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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

15 December 1900, Berlin

46. Gedenk-Ansprache für Ludwig Jacobowski

[ 1 ] Jungdeutschland war der literarische Abend gewidmet, der gestern der Verein zur Förderung der Kunst im Bürgersaal des Rathauses veranstaltete. Viel Glut und Kraft, müde gerungene Resignation und verzweifeltes Laufen nach dem Fichtenkranz der Ehre gab sich da kund; unsern Respekt zollen wir allen sechs Dichtern, die zu Gehör kamen, wenn auch nicht allen den Preis! Roland Abramczyk eröffnete mit einer phantastischen Ballade den Reigen, Marie Louise Becker folgte mit zwei sehnsuchtsheißen Liebesliedern, neben denen die symbolistische Dichtung vom grauen Rauchmännlein sich recht unklar ausnahm.

[ 2 ] Die Prosaskizze von Wilhelm Holzamer: «Der Freier» war von prächtiger, ländlich kerniger Plastik; von den lyrischen Proben gefiel uns dagegen nur das saftige Idyll vom Schafhirten. Nach einer Pause trug Hans Siebert vom Berliner Theater mit eindringlicher Wucht Gedichte von Leonhard Wetzlar vor, darunter die lebensprühenden Gassenhauerlieder. Und dann galt der Schluss des Abends, durch Hermann Kröpelins «Grabgesänge» eingeleitet, dem Andenken des unvergesslichen Ludwig Jacobowski. Dr. Rudolf Steiner rief dem Freunde warm empfundene Worte nach, die seine kindliche Einfalt der Anschauung, sein harmonisches Künstlertum und seine Tiefe der philosophischen Betrachtungsweise betonten und diese drei Elemente in des Dichters Seele aus den Werken kurz belegten. Von den Plänen und Entwürfen, mit denen sich Jacobowskis rastloser Geist trug, wurde unter anderen ein umfassend gedachtes kosmisches Gedicht genannt, das den Namen «Die Erde» tragen und in Jahren reifen sollte. Fräulein Hedwig Reicher, vertiefte den Eindruck durch den künstlerischen Vortrag einer Reihe elegisch gestimmter Gedichte aus Jacobowskis reifstem Gedichtband «Leuchtende Tage».

[ 3 ] Herr Adolf Löwe und Fräulein I. Lovinson erwarben sich durch fleißig vorbereiteten und ansprechenden deklamatorischen Vortrag den Dank der Zuhörer. Aber über dem ganzen stimmungsvollen Abend schwebte der Geist Ludwig Jacobowskis, der einem Freunde auf den im Manuskript hinterlassenen Einakter «Glück» die bezeichnenden Worte setzte:

Es war wie Sterben, als ich’s lebte.
Es war mir Tröstung, als ich’s schrieb;
Wer je wie ich in gleicher Bangnis lebte,
Er nehm’ es hin und hab’ es lieb.