Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
31 Juli 1919, Schwenningen
106. Sozialisierung und Betriebsräte
[ 1 ] Der hiesige Bund der Geistesarbeiter hat es sich neben anderem zur Aufgabe gemacht, über wichtige Geistesströmungen der Vergangenheit sowohl als auch der Gegenwart in weitesten Kreisen Aufklärung zu schaffen. Aus diesem Grunde veranstaltete er am 31. Juli im Saalbau einen Vortragsabend, der sehr stark besucht war und bei dem Dr. Rudolf Steiner sprach über «Sozialisierung und Betriebsräte». Steiner hat nicht nur in Stuttgart, sondern auch in anderen Teilen des Landes und des Reiches größtes Aufsehen erregt mit seinen durchaus neuen und eigenen Ideen und Gedanken. Er hat, das spürt man dem Manne schon an, wenn er auftritt, den starken Willen, den glühenden Drang im Herzen zu helfen, zu helfen aus der Not, in die Deutschland geraten ist. Er meint, die Gedanken von Marx und Engels wären geeignet gewesen zur Neugestaltung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Lebens vor der Katastrophe, heute aber sei es anders, da müsse eine neue, eine etwas andere Lösung gefunden werden. Er untersuchte daher in seinen Ausführungen die soziale Frage in ihrer dreifachen Gestalt: als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage und meinte, der Ruf nach Sozialisierung sei nicht nur aus dem Wirtschaftsleben hervorgegangen, sondern auch aus dem Geistes- und Rechtsleben: Der Arbeiter wolle teilnehmen an der Kultur der Minderheit, die von dieser Minderheit für sich in Anspruch genommen wird und auf dem Wege ist, eine Luxuskultur zu werden. Der Arbeiter wolle ferner in Zukunft nicht mehr, dass seine Arbeitskraft als Ware angesehen werde, mit der er Handel treiben muss, der sich regelt nach Angebot und Nachfrage. Steiner schlägt darum vor, die drei oben angedeuteten Gebiete im bisherigen gesellschaftlichen Leben des Staates zu trennen und alle drei Gebiete: das Wirtschaftsleben, das Rechtsleben oder politische Leben im engeren Sinn und das Geistesleben oder Kulturleben im engeren Sinn auf sich selber zu stellen. Im Wirtschaftsleben soll dann Sozialismus herrschen, im Staatsoder Rechtsleben Demokratie (volle Gleichberechtigung aller) und im Geistesleben sollen die individuellen Werte (die besondere Begabung des Einzelnen) zur Geltung kommen. Mit einer bewegten Aufforderung, zu handeln, ehe es zu spät sein werde, schloss Dr. Steiner seine von tiefstem Fühlen getragenen Ausführungen, hinter denen, wie man wohl sah, eine starke, reife, sich ihrer Aufgabe voll hingebende Persönlichkeit voll stärkster Eigenart stand. Und diese Persönlichkeit vor allem war es, die, so viel man sehen konnte, auf die Zuhörer einen so starken Eindruck machte, dass ein spontan einsetzender, reichster Beifall den Redner lohnte, obwohl man den Eindruck hatte, und haben musste, dass das Vorgetragene noch nicht allenthalben aufgenommen und verstanden sein konnte. An der Aussprache beteiligten sich ganz im Sinne des Redners zwei Stuttgarter, die Herren Molt und Hahn. Nach einem eindringlichen Schlusswort Dr. Steiners schloss der Vorsitzende, Herr Rektor Kimmich, die Versammlung, die einen überaus anregenden Verlauf genommen hatte. Nach derselben fand im Nebenzimmer des «Rössle» noch eine eingehende Aussprache statt über die Betriebsräte. Zur Lösung des Problems sollen, wie wir hören, weitere Schritte unternommen werden.
