Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

22 April 1912, Essen

98. Die übersinnlichen Welten und die Unsterblichkeitsforschung

[ 1 ] «Die übersinnlichen Welten und die Unsterblichkeitsforschung» lautete das Thema, das am Mittwoch im Kammermusiksaal des Städt[ischen] Saalbaues der Theosoph Dr. Rudolf Steiner vor einer zahlreichen Zuhörerschaft behandelte. Wie man einen neuen Weg zur inneren Seelenerkenntnis finden kann, denkt sich Dr. Steiner (etwas phantastisch) folgendermaßen:

[ 2 ] Die Anthroposophische Gesellschaft, so führte er aus, werde noch ungebührlich verkannt. Die Wahrheit erscheine laut Schopenhauer zuerst immer paradox, weil sie sich nicht auf den Thron des allgemein verbreiteten Irrtums setzen kann. Die gesamten Geisteswissenschaften spitzen sich zu in zwei große Lebensfragen: Die erste ist das Schicksal, das total verschieden dem Menschen schon an der Wiege bestimmt scheint. Ob er das Leben meistern wird oder nicht, lautet da die große Frage. Und die Seele fragt verzweifelt: Warum? Die Wissenschaft kann die Frage nicht beantworten. Die «Geisteswissenschaften», die «Forschung nach der übersinnlichen Welt», beantwortet sie wie auch die andere nach der Unsterblichkeit. Selbstloser ist es, sagen viele Geister, dem Festhalten am Fortleben zu entsagen und auszulöschen. Aber das Beste, was wir haben, zwischen Geburt und Tod ist das persönlichste Leben, das wir nie und nimmer an eine Allgemeinheit hingeben können. Solche Kräfte aber zerstört die Natur nie, das würde aller übrigen Weltökonomie widersprechen. In jeder Seele nagt etwas von der Sehnsucht nach Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens. Mit dem Mikroskop und Teleskop hat die Naturwissenschaft die Sinne verstärkt. So muss die «Geisteswissenschaft» das Übersinnliche im Menschen verstärken. Das Übersinnliche kann sich ja nur durch übersinnliche Art offenbaren, während ja der Mensch vom Morgen bis zum Abend den Eindrücken seiner Sinne hingegeben ist. Die Menschenseele ist eigentlich nie allein. Das Aufwachen ist ein Einatmen des Seelenlebens, das Einschlafen ein Ausatmen des Seelenlebens. Im Schlaf ist also der Mensch außerhalb seiner Seele. Im Schlafzustand ist die Seele allein. Sie ist nur zu schwach, sich selbst zu erkennen. Ihre Kräfte müssen dann bewaffnet werden wie das Auge durchs Teleskop. Das sind Kontemplation, Meditation, durch sie sind übersinnliche Welten zu erforschen. Wir müssen uns in einen schlafähnlichen Zustand versetzen, willkürlich alle Sinnestätigkeit ausschalten. Das Nähere darüber finden Sie in meinen Büchern. Keine von außen gewonnenen Vorstellungen sollen zu dieser inneren Forschung Anstoß geben. Zum Beispiel auf die innere Vorstellung der Liebe kann sich die Seele dauernd konzentrieren. Man muss diese Übung der Konzentration 1000-fach wiederholen, um zu einem Erforscher übersinnlichen Lebens zu werden. So erkraftet man das übersinnliche Erkenntnisvermögen der Seele. So lernt sich die Seele wissen als übersinnliches Wesen. Dazu müssen alle Bekümmernisse, Freuden und Erlebnisse ausgetilgt werden (ähnlich also wie im indischen Nirwana. Red.). Hat jemand zum Beispiel einen schweren Schicksalsschlag erlebt, so taucht die Erinnerung daran immer wieder auf – so muss der Mensch sich angestrengt in Gelassenheit üben, als ginge ihn dies Erlebnis nichts an. In solch absolut-objektiver Betrachtung des schlimmen Erlebens erzeugt er dann ein Gefühl der Sehnsucht nach diesem Unglück. Wir entdecken innere Fähigkeiten der Seele, eine Ohnmacht drängte in der Seele diesem Unglück zu, um durch seine Überwindung stark zu werden. Wenn wir diese Übungen zu einem gewissen Punkte getrieben haben, erleben wir imaginativ, in Bildern nicht äußerer Eindrücke, sondern innerer Visionen. Aber der gesunde Geistesforscher weiß im Unterschied vom Geistigkranken, dass das nicht Außenwelt, sondern nur innere Erkenntnis einer übersinnlichen Welt ist, und dass er sich im Unterschied von dem Geisteskranken wieder durch seinen Willen von den Visionen befreien kann. Aufgrund dieser Seelenkontemplation will Dr. Steiner, der bekanntlich in vielen Städten wieder theosophische Vereine gegründet hat, auf wissenschaftliche Weise die besondere Existenz und Fortexistenz der Seele beweisen.