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Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c

31 Oktober 1922, The Hague

7. Die Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Zuerst darf ich Sie wohl um Entschuldigung bitten, dass ich nicht in der Sprache Ihres Landes diesen Vortrag halten werde. Da ich aber diese Sprache nicht handhabe, so muss ich Sie bitten, in der mir gebräuchlichen Sprache die folgenden Auseinandersetzungen machen zu dürfen.

[ 2 ] Wer heute über das geistige Wesen des Menschen und seine Erkenntnis sprechen will, wird ja allerdings stoßen auf ein gewisses Interesse innerhalb unserer gegenwärtigen gebildeten Menschheit. Über weite Gebiete des modernen Zivilisationslebens ist ja das Schicksal hereingebrochen, dass die Leute heute vielfach in Verwirrung, in Haltlosigkeit bringen kann gegenüber dem, was von der äußeren Welt an den Menschen herankommt. Und so sucht heute mancher eben dasjenige, was früher vielfach allein in der Außenwelt gesucht worden ist, im Innern der menschlichen Seele selbst, sucht da die Kräfte, um sich aufrechtzuerhalten, sucht jene Sicherheit, welche das menschliche Innere denn doch für ein kräftiges Leben braucht. Wenn man aber auf der anderen Seite im Sinne des Geistes der Gegenwart über die Erkenntnis des übersinnlichen Menschen, so wie ich das heute zu tun gedenke, reden will, dann stößt man doch sogleich auf den Widerstand gerade derjenigen Welt und Weltauffassung, die einem heute eigentlich doch die allerwertvollste sein muss, man stößt auf den Widerstand der wissenschaftlichen Welt, welche geltend machen muss aus den verschiedensten Untergründen ihrer eigenen Erkenntnisart heraus, dass eben in die übersinnlichen, in die geistigen Welten mit denjenigen Methoden nicht aufgestiegen werden könne, welche man gewohnt worden ist, sonst im wissenschaftlichen Leben anzuwenden.

[ 3 ] Dennoch aber ist die moderne Zivilisation so an den Menschen herangetreten, dass dieser gewohnt worden ist, alles in dem Lichte zu betrachten, das ihm in irgendeiner Weise von der wissenschaftlichen Erkenntnis herkommt. Und so ist es denn auch, dass man Befriedigung für sein Seelenleben nicht eigentlich im Sinne der heutigen Bildung mehr suchen will nach alten traditionellen Bekenntnissen, sondern dass man das Bedürfnis hat, auch mit Bezug auf die geistige Welt eine solche Erkenntnis anzustreben, die immerhin sich verantworten kann gegenüber den wissenschaftlichen Bedürfnissen der Gegenwart. Und eine solche Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen strebt an jene anthroposophische Weltanschauung, in deren Sinn ich Ihnen heute und am nächsten Freitag sprechen möchte, heute mehr über die Erkenntnis der geistigen Wesenheit des Menschen, am nächsten Freitag über die Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt.

[ 4 ] Wenn man vom geistigen Wesen des Menschen als dem tiefsten Rätsel des Daseins spricht, was meint man denn dann eigentlich, meine sehr verehrten Anwesenden? Eigentlich meint man nicht, dass irgendein Zweifel an dem Geiste und seiner Betätigung in der menschlichen Wesenheit da sein kann; denn jeder, der nur ein wenig sich auf sich selbst besinnt, er wird ja gerade in dem, was geistig in ihm ist, dasjenige sehen, was dem Menschen seine eigentliche Würde gibt, was ihn erhebt über die anderen Wesenheiten der Welt. Und man kann sagen, auch nicht der überzeugte Materialist wird das Wertvolle und den Bestand des geistigen Lebens im Menschen eigentlich bezweifeln. Er wird nur seine Einwände machen gegen die Selbstständigkeit, gegen die eigene Wesenheit dieses geistigen Lebens innerhalb der Menschennatur. Er wird sagen: Dasjenige, was du anerkennst als Mensch als deine geistige Wesenheit, das geht aus dem Körperlichen, aus dem Physischen, wie die Flamme aus der Kerze; das entsteht aus diesem Körperlichen, aus diesem Physischen; das erlischt mit diesem Körperlich-Physischen.

[ 5 ] Ist es denn nun, wie man glauben sollte, da der Mensch einmal das Geistige als seine eigentliche, eigentümliche Würde ansehen muss, ist es denn auch wirklich im gewöhnlichen Leben begründet, dass der Mensch, wenn schon nicht über das Dasein und den Bestand des Geistigen, so doch über das Schicksal seines geistigen Wesens in tiefe Zweifel getrieben werden kann? Ja, er kann es. Er kann es durch das alltägliche Leben. Und es sind im Grunde genommen auch keine anderen Zweifel in der Wissenschaft vom Geistigen vorhanden als diejenigen, die unbewusst im alltäglichen Leben des Menschen vorhanden sind, die den Menschen beirren, die den Menschen unsicher machen, wenn er Aufklärung haben will über das Wesen seines eigenen Geistes.

[ 6 ] Und diese Zweifel, sie kommen von den verschiedensten Seiten her. Sie sind insbesondere stark bei denjenigen, die eine wissenschaftliche Bildung in der Gegenwart erlangen. Ich will von den verschiedenen Zweifeln, die da dem Menschen aufstoßen, die zwei hauptsächlichsten nennen, diejenigen, die sich der Mensch allerdings nicht klarmacht im gewöhnlichen Leben, aber es sitzt ja vieles — meine sehr verehrten Anwesenden — unbewusst oder unterbewusst in den Tiefen der Menschenseele, was heraufspielt in das Bewusstsein, nicht als klare Begriffe und auch nicht als klare Zweifel, aber als Unsicherheiten, als etwas, was ganz von unten herauf innerliches Glück oder innerliche Haltlosigkeit des Menschen ausmacht. Das eine, was — ich betone es noch einmal —, nicht etwa mit voller Klarheit, aber darum gefühlsmäßig umso stärker, Zweifel über das Schicksal des Geistigen hervorruft, begegnet uns als Menschen eigentlich in jedem Schicksalslaufe.

[ 7 ] Wir versinken mit jedem Tageslauf in das Schlafesleben, durch das das während des Tages regsame Geistesleben hinabdämmert und endlich ganz erlischt, bis es wiederum beim Aufwachen heraufkommt und unser Bewusstsein erfüllt. Dieses Erlöschen, dieses alltägliche Verschwinden des geistigen Lebens, das ist es, das den Menschen immer wiederum unsicher macht, wenn er sich fragt: Hat der Geist einen selbstständigen Bestand? Kommt er nicht — wie die Flamme aus der Kerze, wenn man sie anzündet —, herauf, dieser Geist, in dem menschlichen physischen Leben, so, wie er sich entwickelt aus der Kindheit von dem Dumpfen in das Hellere immer mehr und mehr? Erlischt er nicht wiederum, dieser Geist, erlischt es nicht, dieses seelische Leben, wenn der Körper durch den Tod hindurchgeht, wie die Flamme erlischt, wenn der Brennstoff erschöpft ist?

[ 8 ] Aus diesem [Nachterlebniss] geht eigentlich alles dasjenige hervor, was man sucht, um herbe Zweifel und tiefe Lebensrätsel zu beseitigen, zu lösen. Aber im Grunde genommen, und das wird die andere Seite sein der Sache, die ich hervorzuheben habe, aber im Grunde genommen ist es im wachen Tagesleben nicht anders. Wenn wir im Schlafe den Geist erlöschen sehen, so sehen wir ihn im Tagesleben gewissermaßen in Bezug auf seine Tätigkeit in die Finsternis des eigenen Körpers hinuntergetaucht.

[ 9 ] Was ist es denn viel, was wir in klarer Bewusstheit als unsere Gedanken hegen? Gewiss, die haben wir. Aber wenn wir uns fragen nur, wie wirkt unsere Seele in der einfachen Handbewegung, wenn diese primitive Willensäußerung zustande kommt, so können wir uns doch nur sagen: Ja, wir fassen den Gedanken; die Hand soll gehoben werden. Der Gedanke aber verschwindet in die Finsternisse des eigenen Organismus. Wir wissen im alltäglichen Bewusstsein nicht, was da unsere Seele im Innern des Organismus vollzieht, um, ich möchte sagen blitzartig ihre Kraft hindurchzusenden durch Muskeln und Sehnen, um den Willensakt wirklich hervorzurufen. Wir sehen zuletzt, wie die Hand in Bewegung kommt — also wiederum eine Vorstellung —, wie wir von Vorstellung zu Vorstellung gehen, sehen ein äußeres Vorgehen als Ergebnis. Wie aber das Seelisch-Geistige hinuntertaucht in unseren eigenen Körper, das eigentlich bleibt für uns in Finsternis.

[ 10 ] Diese Finsternis und jenes Erlöschen, wie ich sie eben charakterisiert habe, das will nun die Anthroposophie als eine moderne Geist-Erkenntnis ebenso besiegen, wie zu allen Zeiten der menschlichen Seelenentwicklung diese Zweifel besiegt werden sollten. Dasjenige, was Anthroposophie anstrebt — meine sehr verehrten Anwesenden —, möchte ich nennen exaktes Hellsehen, exakte Clairvoyance, und möchte durch diese Bezeichnung die Erkenntnisse der Anthroposophie unterscheiden von all den nebelhaft mystischen Anschauungen, zu denen man ja auch in unserer Zeit der Unsicherheiten wiederum so vielfach greift. Gerade diese exakte Clairvoyance, dieses exakte Hellsehen möchte voll Rechnung tragen den Anforderungen der modernen Wissenschaftlichkeit.

[ 11 ] Welches sind denn diese Anforderungen der modernen Wissenschaftlichkeit? Nun, es sind die, dass man mit einer innerlichen Klarheit in der Beobachtung und im Experiment dasjenige überschauen kann, was sich den Sinnen darbietet, und der echte, wie er sich nennt, der exakte moderne Wissenschaftler, der möchte im Verfolgen desjenigen, was seine Sinne beobachten, was er durch das Experiment erreichen will, er möchte darinnen eine solche Klarheit, eine solche innere Notwendigkeit haben, wie er sie hat in der Mathematik. Deshalb wendet man so gern das mathematische Denken an auf das Naturwissenschaftliche. Man möchte dieses mathematische Denken eigentlich überall anwenden, weil dadurch Exaktheit, das heißt Durchsichtigkeit, innerliche Notwendigkeit hervorgerufen wird. Nun, derjenige, der in diesem Sinne heute von exakter Wissenschaft spricht, der sucht diese Exaktheit hineinzubringen in die Art und Weise, wie er die äußeren Dinge und Vorgänge verfolgt, oder auch meinetwillen, wenn er Psychologe sein will, wie er die eigenen Seelenvorgänge verfolgt.

[ 12 ] Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, wendet diese Exaktheit auch an. Aber sie wendet sie an nicht auf die Außenwelt zunächst, nicht auf die Beobachtung der sinnlichen Dinge und auf das äußere sinnliche Experiment, sie wendet diese Exaktheit an auf etwas, was überhaupt zunächst nicht vorhanden ist für das menschliche Bewusstsein, sie wendet diese Exaktheit an auf die Entwicklung von Seelenkräften, die zunächst in der menschlichen Wesenheit verborgen sind, die aber in ihr hervorgerufen werden können. Anthroposophische Geisteswissenschaft hat von der Naturwissenschaft wohl gelernt, wie man durch die äußere Sinnesbeobachtung, durch das äußere Experiment, durch die Methoden, durch die es die Naturwissenschaft zu solchen Triumphen gebracht hat, wie sie auch von der Geisteswissenschaft durchaus anerkannt werden, dass man durch all das nicht in eine geistige, nicht in eine übersinnliche Welt eindringen kann, dass die Seelenkräfte des Menschen, wie sie nun einmal im alltäglichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft sind, zunächst ungeeignet sind, um ins Übersinnliche einzudringen. Die menschliche Seele muss erst geeignet gemacht werden dazu, und tief in ihrem Innern verborgene Kräfte müssen hervorgeholt werden. Dabei kann man in einer innerlichen, mystisch-unklaren Weise vorgehen. Das lehnt gerade anthroposophische Geisteswissenschaft ab. Aber sie will verborgene Seelenkräfte aus der Natur des Menschen herausbringen. Und indem sie sich an dieses Hervorbringen hält, beobachtet sie dabei eine Methode, welche in demselben Sinne überschaubar, in demselben Sinne innerlich notwendig ist wie das Forschen der äußeren Wissenschaft in der Sinnesbeobachtung und im Experiment.

[ 13 ] Was also die exakte Wissenschaft mit der fertigen äußeren Natur macht, indem sie Überschaubarkeit, indem sie Exaktheit hineinträgt, das macht die Anthroposophie mit der Entwicklung der menschlichen Seelenkräfte. Nichts wird ja getan in der menschlichen Seele, was nicht mit derselben inneren Klarheit, Überschaubarkeit und Notwendigkeit gemacht würde, wie es der strenge Mathematiker mit seinen Untersuchungen macht. So sucht in ihrer Methode diese exakte Clairvoyance die Seele des Menschen so zu entwickeln, dass gewissermaßen die eigene Entwicklung zunächst zum mathematischen Problem wird. Ich wollte damit zunächst charakterisieren, wie die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft also nicht etwa glaubt, dass man in derselben Weise, wie man äußerlich in der Naturwissenschaft forscht, auch den Geist erforschen könne, dass sie aber die wissenschaftliche Gesinnung in echtester Weise, wie sie in der Naturwissenschaft vorhanden ist, nun auch in die Geistesforschung hineinträgt. Exakt ist also zunächst an der Anthroposophie das Arbeiten am eigenen Menschen, an denjenigen Kräften seiner Seele, die dann zum Schauen in die übersinnliche Welt hineinführen.

[ 14 ] Daraus schon ersehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, dass es sich darum handelt, dass der — wollen wir ihn jetzt Geistesforscher nennen —, der zur Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen dringen will, dass der Geistesforscher gewissermaßen sich zu sich selbst zurückwendet, um seine Seele zunächst innerlich, ich möchte sagen zu durchleuchten. Ein Durchleuchten und ein Durchkraften ist es.

[ 15 ] Wir werden uns am leichtesten verständigen über dasjenige, was nun in diesem Sinne moderne geistige Beobachtungsart werden soll, wenn ich Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, daran erinnere, wie in älteren Zeiten der menschheitlichen Geistesentwicklung solche Geist-Erkenntnisse angestrebt worden sind. Sie wurden, ich möchte sagen auf eine etwas materiellere Weise angestrebt. Und da dasjenige, was ich Ihnen gleich nachher als die heutige Methode zu schildern habe, geistiger, seelischer ist, so werden wir dieses Geistige und Seelische leichter vor uns hinstellen können, wenn wir, ich möchte sagen von dem Gröberen, Materielleren älterer Methoden ausgehen.

[ 16 ] Dazu aber müssen wir uns überhaupt dazu wenden, ein wenig hinzusehen, wie in älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung der Mensch gestanden hat zu seiner Umwelt. Man glaubt ja so leicht, dass das Menschengeschlecht immer so war in seiner Seelenverfassung, wie es heute ist, seit es eine historische Zeit gibt. Das ist aber nicht richtig. Derjenige, der einen innerlichen Blick hat für das menschliche Seelenleben, der wird finden, dass, wenn er auch nur wenige Jahrhunderte zurückgeht, die Menschen ganz anders gedacht, gefühlt und gewollt haben, ja, dass ihre ganze Seelenstimmung, ihre ganze Seelenverfassung eine andere war als heute. Und gar, wenn wir Jahrtausende in der Menschheitsentwicklung zurückgehen, so wird das wesentlich anders. Die äußeren historischen Denkmäler können uns nur wenig darüber aufklären, denn erstens reichen sie ja, selbst wenn man auf die ältesten Zeiten, zum Beispiel ägyptischer Denkmäler sieht, nicht außerordentlich weit zurück. Zweitens aber hängt es davon ab, wie der gegenwärtige Mensch diese Denkmäler interpretiert. Und darnach findet er dann das eine oder das andere, was doch im Grunde genommen nur ein Abbild seiner eigenen Seelenverfassung ist, die er in die Seelen der älteren Menschheit hineinträumt.

[ 17 ] Diejenige Geisteswissenschaft selber, von der ich Ihnen heute und am nächsten Freitag sprechen will, sie sieht in anderer Weise als die gewöhnliche Geschichte das Seelenleben einer älteren Menschheit. Sie sieht hin auf dasjenige, was nun allerdings in bedeutsamen — sagen wir — dichterischen oder sonstigen Denkmälern erhalten ist, kann sich eine Vorstellung davon bilden, wie dasjenige, was in solchen Denkmälern erhalten ist, im Grunde genommen aus einer ganz anderen Geistesart heraus atmet, als sie der heutige Mensch hat, und sie kommt dadurch allmählich dazu, anzuerkennen, dass die Urmenschheit schon eine Art von Hellsehen hatte, ein Hellsehen, das allerdings träumerisch war, ein Hellsehen, das uns gegenüber den heutigen Forderungen nach der Klarheit des Bewusstseins als etwas Nebelhaftes erscheinen muss, als etwas Träumerisches. Aber dieses träumerische Hellsehen der alten Zeiten blickte deshalb doch tiefer in das innere Gefüge der Welt, in die Geistigkeit der Welt hinein, als es das heutige Sinnesbewusstsein kann. Ganz anders war im Grunde genommen die Stellung des älteren Menschen zur Welt.

[ 18 ] Man sagt so leicht, dieser ältere Mensch hätte allerlei hineingeschaut in die Dinge um ihn herum, in jede Pflanze ein geistiges Wesen, in Baum und Strauch, in Wasser und Welle, in Wolken und Winde hätte er geistige Wesenheiten hineingeträumt. Ja, traumartig war allerdings sein Bewusstsein. Aber er hat dasjenige, was er an geistig-seelischem Wesen in Wasser, in der Quelle, in der Wolke, im Regen und im Winde geschaut hat, das hat er nicht einfach von sich aus aus seiner Phantasie in die Dinge hineingelegt, sondern seine Seelenverfassung war so, dass er alles das, was er an geistigen Wesenheiten in der Welt schilderte, dass er das so natürlich sah, mit solcher elementarer Gewalt sah, wie wir heute die rote oder die gelbe Farbe in der Umgebung sehen, wie wir den Ton in der Umgebung hören, wie wir die Wärme empfinden. Wir empfinden nur die Sinneswahrnehmung und ihre Inhalte; der ältere Mensch erlebte durch dieselbe elementare Welt ein Geistiges in der ganzen natürlichen Umwelt, dafür aber fühlte er nicht ein solches Ich, nicht ein solch bestimmtes auf sich selbst gestelltes Ich wie der moderne Mensch.

[ 19 ] Dieses Fühlen eines festen Ich, das hat sich in der Menschheitsentwicklung erst herausgebildet im Laufe der Zeit, und damit erst auch das Erlebnis der menschlichen Freiheit. Damit dieses Erlebnis der Freiheit, dieses Ich-Erlebnis hat kommen können, ist die ältere traumhaft hellseherische Art hinuntergeschwunden. Der Mensch ist beschränkt worden auf die äußere Sinneswelt. In ihr hat er sich seine Freiheit erworben. Aber wir sind heute wiederum in einem Zeitpunkte angelangt, wo wir nun in unserer Stellung als Menschheit innerhalb der Sinneswelt lechzen müssen, den Zusammenhang mit der geistigen Welt wiederum zu finden, wo wir angewiesen darauf sind, eine Art Hellsehen wieder zu gewinnen. Das kann aus den schon erwähnten Gründen aber nicht ein altes traumhaftes Hellsehen, das kann nur ein exaktes Hellsehen, ein Hellsehen sein, das den modernen wissenschaftlichen Anforderungen nachgebildet ist. Der ältere Mensch hatte ein traumhaftes Hellsehen; aber er war ebenso wenig, wie wir heute mit der äußeren Wissenschaft zufrieden sein können, ebenso wenig war er mit seinem Hellsehen zufrieden, trotzdem er überall fand in der Pflanze, im Strauch, im Baum, in der Wolke, im Winde [eine] geistige Wesenheit, er war damit nicht zufrieden, und er richtete den Blick hin zu denjenigen Persönlichkeiten, die in jener älteren Zeit das darstellten, was heute etwa die Gelehrten, was heute die Priester darstellen. Er richtete den Blick hin in älteren Zeiten zu jenen Persönlichkeiten, die man Initiierte, Eingeweihte, nennen kann, denn als solche wurden sie empfunden, und die in ihrer Art durch die Entwicklung besonderer Seelenkräfte, aber in materiellerer Art, als wir das heute tun sollen, zu einer Art Geist-Erkenntnis vom Menschen kamen.

[ 20 ] Ja, diese Art war materieller, als unsere heutige sein darf. Ich möchte eine solche Art der alten Geisteserkenntnis zunächst schildern. Ich möchte Ihnen schildern dasjenige, was eigentlich, mehr oder weniger verfälscht, in der äußeren Literatur zu uns herübergekommen ist vom alten Oriente, in den ältesten Zeiten des Orients geübt worden ist von einzelnen Persönlichkeiten, um dadurch Erkenntnis einer höheren, einer geistigen Welt zu erringen und sie mitteilen zu können den breiten Massen der Menschheit, die ebenso mit ihrer Seelenverfassung lebten, wie ich es charakterisiert habe.

[ 21 ] Ich weiß — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass dasjenige, was ich nun schildern werde als die sogenannte Yoga-Methode jener ältesten orientalischen Geistesentwicklung, dass das dann in die Dekadenz gekommen ist, dass das in Verfall geraten ist, und dass sogar in vielen Schilderungen jener Yoga-Methode, weil sie eigentlich Verfalls-Perioden dieser Art von Geistesforschung schildern, etwas sehr Schlimmes gegeben wird.

[ 22 ] Aber ich möchte Ihnen gerade jene echte alte YogaMethode ein wenig charakterisieren, damit wir uns dann etwas orientieren können über dasjenige, was der moderne Mensch als exakte Clairvoyance [dann] anstreben kann. Es war eine besondere Art zu atmen, welche durch jene Yoga-Methode angestrebt wurde. Wie verläuft denn eigentlich beim gewöhnlichen Menschen das Atmen? So, dass er eigentlich nicht viel weiß davon. Er atmet ein, er atmet aus. Nur wenn unser Atem in der Krankheit unregelmäßig wird, dann spüren wir eigentlich so recht den Atem. Wir achten nicht auf ihn im gewöhnlichen Leben. Er erfüllt unsere Leiblichkeit, aber er erfüllt unsere Leiblichkeit so, dass seine Tätigkeit im Grunde ganz unbewusst bleibt. Dieser Atem spielt aber dennoch — wir können das heute auch physiologisch nachweisen, ich kann das in diesem Vortrage nur andeuten —, aber dieser Atem spielt dennoch eine bedeutungsvolle Rolle in unserem ganzen menschlichen Leben.

[ 23 ] Wir atmen ein. Der Atemstoß nimmt ja nicht nur den Weg in die Innenhöhlungen unseres Leibes, um dann wiederum verändert ausgeatmet zu werden, sondern es geht zum Beispiel dieser Atemstoß durch unseren Rückenmarkskanal, ergießt sich in unser Gehirn, und wir haben innerhalb unserer Kopforganisation, innerhalb unseres Gehirnes, während wir wachen, nicht etwa bloß eine Nerventätigkeit, sondern wir haben diese Nerventätigkeit fortwährend durchvibriert, durchstrahlt, durchwellt, von den Atemstößen, von dem Rhythmus des Atmungsprozesses. Und wir können sagen, selbst an unserem Denken, an unserem Vorstellen hat der Atmungsvorgang den denkbar größten Anteil.

[ 24 ] Aber ebenso wenig wie wir im übrigen Organismus achten auf diesen Atmungsvorgang, ebenso wenig werden wir seiner gewahr in unserer Kopfesorganisation. Der alte Yogi — er veränderte das Atmen, das heißt, er versetzte das Atmen in einen anderen Atmungs-Rhythmus, als der gewöhnliche ist. Den gewöhnlichen bemerkt man nicht. Indem der Yogi anders einatmete, langsamer oder schneller, länger oder kürzer hielt, als man im gewöhnlichen Leben tut, länger oder kürzer ausatmete, versetzte er sich in einen anderen Rhythmus. Dadurch wurde ihm der Atmungsprozess bewusst. Dadurch konnte er verfolgen den Lauf der Atmungsströmung von dem Einatmen durch die Lunge, wie er sich ausbreitete durch den ganzen Organismus, wie er durch den Rückenmarkskanal sich in das Gehirn verlief. Der Mensch durchkraftete auf diese Weise mit seinem Bewusstsein den Organismus. Er verfolgte die Atmungsströmung überall hin. Er lernte dadurch seinen eigenen Organismus kennen. Und dieses Kennenlernen des eigenen Organismus, das, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nun so, dass da aufhört alles Erleben des bloß Materiellen. Derjenige, der so in uralten Zeiten der menschlichen Geistesentwicklung innerlich bewusst durchstrahlt hat mit einem veränderten Atmungs-Rhythmus seine eigene Menschlichkeit, der wäre sich als ein Blödling vorgekommen, wenn er davon gesprochen hätte, dass da nur ein Materielles durch seinen Leib kreist. Nein, die Atmungsströmung, die erschien jenen alten Yogi gewissermaßen wie ein innerliches Abtasten des Organismus. Und dasjenige, was sich ihnen ergab für dieses Abtasten, war das innerlich Geistig-Seelische des Menschen. Materiell wurde die Methode gemacht. Entdeckt wurde das innere Geistig-Seelische. Entdeckt wurde, wie man fühlt, wie man denkt. Man ging materiell vor, und man entdeckte ein Seelisches. Man durchleuchtete sich gewissermaßen innerlich, tastete sich ab. Und dasjenige, was auf der einen Seite von dem alten Yogi erstrebt worden ist, das war gerade das Ich-Bewusstsein, das er durch seine natürliche Erkenntnis noch nicht hatte, das er sich zu erwerben versuchte auf diese Art.

[ 25 ] Man muss solche Dinge nur nicht ansehen mit der trockenen, philiströsen Art, die man heute oftmals anwendet, man muss sich hineinversetzen mit dem ganzen, vollen menschlichen Fühlen in dasjenige, was einem wird, wenn man also sein inneres Menschliches abtastet.

[ 26 ] Dann — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann fühlt man wiederum dasjenige, was zum Beispiel in der wunderbaren Bhagavad Gita als die Schilderung des wahren menschlichen Ich da ist, was da geschildert wird als das wahre menschliche Ich, das in der geistig-seelischen Welt flutet als das Ewige im Menschen. Man fühlt, das, was da als das Ich geschildert wird in einer wunderbaren Weltdichtung, dass das das Ergebnis eines solchen Prozesses, eines solchen Vorganges ist, wie ich ihn eben als das Yoga-Atmen geschildert habe.

[ 27 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wir können als moderne Menschen nicht in dieser Weise vorgehen, denn immerhin ist es so, dass derjenige, der auf diesem Wege durch die Veränderung des Atmens, oder auch, weil man alles das unterstützen wollte durch besondere Stellungen, durch Lagen des Menschen in Bezug auf den physischen Leib, weil man dadurch den physischen Leib besonders intensiv machte, weil man sich als Mensch überhaupt überempfindlich machte, dadurch geschah es, dass man sich zurückziehen musste vom Leben. Es entsprach das aber durchaus den alten Erkenntnisgewohnheiten der Menschheit. Diejenigen, die auf diese Weise als nach der geistigen Welt Strebende sich überempfindlich machten, suchten die Einsamkeit auf, denn ihnen war es nicht angemessen, mit der harten übrigen Welt immer in Beziehung zu stehen, in Berührung zu kommen. Aber auf der anderen Seite suchten diejenigen, die über das Schicksal der Menschenseelen etwas wissen wollten, solche einsame Persönlichkeiten auf. Man hatte das Vertrauen zu diesen Einsiedlern. Man wusste gewissermaßen, bei ihnen ist Rats zu erholen gegenüber dem zeitlichen Schicksal der Menschenseele über das Ewige.

[ 28 ] Wir können heute nicht in derselben Weise vorgehen, denn die Menschheit ist in ihrer Entwicklung dazu gekommen, dass sie nicht mehr zu demjenigen Vertrauen haben kann, der, um die Wahrheit, um das Geistige zu erforschen, sich vom Leben herauszieht, sondern dass sie einzig und allein zu demjenigen Vertrauen haben kann, der voll mitarbeitet mit dem Leben, der sich hineinstellt wie jeder andere Mensch in die Lebenspraxis, in die Bedürfnisse und Forderungen des Tages. Wir brauchen heute Methoden, die nicht den menschlichen Leib überempfindlich machen, die aber die menschliche Seele stark machen. Diese Methoden, sie können eben erreicht werden, und sie können führen zu einer wirklichen exakten Clairvoyance.

[ 29 ] Zunächst sind es intime Vorgänge des menschlichen Seelenlebens, denen man sich da hingeben muss: Meditation, Konzentration des Vorstellungslebens. In ähnlicher Weise habe ich dasjenige, dem sich der Mensch da hingeben muss, in meinen Büchern, zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» genannt. Ich habe hingewiesen auf dasjenige, was der heutige moderne Mensch tun muss, um in einer ähnlichen Weise in die geistige Welt, aber jetzt nach seinen Bedürfnissen, zu kommen, wie das dem alten Yogi gegeben war.

[ 30 ] Soll ich Ihnen nun mit einem kurzen Worte bezeichnen, was Meditieren heißt? Meditieren ist nämlich eine bestimmte Ausbildung des Gedankenlebens, die im gewöhnlichen Dasein nicht da ist. Und durch diese Ausbildung des Gedankenlebens kommt man zunächst zur Entwicklung solcher seelischen Kräfte, die in die geistige Welt, in das Übersinnliche hineinführen. Aber was ist dieses Meditieren?

[ 31 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, Sie finden ausführlichere Schilderungen in den genannten Büchern darüber, was dieses Meditieren ist, was diese modernen Methoden des Hellsehertums sind. Sie finden aber dort auch ausführlichere Schilderungen, wie es der moderne Mensch unternehmen muss, was der moderne Mensch unternehmen muss, um zu solcher exakter Clairvoyance zu kommen. Ich kann aber hier nur das Prinzipielle anführen.

[ 32 ] Und soll ich Ihnen mit einem einzigen Worte schildern, was da die Seele zu unternehmen hat, möchte ich es so sagen: Wenn wir sonst unser Vorstellungsleben ausbilden, sind wir mit einer gewissen Gleichgültigkeit in unseren Vorstellungen drinnen; wir sind im übrigen Leben oftmals mit großer Wärme, mit tiefer Antipathie drinnen. Unser ganzes Innere kann aufgewühlt werden in heißer Leidenschaft oder in wilder Abneigung, wenn wir im gewöhnlichen Leben drinnenstehen. Allein die Vorstellungen, sie sind, ich möchte sagen ein kalter Strom in unserem Alltagsleben; sie begleiten dieses Alltagsleben.

[ 33 ] Derjenige, der zum Meditieren vorschreiten will, der muss allerdings noch etwas anderes machen als jene Kälte des Vorstellungslebens, mit dem man sonst im gewöhnlichen Tagesleben fertig wird. Man muss Gedanken in seine Seele hereinrufen können, Gedanken, die man sich vielleicht raten lässt von jemandem, der schon Geistesforscher ist, oder Gedanken, die man sonst aus der Welt herausfindet, die aber so in der Seele wirken sollen, dass sie in voller Ruhe das Seelenleben ausfüllen. Man versucht das Seelenleben abzulenken von allem Übrigen in der Welt. Man sucht, die Aufmerksamkeit auf solche Vorstellungen zu lenken und auf solchen Vorstellungen zu ruhen; ganz sich dem Vorstellen, einzelnen Vorstellungen, sucht man sich hinzugeben. Aber etwas ist notwendig bei dieser Hingabe an die Vorstellungen: dass wir in dem Momente, wo wir uns also hingeben, wo wir absehen von aller übrigen Welt und in innerer Seelenruhe ganz in einer Vorstellung oder einem Vorstellungskomplexe leben, dass wir lieben können diese Vorstellungen.

[ 34 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, die Entfaltung innerlicher Liebe, die Entfaltung innerlicher Seelenwärme beim Ruhen auf Vorstellungen — Vorstellungen, die wir erst selbst in das Seelenleben hineinversetzt haben —, die machen es aus, dass aus dem gewöhnlichen Vorstellen ein Meditieren wird. Wenn wir mit ebensolcher innerer Liebe, wie wir sonst unsere Gegenstände oder Menschenwesen lieben, wenn wir so unser eigenes Vorstellen lieben können, wenn wir es universell lieben können, wenn wir liebend ganz in ihm aufgehen können, wenn wir liebend in ihm verbleiben können, dann erhält dieses Vorstellungsleben jene innerliche Kraft, die zwar etwas ganz anderes ist als das Yoga-Atmen, die aber in derselben Weise wirkt, nur etwas andere Resultate zeitigt als jenes Yoga-Atmen. Während das Yoga-Atmen versucht, den Atmungsprozess in den Kopf hineinzuschicken, um dadurch auch den ganzen Menschen innerlich abzutasten und zu durchleuchten und seine geistig-seelische Wesenheit zu erkennen, erlangen wir allmählich eine innerliche wahrhaftige Gedankenkraft, mit der wir nun zwar nicht in derselben Weise wie mit dem veränderten Atem, aber doch in einer gewissen Weise uns innerlich abtasten können, innerlich durchleuchten können.

[ 35 ] Und so kann exakte Clairvoyance im modernen Menschen durch eine Verstärkung, durch eine Erkraftung des Seelenlebens hervorgerufen werden, während sie in mehr körperlicher Weise als träumerische Clairvoyance angestrebt worden ist in älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung.

[ 36 ] Dann aber, wenn wir wirklich dazu kommen, in dieser Weise durch ein verstärktes, durch ein erkraftetes Denken uns innerlich gewissermaßen zu durchleuchten, dann werden wir etwas anderes gewahr, als was wir im gewöhnlichen Leben haben; dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann haben wir in uns eine Erkenntniskraft entwickelt, die uns hinausführt zunächst über das gewöhnliche Erinnerungsleben. Was haben wir an diesem Erinnerungsleben? Wir blicken vom gegenwärtigen Zeitpunkte unseres Erdendaseins zurück bis einige Zeit nach unserer Geburt. Es tauchen herauf die Gedanken an die Erlebnisse aus dem Gedächtnisse. Ein fortlaufender Strom ist da, der aber im Unterbewusstsein bleibt; frei steigend, wie man wohl sagt, oder auch durch uns selber hervorgerufen, tauchen da die Erinnerungen hinauf. Diese Erinnerungen sind abstrakte Gedanken an Erlebnisse, die wir vielleicht in aller Lebenswärme durchgemacht haben. Geblieben sind uns diese abstrakten Gedanken. Dann aber, wenn wir durch Meditation oder Konzentration, durch liebendes Denken und immer wiederholtes liebendes Denken — wenn das in genügender Weise auf das Seelenleben angewendet wird, bei dem einen Menschen dauert es kürzere Zeit, bei dem anderen Menschen viele Jahre, aber jeder kann, je nachdem sein Schicksal innerlich geartet ist, zu solcher exakter Clairvoyance kommen —, dann, wenn wir durch sie unser Inneres durchleuchten, dann liegt wie eine Einheit, wie ein Zeitpanorama unser bisheriges Seelenleben seit der Geburt vor unserem geistigen Blicke da. Aber nicht so da, wie die Erinnerungen, sondern so, wie schöpferisch in uns dasjenige, was man nennen kann ein ätherisches menschliches Dasein, in uns wirkt.

[ 37 ] Wir schauen hin nicht nur, wie wir äußere Erlebnisse gehabt haben, die uns in abstrakten Gedanken geblieben sind, wir schauen hin auf unseren bisherigen Lebenslauf, wie aus Geistig-Seelischem heraus an unseren Organen wir selbst gearbeitet haben seit unserer Kindheit. Wir schauen hin, wie wir in der ersten Kindheit unser noch unausgebildetes Gehirn plastisch gestaltet haben. Wir schauen hin, wie wir äußerliche Stoffe in den Organismus hereingenommen haben, wie sie in Wachstumskraft in uns gearbeitet haben, wie wir noch täglich in den Ernährungskräften an uns arbeiten. Wir schauen den äußeren Organismus an als dasjenige, woran wir selber arbeiten. Wir haben ja jetzt nicht etwa einen RaumesOrganismus, einen Raum-Leib vor uns, [sondern] wir haben einen Zeitenleib vor uns.

[ 38 ] Auf einmal steht dasjenige da, was unser ganzer Lebenslauf ist, was aber den äußeren Erscheinungen nur zu Grunde liegt, was an unserem äußeren Organismus arbeitet, ein Zeitleib — ihn nennt Anthroposophie den ätherischen Leib —, ein Zeitleib, den man nicht aufzeichnen oder aufmalen kann, so wenig, wie man den Blitz aufzeichnen oder aufmalen kann, sondern nur einen Augenblick festhalten kann.

[ 39 ] Das ist das Erste, was man durch diese exakte Clairvoyance entdeckt, einen Zeitleib, den wir in uns tragen, der eine Einheit ist wie unser Raumesleib, so — wie in unserem physischen Raumesleib mit den Armen oder mit der Hand eine Einheit zu denken ist, mit dem Kopf eine Einheit zu denken ist, wie das eine ohne das andere nicht zu denken ist, wie das eine mit dem anderen in Wechselwirkung steht —, so blicken wir hin auf unseren Zeitleib, wenn wir 50 Jahre alt geworden sind, wie wir dazumal mit 30 Jahren unseren physischen Leib herausbildeten aus unserem Ätherisch-Seelischen, so blicken wir zurück auf unser 28. Jahr, so blicken wir zurück auf unser 18. Jahr, blicken zurück auf dasjenige, was so miteinander im Zusammenhang steht wie sonst die einzelnen Glieder unseres physischen Raumesleibes. Wir schauen auf ein Ätherisches, das uns zugrunde liegt. Dieses Ätherische, das bleibt in uns unser ganzes Erdenleben hindurch von der Geburt bis zum Tode. Während wir die Stoffe, die unseren Leib ausmachen, nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder aus unserem physischen Leibe entfernen und durch anderes ersetzen, ist dasjenige, was wir so als Zeitleib durchschauen, von unserer Geburt oder Empfängnis bis zum Tode eine Einheit, ein in uns fortwährend als Einheitliches Tätiges, das uns wie ein gewaltiges Zeitenpanorama nun als dasjenige vor dem Seelenleben steht, was wir uns durch Meditation, durch Konzentration, durch das liebende Gedankenleben angeeignet haben.

[ 40 ] Aber wir können weiter fortschreiten. Derjenige, der Wochen oder Monate, oder bei den meisten jahrelang, immer wiederum in solchem meditativen, das heißt liebenden Gedanken, wenn auch täglich nur für ganz kurze Zeit, verharrt, der wird endlich dazu kommen, zu sehen, wie sich sein Gedankenleben verstärkt. Und weil es sich verstärkt, deshalb arbeitet es in ihm als Wachstumskräfte, als Realitäten, nicht nur als abstrakte Gedanken. Er ergreift in seinen Gedanken diejenigen Kräfte, die sein Wachstum bewirkt haben, die seine Ernährung bewirken, die in seinem Inneren als Ernährungskräfte wirken. Er versetzt sich gewissermaßen aus dem passiven abstrakten toten Gedankenleben in die Welt der lebendigen Gedanken. Und er lernt erkennen als Erstes in dieser Welt lebendiger Gedanken seinen eigenen Ätherleib, der ihn aufbaute seit seiner Geburt oder Empfängnis, und der heute noch an ihm arbeitet.

[ 41 ] Oh, es ist so, meine sehr verehrten Anwesenden, als wenn da eines Tages etwas in unserem Inneren geschähe durch dieses liebende Vorstellen, durch dieses liebende Denken, durch das Erringen dieser exakten Clairvoyance, als ob da etwas in unserem Inneren entstehe, welches uns anmutet, wie wenn wir, nachdem wir eine finstere Nacht durchgemacht haben, die Morgensonne heraufkommen sehen und es hell werden sehen um uns herum; so erleben wir eines Augenblickes in unserem Innern etwas wie einen inneren seelischen Sonnenaufgang. Unser Inneres wird, während es vorher finster war, während wir uns sagen mussten, wir dringen nicht hinunter da, wo unser Seelisches an unserem Leiblichen arbeitet, wir dringen nicht einmal hinunter in diejenigen Tiefen, wo das Seelische, wie ich vorhin sagte, wie ein Blitz durch den Muskel zuckt, um durch den Gedanken den Arm zu bewegen, den Arm zu heben. Jetzt blicken wir durch das liebende Vorstellen in unseren Organismus hinein. Dasjenige, was wir sonst bloß haben, wenn wir in uns hineinschauen, Gedanken, das haben wir jetzt als lebendige Kräfte, das sind wir selbst, wie wir waren in jeder Stunde unseres Erdendasein seit unserer Geburt.

[ 42 ] Aber indem wir also unsere Meditationen fortsetzen, kommen wir dazu — ich habe es wieder beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» oder in anderen Büchern —, wir kommen endlich dazu, andere Übungen als notwendig zu empfinden, denn wir lernen erkennen, dass, wenn wir auch immer mit solcher innerer Bewusstheit, wie wir es sonst nur in mathematischen Arbeiten haben, wenn wir auch mit solcher innerer Bewusstheit, mit absolut innerer Überschaubarkeit und Klarheit an unserem Seelenleben arbeiten, wir kommen dazu, zu sehen, dass es jetzt schwerer wird, diejenigen Gedanken, die jetzt lebendige Kräfte sind, ja, die zuletzt dasjenige sind, was wir als uns selber erkennen, diese lebendigen Gedanken fortzuschaffen aus unserem Bewusstsein. Es ist, als ob sie sich festsetzten, weil ja wir selber doch zuletzt dasjenige sind, was diese lebendigen Gedanken sind. Aber ebenso, wie wir zuerst gelernt haben, liebend in diesen Vorstellungen zu leben, so müssen wir uns jetzt mit aller inneren Anstrengung zu etwas anderem wenden. Dazu müssen wir die Vorstellungen aus freiem Willen wiederum hinwegschaffen können aus unserem Bewusstsein.

[ 43 ] Das wird uns gerade dann, wenn wir sie vorher liebend hereingestellt haben, schwieriger als im gewöhnlichen Leben. Daher wird in der Regel derjenige, welcher eine Zeit lang meditiert hat und dem dann geraten wird vom Geistesforscher, er soll übergehen zum Fortschaffen der Vorstellungen, er wird sagen: Oh, die Gedanken schießen hinein wie Bienenschwärme; ich kriege sie nicht los. Aber die Kraft muss aufgewendet werden, gewissermaßen ein künstliches Vergessen im Innern herbeizuführen, ein Unterdrücken der Gedanken. Und man kann auch dazu kommen tatsächlich, indem man sich anstrengt, innere Selbstzucht übt, die Gedanken wiederum zu unterdrücken, und endlich dazu kommen, nachdem man zuerst die Gedanken erkraftet, verstärkt hat, nun leeres Bewusstsein herzustellen. In diesem leeren Bewusstsein kann man dann ruhen. Man ist eigentlich nun in einem Zustande, der nur wachend ist. Man wacht, aber man hat keinen Inhalt des Wachens.

[ 44 ] Dass das schwierig ist — meine sehr verehrten Anwesenden —, werden Sie daraus ersehen, dass die meisten Menschen sogleich, wenn sie keinen Inhalt haben in ihrem alltäglichen Bewusstsein, einschlafen. Aber das ist gerade dasjenige, was jetzt entwickelt werden muss behufs Erkenntnis der höheren Welten, dass man mit wachem Bewusstsein zugleich ein völlig leeres Bewusstsein hat. Gelingt einem das wirklich, dann strömt herein — wie in das Auge die Lichtwirkungen, die Farbwirkungen, wie in das Ohr die Töne der physischen Welt hereinströmen —, dann strömen herein, wenn das also vorbereitet ist, in das leere Bewusstsein die geistigen Welten. Und man wird jetzt zum ersten Mal gewahr nicht nur desjenigen, was ich vorhin geschildert habe, seinen eigenen Lebenslauf als eine ätherisch-seelische Welt zu sehen, sondern man wird jetzt gewahr eine geistige Welt um sich herum. Ich werde dann am nächsten Freitag Genaueres darüber sagen, jetzt aber will ich über die geistige Wesenheit des Menschen sprechen und zeigen, dass man weitergehen kann.

[ 45 ] Ebenso, wie man dazu kommen kann, Vorstellungen wegzuschaffen, die man bisher mit aller Kraft sich zu erringen suchte, ebenso kann man, wenn man sich die Kraft verstärkt dieses Hinwegschaffens der Vorstellungen, dann kann man dazu kommen, endlich die ganze Überschau über den eigenen Lebenslauf hinwegzuschaffen. Alles das, was man da sieht, was innerlich am eigenen Organismus arbeitet, was Wachstum, Ernährung bewirkt, was uns aus kleinen Kindern ganz erwachsene Menschen werden lässt, alles das, was da im Innern kraftet, was da wie ein geistiges Panorama vor uns steht, man kann es wegschaffen; wie man abstrahieren kann von seiner eigenen Vorstellung, lernt man allmählich von seinem eigenen Lebenslauf absehen. So, wie man sonst ein leeres Bewusstsein nur schwierig erlangt, so kann man jetzt ein leeres Bewusstsein erlangen dadurch, dass man sein eigenes Bewusstsein weggeschafft hat im Leben. Dann steht man mit leerem Bewusstsein da in voller Wachheit. Man steht jenseits des eigenen Lebens da.

[ 46 ] Jetzt strömt — meine sehr verehrten Anwesenden —, in diese Seele, die den eigenen Lebenslauf zwischen Geburt und Tod aus dem Bewusstsein weggeschafft hat, jetzt strömt herein ein geistiges Leben, das wir erkennen lernen, indem wir es immer mehr und mehr schauen als unser vorirdisches Dasein. Und jetzt schauen wir hinein in eine geistige Welt, die nichts hat von dem, was sonst um uns herum ist an Sinnesdasein, die eine rein geistige Welt ist. Aber in dieser geistigen Welt sind wir selber drinnen, sind wir drinnen, wie wir waren, bevor wir als geistigseelische Wesen heruntergestiegen sind in die physisch-sinnliche Welt und uns verbunden haben mit dem, was uns von Vater und Mutter gegeben ist als unser physischer Leib. Jetzt ist nicht nötig ein Glaube, jetzt haben wir uns angeeignet durch die entsprechenden Übungen eine wirkliche exakte Erkenntnis, ein exaktes Anschauen desjenigen, was wir vor unserer Geburt beziehungsweise Empfängnis in der geistig-seelischen Welt waren. Wie wir da in einer geistigen Umgebung gearbeitet, gewirkt, gedacht und gewollt haben, so wie wir wirken, nachdem wir uns mit unserem physischen Leib umkleidet haben zwischen Geburt und Tod im irdischen Dasein, wie wir da im irdischen Dasein alles durch unsere Leibesorganisation bewirken, wie da selbst der Gedanke, den wir fassen, nur gefasst werden kann dadurch, dass ihm das Nervensystem Träger ist, so erblicken wir uns nun durch eine wirklich exakte Clairvoyance in unserem geistig-seelischen Dasein, bevor wir heruntergestiegen sind auf unsere Erde.

[ 47 ] Wir sehen uns da umgeben von geistigen Wesenheiten, wie wir uns hier in der physischen Welt umgeben sehen von physischen Wesenheiten. Dasjenige, was uns in der physischen Welt ein wenig zurückführt, aber nicht aus der physischen Welt hinaus, das ist unsere Erinnerung, unser Gedächtnis. Wir haben abstrakte Gedanken im gegenwärtigen Augenblicke. Sie bringen in unsere Seele herein die Erlebnisse, die wir vor Jahren gehabt haben; jetzt aber durch die Vorgänge, die ich geschildert habe, haben wir nicht nur vor uns das gewöhnliche Erleben auf der physischen Erde, jetzt haben wir vor uns — allerdings im Bilde, aber im Bilde einer Wirklichkeit, einer Realität —, jetzt haben wir vor uns unser vorirdisches Dasein mit aller seiner Wesenheit, mit aller seiner Tätigkeit.

[ 48 ] Ich konnte Ihnen nur die Wege schildern — meine sehr verehrten Anwesenden —, die die Seele nehmen muss, um vorzudringen gegenüber dem Zeitvergänglichen, das die Seele hat als Denken, Fühlen und Wollen, zu demjenigen, was schaffend am menschlichen Leibe war, was war, bevor dieser menschliche Leib sich mit ihnen verbunden hat, was einer geistigen Welt angehört, was mit dem Leibe nicht entsteht, was vielmehr selbst erst den Leib vollzogen hat und eigentlich seinen Bestand als Menschenleib möglich macht. Wir dringen stufenweise durch eine solche exakte Clairvoyance aus dem physischen Dasein ins Über-Physische, ins Geistige vorwärts. Wir spekulieren nicht, wir philosophieren nicht in abstrakten Begriffen, wir suchen Erfahrungen der geistigen Welt, und suchen durch Erfahrungen zur Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen zu kommen.

[ 49 ] Auf diese Weise gelangen wir dazu, ich möchte sagen nach der einen Seite die Ewigkeit der Menschenseele zu entdecken. Auf der anderen Seite können wir dadurch dazu gelangen, dass wir nun in moderner Form wiederum für eine exakte Clairvoyance das ausbilden, was eine ältere Zeit, die mehr ein träumerisches Hellsehen hatte, in der sogenannten Askese ausbildete. Machen wir uns wiederum in der Askese klar, was auf eine mehr materielle Art erstrebt worden ist, während wir es mehr auf geistige Art in der modernen Zeit erstreben müssen: Der Asket, er hat versucht, seinen Körper abzulähmen, abzutöten, ja, in einer gewissen Weise krank zu machen. Nun werde ich ganz gewiss dem Krankmachen des Leibes, der Abtötung des Leibes als moderner Mensch [nicht] irgendwie das Wort reden; allein in jener älteren Zeit wussten die Menschen durchaus, was sie taten, indem sie in systematischer Weise ihren Körper abtöteten. Was geschah da an dem Menschen? In demselben Maße, in dem die Menschen ihren Körper in systematischer Weise abgetötet haben, in demselben Maße wurde ihr Seelisches in ihnen rege. Gerade durch diese Abtötung wurde der Körper, ich möchte sagen immer durchsichtiger und immer durchsichtiger. Es ist einmal eine Erfahrung dieser alten Asketen gewesen, dass, indem sie den Körper herabgelähmt haben, die Seele immer lebendiger und lebendiger wurde. Und auf diese Weise erlangten sie eine Erkenntnis desjenigen, was der Mensch unbewusst erlebt während des gewöhnlichen Schlafzustandes.

[ 50 ] Ich habe Ihnen auf diese Weise geschildert in der einen Art, in der Yoga-Philosophie, und in der anderen Art, in der modernen Art durch die moderne Meditation geschildert, wie der Mensch bewusst, das heißt hellsehend, eindringen kann in dasjenige, was sonst in der eigenen Finsternis seines Organismus ist. Ich sagte nun, das ist dasjenige, was uns zunächst zweifelhaft gegenüber dem Schicksal des eigenen Geistes berührt, dass wir nicht sehen, wie das Seelisch-Geistige da unten im menschlichen Organismus wirkt, dass wir wachend gewissermaßen in die Finsternis des menschlichen Leibes einziehen, dass wir nicht einmal wissen, was die Seele tut, indem sie eine Hand bewegt.

[ 51 ] Der alte Yogi, der lernte kennen dieses Innere dadurch, dass er gewissermaßen mit seinem Atem es abtastete, Der moderne clairvoyante Mensch, der durchleuchtet sich mit dem hellsichtig gewordenen exakten Denken, und dadurch dringt er ein in die Finsternis des eigenen Leibes. Dadurch kommt Sicherheit statt der Unsicherheit, die eben entsteht, weil man sonst im gewöhnlichen Tagesleben nur in die Finsternis des eigenen Leibes eintaucht. Aber man hat auf der anderen Seite den Zweifel entstehen dadurch, dass man in dem Einschlafen das Geistig-Seelische hinunterdämmern sieht und endlich ja der Mensch sieht, dass es erst wiederum heraufleuchtet mit dem Aufwachen. Man muss sich fragen: Kann dieses Seelische dann selbstständig bestehen, wenn es in dieser Weise durch die Bedürfnisse des Leibes jeden Tag ausgelöscht werden kann?

[ 52 ] Das war es nun gerade, was der alte Asket erreichte: In demselben Maße, in dem er seinen Körper systematisch ablähmte, herabstimmte, ja, in gewisser Beziehung sogar krank und schwach machte, in demselben Maße wurde seine Seele stärker bewusst, durchdrang sein Leben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen nicht mehr vollständig, sank hinunter das Bewusstsein während des Schlafens in das Unbewusste, Träume, die aber Wirklichkeiten erleben ließen, immer Bestimmteres und Bestimmteres kam herauf. In demselben Maße, in dem der Körper herabgedämpft wurde, erstrahlte ein Seelenleben, das ähnlich war dem schlafenden Seelenleben, das aber bewusst war, also wiederum entgegengesetzt dem schlafenden Seelenleben. Man musste sich sagen: Du kannst also auch so leben mit dieser Seele, wie du sonst nur während des Schlafes lebst. Also kann sich diese Seele erhalten gegenüber dem Leibe, wenn sie auch nicht in diesem Leibe ist. Dadurch, dass der alte Asket das Leben des Leibes herabstimmte, zog er gewissermaßen das selbstständige Seelenleben heraus, und daraus wurde ihm die Erkenntnis, allerdings auf eine traumhafte Art, in jenen alten Zeiten, die Erkenntnis. Wenn nun dein Leib ganz von dir fällt, wenn er den höchsten Grad der Abstumpfung erlangt, den du im geringen Grade während der Askese erlangt hast, wenn er von dir fällt im Tode, dann wird der höchste Moment eintreten, den du ja in verminderter Art schon kennengelernt hast hier im Erdenleben. Und aus der Übung der alten Askese ging dem alten hellseherischen Menschen jene Erkenntnis hervor, die er auch anders mitteilen konnte: dass die Seele ein ewiges Leben hat im Geiste, auch gegenüber dem Todesereignisse. So sah man durch eine Art von Übungen, Yoga-Übungen in älteren Zeiten, und sieht man heute durch die Meditations-Übungen in das vorirdische Dasein hinein, also nach der Ewigkeit der Seele nach der einen Seite hin, so sieht der alte hellseherische Mensch durch die Todespforte hindurch, sieht, wie die Seele den Tod überwindet, eben durch seine Herabtötung, Herablähmung des Leibes.

[ 53 ] Wiederum ist das etwas, was wir moderne Menschen nicht durchführen können, denn wiederum hat sich dem alten Asketen für das Leben herausgestellt: Sein für die Askese, das heißt für die höheren Erkenntnisse abgelähmter Leib war nicht gewachsen den Anforderungen des Tages. In jenen alten Zeiten hatte man Vertrauen zu solchen Einsiedlern, suchte bei ihnen Erkenntnis, die man nicht selber haben wollte. Heute würde man’s nicht haben. Aber gerade so, wie für das heutige Leben, für das heutige Zeitbewusstsein die Yoga-Übungen modifiziert werden können, so können auch die asketischen Übungen modifiziert werden. Hat der alte Asket seinen Leib herabgestimmt, um das Seelenleben, so wie es war gegenüber der Ewigkeit, in seinem Tode zu erwecken, hat er also den Leib schwächer gemacht, um das unveränderte Seelenleben gegenüber dem schwächeren Leib relativ stärker sein zu lassen, um es so zu erkennen, so muss der moderne Mensch den umgekehrten Weg einschlagen. Er lässt den Leib, wie er ist, und verstärkt das seelische Leben. Man erlangt das auf besondere Art wiederum durch Übungen.

[ 54 ] Ich will einiges von dem, was ich ausführlich geschildert habe in den genannten Büchern, hervorheben. Eine Übung ist besonders wirksam. Wir stehen im gewöhnlichen Leben so darinnen, dass wir unser Denken, unser inneres Seelenleben passiv hinziehen lassen jeden Tag nach den Vorgängen der äußeren Welt. Dasjenige, was früher da ist, denken wir früher, dasjenige, was später da ist, denken wir später. Und wenn wir, wie im juristischen, logischen Denken, das Leben umgekehrt verfolgen, so tun wir doch nichts anderes als etwas, was den richtigen Zeitverlauf vor unsere Seele hinstellen kann. Derjenige, der sein Seelenleben systematisch verstärken will, muss Tag für Tag, wenn auch nur für wenige Minuten, will er aber etwas Ernstliches erreichen, so fleißig wie im Laboratorium oder auf der Sternwarte oder auf der Klinik arbeiten; dasjenige, was er aber vorzunehmen hat, sind intime innere Vorgänge. Sagen wir zum Beispiel, er lässt zunächst sein Tagesleben in umgekehrter Folge vorüberziehen, zum Beispiel um sieben Uhr; er lässt dasjenige vorüberziehen, was zunächst zwischen sieben und sechs Uhr war, dann zwischen sechs Uhr und fünf Uhr, und verfolgt so das Tageserlebnis rückwärts. Am besten ist es, in allen Einzelheiten die Ereignisse des Tageslebens zu verfolgen. Sagen wir zum Beispiel, man ging über eine Treppe hinauf. Man war zunächst an der untersten Stufe, dann auf der nächsten und so weiter. In dieser Rückkonstruktion, die nicht eine bloße Rückerinnerung sein soll, sondern eine Rückkonstruktion, ist man zuerst an der oberen Stufe, stellt sich vor, wie man heruntergeht zur vorletzten, letzten Stufe und so weiter. Man macht den ganzen Vorgang zurück. Ebenso mit anderem. Man kann das auch tun mit anderen Jahren seines Lebens, indem man vom achtzehnten bis zum fünfzehnten Jahre zurückgeht, aber womöglich in allen Einzelheiten. Das ist schwieriger, als im Allgemeinen geglaubt wird. Dadurch widersetzt man sich innerlich in aktiver Weise dem äußeren Verlauf der Tatsachen. Man gibt sich nicht mehr bloß hin dem äußeren Verlauf der Tatsachen. Man stellt sich ihm entgegen. Dadurch reißt man sein Denken von der Folge der äußeren Sinneswelt los. Indem man sein Denken von der Folge der äußeren Sinneswelt losreißt, gewöhnt man sich eine ganz andere innerliche Handhabe des Denkens an. Das Denken muss kraftvoller, selbstständiger werden, indem es sich so losreißt von der äußeren Welt.

[ 55 ] Ebenso kann man andere Übungen machen. Sie wissen ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, das Leben verändert sich fortwährend. Derjenige, der ehrlich ist in seiner Selbstanschauung, wird sich sagen müssen, er ist jetzt ein ganz anderer, als er etwa vor zehn Jahren, vor zwanzig Jahren war. Allein wie sind wir so geworden? Ja, wir haben uns dem Leben eigentlich nur hingegeben, wir sind so geworden, was das Leben aus uns gemacht hat, die Vererbung, die Erziehung und so weiter aus uns gemacht hat.

[ 56 ] Derjenige, der in der hier gemeinten Art ein Geistsesforscher werden will, der muss sein eigenes Leben in die Hand nehmen, muss in aller innerer Energie ebenso, wie er in der Meditation in Bezug auf die Erkraftung seiner Gedanken es gemacht hat, so muss er es in Bezug auf die Erkraftung des Willens machen. Er muss zum Beispiel in einem gewissen Zeitpunkte seines Lebens sagen: Für die nächsten drei Jahre stellst du dir die Aufgabe, in einer gewissen Weise dein Seelenleben mit inneren Gewohnheiten auszustatten. Du nimmst dasjenige, was sonst bloß das Leben aus dir gemacht hat, selber in die Hand. Das Leben macht dich mit jedem Jahre zu einem anderen. Jetzt nimmst du selber diese Kraft des Lebensstromes in die Hand. Du änderst bewusst gewisse Gewohnheiten in dir, die sonst das Leben geändert hätte. Man wird sehen, dass insbesondere kleine, aber ins Leben eingewanderte Gewohnheiten, wenn sie mit immer bewussterer und bewussterer Seelenübung gemacht werden, geradezu Wunder wirken an innerer Selbsterziehung — wer zum Beispiel eine gewisse Handschrift bis zu diesem Augenblick seines Lebens gehabt hat, wer aus dieser Kraft heraus diese Handschrift nun ändert. Und so werden Sie sich vorstellen können, dass es unzählige kleinere oder größere Gewohnheiten gibt, die man in die Hand nehmen kann, sodass er gewissermaßen sein eigener innerer Führer wird, dass er der Lenker seines Willens wird immer mehr und mehr.

[ 57 ] Und wer dann die Übungen weiter fortsetzt, die sich auf den Willen beziehen von «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und anderen Büchern, wer diese Übungen fortsetzt, mit anderen Worten übt dasjenige, was sowohl durch jenes Rückwärtsvorstellen wie durch diese Selbstzucht geübt werden kann; wer übt Selbstüberwindung, der verstärkt das Seelenleben, wie der alte Asket seinen Körper geschwächt hat und das Seelenleben gelassen hat, sodass es relativ stärker wurde als der geschwächte Körper. So bleibt der Körper so, wie er ist; aber das Seelenleben wird in dieser Weise verstärkt. Und wir sehen etwas Eigentümliches in unserem eigenen menschlichen Dasein. Ich kann es Ihnen schildern dadurch, dass ich einen Vergleich gebrauche.

[ 58 ] Nehmen Sie das menschliche Auge. Wodurch sieht dieses menschliche Auge? Nun, dadurch, dass es selber durchsichtig ist, dass es gewissermaßen selbstlos das Licht durch sich durchgehen lässt. In dem Augenblicke, wo das Auge - sagen wir — den Star bekommt, seine eigene Materialität geltend macht, in demselben Augenblicke hört das Sehen auf. Das Auge vergisst sich gewissermaßen ganz selbst. Dadurch wird es der Diener des menschlichen Organismus in Bezug auf das Sehen. Es wird dadurch, dass es selbst seine eigene Materialität nicht geltend macht, zum Sinnesorgan für die äußere physische Welt.

[ 59 ] Unser seelisches Leben, wenn wir es in der geschilderten Weise durch Selbstüberwindung verstärken, wird endlich so herrschen über den menschlichen Organismus, dass dieser nicht nur [durch] die Meditationsübungen innerlich durchleuchtet wird, sondern dass er jetzt, wie das Auge in Bezug auf das sinnliche Licht durchsichtig ist, so wird der Körper seelisch-geistig durchsichtig. Wie wir das Auge nicht sehen, sondern die Gegenstände draußen, so lernen wir durch unseren jetzt nicht physisch, aber seelisch-geistig durchsichtigen Körper, der nun keine Wünsche, Begierden, Leidenschaften aus sich heraustreibt, in dem Augenblicke, wo wir ihn als höheres geistiges Sinnesorgan gebrauchen wollen, durch diesen Organismus lernen wir als durch ein seelisch Durchsichtiges die geistige Welt kennen. Und wir erlangen auf diese Weise die Möglichkeit, uns zu sagen: Wir sehen in eine geistige Welt hinein, durch unseren Organismus hindurch. Der ist uns Seelenauge, der ist uns Geistauge geworden. Jetzt erringen wir, wie der alte Asket, die Erkenntnis des ewigen Wesens der Menschenseele über den Tod hinaus.

[ 60 ] Und dadurch, dass wir lernen leben mit der geistigen Welt um uns herum, nachdem unser eigener Organismus selbstloses Sinnesorgan geworden ist, dadurch wird für uns erhellt ein Leben des Seelischen außerhalb des physischen Leibes. Und wir erlangen jetzt die Möglichkeit, so den Leib unberührt von unserem seelischen Leben zu lassen, wie er im Schlafe ist. Wir haben unser Seelenleben aber verstärkt. Wir können die Seele so trennen vom physischen Leib und vom Ätherleib, wie sie im Schlaf getrennt ist. Wir erleben einen schlafähnlichen Zustand, der aber doch wiederum dem Schlaf entgegengesetzt ist. Wir lernen erkennen, dass wir mit dem Schlafe nicht das Seelenleben erloschen haben, dass das Seelenleben nur zu schwach war, um vom Einschlafen bis zum Aufwachen ein Bewusstsein zu entwickeln. Wir durchstrahlen durch das verstärkte Seelenleben einen künstlich herbeigeführten Schlaf, wir erhellen ihn. Wir wissen, wir können ohne den Leib ein geistig-seelisches Leben entwickeln. Wir wissen also dadurch, dass dieses Bild vor uns steht, dieses Bild des Sterbens, des Lebens nach dem Tode, wir wissen, dass die Seele über den Tod hinaus, das heißt nach der anderen Seite gegenüber derjenigen, die ich vorhin geschildert habe, mit einem ewigen Leben begabt ist.

[ 61 ] So lernen wir durch unsere Meditationen an unser Seelisches zu denken, für unser vorirdisches Dasein, die eine Seite der Ewigkeit, so durch die Willenszucht, durch die Selbstüberwindung, durch das Erstarken des Seelenlebens die Ewigkeit über den Tod hinausgehend, kennen, was anschaulich wird von der Ewigkeit der Menschenseele, von der geistigen Wesenheit des Menschen.

[ 62 ] Sie sehen, auf welche Weise das versucht wird. Es wird versucht, nicht etwa, wie das der Spiritist macht, dass Versuche angestellt werden, die gleich sind den Versuchen in der Außenwelt, nein, sondern es wird das menschliche Seelenleben selber so entwickelt, dass diesem Seelenleben die Muskeln erwachsen, um in die geistige Welt hineinzuschauen. Nicht sündigen will anthroposophische Geisteswissenschaft gegen den Geist der modernen exakten Wissenschaftlichkeit. Aber sie kann zunächst nicht eine äußere Umgebung exakt erforschen, denn die ist ja noch gar nicht da, so wie für den Blinden die Farben nicht da sind, sondern es muss erst das geistige Auge, die Sehkraft entwickelt werden. Das geschieht durch Meditation, durch Willenszucht.

[ 63 ] Dadurch aber, dass wir bei dieser Meditation, bei dieser Willenszucht so verfahren an uns selbst, wie sonst der Wissenschaftler mit der Außenwelt verfährt, dadurch können wir sprechen davon, dass wir den Geist, den Sinn der modernen wissenschaftlichen Zivilisation hineintragen in diejenigen Gebiete, wo uns zuletzt das wissenschaftliche Leben übergeht in das religiöse Erleben, wo wir zuletzt erkennen dasjenige, was geistige Wesenheit des Menschen ist. Und diese geistige Wesenheit des Menschen, meine sehr verehrten Anwesenden, die lebt jetzt ebenso, wie der physische Mensch hier mit einer physischen Welt, die lebt mit einer geistigen Welt.

[ 64 ] Und wie sich der Mensch hineinfinden kann in diese geistige Welt, wie er das geistige Wesen der Welt finden kann, das wird dann die Schilderung am nächsten Freitag hier sein, sodass uns dadurch wird aufgehen können ebenso wie durch die übersinnliche Erkenntnismethode die geistige Wesenheit des Menschen, dass uns dadurch wird aufgehen können die geistige Wesenheit der Welt. Dann aber wird sich uns zeigen, wie in dem innigen Zusammenleben des geistigen Wesens des Menschen mit dem geistigen Wesen der Welt aus wirklicher moderner Clairvoyance eine Vertiefung des religiösen Lebens hervorgehen kann, wie der Mensch vielleicht dasjenige, was er verloren hat durch die moderne Wissenschaft an altem innigem religiösem Leben, wiedergewinnen kann, in einer solchen Weise wiedergewinnen kann, dass er jetzt die tiefste Religion verbinden kann mit der strengen Wissenschaftlichkeit.

[ 65 ] Darnach strebt ja eigentlich die moderne Zivilisation. Weil diese moderne Zivilisation den Geist verloren hat, deshalb ist sie auch in solch herbe äußere Schicksale hineingekommen. Vielleicht wird sich auch das zeigen lassen können, was gerade das heutige schlimme Zeitenschicksal ist, wenn wir das nächste Mal die geistige Wesenheit der Welt betrachten. Heute wollte ich gewissermaßen dazu nur vorbereitend zeigen, wie der Mensch selber sich als Geist erkennt, damit er dann auch den Geist innerhalb der Welt finden und sich religiös mit ihm verbinden könne in lichter, heller Klarheit. Denn das wird vielleicht doch aus den Auseinandersetzungen hervorgegangen sein, die ich heute mir erlaubte, vor Ihnen zu pflegen — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass dasjenige, was hier exakte Clairvoyance genannt wird, und was führen soll zu einer Erkenntnis des ewigen Wesens der Menschennatur, dass das nicht widerstreben soll dem Geiste der modernen Wissenschaft, dessen Triumphe innerhalb der modernen Zivilisation gerade von Anthroposophie voll anerkannt werden sollen und voll anerkannt werden können.

[ 66 ] Aber es muss gesucht werden etwas, was diese moderne Wissenschaft, so wie sie sich in der äußeren Beobachtung und im äußeren Experiment entwickelt, nicht geben kann. Diese moderne Wissenschaft wird ebenso wenig hinweggeleugnet oder hinwegkritisiert in ihrer Berechtigung von der anthroposophischen Geisteswissenschaft, wie es eine Kritik der Menschenwesenheit ist, wenn wir vor den Menschen hintreten und sagen: Da haben wir die Physiognomie des Gesichtes, des Menschen Gesten, seine Formen, die Farbe seiner Haut; in alledem, was wir da mit äußeren Sinnen sehen, lebt aber Seelisches, Geistiges. Und erst wenn wir durch das Inkarnat — durch die Hautfarbe —, durch die Gesten, durch die ganze Form des Menschen die Seele sprechen, die Seele aus dem Blicke schauen sehen, dann haben wir den ganzen Menschen. Und in eben einem solchen Sinne haben wir, wenn wir durch die äußere Beobachtungs- und Experimentierwissenschaft die äußere Welt erkennen, gewissermaßen die äußere Geste der Welt, die äußere Physiognomie der Welt, noch nicht die Seele, noch nicht den Geist der Welt. Aber so, wie wir den Menschen nur halb kennen und kein rechtes Verhältnis zu ihm gewinnen können, wenn wir nur das Äußere ansehen, nach seiner Farbe und Form, wir nur ein Verhältnis gewinnen können, wenn uns durch all das hindurch die Seele und der Geist anspricht, so können wir die Welt im Großen und die Wesenheit des Menschen nur dann erkennen, wenn uns durch all das, was uns wahre, echte Naturwissenschaft — gerade wenn sie sich in ihren Grenzen hält — an Physiognomie und an Gesten der Welt gibt, wenn wir durch all das hindurch das gelten lassen, ja, mitanerkennen [und] zu einer exakten Clairvoyance, zu einem exakten Hellsehen fortschreiten, damit wir erkennen durch die äußeren physischen Gesten das Dasein der Seele der Welt, damit wir erkennen durch die äußeren physischen Gesten des Menschen den Geist der Welt, und damit den Geist des Menschen.

[ 67 ] So will Anthroposophie sich nicht auflehnen gegen die Wissenschaft, will im Gegenteil Wissenschaft da hineintragen, wohinein die moderne Wissenschaft nicht kommen kann. Sie will werden nicht etwas, was, ich möchte sagen kampfesmäßig Geistigkeit sucht, sie will werden durch volles Anerkennen der Naturwissenschaft, ja, durch höhere Wertung der Naturwissenschaft, als es dieser oftmals selber möglich ist, sie will werden gegenüber dem, was wir in der Welt des Materialismus, in der Welt der Physiologie als Seele, Geist kennenlernen, sie will selbst werden diese Anthroposophie, Seele und Geist der modernen Wissenschaftlichkeit. Und diese moderne Wissenschaftlichkeit braucht für die Wärme der Menschenseele, für das innere Licht der Menschenseele, für das wahre religiöse Bedürfnis, sie braucht zu der Wissenschaft hinzu Seele, Geist. Dadurch allein kann der moderne Mensch in neuer Weise aus seiner Seele, aus seinem Geiste heraus wiederum aufleben und einer hoffnungsvolleren Zukunft entgegengehen, als ihm das sonst bei einer mehr materialistischen Weltanschauung möglich ist.