Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
16 April 1914, Prag
19. Wie findet die Menschenseele ihre wahre Wesenheit?
[ 1 ] Wie findet die Menschenseele ihre wahre Wesenheit? Es ist [dies] eine Frage, die sich im Grunde genommen jede fühlende Menschenseele, jede Menschenseele, die [sich] ihrer Würde und ihres Wesens in der Welt bewusst werden will, immer wiederum aufwerfen muss. Dennoch darf man glauben, wenn man das Geistesleben der Gegenwart und alles, was an die Seele herantreten kann, [überschaut], dass schon viele Seelen vorhanden sind und dass ihre Zahl immer größer werden wird, da das Geistesleben der Menschheit, wie es bisher war, nichts herausfindet, was die gesamten Fragen in einer befriedigenden Weise löst.
[ 2 ] Da stellt sich in das neuere Geistesleben hinein das, was von dem Gesichtspunkt dieser Weltanschauung aus Geisteswissenschaft genannt wird. Allein sie kann heute noch nicht appellieren an die Zustimmung und das Urteil weitester Kreise. Denn es scheint alles das, was durch die [Geistes]wissenschaft heraus[ge]arbeitet [wird], dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft entgegengesetzt zu sein, wie entgegengesetzt war der Kopernikanismus [deren früherem Stand]. Ebenso[wenig] widerspricht die Geisteswissenschaft, die in Wahrheit nichts ist als das echte Kind der Naturwissenschaft, allem, was die Menschheit nach den Denkgewohnheiten der gewöhnlichen Wissenschaft für wahr und wahrscheinlich einsehen kann.
[ 3 ] Erst dadurch, dass man immer tiefer eindringt, erlangt man allmählich die Empfindung, dass man etwas für die Gegenwart [braucht], wie [man es] in dem Kopernikanismus für seine Zeit [hatte], was sich so einleben wird in das menschliche Geistesleben – und müsste es sich durch die engsten Felsspalten hindurcharbeiten. Denn so geht es mit der Entwicklung aller Wahrheit in der Entwicklung der Menschen. Daher: Nicht von einer Hoffnung, in weitesten Kreisen Zustimmung [zu finden], kann der Geistesforscher sprechen, sondern von der Hoffnung auf Wahrheit. Dasjenige muss für den, der in die ganze Stimmung der neueren Geisteswissenschaft eindringen will, eine für die Seele ausgemachte Empfindung sein, dass das äußere Leben – das Sinnesleben und [das] äußere Seelenleben – nicht zu jenen Quellen des Weltendaseins führen kann, durch welche die Seele ihre wahre Wesenheit ihr wirkliches Begründet-Sein in den Weltentiefen des Daseins fühlt. In einer gewissen Beziehung erweist sie sich auch dadurch als ein Kind der modernen Naturwissenschaften, dass sie mit dem Guten, Bedeutungsvollen derselben in jeder Beziehung in Übereinstimmung sich befindet, dass sie nicht das Bedürfnis hat, auch nur das Geringste dagegen einzuwenden.
[ 4 ] Gesagt kann werden, dass der, der sich erziehen lässt durch die Ideen und Vorstellungen, die schon heute bedeutend genug sind für das menschliche Seelenleben und immer bedeutender werden können, der wird [geführt] vor allen Dingen zu der ersten, empfindungsgemäßesten Empfindung, dass der Seele wahre Wesenheit nicht Anschauung werden kann durch Verarbeitung der äußeren Sinneseindrücke. Immer klarer wird es, dass mit dem Durchschreiten der Todespforte, mit dem Ablegen des menschlichen Leibes die Möglichkeit aufhört, irgendetwas zu [empfinden], was ihn umwebt, zu dem die Sinneswahrnehmung notwendig ist, oder [das] Denken, das an das Gehirn gebunden ist. Klar ist es, dass die Sinne – und die Möglichkeit, Sinnlich[es] zu beobachten –, aufhören muss, wenn die Seele in die Lage kommt, ein Leben zu führen, das nicht im Leibe ist.
[ 5 ] Man nehme an, es könne eine Weltanschauung, die heute von vielen recht sehr ersehnt wird, mit äußeren Mitteln geistige Vorgänge sichtbar, hörbar usw. machen … ich deute an den Spiritismus …, und man könnte es dahin bringen, Geistesvorgänge zu fotografieren; diese könnte man ja doch nicht wahrnehmen nach dem Tode ohne dem Leben. Moderne Geisteswissenschaft zeigt die Wege, wie man dazu gelangen kann. Das Prin[zip]ielle soll auseinandergesetzt werden. Nun, die Möglichkeit liegt vor, etwas mit der menschlichen Seele zu bewirken, was genannt werden kann – eine geistige Chemie. [Diese] kann nur durch innere Lebenspraxis vorgenommen werden; innere Anstrengungen, Kraftentwicklungen der menschlichen Seele sind es, die jede Seele, die sich auf den Weg der Entwicklung begibt, zu vollbringen hat.
[ 6 ] [Das Erste auf diesem Weg ist] Aufmerksamkeit. Würde für die Dinge, [die] vorüberhuschen, [keine Aufmerksamkeit sein], so würde das bald vergessen sein. Wir müssen die inneren Seelenkräfte gleichsam [an]spannen auf eine Wesenheit, müssen Aufmerksamkeit und Interessen entfalten. Eine Frage nach dem Gedächtnis ist eine Frage nach der Aufmerksamkeit … [Man muss] Interesse entwickeln für das da Erlebte. Dadurch, dass man sich gewöhnt, immer wieder aufmerksam zu sein, schärft man die Gedächtniskraft.
[ 7 ] Zweitens: Wenn wir uns zurechtfinden wollen im Leben, ist [es notwendig], dass wir [in der Lage sind], eine genaue Überschau vornehmen zu können [dessen], was wir durchgemacht haben mit unserem Ich zusammen. [Es gibt] Fälle [wie denjenigen], wo ein Mensch sich eine Fahrkarte kauft, [ziellos herumfährt] und erst nach Wochen sich wiederfindet. [Keine solche] Durchlöcherung des Gedächtnisses kann zu [einer] Fortentwicklung des menschlichen Lebens führen.
[ 8 ] Dieses, die wahre Aufmerksamkeitskraft systematisch ein wenig zu entwickeln, muss ins Unbegrenzte ausgedehnt werden, wenn der Geistesforscher [mit der] Konzentration der Seelenkräfte symbolische Vorstellungen in den Mittelpunkt des Bewusstseins rücken [soll]. Zu dem Eindringen ist auch etwas anderes notwendig als zum [alltäglichen] Seelenleben, denn das hört auf in seiner Wichtigkeit für das Seelenleben, das in die geistige Welten führen soll, und was nur wie zwischen den Linien des Lebens verläuft, [das] wird ungeheuer wichtig.
[ 9 ] Es kommt nicht darauf an, was man so ins Bewusstsein hebt, sondern dass man es immer wieder tut. [Ein] Uhrmacher macht Uhren, und wichtig ist es, dass er richtige Uhren verkauft, aber dadurch ist [auch] seine Fähigkeit immer mehr gesteigert worden. [Es ist wichtig], dass man achtet, dass man folgt dem Ausspruch: Steter Tropfen höhlt den Stein. Das ist es, was hilft; was wir uns dadurch aneignen, das führt zuletzt zu dem.
[ 10 ] Wie [die] Aufmerksamkeit, so soll auch verstärkt werden ins Unbegrenzte die Hingabe, sodass sie in die Lage kommt, sich künstlich in den Zustand zu versetzen, der mit dem Schlafe zu vergleichen ist, und doch wieder ganz entgegengesetzt [ist]. Im Schlafe schweigen die Empfindungen und so weiter. Und das muss der Geistesforscher willkürlich herunterdämpfen, er muss die Sinnesempfindungen ausschalten, die Sorgen niederschlagen und so weiter, und [er muss] in der Negation des Willens stark werden und das Bewusstsein völlig aufrechterhalten. [Dahin kommt man], wenn man das jahrelang übt, die Hingabe, wobei es nicht auf den Inhalt, sondern auf das ankommt, worauf es ankommt, [das Üben].
[ 11 ] Die erste Übung [ist also] Konzentration, die zweite Meditation. Wie das Pendel an der Uhr, so müssen zu verschiedenen Zeiten die beiden Übungen ausgeführt werden, dann durchdringen sie die Seele mit Kräften, die schon da waren vorher und [die] jetzt aus den Tiefen der Seele heraufdringen und ganz etwas anderes aus ihr machen. Jetzt kommt die Zeit, wo die Seele empfindet: Jetzt erlebe ich mich in den geistigen Welten. Ein tief erschütternder Eindruck [ist das], verschieden, aber immer etwas deutlicher [als gewöhnliche Erlebnisse].
[ 12 ] Wenn solche Übungen von dem, der diese Forschung anstrebt, immer wiederum ausgeführt werden, kann bei Tag oder im Schlafen etwas eintreten, [das] nicht gefährlich [ist], wenn [man die] richtige Schulung [hat], aber [einen doch] erschüttert. Wie aufwachend im Schlafe … [Lücke], wie wenn im Hause [des Leibes], wie wenn es vom Blitz durchschlagen [wird]: Was dich umgibt, löst sich auf in den Elementen. Man weiß, was es heißt, außer dem Leibe zu sein. Man weiß, warum diejenigen, die es erlebt haben, sagen, sie seien herangedrungen bis zur Pforte des Todes. Nun weiß man: Es gibt eine Möglichkeit, die Seele herauszuziehen. Die Seele weiß, sie erlebt außerhalb des Leibes, doch ist es zunächst noch unklar. Dann erlebt man mit Klarheit, dass man wieder eintaucht in das physische Gehirn.
[ 13 ] Wenn man dann weiter übt, merkt man, das man immer Weiteres erlebt; wenn wir durch die Hingabe allmählich dazu gelangen, auch anderer Seelenkräfte uns bewusst zu werden als diejenigen sind, die wir vorher hatten, [erleben wir], wie beim Einschlafen die äußere Sinneswelt abflutet, und [finden uns] in einer Welt, in der es anders aussieht als in der gewöhnliches Sinneswelt. Wie man in der Sinneswelt eine Stufenfolge von Reichen ansieht, so fühlt man diese Unterschiede. Aber andre Reiche gehen auf, [mit Wesenheiten], an deren Spitze nicht ich als Mensch stehe, sondern an deren unterster Stufe ich stehe. Die Menschenseele unterscheidet sich von ihnen dadurch, dass sie einen Teil ihres Lebens im physischen Leib zubringen muss.
[ 14 ] Das wird heute noch recht schwer zu verstehen [sein]; im Alltagsleben vom Geistesleben zu sprechen, das erlauben einen schon die Menschen heute, aber wenn von Herausziehen [der] Wesenheit gesprochen wird, so wird es als die vollste Phantastik angesehen. Aber wer wirklich hineinsehen kann, der weiß, dass es gerade so ist, als wenn man einem Menschen die Welt zeigt und sagt: Alles ist Natur –, und ihm nicht die einzelnen [her]vortretenden Dinge erklärt. Man hat nicht das Gefühl, man schaut diese Wesenheiten an, es ist wie ein Sich-Wissen, [ein] unmittelbar im Leben der geistigen Welten und Kräfte Drinnenstehen: Man wird angeschaut von den Wesenheiten in der geistigen Welt und fühlt ihren Blick, sie sind da, man fühlt ihren Blick, man lernt erkennen ihre Lebenskräfte, die in einen hereindringen. Man fühlt etwas herankommen, was immer in den Untergründen der Seele ist, [man fühlt], dass man vor einer Gefahr steht, hingenommen zu werden, sich zu verlieren, [so], als wenn einem sein Selbst entrissen werden sollte, [man fühlt] die Gefahr einer geistigen Ohnmacht. Dieses ist Aufgabe der richtigen Schulung, die Seele so zu erstarken, dass man gewachsen ist diesem Moment. Entweder man verfällt [sonst] in einen Schlafzustand oder [man] wird zurückgerissen in die Sinneswelt. Bei der regelrechten Schulung kann … [Lücke].
[ 15 ] Dieses Gefühl des Verlustes seines Selbstes ist nicht ausgesprochen, aber immer in den Tiefen der menschlichen Seelen [vorhanden], die Angst hat die Seele, doch weiß sie nichts davon. Diese Angst wirkt so, dass sie die Seele zurückhält und mit einer materialistischen Gesinnung vordringt; diese Angst ist der wahre Grund, die die Menschen abhält, die Geisteswissenschaft anzuerkennen. Monisten sind nicht Materialisten aus dem Grunde, weil sie einsehen können, dass es keine geistige Welt gibt, sondern sie sind es aus Angst, beim Eindringen [in die geistige Welt] ihr Selbst zu verlieren. Sie haben Angst vor der Auflösung des Selbst, daher muss die Übung so sein, dass sie ihr Selbst zusammenhalten können.
[ 16 ] Hätte der Mensch diese Schulung in der Sinneswelt, so kann er dadurch ein Egoist werden, aber der Geistesforscher lernt unterscheiden das Leben diesseits und jenseits der Schwelle. Überschreiten wir die Schwelle, so muss das Selbst stärker sein. Die Seele dringt immer tiefer in die eigene Wesenheit ein. Und das verursacht wiederum etwas Ungewohntes. Immer mehr Vorstellungen tauchen auf, das bringt die Bilder der Phantastik. Was da im Innern presst und drückt, [das] empfindet der Mensch wie einen höchst gesteigerten Alpdruck, wie zu einem inneren Pressen des Vorstellungslebens, [eine] Furcht vor dem Ersticken, vor dem eigen[en] Selbst.
[ 17 ] Diese Furcht ist etwas, was eine Hülle in einem selber [ist]. Wenn wir [in] diese Hülle vordringen, merken wir: Wir haben noch eine andere Seelenkraft entwickelt, die im gewöhnlichen Leben des Tages nur angedeutet ist, [wir haben] etwas entwickelt wie eine Vertiefung und Erstarkung der Gedächtniskraft. Die gewöhnliche [Gedächtniskraft] trägt uns bis zu einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens, aber diesem Gedächtnis liegt eine Seelenkraft zugrunde, die im physischen Leib nur teilweise zum Ausdruck kommt.
[ 18 ] Was für das gewöhnliche Seelenleben die Hauptsache ist, dass wir eine Vorstellung heraufholen, dem liegt eine Erkraftung, ein Tätigsein zugrunde; das beachtet man nicht. Bei den Übungen kommt uns das Tätige zu Bewusstsein, wie eine innere Seelengewohnheit. Wie haben die Möglichkeit, nicht nur etwas zu erinnern, sondern die verstärkte Erinnerungskraft zu entfalten. Und dann bringen wir Ordnung in das, was im Innern wie ein Alpdruck auf uns gelastet hat. Wir lernen überschauen, was vor der Geburt da war. Das Zurückschauen auf frühere Erdenleben ist im gewöhnlichen Leben nicht vorhanden, weil das gewöhnliche [Leben] ein Passives ist. Was da erlebt worden ist, muss durch aktive Kraft immer wieder heraufgeholt werden, nicht so, dass wir nachgrübeln, dabei schwindet es gleich wieder wie ein flüchtiger Traum hinunter. Wir müssen eben jeden Augenblick tätig sein, um das in der Erinnerung zu erhalten. Dann kommt das wie ein Alpdruck herauf, und wir überschauen das, was in unserer Seele das Ewige ist, was durch die Geburt gegangen ist und was durch den Tod geht.
[ 19 ] Indem wir vertiefen die Dinge, durch die wir geschützt sind im gewöhnlichen Leben vor dem «Ertrinken », wenn wir die Selbstfurcht umwandeln, indem wir ihr entgegenstellen die erstarkte Gedächtniskraft, dann blicken wir auf die früheren Erdenleben, und dann löst sich heraus das Karma der Menschenseele.
[ 20 ] Der Mensch ist ein Ergebnis dessen, was er auch werden kann. Was auf uns eingedrungen ist – man lernt erkennen, dass man mit dem innersten Wesen seiner Seele verknüpft ist mit allem, Freuden, Leiden Schmerz und so [weiter]. Was du bist, hängt immer mit diesem Schmerz zusammen. Das erweitert sich zu dem, dass man diesen Schmerz gemacht hat. Man lernt Kräfte kennen, die für gewöhnlich für die Seele nicht anwendbar sind, vor allen Dingen [eine] Seelenkraft, die wir in der gewöhnlichen Sprache nennen: Wir wollen oder fühlen etwas. Wer die charakterisierten Übungen hat auf sich wirken lassen, muss es nennen wollendes Fühlen, fühlendes Wollen. Das Eigenwesen dehnt sich darüber [hin]aus, [sodass] das, [was] man allmählich erlebt, wenn man so in die geistige Welt kommt, ist, dass man seine Seelenkraft nicht bloß als innerstes Eigentum fühlt, [sondern] sie geht hinaus und [ist so], als wenn man die Seelenkraft des Willens darüber ausgegossen [hätte]. Die Willenskraft wogt zurück. … [Größere Lücke]
[ 21 ] Wie sich die Druckkraft in Wärme verwandelt, [so] verwandelt sich das fühlende Wollen in die Kraft, den Erdenmenschen zu beleben. So lebt sich der Mensch durch die Geisteswelt hindurch, bis er die Notwendigkeit [fühlt], Ausgleich zu schaffen für die verflossenen Erdenleben. Man bekommt die Entwicklungstendenzen, das Urbild zu einem neuen Erdenleben zu gestalten. Wenn man eine Lüge gesagt hat, dann brennt die Wahrheit, und die Tendenz entsteht, die Unwahrheit auszugleichen. Wie das Verhältnis zwischen Sonne und Erde umgekehrt [worden] ist durch den Kopernikus, so wird umgekehrt die Anschauung, dass das Geistige aus dem Blute hervortritt. Nein, das Geistige ist es, das das Leibliche aus sich erstehen lässt. Folge des Geistigen ist das Leibliche.
[ 22 ] Es wäre traurig, wenn nur derjenige Bilder verstehen könnte, der sie malen kann; in jeder Seele lebt [beim Anblick eines Bildes] die Möglichkeit, es zu verstehen. So ist es mit den Wahrheiten der Geisteswissenschaft. [Um] die Wahrheiten aufzustellen, ist [es] nötig, dass die Seele durch «geistige Chemie» wirklich eintaucht. Wenn das aber die Wahrheiten zutage gefördert hat, ist jede Menschenseele fähig, diese Wahrheiten zu verstehen, und [es ist] durchaus begreiflich, dass immer wiederum in der Gegenwart das Urteil auftaucht: Das alles ist nur leere Phantasterei –; zu begreiflich ist das.
[ 23 ] Woher kommt das? Das kann nur verstehen, wer das geistige Leben durchschaut. Es liegt nicht daran, dass die menschliche Natur so etwas nicht verstehen kann. Aber die Menschen haben sich gewisse Urteilsformen und Denkgewohnheiten angeeignet und das Urteil zum Vorurteil gemacht. Räumt man einmal alle Vorurteile fort, dann beginnt in jeder Seele eine Sprache zu sprechen, die nur unhörbar gemacht wird durch das, was wir uns angewöhnt haben, durch die äußere Weltanschauung. Es ist nur nötig, unbefangen zu werden und das innere Urteil erkraften zu lassen. [Es ist] nicht [so], als wenn sich das Urteil sträubte vor [der] Geistesforschung, nur das Vorurteil sträubt sich. Wird es einmal dahin kommen, dass so viel hinweggeräumt sein wird wie die Vorurteile gegen den Kopernikanismus, dann wird man verstehen, dass sich das wiederholen müsste auf dem geistigen Gebiet, wie es Giordano Bruno gegen die Richtung der blauen Schale [des Himmelsgewölbes], durch die die Welt begrenzt sei, [getan hat]. Heute sagt sich der Mensch: Die Grenze [der Welt] ist gar nicht vorhanden, sie ist nur eine Grenze des eigenen Anschauens, sie dehnt sich in unermessliche Weiten. Dass die Grenze nur die des eigenen Erkenntnisvermögens ist, das werden die Menschen einsehen müssen, dass man sich hinausdehnt jenseits der Grenze von Geburt und Tod.
[ 24 ] Das wird der Weg sein, wenn die menschliche Erkenntnis uns … [Lücke] [Man könnte einwenden]: Hast Du denn ganz Kant vergessen? Es gehört nicht sehr viel Scharfsinn dazu, [zu postulieren], dass das menschliche Erkenntnisvermögen doch nicht in die geistige Welt eindringen kann. Es wird der Geistesforscher behaupten, dass das alles unrichtig sei. – Nein, das wird er nicht; die Beweise für die Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens können scharfsinnig, genial und richtig sein. Vergleich: Vor [der Erfindung von] Teleskop [und Mikroskop] und so weiter keine Zelle zu sehen, könnte [damals] richtig [gewesen] sein. Man hat eben die äußern Werkzeuge erfunden, die haben das Auge erweitert; so können die Beweise haarscharf sein, dass das menschliche Erkenntnisvermögen nicht richtig [war]. Auf die Beweise kommt es nicht an, sondern darauf, dass das, was bewiesen ist, dass das den viel höheren Tatsachen weichen müssen [wird], dass das Erkenntnisvermögen entwicklungsfähig ist, dass es erkraftet werden kann, und ihm innerlich die geistigen Mikroskope und so weiter erwachsen sind. Daher können die Menschen so viel gegen Geisteswissenschaft haben, weil sich so viel dagegen beweisen lässt, aber es kommt auf etwas ganz anderes an.
[ 25 ] Weil aber die Menschen gerade auf das den Hauptwert gelegt [haben], was Geisteswissenschaft nicht verstehen kann, deshalb wird sie sich [nur] langsam einleben. Die Mittel, die geistige Welt zu erfühlen, erschöpfen sich allmählich, der Mensch wird brauchen neue Mittel. Immer [mehr] Menschenseelen werden aus einer inneren Sehnsucht heraus getrieben werden, nachzuforschen, ob das wirklich in der Seele ist, wovon der Geistesforscher sagt; dann wird das Vorurteil hinweggeräumt werden und die tiefe innere Sprache wird erwachen, und dann wird er immer mehr an Seelen sich zu wenden haben, die ihr Tiefstes in Tätigkeit setzen werden. Heute leben wir in einem Zyklus, wo jede Seele bis zu eine gewissen Grade Forscher werden kann. Was der Geistesforscher selber erlebt, [davon] kann man sich vorstellen, dass es die Seele beseligt, aber dass er erleben muss das, was sich sonst zwischen Tod und neuer Geburt erlebt, er muss es im Leben erleben, er muss sich klar sein darüber: Du musst in deinen Leib wieder zurückkehren, kannst nur im Leibe [weiterleben]. … [Lücke] Das verursacht Schmerzen, die zu den größten Schmerzen gehören, aber die um der Erkenntnis willen [erlitten werden], nicht aus der Begierde, etwas zu erfahren, sondern weil man weiß, indem man das Geistesleben der Gegenwart betrachtet: Die Menschheit hat es zu einem Punkt gebracht, in welchem Geistesforschung den Menschen das zu geben [hat], was sie brauchen, um sich immer weiterzuentwickeln.
[ 26 ] Erstens lernt man erkennen das Verhältnis von Schlafen und Wachen, man lernt erkennen, dass beim Schlafen [dem Menschen] die Kräfte kommen, [das], was er braucht, während er sein Bewusstsein entwickelt, und dass das Wachen ein Ertöten des Lebens darstellt. Der Schlaf kann nur das [wieder]herstellen, was verbraucht war. Aber um sein inneres Leben auszugestalten, muss der Mensch einen Quell des Geisteslebens haben, der nicht aus den Erlebnissen des Schlafes herauskommen kann, sondern der Quell des Geisteslebens, der von dem Geistesforscher angeschaut wird mit dem Auge des Geistes, die Gründe, aus denen die Menschenseele schöpft zwischen Geburt und Tod. Wie in der Pflanze der Keim für die nächste Pflanze liegt, so leben wir schon durch das, was wir durch den Keim künftiger Leben in uns zu entwickeln haben. Wir sprechen von der Unsterblichkeit, die sich schon im Keime in diesem Leben zeigt.
[ 27 ] [Schon] Goethe [wusste]: Man versteht das Erdenleben nur, wenn man [unleserlich] im [Lücke]. [Und so wollen wir auch mit Goethe schließen]: Diejenigen sind auch schon für dieses Leben tot, die nicht die Kraft haben, in ein anderes zu schauen.
Aus der Fragenbeantwortung
Frage zum Verhältnis von Geisteswissenschaft und Religion.
[ 28 ] Rudolf Steiner: Das Religiöse kann zwar angeregt werden durch die Geisteswissenschaft, aber muss mehr im Gefühlsmäßigen wurzeln. Viele sagen, das religiöse Leben sei in Gefahr durch sie … [Lücke]; das religiöse Leben hat sich immer mit … [große Lücke].
[ 29 ] Der hat eine wenig stark ausgeprägte Leibesempfindung und wenig tragfähige Gottesvorstellungen, der glauben kann, dass mit Verkündung von Worten dasselbe gefördert werden kann … [Lücke].
[ 30 ] [Nehmen wir als Vergleich die Entdeckung Amerikas durch] Kolumbus: [Wenn wir] ein neues Land entdecken, wir leben [aber noch] in dem alten; das [Reisen ins neue braucht] Mut; [im alten Land], da scheint die Sonne, wer weiß, ob sie dort scheinen wird? – So ist es mit der Einwendung, die von der Religion aus kommt; gegen die Einwände, gegen die … [Lücke]. Für den Geistesforscher ist die Gottesvorstellung so stark … [große Lücke].
[ 31 ] Zwar, die alten religiösen Traditionen verlieren allmählich die Stärke über die Gemüter, daher [ist] ein neues Eindringen in die geistigen Welten notwendig. Im gegenwärtigen Zeitpunkt, an einem Umschwung, einem Übergang, kann [der Mensch] einsehen, worinnen der Übergang für seine Zeit liegt. Für heute [ist es] so, dass man sagen muss: Man wird durch das, was mit Recht, ja mit Notwendigkeit herbeigekommen ist in die menschliche Kultur, darauf hingewiesen, dass ein bestimmter Übergang gegenwärtig da ist. … [Lücke]
[ 32 ] Die Menschen ziehen heute tatsächlich nicht die Konsequenzen manches Dinges, [so]dass sie glauben, dass [es] auf dem Boden der Kultur des neuen Jahrhunderts erwachsen ist. Würden sie die Konsequenzen ziehen, so [ergäbe sich] Folgendes: Sie streben heute – die, [die] meinen, auf dem festen Boden der Wissenschaft zu stehen –, zu begreifen, dass das, was mit der menschlichen Seele geschieht, mit der gleichen Notwendigkeit geschieht wie die Naturereignisse; es lebt etwas, was den Menschen auffordert zu sagen: Im Menschen lebt etwas wie ein letztes Ergebnis der tierischen Entwicklung.
[ 33 ] Die Tragweite dieses Ausspruches machen die Menschen sich nicht klar. Wenn man die innere Kraft hätte, müsste man die Konsequenz ziehen, dass das Böse mit der gleichen Notwendigkeit geschieht wie das Gute. Erinnert wird man an die Versucherstimme, welche hingestellt wird an den Beginn des Menschen auf der Erde: «Ihr werdet sein wie Gott [und unterscheiden das Gute und das Böse].» (1 Mos 3,5) Sie war notwendig, weil der Mensch nur dadurch zum Bewusstsein seiner Freiheit kam.
[ 34 ] Aber sie führte zu einer Art Anschauung, und wir stehen in der Gegenwart da, wenn die Konsequenz [gezogen wird]: «Ihr seid aus den Tieren, es unterscheidet euch nichts mehr von ihnen.» Damit [ist] der Übergang unserer Zeit [charakterisiert], über den wir hinauskommen müssen. «Ihr werdet sein aus den Tieren und nicht mehr unterscheiden können die Gründe des Guten und Bösen.» [Leerzeile]
[ 35 ] Geisteswissenschaft [ist] notwendig zur Aufrechterhaltung des wahren religiösen Lebens, aber [sie] tritt nicht auf wie eine Religion, weil sie [diese] nicht zu ihrer Verbreitungsform macht, sondern nur wirkt auf die freie innere Seelensprache, als etwas, was zu der freiesten, inneren Entschlussfähigkeit der Seelen spricht; [sie] wird dahin kommen, so zu sprechen, dass so ihr tiefstes inneres Verständnis entgegenkommen soll, und das erfordert eine andere Verbreitungsform als die bisherige.
