Anthroposophical Spiritual Science
and the Big Questions of Contemporary Civilization
GA 80c
31 October 1922, The Hague
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Big Questions of Contemporary Civilization, tr. SOL
7. Die Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen
7. Understanding the Spiritual Nature of Human Beings
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Zuerst darf ich Sie wohl um Entschuldigung bitten, dass ich nicht in der Sprache Ihres Landes diesen Vortrag halten werde. Da ich aber diese Sprache nicht handhabe, so muss ich Sie bitten, in der mir gebräuchlichen Sprache die folgenden Auseinandersetzungen machen zu dürfen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! First, I must ask your forgiveness for not delivering this lecture in your native language. However, since I do not speak that language, I must ask your permission to present the following arguments in the language I am accustomed to using.
[ 2 ] Wer heute über das geistige Wesen des Menschen und seine Erkenntnis sprechen will, wird ja allerdings stoßen auf ein gewisses Interesse innerhalb unserer gegenwärtigen gebildeten Menschheit. Über weite Gebiete des modernen Zivilisationslebens ist ja das Schicksal hereingebrochen, dass die Leute heute vielfach in Verwirrung, in Haltlosigkeit bringen kann gegenüber dem, was von der äußeren Welt an den Menschen herankommt. Und so sucht heute mancher eben dasjenige, was früher vielfach allein in der Außenwelt gesucht worden ist, im Innern der menschlichen Seele selbst, sucht da die Kräfte, um sich aufrechtzuerhalten, sucht jene Sicherheit, welche das menschliche Innere denn doch für ein kräftiges Leben braucht. Wenn man aber auf der anderen Seite im Sinne des Geistes der Gegenwart über die Erkenntnis des übersinnlichen Menschen, so wie ich das heute zu tun gedenke, reden will, dann stößt man doch sogleich auf den Widerstand gerade derjenigen Welt und Weltauffassung, die einem heute eigentlich doch die allerwertvollste sein muss, man stößt auf den Widerstand der wissenschaftlichen Welt, welche geltend machen muss aus den verschiedensten Untergründen ihrer eigenen Erkenntnisart heraus, dass eben in die übersinnlichen, in die geistigen Welten mit denjenigen Methoden nicht aufgestiegen werden könne, welche man gewohnt worden ist, sonst im wissenschaftlichen Leben anzuwenden.
[ 2 ] Anyone who wishes to speak today about the spiritual nature of the human being and human knowledge will, of course, encounter a certain degree of interest among the educated people of our time. Across vast swaths of modern civilized life, a fate has indeed befallen us that can often leave people today feeling confused and adrift in the face of what the external world throws at them. And so today, many are seeking within the human soul itself precisely what was formerly sought almost exclusively in the external world; they are seeking there the forces to sustain themselves, seeking that security which the human inner being ultimately needs for a vigorous life. But if, on the other hand, one wishes to speak—in the spirit of the present age—about the knowledge of the supersensible human being, as I intend to do today, one immediately encounters resistance from precisely that world and worldview which must actually be the most valuable to us today; one encounters resistance from the scientific world, which must assert—based on the most diverse foundations of its own mode of knowledge—that one cannot ascend into the supersensible, spiritual worlds using the very methods one has become accustomed to applying in scientific life.
[ 3 ] Dennoch aber ist die moderne Zivilisation so an den Menschen herangetreten, dass dieser gewohnt worden ist, alles in dem Lichte zu betrachten, das ihm in irgendeiner Weise von der wissenschaftlichen Erkenntnis herkommt. Und so ist es denn auch, dass man Befriedigung für sein Seelenleben nicht eigentlich im Sinne der heutigen Bildung mehr suchen will nach alten traditionellen Bekenntnissen, sondern dass man das Bedürfnis hat, auch mit Bezug auf die geistige Welt eine solche Erkenntnis anzustreben, die immerhin sich verantworten kann gegenüber den wissenschaftlichen Bedürfnissen der Gegenwart. Und eine solche Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen strebt an jene anthroposophische Weltanschauung, in deren Sinn ich Ihnen heute und am nächsten Freitag sprechen möchte, heute mehr über die Erkenntnis der geistigen Wesenheit des Menschen, am nächsten Freitag über die Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt.
[ 3 ] Nevertheless, modern civilization has approached humanity in such a way that people have become accustomed to viewing everything in the light provided, in one way or another, by scientific knowledge. And so it is that, in the context of today’s education, people no longer seek fulfillment for their inner lives in the sense of old, traditional creeds, but rather feel the need to strive for a kind of understanding—even with regard to the spiritual world—that can, after all, stand up to the scientific demands of the present. And it is precisely this understanding of the spiritual nature of the human being that the anthroposophical worldview strives for—a worldview in the spirit of which I would like to speak to you today and next Friday: today more about the understanding of the spiritual nature of the human being, and next Friday about the understanding of the spiritual nature of the world.
[ 4 ] Wenn man vom geistigen Wesen des Menschen als dem tiefsten Rätsel des Daseins spricht, was meint man denn dann eigentlich, meine sehr verehrten Anwesenden? Eigentlich meint man nicht, dass irgendein Zweifel an dem Geiste und seiner Betätigung in der menschlichen Wesenheit da sein kann; denn jeder, der nur ein wenig sich auf sich selbst besinnt, er wird ja gerade in dem, was geistig in ihm ist, dasjenige sehen, was dem Menschen seine eigentliche Würde gibt, was ihn erhebt über die anderen Wesenheiten der Welt. Und man kann sagen, auch nicht der überzeugte Materialist wird das Wertvolle und den Bestand des geistigen Lebens im Menschen eigentlich bezweifeln. Er wird nur seine Einwände machen gegen die Selbstständigkeit, gegen die eigene Wesenheit dieses geistigen Lebens innerhalb der Menschennatur. Er wird sagen: Dasjenige, was du anerkennst als Mensch als deine geistige Wesenheit, das geht aus dem Körperlichen, aus dem Physischen, wie die Flamme aus der Kerze; das entsteht aus diesem Körperlichen, aus diesem Physischen; das erlischt mit diesem Körperlich-Physischen.
[ 4 ] When we speak of the spiritual nature of human beings as the deepest mystery of existence, what do we actually mean by that, my esteemed audience? In fact, one does not mean that there can be any doubt about the spirit and its activity within the human being; for anyone who reflects even a little on themselves will see, precisely in what is spiritual within them, that which gives human beings their true dignity—that which elevates them above the other beings of the world. And one can say that not even the convinced materialist will actually doubt the value and the reality of spiritual life within human beings. He will merely raise objections to the independence, to the distinct essence of this spiritual life within human nature. He will say: What you, as a human being, recognize as your spiritual essence arises from the physical, just as the flame arises from the candle; it arises from this physical realm; it ceases to exist with this physical realm.
[ 5 ] Ist es denn nun, wie man glauben sollte, da der Mensch einmal das Geistige als seine eigentliche, eigentümliche Würde ansehen muss, ist es denn auch wirklich im gewöhnlichen Leben begründet, dass der Mensch, wenn schon nicht über das Dasein und den Bestand des Geistigen, so doch über das Schicksal seines geistigen Wesens in tiefe Zweifel getrieben werden kann? Ja, er kann es. Er kann es durch das alltägliche Leben. Und es sind im Grunde genommen auch keine anderen Zweifel in der Wissenschaft vom Geistigen vorhanden als diejenigen, die unbewusst im alltäglichen Leben des Menschen vorhanden sind, die den Menschen beirren, die den Menschen unsicher machen, wenn er Aufklärung haben will über das Wesen seines eigenen Geistes.
[ 5 ] Is it then the case—as one might suppose, given that human beings must regard the spiritual as their true, distinctive dignity—that it is indeed grounded in ordinary life that human beings can be driven into deep doubt, if not about the existence and permanence of the spiritual, then at least about the fate of their spiritual being? Yes, they can. They can through everyday life. And, fundamentally speaking, there are no other doubts in the science of the spiritual than those that exist unconsciously in human beings’ everyday lives—doubts that mislead people and make them feel uncertain when they seek enlightenment about the nature of their own spirit.
[ 6 ] Und diese Zweifel, sie kommen von den verschiedensten Seiten her. Sie sind insbesondere stark bei denjenigen, die eine wissenschaftliche Bildung in der Gegenwart erlangen. Ich will von den verschiedenen Zweifeln, die da dem Menschen aufstoßen, die zwei hauptsächlichsten nennen, diejenigen, die sich der Mensch allerdings nicht klarmacht im gewöhnlichen Leben, aber es sitzt ja vieles — meine sehr verehrten Anwesenden — unbewusst oder unterbewusst in den Tiefen der Menschenseele, was heraufspielt in das Bewusstsein, nicht als klare Begriffe und auch nicht als klare Zweifel, aber als Unsicherheiten, als etwas, was ganz von unten herauf innerliches Glück oder innerliche Haltlosigkeit des Menschen ausmacht. Das eine, was — ich betone es noch einmal —, nicht etwa mit voller Klarheit, aber darum gefühlsmäßig umso stärker, Zweifel über das Schicksal des Geistigen hervorruft, begegnet uns als Menschen eigentlich in jedem Schicksalslaufe.
[ 6 ] And these doubts come from a wide variety of sources. They are particularly strong among those who are currently pursuing a scientific education. Of the various doubts that arise in people, I would like to mention the two most significant ones—those that people do not, admittedly, recognize in their everyday lives. Yet, my dear listeners, there is much that lies unconsciously or subconsciously in the depths of the human soul, which surfaces into consciousness—not as clear concepts, nor even as clear doubts, but as uncertainties, as something that arises from the very depths and constitutes a person’s inner happiness or inner instability. The one thing that—I emphasize this once more—does not evoke doubts about the fate of the spiritual with complete clarity, but is all the more powerful emotionally, actually confronts us as human beings in every course of fate.
[ 7 ] Wir versinken mit jedem Tageslauf in das Schlafesleben, durch das das während des Tages regsame Geistesleben hinabdämmert und endlich ganz erlischt, bis es wiederum beim Aufwachen heraufkommt und unser Bewusstsein erfüllt. Dieses Erlöschen, dieses alltägliche Verschwinden des geistigen Lebens, das ist es, das den Menschen immer wiederum unsicher macht, wenn er sich fragt: Hat der Geist einen selbstständigen Bestand? Kommt er nicht — wie die Flamme aus der Kerze, wenn man sie anzündet —, herauf, dieser Geist, in dem menschlichen physischen Leben, so, wie er sich entwickelt aus der Kindheit von dem Dumpfen in das Hellere immer mehr und mehr? Erlischt er nicht wiederum, dieser Geist, erlischt es nicht, dieses seelische Leben, wenn der Körper durch den Tod hindurchgeht, wie die Flamme erlischt, wenn der Brennstoff erschöpft ist?
[ 7 ] With each passing day, we sink into the realm of sleep, through which the mental life that is so active during the day gradually fades and finally dies out completely, until it rises again upon waking and fills our consciousness. This fading away, this daily disappearance of spiritual life—that is what repeatedly makes a person feel uncertain when they ask themselves: Does the spirit have an independent existence? Does this spirit not—like the flame from a candle when it is lit—rise up within human physical life, just as it develops from childhood, moving ever more and more from the dim into the light? Does this spirit not fade away again; does this soul life not fade away when the body passes through death, just as the flame goes out when the fuel is exhausted?
[ 8 ] Aus diesem [Nachterlebniss] geht eigentlich alles dasjenige hervor, was man sucht, um herbe Zweifel und tiefe Lebensrätsel zu beseitigen, zu lösen. Aber im Grunde genommen, und das wird die andere Seite sein der Sache, die ich hervorzuheben habe, aber im Grunde genommen ist es im wachen Tagesleben nicht anders. Wenn wir im Schlafe den Geist erlöschen sehen, so sehen wir ihn im Tagesleben gewissermaßen in Bezug auf seine Tätigkeit in die Finsternis des eigenen Körpers hinuntergetaucht.
[ 8 ] Everything one seeks to dispel and resolve bitter doubts and the profound mysteries of life actually stems from this [nighttime experience]. But strictly speaking—and this is the other side of the matter that I must emphasize—strictly speaking, it is no different in waking daily life. When we see the spirit fade away in sleep, we see it, so to speak, plunged into the darkness of our own body in terms of its activity during the day.
[ 9 ] Was ist es denn viel, was wir in klarer Bewusstheit als unsere Gedanken hegen? Gewiss, die haben wir. Aber wenn wir uns fragen nur, wie wirkt unsere Seele in der einfachen Handbewegung, wenn diese primitive Willensäußerung zustande kommt, so können wir uns doch nur sagen: Ja, wir fassen den Gedanken; die Hand soll gehoben werden. Der Gedanke aber verschwindet in die Finsternisse des eigenen Organismus. Wir wissen im alltäglichen Bewusstsein nicht, was da unsere Seele im Innern des Organismus vollzieht, um, ich möchte sagen blitzartig ihre Kraft hindurchzusenden durch Muskeln und Sehnen, um den Willensakt wirklich hervorzurufen. Wir sehen zuletzt, wie die Hand in Bewegung kommt — also wiederum eine Vorstellung —, wie wir von Vorstellung zu Vorstellung gehen, sehen ein äußeres Vorgehen als Ergebnis. Wie aber das Seelisch-Geistige hinuntertaucht in unseren eigenen Körper, das eigentlich bleibt für uns in Finsternis.
[ 9 ] What, after all, is the extent of what we consciously cherish as our thoughts? Certainly, we have them. But if we ask ourselves simply how our soul acts in the simple movement of the hand—when this primitive expression of will comes about—we can only say to ourselves: Yes, we grasp the thought; the hand is to be raised. But the thought vanishes into the darkness of our own organism. In our everyday consciousness, we do not know what our soul is accomplishing within the organism in order—I would say—to send its power through muscles and tendons in a flash, so as to truly bring about the act of will. Finally, we see the hand begin to move—which is, again, a mental image—as we move from one mental image to the next, and we perceive an external action as the result. But how the soul-spiritual plunges down into our own body—that actually remains shrouded in darkness for us.
[ 10 ] Diese Finsternis und jenes Erlöschen, wie ich sie eben charakterisiert habe, das will nun die Anthroposophie als eine moderne Geist-Erkenntnis ebenso besiegen, wie zu allen Zeiten der menschlichen Seelenentwicklung diese Zweifel besiegt werden sollten. Dasjenige, was Anthroposophie anstrebt — meine sehr verehrten Anwesenden —, möchte ich nennen exaktes Hellsehen, exakte Clairvoyance, und möchte durch diese Bezeichnung die Erkenntnisse der Anthroposophie unterscheiden von all den nebelhaft mystischen Anschauungen, zu denen man ja auch in unserer Zeit der Unsicherheiten wiederum so vielfach greift. Gerade diese exakte Clairvoyance, dieses exakte Hellsehen möchte voll Rechnung tragen den Anforderungen der modernen Wissenschaftlichkeit.
[ 10 ] Anthroposophy, as a modern spiritual science, seeks to overcome this darkness and this extinction—as I have just described them—just as these doubts have always been overcome throughout the history of human spiritual development. What anthroposophy strives for—my esteemed audience—I would like to call exact clairvoyance, and by using this term I wish to distinguish the insights of anthroposophy from all those nebulous, mystical views to which people so often turn again in our age of uncertainty. It is precisely this exact clairvoyance that seeks to take full account of the demands of modern scientific rigor.
[ 11 ] Welches sind denn diese Anforderungen der modernen Wissenschaftlichkeit? Nun, es sind die, dass man mit einer innerlichen Klarheit in der Beobachtung und im Experiment dasjenige überschauen kann, was sich den Sinnen darbietet, und der echte, wie er sich nennt, der exakte moderne Wissenschaftler, der möchte im Verfolgen desjenigen, was seine Sinne beobachten, was er durch das Experiment erreichen will, er möchte darinnen eine solche Klarheit, eine solche innere Notwendigkeit haben, wie er sie hat in der Mathematik. Deshalb wendet man so gern das mathematische Denken an auf das Naturwissenschaftliche. Man möchte dieses mathematische Denken eigentlich überall anwenden, weil dadurch Exaktheit, das heißt Durchsichtigkeit, innerliche Notwendigkeit hervorgerufen wird. Nun, derjenige, der in diesem Sinne heute von exakter Wissenschaft spricht, der sucht diese Exaktheit hineinzubringen in die Art und Weise, wie er die äußeren Dinge und Vorgänge verfolgt, oder auch meinetwillen, wenn er Psychologe sein will, wie er die eigenen Seelenvorgänge verfolgt.
[ 11 ] What, then, are these requirements of modern scientific rigor? Well, they are that, through inner clarity in observation and experimentation, one can grasp what presents itself to the senses; and the genuine—as he calls himself—exact modern scientist, in pursuing what his senses observe and what he seeks to achieve through experimentation, wishes to have within that process the same clarity and the same inner necessity that he finds in mathematics. That is why people are so eager to apply mathematical thinking to the natural sciences. They would actually like to apply this mathematical thinking everywhere, because it brings about exactness—that is, transparency and inner necessity. Now, anyone who speaks of exact science in this sense today seeks to introduce this exactness into the way he observes external things and processes—or, for that matter, if he wishes to be a psychologist, into the way he observes his own mental processes.
[ 12 ] Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, wendet diese Exaktheit auch an. Aber sie wendet sie an nicht auf die Außenwelt zunächst, nicht auf die Beobachtung der sinnlichen Dinge und auf das äußere sinnliche Experiment, sie wendet diese Exaktheit an auf etwas, was überhaupt zunächst nicht vorhanden ist für das menschliche Bewusstsein, sie wendet diese Exaktheit an auf die Entwicklung von Seelenkräften, die zunächst in der menschlichen Wesenheit verborgen sind, die aber in ihr hervorgerufen werden können. Anthroposophische Geisteswissenschaft hat von der Naturwissenschaft wohl gelernt, wie man durch die äußere Sinnesbeobachtung, durch das äußere Experiment, durch die Methoden, durch die es die Naturwissenschaft zu solchen Triumphen gebracht hat, wie sie auch von der Geisteswissenschaft durchaus anerkannt werden, dass man durch all das nicht in eine geistige, nicht in eine übersinnliche Welt eindringen kann, dass die Seelenkräfte des Menschen, wie sie nun einmal im alltäglichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft sind, zunächst ungeeignet sind, um ins Übersinnliche einzudringen. Die menschliche Seele muss erst geeignet gemacht werden dazu, und tief in ihrem Innern verborgene Kräfte müssen hervorgeholt werden. Dabei kann man in einer innerlichen, mystisch-unklaren Weise vorgehen. Das lehnt gerade anthroposophische Geisteswissenschaft ab. Aber sie will verborgene Seelenkräfte aus der Natur des Menschen herausbringen. Und indem sie sich an dieses Hervorbringen hält, beobachtet sie dabei eine Methode, welche in demselben Sinne überschaubar, in demselben Sinne innerlich notwendig ist wie das Forschen der äußeren Wissenschaft in der Sinnesbeobachtung und im Experiment.
[ 12 ] Anthroposophy, as understood here, also applies this precision. But it does not apply this precision primarily to the external world, nor to the observation of sensory objects or to external sensory experimentation; rather, it applies this precision to something that is initially not even present in human consciousness—it applies this precision to the development of soul forces that are initially hidden within the human being but can be brought to the fore within it. Anthroposophical spiritual science has certainly learned from natural science how, through external sensory observation and external experimentation, and through the methods that have led natural science to such triumphs—which are also fully acknowledged by spiritual science—that through all of this one cannot penetrate into a spiritual or supersensible world; that the human soul’s powers, as they exist in everyday life and also in ordinary science, are initially unsuited to penetrating the supersensible. The human soul must first be made suitable for this, and powers hidden deep within it must be brought to the surface. One could proceed in an inner, mystical, and obscure manner. Anthroposophical spiritual science specifically rejects this. Instead, it seeks to bring forth hidden soul powers from within human nature. And by adhering to this process of bringing them forth, it follows a method that is just as transparent and just as intrinsically necessary as the research of external science in sensory observation and experimentation.
[ 13 ] Was also die exakte Wissenschaft mit der fertigen äußeren Natur macht, indem sie Überschaubarkeit, indem sie Exaktheit hineinträgt, das macht die Anthroposophie mit der Entwicklung der menschlichen Seelenkräfte. Nichts wird ja getan in der menschlichen Seele, was nicht mit derselben inneren Klarheit, Überschaubarkeit und Notwendigkeit gemacht würde, wie es der strenge Mathematiker mit seinen Untersuchungen macht. So sucht in ihrer Methode diese exakte Clairvoyance die Seele des Menschen so zu entwickeln, dass gewissermaßen die eigene Entwicklung zunächst zum mathematischen Problem wird. Ich wollte damit zunächst charakterisieren, wie die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft also nicht etwa glaubt, dass man in derselben Weise, wie man äußerlich in der Naturwissenschaft forscht, auch den Geist erforschen könne, dass sie aber die wissenschaftliche Gesinnung in echtester Weise, wie sie in der Naturwissenschaft vorhanden ist, nun auch in die Geistesforschung hineinträgt. Exakt ist also zunächst an der Anthroposophie das Arbeiten am eigenen Menschen, an denjenigen Kräften seiner Seele, die dann zum Schauen in die übersinnliche Welt hineinführen.
[ 13 ] Just as the exact sciences do with the finished, external natural world—by introducing clarity and precision into it—so does anthroposophy with the development of the human soul’s powers. After all, nothing is done in the human soul that is not carried out with the same inner clarity, comprehensibility, and necessity as the rigorous mathematician applies to his investigations. Thus, in its method, this exact clairvoyance seeks to develop the human soul in such a way that, so to speak, one’s own development first becomes a mathematical problem. My intention here was first to characterize how the anthroposophical spiritual science referred to here does not believe that one can investigate the spirit in the same way one conducts external research in the natural sciences, but rather that it brings the scientific attitude—in its truest form, as it exists in the natural sciences—into spiritual research as well. What is precise about anthroposophy, then, is the work on one’s own being—on those forces of the soul that subsequently lead to insight into the supersensible world.
[ 14 ] Daraus schon ersehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, dass es sich darum handelt, dass der — wollen wir ihn jetzt Geistesforscher nennen —, der zur Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen dringen will, dass der Geistesforscher gewissermaßen sich zu sich selbst zurückwendet, um seine Seele zunächst innerlich, ich möchte sagen zu durchleuchten. Ein Durchleuchten und ein Durchkraften ist es.
[ 14 ] From this you can already see, my esteemed audience, that the point is that the—let us now call him a spiritual researcher—who wishes to penetrate to the spiritual essence of the human being, must, so to speak, turn back to himself in order to first examine his soul inwardly; I would say, to scrutinize it. It is a process of both examination and working through.
[ 15 ] Wir werden uns am leichtesten verständigen über dasjenige, was nun in diesem Sinne moderne geistige Beobachtungsart werden soll, wenn ich Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, daran erinnere, wie in älteren Zeiten der menschheitlichen Geistesentwicklung solche Geist-Erkenntnisse angestrebt worden sind. Sie wurden, ich möchte sagen auf eine etwas materiellere Weise angestrebt. Und da dasjenige, was ich Ihnen gleich nachher als die heutige Methode zu schildern habe, geistiger, seelischer ist, so werden wir dieses Geistige und Seelische leichter vor uns hinstellen können, wenn wir, ich möchte sagen von dem Gröberen, Materielleren älterer Methoden ausgehen.
[ 15 ] The easiest way for us to understand what is now to become, in this sense, a modern spiritual method of observation is for me to remind you, my esteemed audience, of how such spiritual insights were sought in earlier periods of humanity’s spiritual development. They were pursued, I would say, in a somewhat more material way. And since what I am about to describe to you as today’s method is more spiritual and psychological, we will be able to grasp this spiritual and psychological aspect more easily if we start, so to speak, from the coarser, more material aspects of older methods.
[ 16 ] Dazu aber müssen wir uns überhaupt dazu wenden, ein wenig hinzusehen, wie in älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung der Mensch gestanden hat zu seiner Umwelt. Man glaubt ja so leicht, dass das Menschengeschlecht immer so war in seiner Seelenverfassung, wie es heute ist, seit es eine historische Zeit gibt. Das ist aber nicht richtig. Derjenige, der einen innerlichen Blick hat für das menschliche Seelenleben, der wird finden, dass, wenn er auch nur wenige Jahrhunderte zurückgeht, die Menschen ganz anders gedacht, gefühlt und gewollt haben, ja, dass ihre ganze Seelenstimmung, ihre ganze Seelenverfassung eine andere war als heute. Und gar, wenn wir Jahrtausende in der Menschheitsentwicklung zurückgehen, so wird das wesentlich anders. Die äußeren historischen Denkmäler können uns nur wenig darüber aufklären, denn erstens reichen sie ja, selbst wenn man auf die ältesten Zeiten, zum Beispiel ägyptischer Denkmäler sieht, nicht außerordentlich weit zurück. Zweitens aber hängt es davon ab, wie der gegenwärtige Mensch diese Denkmäler interpretiert. Und darnach findet er dann das eine oder das andere, was doch im Grunde genommen nur ein Abbild seiner eigenen Seelenverfassung ist, die er in die Seelen der älteren Menschheit hineinträumt.
[ 16 ] To do this, however, we must first turn our attention to examining, even if only briefly, how human beings related to their environment in earlier periods of human development. It is all too easy to believe that the human race has always been in the same state of mind as it is today, ever since recorded history began. But that is not correct. Anyone with an inner insight into the human soul will find that, even if they go back only a few centuries, people thought, felt, and willed quite differently—indeed, that their entire mood of the soul, their entire state of mind, was different from what it is today. And if we go back millennia in human development, the picture becomes fundamentally different. External historical monuments can shed little light on this, for, first of all, even when we look at the oldest times—for example, Egyptian monuments—they do not extend exceptionally far back. Second, however, it depends on how modern people interpret these monuments. And based on that, they then find one thing or another, which is, after all, merely a reflection of their own state of mind, which they project onto the souls of humanity’s ancestors.
[ 17 ] Diejenige Geisteswissenschaft selber, von der ich Ihnen heute und am nächsten Freitag sprechen will, sie sieht in anderer Weise als die gewöhnliche Geschichte das Seelenleben einer älteren Menschheit. Sie sieht hin auf dasjenige, was nun allerdings in bedeutsamen — sagen wir — dichterischen oder sonstigen Denkmälern erhalten ist, kann sich eine Vorstellung davon bilden, wie dasjenige, was in solchen Denkmälern erhalten ist, im Grunde genommen aus einer ganz anderen Geistesart heraus atmet, als sie der heutige Mensch hat, und sie kommt dadurch allmählich dazu, anzuerkennen, dass die Urmenschheit schon eine Art von Hellsehen hatte, ein Hellsehen, das allerdings träumerisch war, ein Hellsehen, das uns gegenüber den heutigen Forderungen nach der Klarheit des Bewusstseins als etwas Nebelhaftes erscheinen muss, als etwas Träumerisches. Aber dieses träumerische Hellsehen der alten Zeiten blickte deshalb doch tiefer in das innere Gefüge der Welt, in die Geistigkeit der Welt hinein, als es das heutige Sinnesbewusstsein kann. Ganz anders war im Grunde genommen die Stellung des älteren Menschen zur Welt.
[ 17 ] The very spiritual science about which I intend to speak to you today and next Friday views the inner life of an ancient humanity in a different way than conventional history does. It looks at what has been preserved in significant—let us say—poetic or other monuments, and can form a conception of how what is preserved in such monuments essentially emanates from a completely different spiritual disposition than that of modern humanity, and through this it gradually comes to recognize that primeval humanity already possessed a kind of clairvoyance—a clairvoyance that was, admittedly, dreamlike, a clairvoyance that, in light of today’s demands for clarity of consciousness, must appear to us as something hazy, something dreamlike. But this dreamlike clairvoyance of ancient times nevertheless looked more deeply into the inner structure of the world, into the spirituality of the world, than today’s sensory consciousness is capable of. The older human being’s attitude toward the world was, in essence, quite different.
[ 18 ] Man sagt so leicht, dieser ältere Mensch hätte allerlei hineingeschaut in die Dinge um ihn herum, in jede Pflanze ein geistiges Wesen, in Baum und Strauch, in Wasser und Welle, in Wolken und Winde hätte er geistige Wesenheiten hineingeträumt. Ja, traumartig war allerdings sein Bewusstsein. Aber er hat dasjenige, was er an geistig-seelischem Wesen in Wasser, in der Quelle, in der Wolke, im Regen und im Winde geschaut hat, das hat er nicht einfach von sich aus aus seiner Phantasie in die Dinge hineingelegt, sondern seine Seelenverfassung war so, dass er alles das, was er an geistigen Wesenheiten in der Welt schilderte, dass er das so natürlich sah, mit solcher elementarer Gewalt sah, wie wir heute die rote oder die gelbe Farbe in der Umgebung sehen, wie wir den Ton in der Umgebung hören, wie wir die Wärme empfinden. Wir empfinden nur die Sinneswahrnehmung und ihre Inhalte; der ältere Mensch erlebte durch dieselbe elementare Welt ein Geistiges in der ganzen natürlichen Umwelt, dafür aber fühlte er nicht ein solches Ich, nicht ein solch bestimmtes auf sich selbst gestelltes Ich wie der moderne Mensch.
[ 18 ] It is so easy to say that this elderly person saw all sorts of things in the world around him—that he imagined spiritual beings in every plant, in trees and shrubs, in water and waves, in clouds and winds. Yes, his consciousness was indeed dreamlike. But what he perceived as spiritual and soul-like beings in water, in the spring, in the cloud, in the rain, and in the wind, he did not simply project these from his own imagination into things; rather, his state of mind was such that everything he described as spiritual beings in the world—he saw all of that so naturally, with such elemental force, just as we today see the color red or yellow in our surroundings, just as we hear sound in our surroundings, just as we perceive warmth. We perceive only sensory experience and its contents; people of earlier times experienced, through that same elemental world, a spiritual dimension in the entire natural environment; yet they did not feel such a “self,” not such a distinct, self-centered “self,” as modern people do.
[ 19 ] Dieses Fühlen eines festen Ich, das hat sich in der Menschheitsentwicklung erst herausgebildet im Laufe der Zeit, und damit erst auch das Erlebnis der menschlichen Freiheit. Damit dieses Erlebnis der Freiheit, dieses Ich-Erlebnis hat kommen können, ist die ältere traumhaft hellseherische Art hinuntergeschwunden. Der Mensch ist beschränkt worden auf die äußere Sinneswelt. In ihr hat er sich seine Freiheit erworben. Aber wir sind heute wiederum in einem Zeitpunkte angelangt, wo wir nun in unserer Stellung als Menschheit innerhalb der Sinneswelt lechzen müssen, den Zusammenhang mit der geistigen Welt wiederum zu finden, wo wir angewiesen darauf sind, eine Art Hellsehen wieder zu gewinnen. Das kann aus den schon erwähnten Gründen aber nicht ein altes traumhaftes Hellsehen, das kann nur ein exaktes Hellsehen, ein Hellsehen sein, das den modernen wissenschaftlichen Anforderungen nachgebildet ist. Der ältere Mensch hatte ein traumhaftes Hellsehen; aber er war ebenso wenig, wie wir heute mit der äußeren Wissenschaft zufrieden sein können, ebenso wenig war er mit seinem Hellsehen zufrieden, trotzdem er überall fand in der Pflanze, im Strauch, im Baum, in der Wolke, im Winde [eine] geistige Wesenheit, er war damit nicht zufrieden, und er richtete den Blick hin zu denjenigen Persönlichkeiten, die in jener älteren Zeit das darstellten, was heute etwa die Gelehrten, was heute die Priester darstellen. Er richtete den Blick hin in älteren Zeiten zu jenen Persönlichkeiten, die man Initiierte, Eingeweihte, nennen kann, denn als solche wurden sie empfunden, und die in ihrer Art durch die Entwicklung besonderer Seelenkräfte, aber in materiellerer Art, als wir das heute tun sollen, zu einer Art Geist-Erkenntnis vom Menschen kamen.
[ 19 ] This sense of a solid “I” has only developed over time in the course of human evolution, and with it, the experience of human freedom. In order for this experience of freedom—this experience of the “I”—to come about, the older, dreamlike, clairvoyant mode has faded away. Humanity has been confined to the external sensory world. Within it, humanity has earned its freedom. But today we have once again reached a point where, in our position as humanity within the sensory world, we must yearn to reconnect with the spiritual world—a point where we are compelled to regain a form of clairvoyance. For the reasons already mentioned, however, this cannot be an old, dreamlike form of clairvoyance; it can only be an exact form of clairvoyance—one that is shaped according to modern scientific requirements. People of the past possessed a dreamlike form of clairvoyance; but just as we today cannot be satisfied with external science, neither were they satisfied with their clairvoyance, even though they found spiritual beings everywhere—in plants, in shrubs, in trees, in clouds, in the wind— he was not satisfied with it, and he turned his gaze toward those figures who, in those earlier times, represented what scholars and priests represent today. He turned his gaze back to those figures of earlier times whom one might call “initiates,” for they were perceived as such, and who, in their own way—through the development of special soul powers, though in a more material sense than we are to do today—arrived at a kind of spiritual understanding of the human being.
[ 20 ] Ja, diese Art war materieller, als unsere heutige sein darf. Ich möchte eine solche Art der alten Geisteserkenntnis zunächst schildern. Ich möchte Ihnen schildern dasjenige, was eigentlich, mehr oder weniger verfälscht, in der äußeren Literatur zu uns herübergekommen ist vom alten Oriente, in den ältesten Zeiten des Orients geübt worden ist von einzelnen Persönlichkeiten, um dadurch Erkenntnis einer höheren, einer geistigen Welt zu erringen und sie mitteilen zu können den breiten Massen der Menschheit, die ebenso mit ihrer Seelenverfassung lebten, wie ich es charakterisiert habe.
[ 20 ] Yes, this approach was more materialistic than ours today can be. I would like to begin by describing this ancient form of spiritual insight. I would like to describe to you what has actually—albeit more or less distorted—reached us through external literature from the ancient Orient, what was practiced in the earliest times of the Orient by individual personalities in order to attain knowledge of a higher, spiritual world and to be able to communicate it to the broad masses of humanity, who lived in the same state of mind as I have characterized.
[ 21 ] Ich weiß — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass dasjenige, was ich nun schildern werde als die sogenannte Yoga-Methode jener ältesten orientalischen Geistesentwicklung, dass das dann in die Dekadenz gekommen ist, dass das in Verfall geraten ist, und dass sogar in vielen Schilderungen jener Yoga-Methode, weil sie eigentlich Verfalls-Perioden dieser Art von Geistesforschung schildern, etwas sehr Schlimmes gegeben wird.
[ 21 ] I know—my esteemed audience—that what I am about to describe as the so-called yoga method of that most ancient form of Eastern spiritual development has fallen into decadence, has fallen into decline, and that even in many descriptions of that yoga method—because they actually describe periods of decline in this kind of spiritual research—something very negative is conveyed.
[ 22 ] Aber ich möchte Ihnen gerade jene echte alte YogaMethode ein wenig charakterisieren, damit wir uns dann etwas orientieren können über dasjenige, was der moderne Mensch als exakte Clairvoyance [dann] anstreben kann. Es war eine besondere Art zu atmen, welche durch jene Yoga-Methode angestrebt wurde. Wie verläuft denn eigentlich beim gewöhnlichen Menschen das Atmen? So, dass er eigentlich nicht viel weiß davon. Er atmet ein, er atmet aus. Nur wenn unser Atem in der Krankheit unregelmäßig wird, dann spüren wir eigentlich so recht den Atem. Wir achten nicht auf ihn im gewöhnlichen Leben. Er erfüllt unsere Leiblichkeit, aber er erfüllt unsere Leiblichkeit so, dass seine Tätigkeit im Grunde ganz unbewusst bleibt. Dieser Atem spielt aber dennoch — wir können das heute auch physiologisch nachweisen, ich kann das in diesem Vortrage nur andeuten —, aber dieser Atem spielt dennoch eine bedeutungsvolle Rolle in unserem ganzen menschlichen Leben.
[ 22 ] But I would like to describe that authentic, ancient yoga method to you a little, so that we can then gain some perspective on what modern people can [then] strive for in terms of precise clairvoyance. This yoga method aimed at a particular way of breathing. How does breathing actually work in the average person? In such a way that they don’t really know much about it. They inhale; they exhale. Only when our breathing becomes irregular due to illness do we really become aware of it. We do not pay attention to it in everyday life. It fills our physical being, but it does so in such a way that its activity remains, in essence, entirely unconscious. Yet this breath—and we can now prove this physiologically as well, though I can only hint at it in this lecture—plays a significant role in our entire human life.
[ 23 ] Wir atmen ein. Der Atemstoß nimmt ja nicht nur den Weg in die Innenhöhlungen unseres Leibes, um dann wiederum verändert ausgeatmet zu werden, sondern es geht zum Beispiel dieser Atemstoß durch unseren Rückenmarkskanal, ergießt sich in unser Gehirn, und wir haben innerhalb unserer Kopforganisation, innerhalb unseres Gehirnes, während wir wachen, nicht etwa bloß eine Nerventätigkeit, sondern wir haben diese Nerventätigkeit fortwährend durchvibriert, durchstrahlt, durchwellt, von den Atemstößen, von dem Rhythmus des Atmungsprozesses. Und wir können sagen, selbst an unserem Denken, an unserem Vorstellen hat der Atmungsvorgang den denkbar größten Anteil.
[ 23 ] We inhale. The breath does not merely travel into the internal cavities of our body only to be exhaled again in a transformed state; rather, this breath, for example, passes through our spinal canal, pours into our brain, and within the structure of our head, within our brain, while we are awake, we do not merely have nervous activity; rather, this nervous activity is continuously vibrated through, radiated through, and rippled through by the breaths, by the rhythm of the breathing process. And we can say that the respiratory process plays the greatest conceivable role even in our thinking and our imagination.
[ 24 ] Aber ebenso wenig wie wir im übrigen Organismus achten auf diesen Atmungsvorgang, ebenso wenig werden wir seiner gewahr in unserer Kopfesorganisation. Der alte Yogi — er veränderte das Atmen, das heißt, er versetzte das Atmen in einen anderen Atmungs-Rhythmus, als der gewöhnliche ist. Den gewöhnlichen bemerkt man nicht. Indem der Yogi anders einatmete, langsamer oder schneller, länger oder kürzer hielt, als man im gewöhnlichen Leben tut, länger oder kürzer ausatmete, versetzte er sich in einen anderen Rhythmus. Dadurch wurde ihm der Atmungsprozess bewusst. Dadurch konnte er verfolgen den Lauf der Atmungsströmung von dem Einatmen durch die Lunge, wie er sich ausbreitete durch den ganzen Organismus, wie er durch den Rückenmarkskanal sich in das Gehirn verlief. Der Mensch durchkraftete auf diese Weise mit seinem Bewusstsein den Organismus. Er verfolgte die Atmungsströmung überall hin. Er lernte dadurch seinen eigenen Organismus kennen. Und dieses Kennenlernen des eigenen Organismus, das, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nun so, dass da aufhört alles Erleben des bloß Materiellen. Derjenige, der so in uralten Zeiten der menschlichen Geistesentwicklung innerlich bewusst durchstrahlt hat mit einem veränderten Atmungs-Rhythmus seine eigene Menschlichkeit, der wäre sich als ein Blödling vorgekommen, wenn er davon gesprochen hätte, dass da nur ein Materielles durch seinen Leib kreist. Nein, die Atmungsströmung, die erschien jenen alten Yogi gewissermaßen wie ein innerliches Abtasten des Organismus. Und dasjenige, was sich ihnen ergab für dieses Abtasten, war das innerlich Geistig-Seelische des Menschen. Materiell wurde die Methode gemacht. Entdeckt wurde das innere Geistig-Seelische. Entdeckt wurde, wie man fühlt, wie man denkt. Man ging materiell vor, und man entdeckte ein Seelisches. Man durchleuchtete sich gewissermaßen innerlich, tastete sich ab. Und dasjenige, was auf der einen Seite von dem alten Yogi erstrebt worden ist, das war gerade das Ich-Bewusstsein, das er durch seine natürliche Erkenntnis noch nicht hatte, das er sich zu erwerben versuchte auf diese Art.
[ 24 ] But just as we do not pay attention to this breathing process in the rest of the organism, we are equally unaware of it in our mental organization. The ancient yogi—he altered his breathing; that is, he shifted his breathing into a rhythm different from the usual one. One does not notice the usual rhythm. By inhaling differently—slower or faster, holding his breath longer or shorter than one does in ordinary life, and exhaling longer or shorter—he brought himself into a different rhythm. This made him aware of the breathing process. It enabled him to follow the course of the breath—from inhalation through the lungs, how it spread throughout the entire organism, and how it flowed through the spinal canal into the brain. In this way, the human being permeated the organism with his consciousness. He followed the flow of breath everywhere. Through this, he came to know his own organism. And this process of getting to know one’s own organism—this, my esteemed audience—is precisely where all experience of the merely material comes to an end. Anyone who, in those ancient times of human spiritual development, had inwardly and consciously permeated his own humanity with an altered breathing rhythm would have considered himself a fool if he had spoken of nothing but a material force circulating through his body. No, to those ancient yogis, the flow of breath appeared, so to speak, as an inner probing of the organism. And what this probing revealed to them was the inner spiritual and soul aspect of the human being. The method was applied to the material realm. What was discovered was the inner spiritual and soul aspect. They discovered how one feels, how one thinks. They proceeded in a material way, and they discovered something soulful. They examined themselves internally, as it were, probing their inner selves. And what the ancient yogi had sought, on the one hand, was precisely the sense of self—which he did not yet possess through his natural insight, and which he sought to acquire in this way.
[ 25 ] Man muss solche Dinge nur nicht ansehen mit der trockenen, philiströsen Art, die man heute oftmals anwendet, man muss sich hineinversetzen mit dem ganzen, vollen menschlichen Fühlen in dasjenige, was einem wird, wenn man also sein inneres Menschliches abtastet.
[ 25 ] One simply must not view such things with the dry, philistine attitude that is so often adopted today; one must immerse oneself, with all one’s full human feeling, in what one experiences when one explores one’s inner humanity.
[ 26 ] Dann — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann fühlt man wiederum dasjenige, was zum Beispiel in der wunderbaren Bhagavad Gita als die Schilderung des wahren menschlichen Ich da ist, was da geschildert wird als das wahre menschliche Ich, das in der geistig-seelischen Welt flutet als das Ewige im Menschen. Man fühlt, das, was da als das Ich geschildert wird in einer wunderbaren Weltdichtung, dass das das Ergebnis eines solchen Prozesses, eines solchen Vorganges ist, wie ich ihn eben als das Yoga-Atmen geschildert habe.
[ 26 ] Then—my esteemed audience—one once again senses what is described, for example, in the wonderful Bhagavad Gita as the true human self; what is depicted there as the true human self, which flows through the spiritual-soul world as the eternal within the human being. One senses that what is described there as the “I” in this marvelous work of world literature is the result of such a process, such a procedure, as I have just described as yogic breathing.
[ 27 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wir können als moderne Menschen nicht in dieser Weise vorgehen, denn immerhin ist es so, dass derjenige, der auf diesem Wege durch die Veränderung des Atmens, oder auch, weil man alles das unterstützen wollte durch besondere Stellungen, durch Lagen des Menschen in Bezug auf den physischen Leib, weil man dadurch den physischen Leib besonders intensiv machte, weil man sich als Mensch überhaupt überempfindlich machte, dadurch geschah es, dass man sich zurückziehen musste vom Leben. Es entsprach das aber durchaus den alten Erkenntnisgewohnheiten der Menschheit. Diejenigen, die auf diese Weise als nach der geistigen Welt Strebende sich überempfindlich machten, suchten die Einsamkeit auf, denn ihnen war es nicht angemessen, mit der harten übrigen Welt immer in Beziehung zu stehen, in Berührung zu kommen. Aber auf der anderen Seite suchten diejenigen, die über das Schicksal der Menschenseelen etwas wissen wollten, solche einsame Persönlichkeiten auf. Man hatte das Vertrauen zu diesen Einsiedlern. Man wusste gewissermaßen, bei ihnen ist Rats zu erholen gegenüber dem zeitlichen Schicksal der Menschenseele über das Ewige.
[ 27 ] Now—my esteemed audience— as modern people, we cannot proceed in this way, for after all, it is true that those who followed this path—by altering their breathing, or by seeking to support all of this through specific postures, through the human body’s positions in relation to the physical body—because this made the physical body particularly intense, because it made the human being hypersensitive in general—as a result, they were compelled to withdraw from life. This, however, was entirely in keeping with humanity’s ancient ways of gaining insight. Those who, in this way, made themselves hypersensitive in their striving toward the spiritual world sought solitude, for it was not fitting for them to be constantly in relation with or in contact with the harsh rest of the world. On the other hand, however, those who wished to know something about the destiny of human souls sought out such solitary figures. People placed their trust in these hermits. They knew, as it were, that from them they could obtain counsel regarding the eternal in contrast to the temporal destiny of the human soul.
[ 28 ] Wir können heute nicht in derselben Weise vorgehen, denn die Menschheit ist in ihrer Entwicklung dazu gekommen, dass sie nicht mehr zu demjenigen Vertrauen haben kann, der, um die Wahrheit, um das Geistige zu erforschen, sich vom Leben herauszieht, sondern dass sie einzig und allein zu demjenigen Vertrauen haben kann, der voll mitarbeitet mit dem Leben, der sich hineinstellt wie jeder andere Mensch in die Lebenspraxis, in die Bedürfnisse und Forderungen des Tages. Wir brauchen heute Methoden, die nicht den menschlichen Leib überempfindlich machen, die aber die menschliche Seele stark machen. Diese Methoden, sie können eben erreicht werden, und sie können führen zu einer wirklichen exakten Clairvoyance.
[ 28 ] span>We cannot proceed in the same way today, for humanity has reached a stage in its development where it can no longer place its trust in those who, in order to explore the truth and the spiritual realm, withdraw from life; rather, it can place its trust solely in those who fully participate in life, who, like every other human being, immerse themselves in the practical realities of life and in the needs and demands of the day. Today we need methods that do not make the human body hypersensitive, but which strengthen the human soul. These methods can indeed be attained, and they can lead to true, precise clairvoyance.
[ 29 ] Zunächst sind es intime Vorgänge des menschlichen Seelenlebens, denen man sich da hingeben muss: Meditation, Konzentration des Vorstellungslebens. In ähnlicher Weise habe ich dasjenige, dem sich der Mensch da hingeben muss, in meinen Büchern, zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» genannt. Ich habe hingewiesen auf dasjenige, was der heutige moderne Mensch tun muss, um in einer ähnlichen Weise in die geistige Welt, aber jetzt nach seinen Bedürfnissen, zu kommen, wie das dem alten Yogi gegeben war.
[ 29 ] First and foremost, one must devote oneself to the intimate processes of the human soul life: meditation, concentration of the imagination. In a similar way, I have described what a person must devote themselves to in my books—for example, in *How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds?* or in my *Secret Science*. I have pointed out what modern people today must do to enter the spiritual world in a similar way—but now in accordance with their own needs—as was possible for the ancient yogi.
[ 30 ] Soll ich Ihnen nun mit einem kurzen Worte bezeichnen, was Meditieren heißt? Meditieren ist nämlich eine bestimmte Ausbildung des Gedankenlebens, die im gewöhnlichen Dasein nicht da ist. Und durch diese Ausbildung des Gedankenlebens kommt man zunächst zur Entwicklung solcher seelischen Kräfte, die in die geistige Welt, in das Übersinnliche hineinführen. Aber was ist dieses Meditieren?
[ 30 ] Shall I now briefly explain to you what meditation means? Meditation is, in fact, a specific training of the thought life that does not exist in ordinary life. And through this training of the thought life, one first develops those spiritual powers that lead into the spiritual world, into the supersensible. But what is this meditation?
[ 31 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, Sie finden ausführlichere Schilderungen in den genannten Büchern darüber, was dieses Meditieren ist, was diese modernen Methoden des Hellsehertums sind. Sie finden aber dort auch ausführlichere Schilderungen, wie es der moderne Mensch unternehmen muss, was der moderne Mensch unternehmen muss, um zu solcher exakter Clairvoyance zu kommen. Ich kann aber hier nur das Prinzipielle anführen.
[ 31 ] Well, ladies and gentlemen, you will find more detailed descriptions in the books mentioned above regarding what this meditation is and what these modern methods of clairvoyance entail. But you will also find more detailed descriptions there of how modern people must go about it—what modern people must do—in order to attain such precise clairvoyance. Here, however, I can only outline the basic principles.
[ 32 ] Und soll ich Ihnen mit einem einzigen Worte schildern, was da die Seele zu unternehmen hat, möchte ich es so sagen: Wenn wir sonst unser Vorstellungsleben ausbilden, sind wir mit einer gewissen Gleichgültigkeit in unseren Vorstellungen drinnen; wir sind im übrigen Leben oftmals mit großer Wärme, mit tiefer Antipathie drinnen. Unser ganzes Innere kann aufgewühlt werden in heißer Leidenschaft oder in wilder Abneigung, wenn wir im gewöhnlichen Leben drinnenstehen. Allein die Vorstellungen, sie sind, ich möchte sagen ein kalter Strom in unserem Alltagsleben; sie begleiten dieses Alltagsleben.
[ 32 ] And if I were to describe to you in a single word what the soul must do there, I would put it this way: When we otherwise develop our imaginative life, we engage with our imaginings with a certain indifference; in the rest of our lives, we often engage with great warmth or deep antipathy. Our entire inner being can be stirred up by fiery passion or fierce aversion when we are immersed in ordinary life. But our ideas—they are, I would say, a cold stream in our everyday life; they accompany this everyday life.
[ 33 ] Derjenige, der zum Meditieren vorschreiten will, der muss allerdings noch etwas anderes machen als jene Kälte des Vorstellungslebens, mit dem man sonst im gewöhnlichen Tagesleben fertig wird. Man muss Gedanken in seine Seele hereinrufen können, Gedanken, die man sich vielleicht raten lässt von jemandem, der schon Geistesforscher ist, oder Gedanken, die man sonst aus der Welt herausfindet, die aber so in der Seele wirken sollen, dass sie in voller Ruhe das Seelenleben ausfüllen. Man versucht das Seelenleben abzulenken von allem Übrigen in der Welt. Man sucht, die Aufmerksamkeit auf solche Vorstellungen zu lenken und auf solchen Vorstellungen zu ruhen; ganz sich dem Vorstellen, einzelnen Vorstellungen, sucht man sich hinzugeben. Aber etwas ist notwendig bei dieser Hingabe an die Vorstellungen: dass wir in dem Momente, wo wir uns also hingeben, wo wir absehen von aller übrigen Welt und in innerer Seelenruhe ganz in einer Vorstellung oder einem Vorstellungskomplexe leben, dass wir lieben können diese Vorstellungen.
[ 33 ] Anyone who wishes to proceed to meditation, however, must do something other than rely on that detachment of the imagination with which one otherwise copes in ordinary daily life. One must be able to summon thoughts into one’s soul—thoughts that one might receive as advice from someone who is already a spiritual researcher, or thoughts that one might otherwise discover in the world—but these thoughts must work within the soul in such a way that they fill the soul’s life with complete tranquility. One attempts to divert the soul’s life from everything else in the world. One seeks to direct one’s attention to such images and to rest in them; one seeks to surrender oneself entirely to imagination, to individual images. But one thing is necessary in this surrender to the images: that at the very moment when we thus surrender ourselves, when we turn away from the rest of the world and live entirely within an image or a complex of images in inner peace of mind, we are able to love these images.
[ 34 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, die Entfaltung innerlicher Liebe, die Entfaltung innerlicher Seelenwärme beim Ruhen auf Vorstellungen — Vorstellungen, die wir erst selbst in das Seelenleben hineinversetzt haben —, die machen es aus, dass aus dem gewöhnlichen Vorstellen ein Meditieren wird. Wenn wir mit ebensolcher innerer Liebe, wie wir sonst unsere Gegenstände oder Menschenwesen lieben, wenn wir so unser eigenes Vorstellen lieben können, wenn wir es universell lieben können, wenn wir liebend ganz in ihm aufgehen können, wenn wir liebend in ihm verbleiben können, dann erhält dieses Vorstellungsleben jene innerliche Kraft, die zwar etwas ganz anderes ist als das Yoga-Atmen, die aber in derselben Weise wirkt, nur etwas andere Resultate zeitigt als jenes Yoga-Atmen. Während das Yoga-Atmen versucht, den Atmungsprozess in den Kopf hineinzuschicken, um dadurch auch den ganzen Menschen innerlich abzutasten und zu durchleuchten und seine geistig-seelische Wesenheit zu erkennen, erlangen wir allmählich eine innerliche wahrhaftige Gedankenkraft, mit der wir nun zwar nicht in derselben Weise wie mit dem veränderten Atem, aber doch in einer gewissen Weise uns innerlich abtasten können, innerlich durchleuchten können.
[ 34 ] Yes, my esteemed audience, the unfolding of inner love, the unfolding of inner warmth of the soul as we rest in our mental images—images that we ourselves have first brought into our inner life—is what transforms ordinary imagination into meditation. If we can love our own imagination with the very same inner love with which we otherwise love objects or human beings—if we can love it universally, if we can lose ourselves in it completely with love, if we can remain in it with love— then this life of imagination gains that inner power which, while quite different from yogic breathing, works in the same way, though it yields slightly different results than yogic breathing. While yogic breathing attempts to direct the breathing process into the head in order thereby to internally probe and illuminate the whole human being and to recognize his spiritual and soul nature, we gradually attain a genuine inner power of thought with which—though not in the same way as with the altered breath— but in a certain way, we can probe our inner selves and examine them from within.
[ 35 ] Und so kann exakte Clairvoyance im modernen Menschen durch eine Verstärkung, durch eine Erkraftung des Seelenlebens hervorgerufen werden, während sie in mehr körperlicher Weise als träumerische Clairvoyance angestrebt worden ist in älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung.
[ 35 ] And so, in modern humans, exact clairvoyance can be brought about through a strengthening and invigoration of the soul life, whereas in earlier periods of human development it was sought in a more physical way as dream-like clairvoyance.
[ 36 ] Dann aber, wenn wir wirklich dazu kommen, in dieser Weise durch ein verstärktes, durch ein erkraftetes Denken uns innerlich gewissermaßen zu durchleuchten, dann werden wir etwas anderes gewahr, als was wir im gewöhnlichen Leben haben; dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann haben wir in uns eine Erkenntniskraft entwickelt, die uns hinausführt zunächst über das gewöhnliche Erinnerungsleben. Was haben wir an diesem Erinnerungsleben? Wir blicken vom gegenwärtigen Zeitpunkte unseres Erdendaseins zurück bis einige Zeit nach unserer Geburt. Es tauchen herauf die Gedanken an die Erlebnisse aus dem Gedächtnisse. Ein fortlaufender Strom ist da, der aber im Unterbewusstsein bleibt; frei steigend, wie man wohl sagt, oder auch durch uns selber hervorgerufen, tauchen da die Erinnerungen hinauf. Diese Erinnerungen sind abstrakte Gedanken an Erlebnisse, die wir vielleicht in aller Lebenswärme durchgemacht haben. Geblieben sind uns diese abstrakten Gedanken. Dann aber, wenn wir durch Meditation oder Konzentration, durch liebendes Denken und immer wiederholtes liebendes Denken — wenn das in genügender Weise auf das Seelenleben angewendet wird, bei dem einen Menschen dauert es kürzere Zeit, bei dem anderen Menschen viele Jahre, aber jeder kann, je nachdem sein Schicksal innerlich geartet ist, zu solcher exakter Clairvoyance kommen —, dann, wenn wir durch sie unser Inneres durchleuchten, dann liegt wie eine Einheit, wie ein Zeitpanorama unser bisheriges Seelenleben seit der Geburt vor unserem geistigen Blicke da. Aber nicht so da, wie die Erinnerungen, sondern so, wie schöpferisch in uns dasjenige, was man nennen kann ein ätherisches menschliches Dasein, in uns wirkt.
[ 36 ] But then, when we truly come to examine ourselves inwardly in this way—through intensified, invigorated thinking—we become aware of something different from what we experience in ordinary life; then, my esteemed audience, then we have developed within ourselves a power of insight that leads us, at first, beyond ordinary memory. What do we have in this life of memory? We look back from the present moment of our earthly existence to some time after our birth. Thoughts of past experiences rise up from memory. There is a continuous stream, but it remains in the subconscious; rising freely, as one might say, or even evoked by ourselves, these memories surface. These memories are abstract thoughts of experiences that we may have lived through with all the warmth of life. What remains with us are these abstract thoughts. But then, when through meditation or concentration, through loving thought and the repeated practice of loving thought—when this is applied sufficiently to the life of the soul (for some people it takes a shorter time, for others many years, but everyone can, depending on the inner nature of their destiny, attain such precise clairvoyance)— then, when we use it to illuminate our inner being, our soul life up to the present, from birth onward, lies before our spiritual gaze as a unified whole, like a panorama of time. But not in the same way as memories, rather in the way that what might be called an ethereal human existence creatively works within us.
[ 37 ] Wir schauen hin nicht nur, wie wir äußere Erlebnisse gehabt haben, die uns in abstrakten Gedanken geblieben sind, wir schauen hin auf unseren bisherigen Lebenslauf, wie aus Geistig-Seelischem heraus an unseren Organen wir selbst gearbeitet haben seit unserer Kindheit. Wir schauen hin, wie wir in der ersten Kindheit unser noch unausgebildetes Gehirn plastisch gestaltet haben. Wir schauen hin, wie wir äußerliche Stoffe in den Organismus hereingenommen haben, wie sie in Wachstumskraft in uns gearbeitet haben, wie wir noch täglich in den Ernährungskräften an uns arbeiten. Wir schauen den äußeren Organismus an als dasjenige, woran wir selber arbeiten. Wir haben ja jetzt nicht etwa einen RaumesOrganismus, einen Raum-Leib vor uns, [sondern] wir haben einen Zeitenleib vor uns.
[ 37 ] We look not only at the external experiences we have had that have remained as abstract thoughts, but also at the course of our lives so far—how, from our spiritual and soul life, we ourselves have worked on our organs since childhood. We examine how, in early childhood, we shaped our still-undeveloped brain in a plastic manner. We examine how we have taken external substances into our organism, how they have worked within us through growth forces, and how we continue to work on ourselves daily through the forces of nutrition. We regard the external organism as that upon which we ourselves are working. After all, we do not now have a spatial organism, a spatial body, before us, [but] we have a body of time before us.
[ 38 ] Auf einmal steht dasjenige da, was unser ganzer Lebenslauf ist, was aber den äußeren Erscheinungen nur zu Grunde liegt, was an unserem äußeren Organismus arbeitet, ein Zeitleib — ihn nennt Anthroposophie den ätherischen Leib —, ein Zeitleib, den man nicht aufzeichnen oder aufmalen kann, so wenig, wie man den Blitz aufzeichnen oder aufmalen kann, sondern nur einen Augenblick festhalten kann.
[ 38 ] Suddenly, there stands before us what constitutes our entire life course—that which, however, merely underlies our outward appearances and works within our external organism: a body of time—which anthroposophy calls the etheric body—a body of time that cannot be recorded or depicted, any more than a flash of lightning can be recorded or depicted, but can only be captured for a single moment.
[ 39 ] Das ist das Erste, was man durch diese exakte Clairvoyance entdeckt, einen Zeitleib, den wir in uns tragen, der eine Einheit ist wie unser Raumesleib, so — wie in unserem physischen Raumesleib mit den Armen oder mit der Hand eine Einheit zu denken ist, mit dem Kopf eine Einheit zu denken ist, wie das eine ohne das andere nicht zu denken ist, wie das eine mit dem anderen in Wechselwirkung steht —, so blicken wir hin auf unseren Zeitleib, wenn wir 50 Jahre alt geworden sind, wie wir dazumal mit 30 Jahren unseren physischen Leib herausbildeten aus unserem Ätherisch-Seelischen, so blicken wir zurück auf unser 28. Jahr, so blicken wir zurück auf unser 18. Jahr, blicken zurück auf dasjenige, was so miteinander im Zusammenhang steht wie sonst die einzelnen Glieder unseres physischen Raumesleibes. Wir schauen auf ein Ätherisches, das uns zugrunde liegt. Dieses Ätherische, das bleibt in uns unser ganzes Erdenleben hindurch von der Geburt bis zum Tode. Während wir die Stoffe, die unseren Leib ausmachen, nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder aus unserem physischen Leibe entfernen und durch anderes ersetzen, ist dasjenige, was wir so als Zeitleib durchschauen, von unserer Geburt oder Empfängnis bis zum Tode eine Einheit, ein in uns fortwährend als Einheitliches Tätiges, das uns wie ein gewaltiges Zeitenpanorama nun als dasjenige vor dem Seelenleben steht, was wir uns durch Meditation, durch Konzentration, durch das liebende Gedankenleben angeeignet haben.
[ 39 ] This is the first thing one discovers through this precise clairvoyance: a temporal body that we carry within us, which is a unity just like our spatial body, just as—in our physical, spatial body—the arms or hands are conceived as a unity with the head, just as one cannot be conceived without the other, and just as one interacts with the other— so we look upon our time body when we have reached the age of 50; just as we once, at the age of 30, formed our physical body out of our etheric-soul body, so we look back to our 28th year, so we look back to our 18th year, looking back at that which is interconnected in the same way as the individual members of our physical body in space. We look upon an ethereal substance that underlies us. This ethereal substance remains within us throughout our entire earthly life, from birth to death. While we remove the substances that make up our body from our physical body after a relatively short time and replace them with others, that which we perceive as the “body of time”—from our birth or conception until death—is a unity, a force that is constantly active within us as a unified whole. Like a vast panorama of time, it now stands before our soul life as that which we have made our own through meditation, concentration, and a life of loving thought.
[ 40 ] Aber wir können weiter fortschreiten. Derjenige, der Wochen oder Monate, oder bei den meisten jahrelang, immer wiederum in solchem meditativen, das heißt liebenden Gedanken, wenn auch täglich nur für ganz kurze Zeit, verharrt, der wird endlich dazu kommen, zu sehen, wie sich sein Gedankenleben verstärkt. Und weil es sich verstärkt, deshalb arbeitet es in ihm als Wachstumskräfte, als Realitäten, nicht nur als abstrakte Gedanken. Er ergreift in seinen Gedanken diejenigen Kräfte, die sein Wachstum bewirkt haben, die seine Ernährung bewirken, die in seinem Inneren als Ernährungskräfte wirken. Er versetzt sich gewissermaßen aus dem passiven abstrakten toten Gedankenleben in die Welt der lebendigen Gedanken. Und er lernt erkennen als Erstes in dieser Welt lebendiger Gedanken seinen eigenen Ätherleib, der ihn aufbaute seit seiner Geburt oder Empfängnis, und der heute noch an ihm arbeitet.
[ 40 ] But we can go further. Anyone who persists week after week, month after month—or, for most people, year after year—in such meditative, that is, loving thoughts, even if only for a very short time each day, will eventually come to see how their inner life of thought grows stronger. And because it intensifies, it works within him as forces of growth, as realities, not merely as abstract thoughts. In his thoughts, he grasps those forces that have brought about his growth, that provide his nourishment, and that act within him as nourishing forces. He transports himself, so to speak, from a passive, abstract, lifeless thought life into the world of living thoughts. And the first thing he learns to recognize in this world of living thoughts is his own etheric body, which has been building him up since his birth or conception, and which is still at work within him today.
[ 41 ] Oh, es ist so, meine sehr verehrten Anwesenden, als wenn da eines Tages etwas in unserem Inneren geschähe durch dieses liebende Vorstellen, durch dieses liebende Denken, durch das Erringen dieser exakten Clairvoyance, als ob da etwas in unserem Inneren entstehe, welches uns anmutet, wie wenn wir, nachdem wir eine finstere Nacht durchgemacht haben, die Morgensonne heraufkommen sehen und es hell werden sehen um uns herum; so erleben wir eines Augenblickes in unserem Innern etwas wie einen inneren seelischen Sonnenaufgang. Unser Inneres wird, während es vorher finster war, während wir uns sagen mussten, wir dringen nicht hinunter da, wo unser Seelisches an unserem Leiblichen arbeitet, wir dringen nicht einmal hinunter in diejenigen Tiefen, wo das Seelische, wie ich vorhin sagte, wie ein Blitz durch den Muskel zuckt, um durch den Gedanken den Arm zu bewegen, den Arm zu heben. Jetzt blicken wir durch das liebende Vorstellen in unseren Organismus hinein. Dasjenige, was wir sonst bloß haben, wenn wir in uns hineinschauen, Gedanken, das haben wir jetzt als lebendige Kräfte, das sind wir selbst, wie wir waren in jeder Stunde unseres Erdendasein seit unserer Geburt.
[ 41 ] Oh, it is as if, my esteemed audience, one day something were to happen within us through this loving visualization, through this loving thought, through the attainment of this precise clairvoyance—as if something were to arise within us that gives us the feeling, as if, after having endured a dark night, were to see the morning sun rise and watch as light spreads around us; in that moment, we experience within ourselves something like an inner, spiritual sunrise. Our inner being, whereas it was previously dark—whereas we had to tell ourselves that we do not penetrate down to where our soul works on our physical body, nor do we even penetrate down into those depths where the soul, as I said earlier, flashes through the muscle like lightning to move the arm or lift it through thought— Now, through loving imagination, we look into our organism. What we otherwise have only as thoughts when we look within ourselves—we now have as living forces; this is who we are, just as we have been in every hour of our earthly existence since our birth.
[ 42 ] Aber indem wir also unsere Meditationen fortsetzen, kommen wir dazu — ich habe es wieder beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» oder in anderen Büchern —, wir kommen endlich dazu, andere Übungen als notwendig zu empfinden, denn wir lernen erkennen, dass, wenn wir auch immer mit solcher innerer Bewusstheit, wie wir es sonst nur in mathematischen Arbeiten haben, wenn wir auch mit solcher innerer Bewusstheit, mit absolut innerer Überschaubarkeit und Klarheit an unserem Seelenleben arbeiten, wir kommen dazu, zu sehen, dass es jetzt schwerer wird, diejenigen Gedanken, die jetzt lebendige Kräfte sind, ja, die zuletzt dasjenige sind, was wir als uns selber erkennen, diese lebendigen Gedanken fortzuschaffen aus unserem Bewusstsein. Es ist, als ob sie sich festsetzten, weil ja wir selber doch zuletzt dasjenige sind, was diese lebendigen Gedanken sind. Aber ebenso, wie wir zuerst gelernt haben, liebend in diesen Vorstellungen zu leben, so müssen wir uns jetzt mit aller inneren Anstrengung zu etwas anderem wenden. Dazu müssen wir die Vorstellungen aus freiem Willen wiederum hinwegschaffen können aus unserem Bewusstsein.
[ 42 ] But as we continue our meditations, we come to realize—as I have described again in my book *How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds?* or in my *Secret Science* or in other books—we finally come to feel that other exercises are necessary, for we learn to recognize that even if we always work on our soul life with the kind of inner awareness we otherwise experience only in mathematical work—even if we work with such inner awareness, with absolute inner clarity and comprehensibility— we come to see that it is now becoming more difficult to banish from our consciousness those thoughts that are now living forces—indeed, that are ultimately what we recognize as ourselves—these living thoughts. It is as if they were taking root, for after all, we ourselves are ultimately what these living thoughts are. But just as we first learned to live lovingly within these ideas, so must we now turn our attention to something else with all our inner effort. To do this, we must once again be able to remove these ideas from our consciousness of our own free will.
[ 43 ] Das wird uns gerade dann, wenn wir sie vorher liebend hereingestellt haben, schwieriger als im gewöhnlichen Leben. Daher wird in der Regel derjenige, welcher eine Zeit lang meditiert hat und dem dann geraten wird vom Geistesforscher, er soll übergehen zum Fortschaffen der Vorstellungen, er wird sagen: Oh, die Gedanken schießen hinein wie Bienenschwärme; ich kriege sie nicht los. Aber die Kraft muss aufgewendet werden, gewissermaßen ein künstliches Vergessen im Innern herbeizuführen, ein Unterdrücken der Gedanken. Und man kann auch dazu kommen tatsächlich, indem man sich anstrengt, innere Selbstzucht übt, die Gedanken wiederum zu unterdrücken, und endlich dazu kommen, nachdem man zuerst die Gedanken erkraftet, verstärkt hat, nun leeres Bewusstsein herzustellen. In diesem leeren Bewusstsein kann man dann ruhen. Man ist eigentlich nun in einem Zustande, der nur wachend ist. Man wacht, aber man hat keinen Inhalt des Wachens.
[ 43 ] This becomes more difficult for us—especially when we have lovingly invited them in beforehand—than it is in ordinary life. That is why, as a rule, someone who has been meditating for a while and is then advised by a spiritual researcher to move on to clearing away mental images will say: “Oh, the thoughts rush in like swarms of bees; I can’t get rid of them.” But one must exert the effort, so to speak, to bring about an artificial forgetting within, a suppression of thoughts. And one can actually achieve this by making an effort, by practicing inner self-discipline to suppress the thoughts, and finally—after first strengthening and intensifying the thoughts—achieve a state of empty consciousness. One can then rest in this empty consciousness. One is now, in fact, in a state that is merely waking. One is awake, but there is no content to that waking state.
[ 44 ] Dass das schwierig ist — meine sehr verehrten Anwesenden —, werden Sie daraus ersehen, dass die meisten Menschen sogleich, wenn sie keinen Inhalt haben in ihrem alltäglichen Bewusstsein, einschlafen. Aber das ist gerade dasjenige, was jetzt entwickelt werden muss behufs Erkenntnis der höheren Welten, dass man mit wachem Bewusstsein zugleich ein völlig leeres Bewusstsein hat. Gelingt einem das wirklich, dann strömt herein — wie in das Auge die Lichtwirkungen, die Farbwirkungen, wie in das Ohr die Töne der physischen Welt hereinströmen —, dann strömen herein, wenn das also vorbereitet ist, in das leere Bewusstsein die geistigen Welten. Und man wird jetzt zum ersten Mal gewahr nicht nur desjenigen, was ich vorhin geschildert habe, seinen eigenen Lebenslauf als eine ätherisch-seelische Welt zu sehen, sondern man wird jetzt gewahr eine geistige Welt um sich herum. Ich werde dann am nächsten Freitag Genaueres darüber sagen, jetzt aber will ich über die geistige Wesenheit des Menschen sprechen und zeigen, dass man weitergehen kann.
[ 44 ] You will see, my esteemed audience, that this is difficult from the fact that most people fall asleep immediately when their everyday consciousness is devoid of content. But this is precisely what must now be developed in order to gain knowledge of the higher worlds: to have a completely empty consciousness while remaining awake. If one truly succeeds in this, then—just as the effects of light and color stream into the eye, and the sounds of the physical world stream into the ear—the spiritual worlds stream into the empty consciousness, provided this has been prepared. And for the first time, one becomes aware not only of what I described earlier—seeing one’s own life course as an etheric-soul world—but one also becomes aware of a spiritual world around oneself. I will speak in more detail about this next Friday, but for now I want to speak about the spiritual nature of the human being and show that one can go further.
[ 45 ] Ebenso, wie man dazu kommen kann, Vorstellungen wegzuschaffen, die man bisher mit aller Kraft sich zu erringen suchte, ebenso kann man, wenn man sich die Kraft verstärkt dieses Hinwegschaffens der Vorstellungen, dann kann man dazu kommen, endlich die ganze Überschau über den eigenen Lebenslauf hinwegzuschaffen. Alles das, was man da sieht, was innerlich am eigenen Organismus arbeitet, was Wachstum, Ernährung bewirkt, was uns aus kleinen Kindern ganz erwachsene Menschen werden lässt, alles das, was da im Innern kraftet, was da wie ein geistiges Panorama vor uns steht, man kann es wegschaffen; wie man abstrahieren kann von seiner eigenen Vorstellung, lernt man allmählich von seinem eigenen Lebenslauf absehen. So, wie man sonst ein leeres Bewusstsein nur schwierig erlangt, so kann man jetzt ein leeres Bewusstsein erlangen dadurch, dass man sein eigenes Bewusstsein weggeschafft hat im Leben. Dann steht man mit leerem Bewusstsein da in voller Wachheit. Man steht jenseits des eigenen Lebens da.
[ 45 ] Just as one can come to dispel ideas that one has hitherto sought to attain with all one’s might, so too, by intensifying the power to dispel these ideas, one can finally come to dispel the entire overview of one’s own life course. Everything one sees there—what works internally within one’s own organism, what brings about growth and nourishment, what transforms us from small children into fully grown adults—everything that is at work within, everything that stands before us like a spiritual panorama—one can eliminate it; just as one learns to abstract from one’s own ideas, one gradually learns to look beyond one’s own life course. Just as it is otherwise difficult to attain an empty consciousness, one can now attain an empty consciousness by having set aside one’s own consciousness in life. Then one stands there with an empty consciousness, fully awake. One stands beyond one’s own life.
[ 46 ] Jetzt strömt — meine sehr verehrten Anwesenden —, in diese Seele, die den eigenen Lebenslauf zwischen Geburt und Tod aus dem Bewusstsein weggeschafft hat, jetzt strömt herein ein geistiges Leben, das wir erkennen lernen, indem wir es immer mehr und mehr schauen als unser vorirdisches Dasein. Und jetzt schauen wir hinein in eine geistige Welt, die nichts hat von dem, was sonst um uns herum ist an Sinnesdasein, die eine rein geistige Welt ist. Aber in dieser geistigen Welt sind wir selber drinnen, sind wir drinnen, wie wir waren, bevor wir als geistigseelische Wesen heruntergestiegen sind in die physisch-sinnliche Welt und uns verbunden haben mit dem, was uns von Vater und Mutter gegeben ist als unser physischer Leib. Jetzt ist nicht nötig ein Glaube, jetzt haben wir uns angeeignet durch die entsprechenden Übungen eine wirkliche exakte Erkenntnis, ein exaktes Anschauen desjenigen, was wir vor unserer Geburt beziehungsweise Empfängnis in der geistig-seelischen Welt waren. Wie wir da in einer geistigen Umgebung gearbeitet, gewirkt, gedacht und gewollt haben, so wie wir wirken, nachdem wir uns mit unserem physischen Leib umkleidet haben zwischen Geburt und Tod im irdischen Dasein, wie wir da im irdischen Dasein alles durch unsere Leibesorganisation bewirken, wie da selbst der Gedanke, den wir fassen, nur gefasst werden kann dadurch, dass ihm das Nervensystem Träger ist, so erblicken wir uns nun durch eine wirklich exakte Clairvoyance in unserem geistig-seelischen Dasein, bevor wir heruntergestiegen sind auf unsere Erde.
[ 46 ] Now—my esteemed audience—a spiritual life is flowing into this soul, which has banished the memory of its own life journey between birth and death from its consciousness; now a spiritual life is flowing in, which we come to recognize by perceiving it more and more as our pre-earthly existence. And now we look into a spiritual world that has nothing in common with the sensory existence that otherwise surrounds us—a world that is purely spiritual. But we ourselves are within this spiritual world; we are there just as we were before we descended as spiritual-soul beings into the physical-sensory world and united ourselves with what was given to us by our father and mother as our physical body. Now faith is not necessary; through the appropriate exercises, we have acquired a genuine, precise insight—a precise perception—of what we were in the spiritual-soul world before our birth or conception. Just as we worked, acted, thought, and willed there in a spiritual environment—just as we act after we have clothed ourselves in our physical body between birth and death in earthly existence—just as we bring everything about in earthly existence through our physical organization, and just as even the thought we form can only be conceived because the nervous system serves as its vehicle—so we now perceive ourselves, through truly precise clairvoyance, in our spiritual-soul existence before we descended to our Earth.
[ 47 ] Wir sehen uns da umgeben von geistigen Wesenheiten, wie wir uns hier in der physischen Welt umgeben sehen von physischen Wesenheiten. Dasjenige, was uns in der physischen Welt ein wenig zurückführt, aber nicht aus der physischen Welt hinaus, das ist unsere Erinnerung, unser Gedächtnis. Wir haben abstrakte Gedanken im gegenwärtigen Augenblicke. Sie bringen in unsere Seele herein die Erlebnisse, die wir vor Jahren gehabt haben; jetzt aber durch die Vorgänge, die ich geschildert habe, haben wir nicht nur vor uns das gewöhnliche Erleben auf der physischen Erde, jetzt haben wir vor uns — allerdings im Bilde, aber im Bilde einer Wirklichkeit, einer Realität —, jetzt haben wir vor uns unser vorirdisches Dasein mit aller seiner Wesenheit, mit aller seiner Tätigkeit.
[ 47 ] There we find ourselves surrounded by spiritual beings, just as we find ourselves surrounded here in the physical world by physical beings. What draws us back a little into the physical world—but does not take us out of it—is our memory. We have abstract thoughts in the present moment. They bring into our soul the experiences we had years ago; but now, through the processes I have described, we have before us not only the ordinary experience on the physical Earth—now we have before us—admittedly in an image, but in the image of a reality—our pre-earthly existence with all its essence and all its activity.
[ 48 ] Ich konnte Ihnen nur die Wege schildern — meine sehr verehrten Anwesenden —, die die Seele nehmen muss, um vorzudringen gegenüber dem Zeitvergänglichen, das die Seele hat als Denken, Fühlen und Wollen, zu demjenigen, was schaffend am menschlichen Leibe war, was war, bevor dieser menschliche Leib sich mit ihnen verbunden hat, was einer geistigen Welt angehört, was mit dem Leibe nicht entsteht, was vielmehr selbst erst den Leib vollzogen hat und eigentlich seinen Bestand als Menschenleib möglich macht. Wir dringen stufenweise durch eine solche exakte Clairvoyance aus dem physischen Dasein ins Über-Physische, ins Geistige vorwärts. Wir spekulieren nicht, wir philosophieren nicht in abstrakten Begriffen, wir suchen Erfahrungen der geistigen Welt, und suchen durch Erfahrungen zur Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen zu kommen.
[ 48 ] I could only describe to you—my esteemed audience—the paths the soul must take to advance beyond the transitory nature of time, which the soul experiences as thinking, feeling, and willing—toward that which was creative in the human body, that which existed before this human body became united with you, that which belongs to a spiritual world, that which does not arise with the body, but rather has itself first brought the body into being and actually makes its existence as a human body possible. Through such precise clairvoyance, we advance step by step from physical existence into the superphysical, into the spiritual. We do not speculate; we do not philosophize in abstract terms; we seek experiences of the spiritual world, and through these experiences we seek to arrive at an understanding of the spiritual essence of the human being.
[ 49 ] Auf diese Weise gelangen wir dazu, ich möchte sagen nach der einen Seite die Ewigkeit der Menschenseele zu entdecken. Auf der anderen Seite können wir dadurch dazu gelangen, dass wir nun in moderner Form wiederum für eine exakte Clairvoyance das ausbilden, was eine ältere Zeit, die mehr ein träumerisches Hellsehen hatte, in der sogenannten Askese ausbildete. Machen wir uns wiederum in der Askese klar, was auf eine mehr materielle Art erstrebt worden ist, während wir es mehr auf geistige Art in der modernen Zeit erstreben müssen: Der Asket, er hat versucht, seinen Körper abzulähmen, abzutöten, ja, in einer gewissen Weise krank zu machen. Nun werde ich ganz gewiss dem Krankmachen des Leibes, der Abtötung des Leibes als moderner Mensch [nicht] irgendwie das Wort reden; allein in jener älteren Zeit wussten die Menschen durchaus, was sie taten, indem sie in systematischer Weise ihren Körper abtöteten. Was geschah da an dem Menschen? In demselben Maße, in dem die Menschen ihren Körper in systematischer Weise abgetötet haben, in demselben Maße wurde ihr Seelisches in ihnen rege. Gerade durch diese Abtötung wurde der Körper, ich möchte sagen immer durchsichtiger und immer durchsichtiger. Es ist einmal eine Erfahrung dieser alten Asketen gewesen, dass, indem sie den Körper herabgelähmt haben, die Seele immer lebendiger und lebendiger wurde. Und auf diese Weise erlangten sie eine Erkenntnis desjenigen, was der Mensch unbewusst erlebt während des gewöhnlichen Schlafzustandes.
[ 49 ] In this way, we come to discover—I would say, on the one hand—the eternity of the human soul. On the other hand, this enables us to cultivate—in a modern form—the precise clairvoyance that was once cultivated in so-called asceticism during an earlier era, which was characterized by a more dreamlike form of clairvoyance. Let us once again clarify, within the context of asceticism, what was sought in a more material way, whereas in modern times we must seek it in a more spiritual way: The ascetic sought to numb his body, to kill it off, indeed, in a certain sense, to make it sick. Now, as a modern person, I will certainly not in any way advocate making the body sick or killing it off; yet in those earlier times, people knew full well what they were doing when they systematically killed off their bodies. What happened to the human being then? To the same extent that people systematically mortified their bodies, to that same extent did their soul life become active within them. Precisely through this mortification, the body—I would say—became ever more transparent, ever more transparent. It was once an experience of these ancient ascetics that, as they weakened the body, the soul became more and more alive. And in this way they gained an insight into what a person unconsciously experiences during the ordinary state of sleep.
[ 50 ] Ich habe Ihnen auf diese Weise geschildert in der einen Art, in der Yoga-Philosophie, und in der anderen Art, in der modernen Art durch die moderne Meditation geschildert, wie der Mensch bewusst, das heißt hellsehend, eindringen kann in dasjenige, was sonst in der eigenen Finsternis seines Organismus ist. Ich sagte nun, das ist dasjenige, was uns zunächst zweifelhaft gegenüber dem Schicksal des eigenen Geistes berührt, dass wir nicht sehen, wie das Seelisch-Geistige da unten im menschlichen Organismus wirkt, dass wir wachend gewissermaßen in die Finsternis des menschlichen Leibes einziehen, dass wir nicht einmal wissen, was die Seele tut, indem sie eine Hand bewegt.
[ 50 ] I have described to you in this way—on the one hand, through the philosophy of yoga, and on the other, through modern meditation—how a person can consciously, that is, clairvoyantly, penetrate into that which is otherwise shrouded in the darkness of their own organism. I said, then, that this is what initially fills us with doubt regarding the fate of our own spirit: that we do not see how the soul-spiritual works down there in the human organism; that, while awake, we enter, as it were, into the darkness of the human body; that we do not even know what the soul is doing when it moves a hand.
[ 51 ] Der alte Yogi, der lernte kennen dieses Innere dadurch, dass er gewissermaßen mit seinem Atem es abtastete, Der moderne clairvoyante Mensch, der durchleuchtet sich mit dem hellsichtig gewordenen exakten Denken, und dadurch dringt er ein in die Finsternis des eigenen Leibes. Dadurch kommt Sicherheit statt der Unsicherheit, die eben entsteht, weil man sonst im gewöhnlichen Tagesleben nur in die Finsternis des eigenen Leibes eintaucht. Aber man hat auf der anderen Seite den Zweifel entstehen dadurch, dass man in dem Einschlafen das Geistig-Seelische hinunterdämmern sieht und endlich ja der Mensch sieht, dass es erst wiederum heraufleuchtet mit dem Aufwachen. Man muss sich fragen: Kann dieses Seelische dann selbstständig bestehen, wenn es in dieser Weise durch die Bedürfnisse des Leibes jeden Tag ausgelöscht werden kann?
[ 51 ] The ancient yogi came to know this inner world by, so to speak, probing it with his breath. The modern clairvoyant, on the other hand, penetrates his own body with precise thinking that has become clairvoyant, and in this way he penetrates the darkness of his own body. This brings certainty in place of the uncertainty that arises precisely because, in ordinary daily life, one otherwise plunges only into the darkness of one’s own body. But on the other hand, doubt arises from the fact that, as one falls asleep, one sees the spiritual-soul aspect fade away, and ultimately one sees that it only shines forth again upon waking. One must ask oneself: Can this soul life exist independently if it can be extinguished in this way every day by the needs of the body?
[ 52 ] Das war es nun gerade, was der alte Asket erreichte: In demselben Maße, in dem er seinen Körper systematisch ablähmte, herabstimmte, ja, in gewisser Beziehung sogar krank und schwach machte, in demselben Maße wurde seine Seele stärker bewusst, durchdrang sein Leben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen nicht mehr vollständig, sank hinunter das Bewusstsein während des Schlafens in das Unbewusste, Träume, die aber Wirklichkeiten erleben ließen, immer Bestimmteres und Bestimmteres kam herauf. In demselben Maße, in dem der Körper herabgedämpft wurde, erstrahlte ein Seelenleben, das ähnlich war dem schlafenden Seelenleben, das aber bewusst war, also wiederum entgegengesetzt dem schlafenden Seelenleben. Man musste sich sagen: Du kannst also auch so leben mit dieser Seele, wie du sonst nur während des Schlafes lebst. Also kann sich diese Seele erhalten gegenüber dem Leibe, wenn sie auch nicht in diesem Leibe ist. Dadurch, dass der alte Asket das Leben des Leibes herabstimmte, zog er gewissermaßen das selbstständige Seelenleben heraus, und daraus wurde ihm die Erkenntnis, allerdings auf eine traumhafte Art, in jenen alten Zeiten, die Erkenntnis. Wenn nun dein Leib ganz von dir fällt, wenn er den höchsten Grad der Abstumpfung erlangt, den du im geringen Grade während der Askese erlangt hast, wenn er von dir fällt im Tode, dann wird der höchste Moment eintreten, den du ja in verminderter Art schon kennengelernt hast hier im Erdenleben. Und aus der Übung der alten Askese ging dem alten hellseherischen Menschen jene Erkenntnis hervor, die er auch anders mitteilen konnte: dass die Seele ein ewiges Leben hat im Geiste, auch gegenüber dem Todesereignisse. So sah man durch eine Art von Übungen, Yoga-Übungen in älteren Zeiten, und sieht man heute durch die Meditations-Übungen in das vorirdische Dasein hinein, also nach der Ewigkeit der Seele nach der einen Seite hin, so sieht der alte hellseherische Mensch durch die Todespforte hindurch, sieht, wie die Seele den Tod überwindet, eben durch seine Herabtötung, Herablähmung des Leibes.
[ 52 ] That was precisely what the old ascetic achieved: To the same extent that he systematically weakened and subdued his body—indeed, in a certain sense even made it sick and weak, to that same extent his soul became more conscious; it no longer completely permeated his life between falling asleep and waking up; as consciousness sank into the unconscious during sleep—dreams that, however, allowed him to experience realities—something ever more definite and distinct emerged. To the same extent that the body was subdued, a soul life shone forth that was similar to the sleeping soul life, but which was conscious—and thus, in turn, the opposite of the sleeping soul life. One had to say to oneself: So you can also live with this soul in the way you otherwise live only during sleep. Thus, this soul can sustain itself in relation to the body, even when it is not within that body. By dampening the life of the body, the ancient ascetic, so to speak, drew out the independent life of the soul, and from this came his insight—albeit in a dreamlike manner—in those ancient times. Now, when your body falls away from you completely—when it reaches the highest degree of numbness that you have attained to a lesser degree during ascetic practice—when it falls away from you in death, then the supreme moment will occur, one that you have already experienced in a diminished form here in earthly life. And from the practice of ancient asceticism, that insight emerged for the ancient clairvoyant human being, which he was also able to communicate in other ways: that the soul has an eternal life in the spirit, even in the face of death. Thus, through a kind of exercise— yoga exercises in earlier times, and just as one sees today through meditation exercises into pre-earthly existence—that is, into the eternity of the soul on one side—so the ancient clairvoyant looks through the gate of death and sees how the soul overcomes death precisely through the stilling and numbing of the body.
[ 53 ] Wiederum ist das etwas, was wir moderne Menschen nicht durchführen können, denn wiederum hat sich dem alten Asketen für das Leben herausgestellt: Sein für die Askese, das heißt für die höheren Erkenntnisse abgelähmter Leib war nicht gewachsen den Anforderungen des Tages. In jenen alten Zeiten hatte man Vertrauen zu solchen Einsiedlern, suchte bei ihnen Erkenntnis, die man nicht selber haben wollte. Heute würde man’s nicht haben. Aber gerade so, wie für das heutige Leben, für das heutige Zeitbewusstsein die Yoga-Übungen modifiziert werden können, so können auch die asketischen Übungen modifiziert werden. Hat der alte Asket seinen Leib herabgestimmt, um das Seelenleben, so wie es war gegenüber der Ewigkeit, in seinem Tode zu erwecken, hat er also den Leib schwächer gemacht, um das unveränderte Seelenleben gegenüber dem schwächeren Leib relativ stärker sein zu lassen, um es so zu erkennen, so muss der moderne Mensch den umgekehrten Weg einschlagen. Er lässt den Leib, wie er ist, und verstärkt das seelische Leben. Man erlangt das auf besondere Art wiederum durch Übungen.
[ 53 ] Again, this is something we modern people cannot do, for once more it became clear to the ancient ascetic: his body, weakened by asceticism—that is, by the pursuit of higher knowledge—was not up to the demands of daily life. In those ancient times, people placed their trust in such hermits, seeking from them the insight they did not wish to attain for themselves. Today, people would not want that. But just as yoga exercises can be adapted to modern life and our contemporary sense of time, so too can ascetic practices be adapted. If the ancient ascetic weakened his body in order to awaken the life of the soul—as it was in relation to eternity—at the moment of his death—that is, if he weakened the body so that the unchanging life of the soul might be relatively stronger in contrast to the weaker body, thereby enabling him to recognize it—then modern man must take the opposite path. He leaves the body as it is and strengthens the life of the soul. This, in turn, is achieved in a special way through exercises.
[ 54 ] Ich will einiges von dem, was ich ausführlich geschildert habe in den genannten Büchern, hervorheben. Eine Übung ist besonders wirksam. Wir stehen im gewöhnlichen Leben so darinnen, dass wir unser Denken, unser inneres Seelenleben passiv hinziehen lassen jeden Tag nach den Vorgängen der äußeren Welt. Dasjenige, was früher da ist, denken wir früher, dasjenige, was später da ist, denken wir später. Und wenn wir, wie im juristischen, logischen Denken, das Leben umgekehrt verfolgen, so tun wir doch nichts anderes als etwas, was den richtigen Zeitverlauf vor unsere Seele hinstellen kann. Derjenige, der sein Seelenleben systematisch verstärken will, muss Tag für Tag, wenn auch nur für wenige Minuten, will er aber etwas Ernstliches erreichen, so fleißig wie im Laboratorium oder auf der Sternwarte oder auf der Klinik arbeiten; dasjenige, was er aber vorzunehmen hat, sind intime innere Vorgänge. Sagen wir zum Beispiel, er lässt zunächst sein Tagesleben in umgekehrter Folge vorüberziehen, zum Beispiel um sieben Uhr; er lässt dasjenige vorüberziehen, was zunächst zwischen sieben und sechs Uhr war, dann zwischen sechs Uhr und fünf Uhr, und verfolgt so das Tageserlebnis rückwärts. Am besten ist es, in allen Einzelheiten die Ereignisse des Tageslebens zu verfolgen. Sagen wir zum Beispiel, man ging über eine Treppe hinauf. Man war zunächst an der untersten Stufe, dann auf der nächsten und so weiter. In dieser Rückkonstruktion, die nicht eine bloße Rückerinnerung sein soll, sondern eine Rückkonstruktion, ist man zuerst an der oberen Stufe, stellt sich vor, wie man heruntergeht zur vorletzten, letzten Stufe und so weiter. Man macht den ganzen Vorgang zurück. Ebenso mit anderem. Man kann das auch tun mit anderen Jahren seines Lebens, indem man vom achtzehnten bis zum fünfzehnten Jahre zurückgeht, aber womöglich in allen Einzelheiten. Das ist schwieriger, als im Allgemeinen geglaubt wird. Dadurch widersetzt man sich innerlich in aktiver Weise dem äußeren Verlauf der Tatsachen. Man gibt sich nicht mehr bloß hin dem äußeren Verlauf der Tatsachen. Man stellt sich ihm entgegen. Dadurch reißt man sein Denken von der Folge der äußeren Sinneswelt los. Indem man sein Denken von der Folge der äußeren Sinneswelt losreißt, gewöhnt man sich eine ganz andere innerliche Handhabe des Denkens an. Das Denken muss kraftvoller, selbstständiger werden, indem es sich so losreißt von der äußeren Welt.
[ 54 ] I would like to highlight some of what I have described in detail in the books mentioned. One exercise is particularly effective. In everyday life, we tend to passively allow our thinking—our inner spiritual life—to be drawn along each day by the events of the external world. We think about what comes first first, and what comes later later. And when we trace life in reverse—as in legal or logical thinking—we are doing nothing other than placing the correct sequence of time before our soul. Anyone who wants to systematically strengthen their inner life must work day after day—even if only for a few minutes—and if they wish to achieve something serious, they must work as diligently as in a laboratory, an observatory, or a clinic; yet what they must undertake are intimate inner processes. Let’s say, for example, that they first let their daily life pass before them in reverse order—say, at seven o’clock; they let what happened between seven and six o’clock pass by, then between six and five o’clock, and thus retrace the day’s experiences backward. It is best to retrace the events of daily life in every detail. Let’s say, for example, that one walked up a flight of stairs. One was first on the bottom step, then on the next, and so on. In this reconstruction—which is not meant to be a mere recollection but a reconstruction—one starts at the top step and imagines walking down to the second-to-last step, the last step, and so on. You retrace the entire process. The same applies to other things. You can also do this with other years of your life, going back from the age of eighteen to the age of fifteen, but ideally in every detail. This is more difficult than is generally believed. In doing so, you actively resist the external course of events from within. You no longer merely surrender to the external course of events. One opposes it. In doing so, one detaches one’s thinking from the sequence of the external sensory world. By detaching one’s thinking from the sequence of the external sensory world, one accustoms oneself to a completely different inner way of handling thought. Thinking must become more powerful and independent by detaching itself in this way from the external world.
[ 55 ] Ebenso kann man andere Übungen machen. Sie wissen ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, das Leben verändert sich fortwährend. Derjenige, der ehrlich ist in seiner Selbstanschauung, wird sich sagen müssen, er ist jetzt ein ganz anderer, als er etwa vor zehn Jahren, vor zwanzig Jahren war. Allein wie sind wir so geworden? Ja, wir haben uns dem Leben eigentlich nur hingegeben, wir sind so geworden, was das Leben aus uns gemacht hat, die Vererbung, die Erziehung und so weiter aus uns gemacht hat.
[ 55 ] Similarly, one can do other exercises. As you know—my esteemed audience—life is constantly changing. Anyone who is honest in their self-assessment will have to admit that they are now a completely different person than they were, say, ten or twenty years ago. But how did we become this way? Well, we have really just surrendered to life; we have become what life has made of us—what our heredity, upbringing, and so on have made of us.
[ 56 ] Derjenige, der in der hier gemeinten Art ein Geistsesforscher werden will, der muss sein eigenes Leben in die Hand nehmen, muss in aller innerer Energie ebenso, wie er in der Meditation in Bezug auf die Erkraftung seiner Gedanken es gemacht hat, so muss er es in Bezug auf die Erkraftung des Willens machen. Er muss zum Beispiel in einem gewissen Zeitpunkte seines Lebens sagen: Für die nächsten drei Jahre stellst du dir die Aufgabe, in einer gewissen Weise dein Seelenleben mit inneren Gewohnheiten auszustatten. Du nimmst dasjenige, was sonst bloß das Leben aus dir gemacht hat, selber in die Hand. Das Leben macht dich mit jedem Jahre zu einem anderen. Jetzt nimmst du selber diese Kraft des Lebensstromes in die Hand. Du änderst bewusst gewisse Gewohnheiten in dir, die sonst das Leben geändert hätte. Man wird sehen, dass insbesondere kleine, aber ins Leben eingewanderte Gewohnheiten, wenn sie mit immer bewussterer und bewussterer Seelenübung gemacht werden, geradezu Wunder wirken an innerer Selbsterziehung — wer zum Beispiel eine gewisse Handschrift bis zu diesem Augenblick seines Lebens gehabt hat, wer aus dieser Kraft heraus diese Handschrift nun ändert. Und so werden Sie sich vorstellen können, dass es unzählige kleinere oder größere Gewohnheiten gibt, die man in die Hand nehmen kann, sodass er gewissermaßen sein eigener innerer Führer wird, dass er der Lenker seines Willens wird immer mehr und mehr.
[ 56 ] Anyone who wishes to become a spiritual researcher in the sense intended here must take control of their own life; just as they have done in meditation with regard to strengthening their thoughts, they must do the same with regard to strengthening their will. For example, at a certain point in their life, they must say: “For the next three years, you set yourself the task of shaping your inner life with inner habits in a certain way. You take into your own hands what life would otherwise have simply made of you. Life transforms you into a different person with each passing year. Now you yourself take control of this force of the life current.” You consciously change certain habits within yourself that life would otherwise have changed. You will see that small habits in particular—ones that have become ingrained in your life—when cultivated through increasingly conscious spiritual practice, work veritable miracles in inner self-education—for example, someone who has had a certain handwriting style up to this point in their life, and who now changes that handwriting out of this very strength. And so you can imagine that there are countless habits, both small and large, that one can take in hand, so that one becomes, in a sense, one’s own inner guide, and increasingly becomes the master of one’s own will.
[ 57 ] Und wer dann die Übungen weiter fortsetzt, die sich auf den Willen beziehen von «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und anderen Büchern, wer diese Übungen fortsetzt, mit anderen Worten übt dasjenige, was sowohl durch jenes Rückwärtsvorstellen wie durch diese Selbstzucht geübt werden kann; wer übt Selbstüberwindung, der verstärkt das Seelenleben, wie der alte Asket seinen Körper geschwächt hat und das Seelenleben gelassen hat, sodass es relativ stärker wurde als der geschwächte Körper. So bleibt der Körper so, wie er ist; aber das Seelenleben wird in dieser Weise verstärkt. Und wir sehen etwas Eigentümliches in unserem eigenen menschlichen Dasein. Ich kann es Ihnen schildern dadurch, dass ich einen Vergleich gebrauche.
[ 57 ] And whoever then continues with the exercises related to the will—as described in *How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds?* and other books—whoever continues with these exercises, in other words, practices what can be cultivated both through that “reverse visualization” and through this self-discipline; whoever practices self-mastery strengthens the life of the soul, just as the ancient ascetic weakened his body and allowed the life of the soul to develop, so that it became relatively stronger than the weakened body. Thus, the body remains as it is; but the life of the soul is strengthened in this way. And we see something peculiar in our own human existence. I can describe it to you by using a comparison.
[ 58 ] Nehmen Sie das menschliche Auge. Wodurch sieht dieses menschliche Auge? Nun, dadurch, dass es selber durchsichtig ist, dass es gewissermaßen selbstlos das Licht durch sich durchgehen lässt. In dem Augenblicke, wo das Auge - sagen wir — den Star bekommt, seine eigene Materialität geltend macht, in demselben Augenblicke hört das Sehen auf. Das Auge vergisst sich gewissermaßen ganz selbst. Dadurch wird es der Diener des menschlichen Organismus in Bezug auf das Sehen. Es wird dadurch, dass es selbst seine eigene Materialität nicht geltend macht, zum Sinnesorgan für die äußere physische Welt.
[ 58 ] Take the human eye. How does this human eye see? Well, because it is itself transparent, because it, so to speak, selflessly allows light to pass through it. The moment the eye—let’s say—develops a cataract and asserts its own materiality, at that very moment, vision ceases. The eye, so to speak, completely forgets itself. In this way, it becomes the servant of the human organism with regard to vision. By not asserting its own materiality, it becomes the sensory organ for the external physical world.
[ 59 ] Unser seelisches Leben, wenn wir es in der geschilderten Weise durch Selbstüberwindung verstärken, wird endlich so herrschen über den menschlichen Organismus, dass dieser nicht nur [durch] die Meditationsübungen innerlich durchleuchtet wird, sondern dass er jetzt, wie das Auge in Bezug auf das sinnliche Licht durchsichtig ist, so wird der Körper seelisch-geistig durchsichtig. Wie wir das Auge nicht sehen, sondern die Gegenstände draußen, so lernen wir durch unseren jetzt nicht physisch, aber seelisch-geistig durchsichtigen Körper, der nun keine Wünsche, Begierden, Leidenschaften aus sich heraustreibt, in dem Augenblicke, wo wir ihn als höheres geistiges Sinnesorgan gebrauchen wollen, durch diesen Organismus lernen wir als durch ein seelisch Durchsichtiges die geistige Welt kennen. Und wir erlangen auf diese Weise die Möglichkeit, uns zu sagen: Wir sehen in eine geistige Welt hinein, durch unseren Organismus hindurch. Der ist uns Seelenauge, der ist uns Geistauge geworden. Jetzt erringen wir, wie der alte Asket, die Erkenntnis des ewigen Wesens der Menschenseele über den Tod hinaus.
[ 59 ] Our spiritual life, when we strengthen it in the manner described through self-mastery, will ultimately reign over the human organism in such a way that it is not only illuminated from within [through] the meditation exercises, but that just as the eye is transparent to sensory light, so too does the body become spiritually and mentally transparent. Just as we do not see the eye itself but rather the objects outside it, so too, through our body—which is now transparent not physically but psychically and spiritually, and which no longer drives out desires, cravings, or passions from within itself—at the very moment we wish to use it as a higher spiritual sense organ, we come to know the spiritual world through this organism as through something psychically transparent. And in this way we gain the ability to say to ourselves: We see into a spiritual world through our organism. It has become our soul’s eye; it has become our spirit’s eye. Now, like the ancient ascetic, we attain knowledge of the eternal nature of the human soul beyond death.
[ 60 ] Und dadurch, dass wir lernen leben mit der geistigen Welt um uns herum, nachdem unser eigener Organismus selbstloses Sinnesorgan geworden ist, dadurch wird für uns erhellt ein Leben des Seelischen außerhalb des physischen Leibes. Und wir erlangen jetzt die Möglichkeit, so den Leib unberührt von unserem seelischen Leben zu lassen, wie er im Schlafe ist. Wir haben unser Seelenleben aber verstärkt. Wir können die Seele so trennen vom physischen Leib und vom Ätherleib, wie sie im Schlaf getrennt ist. Wir erleben einen schlafähnlichen Zustand, der aber doch wiederum dem Schlaf entgegengesetzt ist. Wir lernen erkennen, dass wir mit dem Schlafe nicht das Seelenleben erloschen haben, dass das Seelenleben nur zu schwach war, um vom Einschlafen bis zum Aufwachen ein Bewusstsein zu entwickeln. Wir durchstrahlen durch das verstärkte Seelenleben einen künstlich herbeigeführten Schlaf, wir erhellen ihn. Wir wissen, wir können ohne den Leib ein geistig-seelisches Leben entwickeln. Wir wissen also dadurch, dass dieses Bild vor uns steht, dieses Bild des Sterbens, des Lebens nach dem Tode, wir wissen, dass die Seele über den Tod hinaus, das heißt nach der anderen Seite gegenüber derjenigen, die ich vorhin geschildert habe, mit einem ewigen Leben begabt ist.
[ 60 ] And as we learn to live with the spiritual world around us—once our own organism has become a selfless sensory organ—a life of the soul outside the physical body is revealed to us. And we now gain the ability to leave the body untouched by our soul life, just as it is during sleep. Yet we have strengthened our soul life. We can separate the soul from the physical body and the etheric body, just as it is separated during sleep. We experience a sleep-like state, which is, however, the opposite of sleep. We come to realize that sleep does not extinguish our soul life; rather, the soul life was simply too weak to develop consciousness from the moment we fall asleep until we wake up. Through our strengthened soul life, we radiate through an artificially induced sleep; we illuminate it. We know that we can develop a spiritual-soul life without the body. Thus, through this image that stands before us—this image of dying, of life after death—we know that the soul, beyond death—that is, on the other side from the one I described earlier—is endowed with eternal life.
[ 61 ] So lernen wir durch unsere Meditationen an unser Seelisches zu denken, für unser vorirdisches Dasein, die eine Seite der Ewigkeit, so durch die Willenszucht, durch die Selbstüberwindung, durch das Erstarken des Seelenlebens die Ewigkeit über den Tod hinausgehend, kennen, was anschaulich wird von der Ewigkeit der Menschenseele, von der geistigen Wesenheit des Menschen.
[ 61 ] Thus, through our meditations, we learn to reflect on our soul life and to recognize our pre-earthly existence—one aspect of eternity—and, through the discipline of the will, self-overcoming, and the strengthening of the soul life, to perceive eternity extending beyond death, which brings into clear view the eternity of the human soul and the spiritual nature of the human being.
[ 62 ] Sie sehen, auf welche Weise das versucht wird. Es wird versucht, nicht etwa, wie das der Spiritist macht, dass Versuche angestellt werden, die gleich sind den Versuchen in der Außenwelt, nein, sondern es wird das menschliche Seelenleben selber so entwickelt, dass diesem Seelenleben die Muskeln erwachsen, um in die geistige Welt hineinzuschauen. Nicht sündigen will anthroposophische Geisteswissenschaft gegen den Geist der modernen exakten Wissenschaftlichkeit. Aber sie kann zunächst nicht eine äußere Umgebung exakt erforschen, denn die ist ja noch gar nicht da, so wie für den Blinden die Farben nicht da sind, sondern es muss erst das geistige Auge, die Sehkraft entwickelt werden. Das geschieht durch Meditation, durch Willenszucht.
[ 62 ] You can see how this is attempted. The approach is not, as with spiritualism, to conduct experiments that are identical to those in the external world; rather, the human soul life itself is developed in such a way that this soul life acquires the strength to look into the spiritual world. Anthroposophical spiritual science does not wish to sin against the spirit of modern, exact scientific inquiry. But it cannot, at first, precisely investigate an external environment, for that environment does not yet exist—just as colors do not exist for the blind—but rather, the spiritual eye, the power of vision, must first be developed. This is achieved through meditation and the discipline of the will.
[ 63 ] Dadurch aber, dass wir bei dieser Meditation, bei dieser Willenszucht so verfahren an uns selbst, wie sonst der Wissenschaftler mit der Außenwelt verfährt, dadurch können wir sprechen davon, dass wir den Geist, den Sinn der modernen wissenschaftlichen Zivilisation hineintragen in diejenigen Gebiete, wo uns zuletzt das wissenschaftliche Leben übergeht in das religiöse Erleben, wo wir zuletzt erkennen dasjenige, was geistige Wesenheit des Menschen ist. Und diese geistige Wesenheit des Menschen, meine sehr verehrten Anwesenden, die lebt jetzt ebenso, wie der physische Mensch hier mit einer physischen Welt, die lebt mit einer geistigen Welt.
[ 63 ] But by proceeding in this meditation, in this discipline of the will, in the same way that a scientist otherwise proceeds with the external world, we can say that we are carrying the spirit, the essence of modern scientific civilization, into those realms where scientific life ultimately gives way to religious experience, where we ultimately recognize what constitutes the spiritual essence of the human being. And this spiritual essence of the human being, my esteemed audience, lives just as the physical human being lives here in a physical world; it lives in a spiritual world.
[ 64 ] Und wie sich der Mensch hineinfinden kann in diese geistige Welt, wie er das geistige Wesen der Welt finden kann, das wird dann die Schilderung am nächsten Freitag hier sein, sodass uns dadurch wird aufgehen können ebenso wie durch die übersinnliche Erkenntnismethode die geistige Wesenheit des Menschen, dass uns dadurch wird aufgehen können die geistige Wesenheit der Welt. Dann aber wird sich uns zeigen, wie in dem innigen Zusammenleben des geistigen Wesens des Menschen mit dem geistigen Wesen der Welt aus wirklicher moderner Clairvoyance eine Vertiefung des religiösen Lebens hervorgehen kann, wie der Mensch vielleicht dasjenige, was er verloren hat durch die moderne Wissenschaft an altem innigem religiösem Leben, wiedergewinnen kann, in einer solchen Weise wiedergewinnen kann, dass er jetzt die tiefste Religion verbinden kann mit der strengen Wissenschaftlichkeit.
[ 64 ] And how human beings can find their way into this spiritual world, how they can discover the spiritual essence of the world—that will be the subject of next Friday’s lecture here, so that through it, just as the spiritual essence of the human being becomes clear to us through the method of supersensible knowledge, the spiritual essence of the world will also become clear to us. Then, however, it will become clear to us how, through the intimate interplay of the human being’s spiritual essence with the spiritual essence of the world, a deepening of religious life can emerge from genuine modern clairvoyance—how the human being might regain what he has lost through modern science in terms of the old, intimate religious life, and regain it in such a way that he can now combine the deepest religion with rigorous scientific rigor.
[ 65 ] Darnach strebt ja eigentlich die moderne Zivilisation. Weil diese moderne Zivilisation den Geist verloren hat, deshalb ist sie auch in solch herbe äußere Schicksale hineingekommen. Vielleicht wird sich auch das zeigen lassen können, was gerade das heutige schlimme Zeitenschicksal ist, wenn wir das nächste Mal die geistige Wesenheit der Welt betrachten. Heute wollte ich gewissermaßen dazu nur vorbereitend zeigen, wie der Mensch selber sich als Geist erkennt, damit er dann auch den Geist innerhalb der Welt finden und sich religiös mit ihm verbinden könne in lichter, heller Klarheit. Denn das wird vielleicht doch aus den Auseinandersetzungen hervorgegangen sein, die ich heute mir erlaubte, vor Ihnen zu pflegen — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass dasjenige, was hier exakte Clairvoyance genannt wird, und was führen soll zu einer Erkenntnis des ewigen Wesens der Menschennatur, dass das nicht widerstreben soll dem Geiste der modernen Wissenschaft, dessen Triumphe innerhalb der modernen Zivilisation gerade von Anthroposophie voll anerkannt werden sollen und voll anerkannt werden können.
[ 65 ] This is, in fact, what modern civilization is striving for. Because this modern civilization has lost the spirit, it has consequently fallen into such harsh external circumstances. Perhaps we will also be able to shed light on what exactly constitutes the dire fate of our times when we next consider the spiritual essence of the world. Today, I wanted, so to speak, merely to lay the groundwork by showing how human beings recognize themselves as spirit, so that they may then also find the spirit within the world and connect with it religiously in bright, clear lucidity. For perhaps this will emerge from the discussions I took the liberty of conducting before you today — my esteemed audience — that what is called here “exact clairvoyance,” and which is intended to lead to a recognition of the eternal essence of human nature, should not conflict with the spirit of modern science, whose triumphs within modern civilization are to be—and can be—fully acknowledged by anthroposophy.
[ 66 ] Aber es muss gesucht werden etwas, was diese moderne Wissenschaft, so wie sie sich in der äußeren Beobachtung und im äußeren Experiment entwickelt, nicht geben kann. Diese moderne Wissenschaft wird ebenso wenig hinweggeleugnet oder hinwegkritisiert in ihrer Berechtigung von der anthroposophischen Geisteswissenschaft, wie es eine Kritik der Menschenwesenheit ist, wenn wir vor den Menschen hintreten und sagen: Da haben wir die Physiognomie des Gesichtes, des Menschen Gesten, seine Formen, die Farbe seiner Haut; in alledem, was wir da mit äußeren Sinnen sehen, lebt aber Seelisches, Geistiges. Und erst wenn wir durch das Inkarnat — durch die Hautfarbe —, durch die Gesten, durch die ganze Form des Menschen die Seele sprechen, die Seele aus dem Blicke schauen sehen, dann haben wir den ganzen Menschen. Und in eben einem solchen Sinne haben wir, wenn wir durch die äußere Beobachtungs- und Experimentierwissenschaft die äußere Welt erkennen, gewissermaßen die äußere Geste der Welt, die äußere Physiognomie der Welt, noch nicht die Seele, noch nicht den Geist der Welt. Aber so, wie wir den Menschen nur halb kennen und kein rechtes Verhältnis zu ihm gewinnen können, wenn wir nur das Äußere ansehen, nach seiner Farbe und Form, wir nur ein Verhältnis gewinnen können, wenn uns durch all das hindurch die Seele und der Geist anspricht, so können wir die Welt im Großen und die Wesenheit des Menschen nur dann erkennen, wenn uns durch all das, was uns wahre, echte Naturwissenschaft — gerade wenn sie sich in ihren Grenzen hält — an Physiognomie und an Gesten der Welt gibt, wenn wir durch all das hindurch das gelten lassen, ja, mitanerkennen [und] zu einer exakten Clairvoyance, zu einem exakten Hellsehen fortschreiten, damit wir erkennen durch die äußeren physischen Gesten das Dasein der Seele der Welt, damit wir erkennen durch die äußeren physischen Gesten des Menschen den Geist der Welt, und damit den Geist des Menschen.
[ 66 ] But we must seek something that this modern science—as it has developed through external observation and experimentation—cannot provide. Anthroposophical spiritual science neither denies nor criticizes the validity of this modern science any more than it is a critique of human existence when we stand before a person and say: Here we have the physiognomy of the face, the person’s gestures, their form, the color of their skin; yet in all that we see with our external senses, there lives something soulful and spiritual. And only when we perceive the soul through the incarnate—through skin color—through gestures, through the entire form of the human being, and see the soul shining from the gaze, do we have the whole human being. And in precisely this sense, when we perceive the external world through the external sciences of observation and experimentation, we have, so to speak, the external gesture of the world, the external physiognomy of the world—but not yet the soul, not yet the spirit of the world. But just as we know a human being only halfway and cannot establish a true relationship with them if we look only at the exterior—at their color and form— and can only establish a relationship when the soul and the spirit speak to us through all of that—so too can we only come to know the world on a grand scale and the essence of the human being when, through all that true, genuine natural science—precisely when it remains within its limits—provides us with the physiognomy and gestures of the world, when, through all of that, we acknowledge, indeed, recognize [and] advance to an exact clairvoyance, so that through the outer physical gestures we may recognize the existence of the soul of the world, so that through the outer physical gestures of human beings we may recognize the spirit of the world, and thereby the spirit of humanity.
[ 67 ] So will Anthroposophie sich nicht auflehnen gegen die Wissenschaft, will im Gegenteil Wissenschaft da hineintragen, wohinein die moderne Wissenschaft nicht kommen kann. Sie will werden nicht etwas, was, ich möchte sagen kampfesmäßig Geistigkeit sucht, sie will werden durch volles Anerkennen der Naturwissenschaft, ja, durch höhere Wertung der Naturwissenschaft, als es dieser oftmals selber möglich ist, sie will werden gegenüber dem, was wir in der Welt des Materialismus, in der Welt der Physiologie als Seele, Geist kennenlernen, sie will selbst werden diese Anthroposophie, Seele und Geist der modernen Wissenschaftlichkeit. Und diese moderne Wissenschaftlichkeit braucht für die Wärme der Menschenseele, für das innere Licht der Menschenseele, für das wahre religiöse Bedürfnis, sie braucht zu der Wissenschaft hinzu Seele, Geist. Dadurch allein kann der moderne Mensch in neuer Weise aus seiner Seele, aus seinem Geiste heraus wiederum aufleben und einer hoffnungsvolleren Zukunft entgegengehen, als ihm das sonst bei einer mehr materialistischen Weltanschauung möglich ist.
[ 67 ] Anthroposophy, then, does not seek to rebel against science; on the contrary, it seeks to bring science into those realms where modern science cannot reach. It does not seek to become something that, I might say, aggressively pursues spirituality; rather, through full recognition of the natural sciences—indeed, through a higher appreciation of the natural sciences than is often possible for the sciences themselves—it seeks to become, in relation to what we come to know as soul and spirit in the world of materialism and in the world of physiology, the very soul and spirit of modern scientific thought. And this modern scientific approach needs the warmth of the human soul, the inner light of the human soul, and the true religious need; it needs, in addition to science, soul and spirit. Only in this way can modern humanity be revitalized in a new way from within its soul and spirit and move toward a more hopeful future than would otherwise be possible with a more materialistic worldview.
