Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
24 Februar 1913, Mannheim
15. Die Theosophie in ihrem Verhältnis zu Buddhismus und Christentum
[ 1 ] [Anfang fehlt.] Wir stehen [heute] wieder an einem Wendepunkt, wie damals, als Giordano Bruno sozusagen den Himmelsraum durchbrochen hat. Es war ein gewaltiges Ereignis, als Giordano Bruno darauf aufmerksam machte, dass der Weltenraum unendlich sich ausdehnt und [dass] in seiner Ausdehnung unzählige Welten vorhanden sind. In einer ähnlichen Weise stehen wir mit dem seelischen Leben vor [demjenigen in] der Jetztzeit, das uns wie eine Art Firmament erscheint: Geburt und Tod des Menschen, [und davor], dass [die] Geisteswissenschaft dieses Firmament [des menschlichen Bewusstseins] durchbrechen wird, wie [einst] Giordano Bruno das [äußere] Firmament durchbrochen hat. Der Geistesforscher will ebenso [darüber] hinausweisen, wie sich das Menschenleben hinauserstreckt über Geburt und Tod.
[ 2 ] Wenn man näher eingeht auf diese [geisteswissenschaftliche] Weltanschauung, bemerkt man sogleich, dass es sich [heute] um ganz andere Fragen handelt als damals, als die Naturwissenschaft zur Entwicklung kam. Die Naturwissenschaft hat in bedeutender Weise in unser ganzes äußeres Leben hineingegriffen, aber sie kann keine Antwort geben auf die Fragen [nach dem] Schicksal und [dem] Tod, [beziehungsweise nach der] Unsterblichkeit. Da wird ein Mensch hineingeboren in eine gute Umgebung, ein anderer in eine schlechte … warum [ist das so]? Es sind die edlen Seelen, die opfern wollen ihr Erarbeitetes, es hingeben wollen an die Menschheit, gerade edle Seelen kommen auf den Gedanken dieser Art einer Unsterblichkeit. Aber gerade das Beste in uns hängt ja so eng zusammen mit unserer Individualität, man könnte es gar nicht abgeben an die Menschheit. Das widerspräche dem Gesetz der Weltökonomie.
[ 3 ] Durch die Naturwissenschaft ist die Seele [des heutigen Menschen] erzogen worden; dadurch entstand [in ihm] die Sehnsucht nach einer Geisteswissenschaft, die nach dem Muster der Naturwissenschaft aufgebaut ist. Die Quellen der Geisteswissenschaft sind aber nicht zu suchen dort, wo die Quellen der Naturwissenschaft entspringen; sie sind zu suchen, wo der Geist waltet, wo er sein einziges Instrument hat: in der Seele selbst. Wiederverkörperungslehre; Buddhismus.
[ 4 ] Was ist das Wichtigste [in] der Geisteswissenschaft? Dass sie gerade das persönliche Selbst betont. Das tut der Buddhismus nicht; er spricht vom Nirwana, dem Aufgeben, dem Erlöschen des Persönlichen [im Nirwana]. B[uddhismus]: [Es gibt ein Gleichnis, das] Gespräch zwischen [dem Weisen] Nagasena und [dem König] Milinda. [Am Beispiel eines Wagens zeigt Nagasena:] Die Einzelheiten des Wagens lassen sich betrachten und benennen. Der Gesamtname «Wagen» ist nur ein Name, eine Form. So [auch] die Seele. – Der Buddhismus empfindet nicht ein reales Selbst, das von Leben zu Leben geht, nur Name und Form ist gemeinsam.
[ 5 ] Christentum: Wie würden nach christlicher Auffassung die Besten gesprochen haben, etwa Goethe? Er würde ungefähr Folgendes gesagt haben: Sieh dir den Wagen an; er besteht zwar aus einzelnen Teilen, aber kannst du mit dem sie vereinigenden Namen oder [der] Form fahren?
[ 6 ] Buddha sagt: Geburt ist Leid, Leben ist Leid, Tod der Geliebten ist Leid – was man sieht, ist Leid. Aber Leid ist nur in der Welt, weil die Seele dürstet nach Dasein. Dasein aber ist Leid, und die wahre Erlösung kann nur bestehen in der Befreiung vom Dasein. Unendlich groß ist der Buddha in seiner Einseitigkeit. Friede geht aus von der Person des Buddha. Er starb, achtzig Jahre alt, am 13. Oktober 483 v. Chr.
[ 7 ] Christus: In drei Jahre seines Lebens drängt sich bei ihm sein ganzes Erlösungswerk hinein. Er leidet am Ölberg, er gibt sich dem Leid hin. Christus gibt seinen Schülern nicht seine Lehre, sondern sich selbst. Das SichdemLeid-Hingeben ist die Nachfolge des Christus; dem Leid entfliehen der Sinn des Buddha. Der Buddha zeigt uns, was ein Mensch werden kann – der Schüler soll Buddha ähnlich werden. Der Christus zeigt uns, wie das Göttliche hineinkommt in die Erdenentwicklung. Ein Buddha wird man durch die Kräfte der Menschenseele – dem Christus begegnet man.
[ 8 ] Ein Schüler Buddhas fragt: Gibt es ein Leben nach dem Tode? –, ein anderer: Tritt der Mensch ein in ein geistiges Dasein nach dem Tode? – Buddha antwortet: Da, wo Nirwana beginnt, da muss das menschliche Denken und Wissen aufhören, sich geltend zu machen. Das eigene Selbst vernichtet sich; es ist ein Nichts. – Man fühlt, dass der Buddha eine letzte Phase [einer Entwicklung] ist, ein Ende. Der Christus ist ein Anfang! Der Buddha ist die Abendröte einer Epoche, der Christus die Morgenröte. Buddha wendet sich ab von dem Leichnam als einem Bild des Ekels, des Leidens. Sechshundert Jahre später ist das Kreuz mit dem Leichnam das Bild des Lebens, der Sieg des Lebens über den Tod.
[ 9 ] Buddha sagt: Die Welt ist ein Schein, eine Maya, eine Täuschung. Die Welt ist schuld daran, wenn wir unvollkommen sind. – Die christliche Weltanschauung [dagegen] weiß wohl: Das, was uns umgibt, ist eine Offenbarung der seelisch-geistigen Kräfte; wenn der Mensch die Welt nur als materiell ansieht, kommt dies nur von seinem unvollkommenen Erkenntnisvermögen. Der Mensch selbst ist ein Ausdruck der göttlichen Kräfte; wenn er sündigt, so sündigt er, weil er gesunken ist. – Der Christ will frei werden von dem, was er auf sich geladen hat.
[ 10 ] Nicht die Welt malt uns das [begrenzte] Firmament, [sondern] unsere unvollkommene Erkenntnis zeigt es uns so. Wir haben nicht die Welt zu überwinden, wir haben uns selbst zu überwinden. Das ist der Sinn der Entwicklung: sich selbst überwinden, dann wird man nicht mehr begrenzt sehen das äußere Dasein durch uns selbst, sondern überall dahinter [wird man] die geistige Welt [wahrnehmen].
[ 11 ] Buddhismus ist Furcht vor dem Dasein; Erkenntnis, dass alle Unvollkommenheit herrührt von dem eigenen Selbst, ist das, worauf es im Christentum ankommt. Christus hat die Erde nicht verachtet; er hat sie sich zu seinem Wirkungskreis erwählt:
Ich will bei Euch sein bis ans Ende der Erdentage. (Mt 28,20)
[ 11 ] Groß ist die Seele und erlöst, die hinschaut auf das Dasein der äußeren Welt und es sieht, wie Schaumeswellen des Meeres kommen und vergehen, sieht, wie Luftspiegelungen, die aufblitzen und vergehen – wer das Dasein so schaut, den findet der Fürst des Todes nie.
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
