Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
10 April 1906, Hanover
81. Die Ideale der Menschheit und ihre Eingeweihten
[ 1 ] Dr. Rudolf Steiner aus Berlin hielt am Dienstagabend in der Aula einen längeren theosophischen Vortrag über «Die Ideale der Menschheit und ihre Eingeweihten». Es gäbe, so führte Redner aus, keine fruchtbareren Empfindungen, als die der Verehrung (Devotion); sie seien die erste Stufe zum Idealen. Die ersten Ideale seien prophetische gewesen (Messias-Gedanke); dann seien im Mittelalter das Christus- und Maria-Ideal gefolgt, darauf die freien, gleichen und brüderlichen Ideale der Französischen Revolution. Wie der Blindgeborene, dem die Sehkraft gegeben werde, ein völlig neues Weltbild erblickt, so könne auch auf geistigem Gebiete eine Weckung des sechsten Sinnes, wie Fichte es treffend bezeichnet habe, geschehen, und zwar bei jedem. Als Eingeweihte bezeichnete Redner jene großen Idealisten Buddha, Zoroaster, Pythagoras, Plato, Moses, Christus. Wenn man zu dem Leben der großen Eingeweihten aufstiege, finde man erst die letzte Quelle dieser Ideale. Redner verbreitete sich dann eingehend über «Wiederholtes Erdenleben» und das Gesetz der ausgleichenden Gerechtigkeit, die alle Widersprüche im Leben auflösten. Alle Geistesentwicklung spiele sich nach Goethe in Nehmen und Geben ab, und auf diesem Grunde erbaue sich auch die theosophische Bewegung, die seit 30 Jahren besonders tätig ist und einst Gemeingut der Menschheit werden solle, um das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen zu wecken. Es solle ein Band von Seele zu Seele geschlungen werden, um diese geistige Forschung allgemein und allgemeiner zu machen und der materialistischen Richtung der Gegenwart entgegenzuwirken. Allgemeine Seelenmoral sei die Aufgabe der theosophischen Weltanschauung. Nicht Dogma, nicht Sektenbildung beabsichtige die Theosophie, sondern eine Geistesforschung, deren Ziel es sei, dass die Liebe siege über den Egoismus der eigenen Meinung.
