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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85

6 December 1920, Zürich

109. Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihre Ergebnisse und ihre wissenschaftliche Begründung. Die anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wert für die Menschen und ihr Verhältnis zu Kunst und Religion

[ 1 ] Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede,
Man muss sie hören alle bede.

[ 2 ] Wenn irgendein Wort, so darf man dies als Motto über die beiden Vorträge von Dr. Steiner setzen. Gerade heute stehen wir mitten im Kampfe um die öffentliche Meinung in der anthroposophischen Frage, und in der letzten Zeit sind eine Menge von größeren und kleineren, von ernsthafteren und seichteren Kampfschriften gegen die Anthroposophie erschienen, und es ist daher ganz gerechtfertigt, wenn Dr. Steiner nun auch wieder einmal zum Wort kommt, um gegen die zum Teil direkten Unwahrheiten in diesen Schriften Stellung zu nehmen.

[ 3 ] In seinem ersten Vortrage knüpft Dr. Steiner an die Hochschulkurse in Dornach an; in diesen sollte gezeigt werden, wie die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf allen Gebieten der Wissenschaft befruchtend wirken kann. Diese Veranstaltung hat aber recht sonderbare Resultate gezeitigt: durch den gewaltigen Zulauf von allen Seiten und besonders aus dem Auslande, hat man in gewissen Kreisen die Bedeutung dieser Bewegung allmählich zu ahnen begonnen, und viele haben sich berufen geglaubt, die Welt vor dieser Geistesrichtung zu warnen. So sind jene Schriften und Artikel, die alle mit mehr oder weniger Wahrheitsliebe gegen die Anthroposophie losziehen, entstanden. Aber wie sieht es mit diesen Schriften nun aus? Ein deutscher Professor der Philosophie legt in einem Zeitungsartikel dar, dass der Anthroposophie jegliche ethische Grundlage fehle. Ein Lizenziat der Theologie dagegen setzt sich mit der Anthroposophie in einer über 200 Seiten dicken Broschüre auseinander und kommt zum Schluss, dass sie wenigstens eine auf ethischer Grundlage basierende Weltanschauung darstelle. Wie reimt sich das zusammen?

[ 4 ] Anschließend an diese Ausführungen gleitet dann der Vortragende unmerklich zum eigentlichen Thema über «Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihre Ergebnisse und ihre wissenschaftliche Begründung». Die Naturwissenschaften haben eine methodische Disziplin geschaffen, gegen die heute niemand mehr sündigen darf, der ernst genommen sein will. Die Anthroposophie arbeitet mit diesen Methoden, ja, sie erweitert sie sogar, um auch hinter jene Grenzen gelangen zu können, vor denen die heutige Wissenschaft haltmachen muss. Das aber ärgert gewisse Leute, das lässt ihnen die Anthroposophie unleidlich erscheinen, denn sie wollen nicht gestehen, dass sie noch nicht ausgelernt haben. Und nun erzählt Dr. Steiner in kurzen Worten, was er in seinem Buche: «Wie erlangt man Kenntnisse höherer Welten?» ausführlich behandelt, nämlich die Entwicklung der Seelenfähigkeiten durch Konzentration und Meditation. Zum Schlusse weist er noch darauf hin, dass man der Anthroposophie häufig vorwirft, sie wende sich unter Umgehung der berufenen Fachwissenschaft direkt an das gebildete Laientum. Gewiss tut sie das, aber erst seitdem die Fachwissenschaft die Anthroposophie ignoriert. Man muss eben die Wahrheit durchsetzen, gleichgültig, auf welchem Weg.

[ 5 ] Am Freitagabend sprach Dr. Steiner über «Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wert für den Menschen und ihr Verhältnis zu Kunst und Religion». Es waren zum Teil Gedanken, die er bereits in seinen Büchern: «Geheimwissenschaft» und «Seelenrätsel» ausgesprochen hat, und in denen er über das Verhältnis des Menschen zur Welt spricht. Zum Schlusse kam Dr. Steiner nochmals auf eine jener Kampfschriften zu sprechen; der Verfasser sagt von der gegenwärtig in Dornach in Arbeit befindlichen Christusstatue, sie zeige «nach oben luziferische Züge und nach unten tierische Merkmale». In Wirklichkeit aber ist oben ein menschliches Gesicht und unten ist sie gar noch nicht ausgearbeitet. Solche Unwahrheiten sind nun allerdings geeignet, ebenso wie die oben erwähnten Widersprüche, ein sonderbares Licht auf die Gründlichkeit dieser Leute zu werfen.


[ 6 ] In Verbindung mit der Anthroposophischen Gesellschaft Zürich hielt Herr Dr. Rudolf Steiner aus Dornach vergangenen Montagabend in der Aula des Hirschengraben-Schulhauses einen überaus interessanten Vortrag über «Die anthroposophische Geisteswissenschaft, ihre Ergebnisse und ihre wissenschaftliche Begründung». Die Hochschulkurse über anthroposophische Geisteswissenschaft, die dieses Jahr am Goetheanum in Dornach stattgefunden haben, wollten in der Hauptsache ein weiteres Publikum mit dem Gedanken dieser neuen Lehre bekannt machen. Jedermann sollte in der Lage sein, seine Tätigkeiten nach anthroposophischen Grundsätzen zu reformieren. Ein berufener Kritiker sah in Steiners Theorie das Fundament einer kraftvoll angelegten ethischen Lebensauffassung, die Philosophie der Lebensführung. Die anthroposophische Geisteswissenschaft trägt streng wissenschaftlichen Charakter. Sie will keineswegs auf dasjenige verzichten, was die heutigen naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaften seit vier Jahrhunderten so groß gemacht hat. Sie will sich auch in strengstem Sinne vor der naturwissenschaftlichen Auffassungsweise verantworten können. Sie beschäftigt sich mit Dingen, mit denen der Mensch rechnen muss, die aber über der Sinnenwelt liegen. Steiner zitiert einen Satz des großen Philosophen Kant: «Es ist eigentlich auf jedem Gebiete nur so viel wirkliche Wissenschaft vorhanden, als in ihm Mathematik angetroffen werden kann.» Die Mathematik bringt etwas in die Wissenschaft hinein, das in jeder Beziehung von äußeren Betrachtungen unabhängig ist. Eine mathematische Feststellung, die sich in der Natur wiederfindet, verleiht das Gefühl der Sicherheit, die von Tausenden von Zweiflern nicht zerstört werden kann. Auf einer solchen innerlichen Methode, die in strengstem Sinne der mathematischen Behandlung der Natur nachgebildet ist, beruht die anthroposophische Geisteswissenschaft. Durch Meditation über Dinge gelangt man zu einer Auffassung, wie sie von der Mathematik nicht durchsichtiger und klarer geboten werden könnte. Der Mensch soll sich herausgehoben fühlen aus den Ketten der Leiblichkeit und sich einer vollen Geistesfreiheit hingeben können. Die Aula war dicht gefüllt; eine anregende Diskussion vertiefte das Verständnis für die anthroposophische Geisteswissenschaft.


[ 7 ] Am Mittwoch, den 8. Dezember, abends, sprach Dr. Rud[olf] Steiner aus Dornach in der dicht gefüllten Aula des Hirschengraben-Schulhauses über «Die anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wert für die Menschen und ihr Verhältnis zu Kunst und Religion». Durch die anthroposophische Geisteswissenschaft erlangt der Mensch einen Überblick über die ganze Urwelt. Es stellt sich ein großer Zusammenhang heraus zwischen unserem kleinen Ich und dem ganzen Universum. Wir werden Erkennende über das, was wir sind. Wir erfahren, wie wertvoll es ist, ein Ich zu sein im Hinblick auf unser Welterkennen; dadurch, dass wie nicht allein im Universum stehen, sondern in Harmonie mit dem Unendlichen. Das ist gerade das Wertvolle an der anthroposophischen Geisteswissenschaft, dass sie uns ein Durchdringen der Seele mit der Erkenntnis vom Universum gibt. Sie gibt Kraft zu starken Willensimpulsen und erhebt über das Kleinliche des Lebens; sie lässt uns fühlen, dass wir mit dem ganzen Weltall innerlich verwandt sind. Sie ist ein Führer auf Gebieten, die wir mit dem Verstand nicht erfassen können. Sie verlangt von ihren Anhängern ein Loslösen von der heutigen Anschauung. Daher kann nur auf dem Boden der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine der heutigen Welt gewachsene soziale Lebensauffassung entstehen, die einen großen Wert für das praktische Leben besitzt. Die Größe des Geistes zeigt sich in der Bemeisterung der Materie und nicht darin, dass er sich vom Leben zurückzieht. Im Herzen des Menschen macht sich der Wunsch geltend, eine Brücke zu bauen zwischen der sittlichen Welt des Innern und dem äußern Leben. Es darf nicht sein, dass unsere sittliche Weltanschauung wie ein Meteor aufleuchtet und wieder verglimmt. Die Welt wird vergehen; aber was in uns lebt, wird neue Welten bauen. Die anthroposophische Geisteswissenschaft will das Übersinnliche in der Kunst herausheben und in physisch-materieller Gestaltung darstellen. Der Weg des neuen Künstlers geht dahin, das Geistige zu realisieren. Die heutige Wissenschaft erfasst nur den Intellekt. Die neue Lehre aber trägt die Klarheit der Ideen in die Gebiete, die bis anhin nur dem dumpfen Ahnen zugänglich waren. Daraus geht eine Verehrung für den Geist hervor, der die Welt beherrscht. Die Gegner nennen die anthroposophische Geisteswissenschaft eine Gedanken-Tragödie; aber das Leben wird ihren Wert beweisen. Die zahlreichen Zuhörer dankten dem Redner mit begeistertem Beifall für seine interessanten Ausführungen.