Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
1 November 1903, Berlin
58. Hamerling- und Lenau-Abend
[ 1 ] Die Arbeiter-Bildungsschule hatte zum Sonntag einen Hamerling- und Lenau-Abend im Gewerkschaftshause veranstaltet. Oder genauer gesagt, diese beiden Dichter waren als Kern der Veranstaltung gedacht, die außerdem einen mit feinem Geschmack zusammengestellten Kammermusikabend brachte. Herr Dr. Rudolf Steiner veranschaulichte in einem vorzüglichen Vortrag die politischen Zustände, unter denen Lenau und Hamerling in ihrem engeren Vaterlande Öst[er]reich reisten. Während Lenau in der Umklammerung der Zensur sein Freiheitslied «Die Albigenser » schuf, entwarf der später geborene Hamerling Bilder des gesellschaftlichen Verwesungsprozesses und der neuen Entwicklungskeime, die in dieser Fäulnis zur Reife kamen. Das Epos «Ahasver in Rom», das die Sitten-Verderbnis unter den Cäsaren mit Makart’scher Farbenglut schildert, kann wohl als das gelungenste Werk Hamerlings bezeichnet werden. Fräulein Marie Holgers rezitierte Gedichte von Hamerling und Lenau, während Fräulein Martha Schley mit sympathischer Stimme einige von Franz [Liszt] komponierte Lieder Lenaus vortrug. Brahms, Chopin, Winiawsky, Beethoven und Schubert wurden in vorzüglichem Vortrag von den Kammermusikern Altmann, Hänsgen und Neumann zu Gehör gebracht. Der große Saal des Gewerkschaftshauses war überfüllt. Es war eine Freude, zu sehen, wie die Arbeiter und Arbeiterinnen andächtig der doch nicht leicht verständlichen Musik lauschten.
