Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
17 Oktober 1900, Berlin
44. Gottfried Keller-Abend
[ 1 ] Einen «Gottfried Keller-Abend» hatte am Mittwoch im Architektenhaus Herr Kurt Holm als zweiten modernen Vortragsabend in dieser Saison veranstaltet. Das Programm umfasste einen einleitenden Vortrag, den Dr.
[ 2 ] Rudolf Steiner übernommen hatte, und verschiedene Rezitationen aus den Werken Gottfried Kellers. – Dr. Steiner entwarf eine kurze, doch umfassende Schilderung von Kellers Lebensgang; er betonte besonders den Einfluss Herweghs und Feuerbachs auf den jungen Dichter, den ein glühender Freiheitsdrang nach geistiger und wirtschaftlicher Unabhängigkeit beseelte. Realistischer und freier von jedem phantastischen Beiwerk, als jede andre Biografie, hat uns Keller seine eignen Sturm-und-Drang-Jahre in seinem «Grünen Heinrich» hinterlassen. Was wir an diesem Roman in erster Linie immer wieder bewundern müssen, ist das hohe Ebenmaß von Phantasie und Verstand, die sich stets die Waage halten. Während Goethes «Dichtung und Wahrheit» mitunter das Bild ihres Schöpfers durch phantastische Beigaben bis zur Unkenntlichkeit verändert, steht in Kellers «Grüner Heinrich» das wirklich Erlebte fast mit geschichtlicher Treue im Vordergrund. – Sein nächstes großes Werk, das ihm den Ehrennamen eines Shakespeares der deutschen Novelle einbrachte, sind «Die Leute von Seldwyla». In diesen Novellen zeigt er sich als den Meister jenes echten Humors, der nicht den selbsterfundenen Witz in die Handlung seiner Geschichte hineinlegt, sondern die einzelnen Episoden derartig aufeinander aufbaut, dass ihre eigne Wechselwirkung den Humor ergibt. In dieser Art der humoristischen Erzählung erinnert er lebhaft an seinen Landsmann, den Maler Arnold Böcklin, dessen Bilder in derselben Weise komponiert und auch, soweit sie humoristischen Genres sind, die gleichen Effekte erzielen. Auch seine «Sieben Legenden» sind von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten, während Keller im «Sinngedicht» mit feineren Farben und einer fast gesuchten Technik arbeitet. Sein Hauptwerk aber ist sein letztes: «Martin Salander»; dieses Buch, eine der größten Satiren, die jemals auf eine Zeit und auf politisches Strebertum geschrieben worden sind, atmet aus jeder Zeile den Freiheitsdrang seines Schöpfers und seine Verachtung gegen eine bestimmte Sorte Menschen. – Aus seinen Werken aber spricht uns auch der Mensch Gottfried Keller entgegen: ein ganzer, willensstarker Mann, eine feste, abgeschlossene Natur und einer der größten Geister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 3 ] Die Rezitationen Kurt Holms fanden reichen Beifall; es kamen u. a. zum Vortrag: «Feueridylle» – «Das Tanzlegendchen» – «Spielmannslied» – «Berliner Pfingsten» – «Frau Rösel».
