Appendix to the Public Lectures
GA 85
26 April 1907, Berlin
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
6. Bibel und Weisheit
6. The Bible and Wisdom
[ 1 ] Wir haben gestern versucht, uns den Sinn vor die Seele hinzurücken, durch den dasjenige, was wir Theosophie nennen, sich annähern will den religiösen Urkunden. Wir wollen heute versuchen, wenigstens in einigen Beispielen tiefer in diejenige religiöse Urkunde, die der gegenwärtigen Kulturmenschheit doch wohl noch am nächsten liegt, in die Bibel hineinzukommen. Man kommt am leichtesten vom Standpunkte dessen, was man Geisteswissenschaft nennt, in die Bibel hinein, wenn man zunächst versucht, von dem Neuen Testament, von den Evangelien auszugehen. Nachdem wir gestern auseinandergesetzt haben, wie wir die sogenannte Kritik, den kritischen Geist auffassen sollen, wie wir uns zu der Niederschrift der verschiedenen einzelnen Teile des Neuen Testamentes und zu der Schriftensammlung des Alten Testaments vom Standpunkte der Geisteswissenschaft stellen können, so wollen wir heute mehr das Positive ins Auge fassen, voraussetzen, was gestern gesagt worden ist und ohne jede Befangenheit hineinleuchten in den geisteswissenschaftlichen Standpunkt gegenüber dieser Sache.
[ 1 ] Yesterday we attempted to bring to mind the meaning through which what we call theosophy seeks to draw closer to the religious texts. Today we will attempt, at least through a few examples, to delve more deeply into the religious text that is surely still closest to contemporary civilized humanity: the Bible. The easiest way to approach the Bible from the standpoint of what is called spiritual science is to begin with the New Testament, specifically the Gospels. Since we discussed yesterday how we should understand so-called “criticism”—the critical spirit—and how we can approach the composition of the various individual parts of the New Testament and the collection of writings in the Old Testament from the standpoint of spiritual science, today we want to focus more on the positive, taking what was said yesterday as a given, and shed light—without any preconceptions—on the spiritual scientific perspective regarding this matter.
[ 2 ] Sie wissen, dass dem Menschen, wenn er aus dem Bedürfnisse des christlich-gläubigen Herzens heraus sich an die vier Evangelien macht, zunächst eigentümliche Widersprüche begegnen können, welche sich aus den vier Evangelien, die man nennt nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes, ergeben. Derjenige, der heute sich zu diesen Büchern gläubig, wenn auch noch so gläubig, verhält, hat doch keine richtige Vorstellung davon, in welchem Verhältnisse in alten, viel religiöseren Zeiten der Gläubige der Bibel gegenüberstand, was das Wort «Bibel», respektive was der Ausdruck «das Wort Gottes» eigentlich für die alten Gläubigen bedeutete. Wir brauchen uns nur zu erinnern an das Wort «Inspiration», zu erinnern, dass durch Jahrhunderte hindurch die gläubigen Gemüter festgehalten haben daran, dass jene, welche die religiösen Urkunden niedergeschrieben haben, inspiriert waren, dass sie unter dem unmittelbaren Einflusse des göttlichen Geistes selbst geschrieben haben, und so wahr sie den Glauben hatten, dass von diesem göttlichen Geiste nur die Wahrheit ausgehen konnte, so wahr erschien ihnen jedes Wort, das in der Bibel stand, als heilig. Die Bibel war ihnen der Ausdruck für die gewaltigen Welträtsel, die sich vor die Seele des Menschen hindrängten. Wie hätte ein Mensch, der sich vorstellte, dass die alten Gottesmänner Persönlichkeiten waren, die unmittelbar unter der Inspiration des göttlichen Geistes standen, glauben können, dass sie etwas geschrieben haben, ja, etwas hätten schreiben können, an das man Kritik anlegen muss? Es hätte nicht in den Herzen dieser Gläubigen ein unmittelbares Hängen an jeglichem Wort sein dürfen.
[ 2 ] You know that when a person, driven by the needs of a heart that believes in Christ, turns to the four Gospels, he may initially encounter peculiar contradictions arising from the four Gospels—those of Matthew, Mark, Luke, and John. Anyone who approaches these books today with faith—no matter how deep that faith may be—still has no true understanding of the relationship that believers had with the Bible in ancient, far more religious times, or of what the word “Bible,” or rather the expression “the Word of God,” actually meant to the believers of old. We need only recall the word “inspiration,” and remember that for centuries, the faithful held fast to the belief that those who wrote down the religious texts were inspired, that they wrote under the direct influence of the divine Spirit Himself, and just as truly as they believed that only truth could emanate from this divine Spirit, so every word contained in the Bible appeared to them as sacred. To them, the Bible was the expression of the mighty mysteries of the world that pressed themselves upon the human soul. How could a person who imagined that the ancient men of God were individuals standing directly under the inspiration of the divine Spirit have believed that they wrote—or indeed could have written—anything that was subject to criticism? There could not have been in the hearts of these believers an unquestioning attachment to every single word.
[ 3 ] Für den heutigen Menschen ist es schwer, sich in diese Gemütsstimmung hineinzuversetzen. Er liest das erste und er liest das dritte Evangelium. Es werden ihm zwei Abstammungstafeln des Jesus von Nazareth vorgeführt, die eine in dem Evangelium nach Matthäus, die andere in dem Evangelium nach Lukas. Er verfolgt die Namen und findet, dass dieselben nicht übereinstimmen, dass schon beim dritten Glied von Joseph aufwärts ein anderer Name auftritt, dass, wo bei Matthäus Salomon steht, bei Lukas Nathan sich findet und so weiter, dass eine ganze Reihe von Namen in den Tafeln verschieden sind, und er frägt sich: Wie ist es möglich, dass dasjenige, was durch Jahrhunderte hindurch den Menschen als ein Quell der Wahrheit gedient hat, solche Widersprüche aufweisen kann? – Im Grunde genommen sehen wir in einer einzigen solchen Erwägung den Keimpunkt zu all den Zweifeln, die, hinsichtlich der einheitlichen Konstitution] der Schrift und zuletzt bezüglich ihrer Inspiration, den Menschen, den Kritikern gekommen sind. Aus solchen Erwägungen heraus, die in komplizierter Weise bis ins feinste Detail durchgeführt worden sind, haben sie die Bücher des Neuen Testamentes zerlegt, haben gefunden, was mehr oder weniger echt ist, haben gefunden, dass das erste Evangelium von dem vierten abweicht, woraus sich notwendig ergeben musste, dass man es im vierten Evangelium mit etwas ganz anderem als mit einer historischen Urkunde zu tun hat. Wie könnte man auch unbefangenen Geistes diese Widersprüche hinwegdekretieren? Es ist nur zu natürlich, dass der moderne Mensch, wenn er so etwas sieht, die Kritik anlegen muss.
[ 3 ] It is difficult for people today to put themselves in that frame of mind. They read the first Gospel and the third Gospel. They are presented with two genealogies of Jesus of Nazareth—one in the Gospel according to Matthew, the other in the Gospel according to Luke. They follow the names and find that they do not match, that as early as the third generation from Joseph onward a different name appears, that where Matthew lists Solomon, Luke lists Nathan, and so on—that a whole series of names differ between the genealogies—and they ask themselves: How is it possible that what has served as a source of truth for people throughout the centuries could contain such contradictions?—Essentially, we see in a single consideration of this kind the seed of all the doubts that have arisen among people—and among critics—regarding the unified structure of Scripture and, ultimately, its inspiration. Based on such considerations, which have been carried out in a complex manner down to the finest detail, they have dissected the books of the New Testament, have determined what is more or less authentic, and have found that the first Gospel differs from the fourth—from which it necessarily followed that the fourth Gospel must be something entirely different from a historical document. How could one, even with an open mind, simply dismiss these contradictions? It is only natural that modern people, when they see something like this, must apply a critical analysis.
[ 4 ] Nun fragen wir uns aber: Wie ist es möglich, dass durch Jahrhunderte, Jahrtausende hindurch wahrlich auch nicht gerade dumme Köpfe diese Bücher in der Hand gehabt haben und nicht auch zu einer Kritik, zu einem Sehen dieser Widersprüche gekommen sind? In Bezug auf die äußeren Gläubigen könnte man sich vielleicht darauf berufen und sagen: Die Bibel ist bis in die neueste Zeit nur in den Händen einiger weniger gewesen; die Gläubigen haben sie vor der Erfindung der Buchdruckerkunst fast gar nicht in die Hand bekommen. – Man wird sagen, dass die große Menge derselben nicht irrewerden braucht an dem, was von den leitenden Persönlichkeiten nicht hat vorgestellt werden können. Aber sollen wir uns vorstellen, dass die, welche die Bibel in die Hand bekommen haben, nicht gesehen hätten, was die heutige Kritik sagt?
[ 4 ] But now we ask ourselves: How is it possible that, over the course of centuries and millennia, people—who were certainly not exactly stupid—have held these books in their hands and yet failed to arrive at a critical assessment or to recognize these contradictions? With regard to the average believer, one might perhaps argue that, until very recently, the Bible was in the hands of only a few; before the invention of the printing press, believers hardly ever had access to it. – One might say that the vast majority of believers need not be led astray by what their leaders were unable to present to them. But are we to imagine that those who did have access to the Bible would not have recognized what modern scholarship now reveals?
[ 5 ] Es wird von einzelnen Historikern eingewendet: Langsam, durch die Gewalt der Kirche, hat sich das Ansehen dieser Bücher erst befestigt, nach und nach erst hat sich das herausgebildet, was man das Ehrfurchtsgebietende dieser biblischen Geschichte nennt. Vor einer richtigen geschichtlichen Betrachtung kann der Inhalt der Bibel auch gar nicht bestehen. Wenn wir zurückgehen in die ersten geschichtlichen Jahrhunderte und die Tatsachen prüfen, dann kommen wir zu dem Urteil, dass bei dem Konzil zu Nicäa festgestellt worden ist, welches die richtigen Evangelien sind, und dass durch Machtspruch dekretiert worden ist: Das sind die heiligen Schriften.
[ 5 ] Some historians object: It was only gradually, through the authority of the Church, that the prestige of these books became established; only little by little did what is called the awe-inspiring nature of this biblical history take shape. The content of the Bible cannot even stand up to a proper historical examination. If we go back to the earliest centuries of history and examine the facts, we come to the conclusion that the Council of Nicaea determined which are the true Gospels and that it was decreed by an act of authority: “These are the Holy Scriptures.”
[ 6 ] Vor einer unbefangenen geschichtlichen Betrachtung kann das nicht bestehen. Wir werden zu Persönlichkeiten geführt, die in den alten Zeiten des Christentums gelebt haben. Wir finden dann in ihren Mitteilungen, wie zum Beispiel im Jahre 160 n. Chr. eine sogenannte Evangelienharmonie gemacht wird, das heißt eine Zusammenstellung der verschiedenen Evangelien, sodass sie ein einheitliches Bild geben sollen. Später ist dies noch öfters gemacht worden, und wir können finden, wenn wir die Evangelien vom zweiten Jahrhundert sorgfältig prüfen, dass auch dasjenige so hineingearbeitet worden ist, was wir jetzt als Inhalt des Neuen Testamentes kennen. Wir können noch weiter zurückgehen, bis] zu den ersten Kirchenvätern, und wenn wir gerade diese kritisch prüfen, so zeigt sich uns, wie sie mit ungeheurer Ehrfurcht von der Bibel sprechen, mit einer Ehrfurcht, die die Annahme zulässt, dass sie geglaubt haben, die Bibel sei von höherer Geistigkeit inspiriert. Wir können bis zu Origines zurückgehen und bemerken dann, wie er in derselben Art und mit derselben Ehrfurcht von den biblischen Büchern spricht. Und wenn wir einzelne Worte nehmen], die sogar nur derjenige mitteilt, von dem nicht mit Unrecht gesagt wird, dass er noch ein Hörer des Apostels Johannes gewesen sei, Matthäus, dann finden wir, dass aus seiner Seele etwas herausspricht, was wir in demselben Sinne zusammenfügen können mit dem, was später die Stimmung der Gläubigen, auch der gelehrtesten Gläubigen, gegenüber dem Evangelium war.
[ 6 ] This cannot stand up to an unbiased historical examination. We are introduced to figures who lived in the early days of Christianity. We then find in their writings—for example, in the year 160 CE—that a so-called “Gospel harmony” was created, that is, a compilation of the various Gospels intended to present a unified picture. This was done even more frequently later on, and if we carefully examine the Gospels from the second century, we can see that what we now know as the content of the New Testament was also incorporated into them. We can go even further back, to] the early Church Fathers, and when we examine them critically, we see how they speak of the Bible with immense reverence—a reverence that suggests they believed the Bible was inspired by a higher spiritual power. We can go back to Origen and then observe how he speaks of the biblical books in the same manner and with the same reverence. And if we take individual words]—even those conveyed by Matthew, of whom it is not without reason said that he was a disciple of the Apostle John—we find that something speaks from his soul that we can align, in the same sense, with what later became the attitude of believers, even the most learned among them, toward the Gospel.
[ 7 ] Freilich muss sich der Mensch, der so etwas betrachtet, etwas frei machen können, ja], sogar gründlich frei machen können von gewissen Vorurteilen. So wie spätere Zeiten sich zu dem, was man Christentum nennt, gestellt haben, so haben sich diejenigen, die in den ersten Jahrhunderten als Gelehrte gelebt haben, nicht dazu gestellt; und wenn heute jemand von irgendeinem orthodoxen Standpunkte aus zu einem anderen kommt, der die Bibel nicht gerade so auffasst, wie er sie auffasst, und zu ihm sagt, er sei ein Ungläubiger, er dürfe sich nicht Christ nennen, er verstoße gegen das rechte Wort der Bibel, so dürfen wir wohl an solche alten Gläubigen erinnern, an denen zu zweifeln auch die nicht wagen, welche sich die Bibel in willkürlicher Weise zurechtlegen. An ein Wort des Kirchenvaters Augustinus will ich mich anlehnen. Das Wort heißt: Dasjenige, was man heute christliche Religion nennt, ist uralt. Es ist die uralte wahre Religion, und das, was die uralte, wahre Religion ist, das nennt man jetzt die christliche Religion.
[ 7 ] Of course, anyone who contemplates such things must be able to free themselves—indeed], to free themselves completely from certain prejudices. Just as later generations have related to what is called Christianity, so too did those who lived as scholars in the first centuries not relate to it in that way; and if today someone, from some orthodox standpoint, approaches another who does not interpret the Bible exactly as he does, and tells him that he is an unbeliever, that he must not call himself a Christian, that he is violating the true word of the Bible—then we may well remind such a person of those ancient believers, whom even those who interpret the Bible arbitrarily dare not doubt. I would like to draw upon a statement by the Church Father Augustine. It goes as follows: “What is called the Christian religion today is ancient. It is the ancient, true religion, and what is the ancient, true religion is now called the Christian religion.”
[ 8 ] Man denke an ein solches Wort und stelle dann dasjenige daneben, was insbesondere ein theosophischer Erklärer der Bibel sehr häufig erfahren kann. Ist es nicht oftmals geradezu tragisch, wie gegnerische Stimmungen hervorgerufen werden, wie der Theosoph bei Bekannten, Freunden und Verwandten herben Widerspruch findet, indem sie ihm] sagen: Da kommst du wieder mit deinen theosophischen Phrasen, wo bleibt denn da die Bibel? Einem solchen Ausspruche liegt eine tiefe Unkenntnis der wirklichen Bibel zugrunde, und außerdem liegt darin eine große Prätention, der Anspruch, mit seiner Auffassung der Bibel unfehlbar zu sein. Wenn sich nur solche Gläubige ganz klar werden wollten darüber, was es heißt, der theosophischen Auffassung der Bibel so gegenüberzutreten. Es heißt nichts anderes als: Was ich in der Bibel finde, ist das unbedingt Richtige.
[ 8 ] Consider such a statement and then compare it to what a theosophical interpreter of the Bible, in particular, very often experiences. Isn’t it often downright tragic how hostile reactions are provoked, how the theosophist encounters bitter opposition from acquaintances, friends, and relatives when they say to him: “Here you go again with your theosophical phrases—where does that leave the Bible?” Such a statement is based on a profound ignorance of the true Bible, and moreover, it reflects a great pretension—the claim to be infallible in one’s interpretation of the Bible. If only such believers would be perfectly clear about what it means to take such a stance against the Theosophical interpretation of the Bible. It means nothing other than: “What I find in the Bible is absolutely correct.”
[ 9 ] Es ist darum nicht so, dass der theosophische Standpunkt sich etwa weniger positiv zur Bibel verhält, sondern so, dass er gerade wiederum die wirkliche Bedeutung, den wirklichen Sachverhalt aus dieser Bibel herausentwickeln will. Richtiges Verstehen ist es, um was es sich gegenüber den religiösen Urkunden für die theosophische Weltanschauung handelt. Daher darf derjenige, welcher aus Bequemlichkeit bei irgendeiner anderen Positivität steht, die gerade zufällig die ist, an die er sich gewöhnt hat, der theosophischen Anschauung eigentlich nicht gegenübertreten. Denn vielfach lebt in der Seele derjenigen, die mit dem Munde einer wirklichen Erklärung der Bibel entgegenkommen, etwas Gegnerisches, sodass sie sagen: Ihr verleugnet die Bibel, ihr macht euch und eure Familie unglücklich. – Vielfach steckt auch nichts anderes dahinter als der Gedanke: Ich will nicht lernen; ich weiß, was ich weiß.
[ 9 ] It is not, therefore, that the Theosophical viewpoint takes a less positive stance toward the Bible, but rather that it seeks to draw out the true meaning and the true facts from the Bible itself. For the theosophical worldview, what matters in relation to religious texts is correct understanding. Therefore, anyone who, out of convenience, clings to some other form of certainty—one that just happens to be the one to which they have become accustomed—should not, in fact, oppose the theosophical viewpoint. For often there is something hostile in the souls of those who, while paying lip service to a genuine explanation of the Bible, say: “You deny the Bible; you are making yourselves and your families unhappy.”—Often, too, there is nothing behind this but the thought: “I do not want to learn; I know what I know.”
[ 10 ] Lesen wir einem solchen Ausspruch gegenüber die Bergpredigt und verstehen wir sie richtig, dann werden wir uns nicht mehr, auch wenn wir uns Christen nennen, auf einen solchen Standpunkt stellen dürfen. Nur der erste Satz der Bergpredigt sei hier zitiert. Es ist, wie die, welche häufiger hierher kommen, wissen, öfter schon geschehen. Richtig Deutsch wiedergegeben heißt er: «Selig sind die, welche da sind Bettler im Geiste, denn sie werden in sich selbst finden die Reiche der Himmel.» (Mt 5,3) Man kann das nicht schöner ausdrücken, was man theosophische Gesinnung nennt, als es mit diesen Worten die Bergpredigt tut.
[ 10 ] If we compare such a statement with the Sermon on the Mount and understand it correctly, then—even if we call ourselves Christians—we will no longer be permitted to take such a stance. Let us quote here only the first sentence of the Sermon on the Mount. As those who visit here frequently know, this has been done many times before. Accurately rendered into German, it reads: “Blessed are those who are beggars in spirit, for they will find within themselves the kingdoms of heaven.” (Mt 5:3) There is no more beautiful way to express what is called the theosophical attitude than the Sermon on the Mount does with these words.
[ 11 ] Was heißt theosophische Gesinnung? Es heißt nichts anderes als dasjenige, was in uns liegt, den tiefsten Kern unsrer eigenen Wesenheit, die in uns lebendige geistige Natur zur Entfaltung zu] bringen. Ebenso wie dasjenige, was unseren Körper bildet, den Stoffen der umliegenden Welt entnommen ist, so ist dasjenige, was in uns vorhanden ist, dem Geiste, der um uns lebt und zu allen Zeiten gelebt hat, entnommen. Und so wahr es ist, dass unser Körper nur ein Tropfen ist in dem Meere der materiellen Wirklichkeit, so wahr ist es, dass unsre Seele, unser Geist nur ein Tropfen ist in dem Meere des allumfassenden Weltengeistes. Aber so, wie der Tropfen, der aus dem Meere genommen wird, seiner Substanz nach dasselbe ist wie das Wasser des ganzen Meeres, so ist dasjenige, was in des Menschen tiefster Seele lebt, substanziell gleich mit dem Wesen des Göttlichen. Weil der Gott im Menschen lebt, kann der Mensch Gott erkennen; weil der Mensch geistig ist, kann der Mensch, wenn er nur will, eindringen in die geistige Welt um ihn herum.
[ 11 ] What does “theosophical mindset” mean? It means nothing other than bringing to fruition that which lies within us—the deepest core of our own being, the spiritual nature that lives within us. Just as that which constitutes our body is derived from the substances of the surrounding world, so that which exists within us is derived from the Spirit that lives around us and has lived at all times. And just as it is true that our body is but a drop in the ocean of material reality, so it is true that our soul, our spirit, is but a drop in the ocean of the all-encompassing world spirit. But just as the drop taken from the ocean is, in substance, the same as the water of the entire ocean, so too is that which lives in the deepest soul of man substantially one with the essence of the Divine. Because God lives within man, man can recognize God; because man is spiritual, man can, if he so desires, enter the spiritual world around him.
[ 12 ] Ein Zweites gehört aber dazu, wenn der Mensch wirklich eindringen will in diese geistigen Welten, und dieses Zweite, das dazu gehört, ist mit dem einfachen Wort gegeben: Niemals stehen bleiben! Man darf eine Entwicklung nicht bloß glauben, sondern man muss die Entwicklung leben. Was heißt «eine Entwicklung leben» anderes, als das Bewusstsein in sich tragen, dass der Mensch sich aus einem unvollkommenen Zustande zu seinem jetzigen entwickelt hat, und dass er sich in die Zukunft hinein jederzeit weiterentwickeln kann. Nicht denken wir zunächst daran, dass des Menschen äußere Gestalt sich umändert in dieser Entwicklung, sondern daran, dass die Menschenseele von Stufe zu Stufe hinaufklimmen kann; dass es ein Aufwärtsschreiten dieser Seele gibt, dass es möglich ist, von Tag zu Tag vollkommener zu werden. Heute lernen wir etwas, unsere Seelenkräfte sind imstande, dies oder jenes einzusehen, unser Wille ist imstande, dies oder jenes zu tun. Bleiben wir stehen bei dem, was wir heute einsehen, bei dem, was unser Wille heute zu tun imstande ist, dann entwickeln wir uns nicht. Tragen wir aber das Bewusstsein in uns, dass außer den Kräften, die sich in uns schon entwickelt haben, auch noch andere Kräfte in uns schlummern – so schlummern, wie der Pflanzenkeim, der sich zur Pflanze entwickelt hat, andere Pflanzenkeime in sich schlummernd trägt –, dann werden wir jeden Tag mehr erkennen, dass wir herausholen können] aus unserer Seele die geistigen Augen und Ohren, eine höhere Entfaltung des Willens, und sehen, dass es mit jedem Tag besser werden kann. Dies dürfen wir nicht im trivialen Sinne verstehen, sondern so, dass diese Entwicklung in geistig-seelischer Richtung eine universelle Bedeutung hat.
[ 12 ] But there is a second requirement if a person truly wishes to penetrate these spiritual worlds, and this second requirement is summed up in a simple phrase: Never stand still! One must not merely believe in a process of development; one must live that development. What does “living a process of development” mean other than carrying within oneself the awareness that human beings have developed from an imperfect state to their present one, and that they can continue to develop into the future at any time? Let us not think, at first, of how a person’s outward form changes in the course of this development, but rather of how the human soul can ascend from one stage to the next; that there is an upward progression of this soul, and that it is possible to become more perfect day by day. Today we learn something; our soul forces are capable of understanding this or that; our will is capable of doing this or that. If we remain fixed on what we perceive today, on what our will is capable of doing today, then we do not develop. But if we carry within us the awareness that, in addition to the powers that have already developed within us, other powers also lie dormant—dormant just as the plant seed, which has developed into a plant, which in turn carries other plant seeds within it—then we will recognize more and more each day that we can draw forth from our soul the spiritual eyes and ears, a higher unfolding of the will, and see that things can get better with each passing day. We must not understand this in a trivial sense, but rather in the sense that this development in the spiritual-soul direction has universal significance.
[ 13 ] Wenn wir in der materiellen Welt tierische Gestalten sich körperlich zu einer edlen Menschenform entwickeln sehen, so berechtigt das nicht zu der Annahme, dass der Mensch sich aus den Tieren herausentwickelt habe. Sogar die Naturwissenschaft hat festgestellt, dass in Bezug auf die physische Gestalt des Menschen eine größere Ähnlichkeit zwischen den niedrigst entwickelten Menschen und den höchstentwickelten Affen, als zwischen dem niederen Affen und den höchsten Affenarten bestehe. Von diesem Verhältnis leitet die Naturwissenschaft die Verwandtschaft des Menschen mit dem Affen ab. Diesen Satz hat im Jahre 1859 wie eine große Ketzerei der große Naturforscher Huxley ausgesprochen. Ein großer Teil dessen, was Sie in Haeckels Schriften lesen, ist unter dem unmittelbaren Gemütseindruck dieses Satzes geschrieben. Derjenige, der an die geistige Entwicklung glaubt, sagt sich: Wohlan, zugegeben, dass der Mensch in Bezug auf seine äußere Form, seine Körperlichkeit dem höchsten Affen nähersteht als dieser den niedrigsten seiner eigenen Gattung, aber ebenso wahr ist es auch, dass derjenige, der eine bestimmte Stufe der Geistigkeit erreicht hat, dem auf niederen Stufen der Menschheit Stehenden ferner steht als der niedrigste Mensch dem höchstentwickelten Tiere gegenüber.
[ 13 ] When we see animal forms in the material world physically evolving into a noble human form, this does not justify the assumption that humans evolved from animals. Even natural science has established that, with regard to the physical form of humans, there is a greater similarity between the least developed humans and the most highly developed apes than between the lower apes and the highest species of apes. From this relationship, natural science derives the kinship between humans and apes. In 1859, the great naturalist Huxley uttered this statement as if it were a grave heresy. Much of what you read in Haeckel’s writings was penned under the immediate emotional impression of this statement. Those who believe in spiritual evolution say to themselves: “Well then, granted that, in terms of external form and physicality, humans are closer to the highest apes than the latter are to the lowest members of their own species; but it is equally true that those who have attained a certain level of spiritual development are farther removed from those at the lower stages of humanity than the lowest human is from the most highly developed animal.”
[ 14 ] Verfolgen wir den Faden der Entwicklung] in die höheren Gebiete, so sehen wir ihn sich fortsetzen in geistige Gebiete hinein, und in dem Geiste sehen wir die Theosophie als etwas so Wirkliches, wie es für die sinnlichen Augen die materielle Entwicklung ist. Und so wahr es ist, dass diejenigen, die Theosophie kennen – und Theosophie hat es zu allen Zeiten gegeben; schon Paulus sagt es –; auch, dass das alte indische Atma Vidya dasselbe ist, dass es] aber zu den verschiedenen Zeiten mit den verschiedensten Namen benannt wurde. Die heutige Naturforschung, welche sagt, was ich anzudeuten versucht habe, anerkennt eine Entwicklung von den niederen tierischen Formen bis zum Menschen.
[ 14 ] If we follow the thread of evolution] into the higher realms, we see it continuing into spiritual realms, and in the spirit we see Theosophy as something as real as material evolution is to the physical eye. And just as it is true that those who know Theosophy—and Theosophy has existed in all ages; even Paul speaks of it—; and also that the ancient Indian Atma Vidya is the same thing, though it] has been called by various names at different times. Modern natural science, which affirms what I have been trying to suggest, recognizes a progression from the lower animal forms up to human beings.
[ 15 ] Dagegen sagte die Theosophie zu allen Zeiten: Wir erkennen auch eine solche Entwicklung an, wir stehen durchaus auf dem Boden solcher Entwicklung, wir erkennen an, dass es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen der vollkommenen Gestalt des Menschen und einem niederen Tiere, das im Meeresschlamme lebt und kaum dem mit dem Mikroskop bewaffneten Auge sichtbar ist. Durch wie viele Zwischenstufen muss der Mensch oft hindurchschreiten, wenn er vom Unvollkommenen zum Vollkommenen vorrückt!
[ 15 ] In contrast, Theosophy has always maintained: We also acknowledge such a development; we are firmly grounded in such a development; we acknowledge that there is a tremendous difference between the perfect form of the human being and a lower animal that lives in the ocean mud and is barely visible to the eye armed with a microscope. How many intermediate stages must the human being often pass through as he advances from the imperfect to the perfect!
[ 16 ] Als ebenso wirklich und real sieht der Theosoph die Entwicklung der Seele und des Geistes an. Er sieht ebenso große Unterschiede zwischen den Individualitäten, die in der Theosophie Eingeweihte geworden sind], solchen Individualitäten, die in einem höheren Grade die in der Seele eines jeden Menschen liegenden Eigenschaften zu göttlichem Schauen gebracht haben], und denjenigen Menschen, die kaum die ersten Keime der Seelentätigkeit entwickelt haben. Der Unterschied in der Entwicklung vom Unvollkommensten der niedrigsten Seelenstufe bis zu dem vollkommen Eingeweihten ist größer als der zwischen dem kleinsten Lebewesen und dem vollkommensten Körper des Menschen. Wer weiß, dass es Eingeweihte gibt, die tief hineinschauen können in die Entwicklung der Dinge, der weiß, dass es etwas gibt wie Entwicklung.
[ 16 ] The theosophist regards the development of the soul and the spirit as equally real and genuine. He sees equally great differences between the individuals who have become initiates in Theosophy—those who, to a higher degree, have brought the qualities inherent in every human soul to a state of divine vision—and those people who have barely developed the first stirrings of soul activity. The difference in development from the most imperfect of the lowest soul levels to the fully initiated is greater than that between the smallest living being and the most perfect human body. Anyone who knows that there are initiates who can look deeply into the development of things knows that there is such a thing as development.
[ 17 ] Wer das weiß, der weiß auch, dass die Stimmung keine andere sein kann, als dass er sich sagt: Ich sehe hinauf zu den göttlichen Idealen, zu denen ich den Keim in der Seele trage; ich weiß, dass in der Zukunft sich etwas herausentwickelt haben wird, was heute noch in mir schlummert, nur schwach veranlagt ist. Ich weiß aber auch, dass ich alle Kräfte anwenden muss, um zu diesen Höhen hinaufzukommen. Als ein Bettler im Geiste kommt sich dann der vor, welcher so die geistige Welt ansieht. Und der ist «beseligt», das heißt selig fühlt er sich dann. Und wir haben im theosophischen Sinne ein so wunderbares Wort in der Bergpredigt, das da heißt: «Selig sind die, welche da betteln um Geist, denn sie werden in sich selbst finden die Reiche der Himmel.» (Mt 5,3) – Keiner, der den Sprachgebrauch der alten Zeiten kennt, wird wähnen, dass diejenigen, welche vom Himmel sprechen, einen Himmel im unbekannten Jenseits meinten. Die, welche wissen, werden wissen, dass der Himmel in alten Zeiten über den Sternen gesucht worden ist. «Über den Sternen standen die Himmel, sind auch des Mondes Hauch», und so weiter. Stellen Sie sich vor, dass überall da, wo man ist, auch der Himmel ist. Wo wir jetzt sind, da ist der Himmel, da ist die geistige Welt. Ebenso wie der Blinde, wenn er operiert wird, den Raum, den er vorher nur tasten konnte, mit Farben erfüllt sieht, so sieht der, dessen geistiger Sinn geöffnet ist, eine neue Welt um sich. Er sieht, was immer um ihn herum ist, in neuer Gestalt, in der Gestalt, in der er sehen muss, wenn er sich zu höherer Menschlichkeit hinaufentwickeln will. Er braucht nicht zu glauben, dass anderswo, an einem anderen Orte oder zu anderer Zeit der Himmel sei. Ihm gilt das Wort des Christus Jesus: «Das Himmelreich ist mitten unter euch.» (Lk 17,21)
[ 17 ] Anyone who knows this also knows that their state of mind cannot be anything other than saying to themselves: I look up to the divine ideals, the seeds of which I carry within my soul; I know that in the future something will have developed that today still slumbers within me, its potential only faintly evident. But I also know that I must apply all my strength to reach these heights. One who views the spiritual world in this way then sees himself as a beggar in spirit. And he is “blessed”—that is, he then feels blessed. And in the theosophical sense, we have such a wonderful phrase in the Sermon on the Mount, which reads: “Blessed are those who beg for the Spirit, for they will find within themselves the kingdoms of heaven.” (Mt 5:3)—No one familiar with the language of ancient times would imagine that those who speak of heaven meant a heaven in the unknown afterlife. Those who know will understand that in ancient times, heaven was sought above the stars. “Above the stars stood the heavens; they are also the breath of the moon,” and so on. Imagine that wherever you are, there is also heaven. Where we are now, there is heaven; there is the spiritual world. Just as a blind person, when operated on, sees the space that he could previously only feel with his hands filled with colors, so too does the one whose spiritual sense is opened see a new world around him. He sees whatever is around him in a new form—the form in which he must see if he is to evolve toward a higher humanity. He need not believe that heaven is somewhere else, in another place, or at another time. The words of Jesus Christ apply to him: “The kingdom of God is within you.” (Luke 17:21)
[ 18 ] Das Himmelreich ist da, wo wir sind, es durchdringt alle körperlichen Dinge. Wie das Wasser das Eis durchdringt, so schwimmt gleichsam im Meere des göttlichen Geistes dasjenige, was sich aus diesem Geiste verdichtet hat als körperlich-materielle Welt. Alles Körperliche ist verdichtetes, verwandeltes Geistiges. Hinter allem Körperlichen steht das Geistige. Hier werden wir schon zu demjenigen geführt, was in Bezug auf geisteswissenschaftliche oder theosophische Auffassung das Verhältnis des Menschen zur Entwicklung ist. Ebenso wie draußen in der tierischen Welt Vollkommenes und Unvollkommenes lebt, so leben in Bezug auf das Geistige die verschiedensten Individualitäten: die einen fortgeschritten, die andren zurückgeblieben, die einen hineinsehend in Gebiete, wohin die moderne Wissenschaft noch leuchtet, die andren hineinsehend in die tiefsten Untergründe der menschlichen Erkenntnis, vom «Wilden» bis zu dem zur Göttlichkeit entwickelten Menschen, der befähigt ist, draußen in der Welt das Geistige um sich zu schauen.
[ 18 ] The Kingdom of Heaven is where we are; it permeates all physical things. Just as water permeates ice, so too does that which has condensed from the divine Spirit—as the physical, material world—float, as it were, in the ocean of the divine Spirit. Everything physical is condensed, transformed spirit. Behind everything physical lies the spiritual. Here we are already led to what, from the perspective of spiritual science or theosophy, is the relationship of the human being to evolution. Just as in the animal world there are both perfect and imperfect beings, so too, in relation to the spiritual, there exist the most diverse individualities: some advanced, others lagging behind; some looking into realms where modern science still shines its light, others looking into the deepest recesses of human knowledge—from the “savage” to the human being developed to divinity, who is capable of perceiving the spiritual all around them in the outer world.
[ 19 ] Alle diese Zwischenstufen glaubten nicht nur, sondern wussten diejenigen, welche Theosophen waren. Und wenn sie von Eingeweihten sprachen, so sprachen sie von solchen, die mehr wissen als die sie umgebende Menschheit. Immer haben sie von solchen Eingeweihten gesprochen, und nun wollen wir uns klarmachen, in welchem Sinne sie von den in die geistigen Welten Eingeweihten gesprochen haben.
[ 19 ] All these intermediate stages not only believed in, but actually knew those who were Theosophists. And when they spoke of initiates, they were referring to those who know more than the people around them. They have always spoken of such initiates, and now let us clarify in what sense they spoke of those initiated into the spiritual worlds.
[ 20 ] Wie schon oft hier auseinandergesetzt worden ist, finden wir, wenn wir in uralte Zeiten zurückgehen, dass auch das Alltagsbewusstsein anders war als heute], dass ein mehr hellseherisches Bewusstsein vorhanden war. Hellseherisch wird es nicht genannt, weil es etwa klarer wäre als das Tagesbewusstsein, sondern weil es gleichsam durch die Gegenstände hindurch bis in die Seele hinein sieht, aber es ist ein dumpfes, dämmerhaftes Bewusstsein, dessen Überreste sich im nächtlichen Traumbewusstsein des Menschen erhalten haben. Aus ihm hat sich das heutige] taghelle Bewusstsein der Menschheit entwickelt. Wenn wir zurückblicken in jene alten Zeiten, wo die große Masse der Menschen in diesem hellseherischen Bewusstsein lebte, so finden wir, dass es auch da schon Eingeweihte gab. Wodurch unterscheiden sich nun jene alten Eingeweihten von denjenigen, die noch in einem mehr dämmerhaften Bewusstsein um sie herum waren? Sie unterscheiden sich dadurch, dass sie schon etwas wussten von dem Bewusstsein, das die Menschheit bekommen sollte und heute hat, dadurch, dass sie imstande waren, von der Zukunft etwas vorauszunehmen, in der Art in die Welt hineinzuschauen, wie die ganze Menschheit in späterer Zeit es erlangt hat. Es war diejenige Art, welche mit den Augen und Ohren des Leibes, mit denjenigen Organen, mit denen der Mensch sinnlich untersucht und verstandesmäßig begreift, wahrnahm. Wie das heute bei den Menschen im Allgemeinen wohl der Fall ist, so war es auch schon bei einzelnen eingeweihten Menschen der Vorzeit. Die waren eben deshalb Eingeweihte. Der Eingeweihte nimmt etwas von der Zukunft voraus. Ebenso trägt der Eingeweihte unsrer Tage etwas von dem erhöhten Hellsehen, von dem erhöhten Schauen, das die Menschheit in Zukunft haben wird, in sich. Er weiß etwas zu sagen von dem, was die jetzige Menschheit in Zukunft haben wird.
[ 20 ] As has often been discussed here, when we go back to ancient times, we find that even everyday consciousness was different from what it is today—that a more clairvoyant consciousness existed. It is not called “clairvoyant” because it is any clearer than ordinary consciousness, but because it sees, as it were, right through objects into the soul; yet it is a dull, twilight-like consciousness, remnants of which have been preserved in human beings’ nocturnal dream consciousness. From this, humanity’s present-day] bright, daylight consciousness has developed. When we look back to those ancient times, when the vast majority of people lived in this clairvoyant consciousness, we find that even then there were already initiates. How, then, did those ancient initiates differ from those around them who were still in a more twilight-like state of consciousness? They differed in that they already knew something of the consciousness that humanity was to attain and possesses today; in that they were able to foresee something of the future and to look into the world in the way that all of humanity has come to do in later times. It was the kind of perception that relied on the eyes and ears of the body—on those organs with which human beings make sensory observations and grasp things intellectually. Just as this is generally the case with people today, so too was it the case with individual initiates of ancient times. That is precisely why they were initiates. The initiate anticipates something of the future. Likewise, the initiate of our day carries within himself something of the elevated clairvoyance, of the elevated vision that humanity will possess in the future. He knows something to say about what present-day humanity will possess in the future.
[ 21 ] So blickten die Alten, die etwas von diesen Dingen verstanden haben], auch hinauf zu den Eingeweihten. Sie sagten sich: Wie er die Dinge ansieht, so werden in Zukunft die Menschen die Dinge auch ansehen. Sehen wir uns ihn an, er ist das lebendige Ideal, er ist derjenige, der uns durch seine Gestalt erkennbar macht, was wir sein werden. – In diesem Sinne war er ihnen ein Prophet, und wenn er noch höher stand, ein Messias; und so sagten sie sich: Der Verlauf der Geschichte wird so sein, dass er hinführen wird die große Zahl der Menschen zu dem, was er erreicht hat. Einen «Erstgeborenen» nannten sie einen solchen. Derjenige aber, welcher in solcher Weise eingeweiht werden sollte, hatte durch verschiedene Stufen hindurchzugehen. Es gibt durch die verschiedenen Stufen bis zu den höchsten Einweihungsstufen hinauf die mannigfaltigsten Erkenntnis- und Willensgrade. Durch viele Stufen kann man durchschreiten. Wie die Pflanze bei ihrer Entwicklung die verschiedenen Stufen durchmacht, von der Wurzel zu Blatt, Blüte und Frucht, so schreitet der Mensch hinauf von Einsicht zu Einsicht, bis er vom Schüler zum Eingeweihten selber wird. Dieser Fortschritt geschieht durch Schulung, und diese Schulung kann man sich aneignen. Derjenige, welcher leugnet, dass es eine solche Schulung gibt, wodurch er zu einer höheren Art des Anschauens, zu der Eröffnung von Augen des Geistes und Ohren des Geistes gelangen kann, der weiß es eben nicht, der hat noch keine Kunde erhalten von solcher Schulung. Das ist die Aufgabe der Theosophie: der Menschheit zu sagen, dass es eine solche Schulung der Aufwärtsentwicklung gibt. In meiner Zeitschrift «Lucifer – Gnosis» können Sie lesen, dass jetzt in viel tieferer Weise von dem Prinzip der Einweihung und der geistigen Kultur gesprochen wird. Die mannigfaltigsten Gründe sprechen dafür. Einen Grund möchte ich aber anführen.
[ 21 ] Thus the ancients, who understood something of these things], also looked up to the initiates. They said to themselves: Just as he views things, so will people view them in the future. Let us look at him; he is the living ideal; he is the one who, through his form, reveals to us what we will become. — In this sense, he was a prophet to them, and if he stood even higher, a Messiah; and so they said to themselves: The course of history will be such that it will lead the great multitude of people to what he has attained. They called such a person a “firstborn.” But the one who was to be initiated in this way had to pass through various stages. Throughout the various stages, up to the highest levels of initiation, there are the most diverse degrees of knowledge and will. One can progress through many stages. Just as a plant passes through various stages in its development—from root to leaf, flower, and fruit—so does the human being advance from insight to insight until he himself becomes an initiate. This progress occurs through training, and this training can be acquired. Anyone who denies that such training exists—through which one can attain a higher mode of perception, the opening of the eyes and ears of the spirit—simply does not know; they have not yet received any knowledge of such training. This is the task of Theosophy: to tell humanity that such training for upward development exists. In my journal Lucifer – Gnosis, you can read that the principle of initiation and spiritual culture is now being discussed in a much deeper way. There are many reasons for this. But I would like to cite one reason.
[ 22 ] Gerade das ist das Tragische, das so Bedrückende, die Seele Zermarternde für den modernen Menschen, dass er an die alten Urkunden nicht mehr glauben kann, dass ihm dieselben nicht mehr die Verkörperungen des Wortes Gottes sein können, weil die Entwicklung von Verstand und Vernunft zu weit vorgerückt ist, sodass er die alte Botschaft nicht mehr brauchen kann. Er braucht aber eine neue Botschaft, und diese will ihm bringen die Theosophie oder die Geisteswissenschaft. Wir haben gleichsam im Bilde in die Zukunft hineingesehen, und heute noch sieht die Entwicklung der Menschheit in der Zukunft derjenige, welcher sich zum Eingeweihten entwickelt. Er muss sich aber nach bestimmten Methoden entwickeln, und diese Methoden sind wirklich ganz bestimmte. Ebenso wie die Methoden, durch die man astronomische Wahrheiten erfährt, ganz bestimmte sind, so sind die Methoden, durch die man in die höhere Geistigkeit hinaufrückt, auch ganz bestimmte. Niemand darf sich sagen, dass er auf eigene Faust in die höheren Gebiete hinaufsteigen soll. Das ist so, wie wenn man auf eigene Faust Mathematik studieren und nichts auf Autorität hin annehmen wollte. Man braucht aber einen Leiter und Führer, der einem die Wege zeigt. Keine andre Autorität gibt es mehr auf diesem Gebiete. Daher ist es nur Rederei, wenn das Prinzip des gläubigen Hinneigens und Bekennens auf die Theosophie angewendet wird. Es ist ein Missverständnis, wenn in der Theosophie von Autorität und Gläubigkeit gesprochen wird.
[ 22 ] This is precisely what is so tragic, so oppressive, and so soul-wrenching for modern man: that he can no longer believe in the ancient scriptures, that they can no longer be for him the embodiment of the Word of God, because the development of intellect and reason has advanced so far that he no longer needs the old message. But he needs a new message, and this is what Theosophy—or spiritual science—seeks to bring him. We have, as it were, glimpsed the future in a vision, and even today, the one who develops into an initiate sees the future course of human development. But he must develop according to specific methods, and these methods are indeed quite specific. Just as the methods by which one discovers astronomical truths are very specific, so too are the methods by which one advances into higher spirituality. No one should tell themselves that they can ascend into the higher realms on their own. That is like wanting to study mathematics on one’s own and accept nothing on the authority of others. One needs, however, a mentor and guide who shows one the way. There is no other authority in this field. Therefore, it is mere rhetoric when the principle of faithful devotion and confession is applied to Theosophy. It is a misunderstanding to speak of authority and faith in Theosophy.
[ 23 ] Nun gab es in den verschiedenen Jahrtausenden immer Bücher – eigentlich nicht Bücher, sondern mehr eine mündliche Tradition, wenn wir in die alten Zeiten zurückgehen, und diese mündlichen Traditionen umfassten die Regeln, wie man eingeweiht wird. Wollen wir uns einen Begriff machen von dem, wie solch eine] Tradition war, wie solche Vorschriften waren, die zeigten, was der Mensch zu tun hat, wenn er anfängt, sich zu vergeistigen, bis zu den höchsten Einweihungsstufen, so brauchen wir nur daran zu denken, dass bei denen, die als Führer und Leiter wirkten, nichts niedergeschrieben werden durfte. Diese Regeln dürfen auch heute noch nicht niedergeschrieben, sondern nur mündlich übertragen werden denjenigen, die dazu würdig sind. Es gab einen Einweihungskanon. Er enthielt die Regeln der Geburt des Geistesmenschen aus dem sinnlichen Menschen; er zeigte die Regeln, die der Mensch erfüllen muss, um zu den hohen Zielen zu kommen. Wer sich dem geistigen Streben widmete, der musste von einer Stufe der Übungs- und Lebensweise zur andern, höheren geführt werden. Bist du auf der höheren Stufe, dann kommt der Eingeweihte und zeigt dir die höheren Geheimnisse.
[ 23 ] Now, throughout the various millennia, there have always been books—actually, not books, but rather an oral tradition, if we go back to ancient times—and these oral traditions encompassed the rules for how one is initiated. If we want to get an idea of what such a] tradition was like, what such regulations were like—which outlined what a person must do when beginning the path of spiritualization, all the way up to the highest levels of initiation—we need only remember that those who served as guides and leaders were not permitted to put anything in writing. Even today, these rules must not be written down, but may only be transmitted orally to those who are worthy of them. There was a canon of initiation. It contained the rules governing the birth of the spiritual human being out of the sensory human being; it laid out the rules that a person must fulfill in order to attain the higher goals. Anyone who devoted themselves to spiritual striving had to be guided from one stage of practice and way of life to the next, higher one. Once you are at the higher stage, the initiate comes and reveals the higher mysteries to you.
[ 24 ] Nur noch ein Wort über die Art und Weise, wie ein solcher Einweihungskodex gehandhabt worden ist. Heute ist es nicht mehr so üblich wie in alten Zeiten. Die Einweihungsprozesse schreiten auch vorwärts. Der Schüler wurde in alten Zeiten in eine Art Ekstase gebracht. Das Wort hatte damals eine andere Bedeutung als heute, es bedeutete nicht Außer-sich-Sein, sondern ein Bewusstwerden in höheren Bewusstseinszuständen, und dahin hatte ihn der geistige Führer geführt. Es war vorgeschrieben, wie lange man in solchem Bewusstseinszustande gehalten werden musste; es waren dreieinhalb Tage. Heute ist es nicht mehr so, dass das Bewusstsein herabgedämpft wird. Damals aber war der Betreffende in Ekstase und Entrückung, da wusste er nicht, was um ihn herum in] der Sinnenwelt vorging, da war der Einzuweihende auf dem Gebiete der sinnlichen Welt wie einer, der schläft. Er wurde also hingeführt zu einem Bewusstseinszustand, in dem die äußere Sinnenwelt schwand]. Aber was er erlebte, unterschied sich beträchtlich von dem, was der heutige Mensch erlebt, wenn beim Einschlafen die äußeren sinnlichen Gegenstände um ihn herum verschwinden. Die äußeren sinnlichen Dinge verschwanden, aber der Mensch lebte in einer Welt des Geistes; licht wurde es um ihn herum. Das, was man Astrallicht nennt, ging ihm auf: das Licht, das ein] andres Licht ist als das physische, das uns erscheint wie ein Meer von geistiger Substanz, in dem geistige Wesenheiten eingebettet sind und aus dem sie sich herausentwickeln. Und wenn er noch höher stieg, hörte er durchklingen aus dieser Welt, was in den alten pythagoräischen Schulen die Sphärenharmonie genannt wird. Dasjenige, was der Verstand als Weltgesetz in Begriffen erkennt, das nimmt der, welcher auf solcher Stufe sich befindet, wie eine Art Klang, wie geistige Musik wahr. Die geistigen Kräfte äußern sich in Harmonie und Rhythmus. Es ist aber dabei nicht an die äußere Musik zu denken. Die geistige Welt, die Welt der Himmel klingt und tönt für das astrale Licht. In diese Welt wurde der Einzuweihende eingeführt. Da lernte er die Stufen der menschlichen Göttlichkeit kennen, die die Menschheit erst in fernen Zeiten erklimmen wird. Das alles wurde für ihn Wahrheit, das durchlebte er in dreieinhalb Tagen.
[ 24 ] Just one more word about the way such an initiation code was handled. Today, it is no longer as common as it was in ancient times. The initiation processes are also moving forward. In ancient times, the student was brought into a kind of ecstasy. The term had a different meaning back then than it does today; it did not mean being out of one’s mind, but rather becoming aware in higher states of consciousness, and the spiritual guide had led him there. It was prescribed how long one had to be kept in such a state of consciousness; it was three and a half days. Today, consciousness is no longer suppressed in this way. Back then, however, the person in question was in a state of ecstasy and rapture; he was unaware of what was happening around him in the sensory world; in the realm of the sensory world, the initiate was like one who is asleep. He was thus led into a state of consciousness in which the external sensory world faded away. But what he experienced differed considerably from what people today experience when, as they fall asleep, the external sensory objects around them disappear. The external sensory objects disappeared, but the person lived in a world of the spirit; it became light around him. What is called astral light dawned upon him: the light that is a] different light from the physical one, which appears to us as a sea of spiritual substance in which spiritual beings are embedded and from which they develop. And when he ascended even higher, he heard resounding from this world what was called the “harmony of the spheres” in the ancient Pythagorean schools. What the intellect recognizes in concepts as a law of the world, the one who finds himself at such a level perceives as a kind of sound, as spiritual music. The spiritual forces express themselves in harmony and rhythm. However, this is not to be confused with external music. The spiritual world, the world of the heavens, resounds and rings out for the astral light. The initiate was introduced into this world. There he came to know the stages of human divinity, which humanity will only ascend in distant times. All of this became truth for him; he lived through it in three and a half days.
[ 25 ] Was dem Menschen heute grotesk erscheint, unzählige Menschen haben in der Welt gelebt und leben noch, die wissen, dass das ebenso] eine Welt der Wirklichkeit ist, wie die, welche das äußere Ohr und das äußere Auge wahrnehmen kann. Wenn dann der Betreffende nach dreieinhalb Tagen wieder in die Sinnenwelt zurückgeführt war, wenn er bereichert mit dem Wissen vom geistigen Leben wieder einging in diese Welt, wenn er vorbereitet war dafür, ein Zeuge zu sein der geistigen Welt, dann war es immer nur ein einziges geistiges Wort, das alle Eingeweihten beim Wiederbetreten der sinnlichen Welt sagten: O du mein Gott, wie herrlich hast du mich gemacht! – Dies war die Empfindung, in die die Seele sich aushauchte nach der Einweihung, beim Wiederbetreten der gewöhnlichen sinnlichen Welt. Dies alles lebte entweder in den Köpfen derjenigen, die die Einweihung zu leiten hatten, oder es wurde, als das Schreiben nach und nach mehr Sitte wurde, auch manches aufgeschrieben.
[ 25 ] What seems grotesque to people today—countless people have lived and still live in the world who know that this is just as much] a world of reality as the one that the outer ear and the outer eye can perceive. When the person in question was then led back into the sensory world after three and a half days, when he reentered this world enriched with the knowledge of spiritual life, when he was prepared to be a witness to the spiritual world—then there was always just a single spiritual word that all initiates uttered upon reentering the sensory world: “O my God, how gloriously you have made me!” – This was the feeling into which the soul breathed itself out after the initiation, upon reentering the ordinary sensory world. All of this either lived in the minds of those who were to conduct the initiation, or, as writing gradually became more common, some of it was also written down.
[ 26 ] Es gab aber eine typische Beschreibung des Lebens eines Eingeweihten. Man sagte ungefähr: Derjenige, welcher eingeweiht, aufgenommen werden soll in die Kultstätten der Einweihung, hat sein Leben so und so einzurichten, und er hat die Erfahrung zu machen, die schließlich mit den Worten: O du mein Gott, wie herrlich hast du mich gemacht, ihren Abschluss fand.
[ 26 ] There was, however, a typical description of the life of an initiate. It went something like this: The one who is to be initiated and admitted into the places of initiation must organize his life in such and such a way, and he must undergo the experience that ultimately culminated in the words: “O my God, how wonderfully you have made me.”
[ 27 ] Wenn Sie sich vor die Seele hinstellen können das Leben, wie es ein Eingeweihter durchmachen muss, so wie Sie sich das Leben eines solchen Menschen] vorstellen können, der in einem chemischen Laboratorium experimentieren will, dann würden Sie etwas bekommen, das einem typischen Bilde gleicht von dem Menschen, der sich höher entwickelt. Dann würden Sie ein typisches Bild dessen bekommen, der auferweckt werden soll. Solche Einweihungsbücher hat es gegeben, oder sie haben wenigstens in den Köpfen derjenigen gelebt, die die Einweihung geleitet haben. Wenn wir verstehen, dass es solche Bücher gegeben hat, dann werden wir uns nicht mehr wundern, wenn wir die verschiedensten Eingeweihten der verschiedensten Völker in ähnlicher Weise beschrieben finden. Darin liegt ein großes Geheimnis, darin ruht ein wunderbares Mysterium. Zu ihren Eingeweihten haben die Völker immer aufgesehen, soweit sie von ihnen gewusst haben. Was sie von ihnen erzählt haben, war nicht das, was der heutige Biograf mit seiner Schnüffelei von den großen Männern erzählt. Was sie erzählten, war der geistige Lebensgang, den der Eingeweihte erlebte. So werden wir verstehen, warum – wenn wir den Lebensgang von Hermes, Buddha, Zarathustra, Moses und Christus verfolgen – wir bei diesen Gestalten zu einem ähnlichen Lebensbilde kommen. Und warum? Weil sie dieses Leben leben mussten, wenn sie zum Eingeweihten werden wollten. Einfach das Lebensbild des Eingeweihten steht vor uns in dem Leben des Hermes, Zarathustra und so weiter.
[ 27 ] If you can picture in your mind the life that an initiate must go through—just as you can imagine the life of such a person] who wants to conduct experiments in a chemistry lab—then you would get something that resembles a typical picture of a person who is evolving to a higher level. Then you would obtain a typical picture of one who is to be raised. Such books on initiation have existed, or at least they have lived on in the minds of those who have presided over the initiation. If we understand that such books have existed, then we will no longer be surprised to find the most diverse initiates from the most diverse peoples described in similar ways. Therein lies a great secret; therein rests a wondrous mystery. The peoples have always looked up to their initiates, insofar as they knew of them. What they recounted about them was not what today’s biographer, with his prying, tells us about great men. What they recounted was the spiritual life journey that the initiate experienced. Thus we will understand why—when we trace the life courses of Hermes, Buddha, Zarathustra, Moses, and Christ—we arrive at a similar picture of life in these figures. And why? Because they had to live this life if they were to become initiates. Simply put, the picture of the initiate’s life stands before us in the lives of Hermes, Zarathustra, and so on.
[ 28 ] In dem, was die äußere Struktur der Lebensbeschreibung ist, können wir überall das Bild des Eingeweihten sehen, und von hier aus können wir uns die Frage beantworten: Wer waren diejenigen, welche die Evangelien geschrieben haben? Sie finden auf diese Frage eine theosophische Antwort in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache». Was ich hier nur mit kurzen Worten andeuten kann, finden Sie dort ausführlich dargelegt, und damit auch hingewiesen auf die geistige Glaubwürdigkeit der Evangelien. Es ist dargelegt, dass das, was in den Evangelien steht, alten Einweihungsbüchern entnommen ist. Natürlich unterschieden sich die Bücher, welche Eingeweihte über diese Dinge schrieben, durch Nebensächliches. In der Hauptsache aber kam der Inhalt immer auf dasselbe hinaus.
[ 28 ] In the external structure of the biographies, we can see the image of the initiate everywhere, and from this we can answer the question: Who were the people who wrote the Gospels? You will find a theosophical answer to this question in my book Christianity as a Mystical Fact. What I can only briefly hint at here is explained in detail there, thereby also pointing to the spiritual credibility of the Gospels. It is explained that what is written in the Gospels is taken from ancient books of initiation. Of course, the books written by initiates on these matters differed in minor details. But in essence, the content always amounted to the same thing.
[ 29 ] Nun müssen wir uns klarmachen, dass die, welche die Evangelien geschrieben haben, nichts anderes hatten als solche alten Einweihungsbücher. Wenn wir dann das wirklich Darinstehende ansehen, dann können wir in den verschiedenen Evangelien verschiedene Formen der Initiation, der Einweihung erblicken. Und warum unterscheiden sie sich? Weil ihre Schreiber die Einweihung von verschiedenen Orten her kannten. Verstehen werden wir dies, wenn wir das Verhältnis der alten Männer, die die Evangelien verfasst haben, zum Christus Jesus ansehen. Wir erlangen die beste Vorstellung, wenn wir uns an die schönen Worte erinnern, mit denen die Apokalypse beginnt. Der, welcher die Schrift des Johannes diktierte, wird genannt: der Erste und der Letzte, das Alpha und das] Omega (Offb 1,8; 21,6; 22,13). Nichts anderes ist damit gemeint als dasjenige, was – trotzdem die Zeiten und Formen der Welt sich wandelten von Menschengeschlecht zu Menschengeschlecht, von Menschenrasse zu Menschenrasse, von Planet zu Planet – als eine einheitliche, geistige Wesenheit immer vorhanden bleibt. Wenn wir dies immer vorhanden bleibende Wesen als das Göttliche bezeichnen und sehen, dass wir einen Funken davon in uns haben, so fühlen wir uns mit diesem Alpha und Omega verwandt, ja wir fühlen dieses als das letzte Ideal, zu dem sich das sich Entwickelnde immer mehr hinaufhebt. So wurde es uns vorgeführt, dieses Ewige in allen Zeiten, dieses Dauernde in allem Wechsel.
[ 29 ] Now we must realize that those who wrote the Gospels had nothing other than such ancient initiation texts. If we then look at what is actually written there, we can discern different forms of initiation in the various Gospels. And why do they differ? Because their authors knew initiation from different perspectives. We will understand this when we consider the relationship of the elderly men who composed the Gospels to Christ Jesus. We gain the best understanding when we recall the beautiful words with which the Book of Revelation begins. The One who dictated the writing of John is called: the First and the Last, the Alpha and the Omega (Rev 1:8; 21:6; 22:13). This refers to nothing other than that which—despite the changing times and forms of the world from one generation to the next, from one race to another, from one planet to another—remains ever-present as a unified, spiritual entity. When we designate this ever-present being as the Divine and recognize that we possess a spark of it within ourselves, we feel a kinship with this Alpha and Omega; indeed, we perceive it as the ultimate ideal toward which the evolving world continually ascends. Thus has it been revealed to us: this Eternal One in all ages, this Unchanging One in all change.
[ 30 ] Nun müssen wir uns an den Sprachgebrauch erinnern, der ganz aus unserem Bewusstsein verschwunden ist. Ich möchte Ihnen das, worum es sich handelt, mit ein paar Worten vorführen. Heute ist der Name, den wir den Menschen geben, mehr oder weniger gleichgültig. Wir fühlen keinen rechten Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinem Namen. Je weiter zurück man geht, desto bedeutungsvoller und wesentlicher wird der Name, man legte] Wert auf gewisse Gesetze, durch die der Mensch einen Namen bekommt. Ich brauche nur zu erinnern, dass es nicht sehr lange her ist, wo noch die Gepflogenheit bestand, dass man in den Kalender geschaut und dem neugeborenen Kinde den Namen gegeben hat, der am Tage seiner Geburt im Kalender stand. Man nahm an, dass das Kind] sich hingedrängt fühlte zur Geburt an dem Tage, der diesen Namen trug. Derjenige, welcher die Einweihung durchgemacht hat, die ich beschrieben habe, hat einen neuen Namen erhalten, den Einweihungsnamen, und dieser bezeichnete seine innere Wesenheit, bezeichnete das, was er bedeutet in der Welt, das, als was ihn der Führer erkannte. Dieser Name war mit seinem Wesen verknüpft und drückte das aus, was nur die innere Wesenheit angeht.
[ 30 ] Now we must recall a usage of language that has completely vanished from our consciousness. I would like to illustrate what this is all about in a few words. Today, the name we give a person is more or less irrelevant. We don’t feel any real connection between a person and their name. The further back in time one goes, the more meaningful and essential the name becomes; people placed] importance on certain rules governing how a person received a name. I need only remind you that it was not very long ago that the custom still existed of looking in the calendar and giving the newborn child the name listed in the calendar for the day of its birth. It was believed that the child felt compelled to be born on the day bearing that name. The person who underwent the initiation I have described received a new name—the initiation name—and this name denoted his inner being, denoted what he signifies in the world, that which the guide recognized in him. This name was linked to his being and expressed that which pertains solely to the inner being.
[ 31 ] Nun erinnern Sie sich, dass in der Bibel, im Neuen Testamente, die mannigfaltigsten Aussprüche Jesu angeführt werden. Derjenige dringt nur tiefer ein in diese Schriften, der von dem Gesichtspunkte des Eingeweihten an dieselben herangeht und der] von der Namengebung auch etwas versteht. Man bezeichnete zum Beispiel jemanden, wenn man ihn geistig bezeichnen und ausdrücken wollte, dass er noch auf niederer Stufe steht, mit einem Ausdrucke, der hergenommen war von den Eigenschaften des Astralleibes; wenn er höher stand, mit Ausdrücken, die hergenommen waren von Eigenschaften des Ätherleibes. Wollte man ausdrücken das Typische, dann drückte man dies aus mit Ausdrücken, die von Eigenschaften des physischen Leibes hergenommen sind. So hatten die alten Namen eine Beziehung zu dem Menschen und drückten so recht eigentlich sein Wesen aus. Erinnern wir uns jetzt, wie oft in einem Kapitel Worte des Jesus vorkommen, wo er sich als etwas Bestimmtes bezeichnet – namentlich im Johannes-Evangelium können Sie solches finden. Wir können sie vielfach zurückführen auf ein Wort, auf das Wörtchen «Ich». Denken Sie einmal an das], was ich schon öfter in diesen Vorträgen ausgeführt habe.
[ 31 ] Now, remember that the Bible, in the New Testament, contains a wide variety of sayings attributed to Jesus. One can only gain a deeper understanding of these writings by approaching them from the perspective of an initiate and by] having some understanding of the significance of names. For example, when one wished to describe and express spiritually that a person was still at a lower level, one used an expression derived from the qualities of the astral body; if the person was at a higher level, one used expressions derived from the qualities of the etheric body. If one wished to express what was typical, this was done with terms derived from the qualities of the physical body. Thus, the ancient names had a connection to the human being and truly expressed his or her essence. Let us now recall how often words of Jesus appear in a chapter where he describes himself as something specific—you can find such examples particularly in the Gospel of John. In many cases, we can trace them back to a single word, the little word “I.” Think for a moment about what I have already explained several times in these lectures.
[ 32 ] Man unterscheidet vier Glieder der menschlichen Wesenheit: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Dieses Ich wird immer größer und größer, dieses Ich ist so, dass es sich zur Einweihung hinaufentwickelt, dieses Ich ist unvollkommen beim wenig entwickelten Menschen, gewaltig und vollkommen beim Eingeweihten. Wenn nun Christus oftmals im Johannes-Evangelium hindeutet darauf, dass er identisch sei mit «Ich bin», wenn er sich bezeichnet als denjenigen, der da ist, der eins ist mit der tiefsten Wesenheit des Menschen in dem Satze «Ich und der Vater sind eins» (Joh 10,30), wenn Sie das nehmen, so werden Sie es nun verstehen können von dieser Namensgebung aus, weil er das Ewige in sich schließt, nicht weil er ein gewöhnlicher Mensch war und er mit diesem Ich den gewöhnlichen Menschen bezeichnete, sondern weil er etwas war, das über den gewöhnlichen Menschen hinausging, weil er Christus, das Alpha und Omega war. So sahen die, welche in jener Zeit lebten, in ihm ein göttliches Wesen, das den physischen Leib trug, ein Wesen, für das ebenso gleichgültig ist der physische Leib und ebenso wichtig das Geistige, wie höchst bedeutsam für den physischen Menschen der physische Leib und unwichtig das Geistige ist. Das Hervorstechende im Menschen wurde sein Name, und wenn wir dieses noch weiter ausdenken, dann verstehen wir noch etwas anderes. Sie werden von da den Weg finden in manches Mysterium der Bibel. Wir verstehen, was es zu bedeuten hat, als Moses dem Jehova gegenüberstand und er – Jehova] – ihn zum Gesandten machen will für das Volk, und Moses erwiderte: Was soll ich ihnen sagen, wer mich gesandt hat? – Und da hören wir die bedeutungsvollen Worte: Sage, ich, der ich bin, hat dich gesandt. (2 Mos 3,14) – Auf welche Wesenheit deutet hier selbst Jehova hin? Das ist im Wesentlichen, was im tiefsten Inneren in jeder Menschenwesenheit liegt. Gelangen wir an das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, so sehen wir, dass das Ich ein Name ist, den wir uns selbst geben müssen. Das Göttliche muss selbst sprechen, das Göttliche, das an einem Punkte zu sprechen beginnt, das als kleiner, unbedeutender Keim im Menschen lebt und zu unendlicher Größe entwickelt werden kann. Das ist es, was gemeint ist, das ist es, was dem Moses den Auftrag gab und sagte: Sage ihnen, «Ich-bin-Ich» hat dich gesandt. (2 Mos 3,14) – Das, was wie ein göttlicher Keim in jeder menschlichen Seele liegt, das, was im physischen, Äther- und Astralleib eingehüllt ist wie ein Punkt, zu dem wir sagen «Ich-bin», das, was noch unbedeutend über sie emporwächst und was noch unbedeutend in uns emporlebt, werden wir nicht als das Geringe in unserer Wesenheit bezeichnen, sondern als das Wichtigste. Das Wesentliche ist es, das im Menschen lebt und das den Moses schicken will, indem es sagt: «Ich bin der Ich bin.»
[ 32 ] A distinction is made between four aspects of the human being: the physical body, the etheric body, the astral body, and the “I.” This “I” grows ever larger; it is such that it evolves toward initiation; it is imperfect in the less-developed human being, but mighty and perfect in the initiate. When Christ frequently hints in the Gospel of John that he is identical with “I am,” when he describes himself as the One who is there, who is one with the deepest essence of the human being in the statement “I and the Father are one” (John 10:30)—if you take this into account, you will now be able to understand it in light of this naming, because it encompasses the Eternal—not because he was an ordinary human being and used this “I” to refer to ordinary human beings, but because he was something that transcended the ordinary human being, because he was Christ, the Alpha and the Omega. Thus, those who lived in that time saw in him a divine being who wore a physical body—a being for whom the physical body is just as indifferent and the spiritual just as important as the physical body is of the utmost significance to the physical human being and the spiritual is unimportant. What stood out most in the human being became his name, and if we think this through even further, we will understand something else as well. From there, you will find your way into many a mystery of the Bible. We understand what it means when Moses stood before Jehovah and Jehovah wanted to make him a messenger for the people, and Moses replied: “What shall I tell them—who sent me?”—And then we hear the meaningful words: “Say, ‘I AM’ has sent you.” (Exodus 3:14)—To what essence is Jehovah Himself pointing here? This is, in essence, what lies in the deepest inner core of every human being. When we reach the fourth element of human existence, we see that the “I” is a name we must give ourselves. The Divine must speak for itself—the Divine that begins to speak at a certain point, that lives within the human being as a small, insignificant seed and can develop into infinite greatness. This is what is meant; this is what gave Moses his commission and said: Tell them, “‘I Am Who I Am’ has sent you.” (Exodus 3:14) – That which lies like a divine seed in every human soul, that which is enveloped in the physical, etheric, and astral bodies like a point to which we say “I Am,” that which still grows insignificantly above them and which still lives insignificantly within us—we shall not describe this as the least significant part of our being, but as the most important. It is the essential that lives within the human being and that seeks to send Moses by saying, “I am who I am.”
[ 33 ] So sehen Sie, welcher tiefe Sinn in solcher Namensgebung steckt, und wenn hingedeutet wurde auf dieses «Ich bin», dann wurde zu gleicher Zeit auch immer hingedeutet auf denjenigen Punkt in der Menschheitsentwicklung, den ich auch schon in diesen Vorträgen erwähnt habe und der auch in der Bibel angedeutet wird, nämlich den Punkt, wo der physische Mensch beseelt wird. Öfter habe ich schon auseinandergesetzt, wie das, was heute der physische Mensch ist, sich von niederen Stufen heraufentwickelt hat, wie er sich dadurch, dass er mit einer Seele, die von der Gottheit herunterstieg, begabt wurde, sich weiterentwickeln konnte. Was aus dem Schoße der Gottheit herunterstieg, hat sich hineingesenkt in den physischen Leib und hat den physischen Leib weiterentwickelt. Dieser Moment ist auch in der Bibel angedeutet. Sie lehrt ihn mit ein paar Worten. Vor jenem Momente, der sich in Wirklichkeit über lange Zeiträume erstreckt hat, hatte jener menschliche Körper nicht das, was man brauchte, um das Ich zur Entfaltung zu bringen, nicht das, was man als physischer Mensch auch heute notwendig gebraucht. In jener Zeit atmeten die Menschenvorfahren noch nicht durch Lungen, in jener Zeit entwickelte der Mensch aus einem schwimmblasenartigen Organ heraus seine Lunge. Er lernte da erst die Lungenluftatmung, und von diesem Vorgange ab gab es erst die Beseelung des menschlichen Körpers. Denken Sie sich diesen Vorgang zusammengedrängt] in einen Satz, so haben Sie das biblische Wort: Und Gott blies dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebendige Seele. (1 Mos 2,7) – Dadurch, dass der Mensch als physisches Wesen atmen lernte, war er befähigt, die Seele aufzunehmen.
[ 33 ] So you can see what profound meaning lies in such naming, and whenever reference was made to this “I Am,” reference was simultaneously made to that point in human development which I have already mentioned in these lectures and which is also alluded to in the Bible—namely, the point at which the physical human being is endowed with a soul. I have often discussed how what the physical human being is today evolved from lower stages, and how, by being endowed with a soul that descended from the Divine, he was able to develop further. What descended from the bosom of the Divine sank into the physical body and further developed the physical body. This moment is also alluded to in the Bible. It teaches it in just a few words. Before that moment—which in reality spanned long periods of time—the human body lacked what was needed to bring the “I” to full development, lacked what the physical human being still needs today. In those days, human ancestors did not yet breathe through lungs; it was then that humans developed their lungs from a swim-bladder-like organ. It was only then that they learned to breathe air through their lungs, and it was only from this process onward that the human body became animated. If you condense this process into a single sentence, you have the biblical passage: “And God breathed into the man’s nostrils the breath of life, and he became a living soul.” (Genesis 2:7) – By learning to breathe as a physical being, human beings became capable of receiving the soul.
[ 34 ] Gehen wir auf die Bedeutung des Jehova-Namens zurück, dann finden wir, dass «Jehova» so viel heißt wie «Wehen», so viel bedeutet wie, dass die Luft dahinweht. Es ist im Worte «Jahve» nichts anderes ausgedrückt als der wehende Atem, mit dem der Ichgeist in den Menschen einzieht. So wird in diesem Namen dargestellt, wie der wehende Atem seine Wesenheit in dem Satze ausdrückt: «Ich bin der Ich bin», wie er] einen Teil dieser Wesenheit hineingießt in den Menschen. Es wird uns ein wahrer Weltvorgang da vorgeführt. So wird uns zur wahren Tatsache jenes Ewige, das in der Menschennatur lebt. Ob wir den Menschen von heute oder den Menschen vor Tausenden von Jahren nehmen, das Ichwesen war da vor allen Zeiten. Denken Sie sich das Ichwesen in seiner höchsten Offenbarung, wo alles Äußere unwesentlich ist, denken Sie sich, dass ein Mensch das Innerste so groß und gewaltig erkennt, dann haben Sie die Vorstellung, die sich die alten Christus-Anhänger von dem Christus machten. Was da in den ältesten Zeiten nur als Funke lebte, in höchster Glorie lebte es in Jesus von Nazareth. Er war, weil er der höchste Göttliche war, der höchste Eingeweihte, daher das Wort: «Ehe Abraham war, bin Ich.» (Joh 8,58) Er ist in körperlicher Gestalt dasjenige, was da ist, ehe Abraham war, was da ist, ehe Abraham, Isaak und Jakob waren, er ist das, was als das größte Menschheitsideal vor dem steht, der sich entwickeln will, vor dem, der die Worte der Bergpredigt befolgt: «Selig sind diejenigen, die da sind Bettler im Geist, denn sie werden in sich finden die Reiche der Himmel.» (Mt 5,3)
[ 34 ] If we return to the meaning of the name “Jehovah,” we find that “Jehovah” means “breath”—that is, the air blowing away. The word “Yahweh” expresses nothing other than the blowing breath with which the I-spirit enters into human beings. Thus, this name depicts how the blowing breath expresses its essence in the statement, “I am who I am,” and how it] pours a part of this essence into human beings. A true cosmic process is presented to us here. Thus, that which is eternal and lives within human nature becomes a true reality for us. Whether we consider people of today or people from thousands of years ago, the “I”-being has existed since time immemorial. Imagine the I-being in its highest revelation, where everything external is insignificant; imagine that a human being recognizes the innermost essence as so great and mighty—then you have the conception that the ancient followers of Christ had of Christ. What existed in the most ancient times only as a spark lived in its highest glory in Jesus of Nazareth. He was—because he was the highest Divine, the highest Initiate—hence the words: “Before Abraham was, I am.” (John 8:58) In physical form, He is that which existed before Abraham, that which existed before Abraham, Isaac, and Jacob; He is that which stands as the greatest ideal of humanity before those who wish to develop themselves, before those who follow the words of the Sermon on the Mount: “Blessed are those who are poor in spirit, for they will find within themselves the kingdoms of heaven.” (Matt. 5:3)
[ 35 ] Nehmen wir dieses Wort so, dann haben Sie die Vorstellung, die sich die Christus-Anhänger damals machten. Was konnten sie von diesem höchsten inkarnierten Gott für eine Lebensbeschreibung geben? Wo war eine Lebensbeschreibung, die seiner würdig war? Das war die Lebensbeschreibung, die man im Einweihungskanon gab, demjenigen Kanon, der die Regeln enthielt, nach denen der Einzuweihende initiiert werden sollte. Wie man sieht, war es so: Willst du eingeweiht werden, dann hast du von Lebensstufe zu Lebensstufe das und das durchzumachen bis zur letzten Stufe, die angedeutet ist mit den Worten: Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!
[ 35 ] If we take this word at face value, then you have the image that the followers of Christ had back then. What kind of biography could they possibly provide for this supreme incarnate God? Where was a biography worthy of him? That was the biography given in the initiation canon—the canon that contained the rules according to which the initiate was to be initiated. As you can see, it was like this: If you want to be initiated, then you must go through this and that, step by step, until you reach the final step, which is indicated by the words: “My God, my God, how you have glorified me!”
[ 36 ] Und wie dasjenige, was auf geringerer Stufe der Menschen gelebt, wie ein Ereignis dargestellt war äußerlich in der physischen Welt auf Golgatha, da haben sich die Eingeweihten gesagt: Wollen wir sein Leben beschreiben, dann können wir nur das Bild nehmen, das der Einzuweihende durchzumachen hat. Wie der Einzuweihende von Stufe zu Stufe gehen muss, so ist der Gott im Menschen von Stufe zu Stufe gegangen, und so ist die Passionsgeschichte weiter nichts als der auf das Leben und Sterben Jesu Christi angewendete Mysterienkanon. Natürlich haben sie ihn genommen, woher sie ihn bekommen konnten. Daher finden wir ihn in den verschiedenen Formen, in denen er bei den verschiedenen Völkern vorhanden war. Darauf kommt es nicht an, es kommt darauf an, was als Bewusstsein lebte bei denen, die das Mysterium von Golgatha betrachtet haben. Niemand darf kommen und sagen: Die Theosophie leugnet den historischen Christus und zeigt nur sein typisches Leben. Nein, nicht darauf kommt es an, dass das historische Ereignis abgeleugnet wird. Es soll nicht nur der schlichte Mann von Nazareth in die Mitte gestellt werden, sondern der Gottmensch «Christus».
[ 36 ] And just as that which lived at a lower level of humanity was portrayed as an event in the outer, physical world on Golgotha, the Initiates said to themselves: If we are to describe his life, we can only take the image that the initiate must undergo. Just as the initiate must proceed from stage to stage, so the God within humanity has proceeded from stage to stage; and thus the Passion narrative is nothing more than the mystery canon applied to the life and death of Jesus Christ. Naturally, they took it from wherever they could obtain it. That is why we find it in the various forms in which it existed among different peoples. That is not what matters; what matters is what lived as consciousness among those who contemplated the Mystery of Golgotha. No one may come and say: Theosophy denies the historical Christ and presents only his typical life. No, the point is not that the historical event is denied. It is not merely the simple man of Nazareth who is to be placed at the center, but the God-man “Christ.”
[ 37 ] Gerade dadurch bekommt man einen Begriff davon, wie diejenigen noch fühlten, die in jener Zeit lebten. Der heilige Augustinus sagte zum Beispiel, dass als Prinzip der Einweihung die wahre Religion immer da war, die dann später die christliche genannt wurde, als der Stifter des Christentums auf der Erde wandelte. Stellen wir uns auf den Standpunkt, den ich den des Einweihungsprinzipes nannte; was muss ich sagen? Stelle ich mir die alten Mysterien vor, dann wird mir der Weg gezeigt bis zur Entwicklung des «Ich bin». Sehe ich auf den Entwicklungsgang des Christus Jesus, so stellt er mir in wunderbarer Weise dar das, was früher ein Einzuweihender hat erleben können. Da sehen Sie, was als wahre Religion immer verkündet worden ist in alten Zeiten. Und nun verstehen wir auch Augustin, wenn er sagt: Die wahre Religion hat immer existiert, und man nenne sie jetzt die christliche Religion. – Mit dem Worte «Selig sind, die da glauben, auch wenn sie nicht schauen» (Joh 20,29) ist gemeint, dass man das auch auf dem physischen Plan dargelegt bekommen hat, was früher nur der Eingeweihte auf dem astralen Plan hat erleben können.
[ 37 ] It is precisely through this that one gains an understanding of how those who lived in that era still felt. St. Augustine, for example, said that true religion—which later came to be called Christianity—had always existed as the principle of initiation, even before the founder of Christianity walked the earth. If we adopt the perspective I have called the “principle of initiation,” what can I say? When I imagine the ancient mysteries, the path is revealed to me leading up to the development of the “I Am.” When I look at the course of Christ Jesus’ development, it reveals to me in a wondrous way what a candidate for initiation used to be able to experience. There you see what has always been proclaimed as the true religion in ancient times. And now we also understand Augustine when he says: The true religion has always existed, and it is now called the Christian religion. – The words “Blessed are those who believe, even though they have not seen” (John 20:29) mean that what was once experienced only by the initiate on the astral plane has now been revealed on the physical plane as well.
[ 38 ] So kommen wir dazu, dass man Respekt, Ehrfurcht haben muss vor den Büchern der alten Zeiten. Was war es, was da zugrunde lag? Es war das, was im Kanon stand. Des Menschen Weg zur Göttlichkeit ist es, die von Gott selber stammt. So wahr wie in dem einzelnen Atemzug ein kleiner Teil des wehenden Gottes gesehen werden kann, so wahr ist es, dass in dem Einfluss des Göttlichen ein Teil des Gottes gesehen werden kann. Weil das so in den Büchern dargestellt ist, deshalb diese Ehrfurcht; weil man fühlte, dass dies in den äußeren Büchern einen äußeren Ausdruck empfangen hat.
[ 38 ] This leads us to the conclusion that we must have respect and reverence for the books of ancient times. What was the foundation for this? It was what was contained in the canon. Man’s path to divinity is the one that originates from God Himself. Just as a small part of the breathing God can be seen in a single breath, so it is true that a part of God can be seen in the influence of the divine. Because this is presented in the books, hence this reverence; because one sensed that this had received an outward expression in the external books.
[ 39 ] Wenn Sie die Sache so ansehen, dann haben Sie vielleicht für den Verstand weniger, aber zunächst eine von dem Intellekt durchdrungene Empfindung. Sie haben darin etwas, was in die Stimmung alter Zeiten gegenüber religiösen Urkunden hineinführt, und wenn wir wissen, wie solche religiösen Urkunden herausgeboren sind aus dem Einweihungsprinzip, dann werden wir auch verstehen, dass sie uns in der äußeren Spiegelung nicht gleich klar erscheinen können, sondern dass wir tiefer und tiefer uns hineinleben müssen, um diese religiösen Urkunden zu verstehen.
[ 39 ] If you look at it this way, you may have less for the mind, but at first a feeling imbued with intellect. In this, you have something that leads into the spirit of ancient times as it relates to religious texts, and if we understand how such religious texts were born out of the principle of initiation, then we will also understand that they cannot appear immediately clear to us in their outward reflection, but that we must immerse ourselves deeper and deeper into them in order to understand these religious texts.
[ 40 ] Diejenigen, die sie zerklaubten, kritisierten, haben keine Ahnung davon, dass man erst lernen muss die Worte zu lesen, die darin vorkommen. Versteht denn jemand das Psalmenwort, welches ich früher angeführt habe: «Durch die Worte des Herrn sind befestigt die Himmel und durch seinen Hauch die Meere.» (Ps 33,6) Versteht es jemand, der nicht weiß, dass Jahve selbst die Sache auch ist, und kann jemand wiederum die Zusammenstellung des Wortes Jahve mit Elohim verstehen, wenn er nicht weiß, dass über Jahve höhere geistige Wesenheiten stehen, zu denen wie zu einem Gattungswesen Jahve gehört? Für denjenigen, der etwas von diesen Dingen weiß, ist es klar, dass das Wort Elohim ein Gattungsname ist und in derselben Weise gebraucht wird, wie man sagen kann von jemand, sagen wir, Hans Müller ist ein Deutscher, aber nicht umgekehrt, der Deutsche ist ein Hans Müller. Ebenso kann man also sagen: Jahve der Elohim, aber nicht der Elohim ist ein Jahve. Wenn also von Elohim gesprochen wird, so sind es die Wesen, welche in dem leben, was als Sphärenharmonie bezeichnet wird, die in einem geistigen Lichte leben.
[ 40 ] Those who have torn it apart and criticized it have no idea that one must first learn to read the words that appear in it. Does anyone understand the verse from the Psalms that I quoted earlier: “By the word of the Lord the heavens were established, and by his breath the seas were made”? (Ps 33:6) Can anyone understand this who does not know that Yahweh Himself is the very essence of the matter, and can anyone, in turn, understand the combination of the word Yahweh with Elohim if they do not know that there are higher spiritual beings above Yahweh, to whom Yahweh belongs as a generic term? For those who know anything about these matters, it is clear that the word Elohim is a generic term and is used in the same way that one can say, for example, that Hans Müller is a German, but not the other way around—that the German is a Hans Müller. Likewise, one can say: “Yahweh the Elohim,” but not “the Elohim is a Yahweh.” So when we speak of the Elohim, we are referring to the beings who dwell in what is called “sphere harmony,” who live in spiritual light.
[ 41 ] Das liegt zugrunde als Tatsache, wenn wir davon sprechen, dass Gott den Menschen den Odem einblies und er eine lebendige Seele ward. Wenn wir dann so in diese Dinge eindringen, dann ist es nicht, wie manche Gelehrte glauben, etwas, was wir hineinträumen, es ist vielmehr so, dass die theosophische Weltanschauung unabhängig von der Weltkunde uns die Entstehung der Welt lehrt, dass sie dasjenige lehrt, was die Eingeweihten als eigenes Erlebnis anzugeben vermochten, dass sie uns zeigt, wie es wiederkehrt in den religiösen Urkunden, obgleich vielfach missverstanden. Für den, der es so ansieht, kommt es nicht darauf an, ob man diese Urkunden kritisch zusammensetzt, sondern darauf, welches die ihnen zugrunde liegende einheitliche Weisheit ist. Wenn vier Leute ein Buch über Mathematik schreiben, so ist die minderwichtige Arbeit diese, die vier Stücke wieder zu zerlegen und zu sagen: Das hat der, das jener geschrieben. Wichtiger ist es, den einheitlichen Geist, der darinnen lebt, herauszufinden.
[ 41 ] This is the underlying fact when we speak of God breathing life into man and man becoming a living soul. When we delve into these matters in this way, it is not, as some scholars believe, something we imagine, but rather that the theosophical worldview—independent of scientific knowledge—teaches us about the origin of the world; that it teaches what the initiates were able to describe as their own experience; and that it shows us how this is reflected in the religious texts, even though it is often misunderstood. For those who view it this way, what matters is not whether these texts are critically pieced together, but rather what the underlying, unified wisdom is. If four people write a book on mathematics, the less important task is to break the four parts down again and say: “This was written by so-and-so, that by so-and-so.” It is more important to uncover the unified spirit that lives within it.
[ 42 ] Wenn man das bei religiösen Urkunden wirklich tut, dann dringt man tiefer und tiefer ein, und dann werden einem auch die ersten Kapitel der Genesis in einer ungeheuren, leuchtenden Form entgegentreten. Was da bildlich in großen und gewaltigen Worten ausgedrückt ist: «Im Anfang schuf der höchste Geist Himmel und Erde» (1 Mos 1,1) – bis zum Ende des ersten Kapitels –, ist eine Wiedergabe dessen, wenn auch in der Art und Weise, wie man damals sprechen musste, was die Geisteswissenschaft abgesehen von den Urkunden aus sich selbst heraus feststellen kann. Hier ist auch von der Entwicklung der Erde und des Menschen gesprochen worden; und ebenso, wie man das große Ereignis der Umwandlung der Schwimmblase in die Lunge in der Bibel angedeutet findet, so ist auch mit den anderen Worten der ersten Kapitel der Bibel Weisheit enthalten, die wir unabhängig verfolgen können.
[ 42 ] If one truly does this with religious texts, one delves deeper and deeper, and then even the first chapters of Genesis will reveal themselves in a tremendous, radiant light. What is expressed there figuratively in grand and powerful words—“In the beginning, the Supreme Spirit created the heavens and the earth” (Gen. 1:1)—through the end of the first chapter—is a rendering of what spiritual science can ascertain on its own, apart from the sacred texts, albeit in the manner of speech that was necessary at that time. The development of the Earth and of humankind is also discussed here; and just as the great event of the transformation of the swim bladder into the lung is alluded to in the Bible, so too do the other words of the first chapters of the Bible contain wisdom that we can trace independently.
[ 43 ] Wir blicken vom theosophischen Gesichtspunkte aus auf eine Zukunft hinaus, wo die Menschen aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung heraus, unabhängig von jeder religiösen Urkunde, wiederum wissen werden, was als Geistiges der Welt zugrunde liegt, wo sie wissen werden, um was es sich bei der Weltentwicklung handelt, wo ihnen die Zustände der Weltentwicklung wieder klar werden, die öfter hier dargelegt worden sind. Und wenn dann jemand die Bedeutung der Bibel kennengelernt hat, findet er die Wertschätzung der großen, alten Weisheit, die man auch unabhängig von der Bibel finden kann, in der Bibel ausgedrückt.
[ 43 ] From a theosophical perspective, we look forward to a future in which people, guided by a spiritual-scientific worldview and independent of any religious scripture, will once again know what lies at the foundation of the world as the spiritual, where they will understand the nature of world evolution, and where the stages of world evolution—which have often been outlined here—will once again become clear to them. And when someone has come to understand the significance of the Bible, they will find in it an expression of the great, ancient wisdom that can also be found independently of the Bible.
[ 44 ] Wenn Lessing von der Bibel sagt: Und Gott gab dem Menschen ein erstes Elementarbuch – das war das Alte Testament –, und Gott gab dem Menschen ein zweites Elementarbuch – und das war das Neue Testament, und meint, dass der Mensch in Zukunft unabhängig von den Elementarbüchern in die geistigen Welten eindringen wird und dass, wenn dieses dritte Weltenalter kommen wird, wir dann mit noch größerer Ehrfurcht blicken werden auf diejenige Entwicklung, die unsere Vorfahren aufgrund der Elementarbücher durchgemacht haben. Und diese Elementarbücher werden uns wieder heilig werden, weil sie uns als Ausdruck der höchsten geistigen Weisheit erscheinen werden.
[ 44 ] When Lessing says of the Bible: “And God gave humankind a first elementary book—that was the Old Testament—and God gave humankind a second elementary book—and that was the New Testament,” and means that in the future, humankind will enter the spiritual worlds independently of the elementary books, and that when this third world age arrives, we will then look with even greater reverence upon the development our ancestors underwent on the basis of the elementary books. And these elementary books will once again become sacred to us, because they will appear to us as an expression of the highest spiritual wisdom.
[ 45 ] Wir werden nun auch begreifen, wie wir in der Zukunft in das Christentum hineinleuchten müssen. Der, welcher nur auf dem Buchstaben steht, versteht auch den Buchstaben des Buches nicht. Ein Wort Christi: «Ich bin bei Euch bis ans Ende der Welt.» (Mt 28,20) Wer Christus suchen will, der kann ihn nicht auf Golgatha finden. Wer dadurch, dass er seine geistigen Fähigkeiten entwickelt, sodass es ihm zur Wahrheit wird, was der christliche Mystiker Meister Eckhart, der überzeugt war, dass er ein echter Christ war, sagt: «Glauben Sie, dass Christus nur äußerlich sich anbeten lässt wie eine Kuh?» Es kommt darauf an, den Christus zu sehen mit den höchsten Organen, die der Mensch haben kann. Wer das Christus-empfängliche Auge hat, der findet den Christus, der findet in sich selbst bewahrheitet das Wort: «Ich bin bei Euch bis ans Ende der Welt.» Das Christentum kann man jeden Tag in der Wirklichkeit lernen. Man kann die Wahrheit des Christentums erleben, die Wahrheit des wirklichen, historischen Christus.
[ 45 ] We will now also come to understand how we must shed light on Christianity in the future. He who clings only to the letter does not even understand the letter of the book. A word of Christ: “I am with you always, even to the end of the age.” (Matthew 28:20) Whoever seeks Christ cannot find him on Golgotha. Whoever, by developing his spiritual faculties, comes to see as truth what the Christian mystic Meister Eckhart—who was convinced that he was a true Christian—says: “Do you believe that Christ allows himself to be worshipped only outwardly, like a cow?” What matters is seeing Christ with the highest faculties a human being can possess. Whoever has an eye receptive to Christ will find Christ; they will find within themselves the fulfillment of the word: “I am with you to the end of the world.” One can learn Christianity in reality every day. One can experience the truth of Christianity, the truth of the real, historical Christ.
[ 46 ] Es könnte nun kommen, dass man sagte, und das haben viele in den Kinderjahren der Theosophie gesagt: Auf den äußeren Christus kommt es nicht an, den inneren Christus muss man erleben. Das ist ebenso, wie wenn man sagen wollte, die Sonne lebt in meinem Auge, wozu brauche ich die äußere Sonne]? Der, welcher das Christusauge hat, der wird auch den Christus von Golgatha erkennen und finden können. Der, welcher das Christusauge empfing, findet auch den äußeren, historischen Christus, und er findet ihn dann auch in den Evangelien, und im Christentum selbst liegt dieser Keim zu seiner Weiterentwicklung. Es ist immer wieder und wird es bleiben, das bedeutsamste, das größte Mittelpunktwort des Christentums, das nur zu leicht missverstanden werden kann: «Wer da nicht verlässt Weib und Kind, Mutter und Brüder, der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Damit ist nicht gemeint, dass man in die Wüste zu gehen und dadurch Christus nachzufolgen habe. Etwas viel Höheres ist damit ausgedrückt. Wenn Sie zurückgehen: In der Zeitenwende finden wir Blutsliebe, in den kleinen Blutsbruderschaften. Es lebte durch das Blut das höchste Bewusstsein hindurch. Das hört auf in dem Zeitpunkt, wo die Nahehe in die Fernehe übergeht. Mit der Blutsbruderschaft war die Zusammengehörigkeit, die Liebe, in den alten Zeiten gegeben, man liebte den, mit dem man blutsbrüderlich verwandt war.
[ 46 ] One might now say—and many have said this in the early days of Theosophy—that the outer Christ is irrelevant; one must experience the inner Christ. That is just as if one were to say, “The sun lives in my eye—why do I need the outer sun?”] The one who has the eye of Christ will also be able to recognize and find the Christ of Golgotha. The one who has received the eye of Christ also finds the outer, historical Christ, and he then finds him in the Gospels as well; and within Christianity itself lies the seed for his further development. It has always been, and will remain, the most significant, the greatest central teaching of Christianity—one that can all too easily be misunderstood: “Whoever does not forsake wife and children, mother and brothers, cannot be my disciple.” (Luke 14:26; Matthew 19:29) This does not mean that one must go into the desert and thereby follow Christ. It expresses something far higher. If you look back: At the turn of the ages, we find blood kinship in the small blood brotherhoods. The highest consciousness lived through the blood. This comes to an end at the moment when the close bond of kinship gives way to a distant one. In ancient times, the blood brotherhood provided a sense of belonging and love; people loved those with whom they were related by blood.
[ 47 ] Deshalb schneidet das Christentum so tief in die Entwicklung der Menschheit hinein, weil es hinweist in die Vergangenheit, wo die Liebe an das Blut gebunden war, und in die Zukunft weist es, wo die Liebe die ganze große Menschheit umfassen wird, wo der Mensch den Menschen lieben wird, abgesehen davon, ob er Blutsbruder ist oder nicht, ob er nah oder fern verwandt ist, wo diese Liebe die allumfassendste Menschenliebe sein wird. Das Christentum ist das Instrument, um aus den engen Blutsbanden herauszukommen, die Menschen zu erlösen von der bloßen Blutsverwandtschaft, von dem, was im Blute liegt, und hinzuführen zu dem, was nicht im Blute liegt, was nicht Mutter, Bruder, Vater, Schwester, Kind ist, sondern ausdrückt im Menschen, was als Liebe aus dem Geiste strömt und nicht aus dem Blute. Das herbeizuführen, ist das Christentum das Instrument.
[ 47 ] That is why Christianity cuts so deeply into the development of humanity: because it points to the past, when love was bound to blood ties, and points toward the future, where love will embrace all of humanity, where one person will love another regardless of whether they are blood brothers or not, whether they are close or distant relatives, where this love will be the most all-encompassing love for humanity. Christianity is the instrument for breaking free from the narrow bonds of blood, for redeeming people from mere kinship by blood—from what lies in the blood—and leading them toward what does not lie in the blood, what is not mother, brother, father, sister, or child, but rather expresses in human beings what flows as love from the Spirit and not from the blood. Christianity is the instrument for bringing this about.
[ 48 ] Wenn wir das so auffassen, dann wird dieses Wort in seinem rechten Glanze erscheinen, und sehen wir es so in diesem rechten Glanze, dann ist es ein Wort, das nicht auf die äußere, sondern auf die innere Wahrheit des Christentums hindeutet. Sagt uns der, welcher uns zu Christen gemacht hat, dass der nur sein Jünger sein könne, der Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Weib und Kind verlässt, so sagt uns das auch, dass man ihn finden kann, wenn man das bloß Materielle überwindet, nicht in Askese, sondern als Mensch in das Geistige eindringt, in dem man] zu gleicher Zeit fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehen bleibt. Dringt man so in das Christentum ein, dann kann man gerade im Sinne des Christentums in Wahrheit den Weg zu der Geistigkeit offen finden. So baut der rechte Christ, lebendig darauf, dass er verlassen darf alles, auch das, womit er zeitlich zusammenhängt, und er wird doch den Christus finden.
[ 48 ] If we understand it this way, then this saying will appear in its true splendor, and when we see it in this true splendor, it is a saying that points not to the outward but to the inner truth of Christianity. If the One who made us Christians tells us that only those who forsake their father, mother, brother, sister, wife, and child can be His disciples, this also tells us that one can find Him by overcoming the merely material—not through asceticism, but by entering into the spiritual as a human being, while] at the same time remaining firmly grounded in reality. If one enters Christianity in this way, then one can truly find the path to spirituality in accordance with the very spirit of Christianity. Thus, the true Christian builds his life on the certainty that he may leave everything behind—even that to which he is temporally bound—and yet he will find Christ.
[ 49 ] Das ist die Wahrheit der Bibel, das ist ihre wirkliche Weisheit, dass alles, was verschwinden und vergessen werden konnte, aus dem Menschengeist wieder erstehen würde. Und so muss es sein, wenn es wahr ist. Wer nicht verlassen kann das bloß Äußerliche der Urkunde, der kann nicht mein Jünger sein. Dies Wort liegt implizite im anderen Wort darin. So fühlt sich die theosophische Weltanschauung als Vollstreckerin des Christentums, sodass sie die Weisheitsentwicklung der Zukunft herbeiführen kann. Sie sehen, dass sie von dem Weisheitskern einen so hohen Begriff hat, dass, selbst wenn das Testament verloren gehen könnte, die Wahrheit bliebe, dass selbst der Geist bliebe, wenn auch der Buchstabe zugrunde ginge. Das heißt Wahrheit des Christentums, Wahrheit der Liebe. Offen wurde hier das Wort ausgesprochen: Alles das, was die Theosophie lehrt, ist nicht ersonnene, abstrakte Weisheit, es ist Lebensweisheit, und erst wenn sie ganz Leben geworden ist, wenn wir sie mit unserem Wesen ausdrücken, diese Weisheit, dann ist die Aufgabe der Theosophie erfüllt.
[ 49 ] This is the truth of the Bible; this is its true wisdom: that everything which could vanish and be forgotten would rise again from the human spirit. And so it must be, if it is true. Whoever cannot move beyond the mere outward form of the scripture cannot be my disciple. This word is implicit in the other. Thus, the theosophical worldview sees itself as the fulfiller of Christianity, so that it may bring about the development of wisdom in the future. They see that they have such a high conception of the core of wisdom that, even if the Testament were to be lost, the truth would remain; that even the Spirit would remain, even if the letter were to perish. That is the truth of Christianity, the truth of love. The word was spoken openly here: Everything that Theosophy teaches is not contrived, abstract wisdom; it is the wisdom of life, and only when it has become fully life—when we express this wisdom through our very being—will the task of Theosophy be fulfilled.
[ 50 ] Ein Wort, in dem uns vorgeführt wird, dass der Apostel ein Buch, das von einem Engel gebracht wird, verschlingen muss, ein Buch, dass er nicht aufschreiben soll, sondern verschlingen muss, also ein Buch, das man nicht nur liest, sondern lebt, und auch dieses Buch will die theosophische Weltanschauung geben, und die Theosophie fühlt sich als die Entgegennehmerin dieses Buches; dieses Buch, das in unseren Adern fließt, in unsere ganze Seele hineinströmt, sodass wir es darleben, dass wir nicht nur vom Geiste wissen, sondern den Geist leben: Das ist Theosophie. Den Geist leben in seinen Einzelheiten, nicht in allen möglichen Phantasien, sondern sich einlassen auf das, was die Theosophie bringt, das ist es, worauf es ankommt.
[ 50 ] A passage in which we are shown that the apostle must devour a book brought by an angel—a book that he is not to write down, but must devour—that is, a book that is not merely read but lived; and the theosophical worldview seeks to provide this very book, and Theosophy sees itself as the recipient of this book; this book that flows through our veins, pours into our entire soul, so that we live it out—that we not only know the Spirit but live the Spirit: that is Theosophy. To live the Spirit in its details—not in all manner of fantasies, but by engaging with what Theosophy brings—that is what matters.
[ 51 ] Das ist es, worauf es in diesen Vorträgen auf die verschiedensten Weisen immer wieder und wieder als auf den durchgehenden Strom hinauskommen sollte. War etwas im Verlauf dieses Winters in diesem Zyklus, den wir heute abschließen wollen, um ihn zu geeigneter Zeit wieder zu beginnen, war etwas, aus dem Sie spüren konnten, dass die Theosophie etwas ist, das über alle Begriffe bis zum Leben hindurchging, dann ist das bis zu einem gewissen Grade erfüllt, was diese Vorträge angestrebt haben. Können Sie dieses Bewusstsein mit sich nach Hause nehmen, dass so etwas möglich ist, können Sie diesen Übergang zur Weisheit, zur Liebe, zum Leben, wie es uns in der Welt entgegengetreten ist, verspüren, dann ist der Zweck und das Ziel dieser Vorträge erreicht.
[ 51 ] This is what these lectures were meant to convey, time and again, in a wide variety of ways, as the underlying current. If, over the course of this winter, in this cycle that we wish to conclude today—only to begin it again at the appropriate time—there was something from which you could sense that Theosophy is something that transcends all concepts and permeates life itself, then to a certain extent, what these lectures have sought to achieve has been fulfilled. If you can take home with you this awareness that such a thing is possible, if you can sense this transition to wisdom, to love, to life, as it has met us in the world, then the purpose and goal of these lectures have been achieved.
