Appendix to the Public Lectures
GA 85
16 January 1910, Norrköping
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
10. Über das Geheimnis des Todes als Schlüssel zu dem Rätsel des Lebens
10. On the Mystery of Death as the Key to the Enigma of Life
[ 1 ] Die Bedeutung des Wortes «Tod» ist ohne Zweifel etwas, was der Menschenseele als ein großes Rätsel erscheint, und es sollte a priori vorausgesetzt werden, dass, wer dieses Rätsel des Todes verstehen kann, auch den wahren Sinn des Lebens verstehen kann. Denn wer hat nicht eine persönliche Empfindung davon, wie sowohl in unserer menschlichen Existenz als auch in allen anderen Existenzen um uns herum alles Lebendige beherrscht wird von demjenigen, was wir Tod nennen? Denn nicht nur verschließt der Tod unser menschliches Leben wie eine Pforte, sondern überall in der Natur finden wir den Tod weit verbreitet. So sehen wir, wie die Blumen, die in den Tagen des Frühlings so hoffnungsvoll hervorbrachen, bald verwelken und abfallen, wie sich jeden Herbst die Sommerblätter gelb färben und vom Wind zerstreut werden, wie sich überall der Tod über das Leben ausbreitet.
[ 1 ] The meaning of the word “death” is undoubtedly something that appears to the human soul as a great mystery, and it should be assumed a priori that whoever can understand this mystery of death can also understand the true meaning of life. For who does not have a personal sense of how, both in our human existence and in all other forms of existence around us, everything that lives is governed by that which we call death? For not only does death close off our human life like a gate, but everywhere in nature we find death widespread. Thus we see how the flowers that burst forth so hopefully in the days of spring soon wither and fall; how every autumn the summer leaves turn yellow and are scattered by the wind; how death spreads over life everywhere.
[ 2 ] Wenn wir dann unseren Blick auf die Menschheit richten, finden wir, wie andere Wesen vor uns, Generation um Generation, wie wir, Freude und Leid, Hass und Liebe erfahren haben; und wenn wir auf all das zurückblicken, was diese Generationen erlebt haben, dann breitet sich auch das aus, was wir Tod nennen. Tausende von Generationen haben vor uns gelebt; und wir wissen, dass eine Zeit kommen wird, wo nicht das Geringste von den Meisterwerken, mit denen zum Beispiel ein Raffael, ein Tizian und andere Größen der Menschheit uns jetzt begeistern, übrig bleiben wird; aber andererseits ahnen wir auch, dass eine Zeit kommen wird, in der die Menschheit eine Entwicklung erreicht haben wird, die so hoch über der unseren steht wie unsere Entwicklung über derjenigen der verschwundenen Generationen.
[ 2 ] When we then turn our gaze to humanity, we find that, like other beings before us, generation after generation, just as we have, have experienced joy and sorrow, hatred and love; and when we look back on all that these generations have experienced, what we call death also unfolds. Thousands of generations have lived before us; and we know that a time will come when not the slightest trace will remain of the masterpieces with which, for example, a Raphael, a Titian, and other great figures of humanity now inspire us; but on the other hand, we also sense that a time will come when humanity will have reached a level of development that stands as far above our own as our development stands above that of the generations that have passed.
[ 3 ] Aus dem Erdinneren finden wir Beweise dafür, dass auch die Erde verschiedene Entwicklungsperioden durchgemacht hat: Lebensformen sind ausgestorben und neue entstanden, allesamt Zeugnisse der Herrschaft des Todes über alles dasjenige, was einst, wenn man so sagen darf, auf tausend Arten mit Leben gefüllt war. Ja, ganze Planetensysteme, ganze Sonnensysteme wurden vom Tod hinweggefegt.
[ 3 ] From the Earth’s interior, we find evidence that the Earth, too, has undergone various periods of development: life forms have become extinct and new ones have emerged, all of them testaments to death’s dominion over everything that was once—if one may say so—filled with life in a thousand ways. Yes, entire planetary systems, entire solar systems, have been swept away by death.
[ 4 ] Nun stellt sich für uns die große Frage: Was bedeutet der Tod eigentlich, was verbirgt sich hinter seinem Rätsel? Und wenn wir diese Frage stellen, so scheint es uns, dass, wenn wir Klarheit über die Bedeutung des Todes für unser eigenes Leben erlangen könnten, wir auch in der Lage wären, die Bedeutung des Todes für den Rest der Welt zu verstehen.
[ 4 ] Now the big question for us is: What does death actually mean, and what lies behind its mystery? And when we ask this question, it seems to us that if we could gain clarity about the meaning of death for our own lives, we would also be able to understand the meaning of death for the rest of the world.
[ 5 ] Dass diese Frage von der Seite der sogenannten äußeren Wissenschaft nicht beantwortet werden kann, ist leicht zu verstehen. Denn welche Instrumente sind es, mit denen sich der Mensch das Wissen erwirbt von dem, was um ihn herum in der Welt existiert? Zu diesem Zweck hat er seine Sinnesorgane, seine Augen, seine Ohren und so weiter sowie seinen Verstand, mit dem er die durch die Sinnesorgane empfangenen Eindrücke verarbeitet. Aber das Phänomen, das wir Tod nennen, macht diesen Instrumenten ein Ende; und das Verhängnisvolle daran ist, dass der Tod sowohl die Sinnesorgane als auch den an das Gehirn gebundenen Verstand zerstört. Gäbe es also keine anderen Mittel der Welterkenntnis als diese, so würde der Mensch nie das Geheimnis des Todes entdecken und folglich auch nie das Geheimnis des Lebens verstehen. Nun aber hat der Mensch die Möglichkeit, nicht nur die Außenwelt durch den Verstand zu erkennen, sondern auch in die geistige Welt hineinzublicken, die dem Physischen zugrunde liegt, indem er in sich entwickeln kann, wenn man so sagen darf, geistige Augen und geistige Ohren.
[ 5 ] It is easy to understand why this question cannot be answered by so-called external science. For what are the instruments by which human beings acquire knowledge of what exists in the world around them? To this end, he has his sense organs—his eyes, his ears, and so on—as well as his mind, with which he processes the impressions received through the sense organs. But the phenomenon we call death puts an end to these instruments; and the fateful aspect of this is that death destroys both the sense organs and the intellect, which is bound to the brain. If, therefore, there were no other means of knowing the world besides these, human beings would never discover the mystery of death and, consequently, would never understand the mystery of life either. Now, however, human beings have the ability not only to perceive the external world through the intellect but also to glimpse into the spiritual world that underlies the physical one, by developing within themselves—if one may say so—spiritual eyes and spiritual ears.
[ 6 ] Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, was damit gemeint ist, dann müssen Sie sich mit der geistige Bewegung vertraut machen, die seit etwa 30 Jahren durch die Zeit geht und die «Theosophie» oder die Wissenschaft von den geistigen Dingen genannt wird (Geisteswissenschaft). Diese Wissenschaft befasst sich nicht nur mit der physischen Existenz, sondern erreicht auch eine ganz andere Existenz, die die Grundlage des Physischen ist. Dagegen kann man sich den Einwand vorstellen: Ja, aber davon kann der Mensch nichts wissen. – Aber darauf antworten wir: Niemand kann darüber sprechen, was er nicht wissen kann; man kann nur sagen, was man wissen kann.
[ 6 ] If you want to learn more about what this means, you will need to familiarize yourself with the spiritual movement that has been developing for about 30 years and is called “Theosophy” or the science of spiritual matters (spiritual science). This science deals not only with physical existence but also extends to an entirely different existence that forms the foundation of the physical world. One might object: “Yes, but humans can know nothing about that.”—But to that we reply: No one can speak of what they cannot know; one can only say what one can know.
[ 7 ] Nehmen wir an, in diesem Saal mit all seinen Farben, Formen und Lichtwechseln würde ein Blindgeborener vorgestellt. Für diesen Blinden gäbe es dieses Licht, diese Farben und Formen nicht; alles wäre dunkel für ihn, trotzdem ist das Licht da. Nehmen wir weiter an, dass man versuchte, ihm diese Lichtphänomene zu beschreiben. Ach –, würde er antworten, alles, wovon Sie sprechen, sind bloße Tagträume und Fantasien. So etwas gibt es nicht. – Nehmen wir weiter an, dass wir das Glück hätten, seine Augen erfolgreich zu operieren. Sofort würden für ihn Farben, Formen und Licht existieren; und er würde plötzlich das erleben, was ihn immer umgab, was er aber vorher nicht wahrnehmen konnte. Aber die Tatsache, dass er das Licht nicht wahrnehmen konnte, gab ihm kein Recht, die Existenz des Lichts zu leugnen. Erst nachdem er durch die Operation sehend geworden wäre, hätte er das Recht, ein Urteil über die Frage zu äußern, ob es Licht und Farben gibt.
[ 7 ] Let’s suppose that a person born blind were brought into this room with all its colors, shapes, and shifting lights. For this blind person, this light, these colors, and these shapes would not exist; everything would be dark to him, yet the light is still there. Let’s further suppose that someone tried to describe these light phenomena to him. “Oh,” he would reply, “everything you’re talking about is just daydreams and fantasies. Such things don’t exist.”—Let’s further suppose that we were fortunate enough to successfully operate on his eyes. Immediately, colors, shapes, and light would exist for him; and he would suddenly experience what had always surrounded him but which he had previously been unable to perceive. But the fact that he could not perceive the light did not give him the right to deny the existence of light. Only after he had regained his sight through the operation would he have the right to express an opinion on the question of whether light and colors exist.
[ 8 ] Genauso wie unsere ganze Licht- und Farbenwelt für diesen Blinden nicht existierte, so kann man sich logischerweise vorstellen, dass unzählige Welten im selben Raum wie unsere Welt existieren könnten, ohne dass wir etwas davon wüssten, eben weil uns wie den blinden Menschen die für die Wahrnehmung dieser Welten notwendigen Organe fehlen. Dann stellt sich die Frage: Ist es möglich, Organe in uns zu erwecken, die fähig sind, die geistige Welt wahrzunehmen? Was diese Frage betrifft, das kann nur durch Erfahrung beantwortet werden. Wir fragen daher weiter: Gibt es Menschen, oder hat es jemals Menschen gegeben, die wirklich geistige Phänomene wahrnehmen konnten? – Solche Menschen hat es gegeben und solche Menschen gibt es und diese können auf einer höheren Stufe, der sogenannten Einweihungsoder Initiationssstufe, Erfahrungen mit geistigen Welten machen. So wie wir uns ein Mikroskop machen, um die Zellen zu sehen, aus denen zum Beispiel eine Blume besteht, so können wir unsere Seele zu einem Instrument machen, durch das wir neue Welten um uns herum sehen können, geistige Welten.
[ 8 ] Just as our entire world of light and color did not exist for this blind person, one can logically imagine that countless worlds could exist in the same space as our world without us knowing anything about them—precisely because, like the blind person, we lack the organs necessary to perceive these worlds. This raises the question: Is it possible to awaken faculties within us that are capable of perceiving the spiritual world? As for this question, it can only be answered through experience. We therefore ask further: Are there people—or have there ever been people—who were truly able to perceive spiritual phenomena? – Such people have existed and still exist, and they are able to have experiences with spiritual worlds at a higher level, the so-called level of initiation. Just as we construct a microscope to see the cells that make up a flower, for example, so can we transform our soul into an instrument through which we can see new worlds around us—spiritual worlds.
[ 9 ] Durch die Theosophie oder die Wissenschaft von den geistigen Dingen gewinnen wir Kenntnis von dem, was der Geistesforscher auf diese Weise erlebt und erfährt. Hier kann man einwenden: Was geht es gewöhnliche Menschen an, was in anderen Welten existiert, wenn nur wenige hoch entwickelte Menschen in diese Welten hineinschauen können, während alle anderen dies nicht können? – Darauf erwidern wir: So wenig, wie jeder Mensch wissenschaftliche Forschung etwa in einem chemischen Laboratorium ohne Weiteres betreiben kann, so wenig kann jemand ohne Vorbereitung die Tatsachen der geistigen Welt feststellen, aber er kann die Wahrheit und Vernünftigkeit dessen einsehen, was mitgeteilt wird. Über die geistige Welt können wir alle Bescheid wissen, denn die Seele des Menschen ist auf Wahrheit und nicht auf Lügen aufgebaut.
[ 9 ] Through theosophy—or the science of spiritual matters—we gain insight into what the spiritual researcher experiences and learns in this way. One might object here: What business do ordinary people have with what exists in other worlds, if only a few highly developed individuals can glimpse into these worlds, while everyone else cannot? – To this we reply: Just as not everyone can readily conduct scientific research—say, in a chemistry laboratory—no one can ascertain the facts of the spiritual world without preparation; yet one can recognize the truth and rationality of what is communicated. We can all know about the spiritual world, for the human soul is founded on truth and not on lies.
[ 10 ] Was hat uns die Theosophie nun konkret über den Tod zu sagen? Für die theosophische Forschung ist der Mensch nicht das einfache Wesen, das das äußere physische Auge sehen kann, das die Hand anfassen und das die Vernunftwissenschaft begreifen kann. Neben dem äußeren, sichtbaren Körper unterscheidet die Theosophie auch unsichtbare Leiber beim Menschen. Der Mensch hat also nach der Theosophie erstens einen physischen Leib, womit im Menschen dasjenige gemeint ist, was wir mit unseren gewöhnlichen äußeren Sinnen wahrnehmen und mit unserem gewöhnlichen Verstand verstehen können. Diesen Leib hat der Mensch mit allen ihn umgebenden Wesenheiten der Außenwelt gemeinsam, sowohl mit dem Mineralreich als auch mit dem Pflanzen- und Tierreich. Doch der physische Leib des Menschen, wie auch derjenige der Pflanzen und Tiere, unterscheidet sich wesentlich von den Körpern, die ihn in der mineralischen Welt umgeben. Denn obwohl die gleichen physikalischen Kräfte, die im Mineralreich wirken, auch im physischen Leib der sogenannten Lebewesen zu finden sind, unterliegt dieser doch nicht in gleicher Weise der zersetzenden Wirkung der physikalischen und chemischen Naturgesetze wie das Mineralische.
[ 10 ] What, specifically, does Theosophy have to say about death? From the perspective of Theosophical research, human beings are not merely the simple beings that the external physical eye can see, that the hand can touch, and that rational science can comprehend. In addition to the external, visible body, Theosophy also distinguishes invisible bodies within human beings. According to theosophy, therefore, human beings first and foremost have a physical body—by which is meant that part of the human being which we can perceive with our ordinary external senses and understand with our ordinary intellect. Human beings share this body with all the entities of the external world that surround them, including the mineral, plant, and animal kingdoms. However, the human physical body—as well as those of plants and animals—differs significantly from the bodies that surround it in the mineral world. For although the same physical forces that operate in the mineral kingdom are also found in the physical bodies of so-called living beings, these bodies are not subject to the decomposing effects of the physical and chemical laws of nature in the same way as the mineral world.
[ 11 ] Davon können wir uns sehr leicht überzeugen. Während der ganzen Zeit zwischen Geburt und Tod zeigt der physische Leib niemals sein eigenes Wesen. Erst wenn er durch den Eintritt des Todes zum Leichnam geworden ist, fällt er seinen eigenen Gesetzen anheim. Zu Lebzeiten trägt er einen treuen Krieger in sich, der ihn davor bewahrt, den physikalischen und chemischen Gesetzen zum Opfer zu fallen, denen er im Tod unterworfen ist. Diesen Kämpfer, der den physischen Leib durchdringt und trägt, nennen wir den Äther- oder Lebensleib. Diesen hat der Mensch sowohl mit der Pflanzenwelt als auch mit der Tierwelt gemeinsam, er fehlt aber der mineralischen Welt.
[ 11 ] We can easily see this for ourselves. Throughout the entire period between birth and death, the physical body never reveals its true nature. Only when it has become a corpse through the onset of death does it fall prey to its own laws. During life, it carries within it a faithful warrior who protects it from falling prey to the physical and chemical laws to which it is subject in death. We call this warrior, who permeates and sustains the physical body, the etheric or life body. Human beings share this body with both the plant and animal kingdoms, but it is absent from the mineral kingdom.
[ 12 ] Das bestreitet die Naturwissenschaft unserer Zeit; wer aber die Verhältnisse im Grunde kennt, der weiß wohl, dass das, was die Theosophie darüber lehrt, der wirklichen Naturwissenschaft nicht widerspricht.
[ 12 ] Modern science disputes this; but anyone who truly understands the situation knows full well that what theosophy teaches on this subject does not contradict real science.
[ 13 ] Was den Ätherleib betrifft, so kann der Mensch, auch wenn er keine geistigen Organe in sich entwickelt hat, mit seinem logischen Verstand dennoch dessen Existenz erfassen. Für diejenigen Menschen wiederum, die ihr geistiges Organ entwickelt haben, ist er eine Wirklichkeit, die ebenso real ist wie das, was wir mit unseren physischen Augen erblicken. Wie man auf der Straße an einer Menge Dinge vorbeigeht, ohne darauf zu achten, so kann der geistige Hellseher durch bloße Willenskraft den physischen Leib des Menschen außer Acht lassen und stattdessen nur den Ätherleib, den Architekten und Bauherren des physischen Leibes betrachten.
[ 13 ] As for the etheric body, even if a person has not developed spiritual faculties within themselves, they can still comprehend its existence through their logical mind. For those who have developed their spiritual faculties, however, it is a reality just as real as what we see with our physical eyes. Just as one walks past many things on the street without paying attention to them, so too can the spiritual clairvoyant, through sheer willpower, disregard the human physical body and instead observe only the etheric body, the architect and builder of the physical body.
[ 14 ] Der Mensch besitzt jedoch noch einen dritten Körper, der ihm noch viel näher steht als selbst der physische Körper. Denn was wissen die Menschen überhaupt über ihren physischen Leib, was wissen sie über seinen Blutkreislauf, sein Nervensystem und so weiter? Aber eine Sache gibt es, die für jeden Menschen eine Realität ist, und das ist seine Freude und sein Schmerz, seine Gefühle und seine Ideen, die seine Seele vom Morgen, wenn er aufwacht, bis zum Abend, wenn er einschläft, erfüllen. Dieser sein dritter Leib, der Astralleib, ist auch für den geistig hellsehenden Menschen eine Wirklichkeit. Er ist der Träger unserer Freude und unseres Schmerzes, unserer Triebe, Wünsche und Leidenschaften, dieses ganzen Meeres von Gefühlen und Ideen, die den ganzen Tag in uns auf- und abwogen. Diesen Körper, der in den Pflanzen kein Gegenstück hat, hat der Mensch mit der Tierwelt gemeinsam.
[ 14 ] However, human beings possess a third body that is even closer to them than their physical body. For what do people really know about their physical body—what do they know about its blood circulation, its nervous system, and so on? But there is one thing that is a reality for every human being, and that is their joy and their pain, their feelings and their ideas, which fill their soul from the morning, when they wake up, until the evening, when they fall asleep. This third body of theirs, the astral body, is also a reality for the spiritually clairvoyant person. It is the bearer of our joy and our pain, our instincts, desires, and passions—this entire sea of feelings and ideas that ebb and flow within us all day long. This body, which has no counterpart in the plant kingdom, is something humans share with the animal world.
[ 15 ] Neben diesen drei Körpern hat der Mensch noch einen vierten Körper, den Träger des menschlichen Ich, wodurch er – [der Mensch] – zum Kern der Schöpfung geworden ist und sich von allen anderen Geschöpfen unterscheidet. Innerhalb aller europäischen Sprachen gibt es ein kleines Wort, das sich von allen anderen Wörtern der Sprache unterscheidet. Jedes Objekt kann von anderen mit seinem Namen bezeichnet werden. Zu jedem Tisch kann man «der Tisch» sagen, zu jedem Stuhl kann man «der Stuhl» sagen und so weiter. Aber das Wörtchen, mit dem der Mensch sich selbst bezeichnet, nämlich das Wort Ich, kann kein anderer von ihm sagen, jeder Mensch kann mit diesem Wort nur sich selbst bezeichnen, aber als Bezeichnung für sich selbst gelangt es nie aus fremden Lippen an sein Ohr. Mit dem Wort Ich bezeichnet der Mensch das Innerste seines Wesens, und für jeden Außenstehenden ist dieses Wort daher für einen anderen unaussprechlich. Daher wurde dieses Wort von allen Religionen und allen philosophischen Schulen als Name des Göttlichen in der Seele übernommen. «Jehova » bedeutet in der althebräischen Sprache «der unaussprechliche Name». Es war der Name für das Göttliche im Menschen.
[ 15 ] In addition to these three bodies, human beings have a fourth body, the bearer of the human “I,” through which they—[human beings]—have become the core of creation and are distinguished from all other creatures. In every European language, there is a small word that differs from all other words in the language. Every object can be designated by others using its name. One can say “the table” for every table, “the chair” for every chair, and so on. But the little word with which a human being designates himself—namely, the word “I”—cannot be spoken by anyone else on his behalf; every human being can use this word only to designate himself, yet as a designation for himself, it never reaches his ear from the lips of another. With the word “I,” a person designates the innermost core of their being, and for any outsider, this word is therefore unpronounceable when referring to another. For this reason, this word has been adopted by all religions and all philosophical schools as the name of the divine within the soul. “Jehovah” means “the unpronounceable name” in the ancient Hebrew language. It was the name for the divine within human beings.
[ 16 ] Niemand soll sich darüber ärgern und sagen, dass die Theosophie den Menschen zu Gott macht, weil sie vom Göttlichen im Menschen spricht. Eine solche Schlussfolgerung wäre genauso falsch, wie wenn man sagen würde, der Tropfen sei der Ozean, weil sich ein Teil des Ozeans im Tropfen befindet. Wir sagen nicht, dass der Mensch Gott ist, sondern dass er durch das Ich eins mit der Gottheit ist.
[ 16 ] No one should take offense at this and say that Theosophy makes human beings into God simply because it speaks of the Divine within human beings. Such a conclusion would be just as wrong as saying that a drop is the ocean simply because a part of the ocean is contained within the drop. We do not say that man is God, but that through the “I,” he is one with the Divine.
[ 17 ] Der Mensch besitzt somit vier Leiber oder Teile: den physischen Körper, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich; und nur wenn wir wissen, wie diese vier Körper zueinander in Beziehung stehen, können wir das menschliche Leben verstehen. Es gibt vier Wörter, in denen die größten und wichtigsten Rätsel des Lebens enthalten sind, obwohl uns aufgrund der alltäglichen Fähigkeit, in unserer Aufmerksamkeit nachzulassen, eigentlich nur zwei dieser Wörter rätselhaft erscheinen. Diese vier Wörter sind: Schlafen und Wachen, Tod und Leben. Was bedeutet dieser regelmäßig über 24 Stunden stattfindende Wechsel von Schlaf und Wachheit? Wenn wir abends erschöpft von der Arbeit des Tages zur Ruhe gehen und einschlafen, wissen wir alle, wie all die Freude und der Schmerz, alle Triebe, Ideen und Gefühle, die in der Zeit zwischen Aufwachen und Einschlafen in uns aufsteigen und wieder verschwinden, wie alles dies gleichsam in eine unbestimmte Dunkelheit versinkt und in die Nacht des Unbewussten eingehüllt wird. Was dabei geschieht, kann nur der Hellseher beobachten. Er sieht, dass, wenn der Mensch abends einschläft, nur der physische Körper und der Ätherleib im Ruhelager verbleiben, während sich der Astralleib und das Selbst von ihnen trennen und in die geistige Welt eintreten, wo sie tatsächlich vom Einschlafen bis zum Erwachen bleiben.
[ 17 ] Human beings thus possess four bodies or parts: the physical body, the etheric body, the astral body, and the ego; and only when we know how these four bodies relate to one another can we understand human life. There are four words that contain the greatest and most important mysteries of life, although—due to our everyday tendency to let our attention wander—only two of these words actually seem mysterious to us. These four words are: sleeping and waking, death and life. What does this regular 24-hour cycle of sleep and wakefulness mean? When we retire in the evening, exhausted from the day’s work, and fall asleep, we all know how all the joy and pain, all the impulses, ideas, and feelings that arise within us and then fade away in the time between waking and falling asleep—how all of this, as it were, sinks into an indeterminate darkness and is enveloped in the night of the unconscious. Only the clairvoyant can observe what happens during this process. He sees that when a person falls asleep in the evening, only the physical body and the etheric body remain in bed, while the astral body and the Self separate from them and enter the spiritual world, where they actually remain from the moment of falling asleep until awakening.
[ 18 ] In seinem gegenwärtigen Normalzustand ist sich der Mensch jedoch der geistigen Welt nicht bewusst – und warum? Nun, weil er in diesem Zustand keine Organe dafür hat. Er verfügt in seinem physischen Leib über Sinnesorgane wie Augen, Ohren und so weiter, sein Astralleib verfügt jedoch in seinem gegenwärtigen Zustand über keine solchen Organe und kann daher auch keine bestimmten Empfindungen der geistigen Welt haben. Der okkulte Forscher hingegen, der sich während der Meditation und Konzentration tiefen und wirksamen Vorstellungen widmete, verfügt in seinem früher unbestimmten und strukturlosen Astralleib über ausgebildete geistige Sinnesorgane, durch die er Beobachtungen in der geistigen Welt anstellen kann.
[ 18 ] In his current normal state, however, a human being is not aware of the spiritual world—and why? Well, because in this state they lack the organs for it. In their physical body, they possess sense organs such as eyes, ears, and so on; however, in its present state, their astral body lacks such organs and therefore cannot have any specific perceptions of the spiritual world. The occult researcher, on the other hand, who has devoted himself to deep and effective visualizations during meditation and concentration, possesses developed spiritual sense organs in his previously undefined and unstructured astral body, through which he can make observations in the spiritual world.
[ 19 ] Warum treten dann der Astralleib und das Ich in der Nacht aus dem physischen Leib heraus? Bevor wir diese Frage beantworten, müssen wir uns daran erinnern, dass es tatsächlich der Astralleib ist, der durch seine Kraft diese ganze Welt von Gefühlen, Ideen und Empfindungen heraufbeschwört, die unser Bewusstsein von morgens bis abends erfüllen. Diese unsere astralen Empfindungen, die wir umgangssprachlich unser Gefühlsleben nennen, werden vom Ätherleib reflektiert, der die Eindrücke dann an unser physisches Gehirn weiterleitet. Im Laufe des Tages verbraucht der Astralleib seine Kräfte und würde sie sehr bald erschöpft haben, wenn er nur in dieser physischen Welt geblieben wäre. Unser Leben vom Morgen bis zum Abend ist also das Ergebnis der Arbeit des Astralleibes in der geistigen Welt vom Abend bis zum Morgen. Wir müssen daher immer wieder in unsere eigentliche Heimat, die geistige Welt, gehen, um neue Kräfte für unsere Arbeit auf der physischen Ebene zu sammeln; denn das Physische hat seinen Ursprung im Geistigen und nicht umgekehrt.
[ 19 ] Why, then, do the astral body and the “I” leave the physical body at night? Before we answer this question, we must remember that it is in fact the astral body that, through its power, conjures up this entire world of feelings, ideas, and sensations that fill our consciousness from morning to night. These astral sensations of ours—which we colloquially call our emotional life—are reflected by the etheric body, which then transmits the impressions to our physical brain. Over the course of the day, the astral body expends its energies and would very quickly become exhausted if it remained only in this physical world. Our life from morning to evening is thus the result of the astral body’s work in the spiritual world from evening to morning. We must therefore return again and again to our true home, the spiritual world, to gather new strength for our work on the physical plane; for the physical has its origin in the spiritual, and not the other way around.
[ 20 ] Lassen Sie uns dies anhand eines Beispiels aus der Geschichte der Naturwissenschaften verdeutlichen. Im siebzehnten Jahrhundert wurde allgemein behauptet, dass niedere Tiere aus dem Schlamm in Seen, Flüssen und so weiter entstanden seien. Dann äußerte sich Francesco Redi dahingehend, dass Leben nur aus dem Leben entstehen kann; die übliche Theorie, dass zum Beispiel Regenwürmer aus Schlamm entstehen, beruhe also nur auf unzureichenden Beobachtungen. Francesco Redi entging jedoch nur knapp dem Schicksal von Giordano Bruno, doch was damals als unglaubliche Ketzerei galt, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Es gibt niemanden mehr, der die These vertreten will, dass Leben aus unbelebter Materie entstehen kann. Ebenso hat die Geistesforschung für eine höhere Stufe den Satz aufgestellt, dass das Geistig-Seelische nur aus dem GeistigSeelischen entstehen kann. Dieser Satz wird das gleiche Schicksal erleiden wie derjenige Francesco Redis. Zwar werden heutzutage die Ketzer, die sich der damaligen Meinung widersetzen, nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern mit der Waffe der Ironie verfolgt und lächerlich gemacht. Es wird jedoch nicht mehr lange dauern, bis auch dieser Satz der Geisteswissenschaft zum Gemeingut der Menschheit gehören wird. Denn so, wie sich das physische Leben eines Kindes im Laufe der Jahre entwickelt und sich die Gesichtszüge und die Körperkonstitution immer deutlicher an den Familientyp anpassen und gestalten, so lebt sich auch der Mensch immer mehr und mehr in die besonderen Seeleneigenschaften hinein, die sich in ihm als Veranlagungen aus einem früheren Leben wiederfinden. Und so wenig, wie der lebende Kern des Regenwurms ein Produkt seiner äußeren Umgebung ist, so wenig haben die Seeleneigenschaften des Menschen ihre Grundlage in seiner physischen Abstammung. Denn die Eigenschaften, die der Mensch während seines Erdendaseins erwirbt, gehen ihm mit dem Tod nicht verloren, sondern er nimmt sie mit in die geistige Welt wie Samen, die im folgenden Erdenleben aufgehen werden. Das Geistig-Seelische existiert bei uns als Veranlagung schon seit Jahrhunderten, denn unser eigentliches Leben zieht sich wie eine Kette durch die Jahrhunderte, und der okkulte Forscher kann den geistigen Lebenskern dieses Menschen von Leben zu Leben verfolgen.
[ 20 ] Let’s illustrate this with an example from the history of the natural sciences. In the seventeenth century, it was commonly believed that lower animals arose from the mud in lakes, rivers, and so on. Then Francesco Redi argued that life can only arise from life; the prevailing theory—that earthworms, for example, arise from mud—was therefore based solely on inadequate observations. Francesco Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno, yet what was considered incredible heresy at the time is now taken for granted. No one today would dare to argue that life can arise from inanimate matter. Similarly, spiritual science has established, at a higher level, the principle that the spiritual-soul aspect can arise only from the spiritual-soul aspect. This principle will suffer the same fate as that of Francesco Redi. True, heretics who oppose the prevailing view today are no longer burned at the stake, but are persecuted and ridiculed with the weapon of irony. It will not be long, however, before this principle of spiritual science, too, becomes part of humanity’s common heritage. For just as a child’s physical life develops over the years, and the facial features and physical constitution increasingly adapt to and take on the characteristics of the family type, so too does the human being increasingly embody the specific soul qualities that are found within them as predispositions from a previous life. And just as the living core of the earthworm is not a product of its external environment, so too do the soul qualities of the human being not have their foundation in physical ancestry. For the qualities that a person acquires during their earthly existence are not lost upon death; rather, they are carried into the spiritual world like seeds that will sprout in the next earthly life. The spiritual-soul aspect has existed within us as a predisposition for centuries, for our true life stretches like a chain through the centuries, and the occult researcher can trace the spiritual core of this person’s life from one life to the next.
[ 21 ] Wir werden diesen menschlichen Entwicklungsprozess besser verstehen, wenn wir den letzten Teil des menschlichen Lebens betrachten, die Existenz nach dem Tod. Wenn der Mensch stirbt, vollzieht sich eine große Veränderung. Der Ätherleib, der Astralleib und das Ich treten dann aus dem physischen Leib heraus, der als Leichnam zurückbleibt, nachdem ihn sein treuer Streiter, der Ätherleib, verlassen hat. In diesem Moment hat der Mensch das Gefühl, als würde sich sein ganzes Wesen in den Raum ausdehnen. Dann kommt der große Moment, wenn sich sein ganzes Leben wie ein riesiges Panorama vor seinem inneren Blick entfaltet, mit allem, was er während ihres letzten Erdendaseins erlebt hat. Denn der Ätherleib, der Träger des Gedächtnisses des Menschen, der bisher durch den physischen Leib gebunden und dadurch in seiner freien Funktion gehemmt war, ist durch den Tod aus der Verbindung mit dem Physischen gelöst worden und hat seine charakteristische Beweglichkeit und Geschwindigkeit wiedererlangt. Es ist dieser Umstand, der es ihm ermöglicht, dieses riesige Erinnerungstableau im Moment des Todes aufzurollen. Dieser Moment kann ein paar Stunden oder ein paar Tage dauern, je nachdem, wie lange die Person während ihres irdischen Lebens wach bleiben konnte.
[ 21 ] We will gain a better understanding of this process of human development if we consider the final stage of human life: existence after death. When a person dies, a great transformation takes place. The etheric body, the astral body, and the I then emerge from the physical body, which remains as a corpse after its faithful companion, the etheric body, has left it. At that moment, the person feels as if their entire being were expanding into space. Then comes the great moment when their entire life unfolds before their inner gaze like a vast panorama, encompassing everything they experienced during their last earthly existence. For the etheric body—the bearer of the person’s memory, which until then had been bound by the physical body and thus hindered in its free functioning—has, through death, been released from its connection to the physical and has regained its characteristic mobility and speed. It is this circumstance that enables him to unroll this vast tableau of memories at the moment of death. This moment can last a few hours or a few days, depending on how long the person was able to remain awake during their earthly life.
[ 22 ] Was so im Augenblick des Todes geschieht, ist in der Tat etwas, das wir aus dem gewöhnlichen Leben bereits kennen. Wir alle wissen, wie Menschen, die dem Ertrinken nahe waren oder sich sonst in großer Gefahr befanden, in diesem Moment ihr ganzes Leben Revue passieren sahen. Dies liegt daran, dass der Ätherleib für einen sehr kurzen Moment aus dem physischen Leib heraustrat und, befreit von dessen hemmendem Einfluss, dieses Erinnerungsbild erzeugen konnte. Diese Menschen hatten somit die Möglichkeit, das Leben im Moment des Todes aus eigener Erfahrung zu erleben.
[ 22 ] What happens at the moment of death is, in fact, something we are already familiar with from everyday life. We all know how people who were close to drowning or were otherwise in great danger saw their entire lives flash before their eyes at that moment. This is because the etheric body stepped out of the physical body for a very brief moment and, freed from its restrictive influence, was able to create this mental image. These people thus had the opportunity to experience life at the moment of death from their own perspective.
[ 23 ] Wenn diese erste Phase vorbei ist, kommt eine weitere Phase, in der der Mensch auf die Früchte seines irdischen Lebens zurückblicken und sozusagen eine Essenz oder einen Auszug all seiner Erinnerungen und Erfahrungen aus diesem Leben extrahieren und behalten muss. Danach durchläuft er einen weiteren Todesprozess, indem der Ätherleib wie ein Leichnam abgetrennt wird. Der dritte Moment, der dann eintritt, ist von längerer Dauer; meist reicht etwa ein Drittel der Länge des bisherigen Erdenlebens. Für eine Person, die sechzig Jahre alt war, zum Beispiel würde dieser Zeitraum also etwa zwanzig Jahre dauern. In dieser Zeit muss sich der Mensch von allen Wünschen und Leiden befreien, die ihn noch an die physische Existenz fesseln. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie befinden sich in einer Gegend, in der es kein Wasser gibt. Sie verspüren Durst, haben aber keine Möglichkeit, ihn zu stillen. Ebenso verhält es sich nach dem Tod mit einem Menschen, der sich während seines irdischen Lebens zum Beispiel sehr den sinnlichen Genüssen widmete. Alle Leiden und Wünsche haben bekanntlich ihren Sitz im Astralleib und werden daher nicht durch den physischen Tod vernichtet. Der physische Leib hingegen kennt keine Wünsche, er kennt nur physikalische und chemische Gesetze, aber damit der Astralleib seine Wünsche befriedigen kann, muss er den Organen des physischen Körpers dienen. Wenn nun dieser Leib durch den Tod abgefallen ist, fehlen dem Astralleib alle Mittel zur Befriedigung der Wünsche und er erleidet daher die schwersten Qualen. Dieser Zustand der Reinigung und Läuterung, der in der theosophischen Sprache Kamaloka genannt wird, hält an, bis der Mensch von allem befreit ist, was ihn an die Verlockungen des physischen Lebens bindet. Daraufhin lässt er auch den Astralleib als Leichnam zurück, und wie er zuvor bei der Trennung von diesem einen Auszug aus dem Ätherleib mitgenommen hat, so nimmt er nun auch auf die nächste Stufe einen Auszug aus dem Astralleben mit.
[ 23 ] Once this first phase is over, another phase begins in which the person must look back on the fruits of their earthly life and, so to speak, extract and retain an essence or summary of all their memories and experiences from this life. Afterward, they undergo another process of death in which the etheric body is separated like a corpse. The third phase that then begins is of longer duration; it usually lasts about one-third of the length of the person’s earthly life thus far. For a person who was sixty years old, for example, this period would last about twenty years. During this time, the person must free themselves from all desires and sufferings that still bind them to physical existence. Imagine, for example, that you are in an area where there is no water. You feel thirsty but have no way to quench it. The same is true after death for a person who, for example, devoted themselves heavily to sensual pleasures during their earthly life. As is well known, all sufferings and desires are rooted in the astral body and are therefore not destroyed by physical death. The physical body, on the other hand, has no desires; it is governed only by physical and chemical laws. However, in order for the astral body to satisfy its desires, it must serve the organs of the physical body. When this body is shed through death, the astral body lacks all means of satisfying its desires and therefore suffers the most severe torments. This state of purification and refinement, called Kamaloka in theosophical terminology, continues until the person is freed from everything that binds them to the temptations of physical life. Thereupon, he also leaves the astral body behind as a corpse, and just as he previously took with him an extract from the etheric body upon separating from it, so too does he now take an extract from the astral life with him to the next stage.
[ 24 ] Der jetzt beginnende Zeitraum, der letzte der aufsteigenden Reihe, dauert mehrere Jahrhunderte. Dabei werden die Früchte des letzten Erdenlebens in den geistigen Lebenskern des Menschen integriert und reifen, um, verwandelt zu Anlagen und Begabungen, in seiner nächsten Inkarnation zutage zu treten. Denn so, wie die Seele während des Erdenlebens von den Kräften getragen wird, die ihr aus der geistigen Welt zufließen, so erschafft sie nun aus den gesammelten Ergebnissen ihrer früheren Leben das Urbild der Persönlichkeit, die sie während ihrer nächsten Inkarnation werden wird.
[ 24 ] The period now beginning—the last in the ascending series—lasts several centuries. During this time, the fruits of the last earthly life are integrated into the human being’s spiritual core and mature so that, transformed into aptitudes and talents, they may come to light in his next incarnation. For just as the soul is sustained during its earthly life by the forces flowing to it from the spiritual world, so now, from the accumulated results of its previous lives, it creates the archetype of the personality it will become during its next incarnation.
[ 25 ] Das Leben des geistig entwickelten Menschen im Devachan, wie die Theosophen diese höhere geistige Existenz nennen, ist von einem unbeschreiblichen Glück erfüllt, das nur in geringem Maße mit dem Glück vergleichbar ist, das der Künstler beim Schaffen seines Werkes empfindet.
[ 25 ] The life of the spiritually evolved human being in Devachan—as the Theosophists call this higher spiritual existence—is filled with an indescribable bliss that is comparable only to a small degree to the joy an artist feels when creating a work of art.
[ 26 ] Doch schließlich naht die Zeit, in der der Mensch den inneren Drang verspürt, in einem neuen Erdenleben neue Erfahrungen zu sammeln. Auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen ist, steigt die Seele nun wieder zur Erde hinab: Aus der Astralwelt nimmt sie ihre Astralhülle, aus der Ätherwelt ihren Ätherleib, und wird dann zu einem bestimmten Menschenpaar, einem bestimmten Volk gebracht, zu dem sie sich hingezogen fühlt, weil sie durch sie am besten die physischen Eigenschaften erben kann, die für die Verwirklichung des im Devachan geschaffenen ursprünglichen Bildes in ihr neues Leben erforderlich sind.
[ 26 ] But eventually the time approaches when a person feels the inner urge to gain new experiences in a new earthly life. Following the same path by which it came, the soul now descends once more to Earth: From the astral world, it takes its astral body; from the etheric world, its etheric body; and is then brought to a specific couple, a specific people, to whom it feels drawn because through them it can best inherit the physical characteristics necessary for the realization in its new life of the original image created in Devachan.
[ 27 ] Ein anschauliches Beispiel dafür, wie ererbte körperliche Eigenschaften die Entstehung rein geistiger Vermögen ermöglichen, liefert uns die Musikerfamilie Bach. Im Laufe von 150 Jahren gab es innerhalb der besagten Familie nicht weniger als 20 mehr oder weniger bedeutende Musiker – und warum? Ja, weil bestimmte rein physikalische Eigenschaften, unter anderem eine ganz besondere Struktur des Ohres, notwendige Voraussetzungen für einen Musiker sind. Denn es ist wahr, dass niemand Musiker wird, ohne die dazu notwendigen geistigen Kräfte aus einem früheren Leben mitzubringen. Doch um diese Kräfte zum Ausdruck bringen zu können, bedarf es ererbter körperlicher Eigenschaften, die mit Ersteren im Einklang stehen. Und diese Anlagen sind der Mittelpunkt, um den herum wir die physischen Organe aufbauen, die wir brauchen, um die Früchte unserer vergangenen Leben zu verarbeiten.
[ 27 ] The Bach family of musicians provides us with a vivid example of how inherited physical traits can give rise to purely intellectual abilities. Over the course of 150 years, there were no fewer than 20 musicians of varying degrees of prominence within this family—and why? Because certain purely physical characteristics, including a very specific structure of the ear, are necessary prerequisites for a musician. For it is true that no one becomes a musician without bringing the necessary mental faculties from a previous life. However, in order to express these faculties, one requires inherited physical characteristics that are in harmony with the former. And these predispositions are the center around which we build the physical organs we need to process the fruits of our past lives.
[ 28 ] Jahrhunderte sind nun vergangen, seit wir das letzte Mal in einem physischen Leib inkarniert waren. Nun begegnet uns eine neue Welt, eine neue Welt, die wir uns aneignen müssen; wir machen neue Erfahrungen, neue Beobachtungen, und unser geistiges Ich wächst immer mehr. Aber während unseres Lebens auf der Erde können wir unsere physischen Organe nicht neu erschaffen; folglich wird unser physischer Leib mit der Zeit zu einem unzureichenden Instrument für unseren Geist, und es wird für uns nach und nach zu einer zwingenden Notwendigkeit, diese ganze Kette von Tod, Geistexistenz und Wiedergeburt, wie gerade beschrieben, im und für den Aufbau von neuen physischen Organen für unsere nun weiterentwickelten geistigen Eigenschaften noch einmal zu durchlaufen. Darin liegt der Grund, warum der Mensch unbedingt den Tod will. Aus materialistischer Sicht wird jedoch behauptet, dass mit zunehmendem Alter die seelischen Kräfte eines Menschen im gleichen Maße nachlassen wie die körperlichen Kräfte. Aber das ist nicht der Fall. Wenn der Mensch älter wird, wird er nur in Bezug auf die rein körperlichen Eigenschaften schwach und machtlos. Und dieser Rückgang der körperlichen Kräfte ist notwendig, damit höhere, geistige Vermögen entstehen können. Der Verfall der physischen Kräfte ist keineswegs ein Verfallssymptom, sondern nur ein Beweis dafür, dass der Mensch beginnt, die Hüllen abzustreifen, die der freien Entfaltung seiner im letzten Erdenleben erworbenen geistigen Kräfte im Wege stehen. Wenn wir diese Hüllen nicht ablegen könnten, könnten in uns niemals neue geistige Vermögen entstehen. So wie der Baum alle seine Kräfte für die Frucht sammelt und, wenn die Frucht reif ist, seine Blätter abwirft, so fallen auch unsere Körperhüllen ab, wenn sie nicht mehr als Ausdruck unseres inneren, geistigen Lebens dienen können, und in der kommenden geistigen Existenz haben wir ja keine Verwendung für die rein physikalischen Eigenschaften.
[ 28 ] Centuries have now passed since we were last incarnated in a physical body. Now we encounter a new world, a new world that we must make our own; we have new experiences, make new observations, and our spiritual self grows more and more. But during our life on Earth, we cannot recreate our physical organs; consequently, over time, our physical body becomes an inadequate instrument for our spirit, and it gradually becomes an absolute necessity for us to go through this entire cycle of death, spiritual existence, and rebirth—as just described—once again, in order to build new physical organs suited to our now more highly developed spiritual qualities. This is the reason why human beings so desperately desire death. From a materialistic perspective, however, it is claimed that as a person ages, their spiritual powers decline in the same measure as their physical powers. But this is not the case. As a person grows older, they become weak and powerless only in terms of their purely physical attributes. And this decline in physical powers is necessary so that higher, spiritual faculties can emerge. The decline of physical strength is by no means a sign of decay, but merely proof that a person is beginning to shed the layers that stand in the way of the free unfolding of the spiritual powers acquired in their last earthly life. If we were unable to shed these outer layers, new spiritual faculties could never emerge within us. Just as a tree gathers all its strength for the fruit and, when the fruit is ripe, sheds its leaves, so too do our physical bodies fall away when they can no longer serve as an expression of our inner, spiritual life; and in the coming spiritual existence, we certainly have no use for purely physical attributes.
[ 29 ] Während also in der zweiten Hälfte des Erdenlebens die körperlichen Geschicke verkümmern und schwinden und der Mensch äußerlich immer schwächer wird, wächst in ihm das Unsterbliche, das in einer späteren Inkarnation in einer neuen Persönlichkeit zum Vorschein kommt. Mit der Führung der Theosophie können wir so beginnen, das Wesen des Todes zu verstehen und [wir können] erkennen, dass der Tod lediglich ein Mittel zur höheren Entwicklung des Menschen ist; und wenn es den Tod nicht gäbe, wären wir dieser schönen Hoffnung auf eine immerwährende Entwicklung beraubt. Auf diese Weise wird eine Existenzform zerstört, sodass eine neue und reichere entstehen kann. Der Tod ist nichts Lebensfeindliches, sondern ein lebensnotwendiges und unverzichtbares Gut.
[ 29 ] Thus, while in the second half of earthly life the physical faculties wither and fade, and the human being becomes outwardly weaker and weaker, the immortal part within him grows, which will emerge in a later incarnation as a new personality. With the guidance of Theosophy, we can thus begin to understand the nature of death and [we can] recognize that death is merely a means for the higher development of humankind; and if death did not exist, we would be deprived of this beautiful hope for everlasting development. In this way, one form of existence is destroyed so that a new and richer one may arise. Death is not hostile to life, but rather a vital and indispensable good.
[ 30 ] Aber nicht immer war es den Menschen möglich, den Tod auf diese Weise zu sehen. Als der große Buddha 600 Jahre vor Christus seinen Palast verließ und zum ersten Mal Krankheit und Tod begegnete, sagte er: «Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, Leben ist Leiden.» Es vergehen einige Jahrhunderte, und Christus wirkt auf der Erde, wird gekreuzigt und stirbt. Was sehen wir jetzt, wenn wir zu seinem Kreuz aufblicken? Wir sehen das Kreuz als Symbol des Lebens und als Zeugnis dafür, dass ein Leben im Geiste den Tod überwindet; und während zuvor selbst ein so großer Mann wie Buddha nur das Leiden im Tod sehen konnte, sehen wir darin ein Bild des sich ständig entwickelnden Lebens; und über alle physische Existenz hinaus sehen wir im Geiste das, was sich im Menschen von Leben zu Leben entwickelt. Und ebenso, wie wir im vorherigen Erdenleben den Grundstein für unsere physische Existenz gelegt haben, so legen wir in unserem jetzigen Leben auf der Erde den Grundstein für unseren zukünftigen Weg nach oben.
[ 30 ] But people were not always able to view death in this way. When the Great Buddha left his palace 600 years before Christ and encountered illness and death for the first time, he said: “Illness is suffering, death is suffering, life is suffering.” Several centuries pass, and Christ works on earth, is crucified, and dies. What do we see now when we look up at his cross? We see the cross as a symbol of life and as a testimony that a life lived in the Spirit overcomes death; and whereas previously even a man as great as the Buddha could see only the suffering in death, we see in it an image of life in constant development; and beyond all physical existence, we see in the Spirit that which develops within the human being from one life to the next. And just as we laid the foundation for our physical existence in our previous earthly life, so too do we lay the foundation in our present life on earth for our future path upward.
[ 31 ] Die schönen Worte des Dichters sind daher wahr, wenn er sagt:
[ 31 ] The poet's beautiful words are therefore true when he says:
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen.
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
Just as on the day you were born into this world,
The sun stood in greeting to the planets,
And so you flourished from that moment on, time and again
According to the law by which you came into being.
This is how you must be; you cannot escape yourself.
So said the Sibyls, so said the prophets;
And no time, no power can break apart
A form that has taken shape and develops as it lives.
