Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
13 Juni 1919, Esslingen
104. Betriebsräte und ihre Beziehungen zu den Verkehrs- und Wirtschaftsräten
[ 1 ] Es gibt Gott sei Dank in Deutschland Leute, die den ehrlichen Willen haben, ihr Bestes zum Wiederaufbau des Vaterlandes beizutragen und sich nicht scheuen, mit ihren dazu geeignet erscheinenden Vorschlägen an die Öffentlichkeit zu treten. Zu diesen gehört Dr. Rudolf Steiner, der mit seiner Lehre über die Dreigliederung des sozialen Organismus in der letzten Zeit viel von sich reden machte und auch, wie es allen in der Öffentlichkeit tätigen Personen geht, die Kritik derjenigen über sich ergehen lassen muss, die seinem Gedankengang aus irgendwelchen Gründen nicht folgen können oder die Durchführung seiner Vorschläge für unmöglich halten. Er hält die Lösung der verschiedenen sozialen Fragen von einer Stelle aus für unmöglich und schlägt deshalb eine Gliederung in drei Hauptgebiete vor: 1. das geistige, 2. das rechtliche oder politische und 3. das wirtschaftliche. Jedes dieser Gebiete soll selbstständig für sich verwaltet, alle zusammen aber auf den breiten Boden eines neu zu bauenden sozialen Lebens gestellt werden, auf dem sie sich berühren und gegenseitig ergänzen zu einem einheitlichen neuen Staatsleben, in dem alle Kräfte nutzbringend verwertet werden zum Wohle der gesamten Menschheit.
[ 2 ] Zum Zwecke der Verwirklichung der Steiner’schen Vorschläge hat sich ein Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus gebildet, auf dessen Einladung sich gestern Abend viele Männer und Frauen im Kugel’schen Saale versammelten, um einen Vortrag Dr. Steiners über die Betriebsräte und ihre Beziehungen zu den Verkehrs- und Wirtschaftsräten zu hören. Ehe er zu diesem Thema sprach, knüpfte er an seinen vor einigen Wochen hier gehaltenen Vortrag an und legte die Kernpunkte seiner Idee für die Lösung der sozialen Fragen dar. Man kann im Einzelnen mit ihm einverstanden sein oder nicht, im Ganzen wird man seine Vorschläge beim Aufbau eines neuen Staats- und Wirtschaftslebens wohl verwerten können, und es wäre sehr zu wünschen, dass das Brauchbare daraus nicht verloren ginge. Die Betriebsräte, wie sie Steiner vorschlägt, sind nicht zu verwechseln mit den in größeren Betrieben schon jetzt bestehenden Arbeiterausschüssen. Sie sollen aus Angestellten und Arbeitern zusammengesetzt sein, ja auch den Betriebsinhaber selbst, wenn er es will, einschließen. Ihre Aufgabe wäre die Regelung der Produktion, des Absatzes (Verkehrs) der Waren nach dem Verbrauch, nicht, wie es seither im kapitalistischen Erwerbsleben teilweise ausschließlich der Fall war, nach dem Verdienst. Die Betriebsräte würden zusammen eine Räteschaft für ein abgeschlossenes Wirtschaftsgebiet (zum Beispiel eine Landesversammlung für Württemberg) bilden, welche alle grundlegenden Fragen behandelt, während die Betriebsräte selbst den Besonderheiten, wie sie jeder Betrieb hat, Rechnung tragen könnten. Diese Betriebsräteschaft müsste auch das gesamte Verkehrswesen (Eisenbahn, Post usw.) umfassen. Auf diese Weise ließe sich eine richtige Sozialisierung, die für einzelne Betriebe unmöglich sei, durchführen. – Die mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Ausführungen des Redners fanden den lebhaften Beifall der Versammlung.
[ 3 ] Der Vorsitzende des Abends, Herr Hüttelmeyer, dankte ihm und forderte die geistigen Arbeiter (Angestellte usw.) auf, mehr als seither mit den Handarbeitern Fühlung zu nehmen und in gemeinsamer Arbeit die Lösung der sozialen Fragen zu versuchen. Es folgte dann eine rege Aussprache, an der sich die Herren Haupt, Dill, Pfisterer, Klein und Lorenz beteiligten. Ihre Ausführungen waren im Allgemeinen den Gedanken Steiners zustimmend, in einzelnen Punkten kamen auch Abweichungen zutage, auf die dann der Hauptredner in seinem Schlusswort sachlich erwiderte. Der Verlauf des Abends machte einen sehr guten Eindruck. Es war ein ehrlicher Meinungsaustausch zwischen Leuten, denen an der Schaffung guter sozialer Verhältnisse etwas gelegen ist, und man möchte wünschen, dass öfter solche Aussprachen unter Beteiligten aller Stände stattfinden. Denn nicht durch gegenseitige Bekämpfung, sondern durch Verständigung werden soziale Gegensätze ausgeglichen und Wege zu Besserungen, wenn solche nötig sind, gefunden.
