Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
30 April 1920, Luzern
108. Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wesen und ihre Ziele im Verhältnis zu den sozialen Aufgaben der Gegenwart
[ 1 ] Freitagabend sprach vor mittelmäßig besuchtem «Falken»-Saale Hr. Dr. R. Steiner, der Leiter der Bewegung, über das Thema «Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wesen und ihre Beziehung zu den sozialen Aufgaben der Gegenwart». Begrüßung des Redners samt einleitenden Bemerkungen sowie die nachherige Verdankung des Vortrages erfolgten durch einen Luzerner Vertreter des «Schweizer Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus». Es steht uns hier nicht der Raum zur Verfügung, den Inhalt des Vortrages aufzunehmen, der selbst wieder nur eine flüchtige Skizzierung des in umfangreicher Literatur niedergelegten System[s] der Geisteswissenschaft war. Dadurch kam es auch wohl, dass die Darlegungen des Referenten nicht eine eindeutige Formel ergaben, die sowohl Wesen als Anwendung gemeinverständlich prägnant zu fassen verstand. Wir wollen nur ganz wenige Punkte wiedergeben. Den Inhalt des Vortrages könnte man wiedergeben als die intime Verfolgung der Kenntnis vom Menschenwesen und deren praktische Auswertung. Nicht eine bloße Träumerei und Sektiererei sei diese Dornacher Bewegung, sondern gerade die intimen Erkenntnisse und Erlebnisse der Geisteswissenschaft sollen die Menschen befähigter machen, befruchtend in neuer Weise in das soziale Chaos einzugreifen. Ihre Methode erfordere lange Geduld und Fleiß, führe aber zu besonderen Resultaten, die in alle Disziplinen eingriffen. Redner berührt hier seine Kurse für Mediziner und Lehrer sowie die Erfolge der Waldorf-Schule bei Stuttgart. Hauptsächlich sei die Ausbildung des Wirklichkeitssinnes für das praktische Leben durch die innere Erfassung der Geistigkeit der Materie selbst. Mehr aktives denn passives Leben! Also keine lebensfeindlichen Gedanken, sondern solche, die gerade ins Leben hineingetragen werden sollen. Redner zieht dann daraus weitere Konsequenzen auf politischem und sozialem Gebiete, die ihre praktische Auswertung in der Arbeit des oben genannten Schweizer Bundes finden sollen.
[ 2 ] Der Vortrag, der durch die sichtliche, innere Überzeugtheit des Referenten und die Wärme, mit der er seine Ideen zum Ausdruck brachte, einen gewissermaßen suggestiven Eindruck ausübte, wurde vom Auditorium lebhaft verdankt. Ebenso das nach der darauf folgenden Diskussion temperamentvoll gehaltene Schlusswort des Referenten, dessen Tenor eine für die Jetztzeit sehr angezeigte Betonung gegenseitiger Annäherung, innerlich begründeter Pflege der Nächstenliebe bildete.
