Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c
3 November 1922, The Hague
8. Die Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Am letzten Dienstag erlaubte ich mir, hier auseinanderzusetzen, wie es möglich ist, dass der Mensch über sein eigenes geistiges Wesen, über das ewig Dauernde, das über Geburt und Tod hinausliegt, eine Erkenntnis gewinnen könne. Heute möchte ich denselben Gegenstand von einer anderen Seite aus beleuchten und darlegen, wie es in der Tat möglich ist, Erkenntnisse über das geistige Wesen der Welt zu gewinnen.
[ 2 ] Diese Erkenntnisse sind auf dem Wege, auf dem heute anerkannt wissenschaftlich gesucht wird, nicht zu erlangen. Denn diese wissenschaftliche Untersuchungsmethode, die es in den letzten Jahrhunderten zu so großen Triumphen gebracht hat, zu Triumphen, die voll anerkannt werden von demjenigen Gesichtspunkt, der hier geltend gemacht wird, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung baut ihre Erkenntnisse ja auf auf Beobachtung und Experimentieren, das heißt auf dasjenige zunächst, was der Mensch über die Welt durch seine Sinne erfahren kann. Allerdings, man versucht ja — und muss das tun — dasjenige, was die Sinne über die Welt offenbaren, gedanklich zu durchdringen. Man kommt dadurch zu Naturgesetzen, das heißt, in einem gewissen Sinne zu geistigen Inhalten, denn die Naturgesetze, die man in Gedanken feststellt, sind ja durchaus ein geistiger Inhalt. Allein die Gedanken, die man auf diese Weise über Beobachtung und Experiment hinaus gewinnt, haben keinen selbstständigen Inhalt, sondern sie liefern nur Bilder desjenigen, was die Sinne, entweder die unbewaffneten oder die bewaffneten Sinne, aus der Außenwelt erfahren. Das heißt, das Seelisch-Geistige im Menschen verbreitet sich über dasjenige, was auf dem Wege der Sinneswahrnehmung — oder auch der methodisch ausgebildeten Sinneswahrnehmung — für den Menschen zu erleben, zu erfahren ist.
[ 3 ] Alles dasjenige, was in dieser Weise von dem Menschen erfahren wird, ist Wirkung der Außenwelt auf seine Leibesorganisation, auf seinen körperlichen Organismus. Und dasjenige, was der Mensch in seiner Seele miterlebt, ist dabei nichts anderes als eben das Miterleben der sinnlich-physischen Welt.
[ 4 ] Der Mensch kann nicht stehen bleiben bei diesem bloßen Miterleben der sinnlich-physischen Welt, denn innerhalb dieser physisch-sinnlichen Welt hat vor allen Dingen keinen Platz dasjenige, was als ein unauslöschlicher Impuls in der menschlichen Seele lebt, hat vor allen Dingen keinen Platz das religiös-moralische innerliche Erleben. Und die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung gelangt ja gerade dadurch zu ihrer Vollkommenheit, dass sie die Dinge und Vorgänge der Welt so betrachtet, dass sie nichts vom Menschen als Moralisches oder Religiöses in die Weltbetrachtung, in die Weltgesetzlichkeit hineinmischt So steht der Mensch vor einer Welt, der er Realität, Dasein zuschreibt, die aber gerade das Wertvollste nicht enthält, wie ich schon neulich sagte, durch das sich der Mensch eigentlich seine Würde, seinen wahren Wert in dieser Welt zuschreibt: das moralische, das religiöse Wesen. Deshalb hat man zu allen Zeiten versucht, über die bloße Sinneserfahrung, über das bloße Erleben im Physischen hinaufzudringen zu einer Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt.
[ 5 ] Nur gerade diejenigen Jahrhunderte, in denen wir noch leben und die groß geworden sind in Bezug auf ihre Zivilisation durch das strenge naturwissenschaftliche Denken, die haben entweder ganz abgeleugnet die Möglichkeit einer übersinnlichen, einer geistigen Erkenntnis, oder sie haben wenigstens herbe Zweifel über die Möglichkeit einer solchen Erkenntnis ausgesprochen. Heute stehen wir allerdings an dem Punkt, ich habe auch das schon angedeutet das letzte Mal, wo der Mensch gerade wegen der Sicherheit, die ihm Naturerkenntnis gibt, auf der anderen Seite eine ebensolche Sicherheit suchen muss in Bezug auf die Erkenntnis des geistigen Lebens, jenes Lebens, das außer dem Natürlich-Physischen auch das moralische Geschehen und die religiöse Verbindung des Menschen mit dem Übersinnlichen enthalten kann.
[ 6 ] Wenn wir aber denjenigen Weg in die übersinnlichen Welten hinein zur Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt uns heute Abend veranschaulichen wollen, meine sehr verehrten Anwesenden, wird es auch wieder gut sein, einen ähnlichen Weg zu gehen, wie ich ihn das letzte Mal am Dienstag eingeschlagen habe behufs Auseinandersetzung der Erkenntnis des geistigen Wesens des Menschen. Ich habe darauf hingewiesen, wie in älteren Zeiten der Menschheitsentwicklung ein solcher Weg in die geistige Erkenntnis des Menschen hinein gesucht worden ist, um daran dann anschaulich zu machen, wie jener ältere Weg ein mehr materieller war, und wie wir heute von unserer naturwissenschaftlichen Grundlage aus einen mehr geistigen Weg zur Erkenntnis suchen müssen. Deshalb werde ich auch heute zunächst hinweisen darauf, wie in älteren Zeiten der Menschheitszivilisation derjenige gesucht hat, der aus der Betrachtung der physisch-sinnlichen Welt hinaufsteigen wollte zu einer Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt. Ich möchte auch darüber nicht missverstanden werden. Ich werde jenen älteren Weg nicht anempfehlen. Er kann heute nicht mehr gegangen werden. Aber um denjenigen zu erläutern, der heute gegangen werden soll, können wir anknüpfen an den mehr äußerlich anschaulichen, älteren Weg.
[ 7 ] Dieser ältere Weg, der uns wiederum in orientalische Geistesbetrachtung, in menschliche Urzeiten zurückführt, dieser Weg setzte voraus, dass derjenige, der ihn ging, sich wandte an einen, der ihn bereits gegangen war, an einen Lehrer, an einen Lehrer der geistigen Erkenntnis. Einen solchen Guru, einen Lehrer der geistigen Erkenntnis, musste man sich in alten orientalischen Zeiten suchen, wenn man zum geistigen Wesen der Welt erkennend hinaufsteigen wollte. Sie können allerdings fragen — meine sehr verehrten Anwesenden —, woher die ersten Lehrer des Geistigen für die Menschheit nach der Anschauung jener älteren Zeiten denn gekommen sind.
[ 8 ] Zunächst stellen wir uns vor Augen die Ansicht, welche in jenen älteren Zeiten über die urältesten Lehrer der Menschheit vorhanden war. Diese Menschen glaubten, dass die allerersten Lehrer ihre Anschauung erhalten haben direkt von göttlichen Lehrern, mit denen sie in einem übersinnlichen Verkehr gestanden haben im Urbeginn der Erdenzeit. Ich kann nur auf diesen Glauben älterer Zeiten hier hinweisen, denn die Auseinandersetzung der Frage würde heute vom Thema weit abführen. Ich habe nur aufmerksam darauf zu machen, dass diese Frage ja in dieselben Gebiete hineinführt wie zum Beispiel diese über den Ursprung der menschlichen Sprache oder den Ursprung des menschlichen Denkens. Ältere Zeiten haben eben selbst für die Erteilung der Lehre des Übersinnlichen an die Menschen schon zu einem Übersinnlichen ihre Zuflucht genommen, wie sie den Ursprung der Sprache darinnen gesucht haben, dass gewissermaßen göttliche Einflüsse selbst sich auf die Menschen und die Menschheit geltend gemacht haben, und der Mensch so gewissermaßen aus dem Übersinnlichen heraus direkt die Sprache [übernommen] hat. So auch dachte man sich, dass die ersten Lehrer, die ersten Gurus ihre Erkenntnisse durch einen übersinnlichen Verkehr mit ersten großen Lehrern der Menschheit erhalten haben. Aber die Späteren wussten, dass sie nur zu einer wirklichen Anschauung des Geistigen, zu einer Erkenntnis des Geistigen in der Welt kommen könnten, wenn sie sich an einen solchen Lehrer wandten.
[ 9 ] Was tat nun ein solcher Lehrer? Die Voraussetzung, dass er überhaupt mit seinem Schüler etwas anfangen konnte, war, dass durch die ganze Zivilisation jene ältere Lehre der Menschheit von den Schülern mit einem schier unbedingten Vertrauen in sie gesucht wurde, mit einem Vertrauen, von dem sich die heutige Menschheit, die in dieser Beziehung anders fühlt und denkt, eigentlich keine Vorstellung zunächst mehr machen kann. Der Glanz, welcher solche Persönlichkeiten umgab, rührte ja davon her, dass man der Meinung war, dass sie in ihren Pflegestätten, die zu gleicher Zeit religiöse Stätten waren, künstlerische Stätten waren und wissenschaftliche Stätten waren — denn Religion, Kunst und Wissenschaft waren in jenen Zeiten eine Einheit —, dass sie in jenen Stätten, in den Mysterienstätten, wie man sie heute nennt, einen unmittelbaren Verkehr mit dem Übersinnlichen pflegen. Man sah zu ihnen hinauf so, dass man nicht etwa bloß voraussetzte, man könne von ihnen irgendetwas Theoretisches erfahren, man könne von ihnen etwas erfahren, was sie selbst erkundet haben durch irgendein natürliches Experiment und dergleichen, sondern man setzte voraus, dass das Wort, das sie sprachen, die Zeichen, die sie gaben, dass dasjenige, was sie vor den Schülern verrichteten, unmittelbar die äußere Offenbarungsweise des hinter diesen Lehrern stehenden Göttlichen sei.
[ 10 ] Dadurch kam man diesen Lehrern nicht einseitig mit dem Verstande, nicht einseitig mit der Kopfbildung, dadurch kam man diesen Lehrern mit dem ganzen Menschen entgegen. Man fühlte sich erleuchtet in seinem Intellekt, nicht nur verstandesmäßig theoretisch; man fühlte aber alles dasjenige, was man so intellektuell als Erleuchtung bekam, warm durchdrungen von einem gefühlsmäßigen Element, und man fühlte es durchdrungen von der Kraft eines Wollens, das ausging von den Tiefen der Weltendinge selbst und das sich in den Willen der Menschen ergoss. Man gab seinen ganzen Menschen hin, indem man sich an die Führer solcher Mysterienstätten wandte.
[ 11 ] Und der Unterricht war auch nicht etwa in dem Sinne theoretisch gehalten, wie wir heute einen Unterricht verstehen, sondern er war verknüpft mit empfindungsgemäßer Vertiefung in alle Einzelheiten, er war verknüpft damit, dass der Schüler an dem Lehrer sah, wie dieser Lehrer sich bewusst war, dass er gewissermaßen mit jedem Worte, mit jeder Handbewegung, mit alledem, was er nun an geistdurchdrungenen Experimenten vor dem Schüler entwickelte, wie er mit alledem dem göttlichen Geistwillen selbst ins irdische Leben Einkehr gab.
[ 12 ] Was wurde dadurch erreicht? Dadurch wurde erreicht, dass das geistig-seelische Wesen des Schülers tatsächlich sich vom physischen und auch von dem feineren, von dem ätherischen Organismus, der in dem physischen Organismus ein flüchtiges Dasein führt, trennen konnte. Und der Schüler wurde eines gewahr. Bevor er eine solche Unterweisung erhielt, konnte er sich sagen: Vielleicht hört mein gesamtes Seelenleben auf, wenn ich abends einschlafe, vielleicht bin ich dann nur ein physischer Leib, der andere Verrichtungen vollführt als im wachen Zustande, und vielleicht, wenn sich dieser physische Organismus eine Zeit lang im Schlafe hingegeben hat den rein organischen Tätigkeiten, dann kann er wiederum aus sich selber heraus, wie die Kerze, wenn sie angezündet wird, die Flamme entwickeln kann, dann kann er wiederum aus sich heraus das bewusste geistig-seelische Leben entwickeln.
[ 13 ] Der Schüler konnte sich vor seiner Unterweisung sagen: Vielleicht ist das ein bloßer Schein, der da aufleuchtet aus den physischen Funktionen der Körperlichkeit, was sich vom Aufwachen bis zum Einschlafen als geistig-seelisches Leben für mich selber abspielt. Durch die Unterweisung beim Guru kam er dazu, dieses sich nicht mehr sagen zu können, sondern er wurde gewahr, dass er in der Tat des Abends, wenn er einschlief, mit seinem geistig-seelischen Wesen als mit einer leib-, mit einer körperfreien Realität herausging, heraustrat aus seinem physischen Organismus und auch aus dem feineren Organismus, dem ätherischen Organismus, dass er ebenso, wie er mit seinem physischen Organismus unter physischen Dingen und physischen Vorgängen beim Tagwachen ist, dass er vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einem rein seelisch-geistigen Organismus lebt, der außerhalb des physischen Leibes ist, aber der des Morgens beim Aufwachen wiederum in diesen physischen Organismus untertaucht. Nur sagte er sich durch jene Unterweisung, die er als Schüler bekam: Ja, aber wenn ich im gewöhnlichen Leben einschlafe, dann ist dasjenige, was da als geistig-seelische Wesenheit nun neben dem physischen Organismus, der in der physisch-sinnlichen Welt zurückbleibt, sich nun in der geistig-seelischen Welt findet und betätigt, der ist so schwach innerlich, dass er zu keinem Bewusstsein kommen kann über dasjenige, was er in der geistig-seelischen Welt erlebt. Aber durch die Kraft, die ausging vom Guru, wurde dasjenige, was in der Nacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen in bewusstlosem Zustande außer dem Leibe war, in eine andere Art von Dasein außer dem Leibe versetzt. Und in diesem anderen Dasein, das zunächst nur unter dem Einflusse des Gurus stattfinden konnte und zu dem dann der Schüler selber mächtig wurde, in diesem andersartigen Dasein, das nun kein Schlaf war, das nur dadurch dem Schlafe ähnlich war, dass das Geistig-Seelische außerhalb dem Leibe war, das aber dadurch entgegengesetzt dem Schlafe war, [geschah es], dass jetzt innerhalb dieses Geistig-Seelischen eine solche Kraft erwachte auf geistig-seelische Art, wie man sie sonst nur durch sein Blut, durch seine Nerven beim Wachen im physischen Leibe hat. Dadurch, dass eine solche Kraft erwachte, dadurch belebte sich ohne den physischen Leib und seine Hilfe das Geistig-Seelische in einem dem Schlaf entgegengesetzten und doch wiederum so ähnlichen Zustande, weil der Mensch außerhalb seines Leibes war. Es belebte sich dieses Geistig-Seelische innerlich. Und so, wie der physische Organismus dem Menschen beim Wachen die Sinneseindrücke gibt, so gaben jetzt dem Schüler des Gurus dieser innerlich erwachte, dieser innerlich erkraftete geistig-seelische Organismus, der gab ihm die Eindrücke einer geistig-seelischen Außenwelt.
[ 14 ] Man kann daher sagen: Der Guru brachte es dazu, dass nicht nur auf jene natürliche Art, wie das bei jedem Einschlafen geschieht, das Geistig-Seelische außerhalb des physischen Leibes des Menschen beim Schüler ging, sondern der Guru brachte es durch seine lehrenden, aber vor allen Dingen durch jene aus dem Vertrauen, aus dem Tatvertrauen heraus getragenen Einflüsse dahin, dass in vollwachem Zustande das Geistig-Seelische aus dem Leibe austreten konnte, dadurch innerlich erkraftet war, mit Wachen durchsetzt war und wachend dasjenige erlebte, dass diese ganze Außenwelt, die wir sonst nur durch unsere Sinne wahrnehmen — und die uns nur eine sinnliche Physiognomie zeigt und eine Gesetzmäßigkeit, welche die Einzelheiten der sinnlichen Physiognomie zusammenfasst —, dass diese ganze Umwelt nun als eine geistige ihm erschien. Wie gesagt, die Voraussetzung dazu war nicht nur eine theoretische, nicht nur ein Schülerverhältnis zum Guru, sondern ein moralisches Verhältnis, wie ich es geschildert habe. Der Guru war geradezu eine moralisch geheiligte Persönlichkeit. Und der Schüler eines solchen Gurus hatte nicht nur ein religiöses Verhältnis zu den geheimnisvoll-übersinnlichen Mächten der Welt, sondern er hatte vor allen Dingen in seinem Guru den Vermittler zu den göttlich-geistigen Wesenheiten, er hatte zu dem Guru selber ein religiöses Verhältnis. Dadurch gelangte der ältere Mensch — nicht in einer theoretischen Weise, sondern durch eine Entwicklung seines ganzen Menschen — dazu, hineinzuschauen in das geistige Wesen der Welt.
[ 15 ] Sie sehen aber, meine sehr verehrten Anwesenden, welches die Voraussetzung ist dazu, hineinzuschauen in das geistige Wesen der Welt. Es ist diese Voraussetzung da, dass wir mit unserer geistig-seelischen Organisation aus unserem physischen Organismus heraustreten können und uns wissentlich außerhalb unseres Leibes im Dasein entfalten können.
[ 16 ] Die Art und Weise, wie das der ältere Schüler in Zeiten orientalischer Zivilisation tat, brachte ihn allerdings in ein Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Lehrer, zu seinem Guru, das heute den Menschen ein unerträgliches wäre. Aber alles dasjenige eigentlich, meine sehr verehrten Anwesenden, was heute traditionell vorhanden ist an religiösen Vorstellungen, sogar was vorhanden ist an moralischen Impulsen, das ist ja nicht entsprungen aus demjenigen, was die Naturwissenschaft der letzten Jahrhunderte die Menschen gelehrt hat, sondern das ist traditionell erhalten aus solchen älteren Zeiten, in denen man auf die geschilderte Art ein Verhältnis zur geistigen Wesenheit der Welt gewinnen wollte.
[ 17 ] Dann kamen andere Zeiten in der Menschheitsentwicklung. Diese anderen Zeiten sind dadurch gekennzeichnet, dass jene Möglichkeit, dass ein Mensch auf den anderen so wirkt, wie der alte Guru auf seine Schüler gewirkt hat, dass jene Möglichkeit aufhörte. Hätte diese Möglichkeit weiter bestanden, in die Menschheitszivilisation wäre niemals hineingekommen dasjenige, wodurch wir heute gerade des Menschen Würde und Wert gegeben finden innerhalb des irdischen Daseins, in die Menschheit wäre niemals hineingekommen das volle IchBewusstsein und das Bewusstsein von der menschlichen Freiheit.
[ 18 ] Dieses Ich-Bewusstsein war in jener älteren Zeit, in der derjenige, der auf jene Art ein Gelehrter werden wollte — wenn wir das heutige Wort gebrauchen dürfen —, dieses Ich-Bewusstsein war in jener älteren Zeit nicht vorhanden. Der Mensch fühlte sich gegenüber der äußeren Natur in einer unbestimmten Abhängigkeit. Gegenüber demjenigen, was ihm von der äußeren Natur kam, empfand er keine Freiheit. Aber in dem Aufschwung zu einer geistigen Welt empfand er erst recht keine Freiheit. Er war in erster Linie abhängig in Bezug auf die Methode seiner Entwicklung von dem Guru. Und indem er sich durch den Guru hat in intensivster Weise anregen lassen zum leibfreien Erleben seines Geistig-Seelischen, fühlte er sich dann erst recht abhängig von jenen geistigen Welten, in die er erkennend eingetreten war. Er fühlte sich sozusagen hier auf diese Weise als ein Werkzeug der göttlich-geistigen Mächte. Er fühlte sich abhängig in jedem einzelnen Willensimpuls, in jedem einzelnen Gedanken, in jeder einzelnen Gefühlsnuance, von den göttlich-geistigen Strömen, die aus den erkannten Geistwelten in seinen eigenen Organismus hereinpulsten.
[ 19 ] Gerade dadurch hat die Menschheit das Ich-Bewusstsein und das Freiheitsbewusstsein erringen können, dass jene alten Verhältnisse aufhörten, dass der Mensch wirklich den höchsten Wert eine Zeit lang darauf gelegt hat, nur auf dasjenige zu bauen, was ihm an Erkenntnissen wird durch Vermittlung seines Leibes, seines Körpers. Dasjenige aber, was uns durch Vermittlung des Leibes, des Körpers wird, das gibt uns nur für die Erkenntnisse Gedankenbilder, Gedankenbilder, die zunächst für die äußere Welt bloß abbilden dasjenige, was sich in der Natur uns offenbart.
[ 20 ] Nun habe ich bereits im Beginn der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in meiner «Philosophie der Freiheit» gezeigt, wie derjenige Mensch, der nun ganz durchdrungen ist von der naturwissenschaftlichen Gesinnung der Gegenwart, wie der Mensch sich zur moralischen Welt verhalten kann. Man kommt nämlich allmählich wirklich darauf, dass diese Naturwissenschaft noch mehr, als sie das bereits getan hat, alles Denken nur darauf verwenden kann, die äußeren Erscheinungen nur gedanklich zu durchdringen, zu ordnen, und so zu Gesetzen zu kommen, die ja in Gedanken gefasst werden. Man kommt dazu, sich zu sagen: Diese Naturanschauung kann durch sich selbst nicht ein Übersinnliches gewinnen; alles dasjenige, was sie gewinnen kann als inneres Seelenerlebnis, ist Bild einer sinnlichen Außenwelt und muss es bleiben.
[ 21 ] Also gerade dann, wenn wir das Denken zu jener Vollkommenheit bringen, zu der es das naturwissenschaftliche Zeitalter gebracht hat, gerade wenn wir mit unserer naturwissenschaftlichen Gesinnung nicht dilettantisch, nicht laienhaft, sondern aus inneren Zusammenhängen in den strengen, exakten Methoden der neueren Forschung drinnenstehen, dann kommen wir allmählich zu einem inneren Erleben des Denkens, das dennoch nun frei ist von allem Physisch-Leiblichen.
[ 22 ] Das ist im Allgemeinen für die neuere Menschheit etwas schwierig zu begreifen. Allein gerade derjenige, der sich recht vertieft hat in die moderne Naturwissenschaft, der findet zuletzt in dem Gedankenleben etwas, was nicht durch seinen Leib vermittelt wird. Und dieses Gedankenleben habe ich das reine Gedankenleben und seine Betätigung das reine Denken genannt in meiner «Philosophie der Freiheit», wie sie im Beginne der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben wurde, und habe zu zeigen versucht, wie nun gerade dann, wenn der Mensch in einem Denken, das rein geworden ist von allen inneren Instinkten, von aller inneren Willkür, von aller inneren Phantasie, wenn er durch naturwissenschaftliche Schulung im reinen Denken eine Natur erfasst, die amoralisch ist, die nichts mehr Moralisches in sich schließt, eine Natur erfasst, zu der er kein Verhältnis, kein religiöses Verhältnis gewinnen kann, wenn er sich recht stark macht in Bezug auf dieses Denken über die Natur, dann dringt tief aus seinem Inneren gerade in dieses naturwissenschaftlich gewordene reine Denken dasjenige ein, was nun die individuellen, die persönlichen Moral-Impulse des einzelnen Menschen sind. Wir brauchen nämlich nur in die Natur unbefangen hineinzuschauen, dann aber nicht bei diesem Hineinschauen stehen bleiben, sondern nun zurückschauen auf unsere eigene Persönlichkeit, dann werden wir finden, dass, je echter wir naturwissenschaftlich denken und dieses naturwissenschaftliche Denken erleben, desto gewaltiger dringt dasjenige, was ich dazumal die moralische Intuition genannt habe, in unser reines Denken hinein. Und wir stehen dann vor der Welt, indem wir uns sagen: Gewiss, die Natur ist für uns entgöttert worden, ist amoralisch geworden; aber wir Menschen als Denker über die Natur, wir fühlen — wie wir sonst das Blut in unseren physischen Kopf hineinvernehmen, damit wir ein physisches Werkzeug des Denkens haben —, so fühlen wir gerade unser reinstes naturwissenschaftliches Denken zuletzt durchpulst aus unserem eigenen Inneren von den moralischen Intuitionen.
[ 23 ] Wer das einmal gefühlt hat, wer das einmal erlebt hat, meine sehr verehrten Anwesenden, der weiß durch dieses Erlebnis, dass es ein Geistiges gibt, ein rein Geistiges, ein leibfreies Geistiges gibt. Und in diesem leibfreien Geistigen, gerade in der Kraft jenes Denkens, das uns das Galilei’sche, das kopernikanische, das Goethe’sche, das darwinistische Zeitalter heraufgebracht hat, gerade durch jenes Denken, durch das wir die Natur auf ganz natürliche Weise begreifen, gewinnen wir eine innerliche Kraft, die uns modernen Menschen es möglich macht, nicht in der alten Weise einen Guru aufzusuchen und dennoch einzudringen in das geistige Wesen der Welt, der wir angehören. Denn dasjenige, was in einer äußerlichen Weise als das tiefste Vertrauen, das ich geschildert habe, von dem Chela — von dem Schüler — zu dem Guru ausging, das wird uns ersetzt als moderne Menschen durch das, was wir gerade erleben, wenn wir erst den Blick in ganz exakter Weise, mit mathematischer Exaktheit, wie ich das letzte Mal erwähnt habe, über die Natur schweifen lassen und dann in uns selbst zurückschauen und uns ernsthaftig, mit echter Verinnerlichung fragen: Was hast du da eigentlich getan? Was ist in dir?
[ 24 ] Dasjenige, was da in einem selber gewaltet hat, während man, ausschließend jede Willkür, jede Subjektivität, über die Natur nachgedacht hat, dasjenige, was da in dem eigenen Seelischen gewoben hat, während man ganz aufgegangen ist in der Naturbeobachtung, in der objektiven Beobachtung, von der man jedes Subjektive ausgeschlossen hat, das gibt nun von innen heraus jenes große Vertrauen, das der alte Schüler zu seinem Guru hatte. Man erlangt, ich möchte sagen einfach als Mensch dastehend in der Welt gerade aus der naturwissenschaftlichen Gesinnung heraus jenes große Vertrauen, jenes große Vertrauen, das einem sagt: Hast du ein Denken entwickelt, ohne dass irgendetwas aus deiner Phantasie, aus deiner Willkür darinnen spielt, das du gläubig annimmst, um dein Denken zu begreifen, hast du ein solches Denken entwickelt, dann kannst du dieses Denken auch sicher entfalten. Und man entfaltet es weiter auf diese Art, wie ich es letzten Dienstag beschrieben habe, durch Meditation; das heißt, dasjenige Denken, das der moderne Mensch gelten lässt gegenüber der naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung, das durchdringt man, indem man sich zu seiner Kraft aufgeschwungen hat, mit demjenigen, was Sie geschildert finden in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», «Geheimwissenschaft» und anderen. Sie finden geschildert zum Beispiel das Denken als Meditation innerhalb des Denkens. Ich habe es das letzte Mal schon angedeutet prinzipiell, worinnen das besteht. Während man sonst mit seinen Gedanken an den Dingen und Vorgängen dahinhuscht, gewissermaßen passiv hinhuscht, und die Gedanken so laufen lässt, wie es die äußeren Eindrücke wollen, höchstens sich dann besinnt, was die äußeren Eindrücke einem gegeben haben, hält man sozusagen im Meditieren dieses Denken an. Man sieht ab, man könnte auch sagen, man abstrahiert von allen äußeren Eindrücken. Man hat an den äußeren Eindrücken denken gelernt. Man hat gelernt, die Kraft zu entwickeln, die im Denken liegt. Man hält jetzt keine äußeren Sinneseindrücke fest, sondern nur die innere Kraft des Gedankens, gießt in diese innere Kraft des Gedankens Vorstellungen, die leicht überschaulich sind, hinein, ruht auf diesen Vorstellungen. Aber ich habe schon das letzte Mal gesagt, eines ist dazu notwendig. Notwendig ist, dass die Meditation verläuft in Liebe zu den Vorstellungen, die man auf diese Weise innerlich im Bewusstsein gegenwärtig sein lässt. Zu dieser Liebe muss man es allerdings bringen, denn die geisteswissenschaftliche Methode ist eine solche, die auch heute noch den ganzen Menschen in Anspruch nehmen kann und die vor allen Dingen durchdrungen sein muss von demjenigen, was man zur äußerlichen Naturwissenschaft nicht braucht, oder höchstens zu ihrem Betriebe braucht, aber nicht braucht, um etwas in ihr selbst zu finden, um ihre Methoden zu handhaben.
[ 25 ] Dasjenige aber, was die geisteswissenschaftliche Methode in dieser Richtung braucht, ist, dass sie ausgeht von den sonst in der Seele schlummernden Kräften, von der Liebe. Meditieren heißt: ruhen und immer wieder ruhen in Gedanken in der Liebe, lieben das rein gedankliche Leben. Man muss nicht unterschätzen, dass das nach den Voraussetzungen unserer gegenwärtigen Menschenbildung und Menschenschulung etwas eigentlich recht Schwieriges ist. Denn wenn die Menschen in Gedanken etwas festhalten sollen, dann werden sie schon ungeduldig. Dann reden sie davon: Ach, die Gedanken sind nüchtern, gehen wir lieber dahin, wo unsere Sinne recht viel Eindrücke bekommen. Darnach ist ja unsere heutige Zivilisation in ihren Auswüchsen eingerichtet, möglichst alles auf den Sinn hin zu orientieren. Die Menschen finden kalt und nüchtern und abstrakt und leer dasjenige, was im bloßen Gedanken erfahren werden kann.
[ 26 ] Meditieren heißt, solche innere Wärme für diese scheinbar abstrakten Gedanken im Meditieren gewinnen, wie man sonst in der Welt gewinnt, wenn man ein liebendes Herz einer anderen Persönlichkeit oder irgendeinem Vorgange der Welt oder einem Ding der Welt zuwendet. Jene Wärme, die sonst nur im Alltagsleben bei gewissen Gelegenheiten entwickelt wird, die muss durchglühen und durchbranden dasjenige, was in der Meditation gestaltet werden soll durch die Menschenseele. Dann wird dieses Denken nun, ohne dass man einen Guru in der alten Weise zu Hilfe ruft, innerlich erkraftet, erstarkt, und man kommt allmählich dazu, zu wissen: Durch diese meditative Erkraftung des Denkens kommst du mit deinem Geistig-Seelischen aus deinem physischen Leibe heraus.
[ 27 ] Ich sage, in der alten Weise sucht man nicht einen Guru heute auf. Man kann aber allerdings bei demjenigen, der schon erfahren ist in geisteswissenschaftlichen Dingen, Anweisung bekommen, wie man die Meditation einzurichten hat, wie man sich im Denken zu konzentrieren hat. Aber jeder, der heute ein Lehrer der Geisteswissenschaft ist, wird seinen Schüler, wenn er nicht ein Scharlatan ist, sondern ein wirklicher Lehrer, er wird seinen Schüler nicht in Abhängigkeit von sich bringen, sondern er wird Rechnung tragen den Forderungen der gegenwärtigen Zivilisation und seine Lehren gerade so einrichten, dass von einem bestimmten Punkte an der Schüler auf seine eigene persönliche Grundlage sich gestellt fühlt und von seinem eigenen frei gewordenen Denken, das sich erkraftet, das Erlebnis hat, außerhalb der physischen Leibesorganisation mit seinem Bewusstsein als Realität zu leben.
[ 28 ] Das ist in der Tat das Erste, was man erleben muss, um in das geistige Wesen der Welt geistig einzudringen, in sich selber so erkraftet als geistig-seelisches Wesen zu werden, dass man dasjenige, was man sonst nur im Einschlafen tut — aus seinem Leibe herausgehen —, dass man das bewusst in solchen Zuständen, die man willkürlich herbeiführt, tut.
[ 29 ] Dann, meine sehr verehrten Anwesenden, erlebt man zunächst ein allgemeines Weltgefühl, möchte ich sagen. Man weiß nicht mehr zunächst, als dass es ein Dasein des eigenen Geistig-Seelischen außerhalb des physischen Leibes gibt. Aber indem man das Meditieren immer weiter und weiter treibt, gelangt man ja dazu, in das Denken selber, in die Gedankenwelt, in die Gedankentätigkeit eine solche innere Lebendigkeit hineinzubringen, wie sie sonst nur vorhanden ist in dem sinnlichen Wahrnehmen. Das sinnliche Wahrnehmen liefert uns satte Farben, vollinhaltliche Töne. Das Denken liefert uns zunächst nur Abstraktes. In dem Meditieren erlangt man die Möglichkeit, gerade so im Denken [wie] im äußeren Anschauen zu weilen, wie man sonst in der äußeren Sinneswahrnehmung weilt. Damit aber wird das Denken seiner Abstraktheit vollständig entledigt, und es verläuft das Denken nun in einer Bildhaftigkeit.
[ 30 ] Wenn man will, kann man diese Bildhaftigkeit, die man jetzt erlebt, vergleichen mit dem Träumen. Nur dass man beim Träumen immer weiß: Man lehnt sich an an seine Körperlichkeit. Man erlebt innere körperliche Zustände im Träumen, oder man erlebt Reminiszenzen, Erinnerungen aus dem irdischen Dasein. Jetzt aber hat man Bilder vor sich durch die Errungenschaft des Meditierens, die äußerlich angeschaut wie webende Träume sind, von denen man aber weiß: Man hat sie nicht wie die gewöhnlichen Träume anzuschauen, sondern wie die gewöhnlichen Sinneswahrnehmungen. Wie man durch eine Sinneswahrnehmung weiß, dahinter ist ein Ding, so weiß man jetzt, wo man sich in voll wachem Zustande — nicht im Traumbewusstsein, sondern im voll wachen Zustande die Möglichkeit geschaffen hat, in einer Denktätigkeit, die zu gleicher Zeit bildformende Tätigkeit ist —, in einem solchen Zustande sich befindet, jetzt weiß man: Wie sonst hinter dem, was deine Augen wahrnehmen, was deine Ohren hören, äußerlich sinnlich-physische Dinge sind, so sind jetzt hinter deinen Bildern, die du auf diese Weise erlebst, geistige Realitäten. Man steht noch nicht in der geistigen Welt drinnen, aber man weiß, hinter diesen Bildern ist eine geistige Welt. Man weiß nur, man ist selbst außerhalb seines Leibes, und man ist real, man ist ein Wesen, man hat ein Sein. Und man weiß, man ist ausgefüllt mit einer Bilderwelt.
[ 31 ] Ich habe schon das letzte Mal gesagt: Diese Bilderwelt gibt einem zunächst in einem großen Tableau den eigenen Lebenslauf seit der Geburt, seit man im Erdendasein ist, aber nicht in Form von bloßen Erinnerungen, sondern in Form desjenigen, was an ihnen geschaffen hat, was in den ersten Kindheitsjahren das noch unausgebildete Gehirn plastisch gemacht hat, was im ganzen Organismus geschaffen hat, was von Tag zu Tag die Nahrungsmittel, die man von außen isst, umwandelt in die Substanz des Leibes. Alles dasjenige, was in uns wirkt, alles dasjenige aber auch, was aus dem Leibe aufsteigt als Seelisches, alles dasjenige steht in einem großen Tableau zunächst durch diese Bilderwelt vor uns.
[ 32 ] Das ist das Erste, was man wahrnimmt durch diese Bilderwelt. Man würde nicht weiterkommen, wenn man das Üben nicht fortsetzen würde. Und es wird so fortgesetzt, dass man sich die Kraft erwirbt, wie man sich zunächst in Liebe in seine Seele hereinversetzt hat Gedanken, die zu Bildern geworden sind, von denen man weiß, sie wurzeln in einer geistigen Welt, so muss man sich jetzt die Fähigkeit erwerben, diese Bilder wieder zu unterdrücken, um das Bewusstsein völlig leer zu machen. Dadurch erstarkt allmählich das ganze menschliche Bewusstsein. Diejenigen, die immer ihre recht kritischen Einwände gegen die hier vertretene anthroposophische Geisteswissenschaft machen, die sagen: Vielleicht ist das alles, was der sagt, nur auf Autosuggestion beruhend, ist im Grunde genommen nur dasjenige, was phantastisch aufsteigende Träume sind. Derjenige, der so spricht, weiß eben nicht, dass es sich handelt bei denjenigen Methoden, die hier geschildert sind — und die bestehen in echtem besonnenem Meditieren —, dass es sich dabei handelt nicht um ein Herabstimmen, Herabdämpfen des Bewusstseins, sondern dass es sich dabei um ein viel Klarer-Werden, Heller-Werden des Bewusstseins handelt. Wenn ich einzelne Erlebnisse schildern soll dieses erhellten Bewusstseins, neben dem das andere Bewusstsein durchaus vorhanden bleibt, so könnte ich etwa Folgendes sagen: Für denjenigen Menschen, der ausgebildete Augen hat, wie die meisten Menschen eben, für den wird das Licht wahrnehmbar, wenn morgens die Sonne aufgeht. Er sieht die sinnlich-physischen Dinge um sich herum durch die Sonnenstrahlen, welche auf sie geworfen werden und welche zu ihm zurückkommen. Er sieht die Dinge durch das Licht, das außen ist und in das er selbst hineingestellt ist.
[ 33 ] Indem wir in dieser Weise, wie ich’s geschildert habe, eine Bilderwelt durch ganz exakte Methoden in uns ausbilden, Methoden — Sie finden sie in den genannten Büchern geschildert —, die so exakt sind wie nur irgendeine mathematisch exakte Untersuchung, indem wir solche Bilder in uns entwickeln, kommen wir dazu, nicht bloß angewiesen zu sein nun auf ein äußeres Licht zum Beispiel, sondern wir erleben innerlich, indem wir uns selber erleben, indem wir uns hineingestellt fühlen mit unserem Geistig-Seelischen außerhalb unseres Leibes in eine Geistwelt, fühlen wir mit unserem Sein verbunden ein Licht. Wir leben und weben im Lichte, und das Licht ist nicht nur etwas, was äußerlich die Dinge uns sichtbar macht, wie das in der Sinneswelt der Fall ist, sondern wir selber werden zum Lichte, zum Ausstrahlen des Lichtes. Dadurch machen wir uns selber die geistigen Wesenheiten sichtbar. Zuerst erleben wir sie in Bildern; aber die Bilder sind innerlich durchleuchtet. Daher darf nicht im nebulosen Sinne [gesprochen werden] — ich habe das schon am Dienstag angedeutet —, sondern in einem exakten Sinne, aus dem heraus man ebenso sprechen kann, wie man exakt über Mathematik spricht, von dem, was sich der Geistesforscher aneignet: exakte Clairvoyance, exaktes Hellsehen.
[ 34 ] Derjenige, der das zusammenbringt mit irgendetwas Mediumhaften, mit irgendetwas, das man im gewöhnlichen Leben auch oftmals Hellsehen nennt, und was alle möglichen scharlatanhaften Okkultismen treibt, der weiß eben nicht, dass derjenige, der zum Beispiel in eine Autosuggestion kommt, während er ganz drinnensteckt in der Autosuggestion, ein herabgestimmtes Bewusstsein hat. Das Bewusstsein, das hier gemeint ist als ein hellseherisches, ist nicht herabgestimmt gegenüber dem gewöhnlichen Bewusstsein. Das gewöhnliche Bewusstsein bleibt voll aufrechterhalten und das andere kommt dazu, sodass man nicht etwa weniger bewusst, weniger besonnen ist als im gewöhnlichen Leben, sondern eben besonnener ist. Man soll fragen erst, ob derjenige, von dem hier als Geistesforscher gesprochen worden ist, über naturwissenschaftliche Dinge nicht ebenso reden kann wie diejenigen, die ablehnen dieses exakte Hellsehen! Er kann das. Da er das kann, was die anderen können, und nur dazukommt dasjenige, was eben die exakte Clairvoyance gibt, so kann man aus Willkür zwar diese exakte Clairvoyance ablehnen, man kann aber nicht sagen, dass es irgendetwas ist, was einem die gewöhnliche Besonnenheit nähme, oder was einen hinausführe aus dem, was einen zum Beispiel als Naturforscher fest in die Welt hineinstelle. Weder von der Lebenspraxis noch von der besonnenen Forschung wird man abgeführt dadurch, dass man zum Behufe der Erkenntnis des Geistes der Welt in diese exakte Clairvoyance eintritt.
[ 35 ] Bringt man es auch noch dahin, die Bilder nicht nur kommen zu lassen durch die entsprechende Meditation, sondern sie jederzeit hinwegzuschaffen, sodass man leeres Bewusstsein hat, dann dringt herein, so wie sonst der Atem in unsere Lunge hereindringt, eine geistige Welt; ich sage, wie der Atem in unsere Lunge hereindringt. Ich könnte, wenn ich den Vergleich weniger genau sagen würde, auch sagen, wie sonst die Farbe in unser Auge, die Töne in unser Ohr eindringen; allein dann wäre der Vergleich etwas weniger genau. Es ist so, dass, wenn wir sinnlich wahrnehmen in der äußeren physischen Welt, diese Wahrnehmungen eben viel weniger lebendig an uns herantreten als dasjenige, was wir nun im leeren Bewusstsein erleben. Wir erleben das so stark, dieses Hereindringen des Geistes der Welt, wie wir sonst eben das Atmen unbewusst erleben. Aber wie das Atmen eben lebendig in uns ist, nicht bloß mit jener Schattenhaftigkeit, mit der wir die Farben, die Töne haben, so ist dasjenige, was wir nun geistig erleben, wenn wir uns so weit, bis zur exakten Clairvoyance, aufgeschwungen haben, wie ich es beschrieben habe, so ist das unmittelbares Erlebnis.
[ 36 ] Aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, dieses unmittelbare Erlebnis würde uns auf halbem Wege stehen lassen. Wir würden Bilder haben. Wir würden, wenn wir die Bilder verschwinden lassen können in der geschilderten Weise, wissen: Draußen ist ein Weben und Leben im Geiste. Aber wir wüssten nur ganz im Allgemeinen von diesem Weben und Leben im Geiste. Denn das Merkwürdige ist: Wir nehmen dasjenige, was jetzt als Weben und Leben im Geiste auftritt, wir nehmen es nicht wahr so, wie wir sinnliche Dinge wahrnehmen, dass wir uns sagen: Wir stehen da und die Dinge sind draußen, sondern wir fühlen uns in der ganzen Welt jetzt drinnen. Wir haben gewissermaßen unser eigenes Dasein über die ganze Welt ausergossen. Wir fühlen uns eins mit der Welt. Wir sind außerhalb unseres Leibes gezogen, haben unser Leben, ich möchte sagen außerhalb unseres Leibes als geistig-seelisches Wesen zum Erwachen gebracht und fühlen uns außerhalb unseres Leibes eins mit der ganzen Welt, die wir früher von außen angeschaut haben, die wir jetzt innerlich erleben, wie wir sonst das Blut, die Tätigkeit unserer Organe innerhalb unserer Haut erleben. Unser Bewusstsein ist aus einem Persönlichkeitsbewusstsein ein kosmisches Bewusstsein geworden.
[ 37 ] Man erlebt nicht den Geist der Welt — meine sehr verehrten Anwesenden — anders, als dass man zunächst ihn als ein innerliches Erfühlen erlebt. Und sehen Sie, wenn man dasteht in der gewöhnlichen physischen Welt mit demjenigen, was man als gewöhnliches Bewusstsein hat, dann kommen einem die Erkenntnisrätsel. Diese Erkenntnisrätsel, sie gehen gewöhnlich dahin, dass man das Innere der Dinge kennenlernen möchte. Man wird sich bewusst: Du schaust die äußere Oberfläche der Dinge an, du möchtest das Innere kennenlernen. Wir wissen, wie die Naturwissenschaft sich dieses Innerliche als Atomwirkung konstruiert, wie andere Leute das anders tun. Aber man möchte in das Innerliche hineindringen. Oder aber man konstruiert Theorien, dass das eben unmöglich ist dem menschlichen Erkenntnisvermögen. Jedenfalls aber fühlt man sich außerhalb der Dinge, und man fühlt sich mit dem, was man im Erkennen hat, so, dass man heranmöchte an die Dinge. Dann erst, sagt man sich, dann kann man ein Bild von dem Dasein der Dinge gewinnen, wenn man herankommt an die Dinge. Ist man im Geiste der Welt drinnen außerhalb seines Leibes, wie ich beschrieben habe, ist Erkenntnis überhaupt etwas ganz anderes.
[ 38 ] Zunächst hat man nur Bilder. Bilder sind da. Und derjenige wäre ein Narr, der sich vorstellt, dass die erste Form, die er erhält, etwas anderes wäre als Bilder — Bilder allerdings einer geistigen Welt, aber Bilder. Hat man diese Bilder fortgeschafft, ist das leere Bewusstsein eingetreten, dann fühlt man sich in einer geistigen Welt. Aber ebenso wenig, wie man in der gewöhnlichen Welt die Lunge, den Magen, das Herz sieht, ebenso wenig sieht man dasjenige, was man jetzt als den Geist der Welt wie sein eigenes Inneres im kosmischen Bewusstsein erlebt. Man sieht es noch nicht. Man weiß, man hat es in sich, es ist in einem, aber man sieht es noch nicht. Und während man sonst an die Dinge im physischen Erkennen herankommen will, tritt jetzt das Gegenteil ein, und man will die Dinge losbekommen, man will sich von ihnen trennen und man will sie wieder zu Bildern machen. Man hat gelernt das Entstehen-Lassen von Bildern, die rein innerliches Gedankenweben, aber mit der Bildlebendigkeit, haben. In [ein] solches Bildertableau will man das hereinbringen, was man innerlich erlebt. Man will das, was man zunächst im [kosmischen Bewusstsein] hat, als Bildertableau in sich erfassen. Man will die Dinge hinausstellen. Während man im physischen Erkennen sie hereinführte im Erkennen, will man jetzt dasjenige, was man in sich trägt, hinausschaffen, sodass man den Kosmos um sich hat in Imaginationen, in Bildern.
[ 39 ] Beim physischen Erkennen hat man zuerst das innere Denken, dann tritt man an den Gegenstand heran. Man nimmt das Objekt auf. Beim übersinnlichen Erkennen des Geistes der Welt hat man zunächst das Objekt in sich und man sucht das Bild draußen. Man sucht die Welt sich vergegenwärtigen zu können als das Tableau desjenigen, was man eigentlich in sich trägt.
[ 40 ] Diese Stufe der Erkenntnis, meine sehr verehrten Anwesenden, erlangt man nicht, ohne dass man fortschreitet zu Willensübungen, wie ich sie auch am letzten Dienstag beschrieben habe, zum Beispiel zu jener Willensübung, wo man dasjenige, was man erst immer nach vorwärts denkt, nach rückwärts denkt, zum Beispiel die Erlebnisse eines Tages vom Abend gegen den Morgen rückwärts denkt, sodass man durch das im Willen lebende Denken losreißt das Denken von der äußeren Realität. Oder auch, dass man strenge Willenszucht übt, sodass man zu seinen alten Gewohnheiten neue hinzufügt oder auch aus alten Gewohnheiten sich herausreißt und sich Gewohnheiten — nicht im üblen Sinne ist das gemeint — einbildet, sodass man wirklich im Laufe seines Lebens, was sonst nur das Leben aus einem macht, einen anderen Menschen aus sich macht, dass man sozusagen seine Selbsterziehung mit aller inneren Energie in die Hand nimmt.
[ 41 ] Wiederum finden Sie Übungen darüber mitgeteilt in den genannten Büchern, ich will jetzt nur darauf hindeuten, dass, wie man innerhalb der Meditation das Denken schult, sodass man außerhalb des [Leibes] leben kann mit seinem Geistig-Seelischen, so kann man den Willen schulen. Und durch diese Schulung des Willens kommt man dahin, jetzt gegenüber seinem Mitmenschen eines zu erleben noch, dass ein Aufstieg in die geistigen Welten — sodass sie einem auch bildhaft, objektiv werden — [möglich] ist. In einem bestimmten Stadium dieser Willensbildung tritt nämlich das ein, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man sein eigenes Dasein ganz getaucht in tiefsten Schmerz, Leid, Entbehrung, Kümmernis, Sorge erblickt. Ich gebrauche diese Worte, um den Zustand, den der Geist-Erkenner einmal durchmachen muss, weil er ein moderner Mensch ist und sich nicht anlehnen kann an einen Guru wie in der alten Zeit; ich gebrauchte dieses Wort gerade, um annähernd dasjenige darzustellen, das durchzumachen ist: Kummer, Sorge, Schmerz, Leid. Das bedeutet erst die völlige Trennung von dem physischen Leibe. Der Mensch ist nur dadurch während des physischen Lebens in einer Art Wohlbefinden, dass er in seinen physischen Leib [in] seinem Geistig-Seelischen untergetaucht ist, wenn er wachend lebt. Und er wird dadurch bewahrt davor, allnächtlich im Schlafe Schmerz zu empfinden und den Schlaf durchseelt von Leid ertragen zu müssen, dass eben im Schlafe sein Bewusstsein erlischt. Jetzt aber treten wir aus unserem Bewusstsein im höheren Erkennen in bewusster Weise; und indem wir nicht nur den Gedanken, sondern auch den Willen außerhalb des Leibes herbeiführen, erwacht im Geistig-Seelischen tiefster Schmerz. Man fühlt, der Leib fehlt einem im innerlichen Erleben. Nicht nur, dass jenes Wohlbefinden aufhört, das ja nur von dem Durchdrungensein in der Seele durch den Leib herrührt, sondern es hört auch auf das Hinneigen, das egoistische Hinneigen zum Leibe; denn durch die Übungen, die man macht, wird man immer selbstloser und selbstloser. Die Liebe muss ja schon im Meditieren entwickelt werden. Dadurch wird der Egoismus ausgetilgt, sonst kommt man überhaupt nicht zu diesem Erleben in Bildern außerhalb des Leibes. Dadurch aber taucht man ein in ein schmerzhaftes Erleben.
[ 42 ] Es ist ja schon im gewöhnlichen Leben so — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass derjenige, der ein wenig nicht zu nüchternen gleichgültigen Erkenntnissen gekommen ist, sondern zu solchen Erkenntnissen, die innerlich mit dem Menschen zusammenhängen, dass der sagen wird, wenn er ehrlich sein will: Für mein Glück im Leben, für mein günstiges Schicksal bin ich dankbar, Erkenntnisse aber hat mir eigentlich nur dasjenige gebracht, was ich gelitten habe. Und so muss ein unsäglicher Schmerz sich zunächst ausbreiten auf dem Boden des außer dem Leibe vorhandenen Bewusstseins, wenn nun in das leer gewordene Bewusstsein hereintaucht die äußere Welt und der Mensch die Kraft gewinnen soll, in vollendeten Bildern objektiv vor sich hinzusetzen dasjenige, was Geist der Welt ist.
[ 43 ] Dann aber — meine sehr verehrten Anwesenden —, dann steht man vor diesem Geiste der Welt, betrachtet ihn in Bildern, und es stellt sich jetzt für dieses außen erwachte Bewusstsein etwas ein, was ich vergleichen möchte mit der gewöhnlichen Erinnerung, nur dass es gewaltiger, grandioser und eben von ganz anderer Art ist. Im gewöhnlichen Leben erinnern wir uns durch Gedanken an die Erlebnisse, die wir durchgemacht haben. Wir haben vor zehn Jahren dieses oder jenes Erlebnis durchgemacht. Heute erleben wir dieses Erlebnis im Gedächtnis oder aus dem Gedächtnis. Es ist auf innerlich seelische Art in uns. Indem wir uns zu dem außer-leiblichen Bewusstsein aufgeschwungen haben und so die Welt anschauen, wie ich es geschildert habe, so ist in diesem Anschauen etwas vorhanden, was ich nun auch eine Art Erinnerung nennen möchte, nämlich die Erinnerung an dasjenige, was wir in der physischen Welt selber sind. Wir sind allerdings besonnen; wir können uns ganz gut wie der besonnenste Mensch in der physischen Welt benehmen; aber zu gleicher Zeit wird uns innerhalb dieser Bilderwelt unser eigener Leib zum Bilde, und die Dinge der Außenwelt, Mineralien, Pflanzen, Tiere, physische Menschengestalten, sie werden uns zum Bilde; innerhalb der Bilderwelt erscheint wie in einer kosmischen Erinnerung diejenige Welt wieder, in der wir waren, als wir nur sinnlich bewusst waren. Und dadurch orientieren wir uns, meine sehr verehrten Anwesenden, dass das so ist.
[ 44 ] Wir haben hier in der physischen Welt die Sonne erlebt. Wir erleben in der geistigen Welt, in die wir uns auf die geschilderte Art hineingefunden haben, wiederum etwas, geistige Wesenheiten, Wesenheiten, die jetzt inneres Leben haben, aber ein solches Leben, das nicht wie der Mensch eine äußere physische Körperlichkeit hat, wir erleben geistig-seelisch göttlich-geistige Wesenheiten, die nicht in der physischen Welt verkörpert sind. Und wir erleben sie so, dass wir das neue Erlebnis auf ein altes Erlebnis beziehen wie in unserem Gedächtnisse wir irgendetwas auf ein Erlebnis vor acht bis zehn Jahren beziehen, so beziehen wir das, was wir da drüben erleben in der geistigen Welt, in die wir eingetreten sind, auf das physische Sonnenerlebnis hier. Wie eine Erinnerung steht unter den Bildern, die wir da erleben, auch das physische Sonnenerlebnis da. Und wir wissen dadurch: Die Sonne ist das äußere Abbild von geistig-göttlichen Wesenheiten, wie unser eigener Körper das Abbild unserer eigenen Seele ist. Wir schauen nunmehr dasjenige, was an Kräften, aber an Kräften, die selber geistige Wesen sind, hinter der Sonne steht. Das erscheint dem heutigen Menschen grotesk, phantastisch. Es ist nicht phantastischer als die Ergebnisse der Elektrizitätslehre oder des Magnetismus.
[ 45 ] Man muss nur sich genau unterrichten über die Art und Weise, wie der Geistesforscher zu diesen Dingen kommt, und man wird das nicht mehr phantastisch finden, sondern so exakt und realistisch finden, wie nur eine mathematisch-naturwissenschaftliche Untersuchung zu naturwissenschaftlichen Ergebnissen führt. Aber man erlebt eben auch tatsächlich Vorgänge innerhalb dieses Erinnerns an die physische Welt und des Anschauens der entsprechenden geistig-seelischen, der göttlich-geistigen Wesenheiten. Bleiben wir zum Beispiel stehen bei dem, was sich uns da enthüllt an geistig-seelischen Wesenheiten, ich möchte sagen hinter der Sonne, was sich uns enthüllt als das Geistig-Seelische der Sonne, als Sonnengeist.
[ 46 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, indem wir so weit vorgedrungen sind mit unserem Erkennen des Geistes der Welt, gelangen wir auch dazu — ich habe schon eine andere Seite dieser Erkenntnis am letzten Dienstag geschildert —, uns nicht nur an unser Dasein zu erinnern, wie wir es durchlebt haben seit unserer Geburt oder einige Zeit hinterher, sondern wir lernen zurückschauen in unser vorirdisches Dasein, wie wir als Geistig-Seelisches, das ja jetzt frei geworden ist in seinem Erleben vom Leibe, wie wir als Geistig-Seelisches in einer geistig-seelischen Welt waren. So, wie wir hier der äußeren physischen Sonne gegenüberstehen, so waren wir in einem vorirdischen Dasein in einer rein geistigen Umgebung, aber im Zusammenhange jetzt mit dem, was dem physischen Sonnenlichte geistig entspricht. Wie uns hier auf Erden die physische Sonne bestrahlt, so standen wir in unserem vorirdischen Dasein in einem Verhältnis zu den göttlichen Sonnenwesen, die uns nicht mit physischem Lichte bestrahlten, die aber ihre eigene Tätigkeit mit unserer damaligen Tätigkeit verbanden, sodass wir im Geistig-Seelischen uns eingehüllt fanden in geistige Sonnenwirkung, wie wir uns hier im physischen Dasein bestrahlt fühlen von physischer Sonnenwirkung. Und in einem gewissen Momente unseres Keimeslebens — das lernen wir erkennen — stiegen wir herunter aus dem vorirdischen, rein geistig-seelischen Dasein, verbanden uns mit demjenigen, was uns durch Vater und Mutter zukommt als physischer Menschenleib. Wir vereinigten dasjenige, was wir erlebt haben unter dem Einflusse der Tätigkeit der Sonnenwesen, mit dem physischen Leibe. Wir tauchen unter in diesen physischen Leib, durchseelen, durchgeistigen ihn. Dasjenige, was in uns Sonnentätigkeit war, das wird zu dem uns durchseelenden ätherischen Leibe, der als ein feiner Leib in uns ist, und das regt an unsere Fähigkeit, nun das physische Sonnenlicht zu entzünden und durch es die Farben zu schauen.
[ 47 ] Kurz, wir lernen, indem wir den Geist der Welt kennenlernen, lernen wir uns selber real bestehend innerhalb dieses Geistigen der Welt kennen, schauen hinaus über unsere Geburt oder unsere Empfängnis in unser Ewiges, das heißt geistiges Dasein, das sich als GeistigEwiges uns enthüllt, weil wir jetzt wissen: Indem wir in dem geistigen Gegenbilde des physischen Sonnenlichtes waren, nahmen wir erst dasjenige auf, was unseren physischen Leib durchkraftet und mit Tätigkeit durchdringt im physischen Leben. So, wie wir das physische Sonnenlicht hier aufnehmen, so nahmen wir dort das geistige Sonnenlicht in unsere Tätigkeit hinein und bereiteten unser Erdenleben selber vor. Unser Erdenleben ist unser Geschöpf, nicht dass dasjenige, was geistig-seelisch in uns lebte, bloß das Geschöpf unseres Erdendaseins wäre. So lernt man allmählich sich wirklich erkennend hineinleben in den Geist der Welt.
[ 48 ] Oder nehmen wir ein anderes Beispiel, meine sehr verehrten Anwesenden. Man lernt erkennen — ebenso wie hinter der physischen Sonne das Geistige — auf die geschilderte Weise hinter dem physischen Mond die Mondenwesen. Sie enthüllen sich einem gerade als dasjenige, zu dem man sich hingerungen hat durch die Entwicklung des Willens. Sodass man dasjenige, was man innerlich erlebt, erlebt durch die Kraft der Sonne, dass man das in Bildern vor sich stellen kann. Die geistigen Wesenheiten, die Wesenheiten der geistigen Welt, welche im physischen Monde und seiner Tätigkeit, seiner Wirksamkeit im Raume ihr Abbild haben, die befähigen uns auch vor unserer Geburt oder Empfängnis dazu, nicht nur zu erleben dasjenige, was geistige Umwelt ist, sondern bewusst zu erleben, wie wir hier in der exakten Clairvoyance wissen, dadurch, dass wir gewissermaßen nicht nur das physische Sonnenlicht durch unser Auge empfangen, sondern dasjenige, was geistig in der Kraft des Sonnenlichtes wirkt, einsaugen, dass wir dadurch unbestimmt erleben im Geiste der Welt; dass wir aber dasjenige, was wir erleben, wie unser kosmisches Innere, abbilden können, das verdanken wir da den Kräften, die die geistigen Mondenkräfte sind. Und die geistigen Mondenkräfte sind es auch, die uns immer wiederum in das physische Erdendasein hereinbringen.
[ 49 ] So ist es — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass der Mensch erlebt die geistigen Gegenbilder desjenigen, was in der Sonne, im Monde, was auch in den Sternen erstrahlt äußerlich-physisch. Überall kommt man durch exakte Clairvoyance und durch jene Willensbildung, die ich bezeichnen möchte als ideelle Magie — um sie zu unterscheiden von alldem Scharlatanhaften, mit dem man sie so gerne heute verwechselt und das sich heute so groß macht in der Welt —, durch dieses, was ich also nennen möchte Gedankenausbildung auf der einen Seite bis zur exakten Clairvoyance, was ich auf der anderen Seite nennen möchte Ausbildung des Willens bis zur idealsten Magie, durch das gelangt man zum Erkennen des Geistes der Welt, zunächst nicht religiös, sondern durchaus wissenschaftlich.
[ 50 ] Man gelangt auf diese Weise dazu, in demjenigen, in dem man sich eigentlich unbewusst jede Nacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen befindet, in dem zu erkennen den Keim desjenigen, was durch die Pforte des Todes hinaustritt, wenn eben der Mensch durch diese Pforte des Todes tritt. Und indem unser physischer Leib eingegliedert ist in die amoralische Natur, lernt man erkennen dasjenige, was man ist, wenn man außerhalb des Leibes im Schlaf ist, als — ich kann jetzt nicht sagen, Verkörperung, aber ich muss sagen: Verseligung —, als die Verseligung, die Vergeistigung desjenigen, was wir als moralische Wesenheit in der Welt wert sind, und desjenigen, was in uns lebt als religiöse Empfindung vom Göttlich-Geistigen, das die Welt durchdringt. Im physischen Leib ist unser Geistig-Seelisches in das Naturhafte eingeschlossen wie in eine Finsternis; wird uns durchsichtig dasjenige, was wir erleben, indem wir als Geistig-Seelisches außerhalb unseres Leibes sind vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da ist alles dasjenige drinnen, was wir moralisch betätigt haben, da ist unser moralischer Wert drinnen, der geht durch die Pforte des Todes. Und indem man so den Geist der Welt kennenlernt, wie ich es geschildert habe, lernt man auch erkennen, dass alles dasjenige, was wir physisch anschauen — die Physik sagt es ja sogar heute schon —, einstmals im Wärmetod verschwinden wird, dass alles Äußerlich-Materielle vergänglich ist. Dasjenige aber, was sich der Mensch erwirbt als einen Geistkeim, der unbewusst ist im Schlaf, der bewusst wird in der exakten Clairvoyance, das ist dasjenige, was überdauert alles das, was wir an Mineralien, Pflanzen, Tieren, Sternen, Wolken und so weiter um uns herum sehen, das ist dasjenige, wodurch der Keim gelegt wird zu einer Zukunftswelt.
[ 51 ] Wir lernen die Realität, die real werdende Kraft des Moralischen kennen. Wir lernen erkennen, ebenso wie der Botaniker in dem Keim der heutigen Pflanze die Pflanze des nächsten Jahres, so lernen wir erkennen dadurch, dass wir unser Geistig-Seelisches in seiner Verbindung mit unserer moralischen Qualität kennenlernen, das in der jetzigen Welt liegende Keimhafte für die zukünftigen Welten. Das heißt, wir bereiten durch unser moralisches und religiöses Leben Zukunftswelten vor, wenn die jetzigen verschwunden sein werden. Dadurch lagert sich auf unsere Seele ein Verantwortlichkeitsgefühl denkbar größter Art, denn wir wissen: Was wir moralisch ausbilden, was wir moralisch betätigen, das scheint heute noch bloß einem abstrakten Menschenurteil zu unterliegen; in Wirklichkeit ist es der Keim von Zukunftswelten.
[ 52 ] Und indem wir erkennen lernen unsere eigene Unsterblichkeit — das heißt die Fähigkeit desjenigen, was außerhalb des Leibes vom Einschlafen bis zum Aufwachen da ist, was durchgeht durch die Pforte des Todes, um so, wie es im vorirdischen Dasein real gelebt hat, im nachirdischen Dasein real zu leben in einer geistigen Welt, in einer geistigen Umgebung —, so, wie wir unsere eigene Unsterblichkeit erkennen, so lernen wir die Ewigkeit der Welt kennen, wissen, dass die gegenwärtige Welt die verfestete, verdichtete geistige Welt der Vorzeit ist, und wissen, dass in der verfesteten Welt, die wir heute als Natur anschauen, indem diese Natur aus sich den physischen Menschen hervorgehen lässt, innerhalb des physischen Menschen sich bildet der geist-seelische Menschenkeim, der neue Welten schaffen wird.
[ 53 ] Durch das alles, meine sehr verehrten Anwesenden, gelangt dann der moderne Mensch dazu, bloß mit jener Anleitung, auf die ich schon hingedeutet habe, nicht unter der Abhängigkeit eines Gurus, wie das in alten Zeiten der Fall war, Erkenntnisse des geistigen Wesens der Welt wirklich zu gewinnen. Der Ausgangspunkt ist nur der, wie ich angedeutet habe, und wie ich es schon gegeben habe in meiner «Philosophie der Freiheit» vor dreißig Jahren, der Ausgangspunkt ist der, dass man zunächst die wahre Natur des Moralischen im Menschen erkennt, wie sich dieses Moralische als das Individuellste in der Menschennatur, gewissermaßen als der geistig-seelisch wache Mensch selber in das reine Denken hineinergießt.
[ 54 ] Bildet man dann diejenige Methode aus, die ich in der «Philosophie der Freiheit» als die moralische geschildert habe, bildet man sie aus für das Erkennen des Universums, so wird diese exakte Clairvoyance idealistische Magie, wird zum Eindringen in die Erkenntnis des Geistes der Welt, und damit auch der Ewigkeit des menschlichen Wesenskernes. Dass damit auch in Verbindung ist das Bewusstsein der wiederholten Erdenleben, das will ich nur nebenbei erwähnen. Es tritt auf in derjenigen Zeit, in der die Möglichkeit auftritt, ins vorirdische Dasein hineinzuschauen. Wenn wir da hineinschauen, wie wir da drinnen weben und leben, so wie wir hier unter den Naturerscheinungen als physische Menschen schaffen, wie wir da als geistig-seelische Menschen weben und leben, da finden wir auch, wie wir dieses Leben herübergebracht haben aus früheren Erdenleben, wie wir es durch den Tod in künftige Erdenleben hineintragen werden. So ist dasjenige, was erreicht werden kann durch exakte Clairvoyance, durch idealistische Magie.
[ 55 ] Das ist, meine sehr verehrten Anwesenden, zunächst ein rein Wissenschaftliches, die geistige Fortsetzung desjenigen, was sich der moderne Mensch angeeignet hat gerade durch die Kraft des naturwissenschaftlichen Denkens. Aber es schwingt sich auf zu einem religiösen Empfinden. Und dieses religiöse Empfinden, ich möchte es Ihnen noch in ein paar Schlussworten gerade in Anlehnung an das gewaltige Mysterium, das sich auf Erden abgespielt hat zu Golgatha, ich möchte es Ihnen in Anlehnung an die Durchdringung des irdischen Menschenlebens mit dem Christus-Impuls noch schildern.
[ 56 ] Wenn wir, ausgerüstet mit jenen Erkenntnissen von dem geistigen Wesen der Welt, von denen ich eben gesprochen habe, herangehen an die Betrachtung des Mysteriums von Golgatha, so wird uns klar, dass, wenn wir in die Zeiten schauen vor dem Mysterium von Golgatha, da waren im Grunde genommen alle Erkenntnisse über die übersinnlichen Welten so errungen, wie ich es heute im Anfang der Auseinandersetzungen geschildert habe. Sie waren errungen durch das lebendige Verhältnis des Chelas zum Guru. Im Grunde genommen sind unsere jetzigen Religionsbekenntnisse nur traditionelle Nachzügler desjenigen, was in solcher Weise die alten Schüler von ihrem Guru gelernt haben.
[ 57 ] Wie hat man dazumal in die geistige Welt hineingeschaut? Die Menschen haben auch dazumal die Natur um sich gesehen, aber nicht eine eigentliche Naturwissenschaft gebildet; wenn sie Erkenntnisse haben suchen wollen, so gingen sie eben zum Guru. Der Guru, der wies für sie zurück in die Zeiten des Erden-Urbeginns, wo die ältesten Gurus gelernt hatten von göttlich-geistigen Wesenheiten dasjenige, was dann die späteren Gurus im Grunde genommen sich angeeignet haben, um es ihren Schülern zu überbringen. Da wurde nun zurückgewiesen auf Urzeiten, auf Urzeiten, in denen noch nicht eine solche Trennung des irdischen Lebens und des geistigen Lebens war wie später. Der Mensch fühlte gewissermaßen so etwas, wie wenn er, indem er nur in der Natur lebte, abgefallen wäre von dem ursprünglichen Geistigen der Welt, und die Natur selber fühlte er allmählich als einen Abfall von dem geistigen Wesen der Welt. Man sah das Moralische so an, dass man sagte: Wir Menschen sind eben in einer natürlichen Entwicklung das geworden, was wir heute sind. Die Natur selber, die in uns lebt, ist abgefallen von dem Göttlich-Geistigen. Wir müssen uns durch die heiligen Gurus zurückführen lassen zu demjenigen, was die Natur früher war, wo sie nicht nur natürliche Wirkungen zeigte, wo sie durchdrungen war von moralischen Impulsen. Schauen wir in die ältesten Zeiten zurück, dann finden wir dort überall nicht eine bloße moralische Natur, dann finden wir dort überall einen Geist in der Natur. Zu dem hat sich der religiöse Sinn hingewendet, zu dem kann er sich nicht im Glauben, sondern in voller Erkenntnis hinwenden.
[ 58 ] Aber durch jene ältere Erkenntnis, die ein traumhaft entwickeltes Hellsehen war, wie ich es hier geschildert habe, durch jene ältere traumhafte Hellseherkunst sah der Mensch auch auf sein vorirdisches Dasein hin. Und gerade deshalb, weil der Mensch in jenen älteren Zeiten, die weiter dem Mysterium von Golgatha vorangingen — diejenigen Zeiten, die unmittelbar vorangingen, hatten das schon nicht mehr, es waren schon die älteren Erkenntnisse abgedämmert —, aber in jenen älteren Zeiten hatten die Menschen etwas in sich, das sie so in sich erlebten, wie sonst nur der Mensch die Natur erlebt; so erlebte der Mensch etwas in sich aufsteigen, wovon er sich sagte: Das habe ich von meinem vorirdischen Dasein. Weil die Menschen so etwas hatten, konnten sie dieses tiefe Vertrauen zum Guru haben. Und dann sagte ihnen der Guru auch: Ja, aber ihr seid versetzt in die physischirdische Welt; ihr geht durch den Tod wiederum in die geistige Welt ein. Ihr lebt hier auf Erden in einer Welt, die abgefallen ist von dem Geistigen; da drüben wird euch begegnen vor allen Dingen dasjenige Wesen, dessen physisches Abbild die Sonne ist. Das wird euch führen, sodass ihr die Kraft zum Lichte gewinnen könnt, sonst werdet ihr drüben geistig tot.
[ 59 ] Und es war noch etwas geblieben von dieser Urweisheit in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich auf Erden abspielte. Und aus dieser Urweisheit heraus sah man zuerst in den ersten Jahrhunderten den Christus-Impuls und das Mysterium von Golgatha an. Und man sagte: Dasjenige Wesen, das früher nur oben war in der geistigen Welt, das den Menschen herunter entlassen hat in die physische Welt, das seine Führung wieder übernimmt nach dem Tode, dieses geistige Wesen ist heruntergestiegen und hat in dem Menschen Jesus von Nazareth Leib angenommen. Dasjenige, zu dem man hinaufsah in den Zeiten der alten Mysterien-Weisheit als dem hohen Sonnenwesen, dem geistig-göttlichen Gegenbilde der physischen Sonne, dem Führer des Menschen durch alle Tode und alle Leben, von diesem Wesen, das dann das Christus-Wesen genannt wurde, sagten jene, die noch alte Eingeweihte, Initiierte aus den alten Mysterien zur Zeit des Mysteriums von Golgatha geblieben waren, sagten sie, es sei heruntergestiegen. Und weil der Mensch so weit irdisch geworden ist, dass er fortan nicht mehr in Zusammenhang stehen kann mit demjenigen, was im Erdenbeginn noch als Göttlich-Geistiges lebte, ist dieses göttlich-geistige Wesen auf die Erde selber heruntergestiegen, hat Leib angenommen, ist mit der Erde verbunden geblieben. Und die Menschen können nach dem Paulusworte: «Nicht ich, sondern der in mir» — das Ich-Bewusstsein, das Freiheits-Bewusstsein, das sie durch den bloßen physischen Leib ausbilden können, sie können dieses Freiheits-Bewusstsein, dieses Ich-Bewusstsein durchdringen mit ihrem religiösen Verhältnis zu dem Christus, der im Leibe des Jesus von Nazareth durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Dadurch können sie hier durch die Kraft, die sie durch ihre Zusammengehörigkeit mit dem Christus, durch das innerliche fromme Erleben des Christus aufnehmen, dadurch können sie erreichen diejenige Führerschaft auch nach dem Tode, die sie früher auf die geschilderte Weise erreicht haben.
[ 60 ] So wies man in den ersten Zeiten des Christentums hin auf den Christus-Führer, der aus geistigen Welten herabgestiegen ist in die physische Welt. Dieses Bewusstsein hörte allmählich auf, wie die alte InitiationsWeisheit, die Yoga-Weisheit überhaupt aufhörte, und wir Menschen stehen heute da so, dass wir uns heute, wie ich gezeigt habe, von der naturwissenschaftlichen Gesinnung aus den Einblick in die geistige Welt erobern müssen. Wir stehen da mit unserem moralischen Bewusstsein. Wir stehen da mit dem Bedürfnis nach einer göttlichen Welt. Wir können aber auch wissen, so, wie die Alten gesagt haben: Diese Welt ist abgefallen von dem Göttlich-Geistigen, sie ist sündhaft geworden im Menschen, sie ist amoralisch geworden als Natur — so nehmen wir heute die Welt hin, wissen aber, dass dem individuellen Menschen auf individualistische Weise in sein Denken hineindringt mit dem Freiheits-Bewusstsein die moralische Intuition. Wir arbeiten uns hinauf in die Geistwelt zur Erkenntnis der geistigen Welt, und wir wissen, so wie die Alten wussten, sie sind von den Göttern entlassen worden auf die Erde; wir wissen, dass wir durch die freie Kraft des Menschen, die wir herausentwickeln aus dem Irdischen, den Anschluss wiederfinden werden an die göttlich-geistigen Welten.
[ 61 ] Die Alten haben in die Vergangenheit gesehen und diese Erde als ein Abfallen von dem Göttlich-Geistigen der Vergangenheit angesehen. Wir sehen auf die Erde und hoffen für die Zukunft, dass wir aus menschlicher Freiheit heraus die Götter wiederfinden, von denen wir ja wissen, dass sie als Gegenbilder hinter Sonne und Mond, wie ich es geschildert habe, leben. So gibt uns heutigen Menschen, indem wir hinblicken auf das Mysterium von Golgatha und sagen mit den Paulus-Worten: «Nicht ich, sondern es gibt uns dieser Christus-Impuls die Kraft, nun wirklich zu arbeiten.» Denn die entgötterte Erde ist wieder göttlich geworden dadurch, dass der Christus in ihr lebt, indem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Und wir können wissen, wenn wir durch den Aufblick in die übersinnlichen Welten der Christuswesenheit wieder gewiss werden, dass diese Christuswesenheit unser Helfer sein wird in diejenige Zukunft hinein, in die wir durch unseren Geistkeim Realitäten bildend arbeiten müssen. So führt die Geist-Erkenntnis, die hier gemeint ist, wiederum hin von der bloßen Naturerkenntnis zum moralischen Bewusstsein, führt hin zum religiösen Bewusstsein.
[ 62 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wie sich diese Dinge dann in der äußeren Zivilisation ausleben können, welche Bedeutung sie für das heutige praktische Leben gewinnen können, das soll ja noch Gegenstand eines dritten Vortrages sein, den ich morgen hier halten darf unter dem Titel: «Die moralische und religiöse Erziehung vom Gesichtspunkte der Anthroposophie». Hier wollte ich nur zeigen, dass in der Tat dasjenige, das einstmals gesagt worden ist auf ganz andere Art von der uralten Menschenweisheit über die übersinnliche Welt, von den modernen Menschen wiederum gesagt werden kann, dass dieser moderne Mensch, indem er allen Forderungen der heutigen Zivilisation genügt, nicht ein Schwächling wird, indem er sich in Abhängigkeit bringt von einem Guru, sondern gerade auf die starken Kräfte der eigenen Individualität baut, gerade wiederum hineinkommen kann in jene Gebiete, wo Erkenntnisse des geistigen Wesens der Welt zu gewinnen sind. Der Mensch muss nur den Mut haben, dasjenige wieder an sich herankommen zu lassen, was von dem heutigen Geistesforscher kommt. Denn wie die Menschen heute die astrologischen, die biologischen, die physikalischen Erkenntnisse an sich herankommen lassen müssen, so fordert unsere Zeit, dass auch diese geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Kultur und unserem Zivilisationsleben einverleibt werden. Denn dasjenige, wodurch sie errungen sind, ist die starke Kraft des Denkens, die den Menschen nicht nur passiv die Welt anschauen lässt, sondern auch Tugenden gibt, die Selbstzucht, Selbsterziehung des Willens bis zur Überwindung alles Egoismus, bis zum Aufgehen in Liebe zur ganzen Welt, ohne welche ja, wie ich geschildert habe, eine universelle Welterkenntnis im Geiste nicht zu erringen ist.
[ 63 ] Dasjenige, was wir heute erblicken als so viel Niedergangs-Erscheinungen — ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, was die Menschen heute ohne Überschau sein lässt in der physischen Welt —, es kann nur vom Geist, von der Seele aus geheilt werden. Dasjenige — meine sehr verehrten Anwesenden —, was uns heute fehlt, und was unsere Kultur, unsere Zivilisation in eine Sackgasse gebracht hat, das ist die Kraft des Gedankens bis zur Lebendigkeit, das ist die Kraft des Willens bis dahin, wo sie durchdringt die Finsternis des äußeren Sinnendaseins. Durchschauen wir dieses Dasein durch den lebendig gewordenen Gedanken so, dass wir überall, wo wir hintreten, uns als Genossen der geistigen Welt fühlen — und das können wir durch die moderne anthroposophische Geisteswissenschaft —, dann nehmen wir jene starke Kraft des Denkens, dann nehmen wir jene helle Kraft des Willens in unser menschliches Bewusstsein auf, durch die doch allein nur, wie jeder Unbefangene wohl wissen kann, dasjenige gestaltet werden kann, was die Menschheit braucht. Unsere Niedergangskräfte in der Zivilisation zeigen das ganz deutlich, was die Menschheit braucht, um zu Aufgangskräften aus der Gegenwart heraus in die nächste Zukunft zu kommen. Denn das scheint doch jedem einleuchten zu müssen, dass durch bloße äußerliche Institutionen diese Aufgangskräfte in unsere Zivilisation nicht hineinzubringen sind.
[ 64 ] Derjenige, der das erkennt, der müsste eigentlich in sich die Neigung entwickeln, hinzuschauen da, wo man versucht, dasjenige, was durch Äußeres nicht anzufachen ist, innerlich vom Geiste und von der Seele aus anzufachen. Wird es aber angefacht, dann werden wir Kraft, Mut und Vertrauen gewinnen, um im rechten Sinne aus dieser unserer Gegenwart mit ihren schweren Prüfungen in eine Zukunft hinüberzukommen, die zwar auch leidvoll sein wird, die nicht bloß glücklich sein wird für die Menschheit, in der aber die Menschen Glück und Leid in dem Sinne werden ertragen können, dass das Menschengeschlecht in würdiger Weise seine Fortschritte durchmacht in der Gesamt-Entwicklung dieses Menschengeschlechtes und dieser unserer Erde in künftige Zeiten hinein.
