Die anthroposophische Geisteswissenschaft
und die großen Zivilisationsfragen der Gegenwart
GA 80c
6 November 1922, Delft
9. Die übersinnliche Erkenntnis und der Wissenschaft der Gegenwart
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Zuerst meinen herzlichsten Dank für die freundlichen Begrüßungsworte und für Ihre Einladung zu diesem Vortrage. Ich habe mir erlaubt, zu dem Thema der heutigen Darstellung die Beziehung der von mir vertretenen Richtung in übersinnlicher Erkenntnis zu der Wissenschaft der Gegenwart zu machen. Die Einwände, die gegen die Möglichkeit übersinnlicher Erkenntnisse überhaupt — und insbesondere auch gegen jene Richtung der übersinnlichen Erkenntnis, die ich vorzubringen gedenke und die gerade auf wissenschaftliche Methodik hinarbeitet —, die Bedenken, die vorgebracht werden, richten sich vorzugsweise darauf, dass man der Meinung ist, übersinnliche Erkenntnis widerspreche überhaupt der wissenschaftlichen Forschungsmethode und der eigentlichen Aufgabe des wissenschaftlichen Denkens.
[ 2 ] Nun möchte ich auf eines hinweisen, zunächst historisch. Ich möchte darauf hinweisen, dass eine solche übersinnliche Erkenntnis, wie sie gerade durch Anthroposophie angestrebt wird, eigentlich erst ein Ergebnis gerade unserer Zeit, unserer Zivilisation sein kann, und zwar aus dem Grunde, weil diese unsere Zeit — und ich meine damit etwa die letzten drei bis vier Jahrhunderte bis herauf zur Gegenwart —, weil diese unsere Zeit erst dasjenige hervorgebracht hat, was man eine vollkommene Erkenntnisart der Sinnenwelt nennen kann.
[ 3 ] Die sinnliche Erkenntnis, wie wir sie heute haben, wie wir sie haben als ein Ergebnis naturwissenschaftlicher Forschungsmethode, diese sinnliche Erkenntnis war bis vor drei bis vier Jahrhunderten überhaupt nicht vorhanden. Diese sinnliche Erkenntnis ist eigentlich erst ein Ergebnis der Bestrebungen, die eingeleitet worden sind durch Kopernikus, Kepler und andere, und sie haben ja im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere in dessen letztem Drittel, und auch im zwanzigsten Jahrhundert ihre größten Triumphe gefeiert. Jede Art von Weltanschauung, jede Art von Geistesforschung, welche in Widerspruch heute mit dieser wissenschaftlichen Erkenntnis und Gesinnungsart sich entwickeln wollte, hätte ganz gewiss keine Aussicht, irgendwie überzeugend auf diejenigen Menschen zu wirken, auf die es heute ankommt, auf die Menschen mit wissenschaftlicher Bildung.
[ 4 ] Aus dieser Überzeugung heraus sucht vor allen Dingen anthroposophische Geisteswissenschaft so zu arbeiten, dass sie sich bewusst wird: Sie hat zu wirken in diesem unserem wissenschaftlichen Zeitalter. Sie will nicht nur nicht etwa der Wissenschaft widersprechen, sie will durchaus aus denselben Grundlagen, denselben Voraussetzungen heraus arbeiten, aus denen die anerkannte Wissenschaft arbeitet. Aber allerdings, gerade aus dem Grunde, weil wir es innerhalb der sinnlichen Beobachtungs- und Experimentiermethode so weit gebracht haben, wie das eben der Fall ist, weil wir es dazu gebracht haben, innerhalb dieser Forschungsmethode exakte Erkenntnisarten auszubilden, deshalb, weil diese exakten Erkenntnismethoden sich vorzugsweise auf die Erforschung der Sinneswelt richten, brauchen wir — und das glaube ich Ihnen heute darlegen zu können —, brauchen wir heute eine Erkenntnis des Übersinnlichen.
[ 5 ] Die Wissenschaft selbst fordert für den Unbefangenen eine Erkenntnis des Übersinnlichen. Denn vergegenwärtigen wir uns nur für einen Augenblick einmal — meine sehr verehrten Anwesenden —, wie Erkenntnisse in früheren Jahrhunderten oder gar weiter zurückliegend waren. Die Menschen konnten da nicht beobachten dasjenige, was in der äußeren Sinneswelt sich selber seiner Gesetzmäßigkeit nach ausspricht. Man braucht sich nur zu erinnern daran, wie schwierig es im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gewesen ist, dasjenige, was man die Lebenskraft nannte — ein mystisches Ungeheuer, das man rein durch innere Spekulation, durch inneres Denken aufgestellt hatte —, diese Lebenskraft, die nicht ein Beobachtungsresultat, nicht ein Experimentierresultat war, die etwas rein Erdachtes war, diese Lebenskraft aus der Wissenschaft wegzuschaffen. Sie war in einer gewissen Weise das Letzte, was aus alten mystischen Ungeheuerlichkeiten geblieben war.
[ 6 ] Vor dem eigentlichen naturwissenschaftlichen Zeitalter war es so, dass die Menschen geglaubt haben, ebenso viel, als ihnen die äußere Sinnesbeobachtung gab, durch selbstherrliches Denken in diese Sinnesbeobachtung hineinlegen zu müssen. Man beachtet ja gewöhnlich nicht — und es ist auch für die gewöhnliche Wissenschaft nicht notwendig —, man beachtet gewöhnlich nicht, wie — sagen wir — ein naturwissenschaftliches Buch noch im zwölften, dreizehnten Jahrhundert ausgesehen hat. Es ist ebenso viel von dem drinnen, was eine Art wissenschaftliche Phantasie in die Dinge hineingelegt hat vom Menschen aus, von dem, was dem Menschen eingegeben wurde von seinen Emotionen, von seinen Gefühlen und so weiter und so weiter, wie von der äußeren Beobachtung.
[ 7 ] Dasjenige, was die Beobachtung und das Experiment wissenschaftlich den Menschen geben können, das besorgen ja die empirischen Sinneswissenschaften im Zusammenhange mit der Mathematik. Dasjenige aber, was diese Wissenschaft für die Erziehung der gebildeten Menschheit in der neueren Zeit geworden ist, darauf muss vor allen Dingen so etwas sein Augenmerk richten wie die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft. Denn nicht nur, dass wir die äußere Natur und den Menschen selbst, insofern er eine äußere Natur ist, durch die Beobachtung, durch das Experiment erforscht haben; nicht nur, dass wir dadurch eine Summe von Resultaten bekommen haben, die uns heute entgegentreten in der praktischen Anwendung, in der technischen praktischen Anwendung der neueren Naturwissenschaft, die uns entgegentreten in der auf sinnliche Naturwissenschaft gebauten Medizin und so weiter und so weiter; nicht nur, dass die Menschheit das aus dieser naturwissenschaftlichen Entwicklung hat; die Menschheit hat vor allen Dingen eine gewaltige Erziehung durchgemacht durch jenes entsagungsvolle Arbeiten, indem der Mensch sich verbietet, irgendetwas in seinem Inneren Erdachtes und Erträumtes in die Naturobjekte und Naturprozesse hineinzulegen, der Mensch es dahin brachte, entsagungsvoll sein Denken nur dazu zu verwenden, die Beobachtung reinlich zu gestalten, das Experiment reinlich zu gestalten, sodass Beobachtung und Experiment ihr Wesen selber aussprechen und das Denken im Grunde genommen für diese äußere Wissenschaft nur der Diener ist desjenigen, was so hergestellt werden soll in der äußeren Wissenschaft, dass es seine Gesetzmäßigkeit ausspricht.
[ 8 ] Dazu war gegenüber dem, was früher aus der Menschenseele in die Weltanschauung eingelaufen ist, eine bedeutungsvolle Entsagung nötig, und es geht schon nebenher neben der wissenschaftlichen Entwicklung mit ihren Ergebnissen eine moralische Entwicklung, die die Menschheit in der eben angedeuteten Entsagung durchgemacht hat, die es dahin gebracht hat, dass der Mensch eben verzichtet, irgendetwas Geistiges in den Naturobjekten und Naturprozessen zu sehen, seinen eigenen Geist nur dazu anwendet, damit die Natur sich rein in ihrer Wesenheit gesetzmäßig ausspricht. Das hat man in früheren Jahrhunderten, vor etwa dem fünfzehnten Jahrhundert nicht gekannt, in dieser Weise das Denken nur zum Diener der Methode gewissermaßen zu machen, damit die Natur sich selber aussprechen kann. Dasjenige, was da an innerer menschlicher Entwicklung errungen worden ist, was man innerlich in der Seele durchmachen kann an der wissenschaftlichen Methode, das möchte sich vor allen Dingen anthroposophische Geisteswissenschaft aneignen.
[ 9 ] Mit anderen Worten, meine sehr verehrten Anwesenden, anthroposophische Geisteswissenschaft will nicht irgendein Terrain erobern, das die anderen Wissenschaften haben, anthroposophische Geisteswissenschaft möchte aus derselben Gesinnung heraus, aus der sonst heute geforscht wird, in die Welt des Geistigen eindringen. Wir brauchen ja nur zu bedenken, wodurch unsere naturwissenschaftlichen Fortschritte bewirkt worden sind; sie sind eben dadurch bewirkt worden, dass sich der Mensch ganz und gar ausgeschaltet hat, dass er, indem er die Natur sprechen lässt, in seine Erkenntnisse nichts von sich hineintut. Dadurch aber stellt sich zuletzt doch dasjenige heraus — man glaubt es gewöhnlich nicht, aber es stellt sich heraus —, dass, weil der Mensch in die Natur nichts einfließen lässt von seinem Willen, von seiner formenden Phantasie, weil er das Denken nur zum Diener macht seines Forschens, es stellt sich das heraus, dass er alles dasjenige in der Welt kennenlernen kann, was er nicht selbst ist.
[ 10 ] Indem der Mensch alles dasjenige, was in ihm liegt, von der berechtigten objektiven Forschungsmethode ausschließt, lernt er alles erkennen, nur nicht sich selbst. Er ist zuletzt von alledem ausgeschlossen, was gerade die Größe, die Triumphe der modernen Erkenntnis ausmacht. Das Denken ist ja sozusagen nur zu einer Sprache über die Naturprozesse geworden. Und wir wenden eigentlich zu unserer vollen Befriedigung in der heutigen äußeren Wissenschaft von innerlichem Erleben nur das Mathematische an. Mit diesem Mathematischen steht man aber in einer eigentümlichen Weise zur Natur, wenn man es nicht einfach naiv anwendet, sondern wenn man bewusst sich frägt: Was tust du eigentlich, wenn du die Mathematik auf die Natur anwendest? Wenn man das Mathematische äußerlich zeichnet, so ist das ja nur ein Zeichnen. In Wahrheit entsteht das Mathematische ganz und gar aus der Menschenwesenheit selber. Wir bauen uns etwas rein Geistiges in der Mathematik auf, und wir finden eigentlich nur aus dem Grunde, dass die Mathematik in der Natur diese große Berechtigung hat, weil wir sehen, wie wir sie anwenden können, weil sie sozusagen überall auf dasjenige, was wir beobachten können, und was wir er experimentieren können, anwendbar ist.
[ 11 ] Und wir fühlen uns sicher im Mathematischen, weil wir dieses Mathematische ganz aus uns selber herausholen. Bei einem mathematischen Problem kommt es nicht darauf an, ob Hunderte von Menschen Ja sagen dazu. Wenn ich ganz allein die Sache durchschaue, bin ich sicher. Ich lebe mit meiner Erkenntnis; ich bin ganz mit meiner Seele im Umfange meiner Erkenntnis darinnen. Und indem ich die Natur mathematisch ergreife, indem ich dasjenige, was ich in mir selber ausbilde, mit den Naturvorgängen verbinde im rechnenden Experimentieren und Beobachten, weiß ich, dass ich exakt wissenschaftlich verfahre. Ich vereinige dasjenige, was in mir liegt, aber was objektiv in mir liegt, worauf ich ebenso wenig durch meine Subjektivität Einfluss habe wie auf die Naturvorgänge selbst, ich vereinige das aus mir gewonnene Mathematische mit den Naturvorgängen.
[ 12 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist im Grunde genommen das Vorbild für dasjenige, was hier als übersinnliche Erkenntnis gemeint ist, nur dass man nicht mit der äußeren Natur exakt verfährt, sondern mit sich selbst zunächst exakt verfährt. Man geht aus von etwas, was ich nennen möchte: intellektuelle Bescheidenheit. Man sagt sich: Du warst einmal ein kleines Kind mit träumerischen seelischen Fähigkeiten. Du hast dich entwickelt zu demjenigen, was du jetzt geworden bist. Die Fähigkeiten, durch die du dich in der Welt orientieren kannst, sind nach und nach in dir entstanden. Nun sagt man sich: Geradeso, wie man durch Leben und Erziehung aus den Fähigkeiten des kleinen Kindes heraus zu denjenigen sich entwickelt hat, die man heute besitzt — kann man denn so nicht weiter gehen? Könnten denn in der Seele nicht auch bei dem erwachsenen Menschen Fähigkeiten noch schlummern, geradeso, wie sie im Kinde schlummern? Und könnte man nicht seine Selbsterziehung in die Hand nehmen, sodass man über die Fähigkeiten, auf die wir so stolz sind im gewöhnlichen Leben, ebenso hinauskomme wie über diejenigen, die man als Kind gehabt hat?
[ 13 ] Aber nun sagt man sich, wissenschaftliche Erziehung der neueren Zeit fordert, dass man nicht im unbestimmten Nebulosen, Mystischen herumhantiere, indem man da menschliche Fähigkeiten aus der Seele herausholt. Man hat sich angewöhnt, in der mathematisch-exakten Behandlung der äußeren Naturvorgänge eben exakt zu verfahren, so zu verfahren, dass man nicht träumerischmystisch spekuliert, auch nicht, wie man sagt, träumerisch-mystisch sich bloß versenkt, sondern dass man verfährt so, dass man, wie es eben bei einem mathematischen Problem der Fall ist, jeden einzelnen Schritt mit voller Besonnenheit, mit vollem Bewusstsein verfolgt. So kann man seine eigene Seele entwickeln, indem man in ihr schlummernde Fähigkeiten heraufholt. Aber die Methode, das zu tun, macht man zu einer exakten. Man macht aus sich nur insofern ein anderes Seelenwesen, als man jeden Schritt, den man zu der Entwicklung dieser Fähigkeiten tut, so exakt übersinnlich besonnen macht, wie man es an der Mathematik gelernt hat.
[ 14 ] Merken Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, man nimmt sich zum Muster dasjenige, was man mit der Außenwelt macht, wodurch man aus der Außenwelt Wissenschaft treibt, Wissenschafter wird, und man bildet nach in der exakten Weise, die man da gelernt hat, die Entwicklung seiner eigenen Seele. Während also die heutige Wissenschaft, die Wissenschaft der Gegenwart, in der Behandlung der Außenwelt exakt verfährt, es bei denjenigen Fähigkeiten bewenden lässt, die man durch das gewöhnliche Leben und durch die gewöhnliche Erziehung bekommt und dann in der Außenwelt exakt verfährt, verfährt man mit der eigenen Entwicklung exakt, das heißt, es muss an Seelenfähigkeiten nur dasjenige entwickelt werden, was sich unmittelbar überschauen lässt. Man entwickelt sich exakt.
[ 15 ] Dadurch aber kommt man dazu, das zu treiben, was ich zum Beispiel in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» oder in anderen Büchern charakterisiert habe als das der neuzeitlichen Bildung angemessene Meditieren, Konzentrieren im Denken. Das umfasst, was notwendig ist, um sich in der angedeuteten Weise innerlich exakt zu entwickeln, das umfasst viele Einzelheiten. Und derjenige, der glaubt, dass die hier gemeinte anthroposophische Geisteswissenschaft ein leichthin gefasstes inneres Erfahrungs- oder Phantasie-Produkt ist, der irrt sich gar sehr. Dasjenige, was durch sie angestrebt wird, ist wahrlich nicht leichter zu erreichen als dasjenige, was in irgendeiner anderen Wissenschaft angestrebt wird; nur hängt es mit der tiefsten Sehnsucht und den tiefsten Bedürfnissen der Menschenseele inniger zusammen, geht sozusagen nicht bloß den an, der Botanik, der Astronomie und so weiter zu treiben hat, sondern geht jeden Menschen als Menschen an.
[ 16 ] Das Genauere können Sie in den genannten Büchern finden. Ich will hier nur das Prinzipielle andeuten. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass man jene innere Struktur des Denkens, die man sich angewöhnt hat im modernen exakten Denken, dass man diese Struktur des Denkens beibehält, aber von allen Sinneseindrücken abstrahiert, sozusagen einen Zustand herstellt, wie er sonst nur im Schlafe hergestellt ist, wo die Außenwelt durch unsere Sinne auf uns keinen Eindruck macht. Aber man versucht, dasjenige, was man an dienendem Denken sich angeeignet hat, in eine solche Tätigkeit und Erkraftung zu bringen, dass man, wenn man auch keine äußeren Eindrücke hat, in Vorstellungen, die man selbst in den Mittelpunkt seines Bewusstseins rückt, ruhen kann.
[ 17 ] Dabei kommt es nicht darauf an, inwiefern diese Vorstellungen zunächst der äußeren Wirklichkeit entsprechen, sondern es kommt darauf an, dass wir mit diesen Vorstellungen seelisch etwas Ähnliches machen, wie wir zum Beispiel äußerlich-physisch mit unserem Arm machen, wenn wir mit ihm arbeiten, oder wenn wir ihn üben. Wir verstärken seine Muskeln. Nur um das Üben der Seelenkräfte handelt es sich bei dem Meditieren, Konzentrieren. Dadurch aber, dass man, ohne sich an eine äußere Sinneswahrnehmung passiv anzulehnen, rein aktiv innerlich in Gedanken sich immer mehr und mehr erkraftet mit Seelenfähigkeiten, in Gedanken, die man frei festhält, stärkt, und indem man das Innere systematisiert, dabei aber in dieser seiner eigenen inneren Entwicklung und Betätigung mit voller Besonnenheit verfährt, wie es sonst nur der Mathematiker tut, kommt man zuletzt dazu — bei dem einen dauert es je nach seinen Anlagen Monate, bei dem anderen jahrelang, aber jeder kann im Grunde genommen nach der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit dazukommen —, man kommt dazu, dasjenige zu entwickeln, was mit einem gewissen Rechte genannt werden kann exaktes Hellsehen, exakte Clairvoyance. So sehr das Wort Clairvoyance, Hellsehen, heute verpönt ist, ich gebrauche es rücksichtslos, aus dem Grunde, weil es eine gewisse Berechtigung hat. Es hat seine Berechtigung aus dem folgenden Grunde: Besinnen wir uns darauf, wodurch wir, warum wir, wenn wir in der äußeren Sinneswelt stehen als sehende Menschen, die Dinge um uns herum wahrnehmen. Wir nehmen sie wahr, wenn die Sonne oder eine andere Lichtquelle ihre Strahlen zu den Dingen hinschickt und diese Dinge uns sichtbar werden eben unter dem Einfluss einer äußeren Lichtquelle. Wir stehen dadurch als Mensch innerhalb des Licht-Raumes, der da ist durch eine äußere Lichtquelle.
[ 18 ] Indem wir solche Übungen, die im Meditieren und Konzentrieren bestehen, so wie ich es angedeutet habe im Prinzipiellen, immer mehr und mehr fortsetzen, gelangen wir zuletzt dazu, innerlich in der Seele etwas zu erleben, was zwar nicht gleich dem äußeren Lichte ist, was uns aber zu einer eigenen seelischen Lichtquelle macht. Wir erleben wirklich etwas, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich nennen möchte einen inneren Sonnenaufgang, einen Sonnenaufgang, der entstanden ist dadurch, dass durch das Meditieren Kräfte, Fähigkeiten in uns bloßgelegt worden sind, die vorher geschlummert haben, und wir werden jetzt imstande, mit dem Seelenlicht, das wir da angefacht haben, wirklich unsere Umwelt so zu erleuchten, wie uns vorher die Sonne im physischen Raume die Dinge erleuchtet hat. Das Aufgehen eines inneren Lichtes berechtigt, von Clairvoyance, von Hellsehen zu sprechen. Und weil wir uns nicht gestatten, dieses Hellsehen auf eine andere Art herbeizuführen als durch Übungen, die so überschaubar sind, wie nur die exaktesten mathematischen und naturwissenschaftlichen Probleme, deshalb darf dieses Hellsehen, diese Clairvoyance exakt genannt werden.
[ 19 ] Dadurch aber, meine sehr verehrten Anwesenden, gelangen wir auch dazu, innerlich immer mehr und mehr selbst etwas zu entwickeln, was sonst nur unter dem Einfluss der äußeren Wahrnehmung dargestellt wird. Versuchen Sie einmal, ehrlich sich zu gestehen, welch ein gewaltiger Unterschied zwischen der Lebendigkeit, in der wir sind mit unserer ganzen Seele, mit unserem ganzen Menschen, während wir Farben wahrnehmen, während wir Töne hören, während wir uns den Wärme-Eindrücken aussetzen; versuchen Sie sich recht klarzumachen, wie wir da ganz leben als Menschenwesen in unserem Seelischen, während wir so Farben, Töne, Wärmedifferenzen wahrnehmen, und wie grau, wie abstrakt, wie leblos unsere gewöhnlichen Gedanken sind, durch die wir uns die äußere Sinneswelt innerlich vergegenwärtigen, wie blass diese Gedanken sind.
[ 20 ] Diese blassen Gedanken, diese unlebendigen Abstraktionen, die werden durch die Übungen, die ich geschildert habe, innerlich mit solcher Lebendigkeit erfüllt, dass dasjenige, wovor ja die meisten Menschen davonlaufen, weil es ihnen keine Seelenwärme gibt, die abstrakten Gedanken, dass das innerlich so voll lebendig wird, so bildhaft konkret wird wie sonst nur die Eindrücke der äußeren Sinneswelt.
[ 21 ] Das ist sozusagen eine erste Stufe, die wir zu erklimmen haben in der exakten Clairvoyance, dass wir, indem wir bloß denken, aber ein erkraftetes, ein innerlich belebtes Denken haben, ein energisiertes Denken haben, dass wir dadurch, ohne dass wir äußere Eindrücke empfangen, dass wir äußeren Eindrücken gegenüber so sind, wie sonst im Schlafe, dass wir dadurch ein innerlich reges Leben entwickeln in einer Tätigkeit, die sonst eben nur eine denkende ist, die jetzt ganz durchleuchtet und durchenergisiert wird mit wirklichen Bildern, aber mit Bildern, die nicht von außen angeregt werden, die aus der menschlichen Wesenheit selber zunächst heraufkommen.
[ 22 ] Nun müssen wir aber jene Besonnenheit fortsetzen, um derentwillen ich die Aneignung einer solchen Stufe der Erkenntnis «exakte Clairvoyance» nennen durfte, wir müssen diese Besonnenheit so weit fortsetzen, dass wir uns fühlen ganz subjektiv in diesem innerlichen Leuchten und Bilder-Erzeugen. In dem Augenblicke, wo wir nicht wissen, dieses ganze Bildertableau, diese ganze Bilderwelt, die wir als eine innerlich selbst leuchtende erzeugen, ist nur unser eigenes Wesen, sei eine Welt für sich, in dem Augenblicke sind wir nicht Geistesforscher, in dem Augenblicke, wo wir diese Bilderwelt schon für eine reale halten, sind wir Visionäre, sind wir vielleicht krankhafte Persönlichkeiten.
[ 23 ] Eine gesunde Fortsetzung der Sinneserkenntnis in die übersinnliche Welt setzt voraus, dass wir auch die Besonnenheit bis zu dem Punkte bringen, den ich jetzt eben geschildert habe, und wissen, dasjenige, was wir uns da errungen haben, ist zwar innerlich lebendiger, gesättigter, konkreter als die wunderbaren Gebilde — ich nenne sie so, weil man tatsächlich ja auch für Mathematik begeistert sein darf —, als die mathematischen Gebilde sind. Sie sind unser Produkt, wie die mathematischen Gebilde. Aber dennoch, dass man da hineinversetzt ist mit seiner ganzen Seele, dass man da erlebt, indem man daneben immer seinen vollen besonnenen Menschen stehen hat, der mit beiden Beinen in der realen Sinneswelt [voll drinnen steht], das muss da sein, sonst hat man es nicht mit einer exakten Clairvoyance, sondern mit einem unwirklichen phantastischen Wesen zu tun.
[ 24 ] Indem man sich in diese Bilderwelt hineinfindet, kann man sie vergleichen mit der mathematischen Gestaltung. Aber sie unterscheidet sich doch. Im Mathematischen wissen wir, wir können es nicht auf unsere Seele selbst anwenden; wir bringen es aus der Seele hervor, müssen es aber auf die äußere Natur anwenden. Die gibt uns dafür den Inhalt. Das Dreieck als solches ist keine Realität. Aber wenn ich die Gesetzmäßigkeit des Dreiecks an einem äußeren sinnlichen Inhalt finde, so durchdringe ich die Realität in einer gewissen Weise. Dasjenige aber, was man in der geschilderten Weise als innerliche Bilderwelt erlebt, als Ergebnis des Meditierens, in dem spürt man dennoch eine innerliche Realität. Man muss sich klar sein darüber als besonnener Mensch: Es ist nur subjektiv, aber es ist eine innere Realität, es ist nicht bloß ein Mathematisches, es ist eine innere Realität. Und geht man diese innere Realität durch, tastet man sie gewissermaßen seelisch ab, wendet man immer mehr und mehr innere Energie darauf, so recht innerlich zu erleben, was da in den Bildern enthalten ist, dann nehmen diese Bilder allerdings für jeden Menschen eine ganz bestimmte Gestalt an. Wir leben dann nicht in Erinnerungsbildern, aber wir leben in einem Tableau, das uns die Gestaltungskräfte unserer eigenen menschlichen Wesenheit darstellt seit unserer Geburt während unseres physischen Erdenlebens.
[ 25 ] Erinnern wir uns einmal, was mit diesem physischen Erdenleben beim Menschen vor sich geht. Es ist ja so wunderbar, zu beobachten, wie der Mensch als kleines Kind aus dem Innern heraus immer mehr und mehr seelische Kraft in seine Physiognomie, in seinen Blick, in seine Sprachorgane gießt. Ein Kind zu beobachten, wie es von innen heraus seine Leiblichkeit belebt, das gehört zu den wunderbarsten Beobachtungen, die man machen kann. Denn man kann solche Beobachtungen machen nicht bloß mit der einseitigen theoretischen Kraft des Menschen, sondern mit dem ganzen Menschen.
[ 26 ] Aber könnte man in derselben Weise auch noch beobachten, wie das Kind unbewusst weise nach seinem eigenen Inneren wirkend arbeitet, dann würde sich das Wunder, das man erlebt, verhundertfachen ist zu wenig gesagt. Man bedenke nur einmal, wie wenig plastisch ausgebildet das kindliche Gehirn ist in frühen Jahren, wie in den ersten sieben Lebensjahren eine unbewusste Weisheit im kindlichen Wesen arbeitet, um dieses Gehirn plastisch zu machen. Und derjenige, der da studieren kann in der Geisteswissenschaft, die ich heute nur prinzipiell andeuten kann, der lebt sich ein in dieses innere weisheitsvolle plastische Arbeiten des Kindes in den ganzen Organismus hinein. Und dasjenige, was das Kind zunächst, indem es nach außen fast nur herumzappelt, als eine Kraft nach dem Innern schickt und seine inneren Organe ausplastiziert, das verbindet sich später mit Handlungen, die nach außen vollbracht werden, wodurch man die Dinge angreift, in der Welt sich orientiert; das verbindet sich mit der Sinneskraft. Und aus alledem, was da im Innern wirkt, was man von außen empfängt, was man erlebt mit der Seele, aus alledem gestaltet sich das, was den Menschen seelisch durchdringt. Die Erinnerungen, die Gedächtnisvorstellungen, die wir von unseren Erlebnissen haben, sind ja nur schwache Abglanze dessen, was wir wirklich durchleben, auch durchleben im Unbewussten, was da schafft in uns, was zuletzt zurückgeht auf die Wachstumskräfte, auf die Verdauungskräfte, auf die Ernährungskräfte.
[ 27 ] Nicht ein bloßes Tableau der Erinnerung hat man zuletzt vor sich, indem man zu einem solchen innerlichen exakten Hellsehen aufsteigt, sondern man hat sein eigenes menschliches Weben und Gestalten, sowohl das innerliche im Organismus, wie dasjenige, was die äußere Welt an uns tut, vor sich. Man hat sich als einen zweiten Menschen vor sich, und man sagt sich von diesem Augenblicke an: Du hast, indem du äußerlich im Raume bist, deinen physischen Raumesleib, deine physische RaumesOrganisation. Da hängt alles miteinander zusammen. Du hast aber eine Zeitorganisation, einen Zeitleib in dir, der nicht räumlich orientiert ist, der im Werden ist, der am Gestalten ist, in dem zusammenwächst das Gestalten, das du in dein Inneres hineinsendest, mit dem Gestalten, das du äußerlich unter dem Eindrucke der anderen Welt und der Menschen vollbringst, was auf dich wieder zurückwirkt.
[ 28 ] Sehen Sie, das Gewahrwerden dieses Zeitleibes — desjenigen, was man nicht malen kann ebenso wenig wie man den Blitz malen kann, man kann ihn einen Moment festhalten, aber man weiß, dass das ein zeitlicher Vorgang ist —, das Gewahrwerden dieses Gestaltenden, das erst hinter der Erinnerung liegt, die Erinnerung, der Erinnerungsstrom ist wie an der Oberfläche dessen, was man jetzt schaut, beleuchtet von seiner inneren Sonne, das kann man nennen in geisteswissenschaftlicher Forschung den menschlichen Ätherleib.
[ 29 ] Glauben Sie nicht, dass eine besonnene Geistesforschung von dem menschlichen Ätherleib wie von einer Art Nebelorganisation spricht, die diesen physischen Leib nur so durchdringt. Man kann ihn, allerdings durch eine gewisse Clairvoyance, durch eine Art Nebel sehen. Darum handelt es sich nicht. Das sagen die Gegner. Diejenigen, die wirklich eindringen in die Geisteswissenschaft, die wissen, dass das Erste, was man in übersinnlicher Erkenntnis ansichtig wird, ein zeitlich Verlaufendes, ein Geschehen ist, aber ein reales Geschehen. Man lernt sich jetzt kennen als ein zweites Wesen in sich selber, das eine zeitliche Organisation darstellt. Bis in die kleinsten Einzelheiten liegt wie in einem umfassenden Tableau das Dauernde in unserem Seelenleben vor uns. Die physischen Stoffe, die wir aufnehmen, innerlich verarbeiten, wir wechseln sie in sieben oder acht Jahren. Der physische Leib ist eigentlich etwas, was einem stetigen Wechsel, einer stetigen Metamorphose unterworfen ist. Dasjenige, auf das ich jetzt hindeute, das man nur im inneren Schauen ergreifen kann, das ist ein Dauerndes zunächst während des Erdenlebens.
[ 30 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, die Wissenschaft der Gegenwart, die ihres Namens würdig ist, verfährt im äußeren Forschen exakt. Die übersinnliche Erkenntnis, die hier gemeint ist, verfährt im Herbeiführen der Kräfte, die der Mensch braucht, um eine übersinnliche Welt zu schauen, exakt. Die Entwicklung des Menschen wird exakt gemacht, damit man gewissermaßen höhere seelische Sinnesorgane bekommt, die exakt hergestellt sind, und die dann die übersinnliche Welt schauen können. Damit hat man zunächst nicht nur eine theoretische Überzeugung, sondern eine wirkliche Anschauung seines Geistmenschen während des physischen Erdenlebens gewonnen. Man würde noch nichts wissen über das dem Menschen so tief naheliegende Problem — sagen wir — der Seelenunsterblichkeit. Dazu ist ein weiterer Schritt notwendig, ein weiterer Schritt, der noch mehr inneren seelischen Energieaufwand fordert.
[ 31 ] Sehen Sie, wenn man im Meditieren in das Seelenleben herein Vorstellungen bringt, auf denen man ruht, sodass man zuletzt zu dieser inneren Lebendigkeit kommt, die, ich möchte sagen eine innere Sonne gebiert, die dann solche Bilder beleuchtet, von denen man sich sagen muss nach der Wahrnehmung, sie sind real, so findet man wirklich nur ein Subjektives, nämlich das eigene Erleben. Das ist dasjenige, was man als Reales zunächst in den Bildern spürt. Man hat noch nichts Objektives, man hat das eigene Erleben, aber als Realität. Dadurch geht es über das Mathematische hinaus. Das Mathematische gibt die Form der Umwelt. Es enthält in sich selber keine Realität. Dasjenige, was man auf dieser ersten Stufe der exakten Clairvoyance erringt, das lässt uns eine innere Realität verspüren. Und ich sagte, wenn man die Bilder innerlich lebendig abtastet, dann gestalten sie sich allmählich zu dem Tableau nicht nur unseres inneren Lebenslaufes, sondern der gestaltenden, der Wachstumskräfte, sogar derjenigen Kräfte, die wir entwickeln, um die Ernährung zu bewirken, die innerliche Ernährung zu bewirken. Wir lernen uns als einen zweiten Menschen kennen.
[ 32 ] Das ist es, was wir als eine Realität zunächst in den subjektiven Imaginationen wahrnehmen, die subjektiv sein dürfen, weil sie uns ja zunächst das Subjektive geben, unseren eigenen Lebenslauf in Kräften, aber in einer Realität. Hat man sich aber einem solch starken Denken hingegeben, dass man fähig geworden ist, gewissermaßen hinter die Erinnerungen hinzuschauen, dann ist es viel schwieriger, dasjenige, was man so im konkreten lebendigen Denken erreicht hat, aus dem Bewusstsein wiederum fortzuschaffen.
[ 33 ] Manchem Menschen wird es schon schwer, Vorstellungen, insbesondere, wenn solche auch noch durch Emotionen, durch Gefühlseindrücke in seiner Seele lebendig sind, es wird ihm schwer, gewöhnliche Vorstellungen fortzuschaffen. Solche Vorstellungen, zu denen man eine besondere Kraft angewendet hat, um sie in der Seele erleben zu können, solche Vorstellungen sind schwerer fortzuschaffen. Aber auch das muss man lernen, wie man gewissermaßen gelernt hat, in eine Region hineinzuschauen, die sonst ganz unbewusst bleibt, die nur oben an ihrer Oberfläche in den Erinnerungsvorstellungen dem Menschen also Bilder hervorbringt, wie man hinter den Erinnerungen schauen gelernt hat in das reale Gestalten des menschlichen Zeitleibes hinein, so muss man jetzt lernen, eine innere Kraft entwickeln, die mehr ist als das Vergessen. Dann muss man, wenn ich so sagen darf, von den starken Kräften, die in einem erwachsen durch das Meditieren, von denen muss man wiederum absehen können, diese tilgen können, fortschaffen können dasjenige, was man gerade zuerst mit aller starken Kraft in seine Seele herein sich erarbeitet hat. Man muss lernen, das Bewusstsein leer zu machen, ganz leer zu machen, sodass man nur wacht.
[ 34 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, mit diesem ist nicht eigentlich wenig gesagt; denn es ist viel gesagt. Sie brauchen sich bloß zu erinnern, was die meisten Menschen, die in dieser Beziehung ungeschult sind, tun, wenn sie ihr Bewusstsein ganz leer machen — sie schlafen ein; das Bewusstsein hört auf. Vorher, zu der Bildervorstellung, die ich eben beschrieben habe, muss man zunächst alle äußeren Sinneseindrücke tilgen. Man macht aber das Denken so stark, wie ich es beschrieben habe. Jetzt muss man dieses starke Denken wiederum austilgen. Das Bewusstsein bleibt leer; aber es bleibt allerdings nur für Augenblicke leer. Bleibt man wach, entwickelt man einen Seelenzustand, der nur Wachheit darstellt, dann kommt in dieses wache und leere Bewusstsein die äußere objektive Geisteswelt, die übersinnliche Welt herein; so, wie in die Lunge die äußere Atmungsluft hereinkommt, so kommt die geistige Welt in das leere Bewusstsein herein, das allerdings auf die Art, wie ich es geschildert habe, erst leer gemacht worden ist. Und in diesem Momente ist allerdings das Erste, was wir wahrnehmen, dasjenige, was als Geistig-Seelisches der äußeren Natur zugrunde liegt.
[ 35 ] Wir lernen erkennen, dass so, wie hinter unserer Erinnerung unser Zeitleib liegt, der das Schaffende in uns ist im irdischen Dasein, wir lernen erkennen, wie hinter der Natur, die uns in den Sinnesvorstellungen erscheint, überall Geistwesen verborgen sind. So, wie wir durch unsere Augen, durch unsere Ohren, durch unsere anderen Sinnesorgane eintreten in eine Sinneswelt, so treten wir durch das also vorbereitete Seelenwesen, wo wir gewissermaßen ganz Seelenauge werden für unsere geistige Umgebung, wir treten in eine geistige Welt, in eine Welt von geistigen Wesenheiten und geistigen Vorgängen ein. Wir lernen wirklich einen geistigen Kosmos kennen. Und wir merken dann sehr bald, dass dasjenige, was wir früher als besonnene Menschen in der sinnlichen Wahrnehmung gehabt haben, in einen Zusammenhang gebracht werden kann mit dem, was wir nun als geistige Welt kennen. Der gewöhnliche Visionär steigt gewissermaßen aus seinem gewöhnlichen Bewusstsein heraus in ein anderes hinein, lernt da allerlei Traumhaftes kennen, weiß aber keinen Zusammenhang.
[ 36 ] Derjenige, der in der Weise zur exakten Clairvoyance kommt, wie ich es beschrieben habe, der behält ja neben dem Bewusstsein, das er sich nun als ein neues erringt, sein altes bei. Er kann immerfort dasjenige, was er in der geistigen Welt sieht, kontrollieren durch dasjenige, was er hier in der physischen Welt gegeben hat.
[ 37 ] Das ist der Unterschied zwischen dem Geistesforscher und dem Visionär. Der Visionär, wenn er in seinen Visionen lebt, hat ganz vergessen seinen gewöhnlichen Menschen, denn er wäre kein Visionär, wenn er nebenbei die äußere Sinneswelt so sehen würde, wie sie der normale Mensch sieht. Derjenige aber, der ein exakter Geistesforscher ist, der sieht die geistige Welt, und in jedem Augenblicke kann er sich zurückversetzen in voller Besonnenheit, denn ich wiederhole es wieder und wiederum: Alles, was ich hier beschreibe als menschliche Entwicklung, geht mit mathematischer Besonnenheit vor sich, ebenso dieses Hinein-sich-Versetzen in die geistige Welt in einem anderen Bewusstsein und das sich Zurückversetzen in die gewöhnliche Besonnenheit. Sodass Sie in der Lage sind, meine sehr verehrten Anwesenden, sich zu sagen: Mit meinem äußeren Auge sehe ich die Sonne. Dasjenige, was ich im sinnlichen Sonnenbilde mit meinem äußeren Auge sehe, das hängt zusammen mit demjenigen, was ich nun geistig schaue als gewisse Wesenheiten der übersinnlichen Welt, das hängt zusammen mit den Sonnenwesen in der geistigen Welt. Die physische Sonne ist das physische Abbild von geistigen Sonnenwesen, wie mein physischer Leib das physische Abbild meines seelischgeistigen Wesens ist.
[ 38 ] Und so lernt man schauen auf eine geistige Welt hinter der physisch-sinnlichen. Dann aber muss man weiterschreiten, indem man die Kraft — aus dem Bewusstsein fortzuschaffen dasjenige, was drinnen ist, das Bewusstsein leer zu machen, bloß zu warten —, indem man das so weit treibt, dass man das ganze Tableau, das man zuerst entdeckt hat, aus dem Zeitleib fortschafft, das Schaffende in einem während des Erdenlebens, dass man das auch noch wegschafft, dass man von sich ganz absieht. Also nachdem man zunächst so weit gekommen ist, dass man gesehen hat, wie erstens die Wachstumskräfte in einem seit der Kindheit den Leib geformt haben, wie die äußeren Erlebnisse auf ihn gewirkt haben, nachdem man das erst hergestellt hat, was, ich möchte sagen unter der Oberfläche der Erinnerung lebt, schafft man es weg in einer radikalen Abstraktion, wenn ich mich so ausdrücken darf, sodass unser Bewusstsein jetzt nicht nur so leer wird, wie ich es beschrieben habe, sondern noch gründlicher leer wird, indem man das eigene Erdenleben, auch den übersinnlichen Teil des eigenen Erdenlebens, wegschafft. Dann tritt — ebenso wie in dem Falle, den ich eben jetzt beschrieben habe, etwa Wesen, die hinter dem physischen Sonnenbilde sind, einem aus der geistigen Welt entgegentreten —, so tritt einem jetzt, wenn man das Erdenleben fortgeschafft hat, als inneres Erlebnis, das aber zu gleicher Zeit in einer Art kosmischem Bewusstsein lebt, man fühlt sich eins mit dem Kosmos, mit dem Bewusstsein der Welt, es tritt vor einem hin das vorirdische Dasein. Man lernt sich als geistig-seelisches Wesen kennen, wie man war, bevor man heruntergestiegen ist auf die physische Erde, sich vereinigt hat als geistig-seelisches Wesen mit demjenigen, was da stammt von Vater und Mutter, was in der Vererbungsströmung zutage tritt und was unseren physischen Leib bildet, mit dem wir uns vereinigen. Man sieht tatsächlich hin auf dieses vorirdische Dasein. In der äußeren Wissenschaft haben wir die Anschauung gegeben: Dasjenige, was wir seelisch als Erkenntnis entwickeln, das kommt nachher, die Bilder, die wir innerlich entwickeln von dem äußerlich anschaulichen Dasein, sie kommen hinterher.
[ 39 ] Wenn wir in die geistig-übersinnliche Welt hineinschauen wollen, so müssen wir die Erziehung, die wir uns haben angedeihen lassen im Entwickeln wissenschaftlicher Begriffe, die müssen wir in der Entwicklung der inneren Seelenkräfte fortsetzen. Dann bringen wir es so weit, dass wir diese Entwicklung der inneren Seelenkräfte zu einem Seelenauge machen. Und auf der Stufe, die ich eben geschildert habe, sehen wir hinein, schauen wir unser vorirdisches Dasein. Wenn ich so sagen darf: Bei der äußeren Wissenschaft der Gegenwart sind die Dinge zuerst da; nachher kommt die Theorie. Dasjenige, was wir im Theorienbilden heranziehen, das bringen wir zur inneren Lebendigkeit. Dadurch kommt nach der Theorie die Anschauung. Und wir wissen, dass sie eine Realität ist.
[ 40 ] Sehen Sie, es wird einem immer wieder eingewendet: Ja, wie kannst du wissen, dass dasjenige, was du jetzt mit dem leeren Bewusstsein erfassest, nicht auch dein Subjektives ist, etwa nur eine Autosuggestion oder dergleichen? Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, bloße Phantasie, bloße Vorstellung von Wirklichkeit unterscheiden, das gibt ja nur das Leben. Es ist äußerlich nicht zu definieren, lebensvoll, welches der Unterschied ist zwischen einem vorgestellten heißen Eisen und einem wirklichen heißen Eisen. Je genauer wir das wirkliche heiße Eisen vorstellen, desto besser ist es ja, je geringer wir den Unterschied machen. Aber der Unterschied ergibt sich, wenn wir das Eisen berühren. Das wirkliche heiße Eisen brennt uns, die Vorstellung nicht. Wir müssen die Wirklichkeit nur im Leben erfassen, und wir müssen sie im Leben erfassen.
[ 41 ] Wenn also zum Beispiel jemand kommt, wie es oftmals geschieht, und sagt: Es gibt doch auch dies, dass jemand, wenn er sich lebhaft eine Limonade vorgestellt hat, da hat er den Limonadengeschmack im Munde, also wenn man sich wirklich wie eine Realität vorstellt ein Bild. Solche Einwände werden häufig gemacht. Man kann nur sagen, man versuche nur einmal, wie es ist, wenn man nach Hinwegschaffung des Erdenlebens in das vorirdische Dasein hineinschaut und die Realität der Seele empfindet vielleicht durch Jahrhunderte, bevor sie zum Erdendasein heruntergestiegen ist; und man wird nicht mehr sagen: Durch die Vorstellung wird man den Limonadengeschmack haben; sondern man wird dann sagen: Ja, den Geschmack wirst du haben durch die Vorstellung, aber glaubst du auch, dass du wirklich den Durst löschen kannst? Das kannst du nicht. Wenn du alle Verhältnisse der Wirklichkeit durchschaust, richtig hineinkommst in einen richtigen Zusammenhang, dann weißt du, was in einem entsprechenden Falle Realität ist und was bloße Autosuggestion ist. Also die Realität der übersinnlichen Welt, sie muss eben erlebt werden. Aber sie kann erlebt werden, wenn zuerst die Fähigkeiten dazu in der geschilderten Weise vorhanden sind.
[ 42 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, damit haben wir aber schon, ich möchte sagen die eine Seite der Ewigkeit der Menschenseele uns vorgeführt, über die Geburt oder über die Empfängnis hinaus. Denjenigen Teil der menschlichen Ewigkeit, für den wir in den neueren Sprachen nicht einmal ein Wort haben, wir reden von Unsterblichkeit, das heißt von der Dauer der Menschenseele über den Tod hinaus, aber wir reden nicht von Ungeborenheit. Wir müssen auch davon reden, denn die Ewigkeit begreift man erst, wenn man ebenso die Ungeborenheit versteht, wie man die Unsterblichkeit versteht. Aber auch die Unsterblichkeit kann zur Anschauung gebracht werden. Sie kann dadurch zur Anschauung gebracht werden, dass wir jetzt nicht nur meditativ ausbilden gewissermaßen das Denken bis zur inneren Energie und Konkretheit, wie ich es geschildert habe, sondern indem wir auch den Willen beginnen auszubilden.
[ 43 ] Nun will ich nur wiederum prinzipiell — das Genauere ist in den angedeuteten Büchern zu finden — andeuten, wie man den Willen ausbildet. Denken Sie zum Beispiel daran, dass man den Willen erfasst, der im Denken selbst liegt, denn das Denken ist ja immer, wenn es nicht ganz passiv ein bloßes Hinbrüten ist, wie es der eigene Leib ausbrütet eben, wenn es innerliche Aktivität ist, so ist das Denken immer vom Willen durchzogen. Aber wir halten uns mit diesem Willen an die äußeren Naturvorgänge. Wir denken das Frühere zuerst, das Spätere dann; und wenn wir dialektisch, logisch denken, so ist es auch meistens nur dazu da, dass wir darauf kommen, was früher war und was später ist in der menschlichen Natur. Derjenige, der den Willen innerlich kultivieren will, der muss das Denken gewissermaßen losreißen von seinem Haften an der äußeren Naturfolge. Man kann das. Ich will ein Beispiel sagen.
[ 44 ] Wenn wir am Abend unseren täglichen Lebenslauf rückwärts vorstellen, wenn wir uns dasjenige vorstellen, was am Abend war, dann um fünf Uhr war, um drei Uhr war und so weiter, dass man rückwärts also vorstellt. So reißen wir das Denken los vom Naturlauf, in dem es vorwärts, wie der Naturlauf selber, verläuft. Oder wir stellen eine Melodie rückwärts vor, oder ein Drama, möglichst in allen Einzelheiten. Wir erinnern uns, wie wir eine Treppe hinaufgestiegen sind, stellen uns zunächst oben vor, stellen uns dann auf der vorletzten Stufe vor und so weiter, also umgekehrt. Wenn wir so lernen, dem Lauf der Natur entgegengesetzten Denkprozess zu üben, dann erkraftet sich unser Wille,
[ 45 ] Dazu können solche Übungen kommen, wo wir in ganz bewusster Art unsere Gewohnheiten ändern. Seien wir ehrlich — meine sehr verehrten Anwesenden —, das Leben ändert gewöhnlich uns so, dass wir uns sagen, wenn wir etwa 50 Jahre alt geworden sind: Wir waren anders mit 25 Jahren. Aber das Leben hat uns in die Hand genommen, das Leben hat uns geändert.
[ 46 ] Aber man kann auch durch Aufwendung von innerer Willensenergie sozusagen seine eigene Entwicklung in Bezug auf den Willen in die Hand nehmen. Man kann sich sagen: Du musst innerhalb drei Jahren oder innerhalb sieben Jahren dir eine ganz bestimmte, radikal andere Gewohnheit beigelegt haben, als du sie hast, und man kann dann in der mannigfaltigsten Weise an dem Willen arbeiten. Was erreicht man dadurch? Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, dasjenige, was man dadurch erreicht, das ist allerdings nur dann eine Realität, wenn es durchgeht durch ein herbes Schmerzgefühl. Ohne das Durchgehen durch einen herben, tiefen Schmerz, ist dennoch nicht eigentlich zu einer wirklichen höheren Erkenntnis zu kommen. Das ist zunächst die Erfahrung, die man macht: ein furchtbarer Schmerz, wie wenn man sich ganz und gar selber fremd geworden wäre, wie wenn man den Leib nur in Schmerz getaucht hätte.
[ 47 ] Aus diesem Schmerz taucht dann noch ein anderes Gebiet höherer Erkenntnis auf. Das kann ich in der folgenden Weise charakterisieren: Wenn man in den Schmerz sich hineingelebt hat, sodass man ihn überwunden hat, dann ist aus dieser Willenskultur etwas hervorgegangen, was ich nennen kann eine seelische Durchsichtigkeit unseres eigenen Leibes, überhaupt unseres ganzen Menschen. Ich kann mich dadurch erklären, dass ich das Auge zum Vergleich heranziehe. Wodurch ist das Auge jenes Sinnesorgan, das wir so leicht gebrauchen können? Dadurch, dass es selbstlos ist, dass es seine eigene Materialität nicht geltend macht, dadurch ist es durchsichtig. Das andere wirkt in ihm, was von außen kommt. Das Auge verleugnet sich. In dem Augenblicke, wo wir den Star bekommen, macht das Auge im Auge die eigene Materialität geltend. Da wird das Auge selbstsüchtig. Da können wir es aber auch nicht mehr zum Sehen gebrauchen.
[ 48 ] Ebenso wenig können wir zum Sehen für die höhere Welt unseren Organismus gebrauchen so, wie er ganz richtig ist für die physische Welt. Glauben Sie nicht, dass ich Askese predige, das fällt mir im Traume nicht ein. Der Mensch soll mit beiden Füßen in der Wirklichkeit stehen. Aber er soll auch Momente eintreten lassen, wo er eben sich zum Erkenner der übersinnlichen Welten macht. In solchen Momenten kann, nachdem der Mensch solche Übungen macht, wie ich sie geschildert habe, kann sich der Mensch seinen ganzen Leib wie zum einzigen durchsichtigen, aber seelisch-durchsichtigen Sinnesorgan machen. Man erlebt sonst sich als Mensch in seinem Leibesorgan. Jetzt fühlt man als Ergebnis solcher Willensübungen, wie die Leibesorgane nicht mehr erlebt werden, wie man wirklich nach und nach außerhalb seines Leibes mit seinem Erleben steht. Der Leib wird seelisch durchsichtig. Und dieses Sich-Trennen vom Leibe, diese Möglichkeit, dass man außerhalb des Leibes ist und dennoch nicht schläft, sondern ein Bewusstsein so außerhalb des Leibes hat, dass man dann seinen eigenen Leib von außen anschauen kann, dass er ein Objekt ist, nicht ein Subjekt, dies kann man sich nur erringen, wenn man sich erst eben die Fähigkeit erwirbt, sich seines Leibes zu entäußern.
[ 49 ] Das aber ist nur durch den geschilderten Schmerz zu erreichen. Durch diesen Schmerz muss man durchgehen, dann führt einen die Willenskultur dazu, dass man nicht nur, wie ich geschildert habe, exakte Clairvoyance hat, sondern dass man erlebt, wie man in der geistigen Welt auch etwas tun kann. Das merkt man an dem Folgenden: Wenn der Mensch im gewöhnlichen Tageslauf einschläft, geht sein Bewusstsein ins Unbewusste über. Man kann nicht sagen, aus äußerer Erkenntnis, dass nicht einfach der physische Organismus des Menschen andere Funktionen angenommen hat, die einfach so, wie man eine Flamme auslöscht, das Bewusstsein auslöschen, denn das Bewusstsein entsteht wiederum durch eine andere Metamorphose der Funktionen, wenn man aufwacht. Das kann man aus der gewöhnlichen Forschung nicht sagen. Derjenige, der aber zu derjenigen Stufe des übersinnlichen Schauens, die ich eben geschildert habe, gekommen ist, der weiß, dass das eigentlich Geistig-Seelische beim Einschlafen heraustritt aus dem physischen Leib, nur nicht die Kraft hat, in der Welt des Geistes, in der es jetzt war, im gewöhnlichen Leben das eine und das andere wahrzunehmen. Jetzt, seit man eine Willenskultur und zunächst die Gedankenbildkultur durchgemacht hat, jetzt lernt man auch hineinschauen in die reale Wesenheit, die man außerhalb seines Leibes in jeder Nacht während des Schlafes ist. Und jetzt lernt man erkennen, was die Seele tut an dieser Wesenheit. Jetzt lernt man erkennen, dass man innerlich unbewusst im gewöhnlichen Leben ein Schlafender ist. Und dasjenige, was schläft, das schaut man an mit der erlangten übersinnlichen Erkenntnis als das im Schlafe außerhalb des physischen Leibes Existierende,
[ 50 ] Und man lernt jetzt erkennen: Wenn du durch die Pforte des Todes gehst, dann, dann bleibt dieses, was du unbewusst geschaffen hast. Es ist dein eigentliches Menschliches, deine moralischen Taten. Dasjenige, was du dir in der Seele im Verkehre mit der Umwelt und den Menschen als moralische Qualität angeeignet hast, das wird real in diesem Wesen, das sich in jedem Schlafzustande von dir trennt. Das aber ist auch etwas, was unabhängig ist von deinem Leibe; weil man außerhalb des Leibes erfahren gelernt hat, lernt man auch erkennen im Bilde den Tod.
[ 51 ] Man lernt sich erkennen in dem, was man sonst jede Nacht ist, und was ohne den Leib existieren kann. Und indem man jetzt im übersinnlichen Erkenntnisbilde vor sich hat in wirklicher Wahrnehmung, was man ohne den Leib ist, lernt man den Tod erkennen, lernt man die Überwindung des Todes durch die Menschenseele erkennen, lernt man die andere Seite der Menschenwesenheit, lernt man die Unsterblichkeit in ihrer wirklichen Anschauung kennen. Indem man den Leib in der geschilderten Weise seelisch durchsichtig gemacht hat, lernt man ohne den Leib sein, lernt man, in der Geisteswelt durch das, was man ohne den Leib geworden ist, [drinnenzustehen], und man weiß, wie man den physischen Leib abgelegt hat, drinnenzustehen nach dem Tode in einer geistigen Welt. Man hat kennengelernt das innere Schaffen der Seele, das rein geistig ist und das künftige Welten vorbereitet wie die künftigen eigenen Erdenleben. Man hat zu der exakten Clairvoyance eine idealistische Magie hinzugefügt, das innerliche Schaffen. Man lernt bewusst, was sonst nur unbewusst ausgeübt wird.
[ 52 ] Wer in unserer heutigen Zeit — wie so viele oftmals — von einer äußerlichen Magie spricht, ist eben Scharlatan. Derjenige, der mit innerem religiösem Gefühl gegenüber der Wissenschaft der Gegenwart von Magie spricht, der spricht von exakter Clairvoyance, von idealistischer Magie, indem man kennenlernt dasjenige, was innerhalb des physischen Erdenlebens geschaffen wird und was dann über den Tod hinaus in weitere Daseinsstufen hinein sich lebt, um spätere Erdenleben vorzubereiten.
[ 53 ] Dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich mit diesen Auseinandersetzungen habe darstellen wollen, das ist das Verhältnis der übersinnlichen Erkenntnis, wie sie in Anthroposophie gemeint ist, zu der Wissenschaft der Gegenwart. Darstellen habe ich wollen, wie diese anthroposophische Geisteswissenschaft sich bewusst ist in jedem Augenblicke, dass sie ihre Berechtigung nachzuweisen hat gegenüber der Wissenschaft der Gegenwart.
[ 54 ] Und gedenken wir, wie diese Wissenschaft der Gegenwart in Bezug auf die äußeren Erkenntnisse es dahin gebracht hat, vollkommen gerade dasjenige zu erkennen, was den Menschen nicht einschließt, dadurch, dass der Mensch den im Beginne meiner heutigen Auseinandersetzungen gekennzeichneten Verzicht, die Entsagung, geleistet hat, objektiv zu sein und das Denken zunächst nur als Diener zu verwenden. Aber das, was man im dienenden Denken sich angeeignet hat, das gibt einem die Gesinnung, dieses Denken innerlich so lebendig zu machen, dass es das erfüllt. Zur exakten Clairvoyance gibt einem die Entsagung diejenigen Kräfte, die das Seelische im Willen hat, zu einer wirklichen Tätigkeit aufzurufen, zu einer Tätigkeit allerdings, die im Geiste wirkt, die nichts zu tun hat zunächst im physisch-sinnlichen Dasein des Menschen, aber die über den Tod hinausgeht. Sodass wir das Ewige der Menschenseele dadurch kennenlernen, sowohl die Ungeborenheit wie die Unsterblichkeit kennenlernen, durch eine Erkenntnis, die sich ausnimmt wirklich wie eine echte Fortsetzung desjenigen, was der Mensch sich als Sinneserkenntnis aneignet.
[ 55 ] Aber eben, gerade indem wir durch die heute ausgebildete exakte Sinneserkenntnis dasjenige kennenlernen, was außerhalb des Menschen ist, stehen wir als hellsehender Mensch einer Welt gegenüber, von der wir uns fragen müssen: Wie ist unsere Moralität drinnen tätig? Ist unsere Moralität nur ein Dunst, der aufsteigt in der rein natürlichen Weltenordnung, die etwa nach einer modifizierten Kant-Laplace’schen Weltentstehung übergeht zu dem komplizierteren, vollkommeneren Wesen, um dann im Wärmetod zu versinken, wodurch mit dem allgemeinen kosmischen Friedhof auch gegeben wäre das Ende desjenigen, was in uns als moralische Impulse entsteht?
[ 56 ] Die hier gemeinte anthroposophische übersinnliche Erkenntnis schildert die Moralität als eine schaffende, stellt die moralischen Impulse als gleichwertig moralische neben die rein naturalistischen hin. Dadurch weiß sich der Mensch durch diese übersinnliche Erkenntnis mit seinen moralischen Impulsen, mit seiner menschlichen Sittlichkeit in einer realen Welt. Er weiß, dass diejenige reale Welt, die wir heute mit Augen sehen, das Ergebnis vorhergehender Geisteswelten ist, und dass dasjenige, was heute als moralische Impulse der Mensch hineinschafft in sein eigenes Geistig-Seelisches — das sich in jedem Schlafe von ihm trennt, das dann durch die Pforte des Todes geht —, [dass] das nun der Keim ist zukünftiger realer Welten. Der Mensch fühlt sich hineingestellt in eine moralische Weltenordnung. Und er hat durch eine solche Geisteserkenntnis, wie ich sie beschrieben habe, auch wiederum die Möglichkeit, religiös zu empfinden. Denn der moralischen Natur mit ihrer bloßen naturalistischen Gesetzmäßigkeit gegenüber kann der Mensch nicht religiös fühlen. Die übersinnliche Erkenntnis wird gerade notwendig gemacht durch die Vollkommenheit unserer Sinneserkenntnis.
[ 57 ] Wenn die Alten mit dem, was ihnen ihre Sinne gegeben haben, zugleich ein Geistiges aufnahmen, so wie wir Farben und Töne, so nehmen wir treulich nur dasjenige, was uns die Sinne geben, durch unsere Beobachtung, durch unsere Experimente auf, stehen aber da gegenüber dieser in ihrer Art vollkommenen Wissenschaft als Mensch und fragen uns: Wie stehen wir nun als empfindender, als totaler Mensch in dieser Welt darinnen? Darauf gibt uns die übersinnliche Erkenntnis die Antwort. Und indem sie wahre exakte Erkenntnis ist, führt sie den Menschen dann auch hinauf in das moralische Empfinden, in das religiöse Empfinden, vereinigt Wissenschaft, Sittlichkeit und Religion.
[ 58 ] Damit, meine sehr verehrten Anwesenden, ergibt sich gerade aus der notwendigen Anerkennung, aus der ungeheuchelten ehrlichen Anerkennung der heutigen Wissenschaft auf der anderen Seite die Anerkennung einer wirklichen übersinnlichen Erkenntnis. Und dasjenige, was wir in übersinnlicher Erkenntnis erringen, wir erringen es, meine sehr verehrten Anwesenden, für den Menschen. Der Mensch ist entsagungsvoll geworden in Bezug auf die äußere Wissenschaft, will objektiv sein, schließt seine Subjektivität aus. Die wird ihm wiedergegeben ebenso objektiv wie uns die äußere Natur in der Experimentierwissenschaft gegeben wird, in der wahren exakten übersinnlichen Erkenntnis. Damit aber wird unser Gemüt innerlich durchwärmt von dieser übersinnlichen Erkenntnis, wird unser Wille stark gemacht. Wir werden mit Wärme, mit Kraft durchdrungen für das Leben, indem wir Sicherheit haben müssen — wenn unser Schicksal nicht ein trauriges sein soll — für das Leben, indem wir kraftvoll arbeiten müssen, wenn wir rechte Mitglieder der menschlichen sozialen Ordnung sein wollen.
[ 59 ] Das ist die Bedeutung der wirklichen übersinnlichen Erkenntnis, dass sie nicht bloß eine theoretische Anschauung bleibt, dass sie unser Gemüt durchzieht, sodass wir uns vereinigt wissen durch sie mit der Welt und mit den anderen Menschen in jener Lebenswärme und Lebensliebe auch, die wir brauchen zum Leben, dass wir uns durchkraftet fühlen mit jener Energie, die uns hineinstellt in die Arbeit des Tages und in die Arbeiten, die mehr dauernde innerhalb unseres menschlichen Erdenlebens sind. Wirklich übersinnliche Erkenntnis durchträufelt unsere Menschheit mit Kräften der übersinnlichen Welt. Geradeso wie die Welt eine Schöpfung des Geistigen ist, so machen wir dadurch unsere eigenen Taten zum Geschöpf des Geistigen, indem wir das Geistige zuerst in unsere Menschheit hereinnehmen.
[ 60 ] In keiner Weise tut die übersinnliche Erkenntnis, die hier gemeint ist, der wirklichen äußeren, der wahren äußeren Wissenschaft der Gegenwart Abbruch. Sie gesteht dieser Wissenschaft zu: Ja, du hast die rechten Wege gefunden, um das Außermenschliche zu erkennen. Du erkennst deine Grenzen. Man spricht ja oftmals von den Grenzen dieser Wissenschaft. Aber diese Grenzen sind eben nur diejenigen, die der Beobachtung in dem Experiment der Sinne gezogen sind. Das Denken, das wir gerade an dieser Beobachtung, an diesem Experiment in uns heranbilden, das Denken kann weiter ausgebildet werden. Dann gelangen wir dazu, unseren inneren Menschen, wie er im physischen Leben mit Blut durchzogen ist, zu durchdringen mit seelischen Kräften und Geisteskräften. Dann werden wir im wahren Sinne des Menschen durch übersinnliche Erkenntnis aus dem Geist heraus erst rechter Mensch.
[ 61 ] Solche Erkenntnis kann erforscht werden, ist man nur unbefangen genug dazu. Man braucht nicht selbst ein Geistesforscher zu werden — was ja jeder auch, die genannten Bücher zeigen das, bis zu einem gewissen Grade werden kann —, aber man braucht es nicht zu werden. So wie man nicht Maler zu sein braucht, um die Schönheit eines Bildes zu erfühlen, so braucht man nicht Geistesforscher zu sein, sondern sich nur seinem unbefangenen, nicht durch irgendwelche Vorurteile, auch nicht durch Wissenschaft beirrten, unbefangenen Verstande hinzugeben, man wird dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, für das Leben fruchtbar machen können, wie auch derjenige, der kein Maler ist, ein Bild empfindend verstehen kann. Maler muss man sein, wenn man ein Bild malen will, Geistesforscher muss man sein, wenn man die Wahrheiten der übersinnlichen Welt darstellen will. Dagegen kann man das Bild empfindend verstehen, auch wenn man kein Maler ist. Verstehen kann man, was der Geistesforscher sagt, wenn man sich nur seinem von Vorurteilen unbeirrten gesunden Menschenverstand hingibt; man wird alles zusammenstimmend und mit dem ganzen Menschenleben übereinstimmend finden. Und die übersinnliche Erkenntnis kann aufgenommen werden, wie man Astrologie oder Biologie oder sonst etwas aufnimmt, auch wenn man nicht selbst Astrologe oder Biologe und so weiter ist. Die übersinnliche Erkenntnis wird zu der Erkenntnis des Übersinnlichen und äußeren Menschlichen nicht nur Erkenntnis des Übersinnlichen bringen, sondern auch seelische Wärme, geistige Kraft des Menschlichen.
[ 62 ] Der Mensch wird sich zu dem von ihm so vollkommen Erkannten — die Vollkommenheit liegt allerdings nur in einem Ideal vor allem —, der Mensch wird nach der relativen Selbstständigkeit, mit der er das Außermenschliche erkannt hat, hinzufügen können zu dem Außermenschlichen die Anschauung des Menschen. Und bei aller Erkenntnis, bei allen Wesentlichen, es mag noch so sehr darauf ankommen, dass wir uns verstehend, erkennend umsehen in der Welt, zuletzt, wenn wir arbeiten, wenn wir wirken sollen, und darauf kommt es an, müssen wir doch rechte Menschen sein und rechte Menschen hineinstellen in eine Welt, die eine gewisse Vollkommenheit erlangt hat durch die Wissenschaft der Gegenwart. Rechte Menschen hineinzustellen, damit sie arbeiten durch diese Wissenschaft der Gegenwart, versucht die übersinnliche Erkenntnis, die dieses Namens würdig ist, indem sie aus dem Geistigen heraus den Menschen zum rechten Menschen durch das Leben selbst erzieht.
