Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
15 January 1906, Stuttgart
78. Die Weisheitslehren des Christentums. Die Ideale der Menschheit und die Ideale der Eingeweihten
[ 1 ] Auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) hielt Dr. Rudolf Steiner am 15. Jan. einen Vortrag über «Die Weisheitslehren des Christentums». Der Kern aller Religionen zeigt die Entwicklung der Menschheit aus einem göttlichen Keim, der Herabstieg ins materielle Dasein, um sich zum Gottmenschen zu entfalten. Als der Mensch auf der Erde erschien, war seine erste Arbeit, sich im Kampf ums Dasein seiner Organe bedienen zu lernen. In der 2. Epoche fügte er den vorhandenen Naturreichen aus sich selbst heraus ein eigenes Reich hinzu, das durch den Begriff des Gesetzes charakterisiert ist. Zwischen der 2. und 3. Epoche nun lebt der christliche Gedanke auf: Das, was früher nur von dem Mysterienschüler im inneren Schauen erfahren werden konnte, wird jetzt hinausgestellt als ein dem Glauben, erreichbares Ideal, das innere Erlebnis des Mysten wird ein historisches Geschehnis. Damit tritt die Aufgabe der 3. Epoche, in der wir uns heute noch befinden, an die Menschheit heran, die Eroberung der äußeren Natur, die zu der Umspinnung des ganzen Erdballs mit den Arbeiten der menschlichen Kultur führt. Und daran schließt sich alsdann die 4. Epoche mit ihrer erhabenen Mission: das, was der Mensch physisch geschaffen, nun mit einer Seele zu erfüllen; durch eine Verinnerlichung des Christentums, zu der schon die christlichen Mystiker des Mittelalters den Weg gewiesen, soll eine Verbrüderung der Seelen entstehen, die einst die Welt umfasst, wie es heute die Kultur tut. Die Weisheitslehren des Christentums beleuchtete der Redner, indem er den tiefen Sinn der christlichen Dogmen darlegte und auf ihre Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit hinwies. – Am 16. Jan[uar] sprach Dr. Steiner über «Die Ideale der Menschheit und die Ideale der Eingeweihten ». Das Wesen des Idealismus wird selten richtig erkannt. Der Idealist handelt, weil er es als notwendig erkennt, nicht aber mit Rücksicht auf den Erfolg. Daher wird er oft für unpraktisch und weltfremd gehalten. In Wahrheit aber sind es nicht die sog[enannten] Praktiker gewesen, die den Fortschritt der Menschheit begründet haben, sondern eben diese Idealisten. Und das rührt davon her, dass der Idealismus nicht nur in dem Erkennen von Idealen besteht, sondern dass er vor allem eine Seelenstimmung ist, aus welcher heraus dem Menschen eine mächtige Kraft zum Handeln entströmt. Die Ideale der Menschheit stammen von den Führern auf geistigem Gebiet, den Künstlern, Wissenschaftlern etc. Die Führer selbst entnehmen ihre Ideale, bewusst oder unbewusst, den Impulsen der großen Menschheitsführer, die wir die großen Eingeweihten nennen. Sie sind Wesenheiten, die den Gotteskeim, den die Menschheit im Lauf der Zeiten entfalten soll, schon jetzt zur Reife gebracht haben. In jedem Menschen ruht ein Geheimnis verborgen, aber erst auf der Stufe der großen Eingeweihten wird er sich dessen bewusst. Dieses Geheimnis nun, auch das innere Wort genannt, das jeder nur in sich selbst erleben kann, wird von den großen Eingeweihten als treibende Kraft in die Welt hineinverpflanzt. Das ist der Impuls, der den Genien der Menschheit ihre Ideale liefert und so die Entwicklung des Menschengeschlechts leitet.
