Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
15 September 1905, Freiburg
74. Die Weisheitslehren des Christentums
[ 1 ] Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen gebeten:
[ 2 ] Ein auserlesenes Publikum hatte sich, trotz des unwirtlichen Wetters, letzten Freitag, den 15. September, abends 8 Uhr, in den Harmonie-Sälen in Freiburg zusammengefunden. Dr. Rudolf Steiner, Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft (Deutsche Sektion), sprach über «Die Weisheitslehren des Christentums». In fast zweistündiger, freier, glänzender Rede führte derselbe vom religionsgeschichtlichen und religionsphilosophischen Standpunkte sein Thema aus und führte an der Hand dieser Methode den Nachweis, einerseits, dass die theosophischen Strömungen im Christentum ihre Grundlage in Jesu Person suchten und fanden, anderseits, dass die Theosophie erst befähigte, den innersten, tiefsten, geistigen Wahrheitskern christlicher Lehre zu erkennen und zu erfassen. Ausführlich wurden die Parallelen zwischen den altgriechischen Mysterienschulen und dem «Leben» Jesu gezogen. Am liebevollsten und herzansprechendsten aber verweilte Redner bei den Mystikern des Mittelalters, den Theosophen «Eckart» und «Tauler» u. a. m., die gegenüber dem Aberglauben und der gläubigen Verständnislosigkeit ihrer Zeit so einzig und tiefinnerlich das geistige Erkennen christlicher Lehre besaßen und verbreiteten. Die gleiche Aufgabe fällt auch in der Gegenwart der Theosophie zu. Die Wahrheit ist ewig, aber die Form der Aneignung derselben wechselt. Jedes Geschlecht bedarf seiner eigenen Art, seine innersten Anschauungen zu bekennen. Das heutige Geschlecht bedarf und verlangt ewige Wahrheit in neuer Form. Ein tiefer Zwiespalt geht durch das Menschengeschlecht. Es klafft ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen alt-traditioneller und alt-erstarrter Lehrweise der christlichen Kirchen und zwischen den neuen Anschauungen, neuen Errungenschaften, neuen Lebensgestaltungen des modernen Menschen. Wie reichlich hat da der Materialismus Anhänger und bedauernswerte Opfer gefunden! Durch die Theosophie wird ein neues Erkennen der Dinge, ein inneres Verstehen alles körperlichen und geistigen Lebens vermittelt, wie es weder die erstarrte Orthodoxie noch geistleugnender Unglaube vermögen: ein Zurückgehen auf den Grund der Dinge, ein Hineinleben und ein Hineinversenken in das Geistige, Ewige und Göttliche. Damit weist die Theosophie auch das rechte Verständnis der Weisheitslehren des Christentums auf. – Nur andeutungsweise konnte in diesen wenigen Worten auf die geistreichen, klaren, überzeugungsvollen Ausführungen des Redners hingewiesen werden. Um recht zu verstehen, muss man ihn selber reden hören. Nun, in wenigen Wochen dürfen wir den tiefgegründeten Meister innerhalb unserer Stadt begrüßen. Dr. Rudolf Steiner wird bald auch in Colmar öffentlich sprechen. Und sein Erfolg wird gewiss nicht geringer sein als in Freiburg. –
