Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b

9 März 1922, Berlin

8. Anthroposophie als Lebensinhalt

[ 1 ] Wenn von dem Verhältnis der Anthroposophie zu dem Leben des Menschen gesprochen werden soll, muss immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, wie einerseits diese Weltanschauungsrichtung zu ihren Ergebnissen kommt und wie andererseits diese Ergebnisse aufgenommen werden können durch den Menschen. Zu ihren Ergebnissen gelangt Anthroposophie allerdings erst dadurch, dass der anthroposophische Forscher bei sich innere intime Seelenübungen vorausgehen lässt, Seelenübungen, die ihn dazu bringen, mit seinen Seelenkräften sich unabhängig von den Bedingungen der physischen Leiblichkeit des Menschen zu bewegen, sodass er wirklich in denjenigen Zustand kommen kann, den man als «Erleben der Seele außerhalb des menschlichen Leibes» bezeichnen muss. Aber wenn dann nach solchen Vorbereitungen des anthroposophischen Forschers der Inhalt der höheren Welten bis zu diesem oder jenem Grade erschaut ist und Ergebnisse vorliegen, dann kann jeder Mensch, auch das einfachste Menschengemüt, mit dem gesunden Menschenverstand diese Ergebnisse begreifen und sie sich auch aneignen. Und von demjenigen, was für den Menschen Anthroposophie werden kann durch dieses Aneignen von dem Lebensinhalte, den der Mensch sich erwerben kann durch das Sich-Aneignen anthroposophischer Ergebnisse mit dem gesunden Menschenverstande, davon möchte ich heute sprechen.

[ 2 ] Was der anthroposophische Forscher selber hat, indem er in die übersinnlichen Welten hinaufdringt, davon brauche ich ja nicht zu sprechen. Denn denen, die auch nur ein wenig den Weg betreten haben, der in diese Welt führt, braucht nicht erst gesagt zu werden, was sie in der Anschauung dieser Welten haben. Man muss aber schon ein wenig ausgehen von der Betrachtung des Weges in die übersinnlichen Welten, wenn man verstehen will, was der Mensch, der sich die Ergebnisse mit dem gesunden Menschenverstand aneignet, eigentlich dadurch gewinnt.

[ 3 ] Es sind ja im Wesentlichen drei Stufen innerer Seelenübungen, auf denen der anthroposophische Forscher zu seinen Zielen gelangt, und ich werde heute dasjenige nur ganz kurz erwähnen, was schon in den vorangegangenen, hier von mir gehaltenen Vorträgen die letzten Tage besprochen worden ist. Die erste Stufe dieser Seelenübungen besteht darin, dass durch ein gewisses Üben der Denkkraft diese zum Erstarken gebracht, intensiver gemacht wird, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist, und durch dieses Erstarken der Denkkraft gelangt der Mensch dann zu dem, was ich das imaginative Denken, das imaginative Vorstellen nenne. Man gelangt hinaus über die Blassheit, über die Abstraktheit der gewöhnlichen Gedanken; man gelangt zu Gedanken, die in Bilder verwandelt sind, in denen man aber [mit der Seele] ebenso lebendig drinnen ist, wie man sonst in dem Erleben einer äußeren Sinneswahrnehmung drinnen ist. Man gelangt durch solche Übungen zu einer gewissen inneren Beweglichkeit des Denkens und durch das alles zu der Befreiung des Denkens von der physischen Leiblichkeit des Menschen, an die sonst das gewöhnliche Denken durchaus gebunden ist. Wenn der Geistesforscher diese Übungen in dem Grade absolviert hat, wie es für seine besondere Anlage notwendig ist, so kommt er dazu, wie in einem umfassenden Tableau sein bisheriges Erdenleben seit der Geburt zu überschauen.

[ 4 ] Aber diese Überschau ist durchaus eine aktive innere Betätigung, sie ist auch nicht ein bloßes Erinnern; diese Überschau ist ein Erinnern desjenigen, was in unserem Organismus gearbeitet, gekraftet hat seit unserer Geburt. Die Gedanken sind intensiver, bildhafter geworden; damit sind sie zugleich etwas anderes geworden als gewöhnliche abstrakte Gedanken, die wir in der Seele tragen. Wir haben uns mit Gedanken verbunden, die eben durchaus Kräfte sind, und zwar dieselben Kräfte, die uns unser Gehirn, wenn wir noch ein ganz kleines Kind sind, ausgestalten und durchdringen und durchkraften, bis wir ein ausgewachsener Mensch sind. So erleben wir die Lebenskräfte erst in diesem erkrafteten Denken. Dadurch schauen wir uns in unserem inneren Werden hier als Erdenmensch seit unserer Geburt an.

[ 5 ] Wenn man es so dazu gebracht hat, in dieser umfassenden Imagination das innere Bild seines Erdenlebens vor sich zu haben, dann kann man weiterschreiten zur zweiten Stufe der Übungen behufs anthroposophischer Forschung, die einen zu dem bringt, was ich die inspirierte Erkenntnis nenne. Man muss durchaus von dem absehen, was diese Ausdrücke aus der Tradition her an sich tragen; man darf an nichts Abergläubisches oder dergleichen dabei denken, sondern nur an das, was ich hier selber charakterisiere.

[ 6 ] Zu dieser zweiten Stufe übersinnlicher Erkenntnis gelangt man nun nicht dadurch, dass man das Denken erkraftet, sondern das schon erkraftete Denken so behandelt, dass man Vorstellungen, die mit Macht im Bewusstsein gerade durch das erkraftete Denken anwesend sind, wieder aus dem Bewusstsein fortschafft und dadurch sich dasjenige aneignet, was man leeres Bewusstsein nennen kann. Ist man imstande, in seiner Seelenverfassung sich zu [finden in dieses leere Bewusstsein], das jetzt nichts in sich hereinkommen lässt von der äußeren Sinneswelt oder von den Erinnerungen, die in einem gewöhnlich sind, dann kommt man gerade dadurch, dass man, nachdem man erst sein Denken erkraftet hat — nun wieder das Bewusstsein leer gemacht hat —, zu der Wahrnehmung einer wirklichen geistigen Welt, sowohl in unserer gegenwärtigen Umgebung als namentlich zur Wahrnehmung derjenigen geistigen Welt, der die Menschenseele in ihrem ewigen Wesensteil angehörte, bevor sie durch die Geburt oder Konzeption aus der geistigen Welt heruntergestiegen ist, um hier einen physischen Leib anzunehmen. Man gelangt innerhalb des leeren Bewusstseins zu einem wirklichen Anschauen dessen, was in dem gewöhnlichen Bewusstsein nicht vorhanden ist und was daher Gegenstand einer inspirierten Erkenntnis genannt werden darf, weil es aus zunächst unbekannten Welten hereinfließt in unsere Seele, was also wirklich inspiriert wird von dem, was uns so aus den übersinnlichen Welten zugänglich ist.

[ 7 ] Lernen wir auf diese Art die Unsterblichkeit der Menschenseele nach der einen Seite hin kennen, so können wir, indem wir die Übungen von den Denkübungen weiter fortsetzen zu Willensübungen, auch nach der anderen Seite dieser menschlichen Unsterblichkeit kommen. Wieder würde man sagen: Nach der einen Seite drückt sich die Ewigkeit der Menschenseele als Ungeborenheit aus, nach der anderen Seite im Jenseits des Todes als Unsterblichkeit. Aber die weitere Fortsetzung zur dritten Stufe übersinnlicher Erkenntnis geht dann aus Willensübungen hervor.

[ 8 ] Man behandelt den Willen so, dass er sich erkraftet. Ich habe schon erwähnt, man erreicht dies dadurch, dass man den Willen selbst losreißt von dem Faden der äußeren Ereignisse, indem man zum Beispiel des Abends den Ablauf seines Tageslebens rückwärts betrachtet, indem man rückwärts eine Melodie empfindet, rückwärts ein Drama vorstellt — [rücklaufend von der letzten Szene des letzten Aktes zu der ersten Szene des ersten Aktes] — und so weiter, also entgegengesetzt dem äußeren Verlauf. Versucht man so in der Selbsttätigkeit den Willen zu beherrschen und zu entwickeln, wie man es sich selbst individuell vorsetzt in der Art, wie ich es in meinen Büchern «Geheimwissenschaft im Umriss» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe, und gelangt man auf diese Weise dazu, den Willen von dem gewöhnlichen Verlauf und den physischen Bedingungen loszureißen, so stellt man sich als Geistesforscher hinein in eine wirkliche geistige Welt. Man bekommt das Bild des Todes, des Herausgehens der Seele aus dem physischen Leib, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht; man bekommt das Erkenntnisbild des ewigen Teiles der Menschenseele nach dem Tode.

[ 9 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], dies sind drei Stufen, durch welche sich der Mensch hinaufarbeitet in die übersinnliche Welt. Was er nach dem Durchmachen dieser Erkenntnisstufen über diese übersinnlichen Welten dann zu sagen hat, das kann durchaus nun mit dem gewöhnlichen Menschenverstand, wenn man nur Unbefangenheit genug dazu hat, verfolgt werden. Allein es ist so, dass dieser Menschenverstand nun selbstverständlich — ich möchte sagen — eine gewisse andere Haltung nehmen muss, indem er in eine gewisse Beweglichkeit kommen muss, wenn er dem folgen will, was ihm die Anthroposophie zu sagen hat. So muss sich dieser Menschenverstand zum Beispiel in verschiedener Art verhalten, je nachdem er demjenigen folgt, was der Geistesforscher zu sagen hat aus der imaginativen Erkenntnis oder was er zu sagen hat aus der inspirierten Erkenntnis oder aus der dritten Erkenntnisstufe, die ich anführte und die ich intuitive Erkenntnis nenne. Es ist wirklich so, dass derjenige, der nur durch seinen gesunden Menschenverstand die Ergebnisse der Geisteswissenschaft verfolgt, sich veranlasst fühlt, mit seinem Innern anders hinzuschauen auf das, was durch Imagination, anders auf das, was durch Inspiration, anders auf das, was durch Intuition gewonnen ist.

[ 10 ] Lernt man so durch Imagination das Übersinnliche des menschlichen Erdenwesens kennen, lernt man durch Inspiration das kennen, was der Mensch durchgemacht hat vor der Geburt oder Konzeption, so lernt man in der Ausdehnung der Inspiration zur Intuition das kennen, was die Menschenseele durchmacht nach dem Tode. Hat man aber so diese beiden Welten kennengelernt, was der Mensch in der physischen Welt als Übersinnliches kennenlernt und was er kennenlernt als die übersinnliche Welt vor der Geburt und nach dem Tode, dann hat man auch eine Übersicht über das Verhältnis dieser beiden Welten und man lernt nun noch ein Höheres kennen. Was sich der intuitiven Erkenntnis ergibt, ist ein noch Höheres sowohl gegenüber der sinnlichen wie der übersinnlichen Welt. Man kommt zu der Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben, die allerdings einmal einen Anfang genommen haben und ein Ende nehmen werden; aber für die mittlere Lage der Menschenseele ist es so, dass der Mensch einmal ein Leben durchmacht zwischen Geburt und Tod und dann ein Dasein in einer übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dass dies von den einzelnen Menschen wiederholt wird auf den verschiedensten Stufen. Indem man nun dies, was so auf diese dreifache Art aus der übersinnlichen Welt herausgeholt wird, mit dem gewöhnlichen Menschengemüt verfolgt, entwickelt sich gerade in diesem Verfolgen dasjenige, was man als Lebensinhalt aus der Anthroposophie gewinnen kann.

[ 11 ] Sehr verehrte Anwesende, Anthroposophie gibt nicht triviale Lebensregeln, sie gibt nicht trivialen Trost für diese oder jene Lebenslage oder dergleichen, sondern sie verweist auf das, was der Mensch selber vollbringt, indem er sich zu ihrem Verständnis aufringt. Und in demjenigen, was er durchmacht, indem er in eigener innerer Arbeit zu diesem Verständnis kommt, liegt dasjenige, was der Mensch als Lebensinhalt sich aus der Anthroposophie heraus selber erarbeiten kann. Nicht einen eigentlichen Inhalt also drängt Anthroposophie dem Menschen auf, sondern sie verweist auf eine innere Arbeit und darf gerade nur diese innere Arbeit versprechen, dass sie auf dem Umwege durch dieselbe auch dem Menschen einen Lebensinhalt, einen inneren Halt und innere Sicherheit zu geben vermag.

[ 12 ] Nehmen wir die erste Stufe: Der Mensch versucht aus seinem gesunden Menschenverstand heraus sich hindurchzuringen zum Verständnis alles dessen, was der Geistesforscher aus imaginativer Erkenntnis zu sagen hat, zum Beispiel über diejenigen Kräfte, die den Menschen als Organismus organisieren, die im Menschen arbeiten. Wer gewissermaßen dasjenige nachzudenken versucht, was der Geistesforscher erkundet hat, der wird finden, dass sein Denken an diesem Nacharbeiten selber innerlich kraftvoller, innerlich aktiver wird, als es im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist. Das gewöhnliche Leben, die gewöhnliche Wissenschaft haben auch nicht diese innere Aktivität notwendig, und das ist es gerade, was insbesondere in unserer Zeit sehr viele Menschen von der Anthroposophie zurückhält. Heute ist man gewohnt, alles, was die Außenwelt dem Menschen darbietet, passiv entgegenzunehmen; man möchte eigentlich alles, was an den Menschen — auch als Erkenntnis — herankommt, durchaus nur passiv empfangen, gewissermaßen genießen. Allein Anthroposophie muss ihrem Wesen nach an den Menschen einen anderen Anspruch stellen. Der Mensch kann sich nicht nur passiv im Denken und Vorstellen hingeben, indem er sie verstehen will; er muss aus seinem inneren Wesen heraus seine Gedanken kraftvoller machen, indem er darangeht, die in seinem Innern waltende Denkkraft zusammenzunehmen, in Bewegung zu versetzen und in einem bewegten Denken dasjenige zu verfolgen, was der Geistesforscher sieht. Dadurch aber fühlen sich verschiedene Menschen in der Gegenwart von der Anthroposophie abgestoßen. Sie wollen nicht diese innerliche Erkraftung in ihrer Seele entfalten; sie möchten, dass ihnen alles hingegeben wird, indem sie dabei passiv bleiben können. Aber gerade indem die Anthroposophie diese Art des Verständnisses verlangt, bildet sie in der Menschenseele dasjenige heran, was zu einer gewissen Selbstständigkeit der Persönlichkeit führt.

[ 13 ] Das, [meine sehr verehrten Anwesenden], ist wohl eines der ersten Lebensergebnisse, die der Mensch an sich erfährt, wenn er durch die Anthroposophie die Welt kennenlernen will. Es wird seine Persönlichkeit innerlich selbstständiger gemacht, sie wird gewissermaßen in einem solchen Denken — das er üben muss — innerlich verdichtet, und dadurch gelangt er in die Möglichkeit, sich im Leben manchem gegenüber anders zu verhalten, als es gerade heute vielfach der Fall ist.

[ 14 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], man braucht nur ein wenig unbefangen in das Leben hineinzuschauen, dann sieht man, wie sehr die Menschen heute dem Leben, namentlich auch dem geistigen Leben, passiv hingegeben sind. Wenn man zum Beispiel in eine Parteiversammlung heute geht, kann man allerlei interessante psychologische Phänomene erleben, man kann erleben, wie die Zuhörer durchaus nicht dem Redner eine innere Selbstständigkeit entgegensetzen, sondern, wie sie das, was ihnen dargeboten wird, wie durch eine Suggestion aufnehmen. Schlagworte hätten nicht eine solche Kraft, Phrasen würden nicht eine solche Rolle spielen, wenn sich die Menschen mit einer größeren inneren Selbstständigkeit dem entgegenstellen könnten, was ihnen in dieser Weise dargeboten wird. Und hier ist es gerade das, was man von der Anthroposophie haben kann: dass man sein eigenes Urteil festigt, dichter macht, dass man sich mit seiner vollen Persönlichkeit demjenigen gegenüberstellt, was von der Außenwelt an einen herankommt. Das ist zunächst eine Errungenschaft für das Leben.

[ 15 ] Aber es geht das, was wir von diesem Denken haben, mit dem wir das imaginative Erkennen verfolgen, viel tiefer hinein in die menschlichen Lebensschicksale. Wir müssen ja, wenn wir mit dem gesunden Menschenverstand verfolgen, was der Geistesforscher über die innere Organisationskraft des Menschen sagt, wenn er von dem spricht, was ein Mensch denkt und was mehr ist als ein Denken, was eine Summe von inneren lebendigen Kräften ist — wir müssen dann dieses Denken anpassen demjenigen inneren Arbeiten, das der Geistesforscher selbst entwickelt. Will er aus den gekennzeichneten Untergründen seiner Seele selbst seine Ideen und Gedanken — das sind ja seine Ausdrucksmittel — an die Menschen heranbringen, so muss er in anderen Gedanken sprechen, als die sind, die der äußeren Sinneswelt entlehnt sind. Dadurch wird der Mensch angeregt, seine aktiven Lebenskräfte zu entfalten; [(der Mensch, indem er dem Geistesforscher nachdenkt], appelliert an seine Lebenskräfte, an seine Vitalität. Dadurch kommt es, dass der Mensch sein Denken hinunterschiebt in sein Leben, es lebensvoll macht, dass eine gewisse [Frische, eine innere] Zuversicht und Kraft in das Denken hineinkommt. Das Denken erfährt eine völlige Verwandlung, es wird innerlich kraftvoller an dem Studium der Anthroposophie. Setzt man dies durch längere Zeit fort, so zeigt sich diese Erkraftung des Denkens an dem, was man dadurch erringt für seinen Organismus.

[ 16 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], es ist ein großer Unterschied in der Art — das ist nur ein Beispiel, um das zu charakterisieren, was der Mensch von einem solchen Studium der Anthroposophie hat —, wie zum Beispiel Heilmittel, die durchaus richtige Heilmittel für gewisse Krankheiten sind, auf die eine oder andere menschliche Individualität wirken. Man kann aus den besten medizinischen Methoden Heilmittel für diese oder jene Erkrankung finden und wird dennoch sehen, dass diese oder jene Organisation stumpf bleibt gegenüber einem ganz richtigen Heilmittel. Indem aber der Mensch an die tieferen Kräfte seiner Organisation appelliert, indem er erkennend verfolgt, was der Geistesforscher zu sagen hat, ruft er Heilkräfte in seinem Organismus auf. Denn das, was ich neulich den Bildekräfteleib genannt habe, was wir auf einer gewissen Stufe höherer Erkenntnis in einem großen Tableau überschauen, das enthält Heilkräfte. Es ist nicht nötig, dass dieses erkraftete Denken von vornherein als Heilkraft wirkt; es kann es, wird es aber in den wenigsten Fällen wirklich tun. Wer aber sein Denken wachgerufen hat durch die innere Frische seiner Denkkraft, der macht sich dazu fähig, dass Heilmittel in günstigerem Sinne auf ihn wirken als bei dem, der nicht in einem solchen Sinne seine Denkkraft frisch gemacht hat. [Wir sehen so, dass wir mit unserem Denken herandringen an das, was mehr ist als unser Denken, was das Lebensprinzip ist in uns.] Auf diese Weise können wir uns die Möglichkeit zuführen, empfänglich zu sein für gewisse Heilkräfte, für die wir sonst stumpf wären. Man könnte noch viele Beispiele dafür anführen, wie unmittelbar auf das menschliche Organische ein solcher Menschenverstand wirkt, der sich auf die gekennzeichnete Weise erkraftet und frisch gemacht hat. Wir müssen durchaus sagen: Gerade das, was gegenüber der imaginativen Erkenntnis erlangt wird, macht den Menschen nicht nur stärker in Bezug auf sein Denken, als er etwa sonst wäre, sondern es erkraftet ihn zugleich in Bezug auf seine physische Wesenheit.

[ 17 ] Wer sich in solcher Weise an die Anthroposophie herangemacht hat, wird auch bald bemerken, dass das Denken etwas wird, was seine Leiblichkeit gewissermaßen wie eine sie durchdringende Strömung immer mehr und mehr erfüllt, sodass er verspürt, wie etwas in seine Glieder geht; er wird geschickter, wird tatsächlich einfach in Bezug auf die Verrichtungen [seines Leibes geschickter]. Die Menschen werden schon entdecken, wie sie — indem sie wirklich durch sich selbst das vollziehen, was ich geschildert habe — für die gewöhnlichen Lebensverrichtungen durchaus geschickter werden, welchem Berufe sie auch angehören mögen. Gerade für die Lebenspraxis bietet die anthroposophische Arbeit außerordentlich viel; man hat an ihr in dieser Beziehung schon einen Lebensinhalt.

[ 18 ] [Meine sehr verehrten Anwesenden], wenn man auf die zweite Stufe sieht, die in der inspirierten Erkenntnis erreicht wird, so fühlt sich das Denken wieder in anderer Weise angeregt, wenn man dasjenige nachdenkt, was von dem Geistesforscher in der inspirierten Erkenntnis aus der übersinnlichen Welt herausgeholt wird über das Wesen dieser übersinnlichen Welt, sei es, dass sie der uns umgebenden Natur zugrunde liegt oder dass sie diejenige übersinnliche Welt ist, in der wir selbst sind vor der Geburt oder nach dem Tode. Dann fühlt das Denken sich [in anderer Weise] so angeregt, dass gewisse Empfindungen im Menschen rege werden, frisch werden, kraftvoll werden, die eigentlich unter keinem anderen Einfluss so frisch und so kraftvoll werden als gerade durch das denkende Verfolgen des durch Inspiration Erforschten. Vor allem wird man sehen, dass, [indem man in dieser Art sein Denken ausbildet], man in die Natur mit einem ganz anderen Sinn einzudringen vermag, als man das vorher konnte. Ich möchte sagen: Während man vorher etwa eine Pflanze betrachtet, indem man hinschaut auf ihre grünen Blätter, auf ihre farbigen Blütenblätter und gewissermaßen das, was die Blume von der Sonne zurückstrahlt, mit seinem Auge sieht, dringt man nachher gleichsam in die Geheimnisse der Pflanze selber hinunter. Man fühlt gewissermaßen das von der Pflanze aufgenommene Sonnenlicht im Innern der Pflanze pulsieren. Man identifiziert sich nach und nach mit dem, wie die Pflanze aus dem Keime herauswächst, wie Blatt zu Blatt kommt, wie sie die Blüte heraustreibt; man geht mit seinem Seelenleben in Bezug auf das innere Werden der Pflanze selbst mit und so mit jedem einzelnen [Naturprozesse]. Es ist etwas wie ein Untertauchen in die Natur, wie ein Ausbilden eines elementarischen Natursinnes. Das ist das Eigentümliche derjenigen anthroposophischen Wissenschaft, die hier gemeint ist, dass sie nicht etwa eine weltfremde Mystik erzeugt, sondern den Menschen heranbringt an die Wirklichkeit, ihm einen Natursinn gibt, durch den er sich nach und nach vertiefen kann in die Schönheit und in die Größe der Natur, sodass er wieder zusammenwächst mit der Natur und sich zuletzt in einer Einheit mit ihr fühlen kann.

[ 19 ] Ich sage nicht — [meine sehr verehrten Anwesenden] —, dass alle diese Dinge nicht auch durch gewisse ursprüngliche, elementarische, menschliche Veranlagungen da sein können bis zu einem gewissen Grade. Aber das ist zu sagen, dass selbst für den, der durch seine angeborenen Fähigkeiten bis zu einem hohen Grade solche Eigenschaften hat, diese auch dann noch gesteigert werden können, indem er die Ergebnisse anthroposophischer Inspiration verfolgt. Gleichgültig, ob man wenig oder viel von einem Natursinne hat, man kann das, was man hat, auf diese geschilderte Art noch steigern.

[ 20 ] Und ein anderes stellt sich ebenfalls ein durch denkerisches Verfolgen der inspirierten Erkenntnis: Man lernt sich hineinleben in ein anderes Fühlen gegenüber seinen Mitmenschen. Gelangt man in einer gewissen Weise in den Besitz einer eigenen selbstständigen Persönlichkeit durch das denkerische Nacherleben der Imagination, so gelangt man durch das Nacherleben der Inspiration in das Innere der Natur hinein, aber auch in einem gewissen Grade in das Innere der anderen Menschen hinein — wieder etwas, was ganz besonders in der Gegenwart berücksichtigt werden sollte.

[ 21 ] Sehen wir uns an, wie heute die Menschen oftmals so verständnislos aneinander vorbeigehen, oder sehen wir, wie wenig Menschen es heute gibt, die wirklich dem andern zuhören können. Das ist etwas, was zum Menschenverständnis gehört, dem andern zuhören zu können. Wie oft muss man heute gerade das beobachten, wie ein jeder, wenn der andere zu ihm spricht, wenn er nur eine lautere Stimme gegenüber dem anderen zur Verfügung hat, ihm ins Wort fällt und das vorbringt, was er sagen will, was er weiß, während sich das soziale Leben ganz anders gestalten könnte, wenn die Menschen mit Verständnis aufeinander eingehen würden. Aber — [meine sehr verehrten Anwesenden] — derjenige, der denkerisch die inspirierten Erkenntnisse verfolgt, merkt allmählich, wie das, was er mit anderen Menschen erlebt, im Grunde genommen etwas ist, was zum tiefsten Innern seiner eigenen Seele gehört. Hier stehen wir bereits an einem Punkt, wo Anthroposophie auf ihre genaueren Ergebnisse eingehen muss, um gewisse Dinge, die im Leben da sind, in ihren richtigen Verhältnissen darlegen zu können.

[ 22 ] In unserem [Empfindungs- und] Gefühlsleben offenbaren wir als Menschen ja selbst das, was wir an der Außenwelt erleben, was Ergebnisse der Eindrücke der Außenwelt sind. Aber nicht alle diese Eindrücke bilden unmittelbar einen Inhalt unserer Gefühle, unseres ganzen Gemütes während unseres wachen Tageslebens. Wer noch genauer, als das gewöhnlich der Fall ist, das nächtliche Traumleben mit seiner inneren Dramatik zu studieren vermag, wird schon eine Ahnung von dem bekommen, was dann die Anthroposophie zur völligen Gewissheit erheben kann: dass nämlich in den Tiefen des Gemütslebens unten dasjenige sitzt, was Ergebnisse sind unserer intimen Verhältnisse [zu den Menschen], mit denen wir im Leben zusammenkommen. So wie in unseren Träumen in der mannigfaltigsten Weise das auftaucht, was wir vielleicht bei Tage gar nicht berücksichtigen werden, an dem wir nicht mit intensivem Gefühl hängen, wie es im Bilde auftaucht, so dringen die Verhältnisse, in denen wir im sozialen Zusammensein mit den Menschen sind, in viel tiefere Untergründe unseres Gemütslebens ein als diejenigen Dinge, die uns im Tagesleben zum Bewusstsein kommen. Beziehungen von Mensch zu Mensch existieren, die gerade tief in das Gemütsleben eindringen. Wir stehen zwischen Mensch und Mensch und wir unterhalten uns mit dem andern, weil uns das Leben in Anspruch nimmt, vielleicht immer nur oberflächlich, aber es gibt so manches, was tiefer zwischen Mensch und Mensch spielt. [Auch demjenigen, der nicht Geistesforscher ist, verrät das Traumleben manches.]

[ 23 ] Das alles, was wir so [von Mensch zu Mensch] erleben, bildet den Untergrund unseres Gemütslebens, unseres gesamten Gefühlssystemes. Und manches von dem, was aus den Tiefen dieses Gemütslebens als Disharmonien heraufkommt, was so heraufkommt, dass wir uns fühlen wie von einem inneren Schmerz, einer innerlichen Entbehrung oder Enttäuschung durchdrungen, das alles rührt oft davon her, dass Beziehungen von Mensch zu Mensch sich gebildet haben, [die wir uns nicht zum Bewusstsein gebracht haben], die unten im Gemüt sitzen, die uns plagen und nur darauf warten, dass wir sie völlig ins Bewusstsein bringen, um sie in der richtigen Weise in ein Verhältnis zum eigenen Seelenleben zu stellen. Es ist manchmal die Lösung des Rätsels gegenüber dem eigenen Gemütsleben, dass wir in der richtigen Weise die Erlebnisse uns zum Bewusstsein zu bringen wissen.

[ 24 ] Wenn wir nun denkend die Ergebnisse der inspirierten Erkenntnis verfolgen, so eignen wir uns einen Sinn an zum Beispiel für das gute Zuhören gegenüber anderen Menschen, aber im weiteren Sinne überhaupt für das Verständnis gegenüber unseren Mitmenschen, und wir entwickeln gerade dadurch im tieferen Sinne einen sozialen Sinn. Wir entwickeln dasjenige in uns, was uns ganz besonders geeignet macht, uns hineinzufinden in die soziale Menschenordnung zu unserer eigenen Befriedigung und zum Wohle der anderen Menschen, insofern dieses Wohl von uns ausgehen kann. Ein reichster Lebensinhalt wird so dem Menschen, dass er alles Gute und Böse im Menschen dadurch beeinflusst, dass er sein Denken geschult hat an dem Begreifen inspirativer Wahrheiten. Welt- und Menschenerkenntnis durch diesen Natursinn und Menschenverständnis erwirbt man sich, indem man einzudringen versucht in die Ergebnisse der inspirierten Erkenntnis. Wiederum ist es hier so, dass die Anthroposophie den Menschen nicht weltfremd macht, sondern ihn gerade heranbringt an das Leben und an die Menschen.

[ 25 ] Wir erleben in unserer Zeit vieles, was man soziale Forderungen nennt. Das aber, was soziales Fühlen und Empfinden ist, das ist — [der Unbefangene kann es einsehen] — in unserer Zeit doch weniger entwickelt. Aber das ist etwas, dessen Entwicklung unsere Zeit gar sehr braucht, und in dieser Beziehung kann und darf Anthroposophie eine Art Zeitaufgabe erfüllen, indem sie auf dem angedeuteten Wege den Menschen dazu bringt, wiederum dem [anderen] Menschen nahezustehen. Man darf schon sagen: Echter, kraftvoller Nächstenliebe durch Verstehen des Nächsten kann gerade Anthroposophie durch das Verständnis dessen dienen, was ich geschildert habe. [Und wodurch wird das alles erreicht, meine sehr verehrten Anwesenden? Es wird dadurch erreicht, dass der Mensch, indem er in der angedeuteten Weise die inspirierten Wahrheiten verfolgt, sich einen ganz bestimmten verinnerlichten Wahrheitssinn aneignet.]

[ 26 ] Im gewöhnlichen Leben haben wir — [wenn ich es so nennen darf] — einen logischen Wahrheitssinn. Durch unsere Schlussfolgerungen [und Urteile] gelangen wir dazu, das eine als richtig, das andere als falsch zu finden; das trägt einen gewissen logischen Charakter. Indem wir mit diesem logischen Charakter dann die inspirierten Wahrheiten verfolgen, verinnerlicht sich unser ganzes Weltverständnis. Unser Wahrheitssinn selbst wird ein anderer. Wir beginnen, das, was sich in den Weltenzusammenhange als richtiges hineinstellt, zu empfinden als etwas Gesundes. [Das ist eine große Errungenschaft — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn wir ein Urteil, eine Schlussfolgerung nicht mehr bloß als logisch richtig empfinden, sondern dasjenige, was richtig ist, als etwas die Seele Gesundmachendes, Erhaltendes, Erkraftendes wirklich innerlich empfinden; sodass wir eine Sympathie haben im Anschauen mit demjenigen, was wahr ist]; wenn der Irrtum so vor uns hintritt, dass wir ihn als etwas die Seele Krankmachendes, sie Schwächendes und innerlich als eine Antipathie empfinden. Dadurch tritt in der Seele auf einer höheren Stufe etwas auf, was man nennen kann ein «psychisch-instinktives Leben», etwas, was uns, gerade weil es instinktiv ist, mit Sicherheit durch das Leben führen kann.

[ 27 ] Wir wissen, wie bei den Tieren eine gewisse Sicherheit durch Instinkt [in Bezug auf das physische Leben] da ist; sie gehen an dem vorbei, was ihnen als Nahrung schädlich ist, und wählen sich das aus, was ihnen förderlich ist. Gewiss, wir dürfen nicht das seelische mit dem physischen Instinktleben vergleichen; aber wenn man sicht, wie auf einer höheren Stufe etwas Ähnliches im Menschenleben auftritt, [da es auf einer höheren Stufe im Seelischen auftritt], so muss man von einem Psychisch-Instinktiven sprechen. [Man kommt dazu, sich in der Welt so einzuleben, dass man gegenüber Wahrheit und Irrtum — wie bei einer Farbe — mit einer InstinktSicherheit empfindet, wie das Tier empfindet durch seinen Instinkt gegenüber seinen Nahrungsmitteln und den Giften. Gerade dadurch kommt durch das Nachdenken inspirierter Wahrheiten dieser Seeleninstinkt in unseren menschlichen Organismus herein. Gerade dadurch bereichern wir unseren Lebensinhalt ganz wesentlich.]

[ 28 ] Der Mensch gewinnt etwas, [als inneren Halt], wie Lebenssicherheit, indem er sich diese Instinktivität auf einer höheren Stufe anzueignen vermag. Und gerade dadurch, dass wir uns im unmittelbaren Anschauen die Möglichkeit erwerben, etwas als gesunde Schlussfolgerung zu empfinden beziehungsweise es als etwas Krankhaftes, Zerstörendes zu empfinden, gerade dadurch machen wir uns fähig, Natursinn und Menschenverständnis zu entwickeln.

[ 29 ] Wenn ich ein Weiteres nennen darf — [meine sehr verehrten Anwesenden] —, so kommen wir da wieder tiefer hinein in die Ergebnisse der Anthroposophie. Was man vor allem als Vorbereitung braucht, um die Offenbarungen der übersinnlichen Welten mit seiner entwickelten Erkenntnis zu empfangen, ist ein gewisses schnelles Auffassen, eine gewisse Geistesgegenwart. Wie man sie entwickelt, habe ich in den Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Geheimwissenschaft im Umriss» geschildert. Warum braucht man Geistesgegenwart? Nun, in dem Augenblick, wo die wirkliche geistige Welt vor einem auftritt, hat man es nicht mehr mit denselben Raum- und Zeitverhältnissen zu tun wie vorher; sondern es ist nötig, dass man ein Geistiges oftmals in demselben Moment auffasst, wo es auftritt. Denn ist man nicht geistesgegenwärtig genug, um es in demselben Moment zu erfassen, wo es auftritt, so ist es auch schon wieder vorüber; man kann es dann überhaupt nicht erfassen. Es ist eine Grundanforderung an den anthroposophischen Geistesforscher, dass er sich für sein Forschen gerade eine gewisse Geistesgegenwart erwirbt. Was er durch Inspiration gewinnt und mit Geistesgegenwart erfassen muss, dem haftet, wenn er es nachdenken soll, noch etwas von dem an, wie die Sache gefunden worden ist. Indem nämlich der Mensch es nachdenkt, regt er in sich selbst diejenigen Eigenschaften an, die dazu geführt haben, dass so etwas gefunden werden konnte. [Es ist daher eine Schulung der Geistesgegenwart, die inspirierten Wahrheiten, wenn sie wirklich solche sind, denkerisch zu verfolgen.] Damit aber machen wir uns wiederum lebenstüchtiger. Denn wie sehr leidet heute mancher Mensch daran, wenn er gegenüber diesem oder jenem im Leben, das von ihm einen Entschluss verlangt, nicht zu einem Entschluss kommt! Entschlussfähig werden ist das, was man ganz besonders durch das denkerische Verfolgen der inspirierten Wahrheiten gewinnen kann. Und diese Geistesgegenwart wird noch gefördert, wenn man geradezu bewusst aufmerksam wird, wie man manches, wofür man früher lange Gedankenketten gebraucht hat, um es einzusehen, jetzt gewissermaßen in einem Augenblick überschaut, weil man es als gesunde Wahrheit oder als krank machenden, zerstörenden Irrtum unmittelbar empfindet, so unmittelbar, wie man sonst ein Geschmackerlebnis, ein Geruch- oder ein Tasterlebnis hat. Es ist durchaus so, dass man gegenüber Wahrheit und Irrtum in sich diejenige Lebendigkeit entwickelt, in der man sonst ist gegenüber der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, aber dass man diese Lebendigkeit entwickelt als das Erleben eines höheren, übersinnlichen Gebietes.

[ 30 ] [Nun, meine sehr verehrten Anwesenden], weiter steigt dann der Geistesforscher auf zur Erforschung dessen, was sich ihm darbietet durch intuitive Erkenntnis dadurch, dass er seinen Willen weiter ausbildet, erkraftet, sodass dieser Wille unabhängig wird von der physischen Leiblichkeit und der Mensch sich hineinzustellen vermag in die äußere geistige Welt. Er vermag dann mit seinem Seelisch-Geistigen ebenso drinnenzustehen in der äußeren geistigen Welt, wie er mithilfe seiner Sinne drinnensteht in der physischen Welt. Dieses Drinnenstehen in der äußeren geistigen Welt ist aber im Grunde genommen nichts anderes als ein Erleben eines der edelsten menschlichen Impulse auf einer höheren Lebensstufe: Es ist ein Erleben in Liebe. Es ist auch ein Erleben in Freiheit; denn unfrei wird der Mensch nur dadurch, dass er — wie ich es schon im Beginne der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in der «Philosophie der Freiheit»

[ 31 ] in allen Einzelheiten ausführte — von seiner Leiblichkeit abhängig wird. In dem Augenblick, wo der Mensch sich aufschwingt, Impulse zu haben, die er durch moralische Intuition erfasst, wird er [in moralischer Beziehung] eine freie Persönlichkeit. Er kann aber auch eine freie Persönlichkeit werden in Bezug auf seine ganze Stellung zur Umwelt, namentlich zur geistigen, übersinnlichen Grundlage dieser Umwelt, zur übersinnlichen Grundlage des eigenen Menschenwesens, wenn diese übersinnliche Grundlage sich darbietet im Erleben vor der Geburt und nach dem Tode und auch in dem Erleben der wiederholten Erdenleben.

[ 32 ] Was da in einer äußeren, geistigen Welt drinnensteht, auch in einer äußeren, geistigen Tatsachenwelt, das ist die Liebe auf einer höheren Stufe, die Liebe, die schon in der Sinneswelt den Menschen in einem gewissen Sinne befreit von dem, was ihm sonst aus den Trieben und Instinkten heraus seine Körperlichkeit aufdrängt. Es ist eine schöne Definition der Liebe, die einst Karl Julius Schröer gab, die er näher in seinem Buch über Goethe begründete, indem er sagte: «Liebe ist die einzige Leidenschaft des Menschen, die frei von Selbstsucht ist.» Man kann allerdings nicht sagen, dass die Liebe auf ihren niederen Stufen frei von Selbstsucht wäre; aber man muss sich doch durchaus sagen: Indem sich die Liebe zu immer höheren und höheren Stufen entwickelt, sich dadurch immer mehr durchseelen und vom Geiste durchdringen lässt, wird sie das Wesen des Menschen, indem er mit seinem Eigenwesen in das andere Wesen aufgeht und mit seinem Eigenwesen in das andere untertaucht, immer mehr und mehr frei von Selbstsucht machen. Und gerade dadurch, dass diese Liebe in der intuitiven Erkenntnis zu einer wirklichen Erkenntniskraft gemacht wird, wird auch das, was den intuitiven Wahrheiten nachgedacht wird, die Liebe in diesem Sinne im Menschen erregen.

[ 33 ] Sehr verehrte Anwesende, ich weiß sehr gut, wie die Gegenwart davor zurückzuckt, wenn man von der Liebe als einer Erkenntniskraft spricht; es ist auch gar nicht die Rede von der gewöhnlichen Liebe als einer Erkenntniskraft. Wenn aber die Liebe durch derartige [ernste Seelen-Willensübungen] heraufgehoben wird in das Erfahren und Erleben der geistigen Welt, dann wird die Liebe eine Erkenntniskraft; dann gelangt man gerade durch dieses liebevolle Drinnenstehen in den geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen zu wirklicher Objektivität, zu dem Eindringenlassen des Objektes in seiner wahren Gestalt in die menschliche Erkenntnis und dadurch auch in das menschliche Gesamterleben. Gerade an diese Entfaltung der intuitiven Erkenntnis und auch an dem denkerischen Verfolgen der Ergebnisse dieser intuitiven Erkenntnis merkt man, wodurch der Mensch zu dem Erleben seines Selbstes kommt und auch was ihn hindert am Erleben seines Selbstes.

[ 34 ] Denn, [meine sehr verehrten Anwesenden], wer unbefangen in sein eigenes Innere hineinschaut, wird gar wohl gewahr, wie wenig eigentlich wesenhaft sein eigenes Selbst ihm vor der Seele steht. Mehr oder weniger ist das, was wir im gewöhnlichen Leben unser Ich nennen, nur eine Zusammenfassung dessen, was sich von der Außenwelt spiegelt wie in einem einzigen Punkte. Das aber, was das wirkliche Ich, das wirkliche Selbst ist, wird dem gewöhnlichen Bewusstsein gar nicht anschaulich; und wenn wir so leben würden, dass unser gewöhnliches Bewusstsein nicht immer wieder und wieder durch den Schlaf unterbrochen würde, so würden wir für das gewöhnliche Bewusstsein überhaupt nicht das Ich des Menschen ordentlich erleben. Würden wir zu einem Erleben der Dinge in einem ununterbrochenen, nicht durch die Nacht unterbrochenen Verlauf unseres Bewusstseins seit der Geburt zurückgehen können, so würden wir doch darin nur eine Summe von äußeren Erlebnisbildern finden, aber nicht das Ich des Menschen. Das Ich werden wir gerade dadurch gewahr, dass wir uns immer wieder und wieder — wenn wir auch dabei kein Bewusstsein entwickeln — von dem äußeren Erleben zurückziehen in den Schlafzustand. [Es ist geradeso, wenn wir hinschauen und uns zurückerinnern an unser Leben.] Wir sehen eigentlich immer nur das, was wir während des Tages erlebt haben, und müssen es gewissermaßen immer unterbrochen [sehen durch den Schlaf] während der Nacht. Was sich da durch diese Unterbrechung darstellt, nimmt sich im Menschenleben aus wie eine Summe von finsteren Punkten in dem hell erleuchteten Raume der Erinnerung. Wären nicht diese finsteren Punkte, so würden wir keinen Widerstand haben für das Licht, was daran aufgeht. Wir würden nur die Außenwelt erleben, nicht uns selbst!

[ 35 ] Wer aber durch die intuitive Erkenntnis zur Anschauung der wiederholten Erdenleben aufsteigt, der bekommt erst eine Anschauung von dem wahren Selbst des Menschen, das durch die wiederholten Erdenleben durchgeht und nur in diesem Durchgehen durch die wiederholten Erdenleben erkannt werden kann. Wer das durchgemacht hat, wie sich der Geistesforscher über die Art seines Forschens über die wiederholten Erdenleben ausdrücken muss, der bekommt einen lebendigen Begriff von dem Selbst des Menschen. Er bekommt aber auch einen lebendigen Begriff von dem, was Erkennen in der Liebe ist: aufgehen in dem äußeren Objekt der geistigen Welt. Und er bekommt eine Anschauung davon, dass wir eigentlich unser wahres Selbst erst dann erleben können, wenn wir selbstlos werden. Und gerade die Liebe, wenn sie geschildert wird in ihren höheren Stufen als die «einzige Leidenschaft, die frei von Selbstsucht ist», sie ist es zugleich, die uns im Erleben der Außenwelt, im Hingegebensein an die Außenwelt die Kraft unseres eigenen Selbstes erleben lässt.

[ 36 ] Das ist ein tiefes Geheimnis der Menschennatur, dass man sein Selbst erst erlebt, wenn man die Außenwelt erlebt, die Außenwelt in Liebe umfasst und [in die Geheimnisse der äußeren Welt mit der Liebe] so einzudringen vermag, dass man mit seinem ganzen Wesen in sie untertauchen kann. Das liegt zugrunde vielfachen Aussprüchen, wie zum Beispiel dem Goethe’schen: Der erst erwirbt sich sein wahres Selbst, der es zunächst verliert, um es zu gewinnen. Erst wenn wir uns hineinleben in die Welt, leben wir uns dadurch in unser wahres Selbst hinein; während ja unser gewöhnliches Selbst nur [dadurch das unsrige] ist, indem es gestützt ist auf die physische Leiblichkeit und uns dadurch von unserem wahren Selbst abbringt. Dadurch aber, dass sich der Mensch heranerzieht an einem solchen denkerischen Auffassen der Ergebnisse intuitiver Erkenntnis, gelangt er dazu, sein Selbst nicht nur zu denken, zu fühlen oder zu empfinden, sondern dazu: dasjenige in ihm, was das für ihn für die Erde Wichtigste ist, in einen gewissen [Zusammenhang] zu bringen — das ist der menschliche Wille.

[ 37 ] Wie stehen wir denn eigentlich für das gewöhnliche Bewusstsein zum Willen? Wir sind eigentlich, wenn wir wach sind, nur in unserem Vorstellungsleben völlig wach; unsere Gefühle sind unserem gewöhnlichen Bewusstsein gegenüber in einem Zustande, wie sonst die Träume, nur dass sie anders im Seelenleben auftreten als die Träume; was aber Wille ist, das ist so tief in das Unterbewusste untergetaucht, dass es erlebt wird wie die Zustände vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Machen wir uns nur einmal klar, was vorgeht, wenn wir einen einfachsten Willensentschluss ausführen, zum Beispiel wenn wir den Arm und die Hand erheben. Wir haben zunächst eine Vorstellung: die Absicht, die Hand zu erheben und so weiter. Dann dringt das, was geheimnisvoll in dieser Absicht verborgen ist, hinunter in die Tiefen des Organismus, und wir wissen ebenso wenig von dem, was dort unten vorgeht, wie wir von dem wissen, was mit uns vorgeht vom Einschlafen bis zum Aufwachen — bis wir uns dann im Aufwachen wiederfinden. So finden wir uns auch wieder, wenn wir nach dem ausgeführten Willensentschluss von außen die gehobene Hand, den erhobenen Arm betrachten. [So finden wir den Willensgehalt unseres Gedankens.]

[ 38 ] Es ist gewissermaßen jeder einzelne Willensakt ein Einschlafen und ein Aufwachen und ein Zwischenzustand des im Schlafe Versunkenseins. Indem man das in sich entwickelt, was Willenserkraftung, was Freiwerden von der physischen Leiblichkeit ist, wird dadurch der ganze Wille wie zu einem durchsichtigen Gesamtsinnesorgan. Wie wir physische Organe haben, zum Beispiel die Augen, und durch sie in die physische Welt sehen, so sieht der Mensch auf einer anderen Stufe durch seine gesamte geistige Organisation in die geistige Welt hinein und dadurch auch in das Wesenhafte seines Willens. Man muss, wenn man als Geistesforscher das Wesenhafte des Willens oder das Wesenhafte des menschlichen Ich schildert, diese Schilderung in solche Gedankenformen kleiden, dass der, welcher diese Gedanken mit dem gesunden Menschenverstand verfolgt, etwas in sich bekommt von dem Abglanz dessen, wie in dieser besonderen Art über den Willen gesprochen werden muss, wie mit dem Willen [dieses Tiefere der Menschennatur, wie mit dem Willen] das menschliche Ich verbunden ist. Dieses menschliche Ich ist im Grunde genommen so tief unten in der menschlichen Natur wie der Wille selbst; es muss heraufgeholt werden. Aber ein Abglanz von diesem Heraufholen geht über auf den, der die intuitive Erkenntnis über das Ich nachdenkt. Dadurch erzieht er in sich Tatkraft, dadurch erkraftet er seinen Willen.

[ 39 ] Während also das Nachdenken der imaginativen Erkenntnisse die Persönlichkeit erhöht, sie in Selbstständigkeit versetzen kann, während das Nachdenken der inspirierten Erkenntnisse das menschliche Gemüt in der mannigfaltigsten Weise entzündet zum Natursinn, zum wahren Menschenverständnis und zum Erleben des Gesunden und Kranken in Wahrheit und Irrtum, so erzieht das Nacherleben der intuitiven Erkenntnis [den menschlichen Willen]. Wer sich so erzieht, der wird bald merken, wie dieser Wille tatkräftiger wird, und wie er wirklich das zu lieben beginnt, was ihm in der Außenwelt durch sein Schicksal auferlegt ist. Wir lernen uns dadurch in unser Schicksal hineinfügen, wir werden stark in Bezug auf unseren Willen in aktiver und passiver Weise dem Leben gegenüber; wir werden stark auch im Ertragen von Leiden und Schmerzen wie im Erleben von Freuden. Wir werden stark — nicht indem wir an den Leiden und Schmerzen des Lebens vorübergehen; nein, sondern durch das, was [in unserem Gemüte im gesunden und kranken Seelenleben erregt wird], werden wir zugänglicher den Freuden und Schmerzen des Lebens. Wir werden zwar feiner empfindend gegenüber den Dingen und den Erlebnissen, aber durch das Nacherleben der intuitiven Erkenntnisse wird der Wille so gestärkt, dass wir aufrechter durchs Leben gehen und sicherer unser Schicksal ertragen können in Leid und in Freude.

[ 40 ] Und wir fühlen uns, indem wir das Nacherleben der intuitiven Erkenntnis entwickeln, mit der Welt verbunden in einer Art, die selbst einen religiösen Sinn für die Welt darstellt, die das darstellt, was die tiefsten göttlichen Impulse in der Welt — durch das Versenken in Liebe in diese Welt — zu erreichen fähig [sein] werden. Der religiöse, der künstlerische Sinn wird durch dieses Versenken in Liebe in die Welt angefeuert, in welchem Grade er auch vorhanden sein mag. Wer sich in dieser Beziehung an die Anthroposophie hält, der wird selbst für sich in Bezug auf die Weiterbildung seines künstlerischen, [religiösen], seines moralischen Seins etwas haben, wenn er sich an das eben Angedeutete in der Anthroposophie hält.

[ 41 ] So, [meine sehr verehrten Anwesenden], kommt die Anthroposophie, indem die von dem sprechen will, was durch sie Lebensinhalt werden kann, nicht mit irgendwelchen abstrakten Predigten oder Ermahnungen an den Menschen heran, sondern so, dass sie ihm sagt: Wenn der Mensch das nacherlebt, was durch sie in den geistigen Welten erforscht werden kann, so erwirbt er sich innerliche Kräfte sowohl für sein Denken, das er lebendig macht, wie für sein Fühlen, das er innerlicher und mehr zugänglich für die Welterscheinungen macht, und er erwirbt sich eine Weiterentwicklung für seinen Willen, den er zwar kräftiger macht, zugleich leidensfähiger, aber auch geeigneter, im rechten Sinne auf die Freuden des Lebens einzugehen.

[ 42 ] Dies weiß Anthroposophie zu sagen über den Lebensinhalt, den der Mensch gewinnt, indem er sich in die Anthroposophie einarbeitet und vertieft, [eine Lebenssicherheit, wie er sie auf keine andere Weise gewinnen kann]. Nichts Fertiges hat die Anthroposophie in dieser Beziehung dem Menschen als Lebensinhalt zu geben, sondern nur das, was er sich selber erarbeiten kann, dafür aber umso sicherer besitzen wird.

[ 43 ] Das Leben ist etwas, was von den Philosophen in der verschiedensten Weise angesehen wird: Der eine sieht es in pessimistischem Sinne an, der andere in optimistischem Sinne, wieder ein anderer in mehr neutralem Sinne und so weiter. Aber wie man auch über diese verschiedenen Nuancen denken mag, wer auf das zurückschaut, was er selbst im Leben durchgemacht hat, der wird doch dem Lebensspruche recht geben: «Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss!»

[ 44 ] Das Leben will in einem jeden Sinne täglich von den Menschen erobert sein. Und das ist gut; denn diejenigen Persönlichkeiten, die nur passiv in das Leben hineinwachsen würden, sie würden auch für das eigene Wesen nichts von dem Leben haben können, denn nur das besitzt der Mensch wirklich, was er sich im Leben erobern muss. Wenn man sich also an den Wahrspruch erinnert, dass nur der sich Freiheit und das Leben verdient, der sie täglich erobern muss, so darf jetzt dazu gesagt werden: Anthroposophie will ihrerseits die Mittel an den Menschen heranbringen, durch die diese tägliche Eroberung durch den Menschen vollzogen werden kann!