Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
7 April 1908, Kopenhagen
88. Theosophie, Religion und Wissenschaft
[ 1 ] Im Konzertpalais sprach vorigen Dienstag der deutsche Theosoph Dr. Rudolf Steiner, ein jüngerer ekstatischer, dunkler Herr über diese starke und wachsende geistige Bewegung.
[ 2 ] Die Zeit ist zersplittert. Die Wissenschaft zieht nach ihrer Seite, die Religion nach der ihren. Die Folge ist eine Spaltung der Seele der Gegenwart. Die meisten modernen Menschen sind entweder stumpf, ohne tieferes Interesse oder unsicher und voller Angst.
[ 3 ] Die Wissenschaft hat eine ungeheure und bedeutungsvolle Arbeit geleistet, aber sie verschließt allzu oft die Augen vor dem, was nicht physisch konstatierbar und messbar ist. Demgegenüber stellen wir unsere Gewissheit, die geistigen Erlebnisse der Eingeweihten. Das ist noch einmal die Fabel vom Blindgeborenen, welcher das Licht und die Farben und den Glanz bestreitet, weil er es nicht selbst gesehen hat. Aber der Arzt operiert ihn und siehe – das Licht und die Farben und der Glanz strömen ihm entgegen.
[ 4 ] Die Wissenschaft hat genial Sonnensysteme und die ungeheure Welt entdeckt, ja, die Kant-Laplace’sche Theorie zeigt uns die Entstehung der Welt. Aber wenn sie den Öltropfen in das Glas tut, und wenn die Nadel ihm herumschwirrt und so das Entstehen der Welten und ihr Kreisen umeinander zeigt, dann vergisst sie die Hand, welche die Nadel herumschwirrt. Mit einem Paradox könnte man sagen, dass die Wissenschaft, der Geist alles konstatiert, untersucht, sich dessen erinnert – und nur sich selbst vergisst.
[ 5 ] Die Wissenschaft untersucht die Form, das Seiende, wie das Kind, das ein Eisstück in die Hand bekommt, glauben wird, dass dies die feste und endgültige Form sei. Das Eis aber schmilzt. Und die Welt ist auch noch Geist – der Geist, welcher die leiblichen Dinge bewegt, wie das Schamgefühl das Blut in die Haut treibt, und wie die Angst, welche das Blut gegen das Herz jagt. Feuerbach glaubte zu wissen, dass nicht Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf, sondern der Mensch Gott nach seinem Bilde. Und so kann man auch sagen.
[ 6 ] Wer aber erweckte das Gottesgefühl, welches die Götter schuf? Ja, die Wissenschaft sagt, ja, dass das Auge die Sonnenstrahlen schafft. Auch dies kann man sagen, denn für das nicht sehende Auge existiert die Sonne nicht. Hat aber auch nicht Goethe recht, wenn er sagt, dass die Sonne das Auge schafft – um gesehen zu werden! Eine nicht sehr zahlreiche Versammlung hörte den Vortrag, welcher ausgezeichnet, kräftig und bildreich gehalten wurde, nicht gerade hinreißend war, wohl aber gedankenschwer.
