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The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b

9 March 1922, Berlin

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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
  1. Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele

8. Anthroposophie als Lebensinhalt

8. Anthroposophy as a Way of Life

[ 1 ] Wenn von dem Verhältnis der Anthroposophie zu dem Leben des Menschen gesprochen werden soll, muss immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, wie einerseits diese Weltanschauungsrichtung zu ihren Ergebnissen kommt und wie andererseits diese Ergebnisse aufgenommen werden können durch den Menschen. Zu ihren Ergebnissen gelangt Anthroposophie allerdings erst dadurch, dass der anthroposophische Forscher bei sich innere intime Seelenübungen vorausgehen lässt, Seelenübungen, die ihn dazu bringen, mit seinen Seelenkräften sich unabhängig von den Bedingungen der physischen Leiblichkeit des Menschen zu bewegen, sodass er wirklich in denjenigen Zustand kommen kann, den man als «Erleben der Seele außerhalb des menschlichen Leibes» bezeichnen muss. Aber wenn dann nach solchen Vorbereitungen des anthroposophischen Forschers der Inhalt der höheren Welten bis zu diesem oder jenem Grade erschaut ist und Ergebnisse vorliegen, dann kann jeder Mensch, auch das einfachste Menschengemüt, mit dem gesunden Menschenverstand diese Ergebnisse begreifen und sie sich auch aneignen. Und von demjenigen, was für den Menschen Anthroposophie werden kann durch dieses Aneignen von dem Lebensinhalte, den der Mensch sich erwerben kann durch das Sich-Aneignen anthroposophischer Ergebnisse mit dem gesunden Menschenverstande, davon möchte ich heute sprechen.

[ 1 ] When discussing the relationship between anthroposophy and human life, it is essential to repeatedly draw attention to how, on the one hand, this worldview arrives at its conclusions and, on the other hand, how these conclusions can be assimilated by human beings. Anthroposophy, however, only arrives at its findings through the anthroposophical researcher first engaging in intimate inner soul exercises—exercises that enable him to move with his soul forces independently of the conditions of the human physical body, so that he can truly enter into that state which must be described as “the experience of the soul outside the human body.” But once, following such preparations by the anthroposophical researcher, the content of the higher worlds has been perceived to one degree or another and findings are available, then every human being—even the simplest of minds—can comprehend these findings with common sense and also make them their own. And today I would like to speak about what anthroposophy can become for a person through this assimilation of the substance of life—which a person can acquire by assimilating anthroposophical findings using common sense.

[ 2 ] Was der anthroposophische Forscher selber hat, indem er in die übersinnlichen Welten hinaufdringt, davon brauche ich ja nicht zu sprechen. Denn denen, die auch nur ein wenig den Weg betreten haben, der in diese Welt führt, braucht nicht erst gesagt zu werden, was sie in der Anschauung dieser Welten haben. Man muss aber schon ein wenig ausgehen von der Betrachtung des Weges in die übersinnlichen Welten, wenn man verstehen will, was der Mensch, der sich die Ergebnisse mit dem gesunden Menschenverstand aneignet, eigentlich dadurch gewinnt.

[ 2 ] I need not speak of what the anthroposophical researcher himself gains by penetrating into the supersensible worlds. For those who have even slightly set foot on the path leading into this world do not need to be told what they gain from the contemplation of these worlds. However, one must begin by considering the path into the supersensible worlds to some extent if one wishes to understand what a person who assimilates the findings using sound common sense actually gains from this.

[ 3 ] Es sind ja im Wesentlichen drei Stufen innerer Seelenübungen, auf denen der anthroposophische Forscher zu seinen Zielen gelangt, und ich werde heute dasjenige nur ganz kurz erwähnen, was schon in den vorangegangenen, hier von mir gehaltenen Vorträgen die letzten Tage besprochen worden ist. Die erste Stufe dieser Seelenübungen besteht darin, dass durch ein gewisses Üben der Denkkraft diese zum Erstarken gebracht, intensiver gemacht wird, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist, und durch dieses Erstarken der Denkkraft gelangt der Mensch dann zu dem, was ich das imaginative Denken, das imaginative Vorstellen nenne. Man gelangt hinaus über die Blassheit, über die Abstraktheit der gewöhnlichen Gedanken; man gelangt zu Gedanken, die in Bilder verwandelt sind, in denen man aber [mit der Seele] ebenso lebendig drinnen ist, wie man sonst in dem Erleben einer äußeren Sinneswahrnehmung drinnen ist. Man gelangt durch solche Übungen zu einer gewissen inneren Beweglichkeit des Denkens und durch das alles zu der Befreiung des Denkens von der physischen Leiblichkeit des Menschen, an die sonst das gewöhnliche Denken durchaus gebunden ist. Wenn der Geistesforscher diese Übungen in dem Grade absolviert hat, wie es für seine besondere Anlage notwendig ist, so kommt er dazu, wie in einem umfassenden Tableau sein bisheriges Erdenleben seit der Geburt zu überschauen.

[ 3 ] There are essentially three stages of inner spiritual exercises through which the anthroposophical researcher attains his goals, and today I will only very briefly mention what has already been discussed in the previous lectures I have given here over the past few days. The first stage of these spiritual exercises consists in strengthening the power of thought through a certain kind of practice, making it more intense than it is in ordinary life and in ordinary science; and through this strengthening of the power of thought, the human being then attains what I call imaginative thinking, or imaginative visualization. One transcends the pallor and abstractness of ordinary thoughts; one arrives at thoughts that have been transformed into images, yet in which one is just as vividly immersed [with the soul] as one otherwise is in the experience of an external sensory perception. Through such exercises, one attains a certain inner flexibility of thought and, through all of this, the liberation of thought from the physical corporeality of the human being, to which ordinary thinking is otherwise completely bound. When the spiritual researcher has completed these exercises to the degree necessary for his or her particular disposition, he or she comes to survey his or her earthly life since birth as if in a comprehensive tableau.

[ 4 ] Aber diese Überschau ist durchaus eine aktive innere Betätigung, sie ist auch nicht ein bloßes Erinnern; diese Überschau ist ein Erinnern desjenigen, was in unserem Organismus gearbeitet, gekraftet hat seit unserer Geburt. Die Gedanken sind intensiver, bildhafter geworden; damit sind sie zugleich etwas anderes geworden als gewöhnliche abstrakte Gedanken, die wir in der Seele tragen. Wir haben uns mit Gedanken verbunden, die eben durchaus Kräfte sind, und zwar dieselben Kräfte, die uns unser Gehirn, wenn wir noch ein ganz kleines Kind sind, ausgestalten und durchdringen und durchkraften, bis wir ein ausgewachsener Mensch sind. So erleben wir die Lebenskräfte erst in diesem erkrafteten Denken. Dadurch schauen wir uns in unserem inneren Werden hier als Erdenmensch seit unserer Geburt an.

[ 4 ] But this overview is certainly an active inner process; nor is it mere recollection; this overview is a recollection of that which has been at work and active within our organism since our birth. Thoughts have become more intense and vivid; in doing so, they have also become something other than the ordinary abstract thoughts we carry within our souls. We have connected with thoughts that are, in fact, forces—namely, the very same forces that, when we are still very young children, shape, permeate, and energize our brain until we become fully grown human beings. It is only in this energized thinking that we experience the life forces. Through this, we observe our inner development here as earthly human beings from the moment of our birth.

[ 5 ] Wenn man es so dazu gebracht hat, in dieser umfassenden Imagination das innere Bild seines Erdenlebens vor sich zu haben, dann kann man weiterschreiten zur zweiten Stufe der Übungen behufs anthroposophischer Forschung, die einen zu dem bringt, was ich die inspirierte Erkenntnis nenne. Man muss durchaus von dem absehen, was diese Ausdrücke aus der Tradition her an sich tragen; man darf an nichts Abergläubisches oder dergleichen dabei denken, sondern nur an das, was ich hier selber charakterisiere.

[ 5 ] Once one has managed, through this comprehensive act of imagination, to bring the inner image of one’s earthly life before one’s mind, one can proceed to the second stage of the exercises for anthroposophical research, which leads one to what I call inspired knowledge. One must completely set aside the connotations these terms carry from tradition; one must not think of anything superstitious or the like, but only of what I myself am characterizing here.

[ 6 ] Zu dieser zweiten Stufe übersinnlicher Erkenntnis gelangt man nun nicht dadurch, dass man das Denken erkraftet, sondern das schon erkraftete Denken so behandelt, dass man Vorstellungen, die mit Macht im Bewusstsein gerade durch das erkraftete Denken anwesend sind, wieder aus dem Bewusstsein fortschafft und dadurch sich dasjenige aneignet, was man leeres Bewusstsein nennen kann. Ist man imstande, in seiner Seelenverfassung sich zu [finden in dieses leere Bewusstsein], das jetzt nichts in sich hereinkommen lässt von der äußeren Sinneswelt oder von den Erinnerungen, die in einem gewöhnlich sind, dann kommt man gerade dadurch, dass man, nachdem man erst sein Denken erkraftet hat — nun wieder das Bewusstsein leer gemacht hat —, zu der Wahrnehmung einer wirklichen geistigen Welt, sowohl in unserer gegenwärtigen Umgebung als namentlich zur Wahrnehmung derjenigen geistigen Welt, der die Menschenseele in ihrem ewigen Wesensteil angehörte, bevor sie durch die Geburt oder Konzeption aus der geistigen Welt heruntergestiegen ist, um hier einen physischen Leib anzunehmen. Man gelangt innerhalb des leeren Bewusstseins zu einem wirklichen Anschauen dessen, was in dem gewöhnlichen Bewusstsein nicht vorhanden ist und was daher Gegenstand einer inspirierten Erkenntnis genannt werden darf, weil es aus zunächst unbekannten Welten hereinfließt in unsere Seele, was also wirklich inspiriert wird von dem, was uns so aus den übersinnlichen Welten zugänglich ist.

[ 6 ] This second stage of supersensory knowledge is not attained by strengthening one’s thinking, but rather by treating the thinking that has already been strengthened in such a way that one removes from consciousness the ideas that are powerfully present there precisely through that strengthened thinking, and thereby appropriates what one might call empty consciousness. If one is able, in one’s state of mind, to [enter into this empty consciousness]—which now allows nothing to enter from the external sensory world or from the memories that are usually present—then, precisely by after first having strengthened one’s thinking—and now having emptied one’s consciousness once more—to the perception of a real spiritual world, both in our present surroundings and, in particular, to the perception of that spiritual world to which the human soul belonged in its eternal essence before it descended from the spiritual world through birth or conception to take on a physical body here. Within this emptied consciousness, one arrives at a true vision of that which is not present in ordinary consciousness and which may therefore be called the object of inspired knowledge, because it flows into our soul from worlds that are initially unknown to us—and is thus truly inspired by what is accessible to us from the supersensible worlds.

[ 7 ] Lernen wir auf diese Art die Unsterblichkeit der Menschenseele nach der einen Seite hin kennen, so können wir, indem wir die Übungen von den Denkübungen weiter fortsetzen zu Willensübungen, auch nach der anderen Seite dieser menschlichen Unsterblichkeit kommen. Wieder würde man sagen: Nach der einen Seite drückt sich die Ewigkeit der Menschenseele als Ungeborenheit aus, nach der anderen Seite im Jenseits des Todes als Unsterblichkeit. Aber die weitere Fortsetzung zur dritten Stufe übersinnlicher Erkenntnis geht dann aus Willensübungen hervor.

[ 7 ] If we come to know the immortality of the human soul in this way from one perspective, then by continuing the exercises—moving from mental exercises to exercises of the will—we can also arrive at the other aspect of this human immortality. Once again, one might say: On the one hand, the eternity of the human soul expresses itself as pre-existence; on the other hand, in the afterlife, it expresses itself as immortality. But the further progression to the third stage of supersensible knowledge then arises from exercises of the will.

[ 8 ] Man behandelt den Willen so, dass er sich erkraftet. Ich habe schon erwähnt, man erreicht dies dadurch, dass man den Willen selbst losreißt von dem Faden der äußeren Ereignisse, indem man zum Beispiel des Abends den Ablauf seines Tageslebens rückwärts betrachtet, indem man rückwärts eine Melodie empfindet, rückwärts ein Drama vorstellt — [rücklaufend von der letzten Szene des letzten Aktes zu der ersten Szene des ersten Aktes] — und so weiter, also entgegengesetzt dem äußeren Verlauf. Versucht man so in der Selbsttätigkeit den Willen zu beherrschen und zu entwickeln, wie man es sich selbst individuell vorsetzt in der Art, wie ich es in meinen Büchern «Geheimwissenschaft im Umriss» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe, und gelangt man auf diese Weise dazu, den Willen von dem gewöhnlichen Verlauf und den physischen Bedingungen loszureißen, so stellt man sich als Geistesforscher hinein in eine wirkliche geistige Welt. Man bekommt das Bild des Todes, des Herausgehens der Seele aus dem physischen Leib, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht; man bekommt das Erkenntnisbild des ewigen Teiles der Menschenseele nach dem Tode.

[ 8 ] One cultivates the will so that it gains strength. I have already mentioned this is achieved by detaching the will itself from the thread of external events—for example, by reviewing the course of one’s daily life in reverse in the evening, by sensing a melody in reverse, by imagining a drama in reverse—[moving backward from the last scene of the last act to the first scene of the first act]—and so on, that is, in the opposite direction of the external course of events. If one attempts in this way, through self-directed activity, to master and develop the will—as one individually sets out to do in the manner I have described in my books *Outline of Esoteric Science* or *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* — and if, in this way, one succeeds in detaching the will from the ordinary course of events and physical conditions, then, as a spiritual researcher, one enters into a true spiritual world. One gains a vision of death—of the soul’s departure from the physical body as the human being passes through the gate of death—and one gains a vision of the eternal part of the human soul after death.

[ 9 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], dies sind drei Stufen, durch welche sich der Mensch hinaufarbeitet in die übersinnliche Welt. Was er nach dem Durchmachen dieser Erkenntnisstufen über diese übersinnlichen Welten dann zu sagen hat, das kann durchaus nun mit dem gewöhnlichen Menschenverstand, wenn man nur Unbefangenheit genug dazu hat, verfolgt werden. Allein es ist so, dass dieser Menschenverstand nun selbstverständlich — ich möchte sagen — eine gewisse andere Haltung nehmen muss, indem er in eine gewisse Beweglichkeit kommen muss, wenn er dem folgen will, was ihm die Anthroposophie zu sagen hat. So muss sich dieser Menschenverstand zum Beispiel in verschiedener Art verhalten, je nachdem er demjenigen folgt, was der Geistesforscher zu sagen hat aus der imaginativen Erkenntnis oder was er zu sagen hat aus der inspirierten Erkenntnis oder aus der dritten Erkenntnisstufe, die ich anführte und die ich intuitive Erkenntnis nenne. Es ist wirklich so, dass derjenige, der nur durch seinen gesunden Menschenverstand die Ergebnisse der Geisteswissenschaft verfolgt, sich veranlasst fühlt, mit seinem Innern anders hinzuschauen auf das, was durch Imagination, anders auf das, was durch Inspiration, anders auf das, was durch Intuition gewonnen ist.

[ 9 ] [Ladies and gentlemen], these are the three stages through which a person works their way up into the supersensible world. What a person has to say about these supersensible worlds after passing through these stages of knowledge can certainly be understood using ordinary human reason, provided one is open-minded enough. However, it is the case that this common sense must, of course—I would say—adopt a somewhat different attitude, in that it must become more flexible if it is to follow what anthroposophy has to say. For example, this common sense must adopt different approaches depending on whether it is following what the spiritual researcher has to say based on imaginative knowledge, or what he has to say based on inspired knowledge, or based on the third level of knowledge I mentioned, which I call intuitive knowledge. It is truly the case that anyone who approaches the findings of spiritual science solely through their common sense will feel compelled to look inwardly in a different way at what is gained through imagination, in a different way at what is gained through inspiration, and in a different way at what is gained through intuition.

[ 10 ] Lernt man so durch Imagination das Übersinnliche des menschlichen Erdenwesens kennen, lernt man durch Inspiration das kennen, was der Mensch durchgemacht hat vor der Geburt oder Konzeption, so lernt man in der Ausdehnung der Inspiration zur Intuition das kennen, was die Menschenseele durchmacht nach dem Tode. Hat man aber so diese beiden Welten kennengelernt, was der Mensch in der physischen Welt als Übersinnliches kennenlernt und was er kennenlernt als die übersinnliche Welt vor der Geburt und nach dem Tode, dann hat man auch eine Übersicht über das Verhältnis dieser beiden Welten und man lernt nun noch ein Höheres kennen. Was sich der intuitiven Erkenntnis ergibt, ist ein noch Höheres sowohl gegenüber der sinnlichen wie der übersinnlichen Welt. Man kommt zu der Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben, die allerdings einmal einen Anfang genommen haben und ein Ende nehmen werden; aber für die mittlere Lage der Menschenseele ist es so, dass der Mensch einmal ein Leben durchmacht zwischen Geburt und Tod und dann ein Dasein in einer übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dass dies von den einzelnen Menschen wiederholt wird auf den verschiedensten Stufen. Indem man nun dies, was so auf diese dreifache Art aus der übersinnlichen Welt herausgeholt wird, mit dem gewöhnlichen Menschengemüt verfolgt, entwickelt sich gerade in diesem Verfolgen dasjenige, was man als Lebensinhalt aus der Anthroposophie gewinnen kann.

[ 10 ] Just as one comes to know, through imagination, the supersensible aspects of the human being on Earth, and through inspiration, what a person has experienced before birth or conception, so too, by extending inspiration into intuition, one comes to know what the human soul experiences after death. But once one has come to know these two worlds in this way—what the human being comes to know as the supersensible in the physical world and what they come to know as the supersensible world before birth and after death—one also gains an overview of the relationship between these two worlds and comes to know something even higher. What emerges through intuitive knowledge is something even higher than both the sensory and the supersensible worlds. One comes to the realization of repeated earthly lives, which, however, did have a beginning and will have an end; but as regards the middle state of the human soul, it is the case that a human being first undergoes a life between birth and death and then an existence in a supersensible world between death and a new birth, and that this is repeated by individual human beings at the most varied levels. By following with the ordinary human mind what is thus drawn from the supersensible world in this threefold manner, it is precisely in this process of following that what can be gained from anthroposophy as the meaning of life develops.

[ 11 ] Sehr verehrte Anwesende, Anthroposophie gibt nicht triviale Lebensregeln, sie gibt nicht trivialen Trost für diese oder jene Lebenslage oder dergleichen, sondern sie verweist auf das, was der Mensch selber vollbringt, indem er sich zu ihrem Verständnis aufringt. Und in demjenigen, was er durchmacht, indem er in eigener innerer Arbeit zu diesem Verständnis kommt, liegt dasjenige, was der Mensch als Lebensinhalt sich aus der Anthroposophie heraus selber erarbeiten kann. Nicht einen eigentlichen Inhalt also drängt Anthroposophie dem Menschen auf, sondern sie verweist auf eine innere Arbeit und darf gerade nur diese innere Arbeit versprechen, dass sie auf dem Umwege durch dieselbe auch dem Menschen einen Lebensinhalt, einen inneren Halt und innere Sicherheit zu geben vermag.

[ 11 ] Ladies and gentlemen, Anthroposophy does not provide trivial rules for living; it does not offer trivial comfort for this or that situation in life or the like, but rather points to what the human being accomplishes on their own by striving to understand it. And in what a person goes through as they arrive at this understanding through their own inner work lies what a person can develop for themselves as a purpose in life through anthroposophy. Anthroposophy, therefore, does not impose a specific content on the individual, but rather points to inner work and can promise only this inner work—that, indirectly through it, it is able to give the individual a purpose in life, inner stability, and inner security.

[ 12 ] Nehmen wir die erste Stufe: Der Mensch versucht aus seinem gesunden Menschenverstand heraus sich hindurchzuringen zum Verständnis alles dessen, was der Geistesforscher aus imaginativer Erkenntnis zu sagen hat, zum Beispiel über diejenigen Kräfte, die den Menschen als Organismus organisieren, die im Menschen arbeiten. Wer gewissermaßen dasjenige nachzudenken versucht, was der Geistesforscher erkundet hat, der wird finden, dass sein Denken an diesem Nacharbeiten selber innerlich kraftvoller, innerlich aktiver wird, als es im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist. Das gewöhnliche Leben, die gewöhnliche Wissenschaft haben auch nicht diese innere Aktivität notwendig, und das ist es gerade, was insbesondere in unserer Zeit sehr viele Menschen von der Anthroposophie zurückhält. Heute ist man gewohnt, alles, was die Außenwelt dem Menschen darbietet, passiv entgegenzunehmen; man möchte eigentlich alles, was an den Menschen — auch als Erkenntnis — herankommt, durchaus nur passiv empfangen, gewissermaßen genießen. Allein Anthroposophie muss ihrem Wesen nach an den Menschen einen anderen Anspruch stellen. Der Mensch kann sich nicht nur passiv im Denken und Vorstellen hingeben, indem er sie verstehen will; er muss aus seinem inneren Wesen heraus seine Gedanken kraftvoller machen, indem er darangeht, die in seinem Innern waltende Denkkraft zusammenzunehmen, in Bewegung zu versetzen und in einem bewegten Denken dasjenige zu verfolgen, was der Geistesforscher sieht. Dadurch aber fühlen sich verschiedene Menschen in der Gegenwart von der Anthroposophie abgestoßen. Sie wollen nicht diese innerliche Erkraftung in ihrer Seele entfalten; sie möchten, dass ihnen alles hingegeben wird, indem sie dabei passiv bleiben können. Aber gerade indem die Anthroposophie diese Art des Verständnisses verlangt, bildet sie in der Menschenseele dasjenige heran, was zu einer gewissen Selbstständigkeit der Persönlichkeit führt.

[ 12 ] Let us consider the first stage: Drawing on common sense, a person tries to work his way toward an understanding of everything the spiritual researcher has to say based on imaginative insight—for example, about the forces that organize the human being as an organism and that are at work within him. Anyone who, so to speak, tries to reflect on what the spiritual researcher has explored will find that, through this process of working through the material, their thinking itself becomes more powerful and more active inwardly than it is in ordinary life and in ordinary science. Ordinary life and ordinary science do not necessarily require this inner activity, and that is precisely what, especially in our time, holds so many people back from anthroposophy. Today, people are accustomed to passively receiving everything the external world offers them; they would actually like to receive everything that comes to them—including knowledge—entirely passively, so to speak, and simply enjoy it. But by its very nature, anthroposophy must make a different demand on the individual. A person cannot merely indulge passively in thinking and imagining in an effort to understand; they must, from within their own inner being, make their thoughts more powerful by setting out to gather the power of thought at work within them, set it in motion, and, through active thinking, pursue what the spiritual researcher perceives. However, this is precisely why some people today feel repelled by anthroposophy. They do not wish to develop this inner strengthening within their souls; they would prefer to have everything handed to them while remaining passive. But it is precisely because anthroposophy demands this kind of understanding that it cultivates within the human soul that which leads to a certain independence of the personality.

[ 13 ] Das, [meine sehr verehrten Anwesenden], ist wohl eines der ersten Lebensergebnisse, die der Mensch an sich erfährt, wenn er durch die Anthroposophie die Welt kennenlernen will. Es wird seine Persönlichkeit innerlich selbstständiger gemacht, sie wird gewissermaßen in einem solchen Denken — das er üben muss — innerlich verdichtet, und dadurch gelangt er in die Möglichkeit, sich im Leben manchem gegenüber anders zu verhalten, als es gerade heute vielfach der Fall ist.

[ 13 ] That, [my esteemed audience], is surely one of the first insights into life that a person experiences when seeking to understand the world through anthroposophy. It makes one’s personality more independent inwardly; it is, so to speak, inwardly consolidated through this kind of thinking—which one must practice—and through this, one gains the ability to relate to many things in life differently than is often the case today.

[ 14 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], man braucht nur ein wenig unbefangen in das Leben hineinzuschauen, dann sieht man, wie sehr die Menschen heute dem Leben, namentlich auch dem geistigen Leben, passiv hingegeben sind. Wenn man zum Beispiel in eine Parteiversammlung heute geht, kann man allerlei interessante psychologische Phänomene erleben, man kann erleben, wie die Zuhörer durchaus nicht dem Redner eine innere Selbstständigkeit entgegensetzen, sondern, wie sie das, was ihnen dargeboten wird, wie durch eine Suggestion aufnehmen. Schlagworte hätten nicht eine solche Kraft, Phrasen würden nicht eine solche Rolle spielen, wenn sich die Menschen mit einer größeren inneren Selbstständigkeit dem entgegenstellen könnten, was ihnen in dieser Weise dargeboten wird. Und hier ist es gerade das, was man von der Anthroposophie haben kann: dass man sein eigenes Urteil festigt, dichter macht, dass man sich mit seiner vollen Persönlichkeit demjenigen gegenüberstellt, was von der Außenwelt an einen herankommt. Das ist zunächst eine Errungenschaft für das Leben.

[ 14 ] [Ladies and gentlemen], one need only take an unbiased look at life to see how passively people today are devoted to life—and especially to spiritual life. If, for example, one attends a political party meeting today, one can observe all sorts of interesting psychological phenomena; one can see how the audience does not at all counter the speaker with inner independence, but rather absorbs what is presented to them as if through suggestion. Slogans would not have such power, and empty phrases would not play such a role, if people could counter what is presented to them in this way with greater inner independence. And this is precisely what one can gain from anthroposophy: that one strengthens and deepens one’s own judgment, and that one confronts what comes at one from the outside world with one’s full personality. This is, first and foremost, an achievement for life.

[ 15 ] Aber es geht das, was wir von diesem Denken haben, mit dem wir das imaginative Erkennen verfolgen, viel tiefer hinein in die menschlichen Lebensschicksale. Wir müssen ja, wenn wir mit dem gesunden Menschenverstand verfolgen, was der Geistesforscher über die innere Organisationskraft des Menschen sagt, wenn er von dem spricht, was ein Mensch denkt und was mehr ist als ein Denken, was eine Summe von inneren lebendigen Kräften ist — wir müssen dann dieses Denken anpassen demjenigen inneren Arbeiten, das der Geistesforscher selbst entwickelt. Will er aus den gekennzeichneten Untergründen seiner Seele selbst seine Ideen und Gedanken — das sind ja seine Ausdrucksmittel — an die Menschen heranbringen, so muss er in anderen Gedanken sprechen, als die sind, die der äußeren Sinneswelt entlehnt sind. Dadurch wird der Mensch angeregt, seine aktiven Lebenskräfte zu entfalten; [(der Mensch, indem er dem Geistesforscher nachdenkt], appelliert an seine Lebenskräfte, an seine Vitalität. Dadurch kommt es, dass der Mensch sein Denken hinunterschiebt in sein Leben, es lebensvoll macht, dass eine gewisse [Frische, eine innere] Zuversicht und Kraft in das Denken hineinkommt. Das Denken erfährt eine völlige Verwandlung, es wird innerlich kraftvoller an dem Studium der Anthroposophie. Setzt man dies durch längere Zeit fort, so zeigt sich diese Erkraftung des Denkens an dem, was man dadurch erringt für seinen Organismus.

[ 15 ] But what we gain from this way of thinking—with which we pursue imaginative cognition—penetrates much more deeply into the destinies of human life. After all, if we use common sense to follow what the spiritual researcher says about the inner organizing power of the human being—when he speaks of what a person thinks and of what is more than mere thinking, namely a sum of inner, living forces—we must then align this thinking with the inner work that the spiritual researcher himself develops. If he wishes to convey his own ideas and thoughts—which are, after all, his means of expression—to people from the distinctive depths of his soul, he must speak in thoughts other than those borrowed from the external sensory world. This stimulates the person to unfold their active life forces; [(by reflecting on the spiritual researcher’s words], the person appeals to their life forces, to their vitality. As a result, the person brings their thinking down into their life, making it full of life, so that a certain [freshness, an inner] confidence and strength enter into their thinking. Thinking undergoes a complete transformation; it becomes inwardly more powerful through the study of anthroposophy. If one continues this for an extended period, this strengthening of thinking becomes evident in what one thereby gains for one’s organism.

[ 16 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], es ist ein großer Unterschied in der Art — das ist nur ein Beispiel, um das zu charakterisieren, was der Mensch von einem solchen Studium der Anthroposophie hat —, wie zum Beispiel Heilmittel, die durchaus richtige Heilmittel für gewisse Krankheiten sind, auf die eine oder andere menschliche Individualität wirken. Man kann aus den besten medizinischen Methoden Heilmittel für diese oder jene Erkrankung finden und wird dennoch sehen, dass diese oder jene Organisation stumpf bleibt gegenüber einem ganz richtigen Heilmittel. Indem aber der Mensch an die tieferen Kräfte seiner Organisation appelliert, indem er erkennend verfolgt, was der Geistesforscher zu sagen hat, ruft er Heilkräfte in seinem Organismus auf. Denn das, was ich neulich den Bildekräfteleib genannt habe, was wir auf einer gewissen Stufe höherer Erkenntnis in einem großen Tableau überschauen, das enthält Heilkräfte. Es ist nicht nötig, dass dieses erkraftete Denken von vornherein als Heilkraft wirkt; es kann es, wird es aber in den wenigsten Fällen wirklich tun. Wer aber sein Denken wachgerufen hat durch die innere Frische seiner Denkkraft, der macht sich dazu fähig, dass Heilmittel in günstigerem Sinne auf ihn wirken als bei dem, der nicht in einem solchen Sinne seine Denkkraft frisch gemacht hat. [Wir sehen so, dass wir mit unserem Denken herandringen an das, was mehr ist als unser Denken, was das Lebensprinzip ist in uns.] Auf diese Weise können wir uns die Möglichkeit zuführen, empfänglich zu sein für gewisse Heilkräfte, für die wir sonst stumpf wären. Man könnte noch viele Beispiele dafür anführen, wie unmittelbar auf das menschliche Organische ein solcher Menschenverstand wirkt, der sich auf die gekennzeichnete Weise erkraftet und frisch gemacht hat. Wir müssen durchaus sagen: Gerade das, was gegenüber der imaginativen Erkenntnis erlangt wird, macht den Menschen nicht nur stärker in Bezug auf sein Denken, als er etwa sonst wäre, sondern es erkraftet ihn zugleich in Bezug auf seine physische Wesenheit.

[ 16 ] [Ladies and gentlemen], there is a great difference in the nature—and this is just one example to illustrate what a person gains from such a study of anthroposophy—between, for example, remedies that are entirely appropriate for certain illnesses and that have an effect on one human individual or another. One can find remedies for this or that ailment using the best medical methods and yet find that this or that organism remains unresponsive to an entirely appropriate remedy. But by appealing to the deeper forces of their organism, by thoughtfully following what the spiritual researcher has to say, people summon healing forces within their organism. For what I recently called the “body of formative forces”—which we can survey in a grand tableau at a certain level of higher knowledge—contains healing forces. It is not necessary for this invigorated thinking to act as a healing force from the outset; it can do so, but will actually do so in only the rarest of cases. However, whoever has awakened their thinking through the inner freshness of their thinking power enables themselves to be affected by remedies in a more favorable way than someone who has not refreshed their thinking power in this manner. [We see, in this way, that through our thinking we approach that which is more than our thinking—the life principle within us.] In this way, we can open ourselves to the possibility of being receptive to certain healing forces to which we would otherwise be insensitive. One could cite many more examples of how such a human intellect—which has strengthened and refreshed itself in the manner described—acts directly upon the human organism. We must certainly say: It is precisely what is attained in contrast to imaginative knowledge that not only makes a person stronger in terms of their thinking than they would otherwise be, but also strengthens them in terms of their physical being.

[ 17 ] Wer sich in solcher Weise an die Anthroposophie herangemacht hat, wird auch bald bemerken, dass das Denken etwas wird, was seine Leiblichkeit gewissermaßen wie eine sie durchdringende Strömung immer mehr und mehr erfüllt, sodass er verspürt, wie etwas in seine Glieder geht; er wird geschickter, wird tatsächlich einfach in Bezug auf die Verrichtungen [seines Leibes geschickter]. Die Menschen werden schon entdecken, wie sie — indem sie wirklich durch sich selbst das vollziehen, was ich geschildert habe — für die gewöhnlichen Lebensverrichtungen durchaus geschickter werden, welchem Berufe sie auch angehören mögen. Gerade für die Lebenspraxis bietet die anthroposophische Arbeit außerordentlich viel; man hat an ihr in dieser Beziehung schon einen Lebensinhalt.

[ 17 ] Anyone who has approached anthroposophy in this way will soon notice that thinking becomes something that, in a sense, fills their physical body more and more like a current permeating it, so that they feel something entering their limbs; they become more dexterous, indeed simply more dexterous in performing the tasks of their body. People will discover how—by truly carrying out for themselves what I have described—they become far more dexterous in the ordinary tasks of life, whatever their profession may be. Anthroposophical work has an extraordinary amount to offer, particularly for practical life; in this regard, it already provides a purpose in life.

[ 18 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], wenn man auf die zweite Stufe sieht, die in der inspirierten Erkenntnis erreicht wird, so fühlt sich das Denken wieder in anderer Weise angeregt, wenn man dasjenige nachdenkt, was von dem Geistesforscher in der inspirierten Erkenntnis aus der übersinnlichen Welt herausgeholt wird über das Wesen dieser übersinnlichen Welt, sei es, dass sie der uns umgebenden Natur zugrunde liegt oder dass sie diejenige übersinnliche Welt ist, in der wir selbst sind vor der Geburt oder nach dem Tode. Dann fühlt das Denken sich [in anderer Weise] so angeregt, dass gewisse Empfindungen im Menschen rege werden, frisch werden, kraftvoll werden, die eigentlich unter keinem anderen Einfluss so frisch und so kraftvoll werden als gerade durch das denkende Verfolgen des durch Inspiration Erforschten. Vor allem wird man sehen, dass, [indem man in dieser Art sein Denken ausbildet], man in die Natur mit einem ganz anderen Sinn einzudringen vermag, als man das vorher konnte. Ich möchte sagen: Während man vorher etwa eine Pflanze betrachtet, indem man hinschaut auf ihre grünen Blätter, auf ihre farbigen Blütenblätter und gewissermaßen das, was die Blume von der Sonne zurückstrahlt, mit seinem Auge sieht, dringt man nachher gleichsam in die Geheimnisse der Pflanze selber hinunter. Man fühlt gewissermaßen das von der Pflanze aufgenommene Sonnenlicht im Innern der Pflanze pulsieren. Man identifiziert sich nach und nach mit dem, wie die Pflanze aus dem Keime herauswächst, wie Blatt zu Blatt kommt, wie sie die Blüte heraustreibt; man geht mit seinem Seelenleben in Bezug auf das innere Werden der Pflanze selbst mit und so mit jedem einzelnen [Naturprozesse]. Es ist etwas wie ein Untertauchen in die Natur, wie ein Ausbilden eines elementarischen Natursinnes. Das ist das Eigentümliche derjenigen anthroposophischen Wissenschaft, die hier gemeint ist, dass sie nicht etwa eine weltfremde Mystik erzeugt, sondern den Menschen heranbringt an die Wirklichkeit, ihm einen Natursinn gibt, durch den er sich nach und nach vertiefen kann in die Schönheit und in die Größe der Natur, sodass er wieder zusammenwächst mit der Natur und sich zuletzt in einer Einheit mit ihr fühlen kann.

[ 18 ] [Ladies and gentlemen], when one looks at the second stage, which is attained through inspired insight, then the thinking is stimulated in yet another way when one reflects on what the spiritual researcher, through inspired insight, brings forth from the supersensible world regarding the nature of this supersensible world—whether it underlies the nature that surrounds us or is the supersensible world in which we ourselves exist before birth or after death. Then thinking feels stimulated [in a different way] in such a way that certain sensations within the human being are awakened, become fresh, and become powerful—sensations that, under no other influence, become as fresh and as powerful as they do precisely through the thoughtful exploration of what has been investigated through inspiration. Above all, one will see that, [by training one’s thinking in this way], one is able to penetrate nature with a sense entirely different from what was previously possible. I would like to say: Whereas before one might observe a plant, for example, by looking at its green leaves, its colorful petals, and, in a sense, what the flower reflects back from the sun—seeing these things with one’s eyes—one subsequently penetrates, as it were, into the very secrets of the plant itself. One feels, as it were, the sunlight absorbed by the plant pulsating within it. One gradually identifies with the way the plant grows from the seed, how leaf follows leaf, how it brings forth the flower; one’s inner life moves in step with the plant’s inner development and, in this way, with every single [natural process]. It is something like an immersion into nature, like the development of an elemental sense of nature. This is the distinctive feature of the anthroposophical science referred to here: that it does not generate some otherworldly mysticism, but rather brings the human being closer to reality, giving them a sense of nature through which they can gradually immerse themselves in the beauty and grandeur of nature, so that they grow back together with nature and can ultimately feel at one with it.

[ 19 ] Ich sage nicht — [meine sehr verehrten Anwesenden] —, dass alle diese Dinge nicht auch durch gewisse ursprüngliche, elementarische, menschliche Veranlagungen da sein können bis zu einem gewissen Grade. Aber das ist zu sagen, dass selbst für den, der durch seine angeborenen Fähigkeiten bis zu einem hohen Grade solche Eigenschaften hat, diese auch dann noch gesteigert werden können, indem er die Ergebnisse anthroposophischer Inspiration verfolgt. Gleichgültig, ob man wenig oder viel von einem Natursinne hat, man kann das, was man hat, auf diese geschilderte Art noch steigern.

[ 19 ] I am not saying—[my esteemed audience]—that all these things cannot also exist to a certain degree through certain innate, elemental human dispositions. But what must be said is that even for those who, by virtue of their innate abilities, possess such qualities to a high degree, these can still be enhanced by following the insights of anthroposophical inspiration. Regardless of whether one has a little or a great deal of natural intuition, one can still enhance what one has in the manner described.

[ 20 ] Und ein anderes stellt sich ebenfalls ein durch denkerisches Verfolgen der inspirierten Erkenntnis: Man lernt sich hineinleben in ein anderes Fühlen gegenüber seinen Mitmenschen. Gelangt man in einer gewissen Weise in den Besitz einer eigenen selbstständigen Persönlichkeit durch das denkerische Nacherleben der Imagination, so gelangt man durch das Nacherleben der Inspiration in das Innere der Natur hinein, aber auch in einem gewissen Grade in das Innere der anderen Menschen hinein — wieder etwas, was ganz besonders in der Gegenwart berücksichtigt werden sollte.

[ 20 ] And another state arises through the intellectual reflection on inspired insight: one learns to immerse oneself in a different way of feeling toward one’s fellow human beings. If, in a certain sense, one comes to possess one’s own independent personality through the intellectual re-experiencing of imagination, then through the re-experiencing of inspiration one enters into the innermost being of nature, but also, to a certain degree, into the innermost being of other people—again, something that should be taken into account especially in the present.

[ 21 ] Sehen wir uns an, wie heute die Menschen oftmals so verständnislos aneinander vorbeigehen, oder sehen wir, wie wenig Menschen es heute gibt, die wirklich dem andern zuhören können. Das ist etwas, was zum Menschenverständnis gehört, dem andern zuhören zu können. Wie oft muss man heute gerade das beobachten, wie ein jeder, wenn der andere zu ihm spricht, wenn er nur eine lautere Stimme gegenüber dem anderen zur Verfügung hat, ihm ins Wort fällt und das vorbringt, was er sagen will, was er weiß, während sich das soziale Leben ganz anders gestalten könnte, wenn die Menschen mit Verständnis aufeinander eingehen würden. Aber — [meine sehr verehrten Anwesenden] — derjenige, der denkerisch die inspirierten Erkenntnisse verfolgt, merkt allmählich, wie das, was er mit anderen Menschen erlebt, im Grunde genommen etwas ist, was zum tiefsten Innern seiner eigenen Seele gehört. Hier stehen wir bereits an einem Punkt, wo Anthroposophie auf ihre genaueren Ergebnisse eingehen muss, um gewisse Dinge, die im Leben da sind, in ihren richtigen Verhältnissen darlegen zu können.

[ 21 ] Let’s look at how people today often pass each other by without understanding one another, or consider how few people there are today who can truly listen to others. Being able to listen to others is an essential part of understanding people. How often do we observe this today: when one person speaks to another, and if the speaker has even just a slightly louder voice, they cut the other off and push forward what they want to say, what they know—even though social life could take a completely different form if people were to engage with one another with understanding. But—[my dear friends here present]—those who thoughtfully pursue these inspired insights gradually realize that what they experience with other people is, at its core, something that belongs to the deepest innermost part of their own soul. Here we have already reached a point where anthroposophy must delve into its more precise findings in order to be able to present certain aspects of life in their proper context.

[ 22 ] In unserem [Empfindungs- und] Gefühlsleben offenbaren wir als Menschen ja selbst das, was wir an der Außenwelt erleben, was Ergebnisse der Eindrücke der Außenwelt sind. Aber nicht alle diese Eindrücke bilden unmittelbar einen Inhalt unserer Gefühle, unseres ganzen Gemütes während unseres wachen Tageslebens. Wer noch genauer, als das gewöhnlich der Fall ist, das nächtliche Traumleben mit seiner inneren Dramatik zu studieren vermag, wird schon eine Ahnung von dem bekommen, was dann die Anthroposophie zur völligen Gewissheit erheben kann: dass nämlich in den Tiefen des Gemütslebens unten dasjenige sitzt, was Ergebnisse sind unserer intimen Verhältnisse [zu den Menschen], mit denen wir im Leben zusammenkommen. So wie in unseren Träumen in der mannigfaltigsten Weise das auftaucht, was wir vielleicht bei Tage gar nicht berücksichtigen werden, an dem wir nicht mit intensivem Gefühl hängen, wie es im Bilde auftaucht, so dringen die Verhältnisse, in denen wir im sozialen Zusammensein mit den Menschen sind, in viel tiefere Untergründe unseres Gemütslebens ein als diejenigen Dinge, die uns im Tagesleben zum Bewusstsein kommen. Beziehungen von Mensch zu Mensch existieren, die gerade tief in das Gemütsleben eindringen. Wir stehen zwischen Mensch und Mensch und wir unterhalten uns mit dem andern, weil uns das Leben in Anspruch nimmt, vielleicht immer nur oberflächlich, aber es gibt so manches, was tiefer zwischen Mensch und Mensch spielt. [Auch demjenigen, der nicht Geistesforscher ist, verrät das Traumleben manches.]

[ 22 ] In our [sensory and] emotional life, we as human beings reveal what we experience in the external world—that is, the results of impressions from the external world. But not all of these impressions directly form the content of our feelings or our entire state of mind during our waking daily life. Anyone who is able to study the nightly life of dreams, with its inner drama, even more closely than is usually the case, will already gain a sense of what anthroposophy can then elevate to complete certainty: namely, that deep within our inner life lies what arises from our intimate relationships [with the people] we encounter in life. Just as what we might not even take into account during the day—things to which we are not deeply attached—appears in our dreams in the most varied ways, so too do the relationships we have with others in our social interactions penetrate much deeper into the recesses of our emotional life than those things that come to our consciousness in daily life. There are relationships between people that penetrate deeply into the inner life. We stand between one person and another and converse with the other because life demands it of us—perhaps always only superficially—but there is much that plays out more deeply between people. [Even to those who are not researchers of the spiritual realm, the world of dreams reveals many things.]

[ 23 ] Das alles, was wir so [von Mensch zu Mensch] erleben, bildet den Untergrund unseres Gemütslebens, unseres gesamten Gefühlssystemes. Und manches von dem, was aus den Tiefen dieses Gemütslebens als Disharmonien heraufkommt, was so heraufkommt, dass wir uns fühlen wie von einem inneren Schmerz, einer innerlichen Entbehrung oder Enttäuschung durchdrungen, das alles rührt oft davon her, dass Beziehungen von Mensch zu Mensch sich gebildet haben, [die wir uns nicht zum Bewusstsein gebracht haben], die unten im Gemüt sitzen, die uns plagen und nur darauf warten, dass wir sie völlig ins Bewusstsein bringen, um sie in der richtigen Weise in ein Verhältnis zum eigenen Seelenleben zu stellen. Es ist manchmal die Lösung des Rätsels gegenüber dem eigenen Gemütsleben, dass wir in der richtigen Weise die Erlebnisse uns zum Bewusstsein zu bringen wissen.

[ 23 ] Everything we experience in this way [from person to person] forms the foundation of our inner life, of our entire emotional system. And much of what rises from the depths of this emotional life as disharmony—what rises in such a way that we feel as if we are permeated by an inner pain, an inner deprivation, or disappointment—all of this often stems from the fact that person-to-person relationships have formed, [which we have not brought into consciousness], that lie deep within the soul, that torment us and are just waiting for us to bring them fully into consciousness so that we can relate them properly to our own inner life. Sometimes the key to unraveling the mystery of our own inner life lies in knowing how to bring these experiences into consciousness in the right way.

[ 24 ] Wenn wir nun denkend die Ergebnisse der inspirierten Erkenntnis verfolgen, so eignen wir uns einen Sinn an zum Beispiel für das gute Zuhören gegenüber anderen Menschen, aber im weiteren Sinne überhaupt für das Verständnis gegenüber unseren Mitmenschen, und wir entwickeln gerade dadurch im tieferen Sinne einen sozialen Sinn. Wir entwickeln dasjenige in uns, was uns ganz besonders geeignet macht, uns hineinzufinden in die soziale Menschenordnung zu unserer eigenen Befriedigung und zum Wohle der anderen Menschen, insofern dieses Wohl von uns ausgehen kann. Ein reichster Lebensinhalt wird so dem Menschen, dass er alles Gute und Böse im Menschen dadurch beeinflusst, dass er sein Denken geschult hat an dem Begreifen inspirativer Wahrheiten. Welt- und Menschenerkenntnis durch diesen Natursinn und Menschenverständnis erwirbt man sich, indem man einzudringen versucht in die Ergebnisse der inspirierten Erkenntnis. Wiederum ist es hier so, dass die Anthroposophie den Menschen nicht weltfremd macht, sondern ihn gerade heranbringt an das Leben und an die Menschen.

[ 24 ] When we thoughtfully follow the results of inspired insight, we acquire an appreciation, for example, for listening attentively to others, but in a broader sense, for understanding our fellow human beings in general; and it is precisely through this that we develop a sense of social awareness in a deeper sense. We develop within ourselves that which makes us particularly well-suited to finding our place within the social order of humanity—for our own fulfillment and for the benefit of others, insofar as this benefit can emanate from us. A rich and fulfilling purpose in life is thus given to the individual, such that he or she influences all that is good and evil in humanity by having trained his or her thinking through the comprehension of inspired truths. One acquires knowledge of the world and of humanity through this sense of nature and understanding of human beings by attempting to penetrate the findings of inspired knowledge. Here, too, it is the case that anthroposophy does not make a person unworldly, but rather brings them closer to life and to other people.

[ 25 ] Wir erleben in unserer Zeit vieles, was man soziale Forderungen nennt. Das aber, was soziales Fühlen und Empfinden ist, das ist — [der Unbefangene kann es einsehen] — in unserer Zeit doch weniger entwickelt. Aber das ist etwas, dessen Entwicklung unsere Zeit gar sehr braucht, und in dieser Beziehung kann und darf Anthroposophie eine Art Zeitaufgabe erfüllen, indem sie auf dem angedeuteten Wege den Menschen dazu bringt, wiederum dem [anderen] Menschen nahezustehen. Man darf schon sagen: Echter, kraftvoller Nächstenliebe durch Verstehen des Nächsten kann gerade Anthroposophie durch das Verständnis dessen dienen, was ich geschildert habe. [Und wodurch wird das alles erreicht, meine sehr verehrten Anwesenden? Es wird dadurch erreicht, dass der Mensch, indem er in der angedeuteten Weise die inspirierten Wahrheiten verfolgt, sich einen ganz bestimmten verinnerlichten Wahrheitssinn aneignet.]

[ 25 ] In our time, we experience many things that are called social demands. But what constitutes social feeling and sensitivity is—[as anyone with an open mind can see]—less developed in our time. But this is something whose development our time sorely needs, and in this regard, anthroposophy can and must fulfill a kind of mission for our time by leading people, in the manner I have indicated, to once again feel close to their fellow human beings. One may indeed say: Anthroposophy, through an understanding of what I have described, can serve to foster genuine, powerful love for one’s neighbor through an understanding of the neighbor. [And how is all this achieved, my esteemed audience? It is achieved when a person, by pursuing the inspired truths in the manner described, acquires a very specific, internalized sense of truth.]

[ 26 ] Im gewöhnlichen Leben haben wir — [wenn ich es so nennen darf] — einen logischen Wahrheitssinn. Durch unsere Schlussfolgerungen [und Urteile] gelangen wir dazu, das eine als richtig, das andere als falsch zu finden; das trägt einen gewissen logischen Charakter. Indem wir mit diesem logischen Charakter dann die inspirierten Wahrheiten verfolgen, verinnerlicht sich unser ganzes Weltverständnis. Unser Wahrheitssinn selbst wird ein anderer. Wir beginnen, das, was sich in den Weltenzusammenhange als richtiges hineinstellt, zu empfinden als etwas Gesundes. [Das ist eine große Errungenschaft — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn wir ein Urteil, eine Schlussfolgerung nicht mehr bloß als logisch richtig empfinden, sondern dasjenige, was richtig ist, als etwas die Seele Gesundmachendes, Erhaltendes, Erkraftendes wirklich innerlich empfinden; sodass wir eine Sympathie haben im Anschauen mit demjenigen, was wahr ist]; wenn der Irrtum so vor uns hintritt, dass wir ihn als etwas die Seele Krankmachendes, sie Schwächendes und innerlich als eine Antipathie empfinden. Dadurch tritt in der Seele auf einer höheren Stufe etwas auf, was man nennen kann ein «psychisch-instinktives Leben», etwas, was uns, gerade weil es instinktiv ist, mit Sicherheit durch das Leben führen kann.

[ 26 ] In everyday life, we have—[if I may call it that]—a logical sense of truth. Through our inferences [and judgments], we come to regard one thing as true and another as false; this has a certain logical character. As we then apply this logical character to the inspired truths, our entire understanding of the world becomes internalized. Our very sense of truth itself changes. We begin to perceive what presents itself as true within the context of the world as something wholesome. [This is a great achievement—my esteemed audience—when we no longer perceive a judgment or a conclusion merely as logically correct, but truly feel inwardly that what is right is something that heals, sustains, and strengthens the soul; so that we feel a sympathy in our perception for that which is true]; when error presents itself to us in such a way that we perceive it as something that makes the soul sick, weakens it, and evokes an inner antipathy. Through this, something emerges in the soul at a higher level that can be called a “psychic-instinctive life”—something that, precisely because it is instinctive, can guide us safely through life.

[ 27 ] Wir wissen, wie bei den Tieren eine gewisse Sicherheit durch Instinkt [in Bezug auf das physische Leben] da ist; sie gehen an dem vorbei, was ihnen als Nahrung schädlich ist, und wählen sich das aus, was ihnen förderlich ist. Gewiss, wir dürfen nicht das seelische mit dem physischen Instinktleben vergleichen; aber wenn man sicht, wie auf einer höheren Stufe etwas Ähnliches im Menschenleben auftritt, [da es auf einer höheren Stufe im Seelischen auftritt], so muss man von einem Psychisch-Instinktiven sprechen. [Man kommt dazu, sich in der Welt so einzuleben, dass man gegenüber Wahrheit und Irrtum — wie bei einer Farbe — mit einer InstinktSicherheit empfindet, wie das Tier empfindet durch seinen Instinkt gegenüber seinen Nahrungsmitteln und den Giften. Gerade dadurch kommt durch das Nachdenken inspirierter Wahrheiten dieser Seeleninstinkt in unseren menschlichen Organismus herein. Gerade dadurch bereichern wir unseren Lebensinhalt ganz wesentlich.]

[ 27 ] We know that animals possess a certain instinctive sense of safety [with regard to physical life]; they avoid what is harmful to them as food and choose what is beneficial. Certainly, we must not compare the spiritual life with the physical instinctual life; but when one sees how something similar occurs in human life on a higher level—[since it occurs on a higher level in the spiritual realm]—one must speak of a psychic-instinctual aspect. [One comes to settle into the world in such a way that, when it comes to truth and error—just as with a color—one senses them with an instinctive certainty, just as an animal senses its food and poisons through its instinct. It is precisely through this—through reflection on inspired truths—that this soul instinct enters our human organism. It is precisely through this that we enrich the substance of our lives in a very significant way.]

[ 28 ] Der Mensch gewinnt etwas, [als inneren Halt], wie Lebenssicherheit, indem er sich diese Instinktivität auf einer höheren Stufe anzueignen vermag. Und gerade dadurch, dass wir uns im unmittelbaren Anschauen die Möglichkeit erwerben, etwas als gesunde Schlussfolgerung zu empfinden beziehungsweise es als etwas Krankhaftes, Zerstörendes zu empfinden, gerade dadurch machen wir uns fähig, Natursinn und Menschenverständnis zu entwickeln.

[ 28 ] Human beings gain something—[inner stability], such as a sense of security in life—by being able to appropriate this instinctiveness at a higher level. And it is precisely because, through direct observation, we acquire the ability to perceive something as a healthy conclusion or, conversely, as something pathological and destructive, that we enable ourselves to develop a sense of nature and an understanding of humanity.

[ 29 ] Wenn ich ein Weiteres nennen darf — [meine sehr verehrten Anwesenden] —, so kommen wir da wieder tiefer hinein in die Ergebnisse der Anthroposophie. Was man vor allem als Vorbereitung braucht, um die Offenbarungen der übersinnlichen Welten mit seiner entwickelten Erkenntnis zu empfangen, ist ein gewisses schnelles Auffassen, eine gewisse Geistesgegenwart. Wie man sie entwickelt, habe ich in den Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft im Umriss» geschildert. Warum braucht man Geistesgegenwart? Nun, in dem Augenblick, wo die wirkliche geistige Welt vor einem auftritt, hat man es nicht mehr mit denselben Raum- und Zeitverhältnissen zu tun wie vorher; sondern es ist nötig, dass man ein Geistiges oftmals in demselben Moment auffasst, wo es auftritt. Denn ist man nicht geistesgegenwärtig genug, um es in demselben Moment zu erfassen, wo es auftritt, so ist es auch schon wieder vorüber; man kann es dann überhaupt nicht erfassen. Es ist eine Grundanforderung an den anthroposophischen Geistesforscher, dass er sich für sein Forschen gerade eine gewisse Geistesgegenwart erwirbt. Was er durch Inspiration gewinnt und mit Geistesgegenwart erfassen muss, dem haftet, wenn er es nachdenken soll, noch etwas von dem an, wie die Sache gefunden worden ist. Indem nämlich der Mensch es nachdenkt, regt er in sich selbst diejenigen Eigenschaften an, die dazu geführt haben, dass so etwas gefunden werden konnte. [Es ist daher eine Schulung der Geistesgegenwart, die inspirierten Wahrheiten, wenn sie wirklich solche sind, denkerisch zu verfolgen.] Damit aber machen wir uns wiederum lebenstüchtiger. Denn wie sehr leidet heute mancher Mensch daran, wenn er gegenüber diesem oder jenem im Leben, das von ihm einen Entschluss verlangt, nicht zu einem Entschluss kommt! Entschlussfähig werden ist das, was man ganz besonders durch das denkerische Verfolgen der inspirierten Wahrheiten gewinnen kann. Und diese Geistesgegenwart wird noch gefördert, wenn man geradezu bewusst aufmerksam wird, wie man manches, wofür man früher lange Gedankenketten gebraucht hat, um es einzusehen, jetzt gewissermaßen in einem Augenblick überschaut, weil man es als gesunde Wahrheit oder als krank machenden, zerstörenden Irrtum unmittelbar empfindet, so unmittelbar, wie man sonst ein Geschmackerlebnis, ein Geruch- oder ein Tasterlebnis hat. Es ist durchaus so, dass man gegenüber Wahrheit und Irrtum in sich diejenige Lebendigkeit entwickelt, in der man sonst ist gegenüber der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, aber dass man diese Lebendigkeit entwickelt als das Erleben eines höheren, übersinnlichen Gebietes.

[ 29 ] If I may mention one more thing—[my esteemed audience]—we will delve even deeper into the findings of anthroposophy. What is needed above all as preparation for receiving the revelations of the supersensible worlds with one’s developed insight is a certain quickness of comprehension, a certain presence of mind. I have described how to develop these qualities in the writings *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and *An Outline of Esoteric Science*. Why is presence of mind necessary? Well, the moment the real spiritual world appears before you, you are no longer dealing with the same spatial and temporal conditions as before; rather, it is necessary to grasp a spiritual reality often at the very moment it appears. For if you are not quick-witted enough to grasp it at the very moment it appears, it is already gone again; and one cannot grasp it at all. It is a fundamental requirement for the anthroposophical spiritual researcher to acquire a certain presence of mind specifically for his research. Whatever he gains through inspiration and must grasp with presence of mind retains, when he reflects on it, something of the way in which it was discovered. For when a person reflects on it, they stimulate within themselves those qualities that led to the discovery of such a thing in the first place. [It is therefore a training of mental alertness to pursue inspired truths—if they are truly such—through reflection.] And in doing so, we in turn make ourselves more capable of living. For how much do some people suffer today when, faced with this or that situation in life that demands a decision, they are unable to reach one! The ability to make decisions is precisely what one can gain through the intellectual exploration of inspired truths. And this presence of mind is further enhanced when one becomes consciously aware of how many things—which previously required long chains of thought to comprehend—are now, so to speak, grasped in an instant, because one perceives them immediately as healthy truth or as a sickening, destructive error, just as immediately as one otherwise experiences a taste, a smell, or a tactile sensation. It is certainly the case that one develops within oneself the same vividness toward truth and error as one otherwise has toward external sensory perception, but that one develops this vividness as the experience of a higher, supersensory realm.

[ 30 ] [Nun, meine sehr verehrten Anwesenden], weiter steigt dann der Geistesforscher auf zur Erforschung dessen, was sich ihm darbietet durch intuitive Erkenntnis dadurch, dass er seinen Willen weiter ausbildet, erkraftet, sodass dieser Wille unabhängig wird von der physischen Leiblichkeit und der Mensch sich hineinzustellen vermag in die äußere geistige Welt. Er vermag dann mit seinem Seelisch-Geistigen ebenso drinnenzustehen in der äußeren geistigen Welt, wie er mithilfe seiner Sinne drinnensteht in der physischen Welt. Dieses Drinnenstehen in der äußeren geistigen Welt ist aber im Grunde genommen nichts anderes als ein Erleben eines der edelsten menschlichen Impulse auf einer höheren Lebensstufe: Es ist ein Erleben in Liebe. Es ist auch ein Erleben in Freiheit; denn unfrei wird der Mensch nur dadurch, dass er — wie ich es schon im Beginne der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in der «Philosophie der Freiheit»

[ 30 ] [Well, my esteemed audience], the spiritual researcher then proceeds to explore what is revealed to him through intuitive knowledge by further developing and strengthening his will, so that this will becomes independent of the physical body and the human being is able to enter into the outer spiritual world. He is then able to stand within the outer spiritual world with his soul-spiritual being just as he stands within the physical world with the aid of his senses. This standing within the outer spiritual world, however, is essentially nothing other than the experience of one of the noblest human impulses on a higher level of life: it is an experience in love. It is also an experience of freedom; for a human being becomes unfree only by—as I already explained at the beginning of the 1890s in *The Philosophy of Freedom*

[ 31 ] in allen Einzelheiten ausführte — von seiner Leiblichkeit abhängig wird. In dem Augenblick, wo der Mensch sich aufschwingt, Impulse zu haben, die er durch moralische Intuition erfasst, wird er [in moralischer Beziehung] eine freie Persönlichkeit. Er kann aber auch eine freie Persönlichkeit werden in Bezug auf seine ganze Stellung zur Umwelt, namentlich zur geistigen, übersinnlichen Grundlage dieser Umwelt, zur übersinnlichen Grundlage des eigenen Menschenwesens, wenn diese übersinnliche Grundlage sich darbietet im Erleben vor der Geburt und nach dem Tode und auch in dem Erleben der wiederholten Erdenleben.

[ 31 ] explained in full detail—becomes dependent on his physical nature. The moment a person rises to the level of having impulses that he grasps through moral intuition, he becomes [in a moral sense] a free personality. But a person can also become a free personality in relation to their entire stance toward the environment—namely, toward the spiritual, supersensible foundation of this environment and toward the supersensible foundation of their own human being—when this supersensible foundation reveals itself in experiences before birth and after death, as well as in the experience of repeated earthly lives.

[ 32 ] Was da in einer äußeren, geistigen Welt drinnensteht, auch in einer äußeren, geistigen Tatsachenwelt, das ist die Liebe auf einer höheren Stufe, die Liebe, die schon in der Sinneswelt den Menschen in einem gewissen Sinne befreit von dem, was ihm sonst aus den Trieben und Instinkten heraus seine Körperlichkeit aufdrängt. Es ist eine schöne Definition der Liebe, die einst Karl Julius Schröer gab, die er näher in seinem Buch über Goethe begründete, indem er sagte: «Liebe ist die einzige Leidenschaft des Menschen, die frei von Selbstsucht ist.» Man kann allerdings nicht sagen, dass die Liebe auf ihren niederen Stufen frei von Selbstsucht wäre; aber man muss sich doch durchaus sagen: Indem sich die Liebe zu immer höheren und höheren Stufen entwickelt, sich dadurch immer mehr durchseelen und vom Geiste durchdringen lässt, wird sie das Wesen des Menschen, indem er mit seinem Eigenwesen in das andere Wesen aufgeht und mit seinem Eigenwesen in das andere untertaucht, immer mehr und mehr frei von Selbstsucht machen. Und gerade dadurch, dass diese Liebe in der intuitiven Erkenntnis zu einer wirklichen Erkenntniskraft gemacht wird, wird auch das, was den intuitiven Wahrheiten nachgedacht wird, die Liebe in diesem Sinne im Menschen erregen.

[ 32 ] What exists in an outer, spiritual world—and also in an outer, spiritual world of facts—is love on a higher level, the love that, even in the sensory world, frees human beings in a certain sense from what their physical nature would otherwise impose on them through their drives and instincts. There is a beautiful definition of love that Karl Julius Schröer once gave, which he elaborated upon in his book on Goethe, saying: “Love is the only human passion that is free from selfishness.” One cannot, however, say that love at its lower levels is free from selfishness; but one must certainly acknowledge: As love develops to ever higher and higher levels, allowing itself to be increasingly imbued with spirit and permeated by it, it becomes the very essence of the human being—as he merges his own being into the other being and immerses his own being within the other—thus making him more and more free from selfishness. And precisely because this love is transformed into a true power of knowledge through intuitive insight, reflecting on intuitive truths will also awaken this kind of love within the human being.

[ 33 ] Sehr verehrte Anwesende, ich weiß sehr gut, wie die Gegenwart davor zurückzuckt, wenn man von der Liebe als einer Erkenntniskraft spricht; es ist auch gar nicht die Rede von der gewöhnlichen Liebe als einer Erkenntniskraft. Wenn aber die Liebe durch derartige [ernste Seelen-Willensübungen] heraufgehoben wird in das Erfahren und Erleben der geistigen Welt, dann wird die Liebe eine Erkenntniskraft; dann gelangt man gerade durch dieses liebevolle Drinnenstehen in den geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen zu wirklicher Objektivität, zu dem Eindringenlassen des Objektes in seiner wahren Gestalt in die menschliche Erkenntnis und dadurch auch in das menschliche Gesamterleben. Gerade an diese Entfaltung der intuitiven Erkenntnis und auch an dem denkerischen Verfolgen der Ergebnisse dieser intuitiven Erkenntnis merkt man, wodurch der Mensch zu dem Erleben seines Selbstes kommt und auch was ihn hindert am Erleben seines Selbstes.

[ 33 ] Ladies and gentlemen, I am well aware of how the present-day audience recoils when one speaks of love as a cognitive power; nor are we speaking at all of ordinary love as a cognitive power. But when love is elevated through such [serious exercises of the soul and will] into the experience and perception of the spiritual world, then love becomes a power of cognition; then it is precisely through this loving immersion in spiritual beings and spiritual realities that one attains true objectivity—allowing the object to penetrate human cognition in its true form, and thereby also the entirety of human experience. It is precisely in this unfolding of intuitive knowledge—and also in the intellectual exploration of the results of this intuitive knowledge—that one discerns how a person comes to experience their own self, and also what hinders them from experiencing their own self.

[ 34 ] Denn, [meine sehr verehrten Anwesenden], wer unbefangen in sein eigenes Innere hineinschaut, wird gar wohl gewahr, wie wenig eigentlich wesenhaft sein eigenes Selbst ihm vor der Seele steht. Mehr oder weniger ist das, was wir im gewöhnlichen Leben unser Ich nennen, nur eine Zusammenfassung dessen, was sich von der Außenwelt spiegelt wie in einem einzigen Punkte. Das aber, was das wirkliche Ich, das wirkliche Selbst ist, wird dem gewöhnlichen Bewusstsein gar nicht anschaulich; und wenn wir so leben würden, dass unser gewöhnliches Bewusstsein nicht immer wieder und wieder durch den Schlaf unterbrochen würde, so würden wir für das gewöhnliche Bewusstsein überhaupt nicht das Ich des Menschen ordentlich erleben. Würden wir zu einem Erleben der Dinge in einem ununterbrochenen, nicht durch die Nacht unterbrochenen Verlauf unseres Bewusstseins seit der Geburt zurückgehen können, so würden wir doch darin nur eine Summe von äußeren Erlebnisbildern finden, aber nicht das Ich des Menschen. Das Ich werden wir gerade dadurch gewahr, dass wir uns immer wieder und wieder — wenn wir auch dabei kein Bewusstsein entwickeln — von dem äußeren Erleben zurückziehen in den Schlafzustand. [Es ist geradeso, wenn wir hinschauen und uns zurückerinnern an unser Leben.] Wir sehen eigentlich immer nur das, was wir während des Tages erlebt haben, und müssen es gewissermaßen immer unterbrochen [sehen durch den Schlaf] während der Nacht. Was sich da durch diese Unterbrechung darstellt, nimmt sich im Menschenleben aus wie eine Summe von finsteren Punkten in dem hell erleuchteten Raume der Erinnerung. Wären nicht diese finsteren Punkte, so würden wir keinen Widerstand haben für das Licht, was daran aufgeht. Wir würden nur die Außenwelt erleben, nicht uns selbst!

[ 34 ] For, [my esteemed audience], anyone who looks impartially into their own inner self will become fully aware of how little their own self actually stands before their soul as an essential being. To a greater or lesser extent, what we call our “I” in everyday life is merely a synthesis of what is reflected from the external world, as if in a single point. But what the real “I,” the real self, actually is, does not become clear to ordinary consciousness at all; and if we were to live in such a way that our ordinary consciousness were not repeatedly interrupted by sleep, we would not experience the human “I” properly at all within the realm of ordinary consciousness. If we could go back to an experience of things in an uninterrupted course of our consciousness—uninterrupted by night—from birth onward, we would still find in it only a sum of external images of experience, but not the human “I.” We become aware of the “I” precisely because we repeatedly—even if we do not develop any consciousness in the process—withdraw from external experience into the state of sleep. [It is exactly the same when we look back and recall our lives.] We actually always see only what we have experienced during the day, and must, so to speak, always [view it] interrupted by sleep during the night. What appears through this interruption takes the form, in human life, of a collection of dark spots in the brightly lit space of memory. Were it not for these dark spots, we would have no resistance to the light that dawns upon them. We would experience only the outside world, not ourselves!

[ 35 ] Wer aber durch die intuitive Erkenntnis zur Anschauung der wiederholten Erdenleben aufsteigt, der bekommt erst eine Anschauung von dem wahren Selbst des Menschen, das durch die wiederholten Erdenleben durchgeht und nur in diesem Durchgehen durch die wiederholten Erdenleben erkannt werden kann. Wer das durchgemacht hat, wie sich der Geistesforscher über die Art seines Forschens über die wiederholten Erdenleben ausdrücken muss, der bekommt einen lebendigen Begriff von dem Selbst des Menschen. Er bekommt aber auch einen lebendigen Begriff von dem, was Erkennen in der Liebe ist: aufgehen in dem äußeren Objekt der geistigen Welt. Und er bekommt eine Anschauung davon, dass wir eigentlich unser wahres Selbst erst dann erleben können, wenn wir selbstlos werden. Und gerade die Liebe, wenn sie geschildert wird in ihren höheren Stufen als die «einzige Leidenschaft, die frei von Selbstsucht ist», sie ist es zugleich, die uns im Erleben der Außenwelt, im Hingegebensein an die Außenwelt die Kraft unseres eigenen Selbstes erleben lässt.

[ 35 ] But whoever, through intuitive insight, rises to a vision of repeated earthly lives, only then gains a vision of the true self of the human being—which passes through these repeated earthly lives and can be recognized only through this passage through them. Anyone who has gone through the process of how the spiritual researcher must express the nature of his or her research into repeated earthly lives gains a living understanding of the human self. But they also gain a living understanding of what knowledge in love is: merging with the external object of the spiritual world. And they gain an insight into the fact that we can actually experience our true self only when we become selfless. And it is precisely love—when described in its higher stages as the “only passion that is free from selfishness”—that simultaneously allows us, in our experience of the external world and in our devotion to it, to experience the power of our own self.

[ 36 ] Das ist ein tiefes Geheimnis der Menschennatur, dass man sein Selbst erst erlebt, wenn man die Außenwelt erlebt, die Außenwelt in Liebe umfasst und [in die Geheimnisse der äußeren Welt mit der Liebe] so einzudringen vermag, dass man mit seinem ganzen Wesen in sie untertauchen kann. Das liegt zugrunde vielfachen Aussprüchen, wie zum Beispiel dem Goethe’schen: Der erst erwirbt sich sein wahres Selbst, der es zunächst verliert, um es zu gewinnen. Erst wenn wir uns hineinleben in die Welt, leben wir uns dadurch in unser wahres Selbst hinein; während ja unser gewöhnliches Selbst nur [dadurch das unsrige] ist, indem es gestützt ist auf die physische Leiblichkeit und uns dadurch von unserem wahren Selbst abbringt. Dadurch aber, dass sich der Mensch heranerzieht an einem solchen denkerischen Auffassen der Ergebnisse intuitiver Erkenntnis, gelangt er dazu, sein Selbst nicht nur zu denken, zu fühlen oder zu empfinden, sondern dazu: dasjenige in ihm, was das für ihn für die Erde Wichtigste ist, in einen gewissen [Zusammenhang] zu bringen — das ist der menschliche Wille.

[ 36 ] It is a profound mystery of human nature that one only experiences one’s true self when one experiences the external world, embraces it with love, and is able to penetrate [the mysteries of the external world with love] in such a way that one can immerse oneself in it with one’s entire being. This underlies many sayings, such as Goethe’s: “One acquires one’s true self only by first losing it in order to gain it.” Only when we immerse ourselves in the world do we thereby live our way into our true self; whereas our ordinary self is ours only [in this way] because it is based on physical corporeality and thereby leads us away from our true self. But by cultivating such a conceptual understanding of the results of intuitive knowledge, a person comes to not only think, feel, or sense their self, but also to bring into a certain [context] that which is most important to them on Earth—that is the human will.

[ 37 ] Wie stehen wir denn eigentlich für das gewöhnliche Bewusstsein zum Willen? Wir sind eigentlich, wenn wir wach sind, nur in unserem Vorstellungsleben völlig wach; unsere Gefühle sind unserem gewöhnlichen Bewusstsein gegenüber in einem Zustande, wie sonst die Träume, nur dass sie anders im Seelenleben auftreten als die Träume; was aber Wille ist, das ist so tief in das Unterbewusste untergetaucht, dass es erlebt wird wie die Zustände vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Machen wir uns nur einmal klar, was vorgeht, wenn wir einen einfachsten Willensentschluss ausführen, zum Beispiel wenn wir den Arm und die Hand erheben. Wir haben zunächst eine Vorstellung: die Absicht, die Hand zu erheben und so weiter. Dann dringt das, was geheimnisvoll in dieser Absicht verborgen ist, hinunter in die Tiefen des Organismus, und wir wissen ebenso wenig von dem, was dort unten vorgeht, wie wir von dem wissen, was mit uns vorgeht vom Einschlafen bis zum Aufwachen — bis wir uns dann im Aufwachen wiederfinden. So finden wir uns auch wieder, wenn wir nach dem ausgeführten Willensentschluss von außen die gehobene Hand, den erhobenen Arm betrachten. [So finden wir den Willensgehalt unseres Gedankens.]

[ 37 ] How, then, do we actually relate to the will in our ordinary consciousness? When we are awake, we are actually fully awake only in our imaginative life; our feelings are, in relation to our ordinary consciousness, in a state similar to that of dreams, except that they occur differently in the life of the soul than dreams do; but the will is so deeply submerged in the subconscious that it is experienced like the states ranging from falling asleep to waking up. Let’s just take a moment to understand what happens when we carry out the simplest act of will, for example, when we raise our arm and hand. First, we have a mental image: the intention to raise our hand, and so on. Then what is mysteriously hidden within this intention penetrates down into the depths of the organism, and we know just as little about what is happening down there as we do about what happens to us from falling asleep to waking up—until we find ourselves awake again. In the same way, we find ourselves again when, after the volitional decision has been carried out, we look from the outside at the raised hand and the raised arm. [This is how we discover the volitional content of our thought.]

[ 38 ] Es ist gewissermaßen jeder einzelne Willensakt ein Einschlafen und ein Aufwachen und ein Zwischenzustand des im Schlafe Versunkenseins. Indem man das in sich entwickelt, was Willenserkraftung, was Freiwerden von der physischen Leiblichkeit ist, wird dadurch der ganze Wille wie zu einem durchsichtigen Gesamtsinnesorgan. Wie wir physische Organe haben, zum Beispiel die Augen, und durch sie in die physische Welt sehen, so sieht der Mensch auf einer anderen Stufe durch seine gesamte geistige Organisation in die geistige Welt hinein und dadurch auch in das Wesenhafte seines Willens. Man muss, wenn man als Geistesforscher das Wesenhafte des Willens oder das Wesenhafte des menschlichen Ich schildert, diese Schilderung in solche Gedankenformen kleiden, dass der, welcher diese Gedanken mit dem gesunden Menschenverstand verfolgt, etwas in sich bekommt von dem Abglanz dessen, wie in dieser besonderen Art über den Willen gesprochen werden muss, wie mit dem Willen [dieses Tiefere der Menschennatur, wie mit dem Willen] das menschliche Ich verbunden ist. Dieses menschliche Ich ist im Grunde genommen so tief unten in der menschlichen Natur wie der Wille selbst; es muss heraufgeholt werden. Aber ein Abglanz von diesem Heraufholen geht über auf den, der die intuitive Erkenntnis über das Ich nachdenkt. Dadurch erzieht er in sich Tatkraft, dadurch erkraftet er seinen Willen.

[ 38 ] In a sense, every single act of will is a falling asleep, a waking up, and an intermediate state of being immersed in sleep. By developing within oneself what constitutes the strengthening of the will—that is, liberation from physical corporeality—the entire will becomes, as it were, a transparent, all-encompassing sensory organ. Just as we have physical organs—such as the eyes—through which we see the physical world, so too does the human being, on another level, see into the spiritual world through his entire spiritual organization, and thereby also into the essential nature of his will. When, as a researcher of the spirit, one describes the essential nature of the will or the essential nature of the human “I,” one must clothe this description in such thought forms that the person who follows these thoughts with common sense gains within themselves a glimpse of how the will must be spoken of in this particular way—how [this deeper aspect of human nature, the will] is connected to the human “I.” This human “I” is, in essence, as deep within human nature as the will itself; it must be brought to the surface. But a reflection of this process of bringing it to the surface passes over to the one who reflects on the intuitive knowledge of the “I.” Through this, he cultivates energy for action within himself; through this, he strengthens his will.

[ 39 ] Während also das Nachdenken der imaginativen Erkenntnisse die Persönlichkeit erhöht, sie in Selbstständigkeit versetzen kann, während das Nachdenken der inspirierten Erkenntnisse das menschliche Gemüt in der mannigfaltigsten Weise entzündet zum Natursinn, zum wahren Menschenverständnis und zum Erleben des Gesunden und Kranken in Wahrheit und Irrtum, so erzieht das Nacherleben der intuitiven Erkenntnis [den menschlichen Willen]. Wer sich so erzieht, der wird bald merken, wie dieser Wille tatkräftiger wird, und wie er wirklich das zu lieben beginnt, was ihm in der Außenwelt durch sein Schicksal auferlegt ist. Wir lernen uns dadurch in unser Schicksal hineinfügen, wir werden stark in Bezug auf unseren Willen in aktiver und passiver Weise dem Leben gegenüber; wir werden stark auch im Ertragen von Leiden und Schmerzen wie im Erleben von Freuden. Wir werden stark — nicht indem wir an den Leiden und Schmerzen des Lebens vorübergehen; nein, sondern durch das, was [in unserem Gemüte im gesunden und kranken Seelenleben erregt wird], werden wir zugänglicher den Freuden und Schmerzen des Lebens. Wir werden zwar feiner empfindend gegenüber den Dingen und den Erlebnissen, aber durch das Nacherleben der intuitiven Erkenntnisse wird der Wille so gestärkt, dass wir aufrechter durchs Leben gehen und sicherer unser Schicksal ertragen können in Leid und in Freude.

[ 39 ] While, then, reflecting on imaginative insights elevates the personality and can endow it with independence, and while reflecting on inspired insights kindles the human spirit in the most manifold ways—toward a sense of nature, a true understanding of humanity, and an experience of what is healthy and what is sick in truth and error—the reliving of intuitive insight educates [the human will]. Those who educate themselves in this way will soon notice how this will becomes more energetic, and how it truly begins to love what is imposed upon them in the external world by their fate. Through this, we learn to accept our fate; we become strong in our will, both actively and passively, in the face of life; we also become strong in enduring suffering and pain as well as in experiencing joy. We become strong—not by turning away from the sufferings and pains of life; no, but through what is stirred [in our minds in both healthy and troubled states of the soul], we become more open to the joys and sorrows of life. Although we become more sensitive to things and experiences, the act of reliving these intuitive insights strengthens our will to such an extent that we can walk through life with greater integrity and bear our fate more confidently, whether in suffering or in joy.

[ 40 ] Und wir fühlen uns, indem wir das Nacherleben der intuitiven Erkenntnis entwickeln, mit der Welt verbunden in einer Art, die selbst einen religiösen Sinn für die Welt darstellt, die das darstellt, was die tiefsten göttlichen Impulse in der Welt — durch das Versenken in Liebe in diese Welt — zu erreichen fähig [sein] werden. Der religiöse, der künstlerische Sinn wird durch dieses Versenken in Liebe in die Welt angefeuert, in welchem Grade er auch vorhanden sein mag. Wer sich in dieser Beziehung an die Anthroposophie hält, der wird selbst für sich in Bezug auf die Weiterbildung seines künstlerischen, [religiösen], seines moralischen Seins etwas haben, wenn er sich an das eben Angedeutete in der Anthroposophie hält.

[ 40 ] And as we develop the ability to relive intuitive insight, we feel connected to the world in a way that itself constitutes a religious sense of the world—one that represents what the deepest divine impulses in the world are capable of achieving through immersion in love for this world. The religious and artistic sensibility is kindled by this immersion in love in the world, to whatever degree it may be present. Anyone who adheres to anthroposophy in this regard will find something for themselves in terms of the further development of their artistic, [religious], and moral being if they adhere to what has just been indicated in anthroposophy.

[ 41 ] So, [meine sehr verehrten Anwesenden], kommt die Anthroposophie, indem die von dem sprechen will, was durch sie Lebensinhalt werden kann, nicht mit irgendwelchen abstrakten Predigten oder Ermahnungen an den Menschen heran, sondern so, dass sie ihm sagt: Wenn der Mensch das nacherlebt, was durch sie in den geistigen Welten erforscht werden kann, so erwirbt er sich innerliche Kräfte sowohl für sein Denken, das er lebendig macht, wie für sein Fühlen, das er innerlicher und mehr zugänglich für die Welterscheinungen macht, und er erwirbt sich eine Weiterentwicklung für seinen Willen, den er zwar kräftiger macht, zugleich leidensfähiger, aber auch geeigneter, im rechten Sinne auf die Freuden des Lebens einzugehen.

[ 41 ] Thus, [my esteemed audience], anthroposophy—in seeking to speak of what can become the meaning of life through it—does not approach people with abstract sermons or exhortations, but rather by saying to them: When a person experiences what can be explored through it in the spiritual worlds, they acquire inner powers both for their thinking—which it brings to life—and for their feeling—which it makes more inner and more receptive to worldly phenomena—and they achieve a further development of their will, which it makes not only stronger but also more capable of suffering, but also better able to respond in the right sense to the joys of life.

[ 42 ] Dies weiß Anthroposophie zu sagen über den Lebensinhalt, den der Mensch gewinnt, indem er sich in die Anthroposophie einarbeitet und vertieft, [eine Lebenssicherheit, wie er sie auf keine andere Weise gewinnen kann]. Nichts Fertiges hat die Anthroposophie in dieser Beziehung dem Menschen als Lebensinhalt zu geben, sondern nur das, was er sich selber erarbeiten kann, dafür aber umso sicherer besitzen wird.

[ 42 ] This is what anthroposophy has to say about the meaning of life that a person gains by familiarizing themselves with and delving deeper into anthroposophy: [a sense of security in life that they cannot attain in any other way]. Anthroposophy has nothing ready-made to offer people as a purpose in life in this regard, but only that which they can work out for themselves—and which they will, for that very reason, possess all the more securely.

[ 43 ] Das Leben ist etwas, was von den Philosophen in der verschiedensten Weise angesehen wird: Der eine sieht es in pessimistischem Sinne an, der andere in optimistischem Sinne, wieder ein anderer in mehr neutralem Sinne und so weiter. Aber wie man auch über diese verschiedenen Nuancen denken mag, wer auf das zurückschaut, was er selbst im Leben durchgemacht hat, der wird doch dem Lebensspruche recht geben: «Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss!»

[ 43 ] Life is something that philosophers view in a wide variety of ways: one sees it in a pessimistic light, another in an optimistic light, yet another in a more neutral light, and so on. But whatever one may think of these various nuances, anyone who looks back on what they themselves have gone through in life will surely agree with the saying: “Only those who must win freedom anew every day deserve it as much as they deserve life!”

[ 44 ] Das Leben will in einem jeden Sinne täglich von den Menschen erobert sein. Und das ist gut; denn diejenigen Persönlichkeiten, die nur passiv in das Leben hineinwachsen würden, sie würden auch für das eigene Wesen nichts von dem Leben haben können, denn nur das besitzt der Mensch wirklich, was er sich im Leben erobern muss. Wenn man sich also an den Wahrspruch erinnert, dass nur der sich Freiheit und das Leben verdient, der sie täglich erobern muss, so darf jetzt dazu gesagt werden: Anthroposophie will ihrerseits die Mittel an den Menschen heranbringen, durch die diese tägliche Eroberung durch den Menschen vollzogen werden kann!

[ 44 ] Life must be conquered by human beings every day in every sense. And that is good; for those individuals who would merely grow into life passively would not be able to gain anything from life for their own being, because the only things a person truly possesses are those he must conquer in life. So, if we recall the maxim that only those who must win freedom and life anew each day truly deserve them, we may now add: Anthroposophy, for its part, seeks to provide people with the means through which they can carry out this daily conquest!