Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
26 Januar 1919, Dornach
28. Zur Klassischen Walpurgisnacht – Ansprache zur Eurythmie II
[ 1 ] Verehrte Anwesende! Bevor wir zu unserer Aufführung schreiten, darf ich mir erlauben, die verehrten Freunde und unter uns anwesenden Gäste herzlich willkommen zu heißen und unsere besondere Freude darüber auszudrücken, dass diese verehrten Gäste wollen mit uns zusammen diese Aufführung ansehen.
[ 2 ] Ich werde mir erlauben, nur mit wenigen Worten auf dasjenige hinzudeuten, was dieser Aufführung zugrunde liegt. Wir werden zur Aufführung bringen die letzte Szene vom zweiten Akt des zweiten Teiles des Goethe’schen «Faust», also den Schluss der sogenannten «Klassischen Walpurgisnacht». Es ist dies eine Dichtung, eine Probe aus dem großen, umfassenden Weltgedichte, dem «Faust», durch die man vielleicht am allerintensivsten – wie ich glaube, überzeugt sein zu können – hineinsieht auf der einen Seite in Goethes umfassende und eindringliche Weltanschauung, in alle Intimitäten seines Seelenwesens, und auf der anderen Seite wiederum sieht, wie es möglich ist, dass durch ein, ein ganzes Menschenleben hindurch fortgesetztes, ehrlichstes Erkenntnis- und Kunst-Streben ein Größtes geleistet wird. Sodass wir gerade in dieser Szene etwas vor uns haben, was auf der einen Seite der Ausdruck ist für das allerallerintensivste Erkenntnisstreben, auf der anderen Seite der Ausdruck ist für höchstvollendete Künstlerschaft. Wohl kaum anderswo als bei Goethe ist das so erreicht, dass, ohne in die lehrgedichtartige Weise zu verfallen, Erkenntnisimpulse einer Dichtung zugrunde gelegt werden können. Und ohne dass man bloß formale Kunst treibt, dennoch wiederum, wie das hier der Fall ist, allem Künstlerischen, allem über das Lehrhafte völlig Hinausgehendem völlig gerecht wird, und doch tiefste Erkenntnis, tiefstes menschliches Streben zum Ausdruck bringt.
[ 3 ] Gerade diese Dinge sind es bei Goethe, die uns, die wir Geisteswissenschaft hier treiben wollen an dieser Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die uns zu Goethe heranziehen, die uns mit Goethes Weltanschauung so vereinen, dass wir aus einem tiefen Empfindungsimpuls heraus, aus einem Gefühl inniger Verwandtschaft, in der letzten Zeit dieser Freien Hochschule für Geisteswissenschaft den Namen «Goetheanum» gegeben haben, zum Ausdruck dafür, dass dasjenige, was wir treiben, sein solle eine Fortsetzung, im echten, wahren Sinne des Wortes eine Fortsetzung des Goetheanismus, der Goethe’schen Weltanschauung. Und man kann, man darf sagen: Gerade diese Szene, die Goethe wenige Jahre vor seinem Tode, im höchsten Alter geschrieben hat, nach einem Erkenntnisund Kunst-Streben, das sechs Jahrzehnte gedauert – sechs Jahrzehnte, bevor er diese Szene als den Ausdruck seines reichsten Strebens niedergeschrieben hat, hat er seinen Faust begonnen. – Intensivstes, von der Jugend bis ins höchste Alter hinaufreichendes Erkenntnis- und Kunst-Streben, dabei innerste künstlerische und erkenntnismäßige Ehrlichkeit – das ist dasjenige, was Goethes Schaffen gerade bei dieser Szene, die aber trotzdem uns tief hineinführt in das ganze Innerste seines Wesens. Und dieses Innerste seines Wesens ist ganz so, dass er immer den Augenblick hinrichtet auf die wirklich geistige Welt, auf die übersinnliche Welt, die zu der sinnlichen so hinzukommt, dass auch der Mensch mit seinem wahren, tiefsten Wesen dieser übersinnlichen Welt angehört.
[ 4 ] Und so war denn Goethe nicht bloß glaubensmäßig, sondern tief wissenschaftlich, könnte man sagen, durchdrungen davon, dass der Mensch sein wahres Wesen nur dadurch erkennen kann, dass er von der sinnlichen Welt in die übersinnliche, in die geistige Welt aufsteigt. Denn davon ging Goethe aus, dass er sich sagte: Wenn der Mensch nur diejenige Erkenntnis erwirbt, welche durch die Sinne gewonnen wird, welche durch das Werkzeug des Verstandes, der an das Gehirn gebunden ist, gewonnen wird, so kann der Mensch mit dieser Erkenntnis nicht in Wahrheit Selbsterkenntnis gewinnen. Goethe gehörte zu denjenigen Geistern, die auf der einen Seite ebenso über die bloße äußere Naturanschauung, wie auf der anderen Seite über einseitige obskurantistische Mystik hinaus strebten. Beide Verirrungen der menschlichen Natur wollte er vermeiden und durch wirkliche Selbsterziehung aufsteigen in die übersinnliche Welt. Er sagte sich: Wenn man bloß den gewöhnlichen Verstand, das gewöhnliche Bewusstsein verwendet, so kommt man nicht zu der Erkenntnis des Menschen, sondern nur zu der Erkenntnis eines Teiles, eines unvollständigen Teiles des Menschen, des Homunkulus, nicht des Homo. Das ist dasjenige, was Goethe bis ins höchste Alter begleitete, dass man eine andere, eine übersinnliche Erkenntnis braucht, um den Weg zu machen vom Homunkulus, vom unvollendeten Menschen, der eine Abstraktion ist, der ein unvollendetes Verstandesgebilde ist, zum wirklichen Erfassen des ganzen, in sich vollendeten Menschen.
[ 5 ] Dieses Problem steht nun hier auf der Bühne vor uns: der Weg menschlicher Selbsterkenntnis, der Weg, wie man vom Homunkulus, vom unvollendeten Menschlein, zum Homo, zum vollendeten Menschen kommt. Nur dadurch, dass man eine Erkenntnis gewinnt, die leibfrei ist, die das bloß Geistig-Seelische des Menschen gewinnt, das sich frei macht von den Sinnen, frei macht vom physischen Leib, kann man nach Goethes Überzeugung den wirklichen Menschen kennenlernen.
[ 6 ] Den Weg aber vom Homunkulus zum Homo, den sucht Goethe in echter künstlerischer Dramatik und zu gleicher Zeit in ehrlichem, ehrlichstem Erkenntnisstreben vor uns hinzustellen als gleichsam eine Entwicklung Fausts.
[ 7 ] Er lässt auftreten vor uns den Homunkulus in der Phiole, an der Seite des Thales, des alten Naturphilosophen. Er nimmt dieses Produkt mittelalterlicher Chemie bloß als ein Bild hin. Wir brauchen wahrhaftig nicht daran zu denken, dass Goethe abergläubisch geworden wäre und ein alchemistisches Produkt hinstellen wollte! Das ist nur das Bild, das Bild für dasjenige, was Goethe glaubte, dass der gewöhnliche Verstand vom Menschen einzig und allein erreichen kann. Aber die übersinnliche Erkenntnis soll das andere hinzutun. Das kann Thales nicht aufklären. Thales begleitet den Homunkulus nun in das klassische Griechentum, in das klassische Griechentum, wohin Goethe selbst gegangen ist, um Aufschluss zu gewinnen über dasjenige, was ihm in gewöhnlicher Erkenntnis nicht zuteilwerden konnte. Dass Thales dem Homunkulus selber keinen Aufschluss geben kann über das Menschwerden, das bringt eben zum Ausdruck, dass Goethe über die einseitige Naturerkenntnis und Naturphilosophie hinauswollte.
[ 8 ] Und so sehen wir denn, dass Goethe appelliert an ein anderes Bewusstsein zur Erkenntnis, in die wir so eintreten, wie wir aus unserem Leib heraustreten, wenn wir des Nachts schlafen, aber da bewusstlos werden. Das meint Goethe: Wenn der Mensch so aus seinem Leib heraußen ist wie im schlafenden Zustand, aber dann nicht bewusstlos ist, sondern bewusst, dann kommt er vom Homunkulus zum Homo, dann gelangt er zu wirklicher Selbsterkenntnis.
[ 9 ] Dieses Hineinsichbegeben in eine übersinnliche ErkenntnisSphäre, das wird schon dadurch ausgedrückt, dass im Anfange die Sirenen auftreten. Goethe hatte es selber ausgedrückt zu seinem Freunde Eckermann: Derjenige, der als Eingeweihter diesen Faust ansieht, der wird seine Tiefen in diesem Faust entdecken; derjenige aber, der mit bloß naivem Gemüte die Bilderfolge ansehen wird, der wird auch zu seiner Rechnung kommen, der wird eben eine dramatische Bilderfolge sehen.
[ 10 ] Aber Goethe wollte, trotzdem er die Sirenen auftreten lässt – wir kennen sie aus der griechischen Mythologie –, er wollte zugleich in den Klängen dieser Sirenen das zum Ausdruck bringen, was den Menschen hinausführt aus dem gewöhnlichen Bewusstsein, dem gewöhnlichen Verstand, das ihm seine Selbsterkenntnis gibt, in jene Regionen, wo sonst der Mensch nur träumen darf, wo aber, wenn er wacht, ihm seine Selbsterkenntnis wird. Und da sehen wir, dass Goethe nun – und das ist das Ehrliche, das Grundehrliche seines Erkenntnis- und Kunststrebens –, dass Goethe sich sagte: Zu irgendeiner Imagination bringe ich es nicht. – Das kann erst die heutige Geisteswissenschaft! Zu Goethes Zeit war das noch nicht möglich, auch nicht einem so Großen, wie Goethe es war, aber er nimmt seine Zuflucht zur griechischen Mythe. Er wusste wohl, dass es bloß eine fable convenue der Gelehrsamkeit ist, wenn man glaubt, dass in den mythischen Bildern der ägyptischen, der griechischen Mythe bloß eben Mythe, bloß eben Dichtung, bloß Phantasieprodukt enthalten wäre. Er wusste, dass wenn man sich in die Region versetzt, wo die griechischen, die ägyptischen Mythen und Götterbilder entstanden, dass man da in der Region ist, wo zu gleicher Zeit Wahrheit erfühlt und erlebt wird über den Menschen.
[ 11 ] Und so schafft er heran die griechischen Dämonengestalten, zunächst Nereiden und Tritonen, diejenigen Gestalten, die Elementargewalten des Meeres sind. Sie sind aber auf dem Wege nach etwas, was den Griechen mehr wert war als das Meer und seine Dämonen: Sie, die Nereiden und Tritonen, sind auf dem Wege nach Samothrake, wo die heiligen Mysterien der Kabiren sind. Und so sehen wir, dass Goethe da, wo er die Frage beantworten will: Wie wird das, was sich der Mensch von sich selber vorstellt, zum wirklich vollendeten Menschen im Sinne der Selbsterfassung, Selbstergreifung? – Da führt Goethe die höchsten Götter ins Feld, die heiligen Kabiren, die in den Mysterien von Samothrake gelehrt wurden. Das war dasjenige Mysterium der Griechen, das war die Schule der Mysteriengestalten, aus der die Griechen ihre Unsterblichkeitsidee, das Höchste, was ihre Weltanschauung durchglänzte, erhalten hatten.
[ 12 ] Diese eigentümlichen, für die heutige Gelehrsamkeit rätselhaften Kabiren – ich habe versucht, sie nachzukonstruieren in ihrer primitiven Einfachheit. Primitive Götterbilder sind immer außerordentlich einfach und außerordentlich charakteristisch. Sie werden sie sehen, wie ich sie versucht habe, nachzubilden, diejenigen Götterbilder, welche die Griechen verehrten als diejenigen dämonischen Gestalten, die mit dem Werden des Menschen, von jenem phantastischen Gebilde, zu dem nur der menschliche Verstand kommt, und das der Homunkulus ist, bis zum Homo, das zum Werden des Menschen also führt, zu tun haben.
[ 13 ] Und dann sehen wir, wie Goethe andere Gestalten auftreten lässt: Beim alten Nereus, beim Meeresdämon, soll sich der Homunkulus erkundigen, an der Hand des Thales, der selber keine Auskunft geben kann, wie man Mensch werden kann. Nereus ist, ins Dämonische hinaufgehoben, der Repräsentant des menschlichen griechischen Verstandes. Dieser menschliche Verstand führt aber nur dazu, gerade zurückzuweisen die tiefsten menschlichen Fragen. Wir werden den sauren Griesgram auftreten sehen, in höchster Potenz, selbst bis zur prophetischen Gabe den menschlichen kritischen Verstand, alle keine Auskunft geben könnend über dasjenige, wie man Mensch wird aus dem Menschlein Homunkulus, zu dem also der Verstand kommt.
[ 14 ] Dann sehen wir, wie Nereus aber schon hinweist auf das Auftreten seiner Tochter Galatee. Diese Galatee, die auf dem Muschelwagen auftritt, ist von ihren Schwestern, den Doriden, begleitet; sie stellt uns dar die Werdekraft in der Natur, die zu gleicher Zeit die Werdekraft im Menschen ist. Mit ihr sich zu verbinden in übersinnlichem Erleben, in übersinnlicher Anschauung, das ist dasjenige, was Goethe zum Ausdruck bringen wollte.
[ 15 ] Vorerst wird noch auf Proteus verwiesen, der in drei Gestalten auftritt, den Dämon der Verwandlung: zuerst als Schildkröte, dann in menschlicher Gestalt, dann als Delfin. Goethe wusste wohl, dass, wenn man die einzelnen Naturformen, die Tier- und Menschenformen miteinander vergleicht in ihren Verwandlungen, manche Rätsel gelöst werden. Aber zugleich war er so wahrheitsehrlich, so erkenntnisehrlich, dass ihm all das nicht genügte, dass auch dasjenige, was der Proteus in seiner Selbstverwandlung über die Verwandlungen bieten konnte, ihm nur sagte: So dringen wir doch nicht zum Erkenntnisrätsel vor.
[ 16 ] Und dann lässt er auftreten die Telchinen von Rhodus, auf Hippokampen und Meerdrachen, mit Neptuns Dreizack – [mit der Frage], ob diese alten göttlichmenschlichen Wesenheiten, die die ersten Kunstwerke in menschlicher Gestalt geformt haben, dass die vielleicht hinführen können zu dem Geheimnis der Menschwerdung? Auch das genügt nicht. Die Telchinen von Rhodus haben Götter zuerst in höchster Vollendung in Menschengestalt dargestellt. Goethe glaubte, indem er die italienischen Kunstwerke ansah, auf das Wesen der griechischen Kunst, dem er gegenüber einen Standpunkt zu gewinnen trachtete, auf die Spur gekommen zu sein, indem er sagte: Da ist Notwendigkeit, da ist Gott. So schrieb er an seine Weimarer Freunde. Goethe glaubte, ein Stück des Weges vom Homunkulus zum Homo könne man auf dem Wege der Kunst vollenden. Er ist ein ehrlicher Erkenntnisringer. Auch das führt nicht zur wahren menschlichen Selbsterkenntnis. Und so sehen wir denn, wie Goethe alles heranzieht, was den Menschen versetzt in eine übersinnliche, in eine geistige Welt. Er sagt gleichsam: Ja, da drinnen lernt der Mensch sich selbst kennen als ein übersinnliches, unsterbliches, ewiges Wesen.
[ 17 ] Aber diese Erkenntnis, sie huscht an einem vorüber. Lebt man sich hinein in alles dasjenige, was als Werdekraft und Werdewesen wie der Wagen der Galatee durchwellt, die Menschheit trennt und bindet, so muss man in dem Augenblick, wo man etwas erfasst zu haben glaubt von dem Geheimnis des übersinnlichen Menschen, man muss heraus. Es ist so, wie wenn man aus nächtlichem Schlaf erwacht – es wird ja auch hier eine Nacht angegeben, der Mond beleuchtet die ganze Szene –, so glaubt man unmittelbar vor dem Erwachen erfasst zu haben in einem Traum, der mehr als Traum ist, der Wahrheit ist, das übersinnliche menschliche Wesen: Man taucht unter in die Welt der Elemente, in der Augen sehen in der gewöhnlichen Weise, in der Ohren hören, in der der Mensch tastet in der gewöhnlichen Weise, in der Feuer, Wasser, Erde und Luft in äußerer, materieller Weise wahrgenommen werden, da zerschellt wiederum dasjenige, was wir von der Menschheitsidee erfasst haben im überirdischen Sinne!
[ 18 ] Das stellt Goethe großartig dramatisch am Schluss dieser Szene dar, wie Homunkulus, der da Mensch werden will, am Muschelwagen der Galatee zerschellt, in die Elemente aufgeht. Das ist dasjenige, was der wirklich erlebt, der strebt nach höchster Menschheitserkenntnis und diese Erkenntnis dann in das gewöhnliche Leben hereintragen will. Im gewöhnlichen Leben wird nicht Menschenerkenntnis; gewinnt man sie im übersinnlichen Erleben: Sie zerschellt am gewöhnlichen Erleben.
[ 19 ] Diese dem Menschen so nahegehenden äußeren Erfahrungen, diese höchsten Erfahrungen des menschlichen Lebens, Goethe hat sie dichterisch dargestellt; beziehungsweise sie kann auf eine gewöhnliche, bühnenmäßige Weise nicht vollständig dargestellt werden können. Wir haben versucht, mit Hilfe unserer eurythmischen Kunst, die bei uns gepflegt wird, welche eine Gebärdenkunst ist, Gebärden, die nicht so, wie die anderen Gebärden, willkürlich gemacht sind, sondern die mit strenger innerer Gesetzmäßigkeit, so wie die musikalische Gesetzmäßigkeit selber zustande gekommen ist, mit Hilfe dieser eurythmischen Kunst haben wir versucht, diese Szene darzustellen. Und so hoffe ich, dass auch unsere verehrten Gäste Freude daran haben werden, diese Szene zu sehen, in der Goethe in solcher Weise die Größe desjenigen, was in einer Dichtung und durch eine tiefgehende Weltanschauung möglich ist, zeigt, in einer Szene, in der sich das ganz besonders entwickelt.
