptome des sozialen Organismus sind, die überwunden werden müssen durch das, was harmonisierend wirkt. Dazu braucht man aber eine wirklich sinngemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus, so wie der menschliche natürliche, dreigegliederte Organismus sinnvoll gestaltet ist.

[ 40 ] Und jetzt komme ich auf das zurück, was ich gesagt habe, daß Grund und Boden und Kapital selber durchaus nicht kommensurabel sind mit der Ware, denn deren Wert unterliegt den menschlichen Fähigkeiten. Haben wir ein abstrakt Einheitliches, wie es sich in der neueren Zeit immer mehr und mehr herausgebildet hat, das aber auch die Krankheitssymptome von der geschilderten Art und noch andere enthält, dann treibt es eben durch dieses abstrakte Einheitliche dahin, daß auch der Boden, auch das Kapital, zuletzt auch die Arbeit in gleicher Weise bewertet wird wie die Ware.

[ 41 ] Hat man einen dreigegliederten sozialen Organismus, so wirkt auf dem Gebiet des geistigen Lebens die Individualität, wirken die Kräfte der Individualität. Alles dasjenige daher, was mit der Entfaltung der Individualität im Wirtschaftsleben zusammenhängen muß, was also mit Grund und Boden und Kapital zusammenhängt, das muß eigentlich sinngemäß eingegliedert sein dem geistigen Teil des sozialen Organismus. Daher habe ich geschildert, wie allerdings die Verwaltung des Kapitals, wie die Verwaltung von Grund und Boden im geistigen Teil des sozialen Organismus vor sich zu gehen hat. Derjenige, der nun kritisiert, ich würde die drei Gebiete zerreißen, der achtet gar nicht darauf, daß — wie ich selbst es schilderte — der geistige Organismus, der eben auf die individuelle Kraft aufgebaut ist, die Verwaltung des Kapitals, die Verwaltung des Grund und Bodens von selbst übernimmt, wenn die Menschen an ihre richtige Stelle gestellt sind. Das aber, was als Arbeit auftritt im sozialen Organismus, ist eine Leistung, die der Mensch dem Menschen leistet, das ist etwas, was nimmermehr gedeihen kann, wenn es im bloßen Wirtschaftsleben drinnen steht. Daher gehört, was Regelung der Arbeit ist, in den Rechtsstaat, in den politischen Staat. Und es wird gerade dadurch, daß aus ganz anderen Untergründen heraus als heute Zeit und Maß der Arbeit aus den Verhältnissen von Mensch zu Mensch, abgesondert von den wirtschaftlichen Verträgen, die im Wirtschaftsleben durch die Assoziationen bestimmt werden, geregelt werden können, etwas eintreten, was von außerordentlicher Wichtigkeit sein wird: Es wird das wirtschaftliche Leben dadurch auf eine gesunde Basis gestellt, daß es auf der einen Seite die Natur mit ihren Bedingungen hat, auf der anderen Seite den Menschen mit seinen Bedingungen.

[ 42 ] Es wäre ganz gewiß sehr sonderbar, wenn wir uns heute in einem kleinen Komitee zusammensetzen und darüber nachdenken würden, wieviele Regentage im Jahre 1922 sein müssen, damit die wirtschaftlichen Angelegenheiten wunschgemäß verlaufen. Die Natur muß man hinnehmen, und erst auf Grundlage der hingenommenen Natur kann das Wirtschaftsleben aufgebaut werden. Das ist auf der einen Seite. Im dreigliedrigen sozialen Organismus steht auf der anderen Seite vom Wirtschaftsleben, von auf sich selbst gestellten, relativ selbständigen, bis zur Gestaltung des Geldwesens relativ selbständigen Assoziationen der Mensch dem Menschen gegenüber als Mensch, nicht als Wirtschaftssubjekt, und als Mensch bildet er aus die Gesetze der Arbeit. Und jetzt wird man auch nicht aus wirtschaftlichen Gründen heraus, aus denen nur die Warenpreise, die gegenseitigen Wertverhältnisse der Ware, also rein Wirtschaftliches sich feststellen soll, jetzt wird man nicht aus wirtschaftlichen Erfordernissen heraus die menschliche Arbeit bestimmen, wie man nicht aus wirtschaftlichen Verhältnissen heraus die Ertragsamkeit der Natur bestimmen kann. Dann aber erst wird man das Wirtschaftsleben ebenso auf rein menschliche wie auf rein natürliche Verhältnisse gestellt haben.

[ 43 ] Es wird dann allerdings nicht eine Utopie sich verwirklichen können. Allein was würde man denn davon haben, wenn man nachdenken wollte darüber, wie der Mensch besser gestaltet sein könnte, als er nun einmal ist? Man kann ja doch nur ihn studieren, wie er ist. Daher kann gesagt werden, daß es ja ganz schön sein kann, von irgendwelchen Zukunftswelten zu reden, in denen es dem Menschen wünschenswert gut gehe, aber es ist fruchtlos; denn man kann alles mögliche ausdenken, wie der soziale Organismus gestaltet werden soll. Das kann aber niemals die Frage sein. Die Frage kann lediglich die sein: Wie ist er möglich? Wie müssen seine Glieder zusammenwirken, damit er nicht der beste, sondern der durch seine eigenen Kräfte mögliche sei, der mit möglichst wenig Krankheitssymptomen in dem angedeuteten Sinne begabt, in möglichst gesunder Weise sich entwickele?

[ 44 ] Man wird vielleicht, wie ich meine, nach und nach, gerade wenn man aus einer wirklichen Erkenntnis der sozialen Lebensbedingungen heraus sich verständigen will, zu einer Verständigung kommen können über diese Kardinalfrage des Wirtschaftslebens, die ich angedeutet habe, die in meinen ganzen Ausführungen gelebt hat, und die ich nicht abstrakt dogmatisch formelhaft feststellen will. Heute aber entstehen unsere furchtbarsten Kämpfe, die das Wirtschaftsleben zermürben, doch schließlich daraus, daß man nicht mit demselben guten Willen das Wirtschaftsleben studiert, seine Bedingungen innerhalb des sozialen Organismus verfolgt, wie man das etwa in bezug auf den natürlichen Organismus tut. Und erst wenn man, in bezug auf den sozialen Organismus, ebenso vorgehen lernt wie in Biologie, in Physiologie und in der Therapie, dann wird man erkennen, welche Möglichkeiten vorliegen, und dann werden die Fragen, die man heute die sozialen nennt, erst in der richtigen Weise gestellt werden können. Damit werden sie auf das Menschliche zurückgebracht werden können. Daher scheint mir das Allerwichtigste, daß zunächst möglichst viele Köpfe und Sinne gewonnen werden für ein solches naturgemäßes Verständnis des sozialen Organismus, für ein solches Verständnis, das den sozialen Organismus nach Gesundheit und Krankheit zu betrachten vermag, wie die Naturwissenschaft es versucht in bezug auf den menschlichen Organismus. Und man kann, wie ich glaube, heute erkennen, daß in der Tat auch in bezug auf die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens gesagt werden muß, daß die Dreigliederung des sozialen Organismus in die Gebiete des reinen Wirtschaftslebens, des Rechts- oder Staats- oder politischen Lebens, und des geistigen Gebietes das richtige Licht werfen kann. Denn nicht getrennt sollen die drei Gebiete werden, sondern jedes soll gerade dadurch mit den anderen harmonisch zusammenwirken können, daß es in relativer Selbständigkeit seine starken Kräfte entwickeln kann.

[ 45 ] Und die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens ist diese: Wie muß in bezug auf Kapital, Grund und Boden, Bemessung und Bewertung der menschlichen Arbeit, das Staatsleben und Geistesleben in das reine Wirtschaftsleben selbständig hineinwirken, damit im Wirtschaftsleben durch die Ausgestaltung der Assoziationen zwar nicht ein irdisches Paradies, aber ein möglicher sozialer Organismus geschaffen werde? — Und man kann glauben, daß, wenn in so naturgemäßer Weise erst gedacht wird über die Frage, dann eine solche Frage, die man wohl die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens nennen muß, erst in der richtigen, lebensgemäßen, praktischen Weise wird gestellt werden können. Und im Leben ist es meistens so, daß die größten Fehler gemacht werden nicht dadurch, daß man falsche Lösungen anstrebt — es sind in der Regel Utopien —, sondern dadurch, daß man schon die Frage falsch stellt, daß man die Fragen nicht aus der wirklichen Lebensbeobachtung und wirklichen Lebenserkenntnis heraus stellt. Das aber scheint mir heute die bedeutsamste Frage gerade des Wirtschaftslebens zu sein, daß die Fragen richtig gestellt werden und daß das Leben so gestaltet werde, daß nun nicht theoretische Antworten kommen, sondern daß das Leben, die volle menschliche und geschichtliche Wirklichkeit selbst, die Antworten gibt auf die richtig gestellten Fragen. Die Fragen werden aus den geschichtlichen Untergründen heraus gestellt, das Leben muß unmittelbar wirklich die Antwort geben. Keine Theorie kann diese Antwort geben, sondern allein die volle praktische Wirklichkeit des Lebens.