Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
12 Juni 1919, Heidenheim
103. Die Kernpunkte der sozialen Frage und der dreigliedrige soziale Organismus
[ 1 ] Der öffentliche Vortrag von Herrn Dr. Steiner füllte gestern Abend die Konzerthaussäle dicht aus allen Kreisen und Parteien aus Stadt und Umgegend. Alles war gespannt, aus dem Munde des gegenwärtig so viel genannten Sozialpolitikers seine neuen Ideen selbst zu vernehmen und sie sich erläutern zu lassen. Herr Dedermann eröffnete die Versammlung mit der Bemerkung, dass die Revolution bisher nicht das gebracht habe, was aus dem Chaos herausführe, und dass Herr Dr. Steiner uns dazu den Weg zeigen wolle. Herr Dr. Steiner ergriff sodann unter gespannter Aufmerksamkeit der Versammlung das Wort zu seinem Vortrag über «Die Kernpunkte der sozialen Frage und der dreigliedrige soziale Organismus ». Die soziale Frage, schon seit 50 Jahren vorbereitet, ist durch die Revolution akut geworden und erfordert die Stellungnahme jedes Einzelnen dazu. Hinter der proletarischen Bewegung ist heute eine allgemeine Menschheitsbewegung zu sehen und die proletarischen Forderungen sind Menschheitsforderungen geworden. Zur Lösung dieser Frage aber muss sie herausgehoben werden aus dem bloßen Wirtschaftsleben, da sie nicht bloß eine Magenfrage ist, und muss auf ein höheres Niveau gehoben werden zur Dreigliederung des sozialen Lebens: in das Geistesleben, das Rechtsleben und Wirtschaftsleben. Mit der Behauptung, die proletarische Bewegung sei hervorgegangen aus dem Eingespanntsein der Arbeiter, ist nur ein Teil der Wahrheit gesagt. Die Zeit der Technik hat ein besonderes Geistesleben hervorgebracht und dies besondere Geistesleben der führenden leitenden Kreise war von großem Einfluss auf das moderne Proletariat, und unter seinem Einfluss hat sich eine große Kluft zwischen beiden aufgetan, die, eine Kultursorge der Gegenwart, überbrückt werden muss, sollen wir aus dem Chaos herauskommen. Es trafen die moderne naturwissenschaftliche Geistesrichtung in ihrer Abstraktheit und unfruchtbare nicht seelentragende Weltanschauungen zusammen mit der Entwicklung der Industrie und des Kapitalismus. Es brach sich unter dem Proletariat die Auffassung Bahn, dass der Mensch nur ein höher entwickeltes Tier sei, und diese schuf in ihm eine Seelenleerheit, durchzittert von der Sehnsucht nach Höherem. Daraus, dass auch die führenden Kreise nichts anderes kannten und erstrebten, entstand die Auffassung, dass nur das rein Wirtschaftliche maßgebend sei, dass die soz[iale] Frage nur eine Brot- und Magenfrage sei. – Dabei aber verödet die Seele. Dazu kam, dass das Geistesleben der führenden Kreise dem wirklichen Leben fremd geworden war und unter dem Einfluss der Technik und des Kapitals nicht mehr fähig, die sozialen Fragen zu lösen. Einige angeführte Beispiele versuchten, dies drastisch nachzuweisen. Wenn gegen früher manches besser geworden, ist dies mehr dem beharrlichen Kampf des Proletariats als etwa dem freien Willen der leitenden Kreise zu verdanken. Nun entstand das Bestreben, die Schule, also die Geistesbildung ganz vom Staate aufsaugen zu lassen. Früher, sagte man, trug die Wissenschaft der Kirche die Schleppe; heute trägt sie dem Staat die Schleppe. Der Staat ist zur Führung des Geisteslebens nicht fähig. Das Erziehungswesen muss ganz auf eigene Füße gestellt, losgelöst vom Staate werden. Die Schule darf nicht vom Staate zur Unfruchtbarkeit verurteilt werden und muss im Leben wurzeln. Selbstverwaltung ist der Schule von oben bis unten zu geben; sie muss dem freien Geistesleben und nicht dem Staate dienen; alle Vorurteile dagegen müssen gebrochen werden. Auch das Rechtsleben muss auf neue Grundlagen gestellt werden, da es vielfach mit Ballast beschwert ist. Im Menschen selbst ruht ein sicheres Rechtsbewusstsein. Zur Zeit des Kapitalismus brauchte man ein verstandesmäßig gebildetes Proletariat zur Ausbeutung. Aber in demselben entwickelte sich ungewollt das Gefühl für Menschenrechte, jedoch es fand bei den führenden Klassen statt Menschenrechte Klassenvorrechte, Klassenbenachteiligung. Es fand, dass seine Arbeitskraft nur [eine] Ware ist, von Angebot und Nachfrage abhängig, die gekauft werden kann und möglichst billig gekauft wird; es fand statt menschenwürdigem Dasein moderne Sklaverei. Deshalb muss auch das Wirtschaftsleben auf eine andere Grundlage gestellt werden. Es muss ein Strich gezogen werden zwischen ihm und dem Staat: es muss aus dem Staat herausgelöst werden. Im Staatsleben muss im Sinne wahrer Demokratie das Rechtsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeiter festgesetzt werden, es darf nicht von der Wirtschaft abhängen. Das ins Wirtschaftsleben hineinragende Kapital und die damit zusammenhängende Lohnfrage müssen herausgenommen werden, dann erscheint das wahre menschliche Bedürfnis. Es soll produziert werden, nicht um zu profitieren, sondern um zu konsumieren. Für seine Leistung erhält der Arbeiter so viel als er und die Seinen zum Leben brauchen. Anstelle der Kapitalwirtschaft soll sich eine Verbrauchsgenossenschaft herausbilden, die Betriebe, für die kein Bedürfnis vorhanden ist, stilllegt. Das Kapital, nur zur Ausgestaltung der Produktionsmittel nötig, soll nur verwaltet, nicht auch vererbt werden. Es soll sich nicht ungesund anhäufen, sondern zirkulieren in den Händen der Fähigsten als Gemeingut der Allgemeinheit. Dann gibt es keine Lohnverträge mehr, sondern nur Verträge zwischen freien Gesellschaftern.
[ 2 ] Durch solche Dreigliederung in freies Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben entsteht erst die wahre Einheit: sie verbürgt die Menschheitsforderung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – nicht der Einheitsstaat. Der war ja gerade das Unglück und hat die Weltkatastrophe hervorgerufen, dadurch, dass sich im internationalen Verkehr die drei Glieder ineinander verschoben. Wir müssen stark werden in der Seele, um die Wunden des Krieges zu heilen. Wir dürfen aber nicht im Einzelnen herumdoktern, sondern müssen Großzügiges schaffen. Dazu wäre aber vor allem die Sozialisierung der Köpfe notwendig: Dann ist die Lösung der proletarischen Frage da und die Befreiung der Arbeiterklasse wie der ganzen Menschheit. Warmer Beifall folgte auf diese großzügigen Ausführungen, die als hohe Gedanken geeignet sind, die Menschheit in glücklichere Bahnen zu lenken, wenn die rechten Wege zu ihrer Verwirklichung gefunden und begangen werden. Zur Diskussion sprach Herr Schmeißer von der Unabhängigen Sozialdem[okratischen] Partei und meinte, seine Partei sei in der Sozialisierungsfrage im Endziel mit H[errn] Dr. Steiner einig, nur die Wege dahin wünsche sie anders. Man müsse schnell handeln, um aus dem Chaos herauszukommen. Die Betriebsräte seien ihr keine Dekorationssache: die herrschenden Klassen aber hingen noch zäh an alten Vorrechten. Zusammenschluss aller sei notwendig dagegen. Die Klassengegensätze zwischen Kopf- und Handarbeitern müssten verschwinden. Die Revolution habe nichts anderes gebracht als neuen Militarismus; ein besonderer Dorn im Auge ist ihm die Bürgerwehr für die hier kein Grund vorhanden sei. Hierauf sprach seitens der Mehrheitssozialdemokratie Herr Ingenieur Dr. Buff, der die Ausführungen des Redners als im Erfurter Programm enthalten bezeichnete und ausführte, die Sozialdemokratie habe die Dreigliederung immer erkämpft. Die Sozialisierung bei uns aber nütze nichts, solange nicht das internationale Kapital zerstört sei. Auf heftige Einwürfe von unabhängiger Seite erwiderte er, die Mehrheitssozialdem[okratie] kämpfe nicht mit Maschinengewehren, sondern wolle die schlechten Elemente unter den Proletariern ausmerzen. In seinem Schlusswort wandte sich Dr. Steiner gegen beide Diskussionsredner, die ihn und seine Ausführungen gründlich missverstanden hätten. Man sah es ihm an, dass es ihn schmerzte, kein besseres tieferes Verständnis gefunden zu haben. Besonders wandte er sich gegen das starre Dogma des Erfurter Programms, das den Parteiführern über alles gehe und das von ihren Anhängern oft verständnislos nachgeplappert und angewendet werde. Die neue Zeit verlange neues Denken und Empfinden. Nicht das Hängen an einem als unfähig erwiesenen Parteiprogramm sei Lebensnotwendigkeit für die am Ruder stehende Sozialdemokratie, sondern wirklichkeitsgemäßes Handeln. Redner stützte sich dabei auf seine in bald 60 Jahren gewonnene Menschenkenntnis aus allen Parteirichtungen und schilderte ausführlich, wie er auf seine Ideen gekommen sei, und seine Lebenserfahrung als Hand- und Kopfarbeiter gewonnen habe. Mit feinem Spott warnte er die Diskussionsredner sogar vor ihrer geäußerten Übereinstimmung mit ihm, da sie ihnen bei der starren Dogmatik der Parteiprogramme und bei der «Unduldsamkeit der Parteipäpste» gefährlich werden könnte. Aus den Ausführungen Dr. Steiners war deutlich zu sehen, dass er nicht ein mit Schlagworten schmackhaft gemachtes Programm geben, sondern aus tiefgreifender Erkenntnis der Wirklichkeit heraus die großen Richtlinien zeigen will, wie die brennenden sozialen Probleme nicht einseitig, sondern in ihrer Gesamtheit gelöst werden können.
