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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

1 März 1908, Bremen

86. Die Naturwissenschaft am Scheidewege

[ 1 ] Die Naturwissenschaft am Scheidewege. Über dieses Thema hielt am Sonntagabend Herr Dr. Rudolph Steiner, Berlin, im Konventsaale des Künstler-Vereins einen hochinteressanten Vortrag, der in etwa folgenden Ausführungen gipfelte. Vor etwa 100 Jahren tat Schiller den Ausspruch: «Naturwissenschaft und Philosophie müssten noch für lange Zeit getrennte Wege gehen», und diese Prophezeiung hat sich bis heute bewahrheitet. Die Philosophie trieb auf den einsamen Wolkenhöhen des rein Abstrakten und verschmähte es, zu den Dingen der Wirklichkeit herabzusteigen, die Naturwissenschaft aber lehnte es ab, der Philosophie entgegenzukommen, je mehr sie sich darin gefiel, alles, was wir seelische Vorgänge nennen, auf kinetischem Wege zu erklären und den Menschen wie alle anderen Dinge der physischen Welt aus der niedersten Daseinsform hervorgehen zu lassen. Diese sich so stolz gebärdende Erklärungsform der Weltenrätsel auf rein materialistische Weise erfuhr die erste kräftige Erschütterung durch den berühmten Physiologen du Bois-Reymond. Mit vollem Rechte machte derselbe geltend, dass wir, wenn wir auch in der Lage wären, in einem Riesengehirn jede Bewegungsform der Gehirnmoleküle, welche durch äußere Eindrücke veranlasst werden, zu beobachten, wir damit noch keineswegs irgendeinen seelischen Vorgang erklärt hätten. Den schlafenden Menschen könne man auf diese Weise erklären, zu dem bewussten Seelenleben sei damit noch keine Brücke geschlagen. In noch entschiedenerer Weise trat der Chemiker Ostwald gegen die Atomtheorie als höchste Erkenntnisform auf, indem er darauf hinwies, dass mit der Feststellung der Atombewegung man noch nicht die verursachende Energie erklärt habe. So hat die Naturwissenschaft selbst sich der Geisteswissenschaft überliefert. Gewiss verdienen die naturwissenschaftlichen Forschungen des verflossenen Jahrhunderts die größte Bewunderung, so lange sie sich nicht anmaßten, über die Grenzen des Physischen hinaus materielle Erkenntnistheorien aufzustellen. Den physischen Körper kann sie ergründen, damit ist aber noch nicht der Mensch erklärt. Hier setzt die Geisteswissenschaft, auch Theosophie genannt, ein. Sie will den Menschen dahin führen, dass er befähigt wird, das Geistige so erleben und erforschen zu können wie das Reale. Sie lehrt, dass alle Dinge der physischen Welt Erscheinungsformen des Geistes sind, wie Eis eine Erscheinungsform des Wassers ist. Jeder Mensch, der den ernsten Willen hat, die Organe für das Eindringen in diese uns in der physischen Welt umgebende Geisteswelt zu schärfen, ist dazu imstande. So steht die Naturwissenschaft gerade jetzt, besonders nach [der Entdeckung] des epochemachenden und weite Ausblicke gebenden Radiums tatsächlich an einem Scheidewege. Es wird ihr nichts übrig bleiben, als den Weg zu betreten, den die Theosophie weist, und je eher [sie] dies tut, umso eher wird sie einen Weg einschlagen, der der ganzen Menschheit zum Heile gereicht.