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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

7 Oktober 1904, Berlin

60. Über Geschichtsauffassung

[ 1 ] Die Arbeiterbildungsschule hielt ihre ordentliche Generalversammlung am 7. d. M. im Gewerkschaftshause ab. Der kurze, vom 1. Vorsitzenden gegebene Vorstandsbericht besagt das Folgende: Im vergangenen Quartal gehörten der Schule 268 Mitglieder (39 Damen und 229 Herren) an. Nach den statistischen Angaben waren organisiert nur politisch 6, nur gewerkschaftlich 73, politisch und gewerkschaftlich 103 Mitglieder. Der Vorstand macht der Generalversammlung den Vorschlag, an den Fortschrittskursen für Redeprüfung und Nationalökonomie bis 30 Mitglieder teilnehmen zu lassen. Die Teilnehmer sollen politisch und gewerkschaftlich organisiert sein und mindestens einen anderen Kursus an der Schule belegt haben. […] In der Diskussion über den Vorstandsbericht wird nach längerer Debatte der Vorschlag des Vorstandes betreffs Fortschrittskurse nur für Nationalökonomie akzeptiert. Für Redeübung soll die alte Norm bestehen bleiben, sodass also wie bisher nur 20 Teilnehmer zugelassen werden. Der Unterricht erstreckt sich auf 20 Tage, das Schulgeld beträgt 2 M. […] Die weitere Diskussion wird durch einen Schlussantrag verhindert, um genügend Zeit für den 2. Punkt der Tagesordnung zu haben. – Dr. Steiner erklärt am Beginn seines Vortrages über «Geschichtsauffassung », mit demselben nun endlich Klarheit zwischen sich und seinen Kritikern in der Schule schaffen zu wollen. Seine Anschauungen seien noch die gleichen als vor 5 Jahren, da man ihn an die Schule holte. Damals schon hätte man seinen Standpunkt gegenüber dem historischen Materialismus gekannt. Wenn man jetzt mit Angriffen gegen ihn komme, so sei das jedenfalls wegen seiner theosophischen Tätigkeit in letzter Zeit. In seinem Vortrage bestritt der Vortragende die Gültigkeit des historischen Materialismus in Bezug auf eine umfassende Weltanschauung. In der sehr umfangreichen Diskussion sprachen sich Geithner und Grunwald sehr scharf gegen Dr. Steiner aus, gleichzeitig die Ansicht vertretend, dass ein Lehrer mit solchen Anschauungen schon von sich selbst aus nicht länger Lehrer in der Schule sein könnte. Alle übrigen Redner erklären, sich zwar gleichfalls nicht mit den Anschauungen des Dr. Steiner befreunden zu können, doch läge kein Anlass vor, die Tätigkeit des Dr. Steiner an der Schule einzustellen. Es habe an der Schule immer eine gewisse Lehrfreiheit geherrscht und die Mitglieder hätten dadurch nicht Schaden gelitten. Zum Schluss wird folgende Resolution Dittmer mit allen gegen 7 Stimmen angenommen:

[ 2 ] «Die Generalversammlung der Arbeiter-Bildungsschule kann sich zwar mit der Auffassung des Herrn Dr. Steiner über den historischen Materialismus nicht einverstanden erklären, gibt aber ihrer Überzeugung dahin Ausdruck, dass er nach wie vor das Vertrauen der Schüler besitzt und in den Kursen der Schule weiter als Lehrer fungieren kann.» […]