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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

8 April 1905, Hanover

70. Schiller und die Gegenwart

[ 1 ] Dr. Rudolf Steiner aus Berlin hielt am Sonnabendabend in der Aula am Georgsplatze, vermutlich im Auftrage der Theosophischen Gesellschaft, einen Vortrag über «Schiller und die Gegenwart». Wir seien geneigt, meinte der Redner, auf frühere Zeiten mit Geringschätzung herabzublicken, aber das Streben nach Wahrheit sei in allen Zeiten das gleiche gewesen, und alle großen Männer alter wie neuer Zeit könnten uns hierbei Führer sein, so auch Schiller. Als den Mittelpunkt von Schillers Streben bezeichnete Redner den Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen sinnlicher und geistiger Welt. Trotz seiner Vertiefung in kantische Philosophie konnte er die Lösung des Rätsels nicht finden, bis er sie selbstständig in der Schönheit fand, indem der Schein des Geistigen im Sinnlichen enthalten sein müsse, damit es schön erscheine. Seine Selbsterziehung beruhe auf einer höheren Entwicklung des Menschen durch Erhebung aus der Sinnlichkeit in die Geistigkeit. In diesem Glauben an ein Höhersteigen des Menschen bestehe Schillers Idealismus. «Nur durch das Morgenrot des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land.» Theosophie nannte Schiller seine Weltanschauung, und diese müsse ausgedehnt werden auf alle Gebiete menschlicher Erkenntnis. Obwohl mit dem Jahre 1859 durch Entdeckung der Spektralanalyse, durch Darwins Lehre von der Entstehung der Arten, durch Gustav Theodor Fechners philosophisch-naturwissenschaftliche Schriften und durch Karl Marx’ politisch-ökonomische Lehren ein gewaltiger Umschwung in der wissenschaftlichen Forschung begründet worden sei und es uns schwer werde, Schiller heute noch mit derselben Begeisterung zu feiern, wie es damals an seinem hundertsten Geburtstage geschehen, so habe Schillers Idealismus doch auch heute noch seinen Wert behalten. Besonders zu empfehlen sei ein liebevolles Studium seiner philosophischen Briefe, die ein Gemeingut aller Gebildeten sein sollten. Schiller stehe am Beginne unserer modernen Entwicklung und könne uns daher der beste Führer sein zum Verständnis der Gegenwart. Die Feier seines Todestages solle nicht nur eine solche draußen in der Welt, sondern auch eine innere Feier in unserem Herzen sein. In der an den beifällig aufgenommenen Vortrag sich anschließenden Besprechung wurde Schillers Verhältnis zu Kant, zu Goethe, zur Freimaurerei und Ähnliches behandelt.