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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

25 June 1919, Pforzheim

105. Die Kernpunkte der sozialen Frage

[ 1 ] Die Kernpunkte der sozialen Frage. Dies bildete den Gegenstand eines Vortrages, den am Mittwochabend Herr Dr. Rudolf Steiner im Auftrag des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» im Lutherhaussaale vor einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft hielt und der auch von dem genannten Herrn in einem ebenso betitelten Buche des Näheren behandelt worden ist. Herr Steiner erblickt die Rettung unseres Vaterlandes aus der durch den Friedensschluss so misslich gewordenen Lage darin, dass sofort folgende Forderungen verwirklicht werden: 1. völlige Verselbstständigung des Geisteslebens, einschließlich Erziehungsund Schulwesen. 2. Einschränkung des Staatslebens auf alle diejenigen Lebensverhältnisse, für welche alle Menschen voreinander gleich sind. 3. Regulierung der umgebildeten Lohn- und Besitzverhältnisse durch den Rechtsstaat, mit völliger Herauslösung aus dem Wirtschaftsleben, sodass dieses mit nichts anderem zu tun hat als mit Gütererzeugung, Güterverteilung und Güterverbrauch. Während auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens die Betriebsräte gefordert werden, welche zu einer Betriebsräteschaft zusammengeschlossen die praktische Durchführung einer vernünftigen Sozialisierung zu gewährleisten hätten, so[ll] parallel damit die Erneuerung des Geisteslebens durch Gründung eines Kulturrates in Angriff genommen werden. Herr Steiner will neue Wege auf dem Gebiet der Innen- und Außenpolitik zeigen und sucht für diese von ihm propagierten Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus Anhänger aus allen Berufen, Lebenskreisen und Parteien zu werben. Man muss dem Genannten das Zeugnis ausstellen, dass er mit viel Wärme und Überzeugungstreue für seine Sache eintritt, ob aber der von ihm gezeigte Weg der richtige ist, kann nicht ohne Weiteres bejaht werden. Uns als Sozialdemokraten kann man es jedenfalls nicht verdenken, wenn wir den von unseren berufenen Führern gezeigten Weg, aus der kapitalistischen Wirtschaftsform zur sozialistischen Gesellschaftsordnung zum Wohle der gesamten Menschheit zu gelangen, für den richtigeren halten als ihn uns in nicht immer leicht verständlicher Weise Herr Dr. Rudolf Steiner darlegt. Mit dem von Herrn Steiner geforderten «sofort» ist es nicht getan. Zur Sozialisierung unseres Wirtschaftslebens ist ein weiter, an Hindernissen reicher Weg planmäßig zurückzulegen, will man nicht auf halber Strecke zusammenbrechen. Und die Dreigliederung ist kein Allheilmittel, aus dem gegenseitigen Kampf der Meinungen und Gewalten herauszukommen; ein sich gegenseitiges Abschließen, ein Herauslösen aus dem Ganzen beseitigt keineswegs die gegenseitigen Reibungsflächen. Immerhin aber wird man zugeben müssen, dass Steiners Weiterbau auf den grundlegenden Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels recht beachtenswerte Beiträge zur Lösung der sozialen Weltgestaltungsfrage darstellen, wenn auch manches anders werden wird, wie er und andere sich das theoretisch heute aufbauen.

[ 2 ] Wenn Herr Steiner sich mit einem Unterton von Bitterkeit dahingehend ausspricht, es stünde in Deutschland heute besser, wenn man früher schon seine Ideen mehr beachtet und sie insbesondere den 14 Punkten Wilsons entgegengestellt hätte, so ist darauf zu sagen, dass vor der Revolution die Demokratisierung und Sozialisierung eben allen im Staate maßgebenden Faktoren leider ein Gräuel war und erst unter dem Zwange der Revolution tritt man nun dieser Frage näher. Dass aber bei dem westländischen hasserfüllten Kapitalismus und dem anglo-amerikanischen Imperialismus die Steiner’schen Ideen mehr Anklang gefunden hätten als die 14 Punkte eines der Ihrigen, und zwar eines der Mächtigsten, ist nicht anzunehmen. Ein großes Verdienst erwirbt sich indessen zweifellos Herr Steiner, dass er die Ideen des Sozialismus auch den Kreisen beibringt, die sozialdemokratischen Versammlungen fernbleiben, wie ja auch am Mittwochabend wohl die Mehrheit der Erschienenen sich aus Angehörigen der bürgerlichen Parteien zusammensetzten, welche mit gespannter Aufmerksamkeit den zweistündigen, von Begeisterung für den völkerbefreienden Sozialismus getragenen Ausführungen folgten und lebhaft Beifall spendeten. – Bei der anschließenden Diskussion suchte das USPDsche Dreigestirn Trantz, Spengler und Schmidt ihr spezielles Parteisüpplein am entfachten Begeisterungsfeuer zu kochen, indem jeder der Herren das ihm besonders Zusagende aus dem Steiner’schen Vortrag herausgriff und zu unterstreichen bzw. im eigenen Parteisinne auszulegen suchte. Dagegen und insbesondere mit der Gleichstellung der von Herrn Steiner geforderten Betriebsräte, die ja ähnlich in der Reichsverfassung verankert werden, mit dem russischen Rätesystem wehrte sich Herr Steiner mit aller Entschiedenheit, nachdem schon ein anderer Redner der Ansicht Ausdruck verliehen hatte, dass eine Diskussion wohl besser unterblieben wäre. Die Betriebsräte haben mit dem auf antidemokratischer Basis stehenden russischen Rätesystem gar nichts gemeinsam, wie Herr Steiner überhaupt die Diktatur entschieden verwarf. Erst gegen ½12 Uhr [war] der hochinteressante Vortragsabend, der sicher dem Steiner’schen Ideenkreis viele Anhänger geworben hat, zu Ende. Über diese Fragen soll in geschlossenen Versammlungen des Bundes für Dreigliederung weiter debattiert werden.