Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
26 November 1919, Schaffhausen
107. Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage
[ 1 ] Die soziale Frage zu lösen, hieße der Menschheit die harmonische Einheit des Lebens zu vermitteln. Dr. Rudolf Steiner hat es unternommen, die Grundlage zu dieser Lösung festzulegen, wie er in einem Vortrag in der Aula am Mittwochabend darzustellen suchte. Das Thema lautete: «Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage». Nur wenn diese drei Gebiete sich harmonisch ergänzen, wird der Menschheit eine glücklichere Zukunft beschieden sein. Diese Erkenntnis lebe eigentlich schon seit einem Jahrhundert in der Menschheit, aber der Einheitsstaat mit seiner gesetzesmäßigen Diktatur ließ sie nicht zur Auswirkung kommen. Durch die Weltkatastrophe habe sich nun die Erkenntnis neu an die Oberfläche gedrängt. Karl Marx sei heute noch die bedeutendste Gestalt, die das Denken und Fühlen des Proletariates erfasst hatte, nicht aber die soziale Frage in ihrer Gesamtheit.
[ 2 ] Der Redner bezeichnet es als einen Irrtum, das Geistesleben des Volkes als eine Ideologie zu bewerten, weil alles sich aus dem Leben heraus entwickle. Die führenden Kreise glauben heute noch, an der Vergangenheit festzuhalten, die einst die freie Forschung unterbunden hatte. Deshalb bestehe heute eine so gewaltige Kluft zwischen den geistigen und kulturellen Werten und dem Leben der Wirklichkeit, sonst wäre eine solche Katastrophe, wie der Krieg, nicht möglich. Der heutige Stand der Technik beweise, welch gewaltige Leistungen das äußere Denken der Menschheit fertig bringe, wie viel menschliche Kraft ersetzt werden könne. Aber das sei nur der äußere Triumph, der nicht die Stoßkraft der Menschenliebe zu entwickeln vermochte und deshalb der Glaube, dass das Geistesleben nur Ideologie sei. Aber diese Ideologie könnte auch Wirklichkeit sein. Auch das Denken des Proletariats entwickle sich nur noch nach einer Richtung, im Glauben an Karl Marx, der auch nur auf das tote Äußere aufbaute. Nicht auf der Überlieferung, sondern auf der Entwicklung soll die Zukunft sich aufbauen. Nicht der Ruf: Proletarier vereinigt euch, nicht die Diktatur des Proletariats sei der Weckruf, sondern die politische Gleichstellung aller im sozialen Leben. Deshalb werden auch die schönsten Programme der politischen Parteien der Menschheit nicht helfen. Die geistige Wertung des Menschen und seine Arbeitsleistungen müssen in den Vordergrund gestellt werden. Nicht der Staat soll die geistige Entwicklung des Individuums bestimmen, sondern seine freie Entfaltung. Dadurch soll auch die Demokratie im Wirtschaftsleben möglich werden. Die Bekämpfung des Kapitalismus ist zum Schlagwort geworden, aber ohne Kapital keine Produktion, aber die Fähigkeit soll für den Beruf oder das Amt ausschlaggebend sein und den Bedürfnissen der Allgemeinheit soll auch das Kapital dienen. Durch die Gliederung des sozialen Lebens und die Harmonierung der drei Gebiete im sozialen Körper werden auch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Rechte kommen.
[ 3 ] An den Vortrag schloss sich eine Diskussion. Der Referent will nicht auf praktische nächstliegende Wege hinweisen, sondern er baut auf die geistige Erneuerung im Sinne seiner Probleme. Ob sich seine Hoffnungen erfüllen, wird die Zukunft lehren.
[ 4 ] Vor einem Publikum, das zum größeren Teil den besseren Kreisen angehörte, sprach am Mittwochabend Dr. Steiner über «Die soziale Frage, eine Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage». Sie kamen wohl alle, um sich zu orientieren, ob es nicht doch noch einen andern Weg zur «Neuorientierung » gebe als den ihnen von den Moskowitern vorgezeichneten. Der einzige Trost, den sie mit heimgenommen, ist wohl der, dass Steiner das Kapital anerkennt. Ein schwacher Trost, denn auch ein Steiner kann sich täuschen, wird sich täuschen! Von Parteigenossen waren leider nur wenige anwesend; schade, denn es war ein Genuss, den Ausführungen des Redners über Marx und Marxismus zu folgen. – Der erste Gegner, den ich hörte, der Marx kennt! Und doch Gegner? Eine einfache Sache. Steiner anerkennt nicht, dass die rein wirtschaftlichen Faktoren dem Menschen ihre Geistesrichtung aufzwingen, das heißt, dass das Geistesleben nur die Frucht, das Ergebnis desjenigen sei, was sich aus den ökonomischen Vorgängen herauskristallisierte, und betont: Wie kann man auf der einen Seite auf die beinahe automatische wirtschaftliche Entwicklung hinweisen, auf der andern aber fordern, dass die individuellen Bedürfnisse des Menschen geregelt werden müssten. Ein Lösungsversuch dieses finde sich auch im Marxismus nicht. – Warum das? Auch ganz einfach! Weil die Lösung in der wirtschaftlichen Entwicklung enthalten sein wird und es keine sozialistisch-kommunistische Wirtschaftsordnung geben wird, die diese Frage nicht gelöst hat. Denn der Sozialismus verlangt doch in erster Linie die ökonomische Sicherstellung des Einzelnen und Marx – fordert nicht. Und dann wird der geistige Aufstieg der Menschheit auf dieser neuen Wirtschaftsbasis von selbst kommen. Heute bestimmt der Staat, diese Verwaltungsmaschinerie der herrschende Klasse, die Geistesrichtung in der Schule, im öffentlichen Leben, in der Moral usw. Das heutige Geistesleben ist also das traurige Produkt der heutigen Wirtschaftsordnung und kann man der beißenden Kritik dieses Geisteslebens durch Steiner voll und ganz zustimmen.
[ 5 ] «Niemals ist es möglich, ohne das Kapital die Wirtschaft aufrechtzuerhalten, es muss nur wieder an ein anderes Individuum zurückgehen! Es muss pulsieren vom Befähigtsten zum Befähigtsten und – es muss nur ein Kreislauf der Produktion eingeführt werden!», sagt Steiner. Na, da muss wohl nach dem im Werden begriffenen und kommenden kompletten Zusammenbruch eine Verteilung an die Befähigtsten vorgenommen werden?! Es gibt also doch noch Leute, die teilen wollen. Gut, dass sie den Marxismus ablehnen, sonst kämen wir in eine böse Beleuchtung. Er will also eine Gesellschaftsordnung ausklügeln, oder hat sie schon, die den Menschen das Heil bringen soll, und kommt damit von der natürlichen Entwicklung ab, zum Utopismus. Wenn er dann noch Blanc und Fourier zitiert, so wünscht er sich wohl an ihre Seite zu stellen, und damit kann für uns Steiner erledigt sein. Sein «Bund für Dreigliederung», wie der «Bund für Reformen der Übergangszeit», aber werden das bleiben, was sie sind: eine Erscheinung der heutigen revolutionären Epoche. Entstanden aus dem Suchen einer gewissen Gesellschaftsschicht nach einer Gesellschaftsreform, die ihrer Schicht am nächsten liegt. Ph. W.
[ 6 ] Dazu wird uns ferner noch geschrieben: Nach Schluss des Referates eröffnete der Leiter der Versammlung, Herr Dr. Booß aus Zürich, die Diskussion und erklärte dabei, dass der «Bund für Dreigliederung der Gesellschaft» keine Partei sei und daher auch kein Programm habe. Es handle sich lediglich darum, überall Arbeitsgemeinschaften zu gründen, welche sich bemühen, die Gedanken, die der Vortragende dargelegt, in weite Kreise hinauszutragen. Als erster Diskussionsredner stellte dann Herr Johannes Müller an den Referenten die Frage, ob die drei Glieder neben- oder einander übergeordnet seien, und wenn ja, welches Glied sich dann unterzuordnen habe? In langen Ausführungen stellte der Referent hierauf den Grundsatz auf, dass keine Über- oder Unterordnung stattfinden könne; im Gegenteil, es müsse jedes Glied für sich die volle Freiheit besitzen und dennoch werde doch automatisch eines ins andere einfügen. Nun kam Herr Hefti, Redakteur des «Echo», zu Wort. Er sprach vom Weg, der einzuschlagen sei, von philosophischen Abhandlungen, vom Überbrücken der Kluft von dem 2000-jährigen Bestehen der Religion, von der Mentalität der Völker, die ein so großes Morden zulassen usw. Bitter war dann aber die Entgegnung des Herrn Referenten an den Herrn Nationalrat. Sagte er doch wörtlich: «Wer so spricht wie Herr Hefti, der ist, sei er, wer er wolle, ein Hilfsbremser am sozialen Fortschritt, der ist ein Hilfsbremser am Wiederaufbau einer neuen Wirtschaftsordnung.» Damit bewies Herr Dr. Steiner, dass er nicht nur ein gewaltiger Redner, sondern auch ein feiner Menschenkenner ist. Für uns war diese Feststellung wertvoll, denn wenn die Grütlianer auch von dieser Seite so gründlich abgeschüttelt werden, dann wird auch dem letzten Arbeiter klar werden, wo seine gefährlichsten Feinde stehen.
