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The Rudolf Steiner Archive

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Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
GA 80b

12 März 1922, Berlin

9. Die Zeitbedürfnisse und die Anthroposophie

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Dass heute nicht bloß das Ideal oder die Sehnsucht einzelner weniger ausgesprochen wird, wenn gesagt wird, dass ein Drang bestehe, für Herz, Seele und Geist des Menschen etwas zu finden, was aus den bisherigen Traditionen und auch aus der gegenwärtigen Wissenschaft nicht kommen könne, das wird von vielen Seiten zugegeben, und zugegeben wird, dass damit ein Zeitbedürfnis ausgesprochen wird. Anthroposophie möchte diesem Zeitbedürfnis dienen. Dass sie es auch nur annähernd könne, wird ihr allerdings von vielen Seiten bestritten. Man gibt zu, dass das Bedürfnis nach einer geistigen Vertiefung, nach einer seelischen Erhöhung heute im eminentesten Sinne vorhanden ist. Aber ganz merkwürdig verhalten sich die Menschen, wenn sie aus Vorstellungen heraus, von denen sie zwar oftmals glauben, sie seien wirklich aus diesen Zeitbedürfnissen heraus geboren, dann gerade die anthroposophische Geistesbewegung beurteilen. Charakteristisch ist ja unter vielen anderen ein Urteil, das etwa wörtlich so lautet — ich werde nicht den Namen desjenigen anführen, der dieses Urteil hat drucken lassen, Namen tun nichts zur Sache, denn sie ärgern oftmals nur, aber es ist ja doch dies ein Urteil, das von vielen Seiten geltend gemacht wird —, Anthroposophie sei der Irrweg nach einem richtig erkannten und den Zeitbedürfnissen notwendigen Ziele. Es muss allerdings etwas außerordentlich Merkwürdiges zugrunde liegen, wenn mit Recht gesagt werden könnte, Anthroposophie könne zwar mit einer gewissen Sicherheit das den Zeitbedürfnissen richtige und sogar notwendige Ziel erkennen, aber sie sei auch in vollstem Sinne des Wortes ein Irrweg nach diesem Ziele.

[ 2 ] Machen wir uns einmal heute am Schlusse dieses Wochenkurses über Anthroposophie klar, was eigentlich gerade einem solchen Urteil zugrunde liegen mag.

[ 3 ] Wer ein solches Urteil ausspricht, sieht ein: Naturwissenschaftliche Denkungsart hat durch Jahrhunderte hindurch die Menschenseelen der zivilisierten Welt erzogen, hat ihrem Suchen ein gewisses Gepräge gegeben, hat dem, was sie Erkenntnis nennen, einen gewissen Stempel aufgedrückt. Er sieht auch ein: Was auf diese Weise an der Menschheit heranerzogen worden ist, muss berücksichtigt werden. Das hat den Weg hineingefunden in alle, auch die einfachsten Gemüter; das hat diesen einfachsten Gemütern auch den kritischen Maßstab gegeben für alles, was als eine Weltanschauung an sie herantritt. Weiter sieht ein so Urteilender ein: Es sind die alten traditionellen Bekenntnisse, alte traditionelle Weltanschauungen, die da glauben, einen gewissen Inhalt zu haben über das Übersinnliche, über das Ewige der Menschennatur, die aber mit der Art und Weise, wie sie diesen Inhalt an die Menschheit heranbringen, gerade die heutigen Bedürfnisse nicht befriedigen können, die in der Menschheit auf die eben charakterisierte Weise durch die Entwicklung der letzten Jahrhunderte heranerzogen sind. Und so sieht also ein Urteilender ein: Da ist eine nach Befriedigung in der Weltanschauung dürstende Menschheit; da sind andere, die gewissermaßen Führernaturen sind, die diese Menschheit sich gegenüber sehen, die aber nicht — weder aus der neueren Naturwissenschaft noch aus den alten traditionellen Bekenntnissen und auch nicht aus dem heraus, was sie aus beiden zu machen wussten — zu dieser Menschheit so zu sprechen wussten, dass diese Menschheit das Gesagte als eine Verkündigung dessen aufzunehmen in der Lage ist, was sie verlangt aus ihren also entwickelten Zeitbedürfnissen heraus. Und dann sehen wohl also Urteilende, dass die Anthroposophie auftritt. Mag man nun über die Einzelheiten dessen, was aus der anthroposophischen Forschungsart hervorgeht, denken, wie man will; aber selbst er wird gegenüber dem zugeben, wie diese Anthroposophie bemüht ist, diesen eben charakterisierten Zeitbedürfnissen Rechnung zu tragen.

[ 4 ] Und dann sagen also Urteilende: Ja, es hat sich gerade an dem naturwissenschaftlichen Denken ein gewisser Intellektualismus, ein gewisser Rationalismus ausgebildet. Wenn man aber die Menschenseele nur im Sinne dieses Rationalismus ausbildet und diesen Intellektualismus ausbildet, und wenn man den suchenden Seelen nur das bietet, was auf solche Art errungen werden kann, dann fühlt sich diese Menschenseele nicht befriedigt. Denn ihr Sehnen, ihr Drang geht aus anderem hervor als aus dem bloßen Verstand oder aus dem, was durch den bloßen Rationalismus befriedigt werden kann. Daher sprechen dann diejenigen, welche das Zeitbedürfnis zwar ahnen, auf Anthroposophie aber nicht eingehen können, davon: Mit Intellektualismus, mit Rationalismus dürfen wir unseren Zeitgenossen nicht kommen; es darf das, was als Weltanschauung dargeboten wird, nicht in die Formen blasser, abstrakter Gedanken gekleidet werden; es darf nicht auf einem [rationalen] Wege gewonnen werden; es muss aus den irrationalen Untergründen des menschlichen Herzens, vielleicht gar aus den unterbewussten Tiefen der Seele hervorgeholt werden. Und dann sagt vielleicht auch ein solcher: Was der Mensch erkennt, ist schon ein Gegenstand, ein Objekt geworden; was er aber verehren soll als sein Ewiges in der Seele, das darf nicht Erkenntnisobjekt sein. Man kann auch wohl hören, es müsse das, wozu sich der Mensch also wendet, ein Unbedingtes sein, das nicht auf dem klaren Wege der Gedanken, sondern auf einem irrationalen Wege in die Menschenseele irgendwie durchdringt. Und Ähnliches kann man hören.

[ 5 ] Es ist etwas, was sich in merkwürdiger Weise eigentlich darstellt, wenn man gerade Kritiken des anthroposophischen Wollens heute ins Auge fasst. Man wirft der Anthroposophie vor, dass sie zwar den bloßen Intellektualismus, die bloßen Gedankensysteme überwinden möchte, dass sie aber doch wieder etwas Rationales sei, dass sie mit Gedanken arbeite. Man scheut die Gedankenarbeit, scheut sie mit einem gewissen Recht, und man sagt — auch wieder mit einem gewissen Recht —, dass die Anthroposophie nicht voll der Gedanken sich entledigen will; deshalb hat man vor ihr eine gewisse Scheu. Man sagt, die neuere Weltanschauung habe sich an dem Gedankenleben, trotzdem es so kalt und blass ist, verbrannt. Man möchte aus einem Ungedanklichen, aus einem Brodeln der Seelenfähigkeiten, die nicht berührt werden von dem Gedanklichen, dasjenige holen, was Inhalt einer befriedigenden Weltanschauung und Welterkenntnis werden soll. Es ist dann ganz natürlich, dass man sich, wenn man also den Gedanken scheut, davor hütet, irgendwie in Gedanken eine solche Weltanschauung aussprechen zu wollen. Und dass man daher, wenn man einen Seeleninhalt ausdrücken will, die allerdünnsten Gedanken dazu wählt. Gedanken muss man ja doch haben, denn bloße Gefühle oder Willensimpulse oder etwas bloß Irrationales geht nicht in Weltanschauungen hinein, geht auch nicht in das bloß vorstellungsgemäße Leben hinein. Man kann es gar nicht zum Bewusstsein bringen. Will man aber das, was man schon einmal anstrebt, als Seeleninhalt in das Bewusstsein hereinbringen, dann macht man die Gedanken so dünn als möglich. Man macht einen ganz kleinen, winzigen Gedanken: das Irrationale, das Unbedingte und so weiter. Aber man ist dadurch doch dem Gedanken nicht entlaufen, sondern man will den Gedanken nur so klein, so winzig machen, so leicht überschaulich, so unendlich trivial, dass man nicht merkt, dass man zum Schluss doch einen Gedanken hat, in dem man allerdings etwas anderes zusammenfassen will. Demgegenüber sucht nun Anthroposophie in vollständigstem Maße, in umfassendstem Sinne zu erkennen, welches Schicksal eigentlich innerhalb der menschlichen Seele das Gedankenleben in der neuesten Zeit durchgemacht hat. Anthroposophie weiß: Mit der neueren Naturwissenschaft hat das Gedankenleben ein gewisses Gepräge erhalten, dasjenige Gepräge, durch das es zunächst in die äußere Natur, in die Welt der Sinne eindringen kann, aber wodurch es nicht in dasjenige eindringen kann, mit dem sich die Seele in ihrem ewigen Wesen verbunden fühlen kann. Aber Anthroposophie, indem sie alles berücksichtigt, was durch die neuere Gedankenentwicklung an ungeheuren geistigen Werten gewonnen worden ist, kann nicht einfach den Gedanken ausschließen, sondern sie sagt sich: Die Menschheit hat sich einmal heraufentwickelt zu dem Gedanken, zu der Erfassung des Gedankens in seiner Reinheit, und indem sie dazu gekommen ist, ist allerdings der Gedanke etwas geworden, was zunächst nur ein eng umschränktes Gebiet hat. Aber Anthroposophie weiß: Dieser Gedanke, wie er errungen wurde, muss als etwas absolut Wertvolles betrachtet werden, von ihm muss doch ausgegangen werden. Sie scheut sich nicht davor, dasjenige nun als eine Gabe der Menschheitsentwicklung hinzunehmen, was auf einem gewissen Gebiete der Menschheit großartige Ergebnisse gebracht hat, aber was, um diese großartigen Ergebnisse zu erlangen, das Opfer gebracht hat, worauf die Menschenseele in ihrem Ewigen die Ausblicke haben muss.

[ 6 ] So wendet sich die Anthroposophie zunächst an die Gedanken, indem sie die Gedanken betrachtet als einen Keim, der zwar zunächst so, wie die Naturwissenschaft ihn auf den Wellen ihrer Entwicklung heraufgetragen hat, für das Unmittelbare der Weltanschauungen nicht unmittelbar genommen werden kann, der aber entwickelt werden kann, aus dem etwas herausgeholt werden kann, was zunächst von ihm selber noch nicht geoffenbart wird — so wie die vollwachsende und blühende und wieder fruchtende Pflanze noch nicht im Keime da ist, sondern erst angedeutet für den, der den Keim beurteilen kann. Und so sucht Anthroposophie durch das, was hier jetzt schon öfter Meditation und Konzentration genannt worden ist, durch die Mittel innerlicher Seelenentwicklung den Gedanken zu erkraften.

[ 7 ] Dann, wenn man ihn durch Meditation und Konzentration erkraftet, wird er im innerlichen Erleben etwas anderes. Und ich konnte zeigen: Indem sich der Gedanke innerlich erkraftet, überschaut man zuerst das Übersinnliche dessen, was hier auf der Erde vom Menschen lebt als sein physischer Leib; man überschaut den Bildekräfteleib, den Zeitleib, dasjenige, was uns zwischen Geburt und Tod durchorganisiert als etwas Geistiges, was dem physischen Leibe als [Erschaffendes] geistig zugrunde liegt und was so beschaffen ist, dass es, wenn der Gedanke sich erkraftet, so stark sich verdichten kann, dass [es] selber identisch ist mit der Summe derjenigen Kräfte, die zugleich Wachstumskräfte, Bildekräfte des physischen Organismus sind. Diese Bildekräfte, indem sie mit der Geburt mit uns hereingeboren werden in die physische Welt, verdünnen sich im menschlichen Organismus, sie werden Gedankenkräfte. So nehmen wir sie in den abstrakten Gedanken auf. Wenn wir aber durch Meditation und Konzentration die abstrakten Gedanken wieder zurückverdichten, dann werden sie innerlich vollsaftig, wachstumskräftig, werden wirkliche wachsende Bildekräfte des menschlichen Organismus. Wir rücken dadurch herauf im vollen lebendigen Erkennen zu dem, was den menschlichen Organismus durchbildet, durchkraftet und trägt zwischen Geburt und Tod. Und wenn wir dann in die Lage kommen, vom imaginativen Erkennen zum inspirierten vorzuschreiten, das heißt, wenn wir diese Gedanken, die Bildekräfte, die wir durch Meditation und Konzentration erreicht haben, wieder aus dem Bewusstsein entfernen können, sodass wir leeres Bewusstsein herstellen können, dann rücken wir auf zur Wahrnehmung des Geistigen in der Naturumgebung, rücken auf vor allen Dingen [zur Wahrnehmung] des Geistig-Seelischen in der Umgebung, wie wir selbst waren, bevor wir herunterstiegen in die physische Welt und uns verbunden haben mit einem physischen Leibe. Die inspirierte Erkenntnis also zeigt uns das Geistig-Seelische nach der Seite der Ungeborenheit hin.

[ 8 ] Was tun wir, indem wir solche Übungen machen und dadurch gewisse Erkenntnisse, die das Erkenntnisbedürfnis befriedigen, erlangen können? Was suchen wir dadurch innerhalb der menschlichen Gedankenkraft, indem wir solche Übungen machen?

[ 9 ] Wenn ich andeuten will, was man da sucht, so muss ich Folgendes sagen. Die Menschenseele ist ein Einheitliches; sie tritt aber in drei verschiedenen äußeren Offenbarungen auf: als denkende Seele, als fühlende Seele, als wollende Seele. Aber es lebt im Denken das Wollen, es lebt aber auch im Wollen das Denken, und im Fühlen lebt Denken und Wollen. Man möchte sagen, das Gedankenleben ist nur der Hauptsache nach Gedankenleben, es hat ein verborgenes Willensleben in sich. Wenn wir Gedanken miteinander verbinden und voneinander trennen, sodass wir durch das Trennen und Verbinden immer mehr und mehr in die Wirklichkeit eintreten, so wirkt in diesem Verbinden und Trennen von Gedanken der Wille. Aber darauf sieht man nicht; man übersieht gleichsam diesen Willen, man verbirgt diesen Willen. Wenn wir aber Meditationen und Konzentrationen vollziehen, dann sehen wir ab von dem, was das gewöhnliche Bewusstsein als Inhalt des Denkens hat; man unterdrückt gewissermaßen durch Meditation und Konzentration, durch das Ruhen auf einem bestimmten Vorstellungsinhalt, gerade den Inhalt. Das aber, was man ins Bewusstsein heraufbringt, ist der Wille, wie er sonst nie berücksichtigt wird, der im Denken selber lebt. Und dieser Wille ist es, den man ergreift, um dann mit ihm den Bildekräfteleib und das Ewige der Seele zu ergreifen, wie es war vor der Geburt, wie es war in der geistig-seelischen Welt, um in einen physischen Leib einzuziehen. Also in dem Willen ergreift man das, was nach der einen Seite der Ewigkeit hin durch den Menschen erfasst werden kann. Die anderen Übungen, die ich geschildert habe, sind Willensübungen; sie führen dazu, dass der Wille unabhängig wird von der physischen Leiblichkeit. Und was ist es, wenn wir diese Willenserstarkung üben, was ist es, was wir da suchen? So, wie wir durch Meditation und Konzentration den Willen in der Gedankenkraft suchen, so suchen wir durch die Willensübungen den Gedanken in dem Willen. Wenn wir im gewöhnlichen Leben den Willen entwickeln, dann merken wir eigentlich nichts von Gedankenkraft in diesem Willen. Wir gehen zwar aus — ich habe das schon in diesen Tagen dargestellt — von dem Gedanken, wenn wir eine einfache Willensentfaltung hervorbringen, so zum Beispiel, wenn wir nur einen Arm oder eine Hand heben. Aber dann dringt der Wille hinunter in die Tiefen unserer Organisation, und wir sehen erst wieder das Resultat in der erhobenen Hand, in dem gehobenen Arm. Aber wer solche Willensübungen macht, wie ich sie beschrieben habe, der findet, wie dieser Wille, wohin er ihn auch wendet, überall durchleuchtet und durchglüht ist von Gedankenkraft, von einer Gedankenkraft, die bis in unsere Glieder hinuntergeht, eine Gedankenkraft, deren Inhalt wir gar nicht als menschliche Gedanken bezeichnen können, sondern deren Inhalt wir als Weltgedanken bezeichnen müssen, weil wir darinnenstehen durch diejenigen Gedanken, die nicht in unserem Bewusstsein sind, die aber in unserem ganzen Sein und unserer ganzen Willensentfaltung sind. Diese Gedanken, die nicht in unserem Bewusstsein sind, entdecken wir als Weltgedanken, als Weisheit, aber auch, wenn wir den Leib ablegen und durch die Pforte des Todes gehen. Innerhalb unserer Willensströmung entdecken wir unser Ewiges durch Gedanken, die sonst tief verborgen in der Menschenseele sind. Dadurch ergibt sich das Erkenntnisbild des Sterbens; dadurch ergibt sich die Erkenntnis dessen, was wir sind, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen und in die geistige Welt wieder eingezogen sind.

[ 10 ] So sieht man, die Anthroposophie sucht in der Gedankenkraft den Willen, in der Willenskraft die Gedanken. Und dadurch, dass sie in dieser Weise, ich möchte sagen für sich das berücksichtigt, was der Mensch sonst im Leben unberücksichtigt lässt, kommt sie eben auf das, was sonst für den Menschen verborgen bleibt, nämlich auf das, was durch Geburt und Tod hindurchgeht als das Ewige der Menschenseele; und sie kommt zu gleicher Zeit auf das, was aller äußeren Natur als deren GeistigSeelisches zugrunde liegt. So weiß Anthroposophie den Gedanken zu schätzen. In den Gedankenübungen weiß sie ihn zu schätzen, indem sie ihn als Keim betrachtet, aus dem sie andere Seelenfähigkeiten herausentwickelt, die allerdings dann Willensentfaltungen sind. Es weiß aber Anthroposophie auch den Gedanken dann zu schätzen, wenn er — wie eine Blume im Keim — vorher verborgen liegt; aber weil man den Gedanken vorher von dem gewöhnlichen Bewusstsein her kennt, wird er als ein Altbekanntes herausgelockt, wenn man den Willen unabhängig von der Leiblichkeit selbstständig erlebt.

[ 11 ] So ist Anthroposophie in der Lage, den Gedanken nicht zu verachten und ruhig es auszuhalten, wenn man sagt, sie sei doch rationalistisch. Sie ist nicht rationalistisch, wie die Leute glauben, die dies sagen, sondern sie ist, indem sie die Gedankenhöhe zu schätzen weiß, zugleich in der Lage, aus dem Gedanken etwas anderes zu machen.

[ 12 ] Wer nun auf den beiden Wegen — auf dem Gedankenwege und auf dem Willenswege — diese erwähnten Übungen durchmacht, der empfindet, bevor er eigentlich in die geistige Welt eintritt, etwas, was nicht außer Acht gelassen werden soll, wenn man anthroposophische Forschung in der richtigen Weise würdigen will. Wer als ein richtiger Rationalist sich einlebt in das Gedankenleben, das eben von den Zeitbedürfnissen zurückgewiesen wird, der merkt eigentlich gar nicht, ein wie dünnes Seelenelement der Gedanke ist. Wer aber auf dieses aufmerksam wird, der wird etwa so sprechen, wie Friedrich Nietzsche gesprochen hat — in seinen nachgelassenen Schriften ist es verzeichnet — über das tragische philosophische Zeitalter der Griechen, wo er zeigt, wie jene vorsokratischen griechischen Philosophen zu den ersten Betrachtungen gekommen sind, die zwar noch nicht so blass waren wie die unsrigen, aber doch schon genügend von Gedankenblässe in sich hatten. Eisig kamen Nietzsche diese Begriffe des Heraklit, des Parmenides und der anderen vor; die Menschenseele fühlt sich förmlich von Eiseskälte in diesen Gedanken durchdrungen. Das schildert Nietzsche in ergreifender Weise als ein philosophisches Erlebnis intimster Art.

[ 13 ] Anthroposophische Forschung muss zu diesem Erlebnis kommen und muss wissen, mit wem das, was da in der Seele lebt, zu vergleichen ist. Kommt man an diese Dünnheit, an diese Blassheit und Abstraktheit der Gedanken heran, erlebt man es wirklich, setzt man sich nicht darüber hinweg, indem man einfach zu vollsaftigen Lebensinhalten zurückkehrt, sondern gibt man diesen Gedanken sich hin, dann befällt einen, wenn man in die geistige Welt eintreten will, eine gewisse Angst, eine Angst vor dem Nichts, jene Angst, die immer vor dem Leeren eigentlich auftritt. Und diese Angst muss so überwunden werden, dass der Mensch vorher gut vorbereitet ist durch solche Dinge, wie ich sie auch beschrieben habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Abschnitt meiner «Geheimwissenschaft». Der Mensch muss vorbereitet werden, diese Angst in der richtigen Weise zu durchlaufen, so, dass er etwa ankommt beim Erleben des blassen Gedankens und die Sicherheit hat: Du musst durch diese Ängstlichkeit, wie du durchmusst durch den Schlafzustand für die Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber wie du glauben darfst, dass du an jedem Morgen aus dem Schlafe wieder erwachen wirst, so darfst du glauben, dass, wenn du diese Ängstlichkeit durchmachst, dann eine Welt dich begrüßen wird, die du dann erst wirst beurteilen können. Vorher hast du dir nur das Vertrauen erworben, dass der Geist die Welt durchsetzt, und dass du ihn finden wirst, wenn du diesen Angstzustand verlässest. Überwindungen muss der durchmachen, der die Seele bereit machen will zum Erschauen der geistigen Welt.

[ 14 ] Und da, wo der Mensch auf der anderen Seite zum Bild-Erlebnis des Todes kommen soll, erlebt er wieder etwas anderes. Da tritt ja die geistige Welt in Form objektiver Weltgedanken aus den Strömungen des Willens auf. Aber nachdem sie so aufgetreten ist, nachdem wir uns beginnen zu erfüllen mit diesen Gedanken, die größer sind als unsere subjektiven Gedanken, in denen wir fühlen, dass die Weltgesetze als lebendige selbst in unseren Organismus hereinziehen, da werden wir dann gewahr, dass nun auch in unsere Willensimpulse etwas hereinzieht, so hereinzieht wie ein fremdes Gefühl, das uns in Anspruch nimmt als ein gewisser Zorn über das bloß Endliche. So paradox es klingen mag, man muss da erleben einen gewissen Zorn, dem man sich aussetzen muss, über das Erleben des Ewigen an dem Endlichen. An diesem Zorn hat man etwas, woran man sich vergegenwärtigen kann den großen Abstand des Unendlichen von dem Endlichen. Denn es muss das, was vom Menschen erlebt werden soll, erkennend erlebt werden von der geistigen Welt. Das muss zwar durchaus im klaren Gedanken erfasst werden, aber wäre es das nur, so wäre es vielleicht bloß rationalistisch. Aber es dringt ein in den Menschen als Realität, die ein Verhältnis eingeht zum menschlichen Fühlen und auch zu den menschlichen Willensimpulsen, sodass deutlich sich ankündigt, dass wir es mit dem Einheitlichen einer Realität, nicht bloßen Gedanken, in der menschlichen Wesenheit zu tun haben.

[ 15 ] Sehr verehrte Anwesende, dasjenige nun, was bei der entwickelten Seele klar und deutlich in dieser Weise vorhanden sein kann, ist aber doch in allen Menschenseelen, auch in denjenigen, die den naivsten Gemütern eignen, es ist im unterbewussten Zustande vorhanden. So ist es im unterbewussten Zustande dann vorhanden, wenn sich der Mensch aus der neueren Geistesentwicklung heraus den abstrakten Gedanken nähert, wie sie in der Naturwissenschaft zum Beispiel auftreten, so sich ihnen nähert, dass er aus ihnen Weltanschauung machen will. Dann erlebt er unterbewusst, was der anthroposophische Geistesforscher bewusst erlebt, er erlebt diese geschilderte Angst. Er bringt sie sich zwar nicht zum Bewusstsein, bringt sie nicht in seinen Verstand herauf, aber er ersinnt sich logische Gründe, wie unmöglich dasjenige wäre, was die Anthroposophie nun zum Beispiel dadurch will, dass sie die Gedanken betrachtet. Er interpretiert es sich um, um auf diese Weise der Notwendigkeit zu entgehen, den Gedanken lebendig umzubilden und durch die Angst durchzudringen, wie man durch eine Nacht durchdringt mit dem Vertrauen, dass man des Morgens wieder aufwacht. Und auf der anderen Seite steht die Scheu — jener Zorn, der einen überkommt —, in das Ewige der Menschenseele als Realität einzugehen.

[ 16 ] Damit gebe ich Ihnen heute in diesem Schlussvortrag nur einige Charakteristika dessen, was das lebendige Erkennen der Anthroposophie aus dem Menschen dadurch machen kann, dass er — wie ich im vorigen Vortrage hier gesagt habe — mit seinem gesunden Menschenverstande dasjenige nachleben kann, was in dieser Art von denen durchlebt wird, die nun wirklich den Weg in die geistige Welt hineingehen, um dasjenige zu suchen, nach dem das tiefste Zeitbedürfnis unserer heutigen Zeit eben in der Menschenseele seufzt und drängt. Und dem gegenüber macht man eben die Erfahrung, dass die Menschen alles Mögliche und erst recht wieder an rationalistischen Entwicklungen aufwenden, um sich nur nicht selbst zu gestehen, dass sie zurückscheuen vor jener Angst, vor jener Zornmütigkeit, die ich beschrieben habe.

[ 17 ] Dann kommen eben solche Menschen und sagen: Ja, es ist richtig, das Zeitbedürfnis der Menschen muss befriedigt werden. Aber von Anthroposophie wollen wir nichts wissen, denn die will nun doch wieder zum Gedanken ihre Zuflucht nehmen — wir haben ja gesehen, wie sie es durchaus nicht in rationalistischer Form, sondern in einer ganz anderen Form will —, wir aber wollen aus dem Irrationalen heraus das suchen, was die Menschenseele befriedigen kann. Wir wollen versuchen, das, was in jeder Menschenseele sein kann, zu analysieren, um darauf zu kommen, wie man es in der einfachsten unrationalistischen Weise aussprechen könne. Dann glauben wohl solche Menschen — sie sprechen wenigstens so —, sie kommen an der Anthroposophie vorbei, indem sie sich uminterpretieren, was sie im Unterbewussten ja doch erleben!

[ 18 ] Und dann kann man an den Gegnerschaften gegenüber Anthroposophie ganz Merkwürdiges erleben. Es wird zum Beispiel gesagt: Dieses Zeitbedürfnis ist schon vorhanden, aber die Anthroposophie ist ein Irrweg zum richtig erkannten und notwendigen Ziele; und die, welche dieses Zeitbedürfnis richtig erkennen, aber den Irrweg der Anthroposophie nicht gehen wollen — oh, die wüssten schon, wie sie durchaus nicht auf das zu warten brauchen, was die Anthroposophie bietet, sondern wie aus ganz anderen, irrationalen menschlichen Seelengründen heraus das Zeitbedürfnis der Menschheit befriedigt werden könne.

[ 19 ] Nun ist es aber sehr merkwürdig, wenn man solche Einwände einzeln, im Konkreten anfasst. Ich werde heute durchaus vermeiden — aus guten Gründen —, Namen zu nennen; aber man kann es zum Beispiel erfahren, ich erzähle Tatsachen, dass gesagt wird: Ach, was will diese Anthroposophie? Es gibt andere Leute, die suchen heute schon wieder auf elementare Art ein Verhältnis zu gewinnen, erstens zur anderen Menschenseele, die ja auch ein Geistiges ist, und dann zum Geistig-Seelischen der Welt. Indem so etwas gesagt wird, wird dann ein Name einer Persönlichkeit genannt, die also mit ihrem Schrifttum entgegengehalten wird der Anthroposophie. Da habe ich dann in diesen Tagen erfahren, dass ein Name einer Persönlichkeit genannt worden ist — ich muss das erzählen, damit nicht immer wieder und wieder die Missverständnisse gegenüber Anthroposophie gehäuft werden, und ich darf es erzählen, weil ich von einer Persönlichkeit dabei spreche, die ich durchaus sehr hoch schätze —, und diese Persönlichkeit, von der gesagt wird, dass sie etwas biete, wegen dessen man nicht auf die Anthroposophie zu warten brauche, war etwa vor achtzehn Jahren mit mir zusammengetroffen, um über Anthroposophie zu sprechen. Weil sie jedoch an die Anthroposophie nicht herankommen konnte, aber durchaus nicht gegen sie abgeneigt gewesen wäre, wenn sie die innere Kraft hätte aufbringen können, um an die Anthroposophie heranzukommen, da versuchte sie es dann noch mit den äußeren, von den Gegnern der Anthroposophie eben in der charakterisierten Weise geschätzten Methoden. Dann vergingen wiederum einige Jahre, und an einem anderen Orte traf ich wieder dieselbe Persönlichkeit; wiederum versuchte sie an die Anthroposophie heranzukommen, sie konnte es nicht — vielleicht auch Rechnung tragend dem, was man heute in der Außenwelt noch mehr schätzt als die anthroposophische Forschung. Und bei meiner letzten Vortragsreise vor ein paar Wochen war diese Persönlichkeit wieder zu mir gekommen, deutlich zum Ausdruck bringend: Da muss doch etwas sein, was darüber hinausgeht, was ich selber kann, was ich selber in meinen Büchern geben kann. Und wörtlich sagte diese Persönlichkeit: «Da findet sich etwas, was nicht bloß aus dem Gedanken, aus dem Rationalen, sondern aus dem Willen, aus der Ethik heraus nach Wegen in die geistige Welt sucht; das ist etwas, was mich interessiert, ich möchte es näher kennen.» So ungefähr sprach diese Persönlichkeit wörtlich zu mir. Vor ein paar Tagen musste ich hören, dass diejenige Persönlichkeit, die in dieser Weise sich mit der Anthroposophie gern verbinden möchte, etwas geleistet habe, weswegen man auf Anthroposophie nicht zu warten brauche!

[ 20 ] Sehr verehrte Anwesende, die Dinge sehen eben hinter den Kulissen des Daseins durchaus oftmals ganz anders aus, als sie dann dargestellt werden von denjenigen, die oft ganz andere Ziele eigentlich haben — vielleicht unbewusst — als diejenigen, die in den Worten liegen. Indem das gegenwärtige Leben mit seinen Zeitbedürfnissen also vor uns steht, brauchen wir uns gar nicht zu wundern, wenn die Stellung derjenigen, die eigentlich berufen wären, Anthroposophie aus den Zeitbedürfnissen heraus zu verstehen, oftmals noch eine groteske ist.

[ 21 ] Hören Sie einmal, wie ich die Erkenntnismethoden der Anthroposophie schildere: Sie sind rein innerliche Erkenntnismethoden, solche Methoden, durch die sich die Seele im innerlichen Erleben in die geistige Welt hineinbegibt; was da erlebt wird, wird so innerlich erlebt wie nur das mathematische Erleben; die Wahrheit, die Gewissheit wird so innerlich erlebt, wie nur die mathematische Gewissheit innerlich erlebt wird, nur dass die mathematische Gewissheit formal und nicht auf die Wirklichkeit gehend ist, während die von der Seele durch Meditation, Konzentration und Willensübungen und so weiter errungene Erkenntnis durchaus ein Wirkliches ist, und ihr Stehen zu diesem Erleben dann ein Stehen im wirklichen Übersinnlichen ist, wenn sie dazu gelangt. Und eben gerade in solchen Büchern wie die «Geheimwissenschaft», «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Von Seelenrätseln» und andern wird geschildert, wie der anthroposophisch Forschende zu diesen Ergebnissen kommt; es wird so geschildert, dass jemand, wenn er diese Methoden auf die eigene Seele anwenden will, zum Nachprüfen dieser Dinge jederzeit kommen kann. Es handelt sich nur darum, dass der, welcher nachprüfen will, eben die Methoden auf seine Seele anwenden muss. Wer die Anthroposophie bloß verstehen will und auf diese Weise für sein Leben fruchtbar machen will, wie ich es im letzten Vortrag hier auseinandergesetzt habe, der braucht nicht die geisteswissenschaftlichen Methoden auf sich selbst anzuwenden, sondern er kann beim Aufnehmen durch den gesunden Menschenverstand und den gesunden Seelensinn durchaus stehen bleiben.

[ 22 ] Aber man muss doch aus dieser Schilderung der anthroposophischen Methoden und ihrer Ergebnisse, auch wenn man ein gar nicht sehr bedeutender Philosoph oder sonstiger Wissenschaftler in der Gegenwart ist, darüber eine Vorstellung gewinnen, dass es mit einer wirklichen Prüfung dessen, was der Anthroposoph als solcher von seinen Ergebnissen sagt, nicht anders gehen kann, als dass man dieselben Methoden, die er anwendet, eben auch anwendet, indem man nachprüft, wie er zu seinen Ergebnissen kommt — innerseelisch —, das heißt in der geistigen Welt selbst, indem man es auch nachprüft innerseelisch in der geistigen Welt selbst. Statt dass die Dinge nun so verstanden werden, kommen die Menschen, die sich heute Wissenschaftler nennen, und sagen: Es soll einmal jemand, der zu anthroposophischen Ergebnissen kommt, in irgendein Experimentier-Laboratorium kommen, und dort versuche man nachzuprüfen, ob er wirklich zu solchen Ergebnissen kommen könne! Aber der in einer solchen Forderung liegende Unsinn ist nicht kleiner als der, der sich etwa in folgender Weise in die Welt setzen würde. Es sagt jemand: Ich bin Mathematiker, ich habe diese und jene mathematischen Probleme gelöst; seht ihr, ob sie richtig sind, indem ihr euch die entsprechenden mathematischen Fähigkeiten dazu aneignet und die Dinge nachprüft. Aber darauf wird ihm von den Leuten erwidert: Das passt uns nicht; warum sollen wir uns erst diese mathematischen Fähigkeiten aneignen? Komme ins Laboratorium, dort werden wir durch experimentelle Psychologie und so weiter deinen Schädel prüfen und feststellen, ob deine mathematischen Resultate richtig sind! Solche Forderungen, die so absurd sind, werden heute hinausposaunt in die Welt und finden leider ein gläubiges Publikum.

[ 23 ] Das ist das, was zunächst gesagt werden muss über den Weg der Anthroposophie in Bezug auf die Zeitbedürfnisse der Gegenwart. Aber das, wohinein da die Seele dringt und von dem sie die Ergebnisse der Menschheit so verkündet, dass diese Ergebnisse durch den gesunden Menschenverstand, wenn er nur wirklich will, begriffen werden können, was ist denn das eigentlich?

[ 24 ] Um das zu charakterisieren, was dadurch der Welt gegeben werden kann oder — wenn ich mich vielleicht bescheidener ausdrücken darf — der Welt gegeben werden möchte, dazu muss man an die Art und Weise erinnern, wie ältere Zeiten zu dem Inhalt des geistigen Lebens gestanden haben. Sehen wir in ältere Zeiten zurück, von denen uns die traditionellen Weltanschauungsbekenntnisse verblieben sind. Da haben die Menschen gesprochen wie von Geistig-Wesenhaftigem. Sie haben selbstverständlich, indem sie davon gesprochen haben, es in Begriffen und Ideen getan. Aber trotzdem das Wissen und das Schauen von geistigen Wesenheiten in älteren Zeiten instinktiv war, so haben die Menschen dennoch eine innere Sicherheit gehabt von dieser geistigen Welt, sodass sie wussten: Du hast nicht nur Begriffe und Ideen von der geistigen Welt, du hast in dir die geistige Welt selbst; du sprichst nicht nur von Göttern und Engeln, diese Götter und Engel — man könnte auch andere Termini wählen — leben nicht nur in deinen Ideen, sondern die leben als lebendige Wesen in dem, womit du mit deiner Seele verbunden bist, sie sind geistige Wirklichkeiten.

[ 25 ] Das ist es, was die neuere Zeit heraufgebracht hat, dass dieses unmittelbare Erleben im Geistigen nicht mehr da ist. Wenn die neuere Zeit von Geist spricht, meint sie die Gedanken. Niemand hätte früher verstanden, was es heißen soll, wenn man heute sagt: Ideen verwirklichen sich durch die Geschichte. Aber jeder hätte verstanden, was damit gemeint ist: Geistige Wesenheiten verwirklichen sich durch die Geschichte. Die Ideen sind nur das Ausdrucksmittel für die dahinterstehende geistige Welt, und diese lebt in jeder einzelnen Tätigkeit, die der Mensch ausübt. Wie sich der Mensch in der Sinneswelt drinnen fühlt, so fühlt er sich auch in einer geistigen Welt drinnen. Aber die Menschen, die herauskommen aus diesem unmittelbaren Erleben der geistigen Welt, hatten ehedem, wenn sie zum Beispiel einem Strauche gegenüberstanden — ich rede jetzt radikal, kann aber dadurch vielleicht adäquat charakterisieren —, ein unmittelbares Verhältnis zu ihm, sodass ihnen das Geistige unmittelbar entgegentrat und das Naturobjekt auch unmittelbar durchschaut wurde.

[ 26 ] Wir haben nun in der letzten Zeit zur Entwicklung der Menschheit dieses heraufkommen sehen: die Natureinzelheiten so anzuschauen, dass wir nicht mehr elementar geistig-seelisch in ihnen erleben, sondern dass der abstrakte Gedanke, der das Naturereignis ausdrückt, zunächst da ist. Wir stehen vor dem Strauch; in den Gedanken liegt zunächst das, was wir zu dem Strauch erleben können. Das trennt uns aber von dem Geistigen, und so ist die Natur von uns entseelt worden. Indem wir mit dem abstrakten Gedanken die Natur durchdringen konnten in der neueren Epoche der Menschheitsentwicklung, trennte uns der abstrakte Gedanke mit dem Naturwesen von der eigentlichen geistigen Welt. Aber was die Menschen nicht gehabt haben, als sie das elementare Geistige in jedem einzelnen Ding schauten, war die menschliche Freiheit. Sie konnte sich erst in dem Zeitalter entwickeln, wo der Mensch anstelle der unmittelbaren geistigen Bilder jetzt die abstrakten Gedanken in der Natur erlebt, sodass die Natur nicht mehr zwingend ist und keine unmittelbare Wirkung mehr auf die Menschennatur ausübt.

[ 27 ] Dadurch, dass wir die geistige Realität in der Umgebung der Natur verloren haben und nur das Bild der Geistigkeit in den abstrakten Gedanken behalten haben, dadurch wurde unsere Freiheit möglich. Das ist im Besonderen geschildert in meiner «Philosophie der Freiheit». Aber dadurch ist auch die Notwendigkeit herbeigeführt worden, wenn wir nun wieder zum Geistigen kommen wollen, können wir nicht stehen bleiben bei den Gedanken, die wir heute bei Strauch und Baum, bei Stein und Sonne, Fluss und Berg finden; da leben die abstrakten Gedanken, die das Menschengeschlecht erleben musste, um frei zu werden. Wir müssen heute den Gedanken verdichten durch Meditation und Konzentration. Dann schauen wir wieder so in die Natur, dass der Geist uns aus allen Wesenheiten der Natur entgegenschaut. Und ebenso finden wir den Geist im sozialen Menschenleben in der Art, wie wir als Mensch dem Menschen gegenüberstehen, indem wir die Liebe zum Nächsten entfalten und dieser Liebe durch Taten Ausdruck geben.

[ 28 ] So steht die Anthroposophie zum Gedankenerleben der neueren Zeit so, dass sie sagt: Der Gedanke ist auch in den äußeren Naturerscheinungen das Dünnste geworden, ist das geworden, was — man möchte sagen — eine letzte Erinnerung an den Geist ist; er muss wieder verdichtet, muss erkraftet werden, dann führt er uns wieder zum Geiste zurück. Anthroposophie ist nicht Rationalismus, sie bleibt nicht bei dem blassen Gedanken stehen, sondern sie ringt sich durch bis zu diesen Gedanken — wirklich bis zu dieser inneren Kälte der Gedanken, die auch Nietzsche in so ergreifender Weise schildert; indem aber die Seele bis zu so dünnen Gedanken kommt, wird sie gewissermaßen dadurch in die Lage versetzt, dass sie nach überallhin Fenster hat. Für die Anthroposophie sind die abstrakten Gedanken wie Fenster; überallhin durchsichtig erweist sich die Umwelt. Und indem dann die Seele die Gedankenkraft verdichtet, dringt sie hindurch durch die Fenster, die durch die Abstraktheit geöffnet worden sind, in die geistige Welt nun hinein. Dadurch kommen wir zum Erleben nicht nur einer Welt abstrakter Ideen und Ideale, sondern wieder zu dem, was einstmals die Menschheit als eine Realität erlebte, wovon ihr aber in den gegenwärtigen Weltanschauungs- und Religionsbekenntnissen nur der abstrakte Abklatsch geblieben ist, selbst wenn man heute glaubt, in dem Irrationalen hineinzusehen in eine geistige Welt. Und dann kommen wir wieder dazu, nicht bloß vom Geiste wissen zu wollen, ihn nicht bloß in unseren Gedanken zu repräsentieren, sondern ihn zu erleben.

[ 29 ] Unsere lebendige Erkenntnis ist nur der Umweg, um die lebendige Geistigkeit in das Leben hereinzubekommen, sodass wir wieder vom Morgen bis zum Abend so leben, dass wir wissen: Jede unserer Taten, jedes unserer Gefühle, jeder unserer Gedanken ist so, dass Geistiges in ihm lebt. Dass dadurch der Mensch nicht unfrei, sondern gerade frei wird, das suchte ich ja durch die «Philosophie der Freiheit» zu zeigen. Ich versuchte damals schon zu zeigen: Wenn der Mensch das Denken so auffasst, dass er es auch wieder erkraften kann, dass er zum Beispiel durch die moralischen Intuitionen in die geistige Welt auf ethischem, auf sittlichem Gebiete aufsteigen kann — wenn er so zum reinen Denken aufsteigt, dann ist er in einer Lage, wo er das «Weltengeschehen an einem Zipfel» erfassen kann. Das aber ist außer dem Weg das Zweite: eine gotterfüllte, eine geisterfüllte Welt ist es, die uns wird. Durch Anthroposophie soll nicht bloß ein Weltanschauen gegeben werden, sondern sie soll für den Menschen die Veranlassung werden zu einem realen Erleben, durch das das Göttlich-Geistige in die neuere Menschheitsentwicklung hereinzieht, weil der Mensch — um seiner Freiheit willen — die alten Wege zum Geist nicht mehr gehen kann und geistlos bliebe, wenn er nicht den Weg vom Gedanken und vom Willen aus sucht, wie ich es charakterisiert habe.

[ 30 ] So strebt Anthroposophie nicht bloß zum Geist-Erlebnis, sondern sie strebt dahin, ein Feld, eine Wohnung zu bereiten dem Geiste, der die Menschheit durchdringen wird zu ihren Gedanken, zu ihren Gefühlen, zu ihren Taten diesem Geiste Feld und Wohnung zu bieten, damit er unter uns sein kann, damit wir nicht bloß aus zeitlichvergänglichem Menschentum, sondern aus ewigem Gottesgeisttum heraus alles denken, fühlen, wollen können! Anthroposophie will nicht bloß ein Erkenntnisprozess sein, sie will ein realer Prozess sein. Und indem sie also, ich möchte sagen dem Gotte seine Wohnung hier auf der Erde bereitet, indem sie eine Erkenntnis sein will, die zugleich Leben ist und zugleich dem Gotte, dem Geiste die Wohnung baut, hat sie von sich aus ein Verhältnis zu dem dritten Aspekt unserer großen Zeitbedürfnisse: zu dem sozialen Aspekt.

[ 31 ] Nach dem, was sich zusammenfasst in der sozialen Frage, und durch das, was sich so zusammenfasst, ist die Seele und das Herz des heutigen Menschen, sofern dieser Mensch überhaupt im wahren Sinne des Wortes Seele und Herz hat, tief erfasst. Das ist allerdings zunächst die Grundfrage. Aber kann sie eigentlich so aufgefasst werden, wie das heute oftmals geschieht?

[ 32 ] Gewiss, sehr verehrte Anwesende, für den nächsten Augenblick muss jede menschlich gut gemeinte Auffassung durchaus gewürdigt und geschätzt werden; aber zum Heile der Menschheit ist doch noch etwas anderes notwendig. Wir vernehmen heute, wie Millionen hungern; wir können selbst Gelegenheit haben, tief in jenem Elend drinnenzustehen, das aus der furchtbaren Kriegskatastrophe der zivilisierten Welt zurückgeblieben ist. Wir erfahren, wie überall die Arbeitslosigkeit wuchert, Sieger mehr noch ergriffen hat und namentlich die neutralen Länder ergriffen hat als zunächst die besiegten Länder. Wir schauen hin auf diese so schwer geprüfte Welt. Gewiss soll gar nichts eingewendet werden gegen diejenigen Menschen, die nun aus gutem Herzen und auch aus einer gewissen Welterkenntnis sagen: «Das Nächste ist, Brot zu schaffen, Brot, dass der Hunger gestillt werde!» Ja, das ist so; das muss auch als das Nächste betrachtet werden. Aber wir müssen als gesamte Menschheit wieder so vorwärtskommen, dass solche Hunger-, solche Notzeiten nicht mehr möglich sein werden, wie sie heute möglich geworden sind. Denn wodurch sind sie entstanden?

[ 33 ] Wer unbefangen in die Welt blickt, wird sagen: Mag selbst auch eine Not in der Natur eintreten, mag irgendwelches oder Unfruchtbarkeit in der Natur eintreten, das muss doch in der Weltwirtschaft, wenn richtig gewirtschaftet wird, ausgeglichen werden. Im Ganzen gibt die Natur dem Menschen das, was er von ihr braucht. Wenn nun ganze Menschengruppen nicht das haben, was ihnen zukommen müsste, dann ist dies nicht, weil die Natur es ihnen vorenthält, dann ist es aus dem Grunde, weil die Menschen nicht verstehen, das richtig zu verarbeiten und hinzubringen, was die Natur hergibt! In der Natur ist das vorhanden, was allen Menschen Nahrung, allen Menschen das Notdürftigste bringen könnte; es muss nur so erarbeitet werden, dass die Menschen es für die Menschen in der richtigen Weise geben und von den Menschen nehmen können. Die Not ist nicht — wenigstens nicht im Großen und Ganzen, Einzelheiten abgerechnet — durch die Natur entstanden; die Not ist durch die Art und Weise entstanden, wie die Menschen die Natur behandelt haben, wie die Menschen untereinander sich verhalten haben. Von der Art der Geistigkeit, die unter den Menschen herrscht, ist die Not gekommen und kommt jede Not, und durch die Art der Geistigkeit allein ist der Not auch nur auf die Dauer abzuhelfen. Wir müssen im menschlichen Verkehr nicht bloß abstrakte Begriffe finden, durch die sich die Menschen vergegenwärtigen, meinetwillen auch ein Geistiges, sondern wir müssen eine lebendige Geistigkeit finden, durch die wir auch an die Arbeit herantreten, durch die wir die Mittel und Wege finden, das zu erarbeiten, was der Mitmensch von uns an Ergebnissen der Arbeit erfordern kann. Wir müssen jene Geistigkeit finden, durch die wieder Vertrauen zu denjenigen Menschen kommen kann, welche die Arbeit leiten können, sodass ihre Ergebnisse in der richtigen Weise in die menschlichen sozialen Organismen hineinströmen können. Und wir müssen den Gott finden, der in der richtigen Weise das soziale Leben zu durchströmen vermag. Den finden wir aber für das soziale Handeln nur, wenn wir ihn erst in der lebendigen Erkenntnis gefunden haben, wenn wir ihn erst in der Natur gefunden haben und in das Menschheitsleben als lebendigen Geist eingeführt haben, so wie ich es beschrieben habe. Wir brauchen erst einen Weg zum Geist; wir brauchen aber ein solches Streben nach dem Geist, das nicht bloß zu einem theoretischen Erkennen, sondern zu einem Erleben der Geistigkeit führt, das aber dennoch in Bezug auf das soziale Leben nicht zu abstrakten Ideen über die soziale Ordnung führt, sondern zu konkreten Ideen, sodass durch das Strömen dieser Ideen das Göttlich-Geistige selbst in die soziale Ordnung einfließt. So viel Leninismus, so viel Trotzkismus, das heißt so viel Materialismus in der Welt ist, so viel Untergangskräfte sind in der Welt! Alleinige Hilfe ist nur das Wiedereinziehen einer Geistigkeit in die Menschheit. Dass für die älteren Zeiten in Bezug auf das soziale Leben vieles getadelt werden kann, ist durchaus richtig; aber das hat in einem anderen Kapitel zu stehen, als es heute zu besprechen ist. Was heute zu besprechen ist, das ist, dass unsere Zeit eine solche Geistigkeit fordert, wie sie aus dem zur höchsten Entfaltung gekommenen Gedanken — und allein auf diesem Wege — erreicht werden kann.

[ 34 ] Diesen Weg möchte aber die Anthroposophie gehen. Es mag Einzelnes innerhalb der Anthroposophie durchaus der Verbesserung fähig und bedürftig sein. Aber die Menschheit wird, indem sie aus den Zeitbedürfnissen heraus leben muss, nicht daran vorbeikommen, ihre Führer dort zu suchen, wo solche Wege in die geistige Welt hinein gegangen werden, wie sie die Anthroposophie gehen möchte. Denn es kommt darauf an, dass wir nicht bloß dem Materialismus uns entringen, sondern es kommt darauf an, dass wir uns den toten Gedanken entringen, die bloß Repräsentanten sind von irgendetwas Wirklichem, und dass wir das Wirkliche in den Gedanken selbst ergreifen. Das kann nicht in abstrakten, das kann allein in den verdichteten, in den in der Seele weiterentwickelten Gedanken sein; das kann nur sein, indem wir die Weltgedanken in dem entwickelten Willen erleben. Das erscheint heute vielen Menschen, die sich eingelebt haben in die alten Strömungen der Wissenschaftlichkeit, bis zu dem Grade paradox, dass sie im Laboratorium prüfen wollen den Anthroposophen mit den Methoden des Laboratoriums ebenso, wie wenn man den Mathematiker prüfen möchte im Laboratorium, ob ein Integral richtig ist oder nicht; man will nicht dem nachgehen, was er als seine Mathematik gibt, sondern möchte sein persönliches Verhalten nachprüfen. Das aber muss eingesehen werden, dass der Geist nur auf dem geistigen Felde erlebt werden kann, auf jenem Felde, das aber überall die angedeuteten Fenster hat für das Geistig-Seelische. Da werden die Gedanken, die Fenster, durch die das Geistige in die Menschenseele hineinkommen kann, [erlebt], und auf diesem Wege wird die Wirklichkeit der geistigen Welt als etwas erlebt, mit dem die Menschen als Geistig-Seelisches zusammenwachsen.

[ 35 ] Dies — sehr verehrte Anwesende — schildert die Art, wie Anthroposophie meint, den Zeitbedürfnissen dienen zu können. Ich habe mich bemüht, heute darzulegen, welches der wirkliche Weg anthroposophischer Forschungsweise ist. Denn ich glaube allerdings, wenn man diesen wirklichen Weg sich einmal genau anschaut, wird man nicht sagen können: Die Anthroposophie stellt einen Irrweg nach einem richtig erkannten und sogar für die Zeitbedürfnisse notwendigen Ziele hin dar. Nein! Untersucht man das, was die Leute, die also urteilen, einen Irrweg nennen, dann entdeckt man zuletzt immer wieder und wieder: Das ist nicht der anthroposophische Weg, das ist die Karikatur, welche die Leute selber erst von diesem anthroposophischen Wege machen; das ist der Popanz, den sie selbst erst machen und den sie dann kritisieren, sodass ihre Worte zu dem wahren anthroposophischen Weg überhaupt nicht das geringste Verhältnis haben. Das ist es, was man tagtäglich jetzt immer wieder erleben kann: dass die Leute ihre eigenen Gespenster von der Anthroposophie kritisieren, weil sie die wahre Anthroposophie nicht kennenlernen wollen.

[ 36 ] Gegen das, was da waltet, und für die Zeitbedürfnisse sind in ehrlicher Weise diejenigen aufgetreten, die in den Tagen dieses Hochschulkurses auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten die anthroposophische Forschungsart vertreten haben. Zeigen wollten sie, wie diese Forschungsart die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft, des Lebens, der Kunst, der sozialen Ordnung befruchten kann. Eintreten wollten sie für die wahre Gestalt desjenigen, was durchaus jede ehrliche Kritik aufnehmen wollte, was aber heute oftmals nur sieht, wie es karikiert, zum Popanz gemacht und dann in der Weise kritisiert wird, wie ich es andeutete. Deshalb möchte ich auch nicht verfehlen, meinerseits, da ich ja mit meinem ganzen Herzen verbunden bin mit dieser anthroposophischen Strömung, vor Ihnen allen hier am Schlusse herzlichst zu danken allen denjenigen, die in den letzten Tagen aus dem, was sie sich durch ihre Wissenschaft, durch ihre Lebenserfahrung und so weiter errungen haben, eingetreten sind für anthroposophische Forschung, für anthroposophische Weltanschauung. Ihnen möchte ich gerade im Namen des anthroposophischen Denkens, der anthroposophischen Gesinnung herzlichst danken. Denn man mag über das, was die Anthroposophie heute schon kann, was sie hervorgebracht hat, denken, wie man will: Anthroposophie ist recht gewissenhaft bemüht, ihr Wollen in dem Sinne einzustellen, wie es gerade die heutigen Zeitbedürfnisse fordern — nicht weil sie dem Zeitlichen nur dienen möchte, Anthroposophie richtet sich gar nicht nach diesen Zeitbedürfnissen, sie spricht aus den ewigen Untergründen der Menschenseele heraus eigentlich von dem Ewigen, aber ihr Streben fällt zusammen mit den heutigen Zeitbedürfnissen. Die Menschheit hat lange genug sich nur mit dem Vergänglichen beschäftigt; sie begehrt heute aus den Zeitforderungen heraus, das Ewige wieder kennenzulernen, es wieder einzuführen in das menschliche Fühlen und in das menschliche Handeln. Darin darf diesen Zeitforderungen, darf diesem Streben der Menschenseele die Anthroposophie dienen, denn sie fällt in ihrem Streben mit dem zusammen, was Zeitbedürfnisse gerade sind. Sie strebt so, dass ich nun zum Schlusse das, was von ihr heute vielleicht lange noch nicht erreicht ist, aber von ihr gewollt ist, zusammenfassen möchte in folgende Worte, die gewissermaßen das ausdrücken sollen, was Gesinnung, was Wollen des Anthroposophischen ist.

[ 37 ] Dieses Wollen weiß ganz gut, wie dunkel, wie finster die menschlichen Wege des Lebens sind, wenn sie nicht von einem gewissen Licht erleuchtet werden; und die heutige Menschheit gelangt eben zu ihren Zeitbedürfnissen, wie ich sie charakterisiert habe, dadurch, dass sie viel von Finsternis des Lebens um sich hat, und deshalb viel danach streben muss, jenes Licht zu erlangen, das die Dunkelheiten, die Finsternisse des Lebens erleuchten kann. Dieses Licht — wie ist es zu finden? Für dieses Licht ist die menschliche Seele allein die Lampe. Aber diese Lampe kann nur zum Licht entflammt werden, wenn der Geist sie entzündet. Die menschliche Seele wird das leuchtende Licht des Lebens, wenn der Geist sie entzündet! Wird aber die menschliche Seele als Lebenslicht vom Geist entzündet, dann wird sie auch die Fackel, welche in richtiger Weise für das menschliche Leben erleuchten kann die fruchtbaren Erkenntnisse, die lebenwärmenden Gefühle, die für den Mensch notwendigen tatenkräftigen Willensimpulse.