Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
23 November 1907, Basel
7. Die Naturwissenschaft am Scheidewege
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Von zwei Dingen sei es mir gestattet, heute Abend zu Ihnen zu sprechen: von jener Weltanschauung, die sich seit 50, 60 Jahren mit aller Deutlichkeit in der Art ausgebildet hat, dass sie sich auf dasjenige stützen will, was man die naturwissenschaftlichen Ergebnisse der neueren Zeit nennt. Das eine ist also das, was man wohl auch die naturwissenschaftliche Weltanschauung nennt. Das andere, das heute Abend damit in Zusammenhang gebracht werden soll, ist die sogenannte Geisteswissenschaft, die man gewohnt geworden ist, aus gewissen Gründen in der letzten Zeit, in den letzten Jahrzehnten, auch «Theosophie» zu nennen.
[ 2 ] Es ist nicht notwendig, in unserer Zeit von dem Siegesgang der Naturwissenschaft und derjenigen Vorstellungsart und Denkungsweise, die sich aus diesen naturwissenschaftlichen Errungenschaften herausgebildet haben, zu sprechen. Aber es darf vielleicht darauf hingewiesen werden, was unter Geisteswissenschaft oder Theosophie eigentlich gemeint ist.
[ 3 ] Nicht viele unserer Zeitgenossen, wenigstens relativ nicht viele, haben irgendwelche genauere Kunde von dem erhalten, was sich mit diesen Worten [bezeichnet und] als eine scheinbar neue, in Wahrheit aber ja durch alles menschliche Denken hindurchgehende Geistesströmung hinstrebt in die Gegenwart.
[ 4 ] Wenige Menschen haben sich, wie gesagt, ausdrücklicher und deutlicher mit dieser tief wichtigen Weltanschauung, mit dieser Geistesströmung befasst. Aber auch manche von denen, die da oder dort etwas davon gehört haben, haben eine sehr irrtümliche Vorstellung davon aufgenommen. Alles Mögliche verbindet man heutzutage mit diesem Namen «Theosophie». Die einen glauben, dass es sich um eine Aufwärmung orientalischer, meinetwegen buddhistischer Geistesströmung handle, die andern meinen, dass es sich um irgendeine andere religiöse Sekte handle, wenn von Theosophie oder theosophischer Weltbewegung die Rede ist, um irgendetwas, was mit allerlei Aberglauben, mit Phantasterei und Träumerei zu tun habe. Wir könnten noch eine lange, lange Blütenlese halten von allerlei irrtümlichen Meinungen, die in der Gegenwart verbreitet sind über diese theosophische Weltenströmung. Alle diese Vorurteile können allerdings nur [auf]gehoben werden durch ein genaueres und intimeres Kennenlernen dieser Geistesrichtung.
[ 5 ] Nun ist es für den Menschen der Gegenwart keineswegs leicht, sich mit dieser Geistesrichtung auseinanderzusetzen, denn derjenige, der sich heute mit der Weltanschauung befasst, die scheinbar mit solchen wunderbaren Konsequenzen aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen folgt, der nimmt eine Denkungsart, eine Vorstellungsweise in sich auf, die es ihm außerordentlich schwer macht, an die Art und Weise, wie die Geisteswissenschaft denkt, heranzukommen. So kommt es denn, dass zwar die theosophische Weltenströmung ihre Vertreter und Bekenner in fast allen gebildeten Kulturländern der Gegenwart hat. Wenn wir Europa ansehen, finden wir theosophische Gesellschaften in Skandinavien, England, Holland, Frankreich, Belgien, in Italien, in Deutschland. Auch in der Schweiz sind solche Gesellschaften. Sogar in Ungarn und andern europäischen Staaten sind mehr oder weniger Anhänger zu finden. Wir finden insbesondere diese Geistesrichtung auch verbreitet in Amerika und weit verbreitet in Indien, aber auch in Australien, in Südafrika. Überall schon haben wir Bekenner und solche, die zu dieser Weltanschauung irgendwie in ein Verhältnis gekommen sind.
[ 6 ] Wenn wir, abgesehen von allen Vorurteilen, diese Weltanschauung charakterisieren wollen, dann müssen wir vor allen Dingen zwei Grunderkenntnisse dieser Weltanschauung an die Spitze unserer Betrachtungen stellen. Auf zwei festen Säulen ruht das, was man Theosophie oder Geisteswissenschaft nennt.
[ 7 ] Das Erste ist die Grunderkenntnis, dass alles, was um uns herum für unsere Sinne wahrnehmbar ist, in der physischen Welt vorhanden ist, alles seinen Urgrund, seine Wesenheit in einem Überphysischen, in einem Geistigen hat.
[ 8 ] Das andere, worauf die Geisteswissenschaft fußt, ist, dass es dem Menschen möglich ist, diese geistigen Urgründe der Dinge, diese hinter der physischen Welt stehenden überphysischen Wesenheiten auch wirklich zu erforschen und zu erkennen.
[ 9 ] Die Geisteswissenschaft im modernen Sinne, sie hat nichts zu tun mit einer Aufwärmung irgendwelcher buddhistischer Vorstellungsarten. Denn es ist nicht nötig, wenn man zu den Urgründen der Dinge gehen will, sich auf alte Traditionen zu berufen. In jeder Zeit ist es dem erkennenden Menschengeiste möglich, zu den Tatsachen, und hier handelt es sich um die geistige Tatsache selbst, heranzudringen. Ob in irgendeiner andern Weltanschauung oder im Buddhismus Teile dieser Geisteswissenschaft zutage getreten sind, das geht ihn dabei gar nichts weiter an. Umso weniger ist diese geisteswissenschaftliche Weltenströmung irgendeine religiöse Sekte, sie hat nichts mit Sektentum zu tun. Sie hat nichts zu tun mit irgendeiner Begründung eines religiösen Bekenntnisses. Wenn sie auch dadurch, dass sie die geistigen Urgründe der Dinge erforscht, zur festesten Stütze der religiösen Wahrheiten kommen kann, so hat sie als solche, als Erforscherin des Geisteslebens nichts zu tun mit religiösen Stiftungen, mit Sekten. Sie ist eine Wissenschaft wie andere Wissenschaften, nur dass sie sich nicht an einzelne Gelehrte, an einzelne Fachleute, sondern dass sie sich an die ganze Menschheit wendet, denn die ganze Menschheit hat ein Interesse daran, zu wissen, was für geistige «Urgründe» hinter dem sind, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen.
[ 10 ] Nun kann aber diese Geisteswissenschaft gar nicht in irgendeinen Gegensatz kommen zu den wahren Tatsachen, die die Naturwissenschaft seit langer, langer Zeit der Menschheit geschenkt hat. Von vornherein sei es betont, dass niemand mehr als der Geisteswissenschaftler die gewaltig großen Fortschritte der Naturwissenschaft anerkennt. Es wäre ja nicht bloß ein Irrtum, es wäre lächerlich, etwas einwenden zu wollen gegen dasjenige, was uns die Naturwissenschaft in den Ergebnissen der Sinnesforschung, durch die Jahrhunderte, namentlich durch das neunzehnte Jahrhundert hindurch, vor Augen gestellt hat.
[ 11 ] Von diesen naturwissenschaftlichen Tatsachen kann also auch nicht die Rede sein. Darum, um was es sich handelt, wenn von einem Gegensatz der Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft die Rede ist, das ist etwas anderes. Seit etwa 60, 70 Jahren ist auf Grundlage der naturwissenschaftlichen Anschauung eine Art religiöses Bekenntnis, eine Art Glauben entstanden, etwas, was einer großen Anzahl unserer Zeitgenossen wie als etwas Selbstverständliches, in Fleisch und Blut Übergegangenes erscheint; es hat heute keinen guten Klang, dennoch darf das Wort gebraucht werden: eine Art materialistischer Denkungsweise, eine Art religiösen Glaubens aufgrund naturwissenschaftlicher Tatsachen.
[ 12 ] Nun weiß der Geisteswissenschaftler am allerbesten, dass im Laufe der menschlichen Entwicklung verschiedene Notwendigkeiten eintreten, dass unter den Stufen, die die menschliche Entwicklung durchmachen musste, auch einmal ein solcher materialistischer Glauben auftreten musste. Aber es ist auch nicht der Geisteswissenschaftler, der jemals in einen Widerspruch kommen könnte, auch nur zur einseitigen Anschauung der Naturwissenschaft. Sondern dasjenige, um was es sich handelt, ist vielmehr das, was der Ausbreitung dieser Geisteswissenschaft hindernd im Weg steht, gerade diejenige Denkungsweise, die nicht etwa eine Wiedergabe naturwissenschaftlicher Tatsachen ist, sondern die sich als eine Art Bekenntnis, als eine Art Glauben aufgrund naturwissenschaftlicher Tatsachen aufgebaut hat.
[ 13 ] Der Geisteswissenschaftler, meine verehrten Anwesenden, will nichts anderes als dasjenige, was man in der Welt, die hinter den physischen Tatsachen steht, erforschen kann, das will er den Menschen mitteilen, so, wie dem Menschen dasjenige mitgeteilt wird, was der Naturforscher in den sinnlichen Tatsachen erforscht. Er verlässt sich ganz und gar darauf, dass, wenn er Wahrheiten mitteilen will, er nach und nach auch verstanden werde. Der Mensch ist auf Wahrheit angelegt. In jeder Menschenbrust ist eine Empfindung, ein Gefühl und eine Ahnung für die Wahrheit, bevor er sie noch erkennen kann. Der Geisteswissenschaftler weiß, dass er nach und nach Widerhall finden wird in den Herzen der Menschen.
[ 14 ] Daher kommt das eigentliche naturwissenschaftliche Bekenntnis. Es muss in einer gewissen Weise begreifen derjenige, der die Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft in ihrer heutigen Gestalt beurteilen kann, es muss der Naturwissenschaftler das, was der Geistesforscher zu sagen hat, nicht bloß als etwas Irrtümliches, sondern sogar als etwas Abergläubisches, als etwas Fantastisches, Träumerisches hinstellen, ansehen.
[ 15 ] Die Frage, die uns heute beschäftigen soll, ist diese: Wie muss sich zu dieser Geisteswissenschaft, nach dem Entwicklungsgang der Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten, derjenige verhalten, der unbefangen nach beiden Richtungen hin ist, der wirklich dasjenige, was als Anlage zur zukünftigen Bildung in der Naturwissenschaft liegt, in der richtigen Weise einzuschätzen weiß?
[ 16 ] Die Geisteswissenschaft, meine verehrten Anwesenden, wird tatsächlich von denjenigen, die heute oberflächliche Blicke in die Veröffentlichungen der Geisteswissenschaft werfen, angesehen als irgendetwas ganz Phantastisches, Träumerisches. Ich werde heute Abend manches zu Ihnen zu sprechen haben, das – dessen bin ich mir voll bewusst – vielen unserer Zeitgenossen erscheinen muss als etwas geradezu Närrisches, wie etwas geradezu den Gipfel des Phantastischen Erreichendes. Aber die Wahrheit muss gesprochen werden. Denn die Wahrheit ist dazu berufen, der ganzen Menschheit einverleibt zu werden. Alles dasjenige, was Wahrheit ist in irgendeiner gewissen Zeit, ist in der Vorzeit mehr oder weniger als etwas Phantastisches, als den Anschauungen irgendeiner Zeit Widersprechendes hingestellt worden. In viel höheren Maßen, als das vielleicht sonst der Fall war, wird das der Geisteswissenschaft passieren müssen.
[ 17 ] Dass hinter unserer physischen Welt, hinter dem, was unsere Sinne wahrnehmen, andere Welten liegen, Welten des geistigen Daseins, das ist die Grunderkenntnis der Geisteswissenschaft. In welchem Sinne reden wir, meine verehrten Anwesenden, als Geisteswissenschaftler von andern Welten? Nicht in dem Sinne, als ob andere Welten irgendwo in einem unbekannten Jenseits zu suchen wären. Wir reden in einem ganz logischen, möglichen Sinne von andern Welten. In dem Sinne redet die Theosophie oder Geisteswissenschaft von andern Welten, wie zum Beispiel Johann Gott[lieb] Fichte einmal von andern Welten gesprochen hat, als er im Jahre 1811 bis 1813 zu seinen Zuhörern in der neu gegründeten Berliner Universität gesprochen hat. Da sagte er einmal: Dasjenige, was eine höhere Weisheit in der Welt zu finden in der Lage ist, das erscheint demjenigen Menschen, der bloß das gelten lassen will, was die Sinne in der Umgebung wahrnehmen, was der Verstand aus dem, was die Sinne wahrnehmen, herauskombinieren kann, dem erscheint dasjenige, was höhere Weisheit zu sagen hat, wie dasjenige, was ein Blindgeborener, der die Gegenstände nur durch das Tasten kennt, denken muss über die Welt der Farbe, über die Welt des Lichtes, die der mit physischen Augen Sehende um sich herum hat. – Ein Fichte’sches Gleichnis gebrauche ich. Er, Fichte, findet, dass, wenn derjenige, der solche Weisheit im Auge hat, unter die Menschen, die nur die sinnliche Wahrnehmung gelten lassen wollen, tritt, er wirklich ist, wie wenn ein Sehender unter lauter Blinde tritt, die die Welt nur durch den Sinn des Tastens kennen. Sie halten unter Umständen dasjenige, was der physisch Sehende als die Welt des Lichtes, als die Welt der Farben wahrnimmt, für eine Phantasterei.
[ 18 ] Nunmehr meint Fichte: Es ist ja fortwährend um uns herum die Welt des Lichtes, die Welt der Farben. Der Blindgeborene sieht sie nicht, trotzdem sie um ihn herum sind. In dem Augenblick, wo wir ihn operieren können, in dem Augenblick, wo das physische Auge wir ihm geben können, wäre die Welt, die für Sie alle, meine verehrten Anwesenden, um Sie herum ist, auch für ihn da.
[ 19 ] Was können wir daraus lernen? Den einzig möglichen, logischen Satz: dass es von uns, von unserm Wahrnehmungsvermögen abhängt, ob wir eine Welt, die um uns herum da ist, für die unsrige betrachten können oder nicht. So viel Sinne der Mensch hat, so viel Welten kann er um sich herum wahrnehmen. – Nichts anderes behauptet der Geisteswissenschaftler, als dass, ebenso wie um den Blindgeborenen herum die Welt der Farben und die Welt des Lichtes ist, um diejenigen Menschen herum, die durch ihre Sinneswahrnehmungen glauben, dass andere Welten da sind, da sein müssen, andere geistige Welten, Welten höherer Natur, überphysischer Natur.
[ 20 ] Und nun behauptet der Geisteswissenschaftler weiter, dass zwar nicht jeder Blindgeborene operiert werden kann, dass aber in jedem Menschen ausnahmslos innere, seelische Fähigkeiten schlummern, die ausgebildet werden können zu dem, was Goethe nennt «geistige Augen und geistige Ohren». Die Welten, die rings um uns herum sind, werden also dem, der seine geistigen Wahrnehmungsorgane ausbildet, offenbar. Und ähnlich wie in dem wichtigen Momente, in dem der Blindgeborene empfindet, da das Auge physisch sehend wird und er aus der Dunkelheit, aus der Finsternis, die um ihn herum war, heraustritt in die Welt der Farben, die Welt des Lichtes und des Glanzes, so gibt es für den Menschen, der die in sich schlummernde, seelische Fähigkeit erweckt, den großen und viel größeren Moment, als für das physische Auge, das sehend wird, [so gibt es] viel größere Momente, wo die Welten, die fortwährend um uns herum sind, dem geistigen Entwicklungssinn, wenn wir den Widerspruch gebrauchen dürfen, aufgehen. Und der Mensch gehört nicht nur dieser physischen Welt an, er gehört noch geistigen Welten, die um uns herum sind, an.
[ 21 ] Nun freilich wird heute mancher einwenden, und es ist schon oft eingewendet worden, die Naturwissenschaft mache uns alles, was in der Welt ist, aus sich selbst begreiflich. Die Naturwissenschaft hat geradezu glänzende Fortschritte gemacht und sie hat uns manches, was früher unbegreiflich erschienen ist, begreiflich gemacht. Sie wird manche weitere Fortschritte machen, so sagen gewiss Gegner der Geisteswissenschaft. Dann wird sie leicht alle Erscheinungen um uns herum aus den physischen Tatsachen erklären, dann hat der Geisteswissenschaftler leicht reden, so mag die Naturwissenschaft sagen, leicht hat er dann reden; denn wenn wir aus den physischen Tatsachen, aus dem Zusammenwirken verschiedener, materieller Dinge, die Welt erklären können, dann brauchen wir keine geistige Ursache mehr.
[ 22 ] Dann gibt es solche Menschen unter unsern Zeitgenossen, die ja überhaupt ablehnen, dass die Welt aus sich erklärbar ist, die einmal völlig erklärbar sein wird, die es ablehnen, nach einer geistigen Welt hinzublicken. Für sie gilt der Satz: Das Ideal aller Wissenschaft ruht darauf, die Erscheinungen um uns herum aus sich selbst zu erklären und nicht Rücksicht zu nehmen auf irgendwelche dahinterstehende geistige Tatsachen. – Viel liegt von suggestiver Gewalt in diesem Urteil, das sich manche unserer Zeitgenossen gebildet haben. Logisch, meine verehrten Anwesenden, ist dieses Urteil keineswegs. Wenn Sie die Uhr nehmen: Sie ist auf rein mechanische Art, durch mechanische, physische Gesetze aus sich selber zu erklären. Nichts ist in dieser Uhr, das durch mechanische, physische Gesetze nicht erklärbar wäre. Ist deshalb der Uhrmacher unnötig? Nein, meine verehrten Anwesenden, die Tatsache, dass irgendetwas aus sich selbst erklärbar ist, diese Tatsache, dieses Ideal, das macht die dahinterstehenden, geistigen Mächte keineswegs überflüssig.
[ 23 ] Der Geisteswissenschaftler ist sich eben klar wie jeder andere, er glaubt aus naturwissenschaftlichen Tatsachen festzustellen, dass einmal es gelingen wird, das Weltgebäude aus sich selbst zu erklären, wie man eine Uhr aus sich selbst erklären kann. Aber ebenso klar ist er sich, dass, wie hinter der Uhr der Uhrmacher steht, so gewiss stehen hinter dieser Welt geistige Mächte, geistige Wesenheiten. Wir lernen den Menschen nur erkennen, wenn wir das, was hinter den physischen Tatsachen steht, zur Erklärung des Menschen herbeitragen.
[ 24 ] Und hier kommen wir auf den Punkt, meine sehr verehrten Anwesenden, wo wir uns erst ein wenig bekannt machen müssen mit dem ganzen Sinne der Erklärungsart der Geisteswissenschaft, dann können wir die naturwissenschaftliche Entwicklung in dem Punkte erfassen, in ihrer Beziehung zu der Geisteswissenschaft, in ihrer Aussicht und Perspektive für die Zukunft, indem wir jetzt stehen, und dann können wir die beiden aneinander messen.
[ 25 ] Was ist der Geisteswissenschaftler? Die Frage wollen wir uns vor allem beantworten. Das materielle Dasein des Geschehenen, vom Stein in seinem wirklichen, materiellen Gegenstand angefangen bis hinauf zum komplizierten Bau des Menschen, was ist alles stoffliche Dasein für die Geisteswissenschaft? Nichts anderes als ein Ausdruck einer Offenbarung der geistigen Welt. Wenn wir grob sprechen dürfen – und es gibt in unserer Sprache noch gar keine möglichen Ausdrücke der gangbaren Umgangssprache, die zu gebrauchen sind für die geisteswissenschaftlichen Tatsachen, weil unsere Sprache für die materiellen Dinge da ist –, wenn wir grob sprechen dürfen, so können wir sagen, alles stoffliche Geschehene, alle Dinge, die für die Geisteswissenschaft eine Art Verdichtung, eine Art Offenbarung eines zugrunde liegenden Geistigen [sind]; und wenn wir einen Vergleich ziehen wollen, dürfen wir sagen: Wie sich das Eis zum Wasser verhält, so verhält sich alles Stoffliche zum Geistigen.
[ 26 ] Ein Kind mag kommen und Ihnen ein Stück Eis bringen. Sie sagen ihm: Liebes Kind, das ist nichts anderes als Wasser in anderer Form. – Das Kind sagt: Das ist aber doch nicht Wasser, sondern Eis. – Da werden Sie versuchen, dem Kinde es verständlich zu machen, dass es Wasser in anderer Form sei, dass das Wasser in anderer, fester Form auftreten könne, als Eis. So ungefähr wird der Geisteswissenschaftler, wenn wir ihn über das materielle Dasein befragen, antworten: Die sinnlichen Dinge, die physisch-materiellen Vorgänge sind nichts anderes als geistiges Dasein in anderen Formen, wie das Eis nichts anderes ist als Wasser in anderer Form. Und derjenige, der sich tiefer und tiefer in die Geisteswissenschaft einlässt, dem wird das nicht nur zu einer Grundüberzeugung, sondern zu einer Grunderkenntnis, dass alles, alles Geistige, gleichsam einen Verdichtungsprozess durchmachte in der Welt und zu dem geworden ist, was uns für das fertige Dasein herantritt.
[ 27 ] Diese Grunderkenntnis wollen wir einmal auf den Menschen anwenden; [dann] sehen wir: Was da das physische Dasein ist, der physische Menschenleib, den Sie mit Ihren Augen sehen, mit Ihren Händen ergreifen können, der für viele materiell denkende Menschen das einzige Glied des menschlichen Daseins ist, dieser physische Menschenleib, das ist für den Geisteswissenschaftler nur ein Glied der gesamten menschlichen Wesenheit.
[ 28 ] Es kann heute, weil das Ziel meines Vortrages ein anderes ist, nicht meine Aufgabe sein, die ganze Geisteswissenschaft auch nur skizzenhaft vor ihren Augen aufzurollen. Das tat ich schon einmal in einem langen Vortrage über die Rätselfragen des Daseins, den ich in Basel halten durfte. Der heutige Vortrag dagegen soll nur ganz oberflächlich, nur ganz flüchtig die Ansichten der Geisteswissenschaft in Bezug auf den ganzen Menschen charakterisieren.
[ 29 ] Ein Glied der menschlichen Natur ist für den Geisteswissenschaftler dieser physische Menschenleib. Dieser physische Mensch hat manches gemeinschaftlich mit allen scheinbar leblosen Wesen um uns herum. Der Geisteswissenschaftler weiß dabei wohl zu würdigen, was vom heutigen Stande der Naturwissenschaft dagegen eingewendet worden ist und dagegen eingewendet werden kann. Aber man kann nicht alle diese Einwendungen in einem kurzen Vortrage berühren, sondern man kann nur dasjenige, was den Geisteswissenschaftler hinstellt, kurz berühren.
[ 30 ] Nun erkennt die Geisteswissenschaft über diesen physischen Menschenleib hinausgehende Glieder der menschlichen Natur. Sie sagt: Dieselben Stoffe, dieselben Glieder, die in der physischen Welt, in der physischen Natur vorhanden sind, sind auch im physischen Menschenleib vorhanden, wie wieder alles im Physischen und überhaupt im Leben eines jeden Lebewesens, jeder Pflanze, jedes Tieres, sei es noch so kompliziert zusammengesetzt, so mannigfaltig gegliedert, dass die physischen Leiber in sich selbst zerfallen würden, wenn bloß physische Kräfte und Stoffe wirken würden.
[ 31 ] In jedem lebenden Wesen, vor allen Dingen im Menschen, ist fortwährend ein Kampf gegen den Zerfall des physischen Leibes vorhanden, und diesen Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes nennt man als das zweite Glied des Menschen den Ätherleib oder Lebensleib. Wie gesagt, der Geisteswissenschaftler weiß ganz genau die Einwendungen, welche scheinbar mit so großer Gewalt gemacht werden können vom heutigen Gesichtspunkte aus gegen die Existenz dieses Ätherleibes.
[ 32 ] Der Naturforscher übersieht den zweiten Teil der menschlichen Wesenheit, der fortwährender Kämpfer ist gegen den Tod. Denn was ist der Tod für den Geisteswissenschaftler? Nichts anderes, als wenn der physische Leib verlassen wird von diesem Ätherleib. Dann verfällt der physische Leib, der dann Leichnam wird, den physischen und chemischen Gewalten. Dass in [jedem] Augenblick Ihres Daseins Ihr physischer Leib nicht den physischen und chemischen Gewalten verfällt, das verhindert der in Ihnen sich befindliche Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes, der Ätherleib. Das ist das zweite Glied der menschlichen Wesenheit, das der Menschheit, der gesamten Menschheit, mit der gesamten Pflanzen- und Tierwelt gemeinsam ist.
[ 33 ] Nun kommen wir zu dem dritten Gliede der menschlichen Wesenheit. Dieses können wir uns am besten vor die Seele hinstellen, indem wir nachdenken darüber, was in diesem Menschen vor uns steht, innerhalb seiner Haut vorhanden ist, was ihm viel nähersteht als alles dasjenige von seinem physischen Leben.
[ 34 ] Was weiß zunächst der Mensch von den Geheimnissen seines Blutumlaufes, von den Geheimnissen seines Nervenfluidums, das durch den Leib pulsiert, und so weiter, und so weiter? Aber näher steht dem Menschen dasjenige, was wir seine Triebe, seine Instinkte, seine Gefühle, seine Lust und sein Leid, seinen Schmerz und seine Freude nennen. Nahe stehen ihm seine Gedanken, seine Empfindungen, nahe stehen ihm alle diejenigen Dinge, meine verehrten Anwesenden, die wir die seelischen Erlebnisse nennen. Den Träger dieser seelischen Erlebnisse, den Träger von allen Instinkten, Trieben und Leidenschaften, von allen Begierden bis zu den erhabensten Idealen hinauf, die auf uns wirken, nennen wir den astralischen Leib.
[ 35 ] Diesen astralischen Leib hat der Mensch nun nicht mehr gemeinsam mit den Pflanzen, nur gemeinsam mit dem Tiere. Das vierte Glied der menschlichen Wesenheit ist dasjenige, wodurch der Mensch die Krone der Erdenschöpfung ist, das er nun nicht mehr mit einem andern Wesen gemeinschaftlich hat, jenes Glied der menschlichen Wesenheit, zu dem wir am besten vordringen können, wenn wir uns Folgendes sagen: Es gibt einen Namen – einfach ist diese Erwägung, die wenigsten stellen sie aber tief an –, der sich unterscheidet von allen andern Namen. Jedermann kann zu einer Flasche «Flasche» sagen, zu einem Glas «Glas», zu einer Uhr «Uhr», zu einem Tisch «Tisch» und so weiter. Einen Namen nur können Sie nicht in derselben Weise anwenden. Es gibt den Namen von niemand anders als von sich selbst an, er kann von niemand anders als von dem Wesen selbst gesprochen werden.
[ 36 ] Das ist das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, dass wir den Menschen [als] «Ich» bezeichnen. «Ich» ist ein Name, der niemals von außen an unser Ohr dringen kann. Nur vom Wesen selbst kann er gesprochen werden. Wenn der Name «Ich» im Menschen erklingt, so spricht diejenige Welt, die allein Zugang haben kann zum tiefsten Innern des Menschen, die göttliche Gewalt spricht in der menschlichen Wesenheit, der Gott im Menschen.
[ 37 ] Nun kann freilich jemand sagen: Wenn so gesprochen wird von der Geisteswissenschaft, dann ist es ja, als ob die Geisteswissenschaft den Menschen zum Gott mache.
[ 38 ] Nun, meine verehrten Anwesenden, wenn jemand erklärt, der Wassertropfen der aus dem Meere genommen wird, sei dieselbe Substanz und Wesenheit wie das ganze Meer, behauptet er dann, der Wassertropfen sei das Meer? Wenn die Geisteswissenschaft ausdrücklich hervorhebt, dass dasjenige, was als «Ich» in unserm Innern bezeichnet wird, gleicher Substanz und Wesenheit mit dem göttlichen Weltengrunde ist, behauptet sie doch nicht mehr, als dass sie ein Tropfen ist von diesem Weltengrunde, dass sie sich zu diesem verhält wie ein Tropfen zum ganzen Meere. Aber wie Sie in dem Tropfen das Meer erkennen, die Wesenheit oder die Substanz des Meeres, so finden Sie in ihrem Ich die Wesenheit des Göttlichen in der Welt. Das ist das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, sodass wir den Menschen im geisteswissenschaftlichen Sinne zusammensetzen aus Ich, aus dem astralischen Leib, dem Träger von allen Trieben, von Empfindungen, von aller Lust und allem Leid, dem Träger von Schmerz und Freude; dann erkennen wir als das weitere Glied den Lebensleib oder den Ätherleib, der ein fortwährender Kämpfer gegen den Tod ist, und den physischen Leib, dasjenige, was wir mit unsern Augen sehen, mit unsern Händen greifen können.
[ 39 ] Und nun wollen wir uns einmal ein wenig klarmachen: Ein wesentlicher Zustand, den wir alle erleben jeden Tag, den sogenannten Schlafzustand des Menschen –, dieser Schlafzustand ist etwas, worauf die Naturwissenschaft von sich aus hindeuten kann, wofür sie aber, wenn sich ihre Voraussetzungen als richtig erweisen, niemals von dem Gesichtspunkte aus, von dem sie heute häufig ausgeht, eine Erklärung finden kann. Hier, dem Schlafzustand gegenüber liegt ein wichtiger Punkt in der naturwissenschaftlichen Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts, und hier berühren wir etwas, was uns helfen wird, zu unserm eigentlichen, heutigen Ziele, zu dem Scheidewege der Naturwissenschaft zu gelangen.
[ 40 ] Was ist für die Geisteswissenschaft der Schlaf? Sehen Sie, meine verehrten Anwesenden, wenn der Mensch mit [dem] Tod abgeht, dann bleibt in der physischen Welt der physische Leib zurück, aber nur folgend seinen physischen Stoffen und Kräften. Der Ätherleib und das Ich gehen in andere Welten, die uns immer umgeben, wie die Welt des Lichtes und der Farben den blind Geborenen umgibt, die wir aber erst näher kennenlernen, wenn die geistigen Augen und Ohren im Sinne Goethes in uns entdeckt werden.
[ 41 ] Wenn der Mensch aber schläft, dann ist das Verhältnis in Bezug auf diese verschiedenen Glieder ein wesentlich anderes. Wenn der Mensch schläft, dann liegen im Bett der physische Leib und der Ätherleib, ausgeschaltet vom astralischen Leib und Ich, weil der astralische Leib der Träger aller Empfindungen von Lust und Leid, von Schmerz und Freude ist. Mit dem astralischen Leib versinkt alle Lust und aller Leid, versinken alle Empfindungen, deren Träger der astralische Leib ist, wie in einem bewusstlosen Dunkel der Nacht. Morgens, wenn dann der astralische Leib wiederum in den physischen Leib hineingeht, dann benützt er die Sinnesorgane, die Augen und Ohren, und nimmt rings herum wahr die physischen Dinge um ihn herum, denn derjenige Leib, der wahrnimmt, ist nicht der physische Leib.
[ 42 ] Auch da hat Fichte gesprochen: Zwar sieht man durch das Auge und hört man mit dem Ohr, aber es ist nicht das Auge, welches sieht, es ist der astralische Leib, der durch das Instrument des Auges sieht, durch das Instrument des Ohres hört. So sehen wir, wie der wahre Mensch, derjenige Mensch, der uns nahesteht, wie der im Sinne der Geisteswissenschaft trennbar ist, jede Nacht abgetrennt wird vom physischen und Ätherleib. Der physische und der Ätherleib verhalten sich für die Geisteswissenschaft wirklich genauso wie das Eis zum Wasser. Eis ist Wasser in anderer Form, umgewandeltes Wasser. Der physische und der Ätherleib sind nichts anderes als der umgewandelte astralische Leib, also gleichsam der verdichtete, astralische Leib.
[ 43 ] Und wenn wir in die urferne Vergangenheit gehen, in eine Zeit, die weit zurückliegt, dann, meine verehrten Anwesenden, treffen wir von unsern heutigen Menschen noch nicht diesen physischen, nicht diesen Ätherleib, sondern wir leiten im Sinne der Geisteswissenschaft den Menschen von einem andern geistigen Ursprunge ab. Was heute innerhalb des physischen Leibes ist, das ist der wahre Vorgänger unserer jetzigen Gestalt. In urferner Vergangenheit war der Mensch ein astralisches Wesen und der physische Mensch ist vom astralischen geschaffen worden, das ist der Bildner des physischen Leibes. Und wenn wir den Entwicklungsgang unserer Welten betrachten, dann fassen wir im Sinne der Geisteswissenschaft diesen Entwicklungsgang in folgender Art auf. In urferner Vergangenheit war dasjenige, was heute physische Verdichtung des Geistes ist, noch nicht vorhanden; es war das Geistige als solches vorhanden. Im Geiste liegt der Ursprung des Physischen. Nach und nach ist das Geistige in die physische Form übergegangen.
[ 44 ] Aber auf dem Wege zu immer höheren und höheren physischen Bildungen ließ der astralische Menschenleib – der so alt ist, wie nur irgendetwas anderes, was wir in der Entwicklungsgeschichte der Erde verfolgen können – überall die Etappen, die Stufen seiner Entwicklung zurück in Wesenheiten, welche diejenigen Entwicklungsstufen bewahrt haben, auf welchen einmal der Mensch gestanden hat. Da bekommen wir die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, welche mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen der Gegenwart rechnet, alle naturwissenschaftlichen Tatsachen der Gegenwart gerechtfertigt hat, welcher aber der Geist und die geistige Wesenheit zugrunde liegt. Wir sehen in ferner Vergangenheit den Menschen noch als Geist. Diejenigen Formen, die auf dieser ersten Stufe stehen geblieben sind und materielle Formen angenommen haben, sind die niedersten Tiere. Der Mensch aber ging weiter und bildete höhere, immer höhere Formen, und diejenigen Wesen, welche auf diesen Stufen stehen geblieben sind, sind die höher entwickelten Tiere. So hat sich Tiergeschlecht nach Tiergeschlecht herausgebildet, bis sich der Mensch selbst erhoben hat zu jener physisch vollendeten Gestalt, die er heute trägt.
[ 45 ] Wir dürfen nicht sagen im Sinne der Geisteswissenschaft, der Mensch stamme von den höheren Tierformen ab, sondern im Gegenteil: Seine Natur ist die zusammengefasste Wesenheit von allem, was um ihn ausgebreitet ist. Aus dieser Wesenheit haben sich herausgebildet die physischen Wesenheiten, die ringsherum sind. So führen wir im Konkreten den Menschen auf einen geistigen Ursprung zurück. Das kann hier nur skizziert werden.
[ 46 ] Wir stehen heute in der Naturwissenschaft auf einem Punkt, wo uns die Naturwissenschaft zeigt, wie sie nach und nach [sich] zwingen wird, gerade zu dieser Anschauung, die jetzt angedeutet worden ist, durch ihre eigenen Erforschungsresultate hinzusteuern. Das ist ein ganz besonderes, interessantes Entwicklungsmoment der Naturwissenschaft in unsrer unmittelbaren Gegenwart. Wie stellt sich das heraus? Darauf werden Sie Antwort erhalten: Wenn wir einen Rückblick halten auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Glaubenslehre, wie sie sich im letzten halben Jahrhundert ausgebildet hat, da schauen wir zurück, wie eine Art ganz grober Materialismus in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Platz gegriffen hat. Dieser grobe Materialismus darf von uns aber nicht verachtet werden. Wir müssen vielmehr diejenigen, die dazumal mit aller Kühnheit die Konsequenzen gezogen haben von vielem, worüber andere keine Antworten gewusst [haben], bewundern, und Namen wie [Büchner, Moleschott] oder Vogt bedeuten tatsächlich etwas für die geistige Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts, bedeuten etwas durch die ungeheure Kühnheit, mit der sie Erwägungen gezogen haben, die dazumal naheliegend waren zu ziehen. Denn die Naturwissenschaft hatte bewunderungswürdige Fortschritte gemacht, Fortschritte, die sozusagen auf den Menschen suggestiv wirken mussten.
[ 47 ] Der Zeitpunkt, wo man durch die Instrumente der neueren Zeit hineingeschaut hat in die kleinsten Bestandteile der Lebewesen, war in der Tat überraschend. Das war etwas Überwältigendes, als das Mikroskop den Menschen lehrte, dass ein jedes Lebewesen, wenn man es anschaut, [wenn es auch] unbedeutend erscheint, aus kleinen Zellen besteht. Als am Ende der Dreißigerjahre diese Zellen gefunden wurden, war das eine ungeheuere Errungenschaft. Das musste den menschlichen Geist dahin leiten, sich zu sagen: Erforschest du das Kleine, die Bestandteile der Wesenheiten, dann erst siehst du dasjenige, was als die Grundlage der Welt anzuerkennen ist. – Man muss eben gerecht sein, man muss erkennen, wozu der Geist des Menschen durch solche mächtige Erweckungen geführt wird.
[ 48 ] Und dann nehmen wir einmal alles das, was die folgenden Jahre Stück für Stück für den ganzen Menschen gebracht haben an naturwissenschaftlichen Fortschritten. Denken wir daran, dass vor ungefähr 50 Jahren die große, gewaltige Entdeckung der Spektralanalyse die Menschen überraschte, durch die der Mensch fähig wird, hinauszuschauen in den Himmelsraum und die Gestalten und Natur dessen, was im Himmelskreise ist, zu erforschen, und zum ersten Male durch ein Instrument durch diese wunderbare naturwissenschaftliche Methode, sehen konnte, wie dieselben Stoffe, die man auf der Erde gefunden hat, auch im Himmelsraume auftreten. Diese Entdeckung war etwas außerordentlich Gewaltiges. Sie musste den Menschen hinstellen, hinleiten auf die stoffliche Natur der Wesenheiten und lenkte ihn ab von dem geistigen Hintergrunde des Daseins.
[ 49 ] Und dann dasjenige, was durch die Forschungen, wie sie durch Darwin der Menschheit dargeboten war. Heute ist es schon trivial geworden, diesen mächtigen Umschwung des Geisteslebens zu charakterisieren; aber derjenige, der sich in die damalige Zeit vertieft, kann wissen, was es bedeutet, dass die Verwandtschaft der Lebewesen untereinander in einer mehr oder weniger greifbaren Darstellungsart vor der menschlichen Seele ist.
[ 50 ] So hatte der Mensch von verschiedenen Seiten her − noch vieles könnte angeführt werden − wunderbare Blicke in das stoffliche Dasein getan. Was Wunder, dass der Glauben entstehen konnte, durch die Erforschung des Stoffes, durch die Erkenntnis des Stoffes, werde man überhaupt alle Rätsel der Welt lösen können!
[ 51 ] Wie das Haus aus vielen Steinen zusammengesetzt ist, so besteht der komplizierte Organismus aus vielgestaltigen Zellen. Im Zusammenhang damit baute sich jetzt, nicht historisch, aber psychisch, die Darstellungsart, die Darstellungsweise aus, dass in den kleinsten Teilen des materiellen Daseins die Wesen um uns herum zu erklären seien. So bildete sich das, meine verehrten Anwesenden, was man heute die atomistische Denkungsweise nennt, welche alles Stoffliche ableitet aus einer Gruppierung, aus einer Zusammensetzung von Atomen. Das, was man nach und nach gefunden hat, ist, dass man die Stoffe, die voneinander verschieden waren, in ihr Verhältnis, das gesamte chemische Verhältnis gebracht hat. Man hatte an die 70 Stoffe gefunden. Diese Stoffunterscheidungen nennt man chemische Elemente. Was war nun ein chemisches Element? Ein chemisches Element war etwas, das bestand aus gewissen Gattungen von Atomen, Sauerstoff war Sauerstoff, weil in diesem Stoff vereinigt waren gleichartige kleinste Teilchen, die sogenannten Sauerstoffatome. Wasserstoff ist zusammengesetzt aus Wasserstoffatomen, und so weiter.
[ 52 ] Als feste Grundlage des Atomes wurde dasjenige, was als ewig galt, angenommen. Man sprach von einer Ewigkeit des Stoffes, man kam zu der Ansicht, dass in diesen kleinsten Teilen überhaupt der Ur- [Lücke von mehreren Seiten].
[ 53 ] Können wir da noch von einer Unveränderlichkeit des Atoms sprechen? Scheint es da nicht [viel weniger] als etwas Träumerisches, dass alle Stoffe zurückgeführt sind auf etwas Geistiges, auf geistige Verwandlungen, die in diese [Atome] verwandelt werden können?
[ 54 ] So zerfällt das Atom, das der materielle Denker erträumte hinter den sinnlichen Dingen als das Feste, Wirkliche, [als das] einzig wirkliche Betrachtete, als das einzig Wirkliche, das zerfällt unter den Händen der Naturwissenschaft in etwas, das sich auflösen und sich in etwas ganz anderes verwandeln kann: [Man kann] nicht mehr [sprechen] von der Unveränderlichkeit des Atoms. Wir stehen erst im Anfange dieser Theorie, die mit Notwendigkeit aus der Naturforschung heraus folgte.
[ 55 ] Nun, diese Denkungsweise, ich möchte sagen, schlummert auch schon immer mehr und mehr in der Anschauung derer, die etwas tiefer nachdenken, die aber doch nicht loskommen von den materiellen Vorstellungen. Es war vor einiger Zeit ein Leichtes, [materiell] zum Beispiel die Verbindung zweier Stoffe zu erklären; zwar sah man von dieser Stoffverbindung, was in jedem für Elemente waren, wie sich die Atome ineinanderlagerten, dass da, wo solche Atome sich ineinanderlagerten, die Wärme zum Vorschein kam, denn die Wärme war nichts anderes als Bewegung, wie Licht nichts anderes als Bewegung von Elementen [sein soll], das da anklopft und immer wieder hämmert an unsern Augen und als Licht zum Vorschein kommt. Man kümmerte sich auch nicht darum, dass, wenn diese Wärme eine solche Zusammensetzung von Stoffen wieder trennen kann, dass sich diese Wärme ganz genauso verhält wie irgendetwas anderes Reelles in unserer Umgebung, das hinzugefügt werden kann, wenn Elemente bloß in Verwandlungen entstehen sollen.
[ 56 ] Da haben nun einige Leute, die trotzdem noch an materiellen Vorstellungen hängen, die eine sonderbare Vorstellung haben, gesagt: Wenn wir ein Element mit 100 Atomen vor uns haben, so müssen wir die Atome gleichsam als aufgeplusterte Säcke denken, und die Wärme ist die Trägerin diese Säcke, so haben wir also in den Atomen kleine Säcke zu [denken]. Wenn man nun die beiden Stoffe in ihren Elementen verbindet, so lagern sich die Atome ineinander; das, was die Säcke enthielten, strömt heraus und erscheint als eine Art Verbrennungsprozess. Dann sind im Körper, der eine Verbindung darstellt, nicht aufgeplusterte Säcke, sondern es sind aufgetriebene Säcke, ausgeleerte Säcke vorhanden. Wenn man Chlor und Kupfer hat, sind sie Chloratome dadurch, dass Wärme in ihnen ist, aufgetriebene Säcke, wenn man die Verbindung von Chlor und Kupfer herstellt, dann folgt eine Ineinanderlagerung von Atomen, von ausgeleerten Säcken, und wenn man die beiden wieder trennt, Chlor und Kupfer, dann ist Wärme wieder notwendig und sie muss die Säcke wieder auftreiben.
[ 57 ] Nun, meine verehrten Anwesenden, haben gerade solche Dinge wie die Erscheinung des Radiums gezeigt, dass das, was man als das Festeste, Unveränderlichste gehalten hatte, das Atom, dass das übergeht in anderes. Wenn man diesen Gedanken in Zusammenhang bringt mit vielen andern Errungenschaften der Gegenwart, verschwindet das Atom aus der ganzen Denkungsweise heraus und wir werden hingewiesen darauf, dass das Wirkliche reell ist etwas, was den Tatsachen zugrunde liegt, wie dasjenige, was sich abspielt um uns herum, in physischer, aber auch geistiger Tatsache.
[ 58 ] So wird die Naturwissenschaft immer mehr erkennen, dass eine solche Wirklichkeit hinter den Dingen, wie sie [sie] sich hinter den Atomen geträumt hat, überhaupt nicht vorhanden ist, dass in Wahrheit das, was wir physisch hören können – der Mensch wird wieder lernen, die Wärme als etwas anzusehen, als eine selbstständige Wesenheit, die er in sich hat, das Licht als etwas anzusehen, das wir wirklich sehen, und endlich die Elektrizität als etwas anzusehen, was Wahrheit ist. Beim Letzteren ist die Physik auch schon; wenn sie in der Vakuumröhre den elektrischen Strom durchströmen lässt, sieht der Physiker heute schon das, was in wunderbarer Erscheinung durch die Röhre strömt, als eine Art Strommaterie an, und er spricht schon davon, dass das, was da strömt, die sogenannte elektrisch fließende Elektrizität sei, und er spricht davon heute, dass es solche freifließende elektrische Elektrizität sei, dass wie eine Materie eine Substanz dahinfließt, was man früher [als] eine bloße Eigenschaft des Elementes angeschaut hat. Er spricht von einer elektrischen Flüssigkeit, von freifließender Elektrizität, und der Physiker setzt heute dasjenige, was ihm erscheint als Atom, mit einer gewissen mechanischen Elektrizität in Verbindung.
[ 59 ] Zu solcher Vorstellungsart führte die Tatsache selber. Nun hatte ein guter Denker, den man freilich mehr als Minister kennt als als Denker, der englische Minister Balfour, schon vor einiger Zeit den wichtigen Satz ausgesprochen: «Es wird die naturwissenschaftliche Denkungsweise noch dahin kommen, in allen Atomen so etwas anzusehen wie erstarrte Elektrizität.» Da haben sie das materiell vorgestellt, wie Wasser in dem Eis erstarrt ist. Das, was uns als materiell erscheint, ist bei einem physischen Denker in Wahrheit ein erstarrtes Element, das, was unter andern kleinen Elementen war. Die Physik wird weiterkommen und auch kennenlernen, dass es verdichtetes Licht und verdichtete Wärme gibt und dass das, was als materielle Wirklichkeit erscheint, nichts anderes ist als die verdichtete Qualität, die unsere Sinne wahrnehmen.
[ 60 ] Das erscheint heute wohl als etwas Phantastisches, als etwas Träumerisches, das weiß derjenige, der es weiß, am allerbesten. Allein, meine verehrten Anwesenden: Die Dinge werden die Naturwissenschaft durch ihre eigenen Tatsachen dahin führen, in die Geisteswissenschaft einzumünden. Das Atom zerbröckelt, zerberstet. Das Radium ist ein Element, durch welches der Physiker heute imstande ist, zu lehren, dass die Atome etwas geworden sind und durch etwas sich wieder auflösen lassen. Es ist schon ausgesprochen worden, dass das, was wir heute als Atom denken, nichts anderes ist als eine Verdichtung.
[ 61 ] Die Naturwissenschaft ist am Scheidewege, und indem sie verlassen muss den Weg, den sie bisher eingehalten hat, wo das Physische [so erklärt wird], [dass da]hinter einer Welt von Atomen [ist], die hinter der Wirklichkeit erdacht werden, indem sie diese erträumten Dinge als erträumt zugeben muss, wird sie von selbst auf dasjenige nach und nach kommen müssen, was wahrhaft hinter der physischen Wirklichkeit liegt, sie wird auf den Geist kommen müssen, sie wird den Geist finden müssen.
[ 62 ] Durch den Geist können wir die höheren Dinge wahrnehmen und anerkennen. Ihn können wir finden durch die Entwicklung der in uns noch schlummernden Fähigkeiten. Wir haben aber nicht das Recht, Dinge zu erforschen, die wir nach der Art der Sinnesqualitäten denken, die wir Atome nennen. Der Geisteswissenschaft ist diese naturwissenschaftliche Denkungsweise mit ihren Atomwirbeln, mit ihren Atomen-Fetischen etwas Erträumtes, etwas Phantastisches.
[ 63 ] Die atomistische Denkungsweise, die eine Zeit lang schien die festeste Stellung – und die schönste Hypothese wenigstens für viele zu sein schien –, wird verschwinden. Dann aber wird gerade der Boden gegeben sein für die Geisteswissenschaft und dasjenige Ziel der Geisteswissenschaft, was die Naturwissenschaft von sich selbst aus vergebens zu erringen suchte. Deshalb tritt die Geisteswissenschaft auf, damit da, wo die Naturwissenschaft allen Boden für ihr Glaubensbekenntnis verliert, wo dasjenige, wofür die kühnen Denker um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kämpften, angenommen wird von der menschlichen Auffassungsweise, dass da die Wahrheit, die höhere Wirklichkeit, diejenige Wirklichkeit [ist], die wahrhaft hinter allem Geistigen in dieser Weise charakteristisch auftritt. Man wird glauben lernen, dass kein erträumtes Atom hinter den Sinnesqualitäten ist, dann wird man auch verstehen, dass hinter der sinnlichen Erscheinung des Menschen, wie er jetzt dasteht, der geistige [Mensch] dasteht, der der eigentliche Ursprung des Menschen ist.
[ 64 ] Das wird der Weg sein, den geistigen Ursprung des Menschen zu verstehen. Man wird finden, dass dasjenige, was unseren materiellen, physischen Augen entgegentritt, das letzte Ende verdichteter Sinnesqualitäten, überhaupt verdichteten Geistes ist. Dann wird auch niemand mehr verlangen können, den Menschen, so wie er heute dasteht, zusammenzusetzen aus allen möglichen Teilen, denn dieselbe Denkungsweise, welche jeden Stoff und jede Stoffzusammensetzung als Atom bezeichnet hat – den vielgegliederten Menschen zusammengesetzt aus dem, was nach und nach in der physischen Entwicklung im Verlauf der Weltentwicklung hervorgetreten ist –, dieselbe Denkungsweise hat den Menschen zusammengesetzt aus dem, was nach und nach in der physischen Entwicklung im Verlaufe der Weltentwicklung hervorgetreten ist: erst die niederen Tiere, dann etwas höher entwickelte Wesen hinzugefügt, bis zuletzt der Mensch entstanden ist. Die Geisteswissenschaft setzt den Menschen als Geistiges an die Spitze des weltlichen Daseins und lässt gerade dasjenige, was die [Tiere] sind, hervorgehen aus der menschlichen Entwicklung, aus der Wesenheit des Menschen. Diese menschliche Entwicklung habe ich nur ganz flüchtig skizzieren können.
[ 65 ] Der Geisteswissenschaftler erlaubt sich niemals, hinter den sinnlichen Tatsachen erträumte Atome zu denken, diese Atome waren für ihn stets etwas Phantastisches. Wenn man leugnet, dass von [Mitschrift bricht ab.]
