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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

16 Dezember 1912, Bern

14. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung

[ 1 ] Die Wissenschaft vom Geiste hat ihrer Natur nach mit bedeutsamsten Rätseln des Lebens zu tun, nicht bloß mit denen der einzelnen Wissenschaften, sondern [mit] Rätseln, die uns auf Schritt und Tritt im Leben begegnen, die nicht nur unseren Forschungssinn befriedigen, sondern die mit Kraft, Sicherheit, Hoffnung unseres Gemüts zu tun haben.

[ 2 ] [Der eine] Mensch [ist] bei [seiner] Geburt – [das ist eine] Tatsache – schon in der Wiege zu[m] Unglück verurteilt, [ist] mit wenig Fähigkeiten ausgestattet, [so]dass er sich selber in vieler Beziehung das Leben erschwert. Dann sieht man [den] anderen, dem sorgende Hände alles erleichtern, der [so] ein nützliches Glied im Leben sein wird.

[ 3 ] Warum ist es so? [Wir] trauen uns nicht immer, aufzuwerfen dieses «Warum», das in den Tiefen unserer Seele liegt. Da, wo wir mit Sicherheit im Leben zu handeln [haben], da taucht diese Frage [aber] doch auf.

[ 4 ] Und dann die andere Frage: Wie steht es mit unserem Denken, Fühlen, Wollen, wenn [wir] durch die Pforte des Todes gehen? Gibt es nichts, das uns Sicherheit böte? Vielleicht sagt der, der mit Liebe, Hilfewunsch das Schicksal des Menschen überblickt, dass er gerne alles gäbe, was er im Leben geleistet [hat], [da]für, [um] Klarheit über den Tod [zu erlangen].

[ 5 ] Aber es gibt etwas in unseren Seelentiefen und Dunkel[heiten], das uns etwas darüber erahnen lässt – wie lawinenmäßig zuweilen. Mit einer gewissen Sicherheit fühlen [wir], dass [dasjenige], was wir uns erobert [haben] an Intimstem im Leben, nicht verloren gehen kann. Unabhängig von unseren persönlichen Wünschen kann sich diese Frage beantworten lassen, denn unsicher würde man an der ganzen Ökonomie des Lebens, sollte alles Eroberte mit dem Tod verschwinden. Daher [gibt es] keine wichtigeren Fragen also als diese beiden: Die Fragen nach dem individuellen Schicksal und [nach der] Unsterblichkeit; [das sind] die zwei Pole der Geisteswissenschaft.

[ 6 ] Ein jeder fühlt: Er muss das Gebiet des Übersinnlichen überschreiten, will er sich Aufklärung holen über diese Fragen. [Es gibt aber] kein gefährlicheres Gebiet, wenn an ungenaue Quellen [heran]getreten wird. Daher [ist es auf diesem] Gebiet wichtig, Wahrheiten und Irrtümer [zu unterscheiden]. Wie Wahrheiten und Irrtümer wirken können auf das Publikum, [gilt es] zu beobachten. Antwort [erlangt man] durch Hinblick[en] auf die Quellen. Wo liegen sie? [Wie kommt man ins Gebiet des Übersinnlichen?]

[ 7 ] Die Seele selbst muss Instrument werden. [Man erreicht deren] Umgestaltung durch eine besondere Art von Selbsterziehung, nicht durch äußere Maßnahmen. Mancherlei [ist dazu] notwendig: zunächst die Betrachtung von Wachen und Schlaf[en], das Fühlen, wie die Herrschaft über Sinne schwindet, [wie] an die Stelle der Verbindung mit der Außenwelt die Bewusstlosigkeit des Schlafes tritt. Also, die Seele kann sich des Leibes, ihres Instruments nicht mehr bedienen. Alle Gefühle et cetera schwinden nicht, sie sind da, doch die Seele weiß nicht von ihnen.

[ 8 ] Die Seele braucht den Leib, wenn [sie] von ihren eigenen Zuständen wissen will, wenn das Bewusstsein sich entwickeln soll. Die Seele ist eben zu schwach; sie kann ihre eigenen Kräfte nicht ins Bewusstsein heraufrufen.

[ 9 ] Nehmen [wir einmal] dies als Hypothese an: Nehmen [wir] an, es gäbe Mittel, diese Bewusstlosigkeit bei der Seele [zu] verhindern. Was die Seele unternehmen muss, will sie Hellseherkräfte entwickeln, das gibt ihr die Möglichkeit, die Bewusstlosigkeit zu verhindern.

[ 10 ] [Dieses] Mittel ist die Meditation. [Man kann den] Willen aufbringen, alles Fühlen, [alle] Eindrücke der Sinne empfangen. [Lücke?]

[ 11 ] [Man kann zum Beispiel eine] Vorstellung paradoxer Art [nehmen]: Zwei Gläser, eines leer und eines halb voll [mit] Wasser. [Es ist] keine äußerliche Abbildung. Sich dieser Vorstellung hingeben, [sie] in der Seele lebendig werden lassen. [Es] muss eine sinnbildliche Vorstellung sein, wenn [sie auch] erinnert an eine moralische Tatsache, [an] die Eigentümlichkeit der Liebe: Ihr Wesen [ist] unergründlich. Taten echter Liebe [bewirken]: [Die Liebe, beziehungsweise das sinnbildlich vorgestellte Glas], wird nicht leerer, ja voller, reicher, und die Seele wird dadurch angestrengt, wird zu[m] Instrument der Geistesrichtung.

[ 12 ] [Der] Zustand des Schlafs [hat] Ähnlich[keit] doch mit bildlichen Vorstellungen, die aus den Untergründen der Seele aufsteigen. In abnormen Zuständen kann die Seele diese Bilder erleben und Seligkeit empfinden. Der wahre Wahrheitsforscher wird diese Seligkeit von sich stoßen. Man weiß, wie schwer [es ist], [wenn] man [versucht], einem Menschen, der dem Wahn hingegeben [ist], ihm seine Visionen, Halluzinationen auszureden. Die Seele muss so stark werden, dass eine zweite Welt an sie herantritt, und sich sagen können: Du darfst das alles als nichts anderes als [für ein] Spiegelbild deiner Eigenschaften halten. [Wir müssen den] Entschluss fassen: [Wir] haben nichts anderes vor uns als Selbsterkenntnis.

[ 13 ] Der nächste Schritt [ist], [dass man] diese ganze Welt wie auslöschen kann, was eine kranke Seele nicht kann, denn sie wird von ihr verfolgt. Der Geistesforscher gebietet diesen Kräften, die er selber hervorgerufen.

[ 14 ] Geschieht dann etwas: Vergessen ist, was wir an Vorstellungen je gehabt [haben]. So muss der Geistesforscher untertauchen die Vorstellungen in die Untergründe der Seele; wie vergessen ist dann alles. Die Umwandlung der Seele ist eigentlich eine Umwandlung der Willenskräfte in der Seele. Alsdann erst zeigen sich die Bilder, die man von sich gestoßen [hat], als eine reale geistige Welt, wenn die Seele [sich] ganz ruhig, wie leer sich gemacht [hat], eine mannigfaltige Bilderwelt. Wir versuchen dann zu erkennen, was wir darin als uns selber erkennen, [und] drücken sie zurück. Die anderen sind ja auch wir, aber wir wissen es nicht. Nun haben sich die Bilder verwandelt, wenn [sie] wieder auftauchen. Dann heißt es: Das bist ja du, aber doch verschieden, denn wir merken, dass diese Kräfte mit uns zu tun [haben], [dass sie] aus unseren früheren Leben [kommen].

[ 15 ] So taucht auf das sichere Bewusstsein, dass unser Schicksal ist das Ergebnis von früheren Erdenleben. [Wir müssen] Nachteile, [Benachteiligungen] fühlen und uns zu höheren Stufen des Daseins erheben.

[ 16 ] [Zur] Widerlegung [könnte man sagen]: [Das] kann [doch auch] bloße Suggestion sein; [man muss] Vorstellung von Wirklichkeit unterscheiden. Tatsachen müssen am Leben rektifiziert werden. – [Beispiele. Ein Stück] Eisen, heiß: [ein vorgestelltes Eisen brennt nicht]; Limonade: [eine] eingebildete löscht keinen Durst.

[ 17 ] [Die] Ergebnisse der Geistesforschung [sind] bedeutsam für jeden. Ein jeder braucht nicht Geistesforscher werden, wie nicht jeder Chemiker wird. Die Wahrheit eines Bildes wird ein Beschauer empfinden, [auch] ohne Maler zu sein. Verstehen kann man durch die Ideen und Begriffe, in die der Geistesforscher diese Wahrheiten kleidet. [Diese sind] zugänglich allen, die guten Willens sind. Unbefangenheit, gesunder Menschenverstand [ist] bloß notwendig, [ein] Element, das notwendig wird in unserer Kultur. [Es] gibt Sicherheit, innere Ruhe in Schicksalsschlägen.

[ 18 ] Durch Schauen gewinnt der Geistesforscher nichts, nur wenn er es den anderen [Menschen] durch Begriffe mitteilt. Mag [er] in noch so hohe Geistesgebiete steigen, [er] hat nichts davon für [seine] innere Seelenruhe, bloß wenn er es den anderen geben kann. Nur so ist der Geistesforscher ein vortrefflicher Mensch, ein innerlich glücklicher, wenn [er] das Geschaute in klare Begriffe gießt. Gesunde Logik, gerade moralisch wahre, echte Begriffe muss der Mensch hineintragen in übersinnliche Welten. [Er] kann sonst Irrtümern aller Art verfallen. [Er] muss sich hier in der physischen Welt das alles aneignen, im ganz gewöhnlichen Leben. Wenn [die Lage] schlimm [ist], wollen viele Geistesforscher werden. Worauf es ankommt, ist, dass ein paar Menschen in der Welt zu Sehern werden, die moralische Kräfte entwickelt haben. Je nachdem, was wahr oder unwahr [ist], wird man entsprechende Kräfte entwickeln. Großer Mangel [herrscht] im Verbreiten in der Geisteswissenschaft. [Es gibt eine] Neigung vieler Menschen, den Menschen für etwas Besonderes zu nehmen, weil er ein Geistesforscher ist. [Wir] leiden in unserer Zeit daran, dass der Mensch zu leicht, nicht unbefangen, mit ungenügender Urteilskraft, halbem Wissen [zufrieden ist]; vor denen hat sich Geistesforscher zu fürchten. Denn wer sich nicht Wahrheitssinn, nicht gesunde Urteilskraft angeeignet [hat] in der physischen Welt, wird schauen und Unwahrheiten berichten.

[ 19 ] Der Mensch [ist] kein wertvollerer Mensch als ein anderer [dadurch], dass er in die übersinnliche Welt schauen [kann], sondern [dadurch], dass er vorher moralisch gesunden Sinn und intellektuelle Kräfte entwickelt [hat]. Wenn die Menschen sich dieses Schwärmen für solche, die für Geistesforscher gelten, [versagen], [wenn sie es] werden sein lassen, wird viel Irrtum diesbezüglich aus der Welt geräumt werden. [Es gibt] nichts Schlimmeres als Autoritätswahn. Daher haben sich immer eingeschlichen Scharlatanerie, Humbug [hin]ein in die Gebiete, wo sich wahre Geistesforschung zeigt, durch Autoritätswahn hervorgerufen.

[ 20 ] Eine scharfe Grenze lässt sich ziehen zwischen Wahrheit [und Irrtum]. Alle Menschen, außer [denen, die] in Zukunft schwarze Magier [sein werden], werden den Christusimpuls empfangen. Das Erkennen des ChristusZur impulses [ist eine] geisteswissenschaftliche Tatsache; [es] hat nicht mit einem Religionsbekenntnis zu tun.

[ 21 ] Im Astralleib und Ich des Menschen ist das Geistige die Sonnenstrahlen. Im magischen Wirken [ist es] so, dass der Mensch zu einer Art Selbstleuchten, Selbst[strahlen] [kommt]. Der[jenige], [der] in der Jugend gelernt [hat], zu beten, [wird] ein ausstrahlender Mensch im Alter, [er hatte die] Macht zum Segnen in älteren Zeiten.

Fragenbeantwortung]

[Fragen nicht notiert]

[ 22 ] Scherzlüge: Ihr Reiz [ist], dass der andere durchschaut, was man meint. Auf dieser Bahn [bewegt sich] der Aprilscherz. Ganze Klasse. – Wie Karma herankriecht, [ist] greifbar bei Scherzlügen. Die Sache steht also fast nie hier allein. – Wenn [es] sich nicht auf einmal ausgleicht, muss [es] Karmisches ausgleichen später. [Es] kann innerliche Folgen haben, wenn Eitelkeit und Ehrgeiz sich karmisch rächen.

Wie ist es [karmisch] mit Diebstahl [oder Mord]?

[ 23 ] [Im] Leben nach dem Tod: Die Seele verstärkt ihre Kräfte in der Nähe des Beschädigten [bei] Diebstahl oder Mord, weil [sie] dadurch Möglichkeiten aufnimmt, es karmisch wieder gut zu machen. Schon oft [zeigt sich, dass dies auch] ins physische Leben hereinleuchtet, denn Mörder kehren oft wie gezwungen an den Ort des Mordes zurück.