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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

6 Februar 1914, Hanover

99. Von Jesus zu Christus

[ 1 ] «Von Jesus zu Christus», so lautete das Thema, über das am Freitagabend Dr. Rudolf Steiner aus Berlin in der Aula am Georgsplatz sprach. Der Redner ging davon aus, dass die Geisteswissenschaft aufzufassen sei wie die Naturwissenschaft, und dass sie sich ebenso wie diese auf Tatsachen stützen müsse. Um das nötige Instrument für die Erfahrung von Tatsachen auf geistigem Gebiete zu schaffen, müsse sich der Geistesforscher die seelischen Organe bilden, die ihn befähigen, die geistige Welt zu erleben. Und das Erste, was da dem Geistesforscher auf seinem Wege in die geistige Welt begegne, sei «das Erlebnis des Christus». Dies sei in der vorchristlichen Zeit nicht möglich gewesen, da erst mit dem Leben des Christus auf dieser Erde diese Möglichkeit eingetreten sei. Welch große Bedeutung nun dieses Ereignis auf der Erde für die Menschheitsentwicklung gehabt hat, zeigte der Vortragende an dem Vergleiche mit der Entwicklung des einzelnen Menschen, der bis zu seinem 35. Jahre etwa in aufsteigender Linie durch die Anlagen, die er durch seine Geburt mitbringe, sein Leben ausgestalte, dann aber gewissermaßen durch die von außen an ihn herangebrachte Kultur geleitet würde. Und so wie der Mensch mit seinem 35. Jahre etwa in der Mitte seines Lebens stände, so sei die gesamte Menschheit in der griechisch-römischen Zeitperiode in der Mitte ihrer Entwicklung angelangt gewesen. Auch hier hätte von außen ein neuer Impuls für den geistigen Aufstieg der Menschen gegeben werden müssen, andernfalls die Möglichkeit für eine normale Fortentwicklung des Menschen ausgeschlossen gewesen wäre. Diesen Impuls hätte das Ereignis auf Golgatha gegeben. Wie die Kultur die Menschenseele nach dem 35. Jahre befruchte, so sei durch das große Ereignis in der Zeitenwende der Menschheitsentwicklung – das Christusereignis – dem Menschen die Möglichkeit gegeben, im Vollbewusstsein die geistige Welt zu erleben. Dem Redner wurde am Schlusse seines zweistündigen interessanten Vortrages reicher Beifall zuteil.


[ 2 ] Von Jesus zu Christus. Vortrag von Dr. Rudolf Steiner in der Anthroposophischen Gesellschaft. Am Freitagabend sprach Dr. Rudolf Steiner über obiges Thema in der Aula vor zahlreich erschienenem Publikum. Der Redner betonte zunächst das Wesen der Geistesforschung, um seine Zuhörer für das Verständnis des oben genannten Themas vorzubereiten und die Beziehungen derselben zueinander darzulegen. Die Ausgangspunkte, die allgemeinen Prinzipien für Geistesforschung setzen da ein, wo heute die Erkenntnisse der Naturwissenschaft stehen. In den letzteren liegt schon der Keim der Geistesforschung. Diese geht über die Erkenntnisse der Sinne hinaus. Geistesforschung kann man gleichsam geistige Chemie nennen. Mit den gewöhnlichen Fähigkeiten ist sie nicht möglich. Der Geistesforscher gebraucht Aufmerksamkeit und völlige Hingabe an das Objekt, das er in den Mittelpunkt seiner Übung willkürlich gestellt hat. So kann er mit seiner Seele außerhalb des Leibes sich erleben. Der Geistesforscher erkennt die Dinge, die auf dem Zusammenhang zwischen Seele und Körper beruhen. Zu diesen Dingen gehört auch das Thema: Von Jesus zu Christus. Angenommen, die Menschheit hätte von dem Ereignis auf Golgatha nichts erfahren, dann bliebe für den Geistesforscher die Entwicklungsgeschichte der Menschen. Er hat zu untersuchen, was an höheren Kräften eingreift, um die Menschheit vorwärtszubringen. Die Naturwissenschaft stellt nur fest, wie der Mensch über die Erde gegangen ist und welche physische Umformung vorgegangen ist. Die geistige Umformung erforscht erst die Geisteswissenschaft. Da ergibt sich ein großer Unterschied zwischen dem heutigen Erleben der Seele gegen früher. Der Blick des Geistesforschers erweitert sich und schaut in andere Welten, in denen durch die neue Geburt des Geistes die Seele ein wiederholtes Erdenleben durchmacht. Dies hat schon Lessing vertreten in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». So erkennt der Geistesforscher um die Zeit, da Jesus lebte, im Geistesleben einen einschneidenden Punkt. Er erkennt Christus als in der Welt vorhanden. Er kann ihn erfassen mit seinen Kräften infolge seiner geistig-seelischen Übung. Die alten Geistesforscher vor Christi Geburt mussten die geistige Welt erst betreten, in der Christus war, um ihn zu finden. Diese Tatsache zeigt, dass mit der menschlichen Seele eine Entwicklung vorgegangen ist. Seit Golgatha kann die Seele in ein bewusstes Verhältnis zu Christus treten.