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Appendix to the Public Lectures
GA 85

23 November 1907, Basel

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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge

7. Die Naturwissenschaft am Scheidewege

7. Science at a Crossroads

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Von zwei Dingen sei es mir gestattet, heute Abend zu Ihnen zu sprechen: von jener Weltanschauung, die sich seit 50, 60 Jahren mit aller Deutlichkeit in der Art ausgebildet hat, dass sie sich auf dasjenige stützen will, was man die naturwissenschaftlichen Ergebnisse der neueren Zeit nennt. Das eine ist also das, was man wohl auch die naturwissenschaftliche Weltanschauung nennt. Das andere, das heute Abend damit in Zusammenhang gebracht werden soll, ist die sogenannte Geisteswissenschaft, die man gewohnt geworden ist, aus gewissen Gründen in der letzten Zeit, in den letzten Jahrzehnten, auch «Theosophie» zu nennen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Allow me to speak to you this evening about two things: first, the worldview that has taken shape quite clearly over the past 50 or 60 years, one that seeks to base itself on what are called the scientific findings of recent times. The first, then, is what is commonly referred to as the scientific worldview. The second, which I wish to discuss in connection with this tonight, is what is known as spiritual science—a term that, for certain reasons in recent times and decades, has also come to be called “theosophy.”

[ 2 ] Es ist nicht notwendig, in unserer Zeit von dem Siegesgang der Naturwissenschaft und derjenigen Vorstellungsart und Denkungsweise, die sich aus diesen naturwissenschaftlichen Errungenschaften herausgebildet haben, zu sprechen. Aber es darf vielleicht darauf hingewiesen werden, was unter Geisteswissenschaft oder Theosophie eigentlich gemeint ist.

[ 2 ] In this day and age, there is no need to speak of the triumph of the natural sciences and of the way of thinking and conceptualizing that has emerged from these scientific achievements. But it may be worth pointing out what is actually meant by “spiritual science” or “theosophy.”

[ 3 ] Nicht viele unserer Zeitgenossen, wenigstens relativ nicht viele, haben irgendwelche genauere Kunde von dem erhalten, was sich mit diesen Worten [bezeichnet und] als eine scheinbar neue, in Wahrheit aber ja durch alles menschliche Denken hindurchgehende Geistesströmung hinstrebt in die Gegenwart.

[ 3 ] Not many of our contemporaries—at least, relatively few—have gained any precise understanding of what these words [denote and] what, as a seemingly new current of thought that in truth, however, runs through all human thought, is striving toward the present.

[ 4 ] Wenige Menschen haben sich, wie gesagt, ausdrücklicher und deutlicher mit dieser tief wichtigen Weltanschauung, mit dieser Geistesströmung befasst. Aber auch manche von denen, die da oder dort etwas davon gehört haben, haben eine sehr irrtümliche Vorstellung davon aufgenommen. Alles Mögliche verbindet man heutzutage mit diesem Namen «Theosophie». Die einen glauben, dass es sich um eine Aufwärmung orientalischer, meinetwegen buddhistischer Geistesströmung handle, die andern meinen, dass es sich um irgendeine andere religiöse Sekte handle, wenn von Theosophie oder theosophischer Weltbewegung die Rede ist, um irgendetwas, was mit allerlei Aberglauben, mit Phantasterei und Träumerei zu tun habe. Wir könnten noch eine lange, lange Blütenlese halten von allerlei irrtümlichen Meinungen, die in der Gegenwart verbreitet sind über diese theosophische Weltenströmung. Alle diese Vorurteile können allerdings nur [auf]gehoben werden durch ein genaueres und intimeres Kennenlernen dieser Geistesrichtung.

[ 4 ] As I said, few people have engaged more explicitly and clearly with this profoundly important worldview, with this spiritual movement. But even some of those who have heard a little about it here and there have formed a very mistaken impression of it. These days, all sorts of things are associated with the name “Theosophy.” Some believe it is a rehash of Eastern—say, Buddhist—spiritual currents; others think that when people speak of Theosophy or the Theosophical movement, they are referring to some other religious sect—something to do with all sorts of superstition, fantasy, and daydreaming. We could compile a long, long anthology of all sorts of erroneous opinions currently circulating about this theosophical world movement. All these prejudices, however, can only be dispelled through a more precise and intimate acquaintance with this spiritual movement.

[ 5 ] Nun ist es für den Menschen der Gegenwart keineswegs leicht, sich mit dieser Geistesrichtung auseinanderzusetzen, denn derjenige, der sich heute mit der Weltanschauung befasst, die scheinbar mit solchen wunderbaren Konsequenzen aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen folgt, der nimmt eine Denkungsart, eine Vorstellungsweise in sich auf, die es ihm außerordentlich schwer macht, an die Art und Weise, wie die Geisteswissenschaft denkt, heranzukommen. So kommt es denn, dass zwar die theosophische Weltenströmung ihre Vertreter und Bekenner in fast allen gebildeten Kulturländern der Gegenwart hat. Wenn wir Europa ansehen, finden wir theosophische Gesellschaften in Skandinavien, England, Holland, Frankreich, Belgien, in Italien, in Deutschland. Auch in der Schweiz sind solche Gesellschaften. Sogar in Ungarn und andern europäischen Staaten sind mehr oder weniger Anhänger zu finden. Wir finden insbesondere diese Geistesrichtung auch verbreitet in Amerika und weit verbreitet in Indien, aber auch in Australien, in Südafrika. Überall schon haben wir Bekenner und solche, die zu dieser Weltanschauung irgendwie in ein Verhältnis gekommen sind.

[ 5 ] Now, it is by no means easy for people today to grapple with this school of thought, for anyone who today engages with a worldview that appears to derive such wondrous conclusions from the facts of natural science absorbs a way of thinking, a mode of conception, that makes it extraordinarily difficult for them to grasp the way in which spiritual science thinks. Thus, while the Theosophical movement has its representatives and adherents in nearly all educated, cultured countries of the present day, when we look at Europe, we find Theosophical societies in Scandinavia, England, Holland, France, Belgium, Italy, and Germany. There are also such societies in Switzerland. Even in Hungary and other European countries, one can find followers to a greater or lesser extent. We find this school of thought particularly widespread in America and extensively so in India, but also in Australia and South Africa. Everywhere, we already have adherents and those who have somehow come into contact with this worldview.

[ 6 ] Wenn wir, abgesehen von allen Vorurteilen, diese Weltanschauung charakterisieren wollen, dann müssen wir vor allen Dingen zwei Grunderkenntnisse dieser Weltanschauung an die Spitze unserer Betrachtungen stellen. Auf zwei festen Säulen ruht das, was man Theosophie oder Geisteswissenschaft nennt.

[ 6 ] If we wish to characterize this worldview, setting aside all prejudices, we must first and foremost place two fundamental insights of this worldview at the forefront of our considerations. What is called theosophy or spiritual science rests upon two solid pillars.

[ 7 ] Das Erste ist die Grunderkenntnis, dass alles, was um uns herum für unsere Sinne wahrnehmbar ist, in der physischen Welt vorhanden ist, alles seinen Urgrund, seine Wesenheit in einem Überphysischen, in einem Geistigen hat.

[ 7 ] The first is the fundamental insight that everything around us that is perceptible to our senses exists in the physical world, yet everything has its source, its essence, in a superphysical, spiritual realm.

[ 8 ] Das andere, worauf die Geisteswissenschaft fußt, ist, dass es dem Menschen möglich ist, diese geistigen Urgründe der Dinge, diese hinter der physischen Welt stehenden überphysischen Wesenheiten auch wirklich zu erforschen und zu erkennen.

[ 8 ] The other principle on which spiritual science is based is that it is possible for human beings to actually investigate and recognize these spiritual foundations of things—these supraphysical entities that lie behind the physical world.

[ 9 ] Die Geisteswissenschaft im modernen Sinne, sie hat nichts zu tun mit einer Aufwärmung irgendwelcher buddhistischer Vorstellungsarten. Denn es ist nicht nötig, wenn man zu den Urgründen der Dinge gehen will, sich auf alte Traditionen zu berufen. In jeder Zeit ist es dem erkennenden Menschengeiste möglich, zu den Tatsachen, und hier handelt es sich um die geistige Tatsache selbst, heranzudringen. Ob in irgendeiner andern Weltanschauung oder im Buddhismus Teile dieser Geisteswissenschaft zutage getreten sind, das geht ihn dabei gar nichts weiter an. Umso weniger ist diese geisteswissenschaftliche Weltenströmung irgendeine religiöse Sekte, sie hat nichts mit Sektentum zu tun. Sie hat nichts zu tun mit irgendeiner Begründung eines religiösen Bekenntnisses. Wenn sie auch dadurch, dass sie die geistigen Urgründe der Dinge erforscht, zur festesten Stütze der religiösen Wahrheiten kommen kann, so hat sie als solche, als Erforscherin des Geisteslebens nichts zu tun mit religiösen Stiftungen, mit Sekten. Sie ist eine Wissenschaft wie andere Wissenschaften, nur dass sie sich nicht an einzelne Gelehrte, an einzelne Fachleute, sondern dass sie sich an die ganze Menschheit wendet, denn die ganze Menschheit hat ein Interesse daran, zu wissen, was für geistige «Urgründe» hinter dem sind, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen.

[ 9 ] Spiritual science in the modern sense has nothing to do with reviving any kind of Buddhist conceptual framework. For if one wishes to go to the very roots of things, it is not necessary to rely on ancient traditions. In every age, it is possible for the discerning human spirit to penetrate to the facts—and here we are dealing with the spiritual fact itself. Whether elements of this spiritual science have come to light in any other worldview or in Buddhism is of no concern to him whatsoever. All the less is this spiritual-scientific movement a religious sect; it has nothing to do with sectarianism. It has nothing to do with justifying any religious creed. Even if, by exploring the spiritual foundations of things, it can arrive at the firmest basis for religious truths, it has, as such—as an investigator of spiritual life—nothing to do with religious institutions or sects. It is a science like other sciences, except that it does not address individual scholars or experts, but rather the whole of humanity, for all of humanity has an interest in knowing what spiritual “fundamental causes” lie behind what we perceive through our senses.

[ 10 ] Nun kann aber diese Geisteswissenschaft gar nicht in irgendeinen Gegensatz kommen zu den wahren Tatsachen, die die Naturwissenschaft seit langer, langer Zeit der Menschheit geschenkt hat. Von vornherein sei es betont, dass niemand mehr als der Geisteswissenschaftler die gewaltig großen Fortschritte der Naturwissenschaft anerkennt. Es wäre ja nicht bloß ein Irrtum, es wäre lächerlich, etwas einwenden zu wollen gegen dasjenige, was uns die Naturwissenschaft in den Ergebnissen der Sinnesforschung, durch die Jahrhunderte, namentlich durch das neunzehnte Jahrhundert hindurch, vor Augen gestellt hat.

[ 10 ] However, this spiritual science cannot possibly come into any conflict with the true facts that natural science has bestowed upon humanity for a very, very long time. Let it be emphasized from the outset that no one acknowledges the tremendous progress of natural science more than the spiritual scientist. It would not merely be a mistake; it would be ridiculous to try to object to what natural science has presented to us in the findings of sensory research over the centuries, particularly throughout the nineteenth century.

[ 11 ] Von diesen naturwissenschaftlichen Tatsachen kann also auch nicht die Rede sein. Darum, um was es sich handelt, wenn von einem Gegensatz der Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft die Rede ist, das ist etwas anderes. Seit etwa 60, 70 Jahren ist auf Grundlage der naturwissenschaftlichen Anschauung eine Art religiöses Bekenntnis, eine Art Glauben entstanden, etwas, was einer großen Anzahl unserer Zeitgenossen wie als etwas Selbstverständliches, in Fleisch und Blut Übergegangenes erscheint; es hat heute keinen guten Klang, dennoch darf das Wort gebraucht werden: eine Art materialistischer Denkungsweise, eine Art religiösen Glaubens aufgrund naturwissenschaftlicher Tatsachen.

[ 11 ] So there can be no question of these scientific facts either. Therefore, what is at issue when we speak of a contrast between the spiritual sciences and the natural sciences is something else entirely. Over the past 60 or 70 years, a kind of religious creed, a kind of faith, has emerged on the basis of the scientific worldview—something that appears to a large number of our contemporaries as self-evident, as if it had become second nature; though the term may sound outdated today, it is still appropriate to use it: a kind of materialistic way of thinking, a kind of religious belief based on scientific facts.

[ 12 ] Nun weiß der Geisteswissenschaftler am allerbesten, dass im Laufe der menschlichen Entwicklung verschiedene Notwendigkeiten eintreten, dass unter den Stufen, die die menschliche Entwicklung durchmachen musste, auch einmal ein solcher materialistischer Glauben auftreten musste. Aber es ist auch nicht der Geisteswissenschaftler, der jemals in einen Widerspruch kommen könnte, auch nur zur einseitigen Anschauung der Naturwissenschaft. Sondern dasjenige, um was es sich handelt, ist vielmehr das, was der Ausbreitung dieser Geisteswissenschaft hindernd im Weg steht, gerade diejenige Denkungsweise, die nicht etwa eine Wiedergabe naturwissenschaftlicher Tatsachen ist, sondern die sich als eine Art Bekenntnis, als eine Art Glauben aufgrund naturwissenschaftlicher Tatsachen aufgebaut hat.

[ 12 ] Now, the scholar of the humanities knows better than anyone that various necessities arise in the course of human development, and that among the stages through which human development had to pass, such a materialistic belief was bound to emerge at some point. But it is not the spiritual scientist who could ever find himself in contradiction—not even with the one-sided view of the natural sciences. Rather, what is at issue is precisely what stands in the way of the spread of spiritual science—namely, that very way of thinking which is not a mere presentation of scientific facts, but which has developed into a kind of creed, a kind of faith based on scientific facts.

[ 13 ] Der Geisteswissenschaftler, meine verehrten Anwesenden, will nichts anderes als dasjenige, was man in der Welt, die hinter den physischen Tatsachen steht, erforschen kann, das will er den Menschen mitteilen, so, wie dem Menschen dasjenige mitgeteilt wird, was der Naturforscher in den sinnlichen Tatsachen erforscht. Er verlässt sich ganz und gar darauf, dass, wenn er Wahrheiten mitteilen will, er nach und nach auch verstanden werde. Der Mensch ist auf Wahrheit angelegt. In jeder Menschenbrust ist eine Empfindung, ein Gefühl und eine Ahnung für die Wahrheit, bevor er sie noch erkennen kann. Der Geisteswissenschaftler weiß, dass er nach und nach Widerhall finden wird in den Herzen der Menschen.

[ 13 ] The scholar of the spiritual sciences, ladies and gentlemen, seeks nothing other than what can be explored in the world that lies behind physical facts; this is what he wishes to communicate to people, just as the natural scientist communicates to people what he has discovered in sensory facts. He relies entirely on the fact that, when he seeks to communicate truths, he will gradually be understood. Human beings are predisposed to truth. In every human heart there is a sensation, a feeling, and an intuition for the truth even before it can be recognized. The spiritual scientist knows that he will gradually find an echo in the hearts of people.

[ 14 ] Daher kommt das eigentliche naturwissenschaftliche Bekenntnis. Es muss in einer gewissen Weise begreifen derjenige, der die Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft in ihrer heutigen Gestalt beurteilen kann, es muss der Naturwissenschaftler das, was der Geistesforscher zu sagen hat, nicht bloß als etwas Irrtümliches, sondern sogar als etwas Abergläubisches, als etwas Fantastisches, Träumerisches hinstellen, ansehen.

[ 14 ] This is where the true scientific commitment lies. Anyone capable of evaluating the natural sciences and the humanities in their present form must, in a certain sense, understand that the natural scientist must not regard what the humanities scholar has to say merely as erroneous, but even as something superstitious, fantastical, and dreamlike.

[ 15 ] Die Frage, die uns heute beschäftigen soll, ist diese: Wie muss sich zu dieser Geisteswissenschaft, nach dem Entwicklungsgang der Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten, derjenige verhalten, der unbefangen nach beiden Richtungen hin ist, der wirklich dasjenige, was als Anlage zur zukünftigen Bildung in der Naturwissenschaft liegt, in der richtigen Weise einzuschätzen weiß?

[ 15 ] The question we are to address today is this: Given the course of development in the natural sciences over the past few decades, how should one approach this human science—someone who is open-minded toward both fields and who truly knows how to properly assess what lies within the natural sciences as the foundation for future education?

[ 16 ] Die Geisteswissenschaft, meine verehrten Anwesenden, wird tatsächlich von denjenigen, die heute oberflächliche Blicke in die Veröffentlichungen der Geisteswissenschaft werfen, angesehen als irgendetwas ganz Phantastisches, Träumerisches. Ich werde heute Abend manches zu Ihnen zu sprechen haben, das – dessen bin ich mir voll bewusst – vielen unserer Zeitgenossen erscheinen muss als etwas geradezu Närrisches, wie etwas geradezu den Gipfel des Phantastischen Erreichendes. Aber die Wahrheit muss gesprochen werden. Denn die Wahrheit ist dazu berufen, der ganzen Menschheit einverleibt zu werden. Alles dasjenige, was Wahrheit ist in irgendeiner gewissen Zeit, ist in der Vorzeit mehr oder weniger als etwas Phantastisches, als den Anschauungen irgendeiner Zeit Widersprechendes hingestellt worden. In viel höheren Maßen, als das vielleicht sonst der Fall war, wird das der Geisteswissenschaft passieren müssen.

[ 16 ] Spiritual science, ladies and gentlemen, is in fact regarded by those who today cast a superficial glance at its publications as something entirely fantastical and dreamlike. This evening I will have much to say to you that—I am fully aware of this—must seem to many of our contemporaries as something downright foolish, as something that reaches the very pinnacle of the fantastical. But the truth must be spoken. For the truth is destined to be incorporated into all of humanity. Everything that is truth in a given era has, in earlier times, been regarded to a greater or lesser extent as something fantastical, as something that contradicts the views of a particular era. This will have to happen to spiritual science to a far greater extent than may otherwise have been the case.

[ 17 ] Dass hinter unserer physischen Welt, hinter dem, was unsere Sinne wahrnehmen, andere Welten liegen, Welten des geistigen Daseins, das ist die Grunderkenntnis der Geisteswissenschaft. In welchem Sinne reden wir, meine verehrten Anwesenden, als Geisteswissenschaftler von andern Welten? Nicht in dem Sinne, als ob andere Welten irgendwo in einem unbekannten Jenseits zu suchen wären. Wir reden in einem ganz logischen, möglichen Sinne von andern Welten. In dem Sinne redet die Theosophie oder Geisteswissenschaft von andern Welten, wie zum Beispiel Johann Gott[lieb] Fichte einmal von andern Welten gesprochen hat, als er im Jahre 1811 bis 1813 zu seinen Zuhörern in der neu gegründeten Berliner Universität gesprochen hat. Da sagte er einmal: Dasjenige, was eine höhere Weisheit in der Welt zu finden in der Lage ist, das erscheint demjenigen Menschen, der bloß das gelten lassen will, was die Sinne in der Umgebung wahrnehmen, was der Verstand aus dem, was die Sinne wahrnehmen, herauskombinieren kann, dem erscheint dasjenige, was höhere Weisheit zu sagen hat, wie dasjenige, was ein Blindgeborener, der die Gegenstände nur durch das Tasten kennt, denken muss über die Welt der Farbe, über die Welt des Lichtes, die der mit physischen Augen Sehende um sich herum hat. – Ein Fichte’sches Gleichnis gebrauche ich. Er, Fichte, findet, dass, wenn derjenige, der solche Weisheit im Auge hat, unter die Menschen, die nur die sinnliche Wahrnehmung gelten lassen wollen, tritt, er wirklich ist, wie wenn ein Sehender unter lauter Blinde tritt, die die Welt nur durch den Sinn des Tastens kennen. Sie halten unter Umständen dasjenige, was der physisch Sehende als die Welt des Lichtes, als die Welt der Farben wahrnimmt, für eine Phantasterei.

[ 17 ] The fundamental insight of spiritual science is that behind our physical world—beyond what our senses perceive—lie other worlds, worlds of spiritual existence. In what sense, ladies and gentlemen, do we as spiritual scientists speak of other worlds? Not in the sense that other worlds are to be found somewhere in an unknown afterlife. We speak of other worlds in a completely logical, plausible sense. Theosophy, or spiritual science, speaks of other worlds in the same sense that, for example, Johann Gott[lieb] Fichte once spoke of other worlds when he addressed his audience at the newly founded University of Berlin from 1811 to 1813. There he once said: What a higher wisdom is able to find in the world appears to the person who is willing to accept only what the senses perceive in the surroundings, and what the intellect can deduce from what the senses perceive—to such a person, what higher wisdom has to say appears as what a person born blind, who knows objects only through touch, must imagine the world of color, the world of light, that surrounds the one who sees with physical eyes. – I am using a parable from Fichte. He, Fichte, believes that when someone who holds such wisdom in mind enters the company of people who are willing to accept only sensory perception, he is truly like a sighted person entering a group of blind people who know the world only through the sense of touch. Under certain circumstances, they may regard what the physically sighted person perceives as the world of light—the world of colors—as mere fantasy.

[ 18 ] Nunmehr meint Fichte: Es ist ja fortwährend um uns herum die Welt des Lichtes, die Welt der Farben. Der Blindgeborene sieht sie nicht, trotzdem sie um ihn herum sind. In dem Augenblick, wo wir ihn operieren können, in dem Augenblick, wo das physische Auge wir ihm geben können, wäre die Welt, die für Sie alle, meine verehrten Anwesenden, um Sie herum ist, auch für ihn da.

[ 18 ] Now, Fichte says: The world of light, the world of colors, is constantly all around us. The man born blind does not see it, even though it is all around him. The moment we are able to operate on him, the moment we can give him a physical eye, the world that surrounds all of you here today, my esteemed audience, would also be there for him.

[ 19 ] Was können wir daraus lernen? Den einzig möglichen, logischen Satz: dass es von uns, von unserm Wahrnehmungsvermögen abhängt, ob wir eine Welt, die um uns herum da ist, für die unsrige betrachten können oder nicht. So viel Sinne der Mensch hat, so viel Welten kann er um sich herum wahrnehmen. – Nichts anderes behauptet der Geisteswissenschaftler, als dass, ebenso wie um den Blindgeborenen herum die Welt der Farben und die Welt des Lichtes ist, um diejenigen Menschen herum, die durch ihre Sinneswahrnehmungen glauben, dass andere Welten da sind, da sein müssen, andere geistige Welten, Welten höherer Natur, überphysischer Natur.

[ 19 ] What can we learn from this? The only possible, logical conclusion: that it depends on us—on our powers of perception—whether or not we can regard the world that exists around us as our own. As many senses as a person has, so many worlds can he perceive around himself. – The spiritual scientist asserts nothing other than this: just as the world of colors and the world of light exist around the person born blind, so too do other spiritual worlds—worlds of a higher nature, of a superphysical nature—exist around those people who, through their sensory perceptions, believe that other worlds are there, that they must be there.

[ 20 ] Und nun behauptet der Geisteswissenschaftler weiter, dass zwar nicht jeder Blindgeborene operiert werden kann, dass aber in jedem Menschen ausnahmslos innere, seelische Fähigkeiten schlummern, die ausgebildet werden können zu dem, was Goethe nennt «geistige Augen und geistige Ohren». Die Welten, die rings um uns herum sind, werden also dem, der seine geistigen Wahrnehmungsorgane ausbildet, offenbar. Und ähnlich wie in dem wichtigen Momente, in dem der Blindgeborene empfindet, da das Auge physisch sehend wird und er aus der Dunkelheit, aus der Finsternis, die um ihn herum war, heraustritt in die Welt der Farben, die Welt des Lichtes und des Glanzes, so gibt es für den Menschen, der die in sich schlummernde, seelische Fähigkeit erweckt, den großen und viel größeren Moment, als für das physische Auge, das sehend wird, [so gibt es] viel größere Momente, wo die Welten, die fortwährend um uns herum sind, dem geistigen Entwicklungssinn, wenn wir den Widerspruch gebrauchen dürfen, aufgehen. Und der Mensch gehört nicht nur dieser physischen Welt an, er gehört noch geistigen Welten, die um uns herum sind, an.

[ 20 ] And now the spiritual scientist goes on to assert that, while not every person born blind can undergo surgery, there are inner, spiritual faculties lying dormant in every human being without exception that can be developed into what Goethe calls “spiritual eyes and spiritual ears.” The worlds that surround us thus become apparent to those who develop their spiritual organs of perception. And just as in that crucial moment when a person born blind experiences his eye physically regaining sight and he steps out of the darkness and gloom that surrounded him into the world of colors, the world of light and radiance, so too, for the person who awakens the soul’s dormant capacity within themselves, there is a moment—far greater than that of the physical eye regaining sight—[there are] far greater moments when the worlds that are constantly all around us open up to the spiritual sense of development, if we may use that contradiction. And human beings do not belong only to this physical world; they also belong to the spiritual worlds that surround us.

[ 21 ] Nun freilich wird heute mancher einwenden, und es ist schon oft eingewendet worden, die Naturwissenschaft mache uns alles, was in der Welt ist, aus sich selbst begreiflich. Die Naturwissenschaft hat geradezu glänzende Fortschritte gemacht und sie hat uns manches, was früher unbegreiflich erschienen ist, begreiflich gemacht. Sie wird manche weitere Fortschritte machen, so sagen gewiss Gegner der Geisteswissenschaft. Dann wird sie leicht alle Erscheinungen um uns herum aus den physischen Tatsachen erklären, dann hat der Geisteswissenschaftler leicht reden, so mag die Naturwissenschaft sagen, leicht hat er dann reden; denn wenn wir aus den physischen Tatsachen, aus dem Zusammenwirken verschiedener, materieller Dinge, die Welt erklären können, dann brauchen wir keine geistige Ursache mehr.

[ 21 ] Now, of course, some will object today—and this has often been objected to—that the natural sciences make everything in the world comprehensible in and of itself. The natural sciences have made truly remarkable progress, and they have made many things that previously seemed incomprehensible understandable to us. It will make further progress, so say the opponents of the humanities. Then it will easily explain all the phenomena around us based on physical facts; then the humanities scholar will have it easy, as natural science might say—he will indeed have it easy; for if we can explain the world based on physical facts, on the interaction of various material things, then we no longer need a spiritual cause.

[ 22 ] Dann gibt es solche Menschen unter unsern Zeitgenossen, die ja überhaupt ablehnen, dass die Welt aus sich erklärbar ist, die einmal völlig erklärbar sein wird, die es ablehnen, nach einer geistigen Welt hinzublicken. Für sie gilt der Satz: Das Ideal aller Wissenschaft ruht darauf, die Erscheinungen um uns herum aus sich selbst zu erklären und nicht Rücksicht zu nehmen auf irgendwelche dahinterstehende geistige Tatsachen. – Viel liegt von suggestiver Gewalt in diesem Urteil, das sich manche unserer Zeitgenossen gebildet haben. Logisch, meine verehrten Anwesenden, ist dieses Urteil keineswegs. Wenn Sie die Uhr nehmen: Sie ist auf rein mechanische Art, durch mechanische, physische Gesetze aus sich selber zu erklären. Nichts ist in dieser Uhr, das durch mechanische, physische Gesetze nicht erklärbar wäre. Ist deshalb der Uhrmacher unnötig? Nein, meine verehrten Anwesenden, die Tatsache, dass irgendetwas aus sich selbst erklärbar ist, diese Tatsache, dieses Ideal, das macht die dahinterstehenden, geistigen Mächte keineswegs überflüssig.

[ 22 ] Then there are those among our contemporaries who reject outright the idea that the world can be explained in and of itself, that it will ever be fully explainable, and who refuse to look toward a spiritual world. For them, the following principle applies: The ideal of all science rests on explaining the phenomena around us in terms of themselves, without taking into account any spiritual realities lying behind them. – There is a great deal of suggestive power in this judgment that some of our contemporaries have formed. Logically, ladies and gentlemen, this judgment is by no means sound. Take the clock, for example: it can be explained purely mechanically, through mechanical and physical laws, from within itself. There is nothing in this clock that cannot be explained by mechanical, physical laws. Does that mean the clockmaker is unnecessary? No, ladies and gentlemen; the fact that something can be explained by its own nature—this fact, this ideal—in no way renders the spiritual powers behind it superfluous.

[ 23 ] Der Geisteswissenschaftler ist sich eben klar wie jeder andere, er glaubt aus naturwissenschaftlichen Tatsachen festzustellen, dass einmal es gelingen wird, das Weltgebäude aus sich selbst zu erklären, wie man eine Uhr aus sich selbst erklären kann. Aber ebenso klar ist er sich, dass, wie hinter der Uhr der Uhrmacher steht, so gewiss stehen hinter dieser Welt geistige Mächte, geistige Wesenheiten. Wir lernen den Menschen nur erkennen, wenn wir das, was hinter den physischen Tatsachen steht, zur Erklärung des Menschen herbeitragen.

[ 23 ] The spiritual scientist is just as clear about this as anyone else; he believes he can deduce from scientific facts that one day it will be possible to explain the structure of the world on its own terms, just as one can explain a clock on its own terms. But he is equally aware that, just as the watchmaker stands behind the watch, so too do spiritual powers and spiritual beings stand behind this world. We can only come to understand human beings when we bring what lies behind the physical facts into account in explaining them.

[ 24 ] Und hier kommen wir auf den Punkt, meine sehr verehrten Anwesenden, wo wir uns erst ein wenig bekannt machen müssen mit dem ganzen Sinne der Erklärungsart der Geisteswissenschaft, dann können wir die naturwissenschaftliche Entwicklung in dem Punkte erfassen, in ihrer Beziehung zu der Geisteswissenschaft, in ihrer Aussicht und Perspektive für die Zukunft, indem wir jetzt stehen, und dann können wir die beiden aneinander messen.

[ 24 ] And here, ladies and gentlemen, we come to the crux of the matter: first we must familiarize ourselves a little with the entire spirit of spiritual science’s mode of explanation; only then can we grasp the development of the natural sciences in this regard—in their relationship to spiritual science, in their outlook and prospects for the future as we stand now—and only then can we compare the two.

[ 25 ] Was ist der Geisteswissenschaftler? Die Frage wollen wir uns vor allem beantworten. Das materielle Dasein des Geschehenen, vom Stein in seinem wirklichen, materiellen Gegenstand angefangen bis hinauf zum komplizierten Bau des Menschen, was ist alles stoffliche Dasein für die Geisteswissenschaft? Nichts anderes als ein Ausdruck einer Offenbarung der geistigen Welt. Wenn wir grob sprechen dürfen – und es gibt in unserer Sprache noch gar keine möglichen Ausdrücke der gangbaren Umgangssprache, die zu gebrauchen sind für die geisteswissenschaftlichen Tatsachen, weil unsere Sprache für die materiellen Dinge da ist –, wenn wir grob sprechen dürfen, so können wir sagen, alles stoffliche Geschehene, alle Dinge, die für die Geisteswissenschaft eine Art Verdichtung, eine Art Offenbarung eines zugrunde liegenden Geistigen [sind]; und wenn wir einen Vergleich ziehen wollen, dürfen wir sagen: Wie sich das Eis zum Wasser verhält, so verhält sich alles Stoffliche zum Geistigen.

[ 25 ] What is a spiritual scientist? This is the question we wish to answer above all else. The material existence of what has come to be—beginning with the stone as a real, material object and extending all the way up to the complex structure of the human being—what does all this material existence mean for spiritual science? Nothing other than an expression of a revelation of the spiritual world. If we may speak in general terms—and there are as yet no expressions in our language, even in everyday speech, that can be used for the facts of spiritual science, because our language is intended for material things—if we may speak in general terms, then we can say, that all material occurrences, all things, are for spiritual science a kind of condensation, a kind of revelation of an underlying spiritual reality; and if we wish to draw a comparison, we may say: Just as ice relates to water, so does all that is material relate to the spiritual.

[ 26 ] Ein Kind mag kommen und Ihnen ein Stück Eis bringen. Sie sagen ihm: Liebes Kind, das ist nichts anderes als Wasser in anderer Form. – Das Kind sagt: Das ist aber doch nicht Wasser, sondern Eis. – Da werden Sie versuchen, dem Kinde es verständlich zu machen, dass es Wasser in anderer Form sei, dass das Wasser in anderer, fester Form auftreten könne, als Eis. So ungefähr wird der Geisteswissenschaftler, wenn wir ihn über das materielle Dasein befragen, antworten: Die sinnlichen Dinge, die physisch-materiellen Vorgänge sind nichts anderes als geistiges Dasein in anderen Formen, wie das Eis nichts anderes ist als Wasser in anderer Form. Und derjenige, der sich tiefer und tiefer in die Geisteswissenschaft einlässt, dem wird das nicht nur zu einer Grundüberzeugung, sondern zu einer Grunderkenntnis, dass alles, alles Geistige, gleichsam einen Verdichtungsprozess durchmachte in der Welt und zu dem geworden ist, was uns für das fertige Dasein herantritt.

[ 26 ] A child might come and bring you a piece of ice. You say to the child: “Dear child, this is nothing more than water in another form.” – The child says: “But that’s not water—it’s ice.” – Then you will try to make the child understand that it is water in a different form, that water can appear in a different, solid form, such as ice. This is roughly how a scholar of spiritual science will respond when we ask him about material existence: Sensory things and physical-material processes are nothing other than spiritual existence in other forms, just as ice is nothing other than water in a different form. And for those who delve deeper and deeper into spiritual science, this becomes not only a fundamental conviction but a fundamental insight: that everything—everything spiritual—has, as it were, undergone a process of condensation in the world and has become what appears to us as finished existence.

[ 27 ] Diese Grunderkenntnis wollen wir einmal auf den Menschen anwenden; [dann] sehen wir: Was da das physische Dasein ist, der physische Menschenleib, den Sie mit Ihren Augen sehen, mit Ihren Händen ergreifen können, der für viele materiell denkende Menschen das einzige Glied des menschlichen Daseins ist, dieser physische Menschenleib, das ist für den Geisteswissenschaftler nur ein Glied der gesamten menschlichen Wesenheit.

[ 27 ] Let us apply this fundamental insight to human beings; [then] we see: What constitutes physical existence—the physical human body that you can see with your eyes and grasp with your hands, which for many people with a materialistic outlook is the sole aspect of human existence—this physical human body is, for the spiritual scientist, merely one aspect of the entire human being.

[ 28 ] Es kann heute, weil das Ziel meines Vortrages ein anderes ist, nicht meine Aufgabe sein, die ganze Geisteswissenschaft auch nur skizzenhaft vor ihren Augen aufzurollen. Das tat ich schon einmal in einem langen Vortrage über die Rätselfragen des Daseins, den ich in Basel halten durfte. Der heutige Vortrag dagegen soll nur ganz oberflächlich, nur ganz flüchtig die Ansichten der Geisteswissenschaft in Bezug auf den ganzen Menschen charakterisieren.

[ 28 ] Since the purpose of my lecture today is different, it is not my task to present even a rough outline of the entire field of spiritual science. I have already done that once before in a lengthy lecture on the enigmatic questions of existence, which I had the privilege of delivering in Basel. Today’s lecture, on the other hand, is intended only to characterize, very superficially and very briefly, the views of spiritual science with regard to the whole human being.

[ 29 ] Ein Glied der menschlichen Natur ist für den Geisteswissenschaftler dieser physische Menschenleib. Dieser physische Mensch hat manches gemeinschaftlich mit allen scheinbar leblosen Wesen um uns herum. Der Geisteswissenschaftler weiß dabei wohl zu würdigen, was vom heutigen Stande der Naturwissenschaft dagegen eingewendet worden ist und dagegen eingewendet werden kann. Aber man kann nicht alle diese Einwendungen in einem kurzen Vortrage berühren, sondern man kann nur dasjenige, was den Geisteswissenschaftler hinstellt, kurz berühren.

[ 29 ] For the scholar of the humanities, this physical human body is an aspect of human nature. This physical human being shares many characteristics with all the seemingly lifeless beings around us. The spiritual scientist is well aware of the objections that have been raised—and can be raised—against this view based on the current state of natural science. However, it is not possible to address all of these objections in a short lecture; one can only briefly touch upon those that pertain to the spiritual scientist.

[ 30 ] Nun erkennt die Geisteswissenschaft über diesen physischen Menschenleib hinausgehende Glieder der menschlichen Natur. Sie sagt: Dieselben Stoffe, dieselben Glieder, die in der physischen Welt, in der physischen Natur vorhanden sind, sind auch im physischen Menschenleib vorhanden, wie wieder alles im Physischen und überhaupt im Leben eines jeden Lebewesens, jeder Pflanze, jedes Tieres, sei es noch so kompliziert zusammengesetzt, so mannigfaltig gegliedert, dass die physischen Leiber in sich selbst zerfallen würden, wenn bloß physische Kräfte und Stoffe wirken würden.

[ 30 ] Now, spiritual science recognizes aspects of human nature that extend beyond the physical human body. It states: The same substances, the same elements that exist in the physical world, in physical nature, are also present in the physical human body, just as everything else exists in the physical realm and, indeed, in the life of every living being, every plant, every animal—no matter how complex their composition or how diverse their structure—so that the physical bodies would disintegrate within themselves if only physical forces and substances were at work.

[ 31 ] In jedem lebenden Wesen, vor allen Dingen im Menschen, ist fortwährend ein Kampf gegen den Zerfall des physischen Leibes vorhanden, und diesen Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes nennt man als das zweite Glied des Menschen den Ätherleib oder Lebensleib. Wie gesagt, der Geisteswissenschaftler weiß ganz genau die Einwendungen, welche scheinbar mit so großer Gewalt gemacht werden können vom heutigen Gesichtspunkte aus gegen die Existenz dieses Ätherleibes.

[ 31 ] In every living being—and above all in human beings—there is a constant struggle against the decay of the physical body, and this fighter against the decay of the physical body is called the etheric body or life body, the second member of the human being. As mentioned, the student of spiritual science is fully aware of the objections that, from today’s perspective, can seemingly be raised with such force against the existence of this etheric body.

[ 32 ] Der Naturforscher übersieht den zweiten Teil der menschlichen Wesenheit, der fortwährender Kämpfer ist gegen den Tod. Denn was ist der Tod für den Geisteswissenschaftler? Nichts anderes, als wenn der physische Leib verlassen wird von diesem Ätherleib. Dann verfällt der physische Leib, der dann Leichnam wird, den physischen und chemischen Gewalten. Dass in [jedem] Augenblick Ihres Daseins Ihr physischer Leib nicht den physischen und chemischen Gewalten verfällt, das verhindert der in Ihnen sich befindliche Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes, der Ätherleib. Das ist das zweite Glied der menschlichen Wesenheit, das der Menschheit, der gesamten Menschheit, mit der gesamten Pflanzen- und Tierwelt gemeinsam ist.

[ 32 ] The natural scientist overlooks the second part of the human being, which is a constant fighter against death. For what is death to the spiritual scientist? Nothing other than the physical body being left behind by this etheric body. Then the physical body—which then becomes a corpse—is subject to physical and chemical forces. The fact that, at [every] moment of your existence, your physical body is not subject to these physical and chemical forces is prevented by the fighter within you against the decay of the physical body: the etheric body. This is the second member of the human being that humanity—all of humanity—shares with the entire plant and animal world.

[ 33 ] Nun kommen wir zu dem dritten Gliede der menschlichen Wesenheit. Dieses können wir uns am besten vor die Seele hinstellen, indem wir nachdenken darüber, was in diesem Menschen vor uns steht, innerhalb seiner Haut vorhanden ist, was ihm viel nähersteht als alles dasjenige von seinem physischen Leben.

[ 33 ] Now we come to the third aspect of the human being. We can best visualize this by reflecting on what lies within the person standing before us—within his or her skin—and what is much closer to him or her than anything else in his or her physical life.

[ 34 ] Was weiß zunächst der Mensch von den Geheimnissen seines Blutumlaufes, von den Geheimnissen seines Nervenfluidums, das durch den Leib pulsiert, und so weiter, und so weiter? Aber näher steht dem Menschen dasjenige, was wir seine Triebe, seine Instinkte, seine Gefühle, seine Lust und sein Leid, seinen Schmerz und seine Freude nennen. Nahe stehen ihm seine Gedanken, seine Empfindungen, nahe stehen ihm alle diejenigen Dinge, meine verehrten Anwesenden, die wir die seelischen Erlebnisse nennen. Den Träger dieser seelischen Erlebnisse, den Träger von allen Instinkten, Trieben und Leidenschaften, von allen Begierden bis zu den erhabensten Idealen hinauf, die auf uns wirken, nennen wir den astralischen Leib.

[ 34 ] What does a person know, to begin with, about the mysteries of their blood circulation, about the mysteries of their nervous fluid that pulses through the body, and so on and so forth? But closer to a person are those things we call their drives, their instincts, their feelings, their pleasure and suffering, their pain and joy. Close to them are their thoughts, their feelings; close to them are all those things, my dear friends here present, that we call soul experiences. The bearer of these soul experiences, the bearer of all instincts, drives, and passions—from all desires up to the most sublime ideals that influence us—is what we call the astral body.

[ 35 ] Diesen astralischen Leib hat der Mensch nun nicht mehr gemeinsam mit den Pflanzen, nur gemeinsam mit dem Tiere. Das vierte Glied der menschlichen Wesenheit ist dasjenige, wodurch der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist, das er nun nicht mehr mit einem andern Wesen gemeinschaftlich hat, jenes Glied der menschlichen Wesenheit, zu dem wir am besten vordringen können, wenn wir uns Folgendes sagen: Es gibt einen Namen – einfach ist diese Erwägung, die wenigsten stellen sie aber tief an –, der sich unterscheidet von allen andern Namen. Jedermann kann zu einer Flasche «Flasche» sagen, zu einem Glas «Glas», zu einer Uhr «Uhr», zu einem Tisch «Tisch» und so weiter. Einen Namen nur können Sie nicht in derselben Weise anwenden. Es gibt den Namen von niemand anders als von sich selbst an, er kann von niemand anders als von dem Wesen selbst gesprochen werden.

[ 35 ] Human beings no longer share this astral body with plants; they share it only with animals. The fourth member of the human being is that which makes the human being the crown of earthly creation—a member that the human being no longer shares with any other being—and we can best grasp this member of the human being by telling ourselves the following: There is a name—this is a simple consideration, yet very few people give it deep thought—that differs from all other names. Anyone can call a bottle a “bottle,” a glass a “glass,” a clock a “clock,” a table a “table,” and so on. There is only one name you cannot use in the same way. The name belongs to no one but oneself; it can be spoken by no one but the being itself.

[ 36 ] Das ist das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, dass wir den Menschen [als] «Ich» bezeichnen. «Ich» ist ein Name, der niemals von außen an unser Ohr dringen kann. Nur vom Wesen selbst kann er gesprochen werden. Wenn der Name «Ich» im Menschen erklingt, so spricht diejenige Welt, die allein Zugang haben kann zum tiefsten Innern des Menschen, die göttliche Gewalt spricht in der menschlichen Wesenheit, der Gott im Menschen.

[ 36 ] This is the fourth aspect of human existence—that we refer to the human being [as] “I.” “I” is a name that can never reach our ears from outside. It can be spoken only by the being itself. When the name “I” resounds within a human being, it is the world that alone has access to the deepest inner core of the human being that speaks; it is the divine power speaking within the human being—God within man.

[ 37 ] Nun kann freilich jemand sagen: Wenn so gesprochen wird von der Geisteswissenschaft, dann ist es ja, als ob die Geisteswissenschaft den Menschen zum Gott mache.

[ 37 ] Now, of course, someone might say: When people speak of spiritual science in this way, it is as if spiritual science were turning human beings into gods.

[ 38 ] Nun, meine verehrten Anwesenden, wenn jemand erklärt, der Wassertropfen der aus dem Meere genommen wird, sei dieselbe Substanz und Wesenheit wie das ganze Meer, behauptet er dann, der Wassertropfen sei das Meer? Wenn die Geisteswissenschaft ausdrücklich hervorhebt, dass dasjenige, was als «Ich» in unserm Innern bezeichnet wird, gleicher Substanz und Wesenheit mit dem göttlichen Weltengrunde ist, behauptet sie doch nicht mehr, als dass sie ein Tropfen ist von diesem Weltengrunde, dass sie sich zu diesem verhält wie ein Tropfen zum ganzen Meere. Aber wie Sie in dem Tropfen das Meer erkennen, die Wesenheit oder die Substanz des Meeres, so finden Sie in ihrem Ich die Wesenheit des Göttlichen in der Welt. Das ist das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, sodass wir den Menschen im geisteswissenschaftlichen Sinne zusammensetzen aus Ich, aus dem astralischen Leib, dem Träger von allen Trieben, von Empfindungen, von aller Lust und allem Leid, dem Träger von Schmerz und Freude; dann erkennen wir als das weitere Glied den Lebensleib oder den Ätherleib, der ein fortwährender Kämpfer gegen den Tod ist, und den physischen Leib, dasjenige, was wir mit unsern Augen sehen, mit unsern Händen greifen können.

[ 38 ] Now, ladies and gentlemen, if someone explains that a drop of water taken from the sea is of the same substance and essence as the entire sea, is he then claiming that the drop of water is the sea? When spiritual science explicitly emphasizes that what is designated as the “I” within us is of the same substance and essence as the divine foundation of the world, it does not claim more than that it is a drop of this foundation, that it relates to it as a drop relates to the entire ocean. But just as you recognize the sea—the essence or substance of the sea—in the drop, so you find in your “I” the essence of the Divine in the world. This is the fourth component of human being, so that, in the spiritual-scientific sense, we compose the human being of the “I,” the astral body—the bearer of all instincts, sensations, all pleasure and all suffering, the bearer of pain and joy; then we recognize as the next element the life body or etheric body, which is a constant fighter against death, and the physical body, that which we can see with our eyes and grasp with our hands.

[ 39 ] Und nun wollen wir uns einmal ein wenig klarmachen: Ein wesentlicher Zustand, den wir alle erleben jeden Tag, den sogenannten Schlafzustand des Menschen –, dieser Schlafzustand ist etwas, worauf die Naturwissenschaft von sich aus hindeuten kann, wofür sie aber, wenn sich ihre Voraussetzungen als richtig erweisen, niemals von dem Gesichtspunkte aus, von dem sie heute häufig ausgeht, eine Erklärung finden kann. Hier, dem Schlafzustand gegenüber liegt ein wichtiger Punkt in der naturwissenschaftlichen Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts, und hier berühren wir etwas, was uns helfen wird, zu unserm eigentlichen, heutigen Ziele, zu dem Scheidewege der Naturwissenschaft zu gelangen.

[ 39 ] And now let’s take a moment to clarify something: A fundamental state that we all experience every day—the so-called human state of sleep—is something that natural science can point to on its own, but for which, even if its premises prove to be correct, it can never find an explanation from the perspective from which it frequently proceeds today. Here, in relation to the state of sleep, lies an important point in the development of natural science in the nineteenth century, and here we touch upon something that will help us reach our actual goal today: the crossroads of natural science.

[ 40 ] Was ist für die Geisteswissenschaft der Schlaf? Sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, wenn der Mensch mit [dem] Tod abgeht, dann bleibt in der physischen Welt der physische Leib zurück, aber nur folgend seinen physischen Stoffen und Kräften. Der Ätherleib und das Ich gehen in andere Welten, die uns immer umgeben, wie die Welt des Lichtes und der Farben den blind Geborenen umgibt, die wir aber erst näher kennenlernen, wenn die geistigen Augen und Ohren im Sinne Goethes in uns entdeckt werden.

[ 40 ] What is sleep in the context of spiritual science? You see, ladies and gentlemen, when a person passes away, the physical body remains in the physical world, but only in terms of its physical matter and forces. The etheric body and the “I” pass into other worlds that always surround us—just as the world of light and colors surrounds those born blind—but which we come to know more closely only when the spiritual eyes and ears, in the sense that Goethe meant, are discovered within us.

[ 41 ] Wenn der Mensch aber schläft, dann ist das Verhältnis in Bezug auf diese verschiedenen Glieder ein wesentlich anderes. Wenn der Mensch schläft, dann liegen im Bett der physische Leib und der Ätherleib, ausgeschaltet vom astralischen Leib und Ich, weil der astralische Leib der Träger aller Empfindungen von Lust und Leid, von Schmerz und Freude ist. Mit dem astralischen Leib versinkt alle Lust und aller Leid, versinken alle Empfindungen, deren Träger der astralische Leib ist, wie in einem bewusstlosen Dunkel der Nacht. Morgens, wenn dann der astralische Leib wiederum in den physischen Leib hineingeht, dann benützt er die Sinnesorgane, die Augen und Ohren, und nimmt rings herum wahr die physischen Dinge um ihn herum, denn derjenige Leib, der wahrnimmt, ist nicht der physische Leib.

[ 41 ] But when a person sleeps, the relationship among these various bodies is fundamentally different. When a person sleeps, the physical body and the etheric body lie in bed, separated from the astral body and the “I,” because the astral body is the bearer of all sensations of pleasure and suffering, of pain and joy. With the astral body, all pleasure and all suffering subside; all sensations carried by the astral body fade away, as if into the unconscious darkness of the night. In the morning, when the astral body re-enters the physical body, it uses the sense organs—the eyes and ears—and perceives the physical objects around it, for the body that perceives is not the physical body.

[ 42 ] Auch da hat Fichte gesprochen: Zwar sieht man durch das Auge und hört man mit dem Ohr, aber es ist nicht das Auge, welches sieht, es ist der astralische Leib, der durch das Instrument des Auges sieht, durch das Instrument des Ohres hört. So sehen wir, wie der wahre Mensch, derjenige Mensch, der uns nahesteht, wie der im Sinne der Geisteswissenschaft trennbar ist, jede Nacht abgetrennt wird vom physischen und Ätherleib. Der physische und der Ätherleib verhalten sich für die Geisteswissenschaft wirklich genauso wie das Eis zum Wasser. Eis ist Wasser in anderer Form, umgewandeltes Wasser. Der physische und der Ätherleib sind nichts anderes als der umgewandelte astralische Leib, also gleichsam der verdichtete, astralische Leib.

[ 42 ] Fichte spoke on this as well: Although we see with the eye and hear with the ear, it is not the eye that sees; rather, it is the astral body that sees through the instrument of the eye and hears through the instrument of the ear. Thus we see how the true human being—the one who is closest to us—can be separated in the sense of spiritual science; every night, this being is separated from the physical and etheric bodies. For spiritual science, the physical and etheric bodies really are to the astral body just as ice is to water. Ice is water in another form—water that has been transformed. The physical and etheric bodies are nothing other than the transformed astral body—that is, as it were, the condensed astral body.

[ 43 ] Und wenn wir in die urferne Vergangenheit gehen, in eine Zeit, die weit zurückliegt, dann, meine verehrten Anwesenden, treffen wir von unsern heutigen Menschen noch nicht diesen physischen, nicht diesen Ätherleib, sondern wir leiten im Sinne der Geisteswissenschaft den Menschen von einem andern geistigen Ursprunge ab. Was heute innerhalb des physischen Leibes ist, das ist der wahre Vorgänger unserer jetzigen Gestalt. In urferner Vergangenheit war der Mensch ein astralisches Wesen und der physische Mensch ist vom astralischen geschaffen worden, das ist der Bildner des physischen Leibes. Und wenn wir den Entwicklungsgang unserer Welten betrachten, dann fassen wir im Sinne der Geisteswissenschaft diesen Entwicklungsgang in folgender Art auf. In urferner Vergangenheit war dasjenige, was heute physische Verdichtung des Geistes ist, noch nicht vorhanden; es war das Geistige als solches vorhanden. Im Geiste liegt der Ursprung des Physischen. Nach und nach ist das Geistige in die physische Form übergegangen.

[ 43 ] And when we go back to the distant past, to a time long ago, then, ladies and gentlemen, we do not yet find in today’s human beings this physical body or this etheric body; rather, in accordance with spiritual science, we trace the origin of the human being to a different spiritual source. What is within the physical body today is the true predecessor of our present form. In the distant past, the human being was an astral being, and the physical human being was created by the astral being—which is the creator of the physical body. And when we consider the course of development of our worlds, we understand this course of development in the following way, in accordance with spiritual science. In the distant past, what is today the physical condensation of the spirit did not yet exist; the spiritual as such existed. The origin of the physical lies in the spirit. Gradually, the spiritual passed into physical form.

[ 44 ] Aber auf dem Wege zu immer höheren und höheren physischen Bildungen ließ der astralische Menschenleib – der so alt ist, wie nur irgendetwas anderes, was wir in der Entwicklungsgeschichte der Erde verfolgen können – überall die Etappen, die Stufen seiner Entwicklung zurück in Wesenheiten, welche diejenigen Entwicklungsstufen bewahrt haben, auf welchen einmal der Mensch gestanden hat. Da bekommen wir die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, welche mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen der Gegenwart rechnet, alle naturwissenschaftlichen Tatsachen der Gegenwart gerechtfertigt hat, welcher aber der Geist und die geistige Wesenheit zugrunde liegt. Wir sehen in ferner Vergangenheit den Menschen noch als Geist. Diejenigen Formen, die auf dieser ersten Stufe stehen geblieben sind und materielle Formen angenommen haben, sind die niedersten Tiere. Der Mensch aber ging weiter und bildete höhere, immer höhere Formen, und diejenigen Wesen, welche auf diesen Stufen stehen geblieben sind, sind die höher entwickelten Tiere. So hat sich Tiergeschlecht nach Tiergeschlecht herausgebildet, bis sich der Mensch selbst erhoben hat zu jener physisch vollendeten Gestalt, die er heute trägt.

[ 44 ] But on the path toward ever higher and higher physical forms, the astral human body—which is as old as anything else we can trace in the history of the Earth’s development—left behind, at every stage, the stages of its own development in the form of beings that have preserved the developmental stages on which humanity once stood. This gives us the history of human development, which takes into account all the scientific facts of the present, has justified all the scientific facts of the present, but is grounded in the spirit and the spiritual being. In the distant past, we still see humanity as spirit. Those forms that remained at this first stage and took on material forms are the lowest animals. Humanity, however, moved on and formed higher and ever higher forms, and those beings that have remained at these stages are the more highly developed animals. Thus, one animal species after another emerged until humanity itself rose to that physically perfected form it possesses today.

[ 45 ] Wir dürfen nicht sagen im Sinne der Geisteswissenschaft, der Mensch stamme von den höheren Tierformen ab, sondern im Gegenteil: Seine Natur ist die zusammengefasste Wesenheit von allem, was um ihn ausgebreitet ist. Aus dieser Wesenheit haben sich herausgebildet die physischen Wesenheiten, die ringsherum sind. So führen wir im Konkreten den Menschen auf einen geistigen Ursprung zurück. Das kann hier nur skizziert werden.

[ 45 ] From the perspective of spiritual science, we must not say that human beings are descended from higher forms of animals; on the contrary: their nature is the synthesized essence of everything that surrounds them. From this essence have emerged the physical entities that exist all around us. Thus, in concrete terms, we trace human beings back to a spiritual origin. This can only be outlined here.

[ 46 ] Wir stehen heute in der Naturwissenschaft auf einem Punkt, wo uns die Naturwissenschaft zeigt, wie sie nach und nach [sich] zwingen wird, gerade zu dieser Anschauung, die jetzt angedeutet worden ist, durch ihre eigenen Erforschungsresultate hinzusteuern. Das ist ein ganz besonderes, interessantes Entwicklungsmoment der Naturwissenschaft in unsrer unmittelbaren Gegenwart. Wie stellt sich das heraus? Darauf werden Sie Antwort erhalten: Wenn wir einen Rückblick halten auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Glaubenslehre, wie sie sich im letzten halben Jahrhundert ausgebildet hat, da schauen wir zurück, wie eine Art ganz grober Materialismus in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Platz gegriffen hat. Dieser grobe Materialismus darf von uns aber nicht verachtet werden. Wir müssen vielmehr diejenigen, die dazumal mit aller Kühnheit die Konsequenzen gezogen haben von vielem, worüber andere keine Antworten gewusst [haben], bewundern, und Namen wie [Büchner, Moleschott] oder Vogt bedeuten tatsächlich etwas für die geistige Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts, bedeuten etwas durch die ungeheure Kühnheit, mit der sie Erwägungen gezogen haben, die dazumal naheliegend waren zu ziehen. Denn die Naturwissenschaft hatte bewunderungswürdige Fortschritte gemacht, Fortschritte, die sozusagen auf den Menschen suggestiv wirken mussten.

[ 46 ] Today, in the natural sciences, we have reached a point where science itself is showing us how, step by step, it will be compelled by its own research findings to move toward precisely this view that has just been outlined. This is a very special and interesting moment in the development of science in our immediate present. How does this manifest itself? You will receive an answer to that: When we look back at the development of scientific doctrine as it has taken shape over the last half-century, we see how a kind of very crude materialism took hold in the mid-nineteenth century. However, we must not look down on this crude materialism. Rather, we must admire those who, at that time, boldly drew conclusions from many things to which others had no answers, and names such as [Büchner, Moleschott], or Vogt, who truly made a mark on the intellectual development of the nineteenth century—a mark made by the immense boldness with which they drew conclusions that were obvious to draw at the time. For natural science had made admirable progress—progress that, so to speak, could not help but have a suggestive effect on people.

[ 47 ] Der Zeitpunkt, wo man durch die Instrumente der neueren Zeit hineingeschaut hat in die kleinsten Bestandteile der Lebewesen, war in der Tat überraschend. Das war etwas Überwältigendes, als das Mikroskop den Menschen lehrte, dass ein jedes Lebewesen, wenn man es anschaut, [wenn es auch] unbedeutend erscheint, aus kleinen Zellen besteht. Als am Ende der Dreißigerjahre diese Zellen gefunden wurden, war das eine ungeheuere Errungenschaft. Das musste den menschlichen Geist dahin leiten, sich zu sagen: Erforschest du das Kleine, die Bestandteile der Wesenheiten, dann erst siehst du dasjenige, was als die Grundlage der Welt anzuerkennen ist. – Man muss eben gerecht sein, man muss erkennen, wozu der Geist des Menschen durch solche mächtige Erweckungen geführt wird.

[ 47 ] The moment when modern instruments allowed us to peer into the tiniest components of living beings was truly surprising. It was an overwhelming experience when the microscope taught people that every living being, no matter how insignificant it may appear at first glance, consists of tiny cells. When these cells were discovered in the late 1830s, it was a tremendous achievement. This had to lead the human spirit to say to itself: If you explore the small—the constituent parts of living beings—only then will you see that which must be recognized as the foundation of the world. – One must simply be fair; one must recognize where the human spirit is led by such powerful awakenings.

[ 48 ] Und dann nehmen wir einmal alles das, was die folgenden Jahre Stück für Stück für den ganzen Menschen gebracht haben an naturwissenschaftlichen Fortschritten. Denken wir daran, dass vor ungefähr 50 Jahren die große, gewaltige Entdeckung der Spektralanalyse die Menschen überraschte, durch die der Mensch fähig wird, hinauszuschauen in den Himmelsraum und die Gestalten und Natur dessen, was im Himmelskreise ist, zu erforschen, und zum ersten Male durch ein Instrument durch diese wunderbare naturwissenschaftliche Methode, sehen konnte, wie dieselben Stoffe, die man auf der Erde gefunden hat, auch im Himmelsraume auftreten. Diese Entdeckung war etwas außerordentlich Gewaltiges. Sie musste den Menschen hinstellen, hinleiten auf die stoffliche Natur der Wesenheiten und lenkte ihn ab von dem geistigen Hintergrunde des Daseins.

[ 48 ] And then let’s consider all the scientific advances that the following years brought, bit by bit, to humanity as a whole. Let us remember that about 50 years ago, the great, momentous discovery of spectral analysis took people by surprise—a discovery that enables us to look out into outer space and explore the forms and nature of what lies in the celestial sphere, and for the first time, through an instrument and by means of this wonderful scientific method, could see how the same substances found on Earth also occur in outer space. This discovery was something extraordinarily powerful. It had to direct people’s attention to the material nature of beings and diverted them from the spiritual background of existence.

[ 49 ] Und dann dasjenige, was durch die Forschungen, wie sie durch Darwin der Menschheit dargeboten war. Heute ist es schon trivial geworden, diesen mächtigen Umschwung des Geisteslebens zu charakterisieren; aber derjenige, der sich in die damalige Zeit vertieft, kann wissen, was es bedeutet, dass die Verwandtschaft der Lebewesen untereinander in einer mehr oder weniger greifbaren Darstellungsart vor der menschlichen Seele ist.

[ 49 ] And then there was what was presented to humanity through the research as presented by Darwin. Today, it has become almost trivial to describe this powerful transformation in intellectual life; but anyone who delves into that era can understand what it means for the kinship among living beings to be presented to the human soul in a more or less tangible form.

[ 50 ] So hatte der Mensch von verschiedenen Seiten her − noch vieles könnte angeführt werden − wunderbare Blicke in das stoffliche Dasein getan. Was Wunder, dass der Glauben entstehen konnte, durch die Erforschung des Stoffes, durch die Erkenntnis des Stoffes, werde man überhaupt alle Rätsel der Welt lösen können!

[ 50 ] Thus, from various perspectives—and much more could be cited—humanity had gained remarkable insights into material existence. Is it any wonder that the belief arose that, through the study of matter and the understanding of matter, one would be able to solve all the mysteries of the world!

[ 51 ] Wie das Haus aus vielen Steinen zusammengesetzt ist, so besteht der komplizierte Organismus aus vielgestaltigen Zellen. Im Zusammenhang damit baute sich jetzt, nicht historisch, aber psychisch, die Darstellungsart, die Darstellungsweise aus, dass in den kleinsten Teilen des materiellen Daseins die Wesen um uns herum zu erklären seien. So bildete sich das, meine verehrten Anwesenden, was man heute die atomistische Denkungsweise nennt, welche alles Stoffliche ableitet aus einer Gruppierung, aus einer Zusammensetzung von Atomen. Das, was man nach und nach gefunden hat, ist, dass man die Stoffe, die voneinander verschieden waren, in ihr Verhältnis, das gesamte chemische Verhältnis gebracht hat. Man hatte an die 70 Stoffe gefunden. Diese Stoffunterscheidungen nennt man chemische Elemente. Was war nun ein chemisches Element? Ein chemisches Element war etwas, das bestand aus gewissen Gattungen von Atomen, Sauerstoff war Sauerstoff, weil in diesem Stoff vereinigt waren gleichartige kleinste Teilchen, die sogenannten Sauerstoffatome. Wasserstoff ist zusammengesetzt aus Wasserstoffatomen, und so weiter.

[ 51 ] Just as a house is composed of many stones, so too does the complex organism consist of cells of various forms. In connection with this, a mode of representation—not historical, but psychological—began to take shape, namely, the idea that the beings around us could be explained in terms of the smallest parts of material existence. Thus, ladies and gentlemen, what we now call the atomistic way of thinking took shape—a way of thinking that derives all matter from a grouping, from a composition of atoms. What was gradually discovered was that substances, which were different from one another, could be understood in terms of their relationships—their overall chemical relationships. About 70 substances had been discovered. These distinctions between substances are called chemical elements. What, then, was a chemical element? A chemical element was something composed of certain types of atoms; oxygen was oxygen because this substance consisted of identical smallest particles—the so-called oxygen atoms. Hydrogen is composed of hydrogen atoms, and so on.

[ 52 ] Als feste Grundlage des Atomes wurde dasjenige, was als ewig galt, angenommen. Man sprach von einer Ewigkeit des Stoffes, man kam zu der Ansicht, dass in diesen kleinsten Teilen überhaupt der Ur- [Lücke von mehreren Seiten].

[ 52 ] What was considered eternal was assumed to be the solid foundation of the atom. People spoke of the eternity of matter and came to the conclusion that in these smallest particles there was, in fact, the primordial [gap on several pages].

[ 53 ] Können wir da noch von einer Unveränderlichkeit des Atoms sprechen? Scheint es da nicht [viel weniger] als etwas Träumerisches, dass alle Stoffe zurückgeführt sind auf etwas Geistiges, auf geistige Verwandlungen, die in diese [Atome] verwandelt werden können?

[ 53 ] Can we still speak of the immutability of the atom in this context? Does it not seem [far less] like a mere fantasy that all matter can be traced back to something spiritual, to spiritual transformations that can be transformed into these [atoms]?

[ 54 ] So zerfällt das Atom, das der materielle Denker erträumte hinter den sinnlichen Dingen als das Feste, Wirkliche, [als das] einzig wirkliche Betrachtete, als das einzig Wirkliche, das zerfällt unter den Händen der Naturwissenschaft in etwas, das sich auflösen und sich in etwas ganz anderes verwandeln kann: [Man kann] nicht mehr [sprechen] von der Unveränderlichkeit des Atoms. Wir stehen erst im Anfange dieser Theorie, die mit Notwendigkeit aus der Naturforschung heraus folgte.

[ 54 ] Thus, the atom—which the materialist thinker envisioned behind sensible things as the solid, the real, [as the] only truly observed entity, as the only reality—disintegrates under the scrutiny of natural science into something that can dissolve and transform into something entirely different: [One can] no longer [speak] of the immutability of the atom. We are only at the beginning of this theory, which necessarily followed from the study of nature.

[ 55 ] Nun, diese Denkungsweise, ich möchte sagen, schlummert auch schon immer mehr und mehr in der Anschauung derer, die etwas tiefer nachdenken, die aber doch nicht loskommen von den materiellen Vorstellungen. Es war vor einiger Zeit ein Leichtes, [materiell] zum Beispiel die Verbindung zweier Stoffe zu erklären; zwar sah man von dieser Stoffverbindung, was in jedem für Elemente waren, wie sich die Atome ineinanderlagerten, dass da, wo solche Atome sich ineinanderlagerten, die Wärme zum Vorschein kam, denn die Wärme war nichts anderes als Bewegung, wie Licht nichts anderes als Bewegung von Elementen [sein soll], das da anklopft und immer wieder hämmert an unsern Augen und als Licht zum Vorschein kommt. Man kümmerte sich auch nicht darum, dass, wenn diese Wärme eine solche Zusammensetzung von Stoffen wieder trennen kann, dass sich diese Wärme ganz genauso verhält wie irgendetwas anderes Reelles in unserer Umgebung, das hinzugefügt werden kann, wenn Elemente bloß in Verwandlungen entstehen sollen.

[ 55 ] Well, this way of thinking, I would say, has been increasingly present in the views of those who reflect a little more deeply, yet who still cannot break free from materialistic notions. Some time ago, it was easy to explain, for example, the [material] combination of two substances; admittedly, one could see in this combination of substances what the individual elements were, how the atoms interlocked, and that where such atoms interlocked, heat emerged—for heat was nothing other than motion, just as light is said to be nothing other than the motion of elements, which knocks and hammers repeatedly at our eyes and appears as light. Nor did anyone concern themselves with the fact that, if this heat can separate such a composition of substances again, then this heat behaves exactly like any other real thing in our environment that can be added when elements are merely supposed to arise through transformations.

[ 56 ] Da haben nun einige Leute, die trotzdem noch an materiellen Vorstellungen hängen, die eine sonderbare Vorstellung haben, gesagt: Wenn wir ein Element mit 100 Atomen vor uns haben, so müssen wir die Atome gleichsam als aufgeplusterte Säcke denken, und die Wärme ist die Trägerin diese Säcke, so haben wir also in den Atomen kleine Säcke zu [denken]. Wenn man nun die beiden Stoffe in ihren Elementen verbindet, so lagern sich die Atome ineinander; das, was die Säcke enthielten, strömt heraus und erscheint als eine Art Verbrennungsprozess. Dann sind im Körper, der eine Verbindung darstellt, nicht aufgeplusterte Säcke, sondern es sind aufgetriebene Säcke, ausgeleerte Säcke vorhanden. Wenn man Chlor und Kupfer hat, sind sie Chloratome dadurch, dass Wärme in ihnen ist, aufgetriebene Säcke, wenn man die Verbindung von Chlor und Kupfer herstellt, dann folgt eine Ineinanderlagerung von Atomen, von ausgeleerten Säcken, und wenn man die beiden wieder trennt, Chlor und Kupfer, dann ist Wärme wieder notwendig und sie muss die Säcke wieder auftreiben.

[ 56 ] Now some people, who are still attached to material concepts and have a peculiar idea, have said: If we have an element with 100 atoms before us, we must think of the atoms, as it were, as puffed-up sacks, and heat is the carrier of these sacks; thus, we must [think of] the atoms as small sacks. When the two substances are combined in their elements, the atoms interlock; what the sacks contained flows out and appears as a kind of combustion process. Then, within the compound, there are not puffed-up sacks, but rather inflated sacks—emptied sacks. When you have chlorine and copper, the chlorine atoms—because they contain heat—are inflated bags; when you form the compound of chlorine and copper, the atoms—these emptied bags—nest within one another; and when you separate the two again—chlorine and copper—heat is once more necessary, and it must inflate the bags again.

[ 57 ] Nun, meine verehrten Anwesenden, haben gerade solche Dinge wie die Erscheinung des Radiums gezeigt, dass das, was man als das Festeste, Unveränderlichste gehalten hatte, das Atom, dass das übergeht in anderes. Wenn man diesen Gedanken in Zusammenhang bringt mit vielen andern Errungenschaften der Gegenwart, verschwindet das Atom aus der ganzen Denkungsweise heraus und wir werden hingewiesen darauf, dass das Wirkliche reell ist etwas, was den Tatsachen zugrunde liegt, wie dasjenige, was sich abspielt um uns herum, in physischer, aber auch geistiger Tatsache.

[ 57 ] Now, ladies and gentlemen, it is precisely phenomena such as the discovery of radium that have shown that what was once considered the most solid and unchanging thing—the atom—transforms into something else. When we consider this idea in conjunction with many other achievements of our time, the atom disappears from our entire way of thinking, and we are reminded that reality is something that underlies the facts—such as what is happening around us—in both the physical and the spiritual realms.

[ 58 ] So wird die Naturwissenschaft immer mehr erkennen, dass eine solche Wirklichkeit hinter den Dingen, wie sie [sie] sich hinter den Atomen geträumt hat, überhaupt nicht vorhanden ist, dass in Wahrheit das, was wir physisch hören können – der Mensch wird wieder lernen, die Wärme als etwas anzusehen, als eine selbstständige Wesenheit, die er in sich hat, das Licht als etwas anzusehen, das wir wirklich sehen, und endlich die Elektrizität als etwas anzusehen, was Wahrheit ist. Beim Letzteren ist die Physik auch schon; wenn sie in der Vakuumröhre den elektrischen Strom durchströmen lässt, sieht der Physiker heute schon das, was in wunderbarer Erscheinung durch die Röhre strömt, als eine Art Strommaterie an, und er spricht schon davon, dass das, was da strömt, die sogenannte elektrisch fließende Elektrizität sei, und er spricht davon heute, dass es solche freifließende elektrische Elektrizität sei, dass wie eine Materie eine Substanz dahinfließt, was man früher [als] eine bloße Eigenschaft des Elementes angeschaut hat. Er spricht von einer elektrischen Flüssigkeit, von freifließender Elektrizität, und der Physiker setzt heute dasjenige, was ihm erscheint als Atom, mit einer gewissen mechanischen Elektrizität in Verbindung.

[ 58 ] Thus, natural science will increasingly come to recognize that such a reality behind things—as [it] has imagined to exist behind the atoms, does not exist at all—that in truth, what we can physically perceive—humanity will once again learn to regard warmth as something in itself, as an independent entity within us; to regard light as something we truly see; and finally, to regard electricity as something that is real. Physics has already reached this point with regard to the latter; when it allows an electric current to flow through a vacuum tube, the physicist today already regards what flows through the tube in a wondrous phenomenon as a kind of current matter, and he already speaks of what flows there as so-called “electrically flowing electricity,” and he speaks today of such freely flowing electrical electricity, of a substance flowing like matter—something that was formerly regarded as a mere property of the element. He speaks of an electrical fluid, of freely flowing electricity, and the physicist today associates what appears to him as an atom with a certain kind of mechanical electricity.

[ 59 ] Zu solcher Vorstellungsart führte die Tatsache selber. Nun hatte ein guter Denker, den man freilich mehr als Minister kennt als als Denker, der englische Minister Balfour, schon vor einiger Zeit den wichtigen Satz ausgesprochen: «Es wird die naturwissenschaftliche Denkungsweise noch dahin kommen, in allen Atomen so etwas anzusehen wie erstarrte Elektrizität.» Da haben sie das materiell vorgestellt, wie Wasser in dem Eis erstarrt ist. Das, was uns als materiell erscheint, ist bei einem physischen Denker in Wahrheit ein erstarrtes Element, das, was unter andern kleinen Elementen war. Die Physik wird weiterkommen und auch kennenlernen, dass es verdichtetes Licht und verdichtete Wärme gibt und dass das, was als materielle Wirklichkeit erscheint, nichts anderes ist als die verdichtete Qualität, die unsere Sinne wahrnehmen.

[ 59 ] The fact itself led to this way of thinking. Now, a great thinker—though he is, of course, better known as a minister than as a thinker—the English Minister Balfour, had already uttered this important statement some time ago: “The scientific way of thinking will eventually come to regard every atom as something like solidified electricity.” They conceived of this in material terms, just as water is solidified in ice. What appears to us as material is, for a physical thinker, in truth a solidified element—one that was, among other small elements. Physics will advance and come to understand that there is condensed light and condensed heat, and that what appears as material reality is nothing other than the condensed quality perceived by our senses.

[ 60 ] Das erscheint heute wohl als etwas Phantastisches, als etwas Träumerisches, das weiß derjenige, der es weiß, am allerbesten. Allein, meine verehrten Anwesenden: Die Dinge werden die Naturwissenschaft durch ihre eigenen Tatsachen dahin führen, in die Geisteswissenschaft einzumünden. Das Atom zerbröckelt, zerberstet. Das Radium ist ein Element, durch welches der Physiker heute imstande ist, zu lehren, dass die Atome etwas geworden sind und durch etwas sich wieder auflösen lassen. Es ist schon ausgesprochen worden, dass das, was wir heute als Atom denken, nichts anderes ist als eine Verdichtung.

[ 60 ] Today, this may well seem like something fantastical, something dreamlike—and those who know it know this best of all. Yet, ladies and gentlemen: Through their own facts, the natural sciences will lead us to converge with the humanities. The atom crumbles, shatters. Radium is an element through which physicists today are able to teach that atoms have become something and can be dissolved by something else. It has already been stated that what we today conceive of as an atom is nothing other than a condensation.

[ 61 ] Die Naturwissenschaft ist am Scheidewege, und indem sie verlassen muss den Weg, den sie bisher eingehalten hat, wo das Physische [so erklärt wird], [dass da]hinter einer Welt von Atomen [ist], die hinter der Wirklichkeit erdacht werden, indem sie diese erträumten Dinge als erträumt zugeben muss, wird sie von selbst auf dasjenige nach und nach kommen müssen, was wahrhaft hinter der physischen Wirklichkeit liegt, sie wird auf den Geist kommen müssen, sie wird den Geist finden müssen.

[ 61 ] Natural science is at a crossroads, and as it must abandon the path it has followed thus far—where the physical [is explained] [in such a way that] behind a world of atoms [exists], conceived behind reality—by acknowledging these imagined things as mere figments of the imagination—it will of its own accord have to gradually arrive at what truly lies behind physical reality; it will have to arrive at the spirit; it will have to find the spirit.

[ 62 ] Durch den Geist können wir die höheren Dinge wahrnehmen und anerkennen. Ihn können wir finden durch die Entwicklung der in uns noch schlummernden Fähigkeiten. Wir haben aber nicht das Recht, Dinge zu erforschen, die wir nach der Art der Sinnesqualitäten denken, die wir Atome nennen. Der Geisteswissenschaft ist diese naturwissenschaftliche Denkungsweise mit ihren Atomwirbeln, mit ihren Atomen-Fetischen etwas Erträumtes, etwas Phantastisches.

[ 62 ] Through the spirit, we can perceive and recognize higher things. We can find it by developing the abilities that still lie dormant within us. However, we have no right to investigate things that we conceive in terms of the qualities of the senses, which we call atoms. To spiritual science, this scientific way of thinking—with its atomic vortices and its atomic fetishes—is something dreamlike, something fantastical.

[ 63 ] Die atomistische Denkungsweise, die eine Zeit lang schien die festeste Stellung – und die schönste Hypothese wenigstens für viele zu sein schien –, wird verschwinden. Dann aber wird gerade der Boden gegeben sein für die Geisteswissenschaft und dasjenige Ziel der Geisteswissenschaft, was die Naturwissenschaft von sich selbst aus vergebens zu erringen suchte. Deshalb tritt die Geisteswissenschaft auf, damit da, wo die Naturwissenschaft allen Boden für ihr Glaubensbekenntnis verliert, wo dasjenige, wofür die kühnen Denker um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kämpften, angenommen wird von der menschlichen Auffassungsweise, dass da die Wahrheit, die höhere Wirklichkeit, diejenige Wirklichkeit [ist], die wahrhaft hinter allem Geistigen in dieser Weise charakteristisch auftritt. Man wird glauben lernen, dass kein erträumtes Atom hinter den Sinnesqualitäten ist, dann wird man auch verstehen, dass hinter der sinnlichen Erscheinung des Menschen, wie er jetzt dasteht, der geistige [Mensch] dasteht, der der eigentliche Ursprung des Menschen ist.

[ 63 ] The atomistic way of thinking, which for a time seemed to hold the firmest ground—and appeared, at least to many, to be the most elegant hypothesis—will disappear. But then the ground will be laid precisely for spiritual science and for that goal of spiritual science which natural science, on its own, sought in vain to attain. That is why spiritual science is emerging—so that where natural science loses all ground for its creed, where what the bold thinkers of the mid-nineteenth century fought for is accepted by human understanding—there the truth, the higher reality, is recognized as the reality that truly manifests itself in this characteristic way behind everything spiritual. People will learn to believe that there is no imagined atom behind the qualities of the senses; then they will also understand that behind the sensory appearance of the human being as he now stands, there stands the spiritual [human being], who is the true origin of the human being.

[ 64 ] Das wird der Weg sein, den geistigen Ursprung des Menschen zu verstehen. Man wird finden, dass dasjenige, was unseren materiellen, physischen Augen entgegentritt, das letzte Ende verdichteter Sinnesqualitäten, überhaupt verdichteten Geistes ist. Dann wird auch niemand mehr verlangen können, den Menschen, so wie er heute dasteht, zusammenzusetzen aus allen möglichen Teilen, denn dieselbe Denkungsweise, welche jeden Stoff und jede Stoffzusammensetzung als Atom bezeichnet hat – den vielgegliederten Menschen zusammengesetzt aus dem, was nach und nach in der physischen Entwicklung im Verlauf der Weltentwicklung hervorgetreten ist –, dieselbe Denkungsweise hat den Menschen zusammengesetzt aus dem, was nach und nach in der physischen Entwicklung im Verlaufe der Weltentwicklung hervorgetreten ist: erst die niederen Tiere, dann etwas höher entwickelte Wesen hinzugefügt, bis zuletzt der Mensch entstanden ist. Die Geisteswissenschaft setzt den Menschen als Geistiges an die Spitze des weltlichen Daseins und lässt gerade dasjenige, was die [Tiere] sind, hervorgehen aus der menschlichen Entwicklung, aus der Wesenheit des Menschen. Diese menschliche Entwicklung habe ich nur ganz flüchtig skizzieren können.

[ 64 ] This will be the path to understanding the spiritual origin of humankind. We will find that what meets our material, physical eyes is the ultimate manifestation of condensed sensory qualities—indeed, of condensed spirit itself. Then no one will be able to insist any longer that human beings, as they exist today, be composed of all manner of parts; for the very same way of thinking that has designated every substance and every material composition as an atom—the complex human being composed of what has gradually emerged in the course of physical development throughout the history of the world— that same mode of thinking has composed the human being from what has gradually emerged in physical evolution over the course of world history: first the lower animals, then adding somewhat more highly developed beings, until finally the human being arose. Spiritual science places the human being, as a spiritual entity, at the pinnacle of worldly existence and posits that precisely what the [animals] are emerges from human development, from the very essence of the human being. I have been able to sketch this human development only very briefly.

[ 65 ] Der Geisteswissenschaftler erlaubt sich niemals, hinter den sinnlichen Tatsachen erträumte Atome zu denken, diese Atome waren für ihn stets etwas Phantastisches. Wenn man leugnet, dass von [Mitschrift bricht ab.]

[ 65 ] The humanities scholar never allows himself to imagine atoms beyond sensory facts; for him, these atoms were always something fantastical. If one denies that [transcript breaks off.]